Anthrax – Teil 5

Sonja59

Mitglied
Die Riesenmoräne schlängelte sich geschmeidig, nahe dem Grund an der Riffwand, Richtung Osten, zum Drop-Off, entlang. Andreas folgte der Moräne, die wie eine übergroße, fettgefressene Schlange aussah.
Er wusste, dass sie nicht so schnell in die Höhle zurückkehren würde, wo sie gerade erst gestört worden war.
Aber er war neugierig, wo sie noch einen Unterschlupf hatte. Da sie so groß und dick war, passte sie nicht mehr in die kleinen Spalten, die das Riff bot. Gustav, wie sie diese Moräne getauft hatten, musste sich also ein größeres Schlupfloch suchen. Dabei war er sich sicher, dass Gustav genau wusste, wo er es finden würde.
Während er der Moräne folgte, waren seine Gedanken bei Anne. Ihn plagten Vorwürfe, jetzt nicht bei ihr im Lazarett zu sein. Aber er wusste auch, dass sie bei Doktor Mechier in den besten Händen war, der alles für sie tun würde, was möglich war. Ihn hielt es nicht mehr im Lazarett, als er von dem weiteren Geschehen am Riff gehört hatte. Er musste zurück.
Das Geräusch eines Schiffsmotors riss ihn in die Gegenwart zurück. Er schaute nur kurz zur Wasseroberfläche und sah den Rumpf eines Zodiac über die Wellen reiten. Als er sich wieder der Riffwand zuwandte, war die Moräne verschwunden.
Das kann jetzt nicht wahr sein, dachte er. Wo ist die so schnell hin? Wegen so ’nem Geräusch türmt die doch nicht gleich? Er tauchte zu der Stelle, wo er die Moräne zuletzt gesehen hatte. Sein Tauchcomputer zeigte eine Wassertiefe von achtzehn Metern an. Das Drop-Off führte an dieser Stelle bis zu einer Tiefe von neunzig Metern hinunter. Von Anne wusste er, dass sich der Lebensraum von Riesenmoränen in einer Tiefe zwischen zehn und fünfzig Metern befand, sie sich aber besonders gern im mittleren Bereich aufhielten. Dementsprechend suchte er die nähere Umgebung der Riffwand in diesem Tiefenbereich ab. Doch er konnte nichts entdecken. Gerade als er die Suche abbrechen und zu den anderen zurückkehren wollte und langsam wieder ein Stück aufstieg, entdeckte er den markanten Kopf mit dem offenstehenden Maul als Silhouette vor dem grauen Hintergrund der Steilwand.
Na, da bist du ja wieder. Langsam näherte er sich dem Tier von der Seite. Ein Lächeln zog über sein Gesicht, als er den großen Spalt in der Wand entdeckte. Obwohl er kurz zuvor direkt daran vorbeigetaucht war, hatte er ihn nicht gesehen, so verdeckt und versteckt war der.
„Danke, Gustav, das hast du gut gemacht“, flüsterte Andreas leise.
„Was? … Hat klein Gustav jetzt fein artig sein Beinchen am Stamm einer Tischkoralle gehoben? Oder sogar schon sein großes Geschäft erledigt?“, kam prompt die Frage von Sebastian. „Ich hoffe, du hast Papier dabei, damit du das Häufchen wieder wegmachen kannst. Ich mag es nicht, in einen Moränenscheißhaufen zu treten.“
„Blöder Idiot“, kam nur ein kurzer Kommentar zurück. Dann war ein Knacken im Kopfhörer zu hören.
„Wo steckst du, Schneeeule? Kannst die Gassirunde mit Gustav beenden. Wir sind hier gleich fertig.“ Doch es kam keine Antwort mehr. „Ups, nun habe ich unser Sensibelchen wohl beleidigt“, stellte Sebastian trocken fest. Die Freunde grinsten sich kurz an, dann konzentrierten sie sich wieder darauf, die letzten beiden Kisten sicher nach oben zu bekommen.
Als von Andreas über einen längeren Zeitraum keine Antwort mehr kam und sie mit ihrer Arbeit fertig waren, wurden die Freunde stutzig.
„Hier Bussard. Schneeeule, bitte melden“, sprach Jens in sein Mikrofon und lauschte. Als noch immer keine Antwort kam, wandte er sich, auf Arabisch, an die anderen Gruppenführer: „Hier Bussard, hat einer von euch unsere Schneeeule gesehen, der mit einer Riesenmoräne durch die Gegend fliegt?“ Doch von allen Tauchern kam nacheinander nur ein kurzes „La“, was nichts anderes als Nein hieß. Wieder schaltete Jens auf die Frequenz seiner Gruppe um.
„Hier Bussard. Schneeeule, melden.“ Als erneut nichts von Andreas zu hören war, hielt es Pitt nicht mehr aus.
„Los, du Knilch, melde dich gefälligst! Wo steckst du?“, schrie er in sein Mikrofon.
„Das große Vieh wird ihn doch nicht verspeist haben?“, fragte Tim besorgt. Sofort drehten sich die Freunde zu ihm um.
„Quatsch. Die Moräne hätte zwar die Kraft, ihm die Hand und noch etwas mehr abzufetzen, wenn sie sich bedroht fühlt. Aber wir stehen nicht auf ihrem Speisezettel“, antwortete Sebastian. Dabei machte er sich nun aber auch Sorgen, als er sagte: „Außerdem hätten wir da was anderes von Andy gehört. Aber nicht, dass er Gustav dafür auch noch lobt.“ Die Männer entschieden sich, in Richtung des Drop-Off zu tauchen und ihn dort zu suchen, da die Gruppen, die das Riff in der anderen Richtung nach den Höhleneingängen absuchten, Andreas nicht gesehen hatten.
„Hier Schneeeule, Bussard bitte melden.“ Hörten die Freunde Andreas nach einer Weile, nur ganz leise aus ihren Kopfhörern. „Habt ihr das Zeug endlich geborgen?“
„Andy, wo steckst du?!“, rief Jens. „Wir rufen dich schon die ganze Zeit und suchen dich schon.“
„Schrei nicht so“, zischte Andreas. „Hier hallt alles wider davon. Taucht zum Drop-Off. Bleibt im Fünfundzwanzigmeterbereich und haltet an der Wand nach drei grünen Knicklichtern Ausschau. Ihr könnt sie aber nur sehen, wenn ihr hinter euch nach Westen blickt.
Ich konnte sie nicht besser platzieren. Ihr müsst euch etwas dünn machen, also zieht eure Bäuche und fetten Hintern ein. Aber ihr werdet schon irgendwie durchkommen, da habe ich volles Vertrauen. Taucht da rein. Etwa fünfzehn Meter, dann macht der Gang einen Knick nach rechts und noch mal etwa fünfundzwanzig Meter. Es ist dunkel. Aber lasst eure Lampen aus. Tastet euch vor. Wenn ihr durch den Gang durch seid, wird es etwas heller, nehmt die Masken ab und macht einen kontrollierten Notaufstieg. Ich warte dort auf euch. Und noch was. Das ist sehr wichtig. Haltet Funkstille, sobald ihr da seid. Ich bin hier nicht allein.“
Eigentlich wollte Jens noch etwas fragen, doch da hörte er bereits das Knacken in seinem Kopfhörer. Andreas hatte seine Funkverbindung getrennt.
Die Männer schauten sich ungläubig und zugleich fragend an.
„Jetzt dreht der Junge ganz frei“, meinte Pitt. „Kontrollierter Notaufstieg aus fünfundzwanzig Metern, bei der Tauchzeit, die wir schon drauf haben. Der spinnt doch total. Und was heißt hier nicht allein? Er wird da doch jetzt nicht Gustav gemeint haben? Vielleicht haben wir ja doch zu fest zugeschlagen und er halluziniert. Ich glaube, der Kerl ist wirklich nicht mehr allein, aber da meine ich in seiner Birne.“
„Nein Pitt, ich glaube nicht, dass er spinnt. Er muss etwas gefunden haben. Auch wenn ich zugeben muss, dass es sehr komisch klingt“, gab Jens zurück. „Er würde nie einen von uns gefährden. Das weißt du genau.“
„Stimmt, lieber würde er sich selbst vors Kanonenrohr binden und die Lunte persönlich zünden, wenn er auch nur einen anderen damit retten könnte“, stimmte Sebastian zu.
„Das weiß ich selbst. Aber es klang so unheimlich“, gab Pitt zu. „Na los, worauf wartete ihr noch? Ihr habt doch gehört, dass wir von ihm erwartet werden. Also sehen wir mal nach, mit wem er da gerade am Kartenspielen ist.“
Die Männer machten sich auf den Weg. Dabei achteten sie genau auf die Tauchtiefenanzeige. Am Drop-Off angekommen, drehten sie sich alle paar Meter um und suchten die Riffwand nach den grün leuchtenden Knicklichtern ab. Nur noch langsam bewegte sich die Gruppe der acht Taucher vorwärts, um bloß nichts zu übersehen.
Tim zog seinen Vordermann an der Flosse, als dieser gerade weiter wollte. Pitt gab das Zeichen schnell weiter. Ihre Augen richteten sich fragend auf Tim, der auf die Riffwand zeigte. Als die anderen ihn wieder nur fragend anschauten, tauchte Tim näher heran und wies direkt mit dem Finger auf die kleinen, unscheinbaren Lichter, die kaum auszumachen waren.
Sie schauten sich die bewachsene Felswand rund um die Knicklichter genauer an. Doch auf den ersten Blick konnten sie nichts erkennen. Sebastian zog seine Neoprenhandschuhe aus seiner Tasche, streifte sie sich über und begann vorsichtig, ein paar Weichkorallen zur Seite drückend, die Wand abzutasten. Er grinste seine Freunde an, zog sich sein Jackett mit der daran befestigten Pressluftflasche aus, nahm es vor seinen Körper und verschwand wie durch Zauberei im Fels. Nur noch ein paar aufperlende Luftblasen verrieten den Spalt in der Wand. Die anderen taten es ihm gleich und zogen erst ihre Handschuhe an, ehe sie sich nacheinander, etwas Abstand voneinander haltend, mit vor sich gehaltenem Jackett und der daran befestigten Pressluftflasche, durch den engen Spalt in der Riffwand zwängten.
Langsam und vorsichtig tasteten sich die Männer durch die dunkle, enge Höhle. Sebastian hielt sein Jackett vor sich und stieß nach einer Weile damit an. Er tastete mit seiner rechten Hand die Wand ab und bemerkte, dass der Gang etwa dreißig Grad scharf nach rechts abknickte, genauso wie Andreas es beschrieben hatte.
Langsam wurde der Spalt im Fels breiter und erleichterte den Tauchern das Vorwärtskommen. Sebastian sah am Ende des Ganges, dass es heller wurde. Je näher er kam, desto klarer zeichneten sich die dunklen Konturen der Umrandung vom Ende des Spalts ab. Seinem Freund vertrauend nahm er seine Vollgesichtsmaske ab. Alles vor sich an Körper haltend, tauchte er das letzte Stück nach oben. Dabei achtete er darauf, dass er langsam ausatmete und nur kleine Luftbläschen seinen Mund verließen. Er war erstaunt, dass er bereits nach nur drei Metern die Wasseroberfläche erreichte. Die anderen taten es Sebastian gleich und tauchten kurze Zeit später nacheinander, neben ihm auf. Staunend schauten sie sich um. Sie waren in einem riesigen Höhlengewölbe herausgekommen.
Andreas schwamm lautlos auf seine Freunde zu, legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und tippte an sein Ohr. So gab er das Zeichen für ruhig sein und lauschen. Dann zeigte er in die Richtung eines Ganges, der sich knapp fünf Meter vor ihnen abzeichnete. Ein diffuses Licht drang daraus hervor und hob das Gewölbe der kleinen Höhle, in der sie aufgetaucht waren, aus dem Dunkel. Weiter hinten aus dem Gang waren das Geräusch eines Generators oder eines Kompressors sowie Stimmen zu hören.
Andreas begann in Gebärdensprache unter Zuhilfenahme seiner Finger und Hände zu sprechen: „Vier Mann Wache, bewaffnet mit ‚HK MP 7'. Einer am Funkgerät. Großes Wasserbecken im zweiten Gewölbe mit Unterseeboot. Höhle unter Meeresspiegel. Ausgang der großen Höhle muss tiefer auf anderer Riffseite liegen. Kommt mit. Ich muss euch noch was zeigen. Nehmt euer Zeug mit“, lasen die Männer von seinen Handzeichen ab. Sie folgten ihrem Freund und waren dabei ebenso vorsichtig beim Schwimmen wie er, um keine Geräusche zu verursachen.
„Senkt euer Zeug hier, hab. … Da kommen wir schnell wieder ran“, zeigte Andreas erneut durch Handzeichen an. Als die Freunde ihr Equipment abgelegt hatten, kam das nächste Zeichen von ihm: „Kommt mit.“
Andreas schwamm zum Rand, stieg so leise wie möglich aus dem Wasser und ging leicht geduckt zur Höhlenwand. Dabei bemerkten die Männer, dass er hinkend das rechte Bein etwas nachzog. Wissend schauten sich Pitt und Sebastian an und sahen dann fragend zu Jens. Der entschied, dass im Moment keine Zeit war, um mit Andreas ein ernstes Wort zu reden. Also schüttelte er nur den Kopf und verdrehte leicht die Augen. Mehr brauchten sie nicht als Antwort.
Schnell und ebenso leise folgten sie ihrem Freund in eine Art Felsnische. Darin standen mehrere Holzkisten übereinandergestapelt. Eine davon öffnete Andreas. Die Männer staunten nicht schlecht, als sie den Inhalt sahen. Diese Kiste war bis oben hin mit Unterwasserpistolen vom Typ ‚HK P11‘ gefüllt, die eigentlich nur von deutschen Kampfschwimmern, US-Navy-SEALs und eben solchen Spezialeinheiten von weiteren Staaten genutzt wurden. Da diese Waffe nur fünf Schuss der Pfeilmunition abfeuern konnte und nicht nachzuladen ging, sondern dazu an den Hersteller eingeschickt werden musste, deckten sich die Freunde damit ein, um der Feuerkraft der Feinde wenigstens etwas entgegensetzen zu können. Sie steckten so viele wie möglich an ihren Taschengurt und nahmen zusätzlich je zwei in die Hand. Dann öffnete Andreas zwei weitere Kisten. Als die Männer den Inhalt erblickten, weiteten sich ihre Augen. Sie glaubten, nicht richtig zu sehen. Eine der Kisten war bis oben hin voll mit dem Nervenkampfstoff >Tabun< und in der zweiten befanden sich Behälter mit der gefährlichen Substanz ‚VX‘. Beides sind Kampfstoffe, die über die Haut oder die Atmung aufgenommen, tödlich wirken.
„An die anderen Kisten kommen wir nicht ran, ohne umzuräumen“, zeigte Andreas mit Gebärdensprache. Aber die Männer hatten auch so schon genug gesehen.
Plötzlich hörten sie, wie sich ihnen schlurfende Schritte näherten, die laut im Höhlengewölbe widerhallten. Sofort gingen sie in der Felsnische, hinter den Kisten in Deckung.
Ein mittelgroßer Mann, mit braunem Bürstenhaarschnitt, einem regelrechten Stiernacken und breitem Kreuz, das sich deutlich unter seinem schmuddeligen, vielleicht einmal orange gewesenem T-Shirt abzeichnete, betrat die Höhle. Er stellte sich an den Rand des Beckens und verrichtete dort seine kleine Notdurft ins Wasser. Das Plätschern war dabei laut zu hören. Das schien diesem Kerl auch noch zu gefallen, denn er grinste erleichtert. Seine Maschinenpistole trug er lässig über der Schulter. Als er sein Bedürfnis erledigt hatte, zog er lautstark hoch und spuckte im hohen Bogen aus.
„Jimmy, wann kommen unsere Leute endlich? Langsam habe ich die Schnauze voll, hier herumzuhängen“, sagte der Mann auf Englisch mit lauter, dunkler Stimme, die von der Höhlendecke zurückschallte.
„Morgen oder übermorgen. Auf jeden Fall früh beizeiten“, kam die Antwort aus der anderen Höhle.
„Ist das nicht ziemlich gewagt, wo die Affen hier herumstöbern? Immerhin haben sie schon zwei von unseren und ein paar Leute der anderen Gruppe erwischt.“
„Vergiss es, Bobby, diese blöden Kameltreiber sind sogar zu doof zum Scheißen. Die sind bestimmt der Meinung, mit dem bisschen Anthrax, aus dem schiefgegangenen Anschlag, weil der Pilot durchgedreht ist, den ganz großen Fund gemacht zu haben, und konzentrieren sich auf die Südseite vom Riff. Die letzten beiden Männer wollten noch einmal den Versuch starten, mit einer Ablenkung das Zeug zu suchen und da ranzukommen. Obwohl das Anthrax für unsere Gruppe schon an Wichtigkeit verloren hat, da wir nun über anderes Zeug verfügen. Dass die erwischt wurden, war nicht so geplant. Eigentlich sollten sie diese Dreckskerle aufmischen und nicht umgekehrt. Sie waren, so wie viele von uns, Söldner. Die wurden gut ausgebildet, bevor sie wegen ihrer falschen Gesinnung, wieder rausgeflogen sind. Wirklich gute Männer. Wer weiß, wie viele Froschmänner da unten schon auf sie gewartet hatten“, kam wieder aus der Höhle von Jim die Antwort.
„Und warum hängt James immer nur am Funkgerät? Wir dürfen doch ohnehin nicht mit anderen quasseln?“, fragte Bobby weiter.
„Junge, du bist eben erst neu hier. James hört die Funkfrequenz der hiesigen Marine ab. Damit wissen wir, was die vorhaben. Und ansonsten haben wir hier direkt einen süßen Knopf am Gerät. Wenn James den drückt, geht mit fünf Minuten Verzögerung automatisch, auch laut hörbar in dieser Höhle, ein Warnruf an unsere Leute raus und zwei Minuten später fliegt hier alles in die Luft, samt der Wüstenheinis ringsum. Das heißt, dass wir sieben Minuten haben, um zu verduften, und weit genug weg sein müssen, wenn es hier kracht. Du musst also schnell sein, wenn du vor dem großen Knall hier mit raus willst, denn warten tut da keiner auf dich“, erklärte dieser Jimmy und lachte dann.
„Na toll. Da habe ich mich vielleicht wieder auf was eingelassen“, murmelte der junge Mann namens Bob und schlenderte langsam durch den schmalen Gang zurück in die andere Höhle. „Das verstehe ich nicht, Jim. Warum geht der Ruf erst so spät raus und nicht gleich?“
„Weil die Hirnamputierten dann denken, dass wir noch hier sind und uns krallen wollen. Und dafür kommen sie alle hier hereingestürmt. Ehe sie merken, was Sache ist, werden sie das Feuerwerk hautnah miterleben können. Kapiert?“, sagte Jim geduldig erklärend. „Aber jetzt halte endlich die Klappe. Ich will schlafen.“
Die Freunde hatten in dieser kurzen Zeit mehr gehört, als Jens im schnellsten Verhör hätte erfahren können.
Sie waren froh, dass ihre Vollgesichtsmasken nicht auf der abgehörten Funkfrequenz arbeiteten, sondern sie dabei eine abhörsichere spezielle Frequenz für ihre Unterwassereinsätze nutzten, sonst wären sie hier vielleicht schon erwartet worden. Aber damit hatten sie auch keine Verbindung mehr zum Marineschnellboot und zu Oberstleutnant Kebier, der gewarnt werden musste, dass sein Funkverkehr mit den anderen Streitkräften abgehört wurde. Außerdem mussten sie so schnell wie möglich handeln und die Taucher unauffällig vom Riff abziehen.


