Kurz vor Ende seines letzten Zweikampfes in der Höhle, hatte Andreas gespürt, wie ihn etwas traf. Ein durchdringender, stechender Schmerz durchzog sein Kreuz. Als er sich dann im Kampf auf den Rücken rollte und der Kerl schwer auf ihm liegen blieb, wurde der Schmerz noch schlimmer. Er blieb unbeweglich liegen, schloss seine Augen, um sich voll auf seinen Körper zu konzentrieren und das Schmerzgefühl in seinem Hirn abschalten zu können. Ihn hatte wohl während des Zweikampfes irgendetwas Spitzes getroffen, er war dann auf den Gegenstand gerollt und danach zusätzlich durch das Gewicht des Kerls darauf gedrückt worden, was nun tief in seinem Rücken stach und diese Schmerzen auslöste.
Andreas hatte mitbekommen, dass seine Freunde mit einem Mal schnell wegliefen. Er öffnete seine Augen und wollte aufstehen, um ihnen nachzulaufen, als er bemerkte, dass er seine Beine nicht mehr richtig bewegen konnte. Aus dem Augenwinkel sah er zwei dunkle Gestalten, die aus einem Versteck huschten und auf ihn zukamen. Noch ehe er darauf reagieren konnte, stach einer von ihnen kurz mit dem Messer auf ihn ein, und beide liefen weiter in die kleinere Höhle zu dem Kistenstapel.
Andreas ahnte sofort, dass diese beiden Kerle sich an dem Nervengift zuschaffen machen wollten. Schnell zog er seine Ballonspritzen mit dem Blutgerinnungsmittel und unterschiedlich starken Schmerzmitteln, wie dem Morphin aus seiner Gurttasche hervor und jagte sich gleich alle drei nacheinander in seine Oberschenkel. Noch bevor die Injektionen wirkten, biss er die Zähne zusammen. Er drehte sich herum und zog seinen Körper, nur mit der Kraft seiner Arme, zum Höhleneingang und dann in die kleinere Höhle bis zum Rand des Wassers.
„Hey, ihr Vollidioten, lasst die Pfoten von den Kisten!“, rief er und zog eine der ‚Heckler & Koch P11‘ aus dem Gurt. Sofort eröffnete er das gezielte Feuer auf die beiden Männer, aber verfehlte sie knapp.
„Los, ersäufen wir den Schwachmaten!“, schrie einer von ihnen, woraufhin beide ins Wasser sprangen und zum Angriff übergingen. Sie sahen für sich keine Gefahr, so zu zweit gegen den, wie es aussah, schwer verletzten Mann. Und schon zogen sie Andreas zu sich ins Wasser.
Doch da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn im Wasser war Andreas in seinem Element und das Schmerzmittel begann auch gerade zu wirken.
Nach einem kurzen Kampf bekam er beide Kerle gut zu packen. Er zog sie unter Wasser in den Felsspalt und ließ sie nicht mehr los. Er steckte sich das Mundstück einer seiner Pressluftpatronen in den Mund und atmete tief durch. Während die beiden Kerle, die dem Ertrinken nahe waren, um ihr Leben kämpften, fesselte Andreas sie schnell mit Kabelbindern. Die Bewegungen seiner Gegner wurden dabei zunehmend schwächer. Als er in der Ferne, vom Höhleneingang her, die Klicklaute und Pfeiftöne von Delfinen hörte, stand sein Entschluss fest.
Noch einmal nahm er einen tiefen Luftzug aus der Patrone, dann steckte er das Mundstück einem der Kerle, der dem Ertrinken nahe war, in den Mund. Holte auch die zweite Patrone aus der Tasche, nahm davon ebenfalls noch schnell hintereinander zwei tiefe Züge, um seine Lungen mit Luft vollzupumpen, und gab die Patrone dem zweiten Kerl zwischen die Zähne. Dann schob er beide aus dem Gang in die Höhle zurück und beobachtete, wie die Kerle nach oben trieben. Danach machte er kehrt und schwamm mit kräftigen Armzügen durch den schmalen Spalt hinaus ins offene Meer.
Kaum hatte er sich durch den engen Spalt gedrängt und nur noch wenig Luft in den Lungen, wurde er an seinen Armen gepackt und in einem rasanten Tempo weggezogen. Verschwommen erkannte er die Körper von Delfinen an seiner Seite. Dann wurde es zunehmend dunkler um ihn herum, bis er in eine tiefe Bewusstlosigkeit fiel.
Als er wieder zu sich kam, fand er sich im Flachwasser einer Höhle wieder. Durch ein kleines Loch im Höhendach tropfte salziges Wasser und die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch dieses Loch in das Gewölbe. Andreas nahm das alles nur wie im Traum wahr. Mühevoll zog er sich aus dem Wasser aufs Trockene. Ihm war kalt und der Schmerz schien seinen Körper zu verbrennen.
Mit letzter Kraft holte er eine Ballonspritze mit rotem Ballonkopf aus dem Notpack seines Taschengurts. Seine Hand zitterte, als er die Schutzhülle von der Nadel zog, sich die Nadel dann in seinen Oberschenkel stach und den Ballon ausdrückte. Langsam gelangte das Morphin in seinen Blutkreislauf. Doch davon bekam er schon nichts mehr mit, denn er war erneut bewusstlos geworden, noch bevor er die Nadel wieder aus dem Bein ziehen konnte.
Die Stimmen von Delfinen drangen an sein Ohr. Langsam öffnete Andreas wieder seine Augen. Der Schmerz hatte nachgelassen. Vorsichtig setzte er sich auf und sah vor sich die Köpfe von zwei Tümmlern im Wasser und lächelte ihnen zu. Er wusste nicht, wo er war, aber er wusste, dass ihn die Delfine hierhergebracht hatten.
„Danke, Jungs“, sagte er leise. „Mir geht es besser.“ Er rutschte ein Stück ins Wasser zurück und hielt den Tieren seine flache Handfläche entgegen. Leicht stupsten die Tümmler dagegen und verschwanden dann in die Tiefe, wo sich der Höhlenausgang befinden musste.
Andreas rutschte ganz ins Wasser zurück, holte tief Luft und tauchte ab. Er wollte den Delfinen folgen. Doch der Höhlenausgang lag zu tief unten. Er konnte zwar die große Öffnung schon sehen, sie aber nicht erreichen. Resignierend tauchte er wieder zur Wasseroberfläche zurück und zog sich an den Rand.
Ja, da sitze ich hier wohl fest. Hoffentlich bringen sie mir gelegentlich mal einen Fisch vorbei, damit ich hier nicht verhungern muss, dachte Andreas und begann sich in der Höhle umzusehen, die vom Licht, das durch das Loch im Höhlendach hereinströmte, bizarr beleuchtet wurde. Er entdeckte hinter sich an der Höhlenwand mehrere große, kakigrüne Metallkisten.
Stöhnend richtete er sich auf. Dabei bemerkte er den Spritzenkörper, der noch in seinem Oberschenkel steckte, und zog ihn heraus. Er wusste nicht mehr, dass er sich diese Injektion überhaupt gegeben hatte. Aber da er sich Morphin gespritzt hatte, mussten seine Schmerzen gewaltig gewesen sein. Er kontrollierte sein Notpack und stellte fest, dass er nur noch eine der Ballonspritzen besaß. Als er an seine linke Bauchseite fasste und die Hand dann vor sich hielt, war sie voller Blut.