20
Kim steuerte die angeschlagene Jacht von ihren Freunden, während Kasim mit der Motorjacht von Doktor Mechier dichtauf folgte, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Hasan, war mit einem seiner Männer auf dem Oberdeck bei Kim, während der zweite Matrose auf dem Deck geblieben war. Den dritten Mann hatte Kasim bei sich auf dem Boot.
Je weiter sie nach Norden kamen, umso unruhiger wurde die See. Gekonnt kreuzte Kim mit der ‚Al Salam‘ so die Welle, dass sie am wenigsten durchgebeutelt wurde. Die Einschusslöcher lagen zwar alle oberhalb der Wasserlinie, aber bei diesem Wellengang konnte das schnell ganz anders aussehen. Der Wind hatte aufgefrischt und sie begann, in ihrem dünnen Shirt zu frieren, das sie über ihrem Badeanzug trug.
„Hasan, kannst du mal kurz übernehmen? Ich muss mir eine Jacke holen und etwas Heißes trinken. Soll ich dir dann einen Tee mit hochbringen?“
Hasan Shaban, der kleine ägyptische Oberleutnant, gehörte schon seit drei Jahren zum guten Freundeskreis der fünf Deutschen, die hier in seinem Land als Tauchlehrer arbeiteten und lebten, ebenso wie Oberleutnant Kasim El Shenawy. Anfangs war es den beiden jungen Offizieren unangenehm und sie fühlten sich nicht gleich wohl, denn auch ihr Vorgesetzter, Oberstleutnant Kebier, sowie der Generalsstabsarzt Professor Doktor Mechier gehörten zu diesem engen Freundeskreis. Doch die deutschen Freunde waren damit ganz locker umgegangen, sodass sich die beiden schon bald in diesem Kreis wohlfühlten und sich kein bisschen klein vorkamen. Sie waren in dieser Gruppe alle gleich. Eben gute Freunde, wo kein Dienstgrad etwas zählte. Auch der Oberstleutnant und der Generalstabsarzt waren da einfach nur private, gute Freunde und keine Vorgesetzten. Viel hatten sie schon zusammen erlebt und jeder von ihnen war immer für den anderen da. Nun war Kim verletzt und Sebastian, befand sich noch immer da draußen mit seinen Freunden in Gefahr. Anne und Andreas wurden, schwer verwundet, ins Lazarett geflogen. Und doch war Kim stark und ließ sich ihre Angst und die Sorge um ihren Mann und die anderen nicht anmerken. Hasan mochte sie ebenso wie die anderen deutschen Freunde. Er erinnerte sich daran, wie Anne und Andreas Wildner, regelmäßig zu einem Beduinenstamm in die Wüste fuhren, um die Menschen dort mit notwendigen Medikamenten und den Kleinigkeiten des Alltags zu versorgen. Außerdem sorgten die fünf Deutschen, aber auch Pitts Frau Hatifa, die eine Einheimische war, für die Ärmsten der Armen in der Siedlung. Dort lebten auch lange Zeit die Eltern von Kasim, bis sie ihnen ermöglicht hatte, ein schönes kleines Haus zu beziehen. Er erinnerte sich daran, wie sie von dem Schiffsjungen ihrer Tauchbasis die Eltern und seine Schwester aus Kairo hierher nach Hurghada, kommen ließen und ihnen ein neues Heim schufen. Sie hatte auch für den Schulbesuch von Ahmeds Schwester gesorgt. Und nun waren diese Menschen wieder in Gefahr, um einen Angriff auf sein Land und andere muslimische Staaten abzuwenden. Es war kein leeres Versprechen, das er Sebastian, Jens und Pitt auf dem Marineschnellboot gegeben hatte. Nein, für diese Menschen würde er alles tun.
Durch das laute Rufen von Kim wurde er aus seinen Gedanken gerissen.
„Hasan!“, schrie Kim auf Arabisch. „Unter Deck steht das Wasser schon knöchelhoch. Wir müssen näher ans Ufer steuern. Ich gehe in den Maschinenraum und werfe die Lenzpumpe an.“
„Kim, komm hoch. Lass mich das lieber machen. Du bist am Ruder besser als ich. Bei dem Wellengang komme ich mit dem Boot nicht so klar“, rief Hasan zurück. Doch das hörte Kim schon nicht mehr, dazu war der Motor zu laut.
Hasan hatte ein Problem damit, die Motorjacht richtig vor der Welle zu kreuzen. Er hatte keinen Bootsführerschein, sondern steuerte nur gelegentlich mal zum Spaß die Jacht, wenn er mit den Freunden am Abend nach Feierabend zum Tauchen oder einfach nur so rausfuhr. Und da war das Meer immer schön ruhig und einer der Freunde stand neben ihm.
Die Wellen beutelten das Boot durch und brachten es gefährlich zum Schwanken. Große Brecher knallten mit voller Wucht gegen den Bug und ließen die Jacht springen.
Als Kim ewig nicht wieder zurückkam, schickte Hasan den Matrosen runter, damit er sie doch bitte hochholen solle.
Sofort lief der Mann los und kletterte zügig die steile Leiter nach unten. Kurz darauf kam er ganz aufgeregt zurück. „Hasan, du musst schnell kommen. Kim ist etwas passiert. Sie liegt bewusstlos im Maschinenraum! Ich habe Mehmet schon zu ihr runtergeschickt.“ Sofort stoppte der Oberleutnant die Maschine und nahm das Funkmikrofon zur Hand.
„Kasim, komm her, gehe längsseits und mach fest. Bei uns ist keiner am Ruder. Kim, ist etwas passiert?“, rief er ins Funkmikrofon und machte auch schon das Ruder fest. Eilig lief Hasan mit dem Matrosen über das Oberdeck zum Niedergang, rutschte nur am Handlauf die Leiter hinunter und rannte übers Deck, um zur Luke vom Maschinenraum zu gelangen.
Kasim reagierte blitzschnell. Allen Wellen trotzend setzte er die kleinere Motorjacht längsseits. Schnell warf der Matrose die Bootsfender auf der Steuerbordseite über die Reling. Kaum dass die Boote nebeneinanderlagen, kletterte er auf das Deck der größeren Jacht und machte die ‚Naunet‘ an den starken Klampen an Bug und Heck der ‚Al Salam‘ fest und rannte sofort weiter hoch zum Ruder der großen Jacht. Mit voller Kraft lenkte er damit nun die beiden Boote so in die Welle, dass die Boote mit dem Bug in der Strömung und gegen den Wind standen. Der Matrose stand bereits an der Winsch und ließ auf das Zeichen von Oberleutnant Kasim El-Shenawy den Anker der ‚Al Salam‘ zu Wasser. Zur gleichen Zeit war Kasim bereits wieder auf die ‚Naunet‘ gewechselt und auf dem Weg nach vorn zum Bug, um auch den Anker der kleinen Jacht fallen zu lassen. Als er aufs Deck der größeren ‚Al Salam‘ zurückkletterte, hoben die Matrosen Kim gerade aus dem Maschinenraum an Deck. Die Sachen ihrer Freundin waren durchnässt. Vorsichtig trugen sie die bewusstlose Frau in den Salon. Ein rotes Rinnsal hatte sich gebildet, tropfte von einer ihrer schwarzen, lockigen Haarsträhnen und lief ihr übers Gesicht.
„Mehmet, Ali, ihr passt draußen auf, dass sich uns keiner nähert, und stellt die Lenzpumpe an, damit das Wasser aus dem Schiff kommt“, befahl Hasan.
„Und du, Emad, hilfst uns hier“, entschied Kasim. „Wir brauchen frisches Wasser, das findest du in Flaschen in der Kombüse unter dem Tresen, und saubere Tücher aus einem der Schränke in der Kabine. Mach schnell.“
Hasan holte den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Schrankfach hinter ihm und öffnete ihn. In der Zwischenzeit nahm Kasim vorsichtig die Haarsträhnen zur Seite, um die Wunde oberhalb Kims Schläfe direkt am Haaransatz freizulegen.
„Oh, eine große Platzwunde“, stellte Kasim fest, während er sich Einweghandschuhe überstreifte und dann seinem Freund auch ein paar reichte.
Ganz sanft tupfte er mit einem feuchten Tuch die Wundränder ab. „Und eine dicke Beule hat sie auch.“
Hasan reichte seinem Freund eine sterile Kompresse, riss ein Verbandpäckchen auf und hielt dann den Kopf von Kim, damit Kasim die Wunde leichter verbinden konnte.
„Kim kommt zu sich“, stellte Hasan fest. Beide Freunde sahen ihre Freundin besorgt an.
Ihr war übel und schwindlig. Ihr Schädel dröhnte.
„Was ist los, Jungs?“, fragte sie leise. Ihr drehte es plötzlich den Magen um und sie musste würgen. Sofort hielt Kasim ihr die Schüssel hin, in der noch Wasser war, und Hasan stützte helfend ihren Kopf, als sie erbrach.
„Ich denke, du hast eine böse Gehirnerschütterung und solltest dich gleich hinlegen“, erklärte Hasan besorgt. „Du musst dir da unten im Maschinenraum ganz mächtig den Kopf gestoßen haben.“
„Im Maschinenraum? Aber ich war doch oben am Ruder.“ Sie schaute sich verwirrt um.
„Nein, du wolltest die Lenzpumpe anstellen, weil wir Wasser im Schiff haben“, erklärte Hasan ruhig.
Kim bekam einen Schreck und wollte sofort aufspringen. „Richtig, die Pumpe, ich muss die Lenzpumpe anschalten“, rief sie, doch schon wurde ihr schwarz vor Augen und sie ließ sich, von Hasan und Kasim gehalten, wieder zurückfallen.
Die beiden Männer beruhigten ihre Freundin, dass sie sich darum keine Sorgen machen brauche. Sie solle sich erst einmal ausruhen.
„Kasim, wie lange brauchen wir jetzt noch bis zum Steg von Andy und Anne?“, fragte Hasan leise.
„Ich würde sie lieber zu Abdul ins Lazarett bringen wollen. Doch bis zum Marinehafen brauchen wir bei dem Wellengang und dem Gegenwind noch gute vier Stunden.“
„Und wenn wir zu Andys Steg fahren und sie dann mit dem Auto zum Lazarett bringen? Sind wir da schneller?“
„Das macht nicht viel aus, Hasan. Denk doch nach. Wir müssten sie erst von Steg aus die steilen, vielen Stufen hochbringen und dann über die riesige Terrasse und durch den Garten. Die Zwillinge sind dort. Die bekommen einen Schock, wenn sie ihre Mutter so sehen. Es ist auch besser, wenn Kim so lange wie möglich ruhig liegen kann.“
„Und zurück zum Sanitätsboot? Das ist genauso weit, aber wir kämen mit der Strömung und dem Wind von achtern schneller vorwärts.“
„Wir sollen sie aus der Gefahrenzone heraus und nicht wieder hineinbringen, Hasan. Kim ist nicht in Lebensgefahr. Sie sollte nur ruhig liegen. Aber vielleicht ist ein Schnellboot der Küstenwache in der Nähe und kann uns helfen. Dann ist sie schneller beim Doc und er kann die Platzwunde versorgen.“, überlegte Kasim. „Es wird Schwerstarbeit, die beschädigte Jacht bei den Wellen heil in eine sichere Bucht zu bringen, dass sie nicht ganz vollläuft. Andy und Anne reisen uns den Kopf ab, wenn wir das Hochzeitsgeschenk all ihrer deutschen Freunde versinken lassen“, flüsterte er und deckte Kim mit einer wärmenden Decke zu.
„Kasim. Ich kann bei den starken Wellen auch Docs Boot nicht allein steuern. Ich habe mit solchem Wellengang doch gar keine Erfahrung und noch weniger Ahnung. Aber du schon“, gab Hasan zu bedenken.
„Bleib du hier bei Kim und pass auf sie auf. Ich gehe hoch und versuche mein Glück per Funk. Wenn ich nichts erreiche, müssen wir Kim auf Abduls ‚Naunet‘ bringen. Dort können wir sie sicher unter Deck in eine Koje legen. Wie ich die ‚Al Salam‘ in eine geschützte Bucht bringen kann und dann wieder zu euch gelange, um die ‚Naunet‘ zu steuern, das überlege ich mir noch, sollten wir keine Hilfe bekommen.“ Die beiden Männer nickten sich kurz zu, dann verschwand Kasim aufs Oberdeck, um per Funk Hilfe zu rufen.
Schnell suchte er die Frequenz der Marine und setzte seinen Hilferuf ab. Schon nach dem dritten Versuch meldete sich ein Boot der Küstenwache. Kasim erklärte kurz, dass die ‚Al Salam‘ beschädigt war und Wasser aufnahm und sie eine verletzte Frau an Bord hatten, die schnell ärztliche Versorgung benötigte. Danach gab er die Koordinaten ihres Standortes durch.
„‚Al Salam‘, hier Küstenwache, wir haben sie verstanden. Wir können in einer Stunde bei ihnen sein. Halten sie noch so lange durch?“, fragte der Kapitän.
„Ja, das müsste reichen, die Lenzpumpen laufen. Wichtig ist uns der schnellere Transport der Verletzten ins Lazarett“, antwortete Kasim erleichtert.
Wenig später meldete sich noch ein anderes Boot auf dieser Frequenz: „Hier ist die ‚Princess II‘. Wir haben ihren Notruf empfangen. Ich bin Kapitän Wael Mohammed Fattal vom Taucherboot der Tauchbasis ‚Igeltaucher‘ von Patrick Keppler aus El Gouna. Wir sind in ihrer Nähe und können bereits in etwas weniger als einer halben Stunde bei ihnen sein und den verletzten Passagier übernehmen, um ihn schnellstmöglich ins Lazarett zu bringen. Wir haben sehr leistungsstarke Maschinen.“
„Gut, ‚Princess II‘, dann übernehmen Sie bitte die Hilfeleistung für die ‚Al Salam‘“, schaltete sich der Kapitän der Küstenwache wieder ein. Kasim bedankte sich bei dem Kapitän des Taucherbootes und war erleichtert, so schnelle Hilfe für Kim zu bekommen. Mit den beiden Jachten würde er dann schon zurechtkommen und sie im Doppelpack in eine sichere Bucht fahren. Dafür hatte er dann auch mehr Zeit. Er schaltete das Funkgerät wieder auf die Frequenz der hiesigen Fischerboote und Schiffe der Tauchbasen und setzte auch da vorsichtshalber noch einen Hilferuf ab.
Zufrieden ging er zurück in den Salon und berichtete seinem Freund, dass Hilfe unterwegs sei. Kim war eingeschlafen, nachdem sie von Hasan eine Kopfschmerztablette erhalten hatte.


21
Die neun Freunde in der Höhle hatten eine Entscheidung getroffen. David würde zurück zum Marineschnellboot tauchen, den Kapitän warnen und erzählen, was sie gesehen und gehört hatten. Außerdem sollte er berichten, was die Gruppe weiter vorhatte.
Jens wollte ebenfalls aus der Höhle hinaus tauchen, um die Gruppenleiter anzuweisen, die Suche abzubrechen und zum Schiff zurückzukehren. Leise schwammen die beiden Männer zu ihrem Equipment zurück und weiter zu dem Felsspalt. Noch einmal holten sie tief Luft und tauchten zurück in den dunklen Gang, wo sie ihre Atemmasken aufsetzten und ausbliesen, um damit wieder atmen zu können, ohne entdeckt zu werden. Ihre Ausrüstung vor sich haltend, tauchten sie den schmalen, dunklen Weg zurück ins Freiwasser. Jens half David beim Anlegen seines Jacketts, dann machte sich der junge Seal auf den Weg zum Marineschnellboot.
Jens dagegen blieb am Höhleneingang und meldete sich über den Sprechfunk in seiner Vollgesichtsmaske bei den Gruppenführern. „Hier Bussard an alle Gruppen. Suche abbrechen. Ich wiederhole. Suche sofort abbrechen. Rückkehr zum Nest“, sagte er auf Arabisch.
Nacheinander bestätigen die Gruppenführer mit einem kurzen „Eiyoua“, dass sie verstanden hatten.
Nachdem auch der letzte Gruppenführer den Befehl bestätigt hatte, zwängte sich Jens erneut durch die enge Öffnung und folgte dem Verlauf des Gangs zur Höhle zurück, wo seine Freunde in sicherer Deckung, jederzeit schussbereit, auf ihn warteten.
Kurz bevor Jens die Höhle erreichte, nahm er seine Maske vom Gesicht und zog aus seinem Taschengurt eine der ‚HK P11‘. Langsam tauchte er mit vorgehaltener, in Richtung des natürlichen Beckenrands gerichteter Waffe auf, wo vor einiger Zeit der junge Mann gestanden und seine Notdurft ins Wasser verrichtet hatte. Mit ruhigen Bewegungen schwamm er zur anderen Seite der Höhle und versenkte seine Tarierweste mit der Stahlflasche neben dem Equipment seiner Freunde auf dem flachen Grund. Dann schlich er sich in die Nische und setzte sich, hinter einer der Kisten, neben Pitt auf den Boden.
Da sie mit Dekompressionszeiten der Marinetaucher rechnen mussten und diese auch nicht mit dem Zodiac abgeholt werden konnten, wollten sie vorsichtshalber eine Stunde warten, damit die Jungs genügend Zeit hatten, sicher aufs Schiff zurückzukehren. Vorher wollte sie ihren Angriff nicht starten. Am liebsten hätte es Jens gesehen, wenn sich auch das Marineschnellboot zurückziehen würde, um in einem ausreichenden Sicherheitsabstand zu sein, sollte hier etwas schiefgehen. Jedoch wusste er nicht, ob das beobachtet würde und somit eine frühzeitige Reaktion dieser Kerle auslösen könnte. Sie hatten David aufgetragen, dem Kapitän und Oberstleutnant Kebier zu sagen, dass sie das für sich selbst entscheiden müssten.
Noch einmal gingen sie ihren Angriffsplan durch. Ihnen war klar, dass in erster Linie der Mann am Funkgerät ausgeschaltet werden musste, um zu verhindern, dass er den Auslöser für den Funkspruch und die Selbstzerstörung drücken konnte.
Pitt bereitete sich darauf vor, den Mechanismus sicherheitshalber zu entschärfen. Dafür wurde er auch vorerst nicht in den Plan der Kampfhandlung einbezogen. Er sollte sich allein auf dieses Funkgerät konzentrieren können, während ihm die anderen den Rücken freihalten würden.
Plötzlich hörten sie ein lautes Lachen. Es war eindeutig der Mann am Funkgerät.
„Was ist los, James?“, wollte dieser Jim wissen.
„Ihr lacht euch sicher kaputt“, begann der Mann zu erzählen. „Ihr wisst doch, dass dieser Robert von der anderen Gruppe von uns genauso perfekt Arabisch spricht wie ich.“
„Ja, und wo ist da der Grund zum Lachen?“, fragte ein anderer Mann, namens Brandon, gelangweilt.
„Weil die Jacht, diese ‚Al Salam‘...“
Als die Freunde in der Nische den Schiffsnamen hörten, wurden sie sofort hellhörig und lauschten gespannt, was der Kerl am Funk weiter zu sagen hatte.
„… deren Leute unsere Männer auf den Booten fertig gemacht und dabei selbst ordentlich einstecken musste, gerade auf der Frequenz der Marine einen Hilferuf abgesetzt haben. Die sind leckgeschlagen oder so. Ein Weib ist wohl verletzt. Wobei ich gar nicht wusste, dass die bei ihrer Kameltreibermarine auch Weiber haben. Komisch.“
„Ist vielleicht von irgend so einem Offiziersschnösel das Flittchen.“
„Ja, kann sein. Aber der Knüller kommt erst noch“, lachte James wieder los. „Unsere Jungs, sprich Robert, haben darauf reagiert und Hilfe angeboten. Nun schippern sie gerade dorthin, weil sie angeblich vor der Küstenwache dort sein könnten. Damit haben die Jungs quasi einen Passierschein von den Trotteln gekriegt, um hier in das von denen abgeriegelte Gebiet reinzukommen, ohne sich durchschmuggeln zu müssen. Dazu können sie noch diesen Arschlöchern auf dem Boot ordentlich in den Arsch treten und sie zu den Fischen schicken. Am Ende könnten sie sogar sagen, dass sie doch zu spät gekommen sind und die Nussschale bereits mit Mann und Maus abgesoffen war, bevor sie helfen konnten.“ Die fünf Kerle lachten so laut, dass die Höhle zu erbeben schien.
„Dann hoffen wir mal, dass vorher dort nicht noch ein anderes Schiff auftaucht, was auch in der Nähe ist“, gab Bob zu bedenken.
„Das glaube ich nicht. Die wenigsten Boote dort haben überhaupt Funk, und wenn, dann bekommen sie die Frequenz der Marine gar nicht rein. Nein, diese Schweine gehören uns und bekommen, was sie verdient haben“, erklärte der Kerl am Funkgerät siegessicher.
„Rache ist ja so herrlich süß“, meinte Jim und lachte wieder los.
Die Freunde schauten sich erschrocken an. Sie mussten das unbedingt verhindern. Nur wie? Sie hatten nicht mehr genug Zeit, um die beiden Jachten zu erreichen.
Jens und Andreas erklärten sich sofort bereit und wollten bereits aus der Nische zum Wasser gehen, als Sebastian sie zurückhielt.
„Ihr werdet hier wichtiger gebraucht. Ich mache das. Es ist meine Frau“, zeigte er mit den Fingern.
„Und wenn das Marineschnellboot doch nicht mehr da ist? Ich tauche zum Ufer, nehme den Hubschrauber und fliege hin“, gab Andreas Zeichen zurück. Doch Sebastian lehnte ab.
„Das würde auffallen und alles hier gefährden“, hielt Sebastian dagegen und machte sich auf den Weg. „Ich komme wieder her. Lauft also nicht weg“, lasen die Freunde noch aus seinen Handzeichen, kurz bevor er mit seinem Equipment unter Wasser in dem Spalt verschwand.
Wie gelähmt vor Sorge um Kim, ihre beiden befreundeten ägyptischen Offiziere und drei Matrosen, die gerade in einen bösen Hinterhalt gelockt worden waren, saßen sie in ihrem Versteck. Die vier US-Navy-SEALs konnten nachvollziehen, wie sich die drei Männer jetzt fühlten, die neben ihnen versteckt hinter den Kisten hockten. Sie beobachteten, wie sich deren Hände zu Fäusten ballten, bis die Knöchel weiß hervortraten. Und sie bewunderten sie dafür, wie sie ihre aufsteigende Wut beherrschten, als sie den Einsatzplan voll konzentriert, mit nun einem Mann weniger, umstellten und neu besprachen. Sie waren zwar trotzdem noch in der Überzahl, aber wesentlich schlechter bewaffnet. Der Vorteil, den sie hatten, würde das Überraschungsmoment sein, das sie mit in ihre Planung einkalkulierten.
Kurz bevor die Stunde, die sie warten wollten, um war, betrat einer der Kerle die kleinere Höhle und stellte sich an den Rand des natürlichen Höhlenbeckens.
„Das ist der Funker“, zeigte Andreas an. Jens und Pitt reagierten in der gleichen Sekunde und schlichen aus ihrer Deckung hervor. Einen besseren Moment konnte es nicht geben.
Geräuschlos schalteten sie diesen Kerl mit einem gezielten Nackenschlag von Pitt aus, fingen ihn auf und zogen ihn in die Nische zu den anderen. Damit war der Angriff eröffnet. Die Männer liefen leise und geduckt zum Höhlendurchgang. Einander Deckung gebend, stellten sie sich rechts und links davon auf und warteten.
„James, kommst du auch mal wieder?“, hörten sie die Stimme von einem der Kerle.
„Ja doch. Bin gleich fertig“, imitierte Tyler, der sonst nie groß sprach, sehr zum Erstaunen der Freunde, die Stimme des Kerls, der jetzt gut verpackt hinter den Kisten schlummerte. Anerkennend nickte Jens ihm zu. Tyler hob nur verlegen lächelnd die Schultern.
Schnell verschafften sie sich einen Überblick über die Einrichtung der Höhle.
Diese Höhle war sogar wesentlich größer als die Höhle, in der sie aufgetaucht waren. Die Wände, die hauptsächlich aus abgestorbenen Steinkorallen und verwittertem Sandstein bestanden, glitzerten feucht im Schein aufgestellter Kerosinlampen. An einem improvisierten Steg lag ein kleines U-Boot vertäut. In der Höhle stank es nach einem Gemisch aus Dieselabgasen, Kerosindämpfen, abgestandenem kalten Rauch, Schweiß und anderen Körperausdünstungen.
Überall am Rand türmten sich Kisten und Fässer auf, die, wie es schien, schon langsam vom Rost zerfressen wurden. Irgendwo tuckerte leise ein eher kleiner Generator vor sich hin, dessen Geräusch sich aber durch die gesamte Höhle zog. Sicher sollte der die Stromzufuhr für das Funkgerät und die zwei Tischventilatoren sicherstellen, die die Freunde an der linken Seite, neben ein paar marode aussehenden Holzpritschen, entdeckt hatten, auf denen es sich gerade drei der Kerle gemütlich machten. Das Funkgerät befand sich weiter hinten an der Stirnseite der Höhle auf einer der Kisten. Davor standen zwei eher nicht sehr stabil aussehende Hocker.
Doch wo war der vierte Kerl abgeblieben? Sollten sie sich so geirrt haben und es waren nur drei Stimmen, die sie außer der des Funkers noch gehört hatten?
Nein, da stieg gerade einer pfeifend aus der Luke des U-Boots. Der Mann war Ende zwanzig, vielleicht auch Anfang bis Mitte dreißig, mit kurz geschorenem rötlichen Haar, einem blass wirkenden Gesicht und einem gedrungenen Körperbau. Seine Garderobe bestand aus einem verwaschenen, löchrigen Shirt und einer ausgebeulten, zerschlissenen Feldhose im Camouflage-Look. Geschultert trug er eine ‚Skorpion-SA391-Maschinenpistole‘ der tschechischen Firma Ceská Zbrojovka. Diese Waffe konnte theoretisch siebenhundertfünfzig Schuss pro Minute abfeuern. Immerhin fasste das Kurvenmagazin zwanzig 9-Millimeter-Patronen.
Neben den ‚Heckler & Koch MP7‘, die griffbereit neben den Pritschen der anderen Kerle standen, konnte sich die Skorpion schon sehen lassen.
Wobei die ‚MP 7‘ eine Feuerrate von bis zu 950 Schuss pro Minute aufbrachte und das Kastenmagazin bis zu 40 Patronen aufnehmen konnte.
Beides Waffen, mit denen nicht zu spaßen war. Außerdem entdeckten die Männer bei jedem der Kerle ein Pistolenholster mit einer ‚SIG Sauer P226‘ an ihren Gürteln.
Was die Feuerkraft anging, so befanden sich die Freunde eindeutig im Nachteil. Da half es auch nicht wirklich, dass sie den Funker bereits ausgeschaltet haten.
Trotzdem waren sie zu allem entschlossen. Jens gab das Zeichen zum Stürmen.