Das kann ich jetzt gerade noch gebrauchen. Er schnallte seinen Taschengurt ab und zog den Reißverschluss seines Tauchanzuges auf, schlüpfte aus den Ärmeln, was ihm einige Mühe kostete. Schwer atmend streifte er den Neoprenanzug vorsichtig über die Wunde bis zu seiner Hüfte. Viel konnte er in dem matten Licht nicht erkennen. Er nahm ein wasserdicht eingeschweißtes Verbandspäckchen aus einer der Taschen des Gurtes, legte die Kompresse auf und das wasserdichte Material darüber, bevor er alles mit der Mullbinde um seinen Bauch fixierte. Dabei schnitt er sich, an einem scharfen Gegenstand, der in seinem Rücken steckte, den Handrücken auf.
„Auch das noch. Dagegen kann ich jetzt nichts machen. Also, alter Junge, ignoriere es einfach. Erst sehen wir nach, was in den Kisten ist. Dann überlegen wir, wie wir hier aus der Scheiße wieder rauskommen“, murmelte er vor sich hin.
Er schleppte sich, ein Bein nachziehend, zu den vielen säuberlich getrennt aufgestapelten Behältern. Es standen immer je drei Kisten übereinander. Aber je Gruppe in unterschiedlicher Anzahl. Nacheinander öffnete Andreas die Verschlüsse und schaute in je eine Kiste der Gruppe.
Ein anerkennender Pfiff verließ seine Lippen, als er den Inhalt der ersten Kiste sah.
Cool, genug Dynamit, um locker ein ganzes Stadtviertel plattzumachen.
Als er in die zweite Kiste schaute, wurden seine Augen groß vor Staunen. Die war vollbepackt mit dem formbaren Sprengstoff ‚C4‘ und in der dritten Kiste fand er den Plastiksprengstoff ‚Semtex‘ und auch noch einige Blöcke ‚TNT‘.
„Wow, das Spielzeug hier erfreut doch jedes Terroristenherz“, stellte er trocken fest. „Dann brauche ich ja nicht lange raten, was in den Kisten des vierten Stapels ist. Ich denke mal, da sind diverse Zünder drin.“ Er öffnete auch den Deckel einer der Kisten vom vierten Stapel. „Bingo, hundert Punkte für den Kandidaten“, sagte er laut, dass es in der Höhle widerhallte, während er die Kiste wieder schloss. „Alles feine Sachen, nur nützen sie mir hier nicht gerade wirklich was, außer ich wäre so wahnsinnig, mich hier frei sprengen zu wollen“, murmelte er leise weiter vor sich hin. Dann entdeckte er neben dem Kistenstapel etwas weiter hinten an der Wand noch eine kleine, unscheinbare Holzkiste ohne Deckel. Neugierig ging er darauf zu. Ein Lächeln zog über sein Gesicht, als er den Inhalt sah.
Nette Jungs, dass sie mir eine Art Haustürschlüssel dagelassen haben, dachte Andreas und schaute dabei zu dem Loch in der Höhlendecke, durch das das Licht eindrang. Er zog seinen Neoprenanzug wieder komplett über. Dabei hatte er nur kurz nicht an seinen Rücken und dass da etwas drinsteckte, gedacht. Laut schrie er vor Schmerzen auf, als der Anzug über diese Stelle glitt und der Fremdkörper sich dadurch noch tiefer einschnitt. Der eng anliegende Tauchanzug drückte schmerzlich den Gegenstand weiter in die Wunde.
Andreas biss die Zähne zusammen, und atmete tief durch, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er nahm sich aus der Holzkiste fünf der rohrartigen Behälter. Langsam schleppt er sich zum Wasser zurück und schwamm direkt unter die kleine Öffnung, die gut sechs Meter über ihm war. Er drehte sich im Kreise, um die beste Stelle zu finden, wo er nicht von den einfallenden Sonnenstrahlen geblendet wurde.
Er wusste, dass er sich keinen Fehler leisten konnte, sonst würde er mit all dem Zeug in diesem Höhlengewölbe in die Luft fliegen. Während er die roten Schutzkappen an beiden Enden abzog und den Sicherheitsclip entfernte, konzentrierte er sich ganz auf sein Ziel, fixierte das Loch über sich an und drückte den Auslösehebel gegen den Rohrkörper.
„Komm schon, Sebi, lass gut sein. Davon bekommen wir Andy auch nicht wieder. Lass uns wieder reingehen. Ich will raus aus dieser Hitze. Wir sind doch alle noch ziemlich fertig“, meinte Jens.
Sie waren gerade wieder an ihrer Mannschaftskajüte angelangt und wollten die Tür bereits hinter sich schließen, als plötzlich ein deutliches Zischen zu hören war. Blitzschnell drehten sie sich wie auf Kommando um und schauten in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten. Eine Rakete stieg in den wolkenlosen Himmel. Nach einem dumpfen Knall entdeckten sie ein rotes Licht, das an einem kleinen Fallschirm zu hängen schien und im leichten Nordwind Richtung Wasseroberfläche zurücksegelte. Nach 40 Sekunden war der Spuk bereits wieder vorbei.
„Das war doch eine Fallschirmsignalrakete!“, rief Sebastian aufgeregt und hüpfte auf seinem einen Bein zurück zur Reling. „Wo kam die her? Es muss hier ganz in der Nähe gewesen sein.“ Auch die anderen Männer traten an die Reling und liefen dann zum Bug des Schiffes, um zu ermitteln, woher das eindeutige Notsignal kam. Erneut zischte es und eine weitere Rakete stieg dreihundert Meter in die Höhe, wo dann ein weißer Leuchtpunkt, mit einer grellen Leuchtintensität von einhunderttausend Candela, am Fallschirm zu sehen war. „Es kommt von der östlichen Riffspitze“, stellte Pitt fest.
„Aber da ist doch nichts“, gab Jens zurück. „Oder könnt ihr da was erkennen? Vielleicht ja hinter den Felsen auf der Nordseite. … Hatte Andy eigentlich Signalstäbe mit dabei?“ „Nein, nicht dass ich wüsste. Aber wer sagt uns, dass er nicht an welche rangekommen ist? Wir müssen dorthin!“, rief Sebastian und hüpfte auch schon zurück in die Kabine, um sich den Liner und seine Prothese mit aller Gewalt über den verbundenen Beinstumpf zu ziehen.
Eine grau-blaue Rauchschwade hinter sich herziehend, schoss eine dritte Leuchtrakete in den azurblauen Himmel. Jetzt sahen sie deutlich, dass die Signalrakete vom Riffdach an der Ostspitze, das etwa zehn Meter über der Wasseroberfläche lag, gestartet sein musste.
Oberstleutnant Mahmud Kebier und Kapitän Sayed Khairat hatten die Signalraketen ebenfalls bemerkt und die Matrosen machten bereits die vier Zodiacs klar. Auch die beiden Zodiacs des Sanitätsschiffes wurden gerade zu Wasser gelassen.