Als Sebastian sich endlich aus dem schmalen Spalt gezwängt hatte, tauchte er langsam, nicht schneller als die kleinste Luftblase, die zur Oberfläche perlte, ohne seine Tarierweste erst überzustreifen, direkt am Drop-Off auf. Sofort schaute er sich um. Er wollte wissen, ob das Marineschnellboot noch da war. Ein Hoffnungsschimmer machte sich auf seinem Gesicht breit, als er es an gleicher Stelle noch vor Anker liegen sah. Oberstleutnant Mahmud Kebier und der Kapitän hatten sich also dazu entschlossen, die Männer nicht im Stich zu lassen, und vertrauten darauf, dass sie es schaffen würden.
Geübt zog Sebastian sein Jackett über und tauchte bis auf fünf Meter ab. Das reichte ihm, um nicht das Spiel der Wellen zu werden und die Oberflächenströmung zu nutzen, die ihn direkt zum Schiff treiben würde. Mit kräftigen Flossenschlägen trieb er seinen Körper voran. Der obere Rand vom Schaf seiner Unterschenkelprothese drückte bei jedem kraftvoll ausgeführten Flossenschlag mehr an seinem Beinstumpf, doch er ignorierte es. Alles, was er wollte, war, so schnell wie möglich zum ägyptischen Marineschnellboot zu gelangen. Tief und gleichmäßig atmete er die noch verbleibende Luft aus dem Flaschentank, um dem Körper den nötigen Sauerstoff zu geben, den er bei dieser Anstrengung brauchte. Besorgt schaute er dabei aber auch auf die Luftanzeige seines Finimeters.
Die Luft muss reichen. Sie muss einfach reichen, nur noch ein paar Meter, bitte, dachte er fast verzweifelnd. Es ging um das Leben seiner Frau und einiger sehr guter Männer.
Mit höchstens noch drei Atemzügen an Luft in seiner Pressluftflasche erreichte er den Bootsrumpf des Marineschnellbootes. Er hatte nicht die Zeit, um erst bis zum Heck zur Taucherplattform zu schwimmen. Die anlaufenden Wellen nutzend, erklomm Sebastian das an der Steuerbordseite hängende Fallreep. Er schlang einen Arm, um die vorletzte Sprosse der Leiter und hielt sich mit aller Kraft daran fest. Während er beim Wellental in der Luft hing, nutzte er die Zeit, um sich der ersten Flosse zu entledigen. Beim nächsten Wellental war die Zweite an der Reihe, wobei er mit einer eingespielten Bewegung das Fußgelenk seiner Prothese wieder im rechten Winkel arretierte. Die nächste anlaufende Welle nutzend, schwang er sich gleich mehrere Sprossen weiter hoch und kletterte an der Bordwand schaukelnd nach oben bis über die Reling. Noch während er auf dem Deck entlanglief, entledigte er sich seines Jacketts. Laut und schwer knallte die große Stahlflasche auf die Planken. Keine Rücksicht darauf nehmend, lief Sebastian weiter zu den Mannschaftsunterkünften, wo sie untergebracht waren.
Das blieb an Bord nicht unbemerkt. Als der Oberstleutnant und der Kapitän die Unterkunft erreichten, stand da ihr gemeinsamer Freund, schwer atmend, mitten im Raum und wählte eine Nummer auf seinem Handy. Voller Ungeduld wartete er, dass sich endlich einer melden würde.
Gerade als Mahmud etwas fragen wollte, hob Sebastian abwehrend die Hand.

„Hier klingelt irgendwo ein Handy“, sagte Ali, der sich gerade einen Tee aus der Kombüse geholt hatte und wieder aufs Deck zu seinen Freunden trat. Sofort lief Hasan in den Salon, wo Kim fest schlief. Er horchte eine Weile, bis er das Klingelzeichen lokalisiert hatte. Zog das Mobiltelefon aus der Tasche, die Pitt auf der Jacht zurückgelassen hatte, und ging damit wieder aufs Deck, um Kim nicht zu wecken. Erst da aktivierte er es und meldete sich: „Hier ist Hasan.“ Dann machte er große Augen. „Oh Sebi, du bist es. Seid ihr denn schon fertig?“ Er lauschte in den Apparat. „Warte, da gebe ich dir lieber Kasim. Er war am Funk und weiß Genaueres.“ Schnell reichte er das Handy an Kasim weiter, der schon neben ihn getreten war.
Noch eher der sich ordentlich melden konnte, schrie Sebastians Stimme schon laut aus dem Hörer: „Kasim, ist das Boot, das euch zur Hilfe kommen will, schon zu sehen?“
„Nein, aber die beiden Boote müssten in einer Viertelstunde hier sein. Woher weißt du davon?“
„Das spielt jetzt keine Rolle. Wieso zwei Boote?“
„Nach dem ersten Funkspruch habe ich auf die normale Frequenz umgeschaltet und einen zweiten Hilferuf geschickt, um zu erfahren, ob vielleicht ein Fischerboot oder ein anderes Taucherboot näher bei uns ist. Da erreichte uns dann auch noch ein Funkspruch. Sie sagten, dass sie schon auf dem Weg seien.“
„Wie heißen die beiden Boote? Woher sind sie und wie sind die Namen der Kapitäne?“
„Die ‚Santana‘ aus Hurghada, Kapitän ist ein Khaled, von der Tauchbasis ‚Hedgehog-divers‘. Aber ich habe noch nie was von ihnen gehört. Und das andere ist die ‚Princess II‘ aus El Gouna, Kapitän Wael Mohammed Fattal von der Tauchbasis eines Patrick Keppler, die nennen sich ‚Igeltaucher‘“, kam wie aus der Pistole geschossen.
Sebastian dachte kurz nach, bevor er sich wieder meldete. „Gut, Kasim, höre mir jetzt gut zu. Es gibt keine Tauchbasis in El Gouna, die so heißt und ein Boot mit dem Namen hat. Auch die ‚Igeltaucher‘ sind mir kein Begriff. Aber Kapitän Khaled und seine ‚Santana‘ kenne ich. Die Tauchbasis hat erst vor einem Monat aufgemacht. Dieses Boot hat weiße Aufbauten und einen dunkelgrünen Rumpf.“
„Was meinst du damit, dass es die ‚Princess II‘ nicht gibt?“ Schon während Kasim das fragte, hatte er verstanden und sprach schnell weiter: „Oh, du meinst, es sind ein paar von den Kerlen?“
„Genau, Junge. Wir wissen nicht, wie viele auf dem Boot sind. Aber wir wissen, dass sie es euch ans Leder wollen. Also seht euch um. Das mit den weißen Aufbauten und dem dunkelgrünen Rumpf sind die Guten, und die anderen lasst nicht an euch ran. Wir werden sehen, wie wir euch helfen können.“

Mahmud Kebier und Kapitän Jamaal Al Aamer hatten das Gespräch mitangehört. Sie reagierten sofort.
Oberstleutnant Kebier zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und tätigte einen kurzen Anruf. Dann rief er Sebastian zu: „Wir schicken Luftunterstützung. Zwei Hubschrauber starten von Hurghada aus.“
„Okay, Kasim. Ihr habt Mahmud bestimmt gehört, dass euch zwei Hubschrauber zu Hilfe kommen. Haltet also durch. Oh, und noch was: Es wäre schön, wenn ihr die Funkanlage von den Kerlen so schnell wie möglich lahmlegen könntet, bevor sie da rankommen. Sonst könnte es passieren, dass unsere Freunde und ich ein paar Probleme bekommen, die wir nicht brauchen. Was ist mit Kim?“
„Sie ist unglücklich gefallen und hat eine Gehirnerschütterung. Sie schläft.“
„Gut, dann haltet die Ohren steif“, sagte Sebastian, unterbrach die Verbindung und warf das Handy unachtsam auf eines der Betten. Während er schon wieder aus dem Raum lief, rief er noch: „Danke, Mahmud. Ich muss wieder zu den Jungs. Habt ihr noch ne volle Flasche und paar neue Flossen für mich?“
Einer der Matrosen, der etwas Deutsch verstand, lief sofort los und brachte aus dem Equipmentraum eine 15-Liter-Pressluftflasche und Flossen aufs Deck zu Sebastian geschleppt, der gerade die leere Stahlflasche von seinem Jackett abschnallte.
„Hier, die seien voll bis Rand“, sagte der junge Mann auf gebrochenem Deutsch und half dabei, die Flasche mit den Schnellhalterungen am Jackett zu befestigen. Sebastian bedankte sich, dann kletterte er voll aufgerödelt über die Reling und sprang aus einer Höhe von ca. fünf Metern direkt wieder ins Wasser. Kurz darauf verschwand er auch schon in den Wellen.
Dieses Mal ließ er sich tiefer sinken, um der starken Oberflächenströmung, gegen die er nun ankämpfen musste, zu entgehen. Soweit es ihm möglich war, hielt er sich dicht am Grund, der an der Stelle in zwanzig Metern Tiefe lag und kurzzeitig auf fünfzehn Meter anstieg. Er wollte zum Plateau tauchen und erst von da aus, den Strömungsschatten nutzend, zum Drop-Off. Sein Beinstumpf schmerzte immer stärker, doch er gab nicht auf. Er musste seinen Freunden helfen. Denn das, was er da in der Höhle gesehen hatte, machte ihm Angst. Es war zu gefährlich, um nur abzuwarten, ob es die anderen allein schafften. Noch während er tauchte, zog er eine Ballonspritze mit einem starken Schmerzmittel aus seiner Tasche und stach sich die Nadel mit voller Wucht durch den Neoprenanzug in den Oberschenkel seines verkrüppelten Beins und drückte den Ballon aus. Dabei verlangsamte er sein Tempo nicht eine Sekunde.
Sebastian zog sich die leere Spritze heraus und ließ sie achtlos fallen. Er hatte keine Zeit, den leeren Spritzenkörper erst wieder in die dafür vorgesehene Tasche zu verstauen. Als er das Drop-Off erreichte, ließ er sich auf fünfundzwanzig Meter sinken, drehte sich um und tauchte rücklings weiter. Er hoffte, dass die Knicklichter, die Andreas platziert hatte, noch aktiv und jetzt, wo es langsam dunkler wurde, besser zu sehen waren.

In der Zwischenzeit begannen die drei Freunde gemeinsam mit den SEALs den Angriff auf die Höhle.
Sie hatten kein freies Schussfeld und wussten nicht, was sich in den Behältern, die in dieser Höhle aufgestapelt waren, befand. Außerdem konnten sie nicht einschätzen, welcher Schaden vielleicht angerichtet würde, sollte eine Kiste getroffen und der Inhalt beschädigt werden. Sie konnten nicht einfach hineinstürmen und auf alles schießen, was sich gerade bewegte. Nein, sie waren gezwungen, unbemerkt in die Höhle vorzurücken. Jede Deckung nutzend und auf jeden ihrer Schritte achtend, arbeiteten sie sich vorsichtig in das große Gewölbe vor.
Als einer der Männer sie entdeckte, zog er seine Maschinenpistole in Anschlag und drückte ab. Laut hallte die kurze Salve von drei Schuss durch das Höhleninnere. Sofort stürzte sich Jens auf diesen Mann und die anderen stürmten los, um sich im Nahkampf auf die übrigen Kerle zu stürzen. Weitere Maschinenpistolensalven hallten mehrfach von den Höhlenwänden wider. Die ausgeworfenen Patronenhülsen landeten scheppernd auf dem felsigen Untergrund. Pitt konzentrierte sich in dem Durcheinander darauf, das Funkgerät, welches auf der anderen Seite der großen Höhle stand, zu erreichen und zu sichern. Auf der Hälfte der Strecke spürte er einen stechenden Schmerz im Bein, der ihn zu Boden zwang. Ein Querschläger hatte ihn am Oberschenkel getroffen. Als er aufblickte, sah er, wie ein Mann, den sie zuvor noch nicht gesehen hatten, vom U-Boot aus über einen schmalen Holzsteg auf das Funkgerät zulief. Sofort zog Pitt eine der ‚P11‘ aus seinem Gurt, zielte und drückte ab. Das kleine Pfeilgeschoss schnellte aus dem Lauf, wobei der Abschuss wie von einer Pistole mit Schalldämpfer klang. Schnell nacheinander drückte er ab, bis alle fünf Läufe leer waren, warf die Pistole achtlos weg, stand auf und stürzte auf den Kerl zu, der verletzt am Boden lag. Die Männer wehrten sich verbissen, sodass die Freunde alle Hände voll zu tun hatten.
„Da muss irgendwo ein Nest sein. Hier kommen noch mehr!“, rief Pitt, als er sah, wie noch weitere Männer aus der Luke des U-Boots kletterten.
„Ich will sie lebend, Jungs. Außer sie lassen euch keine andere Wahl! Zielt auf Beine und Arme. Aber lasst mir noch welche zum Spielen. Tot nützen sie uns nichts mehr“, schrie Jens.
„Roger“, antworteten die amerikanischen Elitesoldaten sofort.
Endlich hatte Pitt es geschafft, den Kerl, der zum Funkgerät stürmen wollte, mit einem kräftigen Schlag auf seinen Solarplexus von den Beinen zu heben und mit einem gefolgten Tritt in Richtung Halsschlagader k.o. zu schlagen. „Mädels, ich brauche hier einen freien Rücken. Wie soll ich sonst Musik machen? Also haltet mir das Ungeziefer vom Hals.“ Dabei konzentrierte er sich aber schon auf den nächsten Angreifer. Denn er wusste, dass seine Freunde voll auf beschäftigt waren. „Alles muss man hier selber machen“, beschwerte er sich und schlug seine Faust in das wütend verzerrte Gesicht seines Angreifers. „Oh, Entschuldigung“, murmelte er leise, „aber ich kann nichts dafür, wenn du gegen meine geparkte Faust rennst.“ Als der Kerl, am Boden liegend, wieder zu sich kam, sein Messer zog und aufstehen wollte, schlug Pitt erneut kräftig zu, sodass man das unangenehme Knacksgeräusch der brechenden Nase hörte. Und Pitt wünschte noch höflich: „Schöne Träume.“
„Der nächste Herr, die gleiche Dame! Aber doch nicht drängeln. Ihr kommt alle noch dran“, hörte Pitt Jens rufen und sah, wie sich sein Freund mit einem kleineren Mann, am Boden wälzend, schlug. Zugleich wehrte er einen zweiten Angreifer durch einen gezielten Schuss in die Kniescheibe ab, um den sich dann William weiter kümmerte. Pitt lächelte zufrieden, als er sah, wie sich die vier neuen Freunde wacker schlugen.
„Okay, Waldkauz, ich bin in deiner Nähe“, rief Andreas. „Kannst jetzt Klavier spielen gehen. Aber bitte nichts Klassisches. Davon schlafe ich immer so schnell ein. Ich will was Flottes hören. Also gib dir Mühe.“
„Kunstbanause“, gab Pitt zurück und setzte sich vor das Funkgerät, wo er schnell die Abdeckung abschraubte. Er wollte den Auslösemechanismus nach Möglichkeit gleich hinter dem Druckknopf lahmlegen, um sich dann in Ruhe um den Zünder kümmern zu können. Er konzentrierte sich voll auf seine Arbeit, während Andreas und Adam ihm so gut es ging den Rücken freihielten. „Kannst du dich gefälligst etwas beeilen?“, kam von Jens. „Wir brauchen hier jede Hand. Kann doch nicht so schwer sein, mal zwei Drähte durchzuknapsen.“
„Bin doch schon dabei, Chefchen“, antwortete Pitt ganz ruhig und leuchtete mit einer kleinen Stablampe in das Innenleben des Funkgerätes. „Es gibt nur so ein klitzekleines Problemchen.“
„Und das wäre?“, fragte Andreas schnaufend und wich dabei gerade einem Messerhieb seines Gegners aus. „Die kleinen Lieben, haben zusätzliche Sprengfallen in dem Kasten versteckt. Der geringste Teil hat hier wirklich was mit einem Funkgerät zu tun. Ich komme nicht an den Hauptzünder, ohne die Nebenstellen kaltzuschalten“, erklärte Pitt. „Übrigens“, fügte er trocken hinzu, „sollte es euch entgangen sein: Da kommen noch zwei hässliche Gestalten, die mitspielen wollen.“ Er drehte sich wie gelangweilt mit dem Stuhl um, zog aber dann schnell eine der Unterwasserpistolen aus dem Gurt, zielte auf den ersten, der den Steg entlanggelaufen kam, und drückte ab.
„Hast auch schon mal besser getroffen. Hast wohl die Brille vergessen oder was?“, hörten sie Sebastian, der gerade, noch völlig außer Puste, in die Höhle kam und schon auf die Kerle schoss. „Kann es sein, dass die Typen sich vermehrt haben, während ich weg war?“, fragte er, eher als Feststellung, und stürzte sich auch schon mit ins Kampfgetümmel.