Während die Freunde zum Heck sprinteten, und gerade noch rechtzeitig auf eines der großen Schlauchboote sprangen, schoss eine weitere Fallschirmsignalrakete zischend in den Himmel.
Sie rasten mit Vollgas um die Riffspitze herum. „Hier ist weder ein Boot noch ein Mensch zu sehen, der die Signalraketen abgeschossen haben könnte“, stellte Jens resignierend fest, während er mit dem Fernglas übers Wasser blickte. Er richtete den Blick gerade auf die zehn Meter steil aufragende Felswand, die vom Wasser ausgewaschen einen großen Überhang bildete, als eine weitere Leuchtrakete emporschoss. „Wir müssen da hoch. Die Leuchtrakete kam von da oben!“, rief er, den Motorenlärm der Außenborder übertönend, auf den oberen Teil des Felsens zeigend.
„Nur von dieser Seite haben wir keine Chance, ranzukommen. Wie sieht es auf der anderen Seite aus, von der wir gekommen sind?“ Sebastian übernahm nun selbst das Ruder des Zodiacs und steuerte es nahe dem Riffdach langsam um die Ostspitze zurück nach Süden. Dabei studierten sie die gemischte Riff- und Felsstruktur regelrecht.
„Stopp!“, rief William. „Von hier aus geht es. Wir müssen ein Stück über das flache Riffdach laufen, dann kommen wir gut an den Fels heran und können dort drüben hoch klettern.“
Sebastian steuerte den Zodiac so nah heran, wie es ihm möglich war. Die anderen Schlauchboote folgten seinem Beispiel. „Aber seid vorsichtig“, warnte Sebastian laut schreiend, damit es auch jeder hören konnte: „Achtet darauf wo ihr hintretet, hier halten sich gern Seeigel und Steinfische auf. Wenn ihr da drauflatscht, habt ihr ein paar Probleme. Denkt dran, die sind giftig. Vor allem die Steinfische. Also schiebt lieber die Füße in dem Flachwasser langsam vorwärts.“ Das Ganze wiederholte er auch noch auf Arabisch. Ihm selbst kitzelte es in den Fingern, ebenfalls mitzugehen. Doch er wusste, dass er da eher eine Behinderung für die anderen wäre, denn der Pin war nicht richtig in den Prothesenschaft eingerastet, weshalb seine Prothese nicht wirklich fest auf dem dick verbundenen Beinstumpf saß. Sie gab ihm somit nicht den nötigen Halt. Er hoffte aber, so wie alle anderen auch, dass sein Freund, Andreas Wildner, noch lebte und die Leuchtsignale von ihm kamen.
Andreas hörte die Außenbordmotoren von näherkommenden Kleinbooten, als er den fünften Signalstab nach oben hielt, genau zielte und den Auslösehebel gegen den Röhrenkörper drückte. Diese Aktion hatte all seine Konzentration und Körperenergie gekostet. Erneut wurde es ihm langsam wieder schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft, am ganzen Körper vor Kälte zitternd, zog er sich die Kopfhaube des Tauchanzuges über den Kopf. Dank des Neoprenanzuges mit seinem Eigenauftrieb und dem hohen Salzgehalt des Wassers ging er nicht unter, sondern lag ruhig auf der Wasseroberfläche, als er erneut in eine tiefe Bewusstlosigkeit sank.
So gewarnt, bewegten sich die Männer vorsichtig über das Riffdach bis zum Felsen. Sich gegenseitig helfend, das gleiche Ziel verfolgend, kletterten die ägyptischen Marins, amerikanischen SEALs und deutschen Freunde gemeinsam, den verwitterten, brüchigen Fels nach oben, der hauptsächlich aus abgestorbenen, scharfkantigen Steinkorallen bestand.
Die Sonne schien unbarmherzig vom Himmel, die Luft flimmerte. Das Gestein des Riffdachs hatte sich aufgeheizt und strahlte nun zusätzlich Wärme ab, was den Männern den Schweiß aus allen Poren trieb. Sie schnitten sich die Handflächen an den scharfen Kanten der Steinkorallenskelette auf, an denen sie sich festhielten, wenn sie mit den Füßen abrutschten und sich weiter nach oben zogen. Doch keiner gab auf oder beschwerte sich. Weder wegen der zerschundenen Hände noch wegen der Hitze.
Endlich oben angekommen. Ihr Atem ging schwer. Ihnen bot sich eine von Wind, Sonne und Meer gezeichnete, zerklüftete und poröse Oberfläche.
„Wo steckt der Kerl? Ich kann ihn hier nirgends sehen.“ Pitt drehte sich im Kreis und sah sich genauer um. Auch die anderen Männer sahen nichts, außer dem kargen, zerklüfteten Fels.
„Vielleicht gibt es hier Löcher oder auch Höhlen“, meinte Jens.
„Wir müssen systematisch vorgehen. Wir sollten in einer geschlossenen Reihe den Fels absuchen“, schlug ein ägyptischer Marineleutnant vor.
„Und was ist, wenn es sich dabei nur um eine dünne Höhlendecke handelt? Dann brechen wir vielleicht alle ein“, gab ein anderer zu bedenken.
„Gut, dann bilden wir eine V-Formation mit einem Abstand von mindestens sechs Metern zueinander und die zweite Staffel folgt uns in zehn Metern Abstand, versetzt zur ersten Formation“, schlug Jens vor. „Damit können wir die Fläche gut absuchen, ohne dass wir durch zu viel Gewicht auf einer Stelle, eine eventuelle dünne Höhlendecke zum Einsturz bringen und gleich mehrere von uns da hineinfallen. Wir müssen die Öffnung finden, aus der die Signalraketen abgefeuert wurden. Achtet auf jeden Schritt, den ihr macht. Wir gehen hier von der Ostspitze nach Westen vor.“
Unverzüglich teilten sich die Männer in zwei Gruppen und bezogen ihre Stellungen, um geordnet nacheinander vorzurücken.
Jeder der Männer hoffte, dass die Signalraketen von Andreas abgeschossen worden waren. Sie waren motiviert, aller Hitze auf dem kahlen Fels trotzend, die Öffnung im Fels zu finden.
Die SEALs waren beeindruckt von der Zusammenarbeit mit den Deutschen und den Ägyptern, die sich so gut verstanden und sie ganz selbstverständlich einbezogen. Und das, obwohl sie doch kurz zuvor erst erfahren hatten, dass es Amerikaner, ihre Landsleute, gewesen waren, welche die Anschläge auf das ägyptische Volk und andere muslimische Staaten geplant hatten.
Langsam rückte die erste Gruppe vor. Die Männer achteten auf jeden Schritt und scannten auf der Suche nach der Felsöffnung, ihre nähere Umgebung mit den Augen ab. Die zweite Gruppe folgte der ersten zehn Meter später versetzt nach. Akribisch suchten sie jeden Zentimeter ab.
Sebastian, im Zodiac, schaute nach oben zu den Männern, die langsam immer weiter vorrückten.