22
Kasim, Hasan und die drei Matrosen standen an Deck der ‚Al Salam‘ und hielten nach allen Seiten Ausschau. Kasim hatte die anderen von dem Telefonat mit Sebastian unterrichtet. Sie wussten, dass sie darauf achten mussten, nicht das falsche Boot anzugreifen. Doch noch konnten sie keines der beiden Boote ausmachen, die aber mit Sicherheit Kurs auf sie zuhielten.
Kasim ging in den Salon, um kurz nach Kim zu sehen, die noch immer schlief. Er holte das Fernglas und kletterte, gefolgt von seinem Freund, aufs Oberdeck.
„Und siehst du schon was?“, fragte Hasan.
„Ja. Auf zwölf Uhr. Aber ich kann die Rumpffarbe bis jetzt nicht eindeutig ausmachen. Die Wellen sind zu hoch.“
Und was ist, wenn das zweite Boot zufällig die gleichen Farben hat? Der Name des Schiffes steht doch achtern. Sprich, wir hätten dann ein Problem.“
„Dann werden wir die Kerle daran erkennen, dass sie auf uns schießen“, gab Kasim zurück und grinste seinen Freund an.
„Oh, sehr beruhigende Worte von dir. Danke. Nur ich hätte es schon gern etwas früher gewusst und nicht erst, wenn mir das Blei um die Ohren fliegt.“
„Mach dir keine Sorgen, dunkelgrün ist ein eher seltener Anstrich für einen Schiffsrumpf von zivilen Booten. Außerdem, stehst du doch auf kleine Überraschungen. Kannst es ruhig zugeben.“
Die deutschen Freunde würden schmunzeln oder sogar lachen, wenn sie die beiden Ägypter jetzt hören könnten. Hasan und Kasim hatten den Jargon und den schwarzen Humor im Laufe der drei Jahre von ihnen übernommen.
Dann entdeckte Kasim zwei Boote, die aus unterschiedlichen Richtungen direkt auf sie zuhielten. Er stellte die Schärfe des Fernglases nach und schaute ganz konzentriert Richtung Osten zu dem größeren der beiden Boote. Ein kurzes Lächeln zog über sein Gesicht, als er das Glas absetzte und es seinem Freund reichte.
„Da hast du unsere Kunden. Auf drei Uhr. Nicht zu übersehen. Groß und ganz in Weiß. Blinkert wie ’ne Perle. Und sieht absolut nicht wie ein Taucherboot aus, für das sie sich aber ausgegeben haben.“
„Da stehen wir jetzt ungünstig“, stellte Hasan fest. „Wir müssen auf Abduls ‚Naunet‘. Das heißt, am Ende wird vielleicht auch noch sein Boot zerlöchert. Und als Deckung für die ‚Al Salam‘ ist es zu klein und nutzt uns nicht viel. Außerdem dürften die Kerle noch nichts von der zweiten Jacht wissen. Wäre also besser, lieber die große Jacht, die ohnehin schon mehr demoliert ist, als Schutzschild für die kleinere zu nutzen.“
„Du hast recht, Bruder. Ich stelle sie schnell um und mache sie an der Backbordseite der ‚Al Salam‘ fest. Dann bringen wir Kim rüber und legen sie unten in die Kabine. Dort ist sie am sichersten aufgehoben“, sagte Kasim und lief schnell nach unten. Einer der Matrosen sprang mit auf die kleinere Motorjacht und holte den Anker ein, während die beiden anderen die Taue an Bug und Heck lösten. Er setzte die ‚Naunet‘ zurück und begann mit dem erneuten Anlegemanöver an Backbord der größeren Jacht von Andreas und Anne.
Die Matrosen ließen schnell die Fender an den anderen Seiten des Bootes herunter und machten sie wieder aneinander fest. Gemeinsam gingen Kasim und Hasan in den Salon, um Kim zu holen. Sie nahmen ihre Freundin in ihre Mitte und stützten sie. Da Kim noch völlig schlaftrunken von dem Medikament war, mussten auch die drei Matrosen dabei helfen, die Frau sicher auf die andere, kleinere Jacht zu bringen. Das war bei dem Seegang nicht gerade ein leichtes Unterfangen. Die Männer versuchten dabei, so ruhig wie möglich zu bleiben, um Kim nicht zu beunruhigen. Als sie die Frau an Deck der ‚Naunet‘ gehoben hatten, schaffte sie Kasim allein unter Deck, während sich die anderen schon auf den Kampf vorbereiteten.
Das weiße Schiff, eine große Motorjacht mit Zwischendeck, kam schnell näher. Die Männer auf der ‚Al Salam‘ gingen in Deckung und warteten geduldig, bis das Schiff in Schussreichweite war. Nur Kasim stand offen auf dem Deck und winkte den Männern auf der weißen Motorjacht froh, dass endlich Hilfe kam, zu. Dabei war er aber jederzeit bereit, sich sofort abzuducken und seine MP zu greifen, die für die Fremden nicht sichtbar, vor seinen Füßen lag.
Und schon peitschten ohne jegliche Vorwarnung die ersten Maschinenpistolensalven durch die Luft, schlugen in die Hartholzblanken des Decks, rissen Stücke davon heraus, die wiederum wie kleine Geschosse, unkontrolliert durch die Gegend flogen.
Gezielt, ihre Waffen auf Einzelfeuer eingestellt, erwiderten die ägyptischen Marines, völlig unerwartet für die Angreifer, das Feuer. Die ersten Männer von der Gegenseite fielen schreiend, getroffen, über Bord. Schnell gingen die Marins wieder in Deckung, als laut hämmernde Salven aus einem Maschinengewehr die ‚Al Salam‘ trafen, in die Aufbauten einschlugen und große Löcher darin hinterließen.
„Dagegen haben wir nicht gerade viel auszurichten“, fauchte Hasan mit wütender Stimme und wartete in sicherer Deckung ab, dass der Beschusshagel aufhörte. Als es kurzzeitig wieder still war, eröffneten die Marins sofort wieder ihr Feuer, bis das Maschinengewehr erneut zu rattern begann.
„Wir kommen an das Ding nicht ran“, zischte Kasim. „Ich habe nur das Mündungsfeuer gesehen. Das MG muss im Zwischendeck sein.“
Dann hörten die Männer das typische Geräusch von herannahenden Hubschraubern vom Typ ‚Sikorsky S61 Sea King‘ der ägyptischen Marine.
Kurz überflogen die beiden Maschinen den Schauplatz. Die fremde Jacht wurde auf Englisch aufgefordert, die Kampfhandlungen sofort einzustellen, da sonst das Feuer auf sie eröffnet würde. Doch die Männer der Motorjacht beantworteten das mit MG-Beschuss. Getroffen, musste schon kurze Zeit später, einer der ‚S61‘, eine schwarze Rauchfahne hinter sich herziehend, abdrehen.
In einer weiten Schleife flog die zweite Maschine daraufhin erneut die Motorjacht, die sich etwa noch fünfzehn Meter von der ‚Al Salam‘ und der ‚Naunet‘ entfernt befand, seitlich aus Süden kommend an. Mit einem grellen Lichtblitz löste sich unter dem Rumpf der ‚Sea King‘ eine der zwei an Bord befindlichen ‚Mark-46 Leichtgewichtstorpedos‘ und schoss, einen Feuerschweif hinter sich herziehend, aus nur achthundert Metern Entfernung auf das feindliche Ziel zu.
„In Deckung!“, schrie Hasan und warf sich, die Ohren zuhaltend, den Mund leicht geöffnet, hinter die Reling, aufs Deck, kurz bevor die laute Explosion die Luft zerriss, das Wasser aufpeitschte und sie knapp darauf die Druckwelle erreichte. Das Meer brodelte, Wrackteile flogen durch die Gegend und gruben sich in Bordwand und Aufbauten der ‚Al Salam‘. Als die Männer sich wieder aufrichteten, sank die völlig zerstörte Motorjacht bereits schnell und unaufhaltsam dem Meeresgrund entgegen.
Nachdem alles vorbei war, rief Kasim über Funk das Taucherboot ‚Santana‘, welches sich in sicherer Entfernung gehalten hatte. Er bat Kapitän Khaled, längsseits zu kommen, um die Verletzten zu übernehmen und ins Militärlazarett nach Hurghada zu bringen. Noch während sich das Boot ihnen näherte, stiegen die fünf Männer auf die ‚Naunet‘ und machten die Leinen los. Langsam lenkte Kasim die kleine Jacht zur Abschussstelle der weißen Motorjacht. Sie fischten fünf Verletzte und drei Leichen, die an der Oberfläche auf den Wellen trieben, aus dem Wasser.
Schnell kehrten sie zur ‚Al Salam‘ zurück. Doch bevor sie sich um die Überlebenden, die sie gefesselt hatten, weiter kümmerten, versorgten Kasim und Hasan die ihnen unterstellten Marinesoldaten Emad und Mehmet, die beide bei dem Kampf leicht verwundet worden waren. Erst danach leisteten sie auch den Gefangenen Erste Hilfe, von denen sich zwei verächtlich äußerten und sich gegen jegliche Hilfeleistung sträubten. Doch darauf nahmen die Männer keine Rücksicht, sondern sie grinsten die Kerle sogar noch an, und packten sie nicht gerade mit Samthandschuhen an, als sie ihre Wunden verbanden.
Nachdem die ‚Santana‘ an der kleinen Jacht von Doktor Mechier längsseits gegangen war und festgemacht hatte, halfen die Bootsbesatzung und einige der Tauchgäste gemeinsam mit den verletzten Matrosen, Kim hinüber an Bord des Taucherbootes zu heben. Sie legten sie dort auf weiche Matten und deckten sie mit einer leichten Decke zu.
„Und was ist mit den anderen?“, fragte Kapitän Khaled die beiden Offiziere und wies dabei auf die Gefangenen.
„Die bringen wir dann mit. Die Kerle können noch eine Weile warten. Wichtig ist, dass unsere Freundin und meine beiden Matrosen so schnell wie möglich ins Lazarett kommen“, antwortete Hasan freundlich.
„Und ihr?“, fragte der Kapitän weiter. „Ihr seht auch so aus, als könntet ihr einen Arzt gebrauchen.“
„Danke, wir kommen schon zurecht“, gab Kasim zurück. „Wir müssen erst noch die angeschlagene Jacht unserer Freunde mit der ‚Naunet‘ nach Hause bringen. Wir danken euch für eure Hilfe. Macht euch auf den Weg. Man erwartet euch bereits im Marinehafen.“
Ohne dass der Kapitän neugierig gefragt hatte, worum es eigentlich bei der ganzen Sache ging, verabschiedete er sich von den drei Männern in Uniform und versprach, so schnell wie nur möglich den Marinestützpunkt anzulaufen.
Kurz nachdem die ‚Santana‘ Fahrt aufgenommen hatte, half Ali, der unverletzt geblieben war, den beiden ihm vorgesetzten Offizieren, ihre Wunden notdürftig zu versorgen. Dann setzten sich die drei Männer in den durchlöcherten Salon der ‚Al Salam‘. Tranken in aller Ruhe einen heißen Tee, während sie berieten, wie sie die stark angeschlagene Jacht bergen konnten.
Es begann gerade zu dämmern, als Kasim die kleinere Motorjacht vor die ‚Al Salam‘ setzte und ins Schlepp nahm. Da der Wind und die Wellen sich zum Glück wieder gelegt hatten, entschlossen sie sich, beide Boote direkt nach Hurghada in ihre Heimatbucht zu bringen.
Während Ali die Gefangenen auf dem Deck bewachte, stand Kasim am Ruder der ‚Naunet‘ mit der ‚Al Salam‘ im Schlepp, die Hasan steuerte. Langsame Fahrt machend, näherten sie sich doch stetig ihrem Ziel.
Weit nach Mitternacht erreichten Kasim, Hasan und Ali mit den beiden Jachten die sichere Bucht vor Professor Doktor Mechiers Palast, den er von seinen Eltern aus einer alten Scheichfamilie geerbt hatte. Ihn nun aber gemeinsam mit Pitt, Hatifa, Andreas, Anne, ihren Eltern und der kleinen Anja bewohnte. Und wo zurzeit auch die Zwillinge von Kim und Sebastian zu Gast waren. Auch Kim und Sebi trugen sich mit dem Gedanken, ihr Haus aufzugeben und auf Drängen und Bitten ihrer Freunde mit in den Palast zu ziehen. Platz war da mehr als genug, für sie alle.
Die Männer legten mit den beiden Jachten am Steg an, wo sie bereits von ägyptischen Soldaten erwartet wurden, welche die Gefangenen übernehmen sollten. Auch Annes Eltern standen mit auf dem Steg.
„Wie geht es Anne? Wisst ihr was von Kim, wie sie angekommen ist und wie es ihr geht?“, wollten Hasan und Kasim sofort von ihnen wissen.
„Den Umständen entsprechend gut“, antwortete Walter, Annes Vater. „Abdul ist noch bei ihnen im Lazarett. Wie geht es den anderen?“, fragte er dann besorgt.
„Wir wissen es nicht, Walter“, antwortete Hasan ehrlich. „Wir hatten keinen Funkkontakt mehr zu ihnen, seit Sebi uns vor den Angreifern gewarnt und uns aufgetragen hat, gut auf euch alle aufzupassen und euch zu beschützen.“
Gemeinsam stiegen sie die Treppen nach oben und gingen ins Haus, wo Erika für die drei Männer schnell etwas zu essen machte. Danach übernahmen die drei die Überwachung des Grundstücks, während Erika und Walter noch einmal nach den Kindern schauten und sich dann in ihre Gemächer zurückzogen.
Kasim setzte sich ans Telefon und wählte die Nummer von Doktor Mechier. Nachdem sich der Arzt gemeldet hatte, fragte er nach dem Zustand der beiden Frauen und nach den beiden verletzten Matrosen, die er mit Kim mitgeschickt hatte. Abdul berichtete ihm, dass Kim in spätestens vier Tagen wieder voll auf dem Posten sei und die zwei Matrosen nicht so schwer verletzt seien. Er erzählte auch, dass Anne wieder bei Bewusstsein sei und nun schläft.
Dann erkundigte sich Doktor Mechier nach ihnen und den anderen. Kasim berichtete seinerseits, dass Hasan und er nur leicht verletzt seien und dass sie nichts mehr von den anderen gehört hätten. Er bat den Arzt deshalb darum, auf dem Marineboot nachzufragen.
„Ich schicke euch einen meiner Kollegen vorbei, er soll sich eure Verletzungen vorsichtshalber mal anschauen. Ich kann hier selbst noch nicht weg, da ich bei Anne bleiben möchte, sollte noch etwas sein“, sagte der Arzt und legte kurz danach auf.