Gottverdammt, warum schießt dieser Kerl nicht noch eine Leuchtrakete ab, damit wir ihn schneller finden können, dachte er. Ich hoffe nur, dass es keine Falle für unsere Jungs ist. Mit dem Zodiac fuhr er, auf der gleichen Höhe der ersten Gruppe bleibend, langsam an der Riffkante entlang. Er griff, ohne den Blick von den Männern auf dem Fels zu lassen, zum Mikro des Funkgerätes, als er die Stimme von Oberstleutnant Kebier über den Lautsprecher hörte. „Hallo Mahmud, hier Wanderfalke. Die Jungs arbeiten sich auf dem Fels langsam vor. Was gibt es?“
„Abdul hat sich gemeldet. Anne ist im Moment stabil und deiner Frau geht es gut“, informierte Mahmud Kebier ihn. „Hasan und Kasim halten die Stellung im Palast. Dort ist bis jetzt alles ruhig.“
„Danke, Mahmud, das hört man doch gern“, gab Sebastian auf Arabisch zurück. „Ich werde es den Jungs so schnell wie möglich berichten. Sicher wird sie das freuen. Jetzt können wir nur noch hoffen, dass die Leuchtsignale wirklich von Andy gekommen sind und wir ihn lebend finden. Denn wie du sicher selbst bemerkt hast, sind seit über einer Stunde keine Raketen mehr aufgestiegen. Ich hoffe nur, dass es keine Falle für uns ist.“
„Das müssen wir wohl riskieren, wenn wir Andy finden wollen. Alle Männer wissen um die Gefahr, und doch haben sie sich freiwillig für diese Suche gemeldet“, erklärte der befreundete Oberstleutnant.
„Ich melde mich wieder, wenn sich hier was Neues ergibt. Wanderfalke Ende.“ Sebastian hängte das Mikro in die Halterung neben dem kleinen Funkgerät zurück. Er war erleichtert, dass es seiner Frau und auch Anne besser ging. Nun beherrschte nur noch die Sorge um den vermissten Freund, sein Denken. Angespannt klopften seine Finger auf der Steuerkonsole einen schnellen Rhythmus.
„Pitt“, schrie er seinem Freund zu, der die erste Gruppe anführte, „ich glaube, die Signalraketen sind gute hundertfünfzig Meter weiter vor euch hochgegangen. Beeilt euch doch etwas. Oh, und noch was: Kim und Anne geht es den Umständen entsprechend besser. Sag das den anderen.“
Pitt winkte kurz, dass er verstanden hatte, gab die gute Nachricht weiter und beschleunigte etwas seinen Schritt. Jens führte die zweite Gruppe an. Als er bemerkte, dass sein Freund das Tempo erhöhte, folgte er mit seinen Männern sofort nach.
Die Sonne brannte erbarmungslos auf die Männer herab. Einige der jungen Männer, die sich wegen der Hitze und der extremen Sonneneinstrahlung ihr Shirt ausgezogen und als Schutz über Kopf und Nacken gehängt hatten, wiesen heftige Sonnenbrände an Armen, Schultern und dem unteren Rücken auf. Andere bemerkten das Brennen hauptsächlich im Nacken und im Gesicht. Und dort hauptsächlich auf Nase und auch den Ohren. Trotzdem suchten sie unbeirrt weiter. Keiner von ihnen war bereit aufzugeben. Mitgebrachte Wasserflaschen gingen von Hand zu Hand. Jeder nahm immer nur einen kleinen Schluck, bevor er die Flasche dem Mann neben sich reichte.
Die Suchaktion dauerte jetzt schon weit über drei Stunden und noch immer war nichts von ihrem Freund zu sehen und auch nichts zu hören.
Sollte dieser Einsatz wirklich vollkommen umsonst gewesen sein? Nein, da musste doch jemand sein. Wo waren sonst die Notsignalraketen hergekommen? Irgendwo hier oben auf dem Riffdach musste doch etwas zu finden sein. Irgendetwas, das die Männer zu Andreas führte. Nur wo, auf diesem riesigen, zerklüftetem Stück Einöde?
Eine gute halbe Stunde später blieb ein ägyptischer Matrose, aus der zweiten Reihe, plötzlich stehen. „Stopp!“, rief er laut. „Hier ist ein Loch im Fels!“
Sofort legte sich der Mann auf den mit scharfkantigem, spitzen Geröll übersäten Boden und richtete seine Taschenlampe in das Innere des Felsspaltes. „Da treibt ein Taucher mit einem schwarzen Neoprenanzug auf dem Wasser.“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Aufregung, als er es den anderen zurief.
Jens und Pitt kamen, so schnell es ihnen bei dem Untergrund möglich war, zurückgelaufen
„Ist es Andreas?“, wollten sie wissen, noch während sie näher kamen.
„Das kann ich nicht sehen. Ich sehe nur den Körper.“
Pitt legte sich neben den jungen Matrosen und übernahm seine Lampe. Er beugte sich weit nach vorn über und versuchte, mehr zu erkennen.
„Und was ist?“, fragte Jens ungeduldig.
„Nichts zu erkennen. Wir kommen nicht tief genug runter, um einen besseren Sichtwinkel zu bekommen. Das Gestein ist hier gut vier Meter stark und das Loch verjüngt sich nach unten sogar noch. Ich könnte reinkriechen und mich einfach ins Wasser der Höhle fallen lassen. Nur leider würde ich dann genau auf dem Körper da unten landen.“
Die Männer riefen den Namen ihres Freundes in das Höhleninnere hinein. Doch sie bekamen nur ihr eigenes Echo als Antwort. So sehr sie auch lauschten, es war nichts anderes zu hören.
„Wir müssen da runter“, entschied Jens. „Und das Ganze schnell, wenn wir dem Mann da unten helfen wollen.“
Pitt überlegte kurz. „Wir brauchen ein Seil.“
„Schlaumeier, die Idee hatte ich vielleicht auch schon. Nur dass hier keiner von uns eins dabei hat.“
„Aber auf den Zodiacs sind welche!“, rief der kleine Texaner Tim und lief auch schon los. „Sebi ist gleich hier unten, ich klettere runter und hole eins.“
Jack folgte seinem Freund, um ihm zu helfen und beim Klettern zu sichern.
„Sebi!“, schrie Pitt aus Leibeskräften. „Tim und Jack kommen runter zu dir. Gib ihnen ans Seil, was du auf der Nussschale findest. Zur Not knote was zusammen. Wir müssen damit so um die zehn Meter weit runter kommen.“
Sebastian machte sich sofort an die Arbeit. Doch das, was er an Tauwerk auf dem Zodiac fand, reichte bei weitem nicht. Dann fiel ihm das Ankerseil ein. Schnell kappte er es direkt hinter dem kleinen Anker und verband dieses Seil sicher mit dem Ende der eigentlichen Halteleine, die rings um die Schlauchwulst geführt hatte, und er sie nun einem besseren Zweck zuführte. Gerade als er das Seil ordentlich in Schlaufen aufgewickelt hatte, waren die beiden SEALs so weit nach unten gekommen, dass Sebastian ihnen das Seil sicher nach oben werfen konnte.
Jack und Tim kletterten, ohne auf das neuerliche Einschneiden der scharfkantigen Korallenskelette in ihre Handflächen zu achten, zurück nach oben. Das letzte Stück bekamen sie Hilfe von zwei ägyptischen Matrosen, die sie hochzogen. Adam nahm Tim, der etwas außer Puste war, das Seil ab und rannte damit über das lockere Geröll zu den anderen.
Nachdem sie das Seil nach unten gelassen hatten, entschied Jens: „Pitt, du gehst runter und schaust nach, was Sache ist. Wir sichern das Seil. Sag uns Bescheid, was los ist und was wir tun können.“ Das brauchte man Pitt nicht zweimal zu sagen. Sich am Seil festhaltend, kletterte er in das enge Loch, wo er gerade so durchpasste, und seilte sich schnell und gekonnt ab. Erst kurz vor der Wasseroberfläche stoppte er und ließ sich das letzte Stück sacht neben dem Taucher ins Wasser gleiten.
„Jungs, es ist Andy!“, rief er nach oben, dass es von den Höhlenwänden laut widerhallte. „Er lebt!“ Die Männer auf dem Fels jubelten auf, als sie das hörten.
„Was ist mit ihm?“, wollte Jens dann wissen.
„Ich weiß es noch nicht. Er ist bewusstlos.“ Pitt schlug Andreas leicht auf die Wangen, damit er wieder zu sich kam. Dabei zog er ihn in das flachere Wasser am Höhlenrand. „Andy, Mensch Junge, komm zu dir“, sagte er immer wieder und wollte ihn gerade aus dem Wasser herausziehen.
„Nicht aus dem Wasser. Nicht auf den Rücken“, flüsterte Andreas leise, kaum hörbar.
„Was meinst du damit, Andy?“, wollte Pitt wissen. Doch Andreas war bereits wieder bewusstlos. „Jens, komm runter, mit Andy stimmt was nicht.“, rief Pitt wieder nach oben. Dabei hielt er Andreas und ertastete seinen Puls, der kaum noch zu finden war.
Rasch rutschte Jens, sich nur mit dem gesunden Arm festhaltend, das Seil nach unten und ließ sich die letzten drei Meter einfach ins Wasser fallen und schwamm zu ihnen. „Was ist los? Hol den Kerl doch endlich aus dem Wasser. Der muss doch schon total unterkühlt sein.“
„Genau da liegt das Problem. Das will er nicht.“
„Wie meinst du das … er will nicht?“, fragte Jens und schaute besorgt in das aschfahle Gesicht des bewusstlosen Freundes. Seine Augen waren eingefallen, von dunklen Rändern gezeichnet, die Lippen aufgesprungen und blau angelaufen. „Er ist schon ein Eiszapfen. Andy muss schnellstens aus der kalten Pfütze raus.“
Pitt berichtete, wie Andreas kurz zu sich gekommen war und was er da gesagt hatte. „Jens, ich glaube nicht, dass Andy es nur im Fieberwahn gesagt hat. Es schien ihm sehr wichtig zu sein.“
„Gut, halt ihn fest“, sagte Jens. „Ich taste ihn ab.“ Dabei dachten beide, dass vielleicht ein Sprengsatz am Rücken ihres Freundes befestigt sein könnte, der explodiert, sobald er aus dem Wasser gehoben würde. Doch Jens konnte nichts dergleichen an Andys Körper ertasten. „Der ist cleaner als nur clean. Ich habe nichts gefunden.“
„Aber da muss irgendetwas sein. Andy sagt so etwas nicht ohne Grund“, beharrte Pitt darauf und schaute sich hilfesuchend in der Höhle um. Beide sahen die vielen Kisten an der Höhlenwand.
„Vielleicht meinte er, dass hier Sprengfallen sind und wir deshalb nicht aus dem Wasser sollen“, überlegte Jens laut.
„Aber was sollte das mit seinem Rücken zu tun haben?“, fragte Pitt unsicher. „Nein, da muss was anderes sein.“ Dann entdeckte er in dem diffusen Licht, der einstrahlenden Sonne, den roten Ballonspritzenkörper auf dem feuchten Höhlenboden. „Schau mal, er hat sich noch eine Dosis Morphin gespritzt“, sagte er mit besorgt klingender Stimme und wies mit dem Kopf in Richtung des Bodens, wo die Spritze lag. „Das muss aber eine ganze Weile her sein, wenn wir mal davon ausgehen, dass er die ganze Zeit hier im Wasser war, während er die fünf Signalraketen abgeschossen hat, und bis wir ihn hier gefunden haben“, überlegte er laut.
Jens reagierte sofort und griff zum Taschengurt seines bewusstlosen Freundes. Er öffnete den Schnellverschluss und zog ihn vorsichtig ab. Dann holte er aus einer der Taschen Andys Notpack. „Es ist nur noch eine drin“, stellte er erschrocken fest. Er nahm die Ballonspritze aus der Hülle und warf den Gurt an den Rand aufs Trockene. Dann verabreichte er Andreas die letzte Morphindosis. „Holen wir ihn vorsichtig raus und legen ihn nicht auf den Rücken, sondern auf die Seite. Er sagte doch, nicht auf den Rücken. Also halten wir uns daran. Aber er muss aus dem kalten Wasser, sonst hat er keine Chance mehr. Achte darauf, wir müssen ihn waagerecht herausheben, ohne ihn groß zu bewegen. Bei seiner starken Hypothermie könnten wir ihn sonst umbringen“, erklärte Jens.
„Ja, ich bin doch nicht blöd. Ich kenne die Gefahren eines Bergetodes, der durch falsche Hilfeleistung bei stark unterkühlten Menschen auftreten kann. Brauchst mich also nicht belehren“, sagte Pitt etwas gereizt. Die Sorge um ihren gemeinsamen Freund war groß.
Sie trugen Andreas vorsichtig an Land und legten ihn in der stabilen Seitenlage ab. Pitt bat die Jungs, die oben auf dem Fels standen, hofften und warteten, ein paar trockene Sachen herunterzulassen. Keiner ließ sich das zweimal sagen. Sie zogen ihre T-Shirts aus, banden sie zu einem großen Päckchen zusammen und ließen sie am Seil nach unten bis kurz über die Wasseroberfläche. Jens schwamm hin, knotete sie von der Leine und schwamm, das Bündel über seinem Kopf haltend, zurück.
Pitt hatte begonnen, den nassen Anzug von Andreas vorsichtig aufzuschneiden, um ihn leichter von seinem Körper zu bekommen. „Oh Scheiße“, entfuhr es ihm, als er den völlig durchbluteten, nassen Verband am Bauch entdeckte. „Wir müssen ihn auf den Rücken drehen, wenn wir das wenigstens notdürftig behandeln wollen.“
„Nicht auf den Rücken“, hörten sie die vor Kälte, Blutverlust und Schmerzen geschwächte, zitternde Stimme ihres Freundes, der gerade wieder zu sich gekommen war. „Bitte nicht auf den Rücken, Jungs“, flehte er geradezu.
Vorsichtig tasteten sie den Rücken ihres Freundes ab. Dabei entdeckten sie ein scharfkantiges, spitzes Metallstück, das direkt neben der Wirbelsäule steckte und aus der Wunde herausragte. Ihre Blicke trafen sich kurz.
Es handelte sich dabei eindeutig um einen Wurfstern, der mit fünf seiner sechs rasierklingenscharfen Spitzen für quer tief im Rücken ihres Freundes steckte. Ihnen war klar, dass sich die Klinge bei jeder Bewegung weiter in sein Fleisch schneiden könnte.