23
Nacheinander ließen sich die Männer verletzt und erschöpft, an der freien Höhlenwand zu Boden sinken. Nur Tim und Jack waren noch je in einen Zweikampf verwickelt. Die Freunde verfolgten die beiden Kämpfe sehr interessiert. Auch wenn sie nicht mithalfen, waren sie doch bereit, jederzeit schnell einzugreifen, sollte es für die beiden SEALs schlecht aussehen. Nur Pitt hatte keine Zeit, den Kämpfen zuzusehen. Er war weiter mit der Entschärfung der Sprengladungen beschäftigt.
„Sagt mal, Jungs, wie lange braucht ihr noch für die zwei Hanseln?“, fragte Jens gelangweilt. „Es ist schon spät und ich habe Hunger.“
„Ihr könnt uns ja helfen“, kam schnaufend von Jack .
„Das kommt doch gar nicht in die Tüte. Wir alten Rentner haben bereits Feierabend“, antwortete Andreas. „Außerdem sehen wir immer wieder gern einen guten Kampf. Dabei liegt die Betonung auf GUTEN. Nur das hier sieht nicht so aus“, beschwerte er sich, und die anderen deutschen Freunde stimmten ihm zu.
Eine Minute später hatte Jack seinen Gegner in den richtigen Griff bekommen, konnte ihn k.o. schlagen und dann fesseln. Danach schaute Andreas zu Tim. In Sekundenschnelle sprang er auf, als er sah, wie der Mann, der unter Tim lag, plötzlich ein Messer zog, während Tim zum Schlag ausholte und dabei Gefahr lief, genau in das Messer zu stürzen. Andreas stieß den jungen SEAL gerade noch rechtzeitig zur Seite, umfasste fest das Handgelenk des Kerls, in dem er das Messer hielt, und versuchte, es gegen den Boden zu drücken. Dabei gewann der Kerl aber wieder die Oberhand und rollte sich auf Andreas. Bedrohlich nahe an seinem Körper blitzte die stählerne Klinge auf. Er musste alle Kraft aufbringen, um die Hand des Mannes, der versuchte, ihm das Messer in die Brust zu jagen, auf Abstand zu halten. Der Angreifer nahm dabei seine ganze Körpermasse zur Hilfe und warf sich mit Schwung und all seinem Gewicht auf ihn. Ein lautes Stöhnen beider Männer war zu hören. Dann blieb der um einiges gewichtigere Kerl reglos auf Andreas liegen, der sich ebenfalls nicht mehr rührte. Erschrocken schauten die jungen SEALs auf die beiden schlaffen Körper und wunderten sich, dass Jens und Sebastian nichts unternahmen, sondern nur grinsend an die Höhlenwand gelehnt sitzen blieben. Sie konnten so ruhig sitzenbleiben, denn sie hatten den Kampf ihres Freundes genau beobachtet und wussten um seine Fähigkeiten, weshalb sie sich auch keine Sorgen machten.
„Könnte mir vielleicht mal einer den Fettwanst hier abnehmen, ehe ich ersticke?“, bat Andreas nach einiger Zeit gequält.
„Wieso? Ich dachte, du hängst so an dem Kleinen. Hast dich doch regelrecht darum gerissen, ihn zu bekommen. Nun sieh auch zu, wie du ihn wieder los wirst“, gab Jens zurück.
„Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Alles muss man hier selber machen“, beschwerte sich Andreas stöhnend. „Das hat man nun von seiner Hilfsbereitschaft.“
Alle noch vorhandenen Kräfte mobilisierend, rollte er den leblosen Körper des dicken Kerls, in dessen Bauch sein eigenes Messer steckte, welches er noch fest umklammerte, von seinem Körper, wobei ihm aber seine Freunde dann doch halfen. Andreas blieb erschöpft neben dem Toten liegen, schloss die Augen und wollte gerade etwas sagen.
In dem Moment meldete sich Pitt. „Jungs, wenn ihr mal wieder Zeit und Muse habt, wäre es nicht schlecht, wenn ihr mir mal kurz zuhören würdet“, sagte er und war dabei ganz ruhig und konzentrierte sich weiter auf das Innenleben in dem Kasten vor sich, der auch mal als Funkgerät gedient hatte.
„Und was hast du zu sagen? Wir sind ganz Ohr“, forderte Jens, der noch immer mit den anderen auf dem Boden saß und an der Felswand lehnte.
„Sagen wir mal so, damit ihr es auch versteht: Der süße kleine Sprengsatz hier, der übrigens dazu in der Lage ist, alles in einem Umkreis von mehreren Kilometern in die Luft zu jagen, besitzt auch einen Fernzünder mit einem Wecker daran. Und genau der ist gerade angesprungen. So nach dem Motto: Wenn es tickt, dann ist es eine Zeitzünderbombe. … und hier tickt es nun. Fragt mich aber nicht, wer den Wecker aufgezogen und gerade gestartet hat. Ich war es definitiv nicht.“
„Wie viel Zeit haben wir?“, fragte Jens, sofort voll bei der Sache und schon auf dem Weg zu ihm.
„Wenn ich davon ausgehe, dass ich des Uhrablesens kundig bin, dann haben wir zehn Minuten. Zwar viel Zeit, aber auch ein kompliziertes Schaltsystem.“
In dem Moment nahm Sebastian, an der Wasseroberfläche in der Höhle eine leichte Bewegung wahr. „Sagt mal, hat einer von euch ein Unterwassertaxi bestellt?“, fragte er leise und wies zum Wasserbecken. „Ich glaube, da sind noch welche in der komischen Büchse drin, die gerade verduften wollen. Mich sollte es nicht wundern, wenn die was mit dem Wecker zu tun haben. Ich denke doch, wir wollen die nicht einfach abhauen lassen, wo sie so unhöflich waren, uns nicht Guten Tag zu sagen.“
Die Freunde sahen, dass sich das U-Boot zum Abtauchen fertig machte. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin rannten sie quer durch die Höhle und stürmten über den schmalen Steg zur Luke, die gerade geschlossen wurde. Mit aller Kraft lehnten sie sich dagegen und drangen ins Innere des Bootes vor. Nach acht Minuten kamen sie mit vier Gefangenen wieder aus der Luke geklettert.
Jens ging langsam auf Pitt zu, der noch immer konzentriert dabei war, Schaltkreise zu überbrücken und Drähte zu kappen, um die rückwärtszählende Zeitschaltuhr zu stoppen und den Sprengsatz zu entschärfen.
„Wie weit bist du?“, wollte er von Pitt wissen.
„Es ist besser, ihr haut ab, solange ihr noch könnt. Ich habe nur noch anderthalb Minuten, bevor hier alles in die Luft fliegt. Und es sieht nicht so rosig aus.“
„Ja, ich weiß schon, du machst es gern spannend. Aber mit dem Abhauen ist es so ne Sache. Die Zeit würde uns nicht reichen. Also streng dich noch etwas an“, sagte Jens, eben so leise, und schaute seinem Freund dabei interessiert über die Schulter. Auch die anderen standen nun hinter Pitt und begannen, die schnell rückwärtslaufende Zahlenfolge der Digitalanzeige zu beobachten.
Pitt, der Sprengstoff- und Entschärfungsexperte ihrer ursprünglichen Gruppe, begann leise damit, vor sich hin zu pfeifen, so wie immer, wenn es brenzlig wurde und er sich voll auf seine Arbeit konzentrieren musste.
„Noch zehn Sekunden“, flüsterte Adam leise, mit angespannter Stimme, seine aufkommende Angst unterdrückend. Bei nur noch fünf Sekunden blieb die Ziffernanzeige mit einem Mal plötzlich stehen. Pitt stutzte ganz erstaunt. „Was ist jetzt los?“
„Wieso, was ist denn?“, fragte Jens. „Du hast es wieder einmal geschafft und sogar schneller als sonst“, meinte er ernst. „Sonst war es immer knapper.“
„Nein, das war ich nicht. Ich habe in dem Moment gar nichts gemacht. Den entscheidenden Kontakt wollte ich gerade erst unterbrechen“, erklärte Pitt, nichts mehr verstehend.
„Na ja, gut“, sagte Jens wie nebenbei und lächelte dabei aber übers ganze Gesicht. „Dann aktiviere ich eben den Zünder mit der Zeitschaltuhr noch mal, damit du deine Arbeit zu Ende bringen kannst.“ Dabei zog er grinsend den Fernzünder, den er auf dem U-Boot noch in der Hand eines der Kerle entdeckt und schnell an sich genommen hatte, aus einer seiner Gürteltaschen.
„Jens, … könnte es sein, dass du ein elendes Miststück bist?“, fragte Pitt und drehte sich grinsend zu seinem Freund um. „Lässt mich hier schwitzen und an den Schaltungen rumfummeln, während du schon die ganze Zeit die Uhr hättest stoppen können?“
„Na ja, ich wollte auch mal so einen Nervenkitzel haben wie du sonst, wenn du einen Sprengsatz entschärfst“, rechtfertigte sich Jens, noch immer grinsend.
„In dem Fall bist du ein verdammtes Weichei. Ich hätte es da wenigstens bis auf eine Sekunde runtergetrieben und nicht schon bei fünf Sekunden feuchte Finger bekommen“, erwiderte Pitt und alle lachten befreit auf.
Bei all der Aufregung und danach der Erleichterung, hatten sie nicht bemerkt, dass einer der Männer fehlte.
Pitt fiel es zuerst auf, als er in die Runde seiner Freunde schaute. „Sagt mal, Jungs, … wo habt ihr eigentlich Andy gelassen?“, fragte er unsicher und ließ seinen Blick suchend durch die Höhle schweifen.
„Der ruht sich bestimmt da hinten noch von dem Fettwanst aus, der ihn so liebevoll zugedeckt hatte“, meinte Sebastian und zeigte mit dem Daumen hinter sich in die entsprechende Richtung.
„Okay, … den Fetten sehe ich. Aber wo ist Andy? Den habt ihr doch nicht etwa noch unter dem Kerl liegen lassen, oder?“
„Nope. Eigentlich nicht. Warum?“
Verunsichert drehten sich die Männer um und liefen sofort zu der Stelle, wo Andreas zuletzt mit dem Dicken gekämpft hatte und erschöpft liegen geblieben war.
„Scheiße!“, schrie Sebastian laut, dass es von den Höhlenwänden widerhallte, als er an der Stelle drei leere Ballonspritzen und eine rote Schleifspur entdeckte, die in die kleinere Höhle führte. „Den muss es schwer erwischt haben, Jungs. Und das Rindvieh hat wieder nichts gesagt und sich aus dem Staub gemacht.“
Die Gefangenen und Leichen nicht beachtend, liefen die Freunde der blutigen Schleifspur nach. Wie angewurzelt blieben sie vor dem Rand des hinteren Wasserbeckens stehen, wo die Blutspur endete. Tim und Adam sprangen sofort ins Wasser und schwammen mit schnellen Zügen zu der Stelle, an der sie ihr Tauchequipment versenkt hatten.
„Sein Zeug ist noch da“, stellte Tim fest. „Wo kann er sein?“
Sie rannten zurück in die große Höhle und suchten Andreas in jeder Ecke. Verzweifelt begannen sie nach ihm zu rufen.
„Seid doch mal still!“, rief Sebastian und lauschte, als keiner mehr was sagte. Die Männer hörten das Blubbern von Luftblasen, die an der Wasseroberfläche platzten.
„Das kommt aus der kleinen Höhle“, stellte Jens fest. Sofort liefen die Freunde wieder zurück und glaubten ihren Augen kaum. Im hinteren Bereich des Beckens, wo sich der Spalt im Fels befand, durch den sie in die Höhle gelangt waren, tauchten zwei Männer mit Notluftpatronen im Mund auf. Beide waren an den Beinen und mit den Händen nach hinten nur eng an den Daumen zusammengebunden gefesselt worden. Diese Kerle wurden eindeutig nach oben geschoben, denn allein hätten sie es mit den Fesseln nicht zur Oberfläche geschafft. Rasch sprangen die Männer ins Wasser und schwammen zu den Kerlen.
„Die haben Andys Notluftpatronen im Mund“, stellte Pitt fest. „Und wenn ich sehe, wie die Kerle gefesselt sind, dann ist das sein Werk.“
„Woran siehst du das? Kabelbinder nehmen doch heutzutage fast alle“, fragte William.
„Wir haben es uns so angewöhnt, unsere bösen Jungs nur an den Daumen zu fesseln, wenn wir allein oder getrennt im Einsatz sind. Damit können die Gefangenen sich nicht herausreden, dass sie doch die Guten sind und von den Bösen gefesselt wurden, wenn sie von unseren Leuten eingesammelt werden“, erklärte Pitt, während sie die Kerle aufs Trockene zogen.
„Aber wo bleibt Andy?“, rief Tim, als er zurückschaute. Alle hatten damit gerechnet, dass er gleich auftauchen würde, nachdem sie die Gefangenen von ihm übernommen hatten. „Sebi, wie viel Pressluftpatronen hat Andy für gewöhnlich in den Taschen seines Gurts?“, wollte Jens wissen.
„So wie wir auch. Standardausstattung …“, Sebastian unterbrach seinen Satz und seine Augen weiteten sich. „Oh Scheiße!“, schrie er laut auf und sah seine Freunde entsetzt an, als er den Satz beendete: „Zwei. Und die hatten die Kerle im Maul. Andy muss im Spalt feststecken!“
„Ihr bleibt hier, Jungs, und passt auf das Gesinde auf“, entschied Jens.
Die drei deutschen Freunde zogen ihre Notluftpatronen aus den Taschen und steckten das Mundstück zwischen ihre Zähne. Mit einem weiten Satz sprangen sie ins Wasser und tauchten sofort in Richtung Höhlenausgang. Eilig tasteten sie sich, auf der Suche nach ihrem Freund, vorwärts. Sie folgten dem Verlauf des Spaltes, den Pitt mit einer kleinen Unterwassernotlampe, die er in seinem Gurt stecken hatte, spärlich ausleuchtete. Doch sie konnten ihren Freund nirgends finden.
Sie folgten dem weiteren, engeren Verlauf des Ganges bis zum Ausgang. Aber auch da war Andreas nirgends zu entdecken. Da es dunkel geworden war, konnten sie auch im Freiwasser nichts erkennen. Eine Suche unter diesen Bedingungen, das wussten sie, war völlig aussichtslos. Sie konnten im Dunkeln und ohne Masken kaum etwas erkennen. Trotzdem versuchten sie es. Als die Luft in ihrer zweiten Patrone fast verbraucht war, kehrten sie bedrückt zum Höhleneingang zurück.
Gerade als sie in den Spalt eintauchen wollten, hörten sie in der Ferne die Stimmen von Delfinen. Die besorgten Gesichter von Pitt, Sebastian und Jens hellten sich etwas auf, während sie wieder in der Höhle auftauchten. Außer Atem kehrten sie zum Beckenrand zurück und setzten sich erschöpft auf den felsigen Untergrund.
„Wo ist Andy?“, fragte Jack. Die drei Freunde schüttelten aber nur mit dem Kopf.
„Wir haben ihn nicht gefunden“, sagte Jens dann traurig.
„Aber es gibt noch Hoffnung. Seine Familie scheint in der Nähe zu sein. Sicher haben sie ihn nach oben gebracht. Das heißt, wenn es keine andere Herde war, die wir gehört haben“, ergänzte Sebastian leise.
„Nein Sebi, denke positiv. Bestimmt war es seine Herde. Er wird es schaffen“, sagte Pitt voller Hoffnung, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Seine Freunde sorgen bestimmt dafür.“
Die vier SEALs verstanden nicht, wie diese Männer mit einem Mal so sicher und ruhig sein konnten.
Fragend schauten sie die drei Freunde an.
„Wie könnt ihr nur so ruhig bleiben, während euer Freund in Gefahr ist?“, warf William den Deutschen vor.
„Junge, wir haben alles uns Mögliche versucht. Mehr konnten wir nicht tun. Aber es besteht noch Hoffnung. Wir sagten euch doch, dass Andy hier Freunde im Meer hat“, erklärte Pitt leise. „Und die sind vielleicht gerade hier in der Nähe. Die Tümmler haben ihm schon oft geholfen. Die wissen, was sie tun, und Andy weiß es auch, sonst wäre er nicht rausgeschwommen, sondern in die Höhle zurückgekehrt.“
„Das hoffen wir zumindest“, schränkte Jens ein.
„Ich möchte nur wissen, wie die zwei Miststücke in den Spalt gekommen sind, wo Andy sie wohl erwischt haben muss“, fragte Adam nachdenklich. „Wir hatten doch eigentlich alle erwischt. Oder etwa nicht?“
Jens versprach, das herauszubekommen, und wenn er die Männer wie eine Zitrone ausquetschen müsse.
„Kommt, Leute, verfrachten wir das Gesocks in das U-Boot. Die Toten können wir liegen lassen, die laufen nicht mehr weg. Dann sehen wir zu, dass wir hier rauskommen und der ägyptischen Marine Entwarnung geben. Was anderes können wir im Moment hier nicht mehr tun. Wir sind zu erschöpft, um Helden zu spielen. Sicher ist Andy schon auf dem Boot“, sagte Sebastian und hinkte zurück in die große Höhle. „Na los, kommt schon, ich schipper euch hier mit dem Kahn raus. Das ist mal etwas, was ich kann.“
„Ich auch“, meldete sich Jack. „Sieh du mal lieber zu, dass du dein Bein stillhältst. Dir scheint die Prothese am Beinstumpf sehr zu schmerzen.“
„Danke, du Greenhorn. Stell dir nur vor, das habe ich auch selbst schon gemerkt. Darauf brauchst du mich nicht extra noch aufmerksam zu machen“, knurrte Sebastian. „Kümmere dich lieber um deinen Streifschuss am Arm. Wir haben alle was abgekriegt und können nicht warten, bis es ausgeheilt ist, um hier wegzukommen. Aber du kannst mir ja helfen, den Kahn hier rauszubringen. Die Leute warten auf uns. Die Bude können wir dann morgen gemeinsam mit den anderen, die noch frisch sind, ausräumen. Ich will aufs Schiff, denn ich habe mordsmäßigen Hunger und Durst, bin müde, brauche eine Dusche und will wissen, wie es den beiden Frauen und unseren Freunden geht. Hoffentlich erfahren wir da auch was von Andy.“
Sie brachten ihre Gefangenen an Bord des U-Bootes. Sebastian und Jack steuerten es gemeinsam in einer Tiefe von neunzig Metern aus der Höhle. Sicher lenkten sie es ums Riff herum und tauchten in der Nähe des Marineschnellbootes auf. Nacheinander wurden die Gefangenen von den Matrosen an Bord des Schnellbootes gebracht und vom Schiffsarzt behandelt, bevor sie in Gewahrsam genommen wurden.
Als Letzte verließen die sieben Freunde das kleine U-Boot und gingen, gestützt von ihren ägyptischen Freunden, an Bord.
„Wo habt ihr denn Andy gelassen?“, fragte Oberstleutnant Mahmud Kebier und schaute besorgt in die Gesichter seiner Freunde.
„Wir hatten gehofft, dass du uns das sagen kannst. Ist er denn nicht schon hier?“, fragte Pitt traurig zurück. „Wir wissen es nicht, Mahmud. Alles, was wir wissen, ist, dass er schwer verletzt sein muss. Wir haben ihn gesucht, aber nicht gefunden. Wir denken, er muss aufgetaucht sein. Er hatte keine Luft dabei. Aber wir haben Delfine gehört.“ Kaum dass Sebastian das gesagt hatte, brach er zusammen. Auch die anderen Männer konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihre, durch das lange Tauchen und durch schwere Einzelkämpfe geschwächten und gezeichneten Körper, forderten ihren Tribut.