„Mir ist kalt, Jungs“, war von Andreas leise zu hören. Damit riss er die beiden aus ihrem Schock. Sofort deckten Pitt und Jens ihren verletzten Freund mit den T-Shirts zu, die sie von den Männern bekommen hatten, die noch immer auf dem Fels standen und warteten. Fieberhaft überlegten sie dabei, wie sie Andreas aus dieser Höhle schaffen konnten, ohne ihm weiter zu schaden. Sie brauchten einen Plan. Er durfte so wenig wie nur möglich bewegt werden. Nur wie sollte das bei der kleinen Öffnung im Felsdach funktionieren? Noch dazu, wo es mittig weit oben und noch dazu direkt über tiefem Wasser lag
„Durch das Loch da oben bekommen wir Andy nicht raus“, flüsterte Pitt. „Das wäre sein Todesurteil.“
Jens schaute besorgt nach oben und nickte. „Wir müssen ihn aber rausbringen. Denn wir können ihm hier nicht helfen. Das wäre also ebenfalls sein Tod.“
„Oder wir bringen das Ärzteteam durch das Loch da oben, samt dem, was sie brauchen, zu Andy runter“
„Wie wäre es, wenn ihr nicht so reden würdet, als wäre ich nicht da oder schon tot?“, sagte Andreas mit schwacher Stimme. „Ich habe nicht vor, den Löffel abzugeben. Aber vielleicht hätte ich ja auch noch was dazu zu sagen. Wie wäre das?“ Er versuchte zu lächeln. Seine Zähne schlugen vor Kälte klappernd aufeinander, während er immer wieder stockend weitersprach. „Hier gibt es einen zweiten Höhleneingang. Oder meint ihr, ich wäre hier reingeflogen und die hätten die Kisten voll beladen mit Sprengstoff durch das Loch da oben gezwängt, wo die Kisten doch viel größer sind? Allerdings liegt der Eingang ziemlich tief. Die Delfine haben mich hier reingebracht und sind dann aber abgehauen. Ich habe versucht, da runterzukommen, es aber ohne Gerät nicht geschafft. Aber das U-Boot dieser Kerle dürfte es schaffen und passt auch hier in die Höhle. Das heißt, wenn ihr es nicht zerschrottet habt.“ Nach einem kurzen Aufstöhnen verlor Andreas wieder das Bewusstsein.
„Jack!“, schrie Jens laut nach oben, „beweg deinen Arsch, suche dir noch sechs Männer, die brauchen wir dann hier unten. Aber zuerst holt euch zusammen mit Sebi das U-Boot und sucht den Höhleneingang. Der muss laut Andy, ziemlich tief, nordöstlich von der Höhle am Drop-Off liegen. Orientiert euch an dem Loch auf dem Fels, wo unsere Leute noch stehen werden! Aber beeilt euch, hier geht es um Leben und Tod!“ Dann wandte er sich den ägyptischen Offizieren zu. Er erklärte ihnen auf Arabisch, dass, sobald Jack und Sebi im U-Boot die Peilung aufgenommen hatten und abtauchten, sie mit ihren Männern über die Ostspitze zu den Zodiacs gehen und zum Marineboot zurückkehren sollten. Außerdem sollen sich dann auch ein paar Ärzte bereithalten.
Jack lief sofort mit den drei SEALs und drei ägyptischen Marines los. Sie rutschten eher den steilen Geröllhang auf ihren Hinterseiten hinunter, als dass sie liefen und kletterten. Keiner von ihnen nahm dabei Rücksicht auf die Schürfwunden, die sie sich dabei zuzogen. Sie wollten einfach nur so schnell wie möglich beim Zodiac sein. Schon während sie dem Schlauchboot näher kamen, riefen sie Sebastian zu, worum es ging.
Der ließ sofort den Motor an und fuhr ganz nah an den Fels heran. Nacheinander sprangen die sieben Männer über den Felsvorsprung aufs Hartschalenboot. Kaum war der Letzte an Bord, lenkte Sebastian den Zodiac in eine enge Kurve, und nahm mit Vollgas Kurs auf das kleine U-Boot, das längsseits neben dem Schiff der Marine festgemacht war. Er raste mit Vollgas übers Wasser, sodass das kleine, schnelle Boot laut krachend von Wellenspitze zu Wellenspitze sprang, wobei es die Männer an Bord ordentlich zusammenstauchte. Dabei nahm er Funkverbindung mit dem ägyptischen Kapitän auf. Er bat ihn darum, schon die Leinen des U-Bootes loszumachen und die Crew des Sanitätsbootes zu informieren, damit sie sofort einsatzbereit ist, wenn sie mit ihrem schwer verletzten und unterkühlten Freund zurückkehren.
Am kleinen Unterseeboot angekommen, sprang einer der Matrosen zu ihnen aufs Schlauchboot und übernahm es, während die Männer auf das U-Boot übersetzten und Sebastian dabei halfen. Zügig verschwanden sie nacheinander durch die Einstiegsluke ins Innere des erbeuteten Tauchboots. Jack war der Letzte und verschloss die Lukentür fest hinter sich, lief nach vorn zur Steuereinrichtung, wo Sebastian schon Platz genommen hatte. Sie kontrollierten die Anzeigen und starteten kurz darauf die Antriebsmotoren. Langsam bewegte sich das Boot vorwärts und schwenkte in einer weiten Kurve erst einmal auf Ostkurs, um das tiefere Gewässer zu erreichen. Danach ging Sebastian wieder auf Nordkurs. Jack nahm die genaue Peilung auf, flutete die Tanks, und das mit Akkumulatoren elektrobetriebene U-Boot sank in die Tiefe. Sebastian holte alles aus dem Motor heraus, was drin war.
Sie näherten sich der angepeilten Stelle und stiegen auf. Jack schaute durch eines der Bullaugen auf die Steilwand und orientierte sich an der Gruppe von Soldaten, die oben auf dem Fels in der prallen Sonne ausharrten. So in Stellung gebracht, sanken sie langsam wieder tiefer und suchten konzentriert die Steilwand nach dem Höhleneingang ab.
„Stopp, Sebi!“, rief Jack und zeigte vor sich durch das Bullauge. „Siehst du das? Hier wird das Licht unseres Scheinwerfers geschluckt und nicht von der Riffwand reflektiert. Das könnte der Höhleneingang sein. Groß genug wäre er.“
„Okay, sehen wir mal nach und gehen rein. Achte du mit auf die Seitenruder.“ Sebastian steuerte das kleine U-Boot vorsichtig in den schwarzen Schlund. Nach etwa fünfzig Metern stoppte er die Maschine und blies die Tanks aus. Nur langsam stieg das U-Boot zur Oberfläche.
„Meine Herren, ihr Taxi ist da“, meldete sich Sebastian, nachdem er die Luke geöffnet hatte. Nacheinander kletterten die Männer auf den Bootsrumpf. Jens schob ein breites, dickes Brett, das er in der Höhle entdeckt hatte, Richtung Rumpf des U-Bootes, welches die Männer schnell befestigten. Über den so geschaffenen Steg gelangten sie, mit einer provisorisch zusammengebastelten Trage, auf das Deck des Unterseebootes.
„Wie geht es Andy? Wieviel Morphin habt ihr ihm schon gespritzt?“, erkundigte sich Sebastian, kaum dass er sich, mit Unterstützung von zwei der Männer, neben seinen Freund hingehockt hatte und dessen Vitalfunktionen überprüfte.
„Nur noch eine Dosis. Die andere hatte er sich schon eher gegeben“, antwortete Jens.
„Ich denke mal, er hat sie sich nicht wegen der Verletzung am Bauch gespritzt, sondern deshalb hier“, erklärte Pitt, hob die T-Shirts an, die Andreas etwas warmhalten sollten, und zeigte auf die Verletzung am Rücken.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es Sebastian. Mit entsetztem Blick sah er zu seinen Freunden auf.
Tim brachte ein kleines Sauerstoffgerät mit, das ihm ein ägyptischer Matrose in die Hand gedrückt hatte, noch bevor er ins Boot geklettert war. Er setzte Andreas die gut angeatmete Maske aufs Gesicht und beobachtete seine schwache, aber regelmäßige Atmung.
„Wir kriegen ihn unmöglich, so in Seitenlage auf der Trage fixiert, durch die Luke“, stellte Sebastian fest.
„Aber wir könnten ihn auf den Bauch legen und richtig festschnallen“, schlug Jens vor.
„Ich will ihm aber auch nicht die Halswirbelsäule zu weit verdrehen. Damit würden wir auch ein paar Muskeln, Sehnen und Nerven entlang der ganzen Wirbelsäule bewegen. Keine Ahnung, welche Auswirkungen das auf seinen jetzigen Zustand und die Verletzung hätte.“
„Dann schneiden wir für Andys Gesicht ein Stück aus dem Stoff der Trage heraus. So können wir auch seinen Kopf gerade und fest fixieren“, schlug Adam vor, der das Gespräch mitangehört hatte, und stach auch schon sein Messer in den oberen Teil des festen Stoffes und schnitt ein Loch heraus, das groß genug für die Atemmaske, aber nicht so groß war, dass Andys Kopf hätte hindurchrutschen können.
„Klasse Einfall, Kleiner“, lobte Pitt.
Alle packten mit an, um den schwer verwundeten Freund so vorsichtig wie nur möglich bäuchlings auf die Trage zu legen.
Tim schob ihm die Halteriemen der Sauerstoffmaske über den Kopf, während Pitt, Sebastian und Jens ihren Freund fest auf der Trage verschnürten, sodass er sich kein Stück mehr rühren konnte.
„Ich glaube, wir sollten Andy nicht erst zum Sanitätsboot schippern“, überlegte Sebastian. „Der Seegang da oben ist immer noch ganz schön stark. Denkt doch mal nach, wie wir hier schon zu tun hatten, ihn durch die Luke zu buxieren. Und hier in der Höhle ist das Wasser spiegelglatt. Würden wir ihn da nicht in zusätzliche Gefahr bringen, wenn das Boot ein Spielball der Wellen ist?“
„Was willst du denn aber sonst machen, du Schlaumeier?“, fragte Jens. „Einfach rausziehen können wir das Ding nicht. Da machen wir mehr kaputt, als dass wir ihm damit helfen würden.“
„Das habe ich auch nicht vor. Aber wir können mit dem U-Boot ebenso schnell im Militärhafen des Lazaretts sein wie das Sanitätsschnellboot, nur ohne das lästige Geschaukel auf den Wellen, was für Andy nicht gut wäre. Hier unter Wasser, im U-Boot, gibt es keine Wellen, die es schaukeln lassen. Ich würde auch lieber den Hubschrauber nehmen. Nur den kann von uns ausgerechnet bloß Andy fliegen, der aber ja wohl verhindert ist. Genug Saft für die Strecke hätten wir noch in dem Kasten. Das habe ich schon ausgerechnet“, meinte Sebastian. „Wir müssen nur absichern, dass es das Militär erfährt und sie uns nicht als Eindringlinge mit einem Torpedo zu den Fischen schicken, wenn sie uns auf dem langen Weg mit ihrem Sonar entdecken. Nur leider haben wir hier keinen Funk an Bord, um es ihnen begreiflich zu machen, dass wir die Guten sind. Und die anderen sind vom Riffdach gerade abgezogen worden, also können wir es auch ihnen nicht mehr sagen.“
„Kein Problem“, meldete sich William, der sich etwas in der Höhle umgesehen hatte, in die Kiste mit den Fallschirmsignalraketen griff und sich zwei davon herausnahm. „Dann schmeißt mich aus der Schleuse, sobald ihr aus der Höhle raus seid. Ich sage unseren ägyptischen Freunden Bescheid, ohne dass ihr erst noch unnötig Zeit durchs Hinschippern und Auftauchen verliert“, schlug er vor.
„Ja klar doch, du Knalltüte. Kann es sein, dass du nicht genau auf den Tiefenmesser geschaut hast, als wir mit dem U-Boot in die Höhle tauchten?“, meinte Sebastian. „Ist dir entfallen, wie tief wir waren?“
„Wir waren auf 98 Meter. Ich weiß“, gab der Afroamerikaner unbeeindruckt zurück. „Ja, und? Wo liegt da das Problem?“
„Was? … Ja, und wo liegt da das Problem?“, äffte Jens mit aufbrausender Stimme nach. „Das ist lebensmüde, mein Junge, selbst für einen ausgebildeten Marinetaucher. Das lasse ich nicht zu.“
„Lass mal, Jens“, mischte sich Adam ein. „William weiß, was er tut und wie hoch sein Risiko dabei ist. Er ist ein hervorragender Apnoetaucher. Er hält darin ein paar Rekorde bei uns. Wir würden dadurch viel Zeit sparen, die Andy vielleicht dringend braucht. Wir müssten nicht erst noch mal zum Marineboot zurückkehren, um sie zu informieren. Das übernimmt Willi für uns. Wir brauchen doch auch nur etwas höherzugehen, nachdem wir aus der Höhle raus sind, und schmeißen ihn … vielleicht so bei sechzig oder fünfzig Metern raus. Höher bräuchten wir wirklich nicht aufzutauchen, wenn wir keine Zeit damit verlieren wollen. Der macht das schon.“
Unschlüssig schauten die Deutschen den Afroamerikaner an.
Doch der lächelte sie nur mit einem breiten Grinsen an und zeigte dabei seine weiß blitzenden Zahnreihen. „Nur keine Sorge, Boss, das ist faktisch ein Klacks für mich. Ich weiß, was ich tue. Andy braucht jede Sekunde. Und ich kann ihm dadurch ein paar zusätzliche verschaffen.“
Die anderen drei SEALs wussten zwar, dass das nicht wirklich nur ein Klacks für ihren Freund sein würde. Denn Apnoetauchen, auch wenn da sein Rekord beim No-Limit-Tieftauchen bei 164 Metern stand, war da schon etwas anderes, als aus einem U-Boot aufzutauchen. Doch sie kannten Willi. Er würde dieses Risiko nicht eingehen, wenn so viel auf dem Spiel stünde und er nicht wüsste, dass er es schaffen kann. Schließlich hing viel davon ab, dass er die ägyptische Marine über ihren Plan informieren konnte, damit das U-Boot nicht von den eigenen Leuten angegriffen wurde. Trotzdem stimmten die deutschen Freunde nur widerwillig zu. Doch sie wussten auch, um die Notwendigkeit und dass es Andreas wertvolle Zeit verschaffen würde.