Oberstleutnant Kebier entschied, die sieben Männer sofort aufs Sanitätsboot zu verlegen, welches gerade wieder eintraf und direkt neben dem Marineschnellboot vor Anker ging.
Zur gleichen Zeit schickte Jamaal Al Aamer, der Kapitän des Schnellbootes, Matrosen mit den Zodiacs los. Sie sollten mit starken Scheinwerfern das gesamte Gebiet gründlich nach Andreas absuchen, der sich an der Wasseroberfläche befinden musste.
Jeder der Matrosen kannte den Mann. Sie mochten ihn ganz besonders und wären auch ohne den Befehl ihres Kapitäns sofort auf die Suche nach ihm gegangen.
Die Suchscheinwerfer durchpflügten geradezu die Wasseroberfläche und waren weit hin sichtbar. Auch von Bord des Marineschnellbootes aus suchten leistungsstarke Scheinwerfer die Wasseroberfläche ab. Besorgt schauten die ägyptischen Matrosen, Offiziere und Taucher an Bord der beiden Marineboote, aufs Meer hinaus, wo die Lichtkegel die Oberfläche erhellten. Immer weiträumiger suchten die Matrosen das Gebiet ab. Doch all ihre Bemühungen blieben erfolglos. Sie konnten ihren deutschen Freund nicht finden.
Nach drei Stunden mussten sie die Suche abbrechen, da der Wellengang wieder zunahm. Mit hängenden Köpfen kehrten die Matrosen zum Schiff zurück.

Sofort wurden die vier verwundeten SEALs mit Jens, Sebastian und Pitt in den Behandlungsraum gebracht, wo sich gleich vier Ärzte um sie kümmerten.
Als sie Sebastian auf Wunsch seine Prothese abnahmen, stöhnte er erleichtert auf. Der Unterschenkelstumpf war stark angeschwollen. Die Prothesenränder hatten sich tief ins Gewebe eingedrückt und die Haut aufgerieben, und das, obwohl sie gepolstert und der Beinstumpf durch den Silikon-Liner geschützt waren. Die Haut rundherum war bereits von einer Entzündung gerötet. Der Arzt schüttelte nur immer wieder mit dem Kopf, während er den Beinstumpf behandelte und dann verband. Danach schaute er sich die einen Tag älteren Wunden an, die Sebastian wasserdicht gehalten hatte, und versorgte auch diese nochmals gründlich.
„Hast du sonst noch wo was abbekommen, Sebi?“, fragte der Doktor. Bereitwillig zeigte Sebastian die neue Schnittwunde am Oberarm, die ihm einer der Kerle im Nahkampf zugefügt hatte.
Jack und Pitt bekamen ihren Streifschuss behandelt, während Jens in den OP geschoben wurde. Bei einem kleinen Eingriff, nur mit örtlicher Betäubung, da er darauf bestanden hatte, keine Narkose zu wollen, wurde ihm ein Projektil aus dem Oberarm, nahe der Schulter, entfernt.
Keiner der Freunde sprach ein Wort, während sie ärztlich versorgt wurden. Sie alle waren in Gedanken draußen auf dem Meer bei Andreas. Die vier SEALs bedauerten den Verlust dieses Mannes, den sie doch gerade erst kennen und schätzen gelernt hatten. Doch Pitt, Sebastian und Jens hatten die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihren Freund lebend wiederzusehen.
„Jetzt zieht nicht solche Gesichter, Jungs“, sagte Pitt, als sie alle fertig behandelt und versorgt in ein gemeinsames Krankenzimmer gebracht worden waren und dort an einem Tisch saßen, auf dem ein warmes Abendessen für sie stand, aber keiner etwas davon anrührte. „Ich kann das nicht mehr ersehen. Los, esst was. Wir haben alle Hunger und helfen Andy nicht, wenn wir jetzt nichts essen. Wenn er noch lebt – und davon gehe ich aus –, dann braucht er sicher schon bald unsere Kräfte.“
„Aber die Männer haben alles abgesucht und Andreas nicht gefunden“, meinte Tim, den Kopf hängen lassend.
„Das ist noch lange kein Grund, Andy aufzugeben. Er hat schon ganz andere Sachen überstanden“, sagte nun auch Sebastian.
„Stimmt. Sebi und Pitt haben recht. Solange wir nicht seine Leiche finden, lebt er. Unser Freund hat mehr Leben als eine Katze“, bestätigte Jens, davon überzeugt. Er griff als Erster zur Gabel und zog einen Teller mit Spaghetti zu sich heran.

Obwohl sie erschöpft waren, fanden sie keine Ruhe. Immer wieder schauten sie auf die Uhr. Ihr Freund war nun bereits seit vier Stunden verschwunden. Auch wenn die Wassertemperatur des Roten Meers zurzeit 22°C betrug, würde es Andreas nicht ewig, auf der Wasseroberfläche treibend, im Wasser aushalten können. Er war der Gefahr einer Hypothermie ausgesetzt, die auch den stärksten Mann in die Knie zwingen konnte.
Die drei Freunde erinnerten sich wieder daran, dass Andreas ein Bein nachgezogen hatte. Sie dachten an die breite Blutspur, die sich bis zum Wasser zog. Sie wies deutlich darauf hin, dass ihr Freund nicht dahin gelaufen, sondern sich hingeschleppt hatte. Mit jeder weiteren Stunde, die verging, wurde die Hoffnung der drei Männer, ihren Freund lebend wiederzusehen, kleiner.
„Jungs, ich halte es hier drin nicht mehr aus. Wir liegen auf bequemen Betten, warm zugedeckt. Doch Andy ist irgendwo da draußen in der kühlen Nacht, im kalten Wasser, und braucht unsere Hilfe“, sagte Sebastian und erhob sich von seinem Lager. Er stellte sich hin und hüpfte auf seinem einen Bein auf die Tür zu.
„Was hast du vor, Sebi?“, fragte Pitt.
„Ich brauche einfach frische Luft und die bekomme ich am Bug, wo ich auch übers Meer blicken kann. Vielleicht kann ich ja was entdecken oder mir fällt etwas ein. Aber ich bin nicht bereit, Andy aufzugeben.“
„Warte, Sebi, wir kommen mit“, kam von Jens, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht eins der dicken Sweatshirts mit Kapuze von Andreas überzog, welches mit in den Kisten mit dem Anthrax gewesen war und die ägyptischen Matrosen durchgewaschen und getrocknet hatten. „Bei dem Seegang kannst du dich nicht allein auf deinem einen Bein halten.“
Auch die vier verletzten SEALs hielt es nicht mehr im Bett. Sie wollten ihre Freunde zum Bug des Sanitätsschnellbootes begleiten und nahmen Sebastian in ihre Mitte, wo er sich auf ihre Schultern stützen konnte.
Die Matrosen, die zu dieser Zeit auf dem Deck Wache hatten, machten den Männern Platz und begleiteten die Gruppe von Freunden mit traurigen Blicken. Den Matrosen und Sanitätern des ägyptischen Marinesanitätsschnellbootes ging es nicht anders als diesen Männern. Sie trauerten um den Verlust ihres deutschen Freundes, aber sie wollten es, nicht glauben.
Am Bug des Schiffes angekommen, stellten sich die Männer in einer Reihe an die Reling und schauten übers Meer in Richtung des lang gezogenen Riffs. Keiner der Sieben sprach ein Wort. Jeder von ihnen hing seinen Gedanken nach und rührte sich nicht von der Stelle. Der Wind blies ihnen ins Gesicht und die Gischt der Wellen, die sich am Bug brachen, peitschte über sie hinweg. Doch keiner von ihnen wich auch nur ein Stück zurück. Das Salzwasser brannte in ihren Augen und der Wind reizte sie zusätzlich, bis sie gerötet waren und tränten.
„Ich sage es nicht gern, Jungs“, hörten die Männer die Stimme des ägyptischen Kapitäns auf Englisch hinter sich. „Aber wenn unser Andy an der Oberfläche treiben sollte, dann schaut ihr in die falsche Richtung. Denn dann dürfte ihn die Strömung schon weit nach Süden mit sich gezogen haben. Unsere Küstenwache sucht in dem Gebiet bereits mit drei Schiffen nach ihm.“
Pitt und Jens drehten sich zu dem ägyptischen Marinekapitän um und schauten ihm ins wettergegerbte Gesicht.
„Danke, Sayed“, sagte Jens, „die Hilfe wissen wir sehr zu schätzen. Doch wir haben das unbestimmte Gefühl, dass sich Andy nicht an der Wasseroberfläche befindet. Sondern irgendwo da vor uns unten auf den Grund. Und wir sind es ihm, seiner Frau und uns selbst schuldig, ihn zu finden.“
„Aber wir sind nicht bereit, an seinen Tod zu glauben“, meinte Pitt auf Arabisch. „Nicht bevor wir wirklich seine Leiche gefunden haben. „Ich hoffe, Sie können das verstehen.“
Der Kapitän nickte den Männern verstehend traurig zu. Er versprach ihnen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bei der weiteren Suche zu helfen. Dann ging der kleine Ägypter zurück auf die Brücke. Er befahl einem seiner Matrosen, den Männern am Bug wasserfeste Kleidung und etwas Heißes zu trinken zu bringen, und ließ die Suchscheinwerfer wieder anschalten und deren helle Lichtkegel vor dem lang gezogenen Riff kreuz und quer über die Wasseroberfläche gleiten.
Als die Sonne am östlichen Horizont aus dem Wasser stieg, hatte sich das Meer wieder beruhigt und lag glatt wie ein Spiegel vor den Männern. Sie hatten die ganze Nacht an der Reling am Bug zugebracht und voller Hoffnung aufs Meer hinausgeblickt. Dabei war mit jeder Stunde die Hoffnung etwas weiter gesunken, ihren Freund doch noch lebend wiederzusehen.
Noch zwei Stunden nach dem Sonnenaufgang hielten sie es aus. Dann gingen sie schweigend, müde und zu tiefst bedrückt, langsam den Gang an der Steuerbordseite des Sanitätsbootes die Reling entlang, um in ihre Kajüte zu gelangen.


Fortsetzung folgt
 
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