Nachdem sie die Körpertemperatur von Andreas, dank ihrer eigenen Körperwärme etwas erhöht hatten, brachten sie ihn auf der Trage über den schmalen Steg zum U-Boot. Sie mussten ihn samt Trage für hochkant regelrecht durch die Luke einfädeln.
Im Inneren des Bootes angekommen, arretierten sie die provisorische Krankentrage in einem Gestell, damit sie nicht direkt auf dem Boden lag, was wegen Andys Gesicht und der Atemmaske auch nicht gegangen wäre. Zuletzt wurde Sebastian von zwei Marinetauchern ins Innere des Tauchbootes geholfen. Tim verschloss die Luke und das U-Boot tauchte, geführt von Jack und Sebastian, langsam wieder ab, um rückwärts aus dem Höhlengang herauszukommen.
„Wir sind in zwei Minuten im Freiwasser. Danach gehe ich gleich auf fünfzig Meter hoch“, meldete Sebastian. Das war das Zeichen für William, sich fertigzumachen. Jens und Pitt ließen es sich nicht nehmen und begleiteten den jungen Mann zur Schleuse. Während William sich darauf konzentrierte, seine Vitalfunktionen durch Atemübungen herunterzufahren und danach mit drei schnellen Atemzügen so viel Luft wie möglich in seine Lungen zu pumpen, dass es aussah, als würde er hyperventilieren, betrachteten ihn die deutschen Freunde besorgt.
„Du musst das nicht tun, Willi“, versuchte es Jens noch einmal. „Andy hätte etwas dagegen, dass ein anderer leichtsinnig sein Leben für ihn aufs Spiel setzt.“
„Das ist kein Leichtsinn, Boss. Sondern kalkuliertes Risiko und für ihn eine reale Chance. Andy hat es mit den Delfinen so weit und so tief geschafft und ich schaffe es nach oben. Ich brauche ja nur so viel Luft, um lange genug ausatmen zu können. Bitte geht nicht extra erst weiter hoch. Es ist kostbare Zeit, die Andy nicht hat.“ Dann stieg William in die Schleuse.
„Aber Andys Herzschlag wurde durch die Medikamente und die Kälte schon verlangsamt. Deiner ist es nicht. Andy hatte die schnellen Delfine, die ihn zogen. Aber du hast nicht einmal Flossen, um aus dieser Tiefe überhaupt erst etwas Auftrieb zu bekommen. Außerdem gehen sie mit vollen Lungen runter und halten die Luft auch an, bis sie unten sind, und verwenden dann diese Luft bei ihrem Aufstieg, was einen Dekompressionsstopp unnötig macht. Du aber musst die gesamte Zeit ausatmen. Auch wenn sich dein Lungenvolumen mit abnehmendem Druck wieder vergrößert, so ist es doch sehr gefährlich und eine verdammt lange Strecke. Du musst für das möglichst langsame Auftauchen aus dieser Tiefe mit einem Minimum von fünf Minuten rechnen, bevor du wieder Luft holen kannst“, gab Pitt noch zu bedenken.
„Ich weiß. Höchstens zehn Meter pro Minute. Besser noch etwas mehr. Keine Sorge, ich schiebe mich am Schleusenausgang ab, ich weiß genau, was ich tue. Das ist reine Übungssache. Ich wurde für einen solchen Fall trainiert und ausgebildet. .... Ich bin bereit“, sagte Willi entschlossen und verriegelte auch schon die Schleusentür hinter sich. Während der kleine Schleusenraum mit Wasser geflutet wurde, atmete der mutige Mann noch einmal tief ein, dann hielt er die Luft an. Als das äußere Schott geöffnet wurde, winkte er kurz zurück, drückte sich ab und verschwand in der dunklen Tiefe des Meeres.
„Okay Sebi, Willi ist draußen. Du kannst das Schott wieder schließen.“, meldete Pitt.
Jack und Sebastian warteten noch einen Moment, bevor sie Fahrt aufnahmen. Sie wollten damit vermeiden, dass William versehentlich noch in den Sog der starken Schraube geraten konnte, während er zur Oberfläche unterwegs war.
Sie lenkten das kleine U-Boot nach Nordosten aufs offene Meer hinaus, um das flache Küstengebiet mit den Riffen, die zurzeit von vielen Urlaubern betaucht wurden, zu meiden und schnellere Fahrt machen zu können. Dann richteten sie ihren Kurs klar nach Norden aus. Sie folgten dem schnurgeraden und somit kürzesten und sichersten Weg zu ihrem Ziel.
Auf der Hälfte der Strecke tastete er nach den beiden Signalraketen an seinem Hosenbund. Er zog die Rechte der beiden Röhren heraus. Es war die Fallschirmleuchtrakete mit dem weißen Lichtschein, die als Seezeichen aussagte: „Achtung, ein Problem.“ Während er seinen Aufstieg fortsetzte, aber auch zusehends verlangsamte, um den Stickstoff im Körper so gut es ging noch abzubauen, entfernte er routiniert die Schutzkappen und den Sicherheitsclip. Er hielt den Rohrkörper mit gestrecktem Arm von sich und drehte vorsichtshalber sein Gesicht weg, als er den Hebel gegen das Gehäuse drückte.
Sofort schoss die Rakete zischend durchs Wasser, durchbrach die Oberfläche und flog weiter hoch in die Luft, bevor sie explodierte, das grelle, weiße Licht am Fallschirm freigab und es fünfundzwanzig Sekunden lang am Himmel leuchten ließ.
Etwa zwanzig Meter vor der Wasseroberfläche zündete er die zweite Signalrakete mit dem roten Licht, die den dringenden Notfall signalisieren sollte.
Der erste Offizier auf der Brücke des Marineschnellbootes hatte die weiße Leuchtrakete bemerkt und sofort Alarm für die Zodiacbesatzungen gegeben. Über Bordlautsprecher gab er den Matrosen die genaue Richtung schon an, bevor sie in die Schlauchboote sprangen.
Als die zweite Leuchtrakete zu sehen war, waren die Männer in den vier Booten, schon in voller Fahrt auf dem Weg zu der Stelle.
Mit fast gänzlich leerer Lunge stieß William durch die Wasseroberfläche und holte erleichtert, dass er es geschafft hatte, tief Luft. Er orientierte sich und schwamm dann auf die näher kommenden Zodiacs zu.
„Schnell, bringt mich zu eurem Kapitän, es ist sehr wichtig“, rief er, noch immer nach Luft ringend, während ihn die Männer an Bord zogen. Die Ägypter legten ihrem amerikanischen Freund eine wärmende Decke um, und der Bootsführer kehrte in einer scharfen Kurve mit Vollgas zum Marineschnellboot zurück.
Auf der kurzen Fahrt zum Schiff, hatte sich William bereits wieder erholt. Gewandt erklomm er die Jakobsleiter, um schnell an Deck zu gelangen.
Vorschriftsmäßig meldete er sich beim Oberstleutnant und dem Kapitän, die ihm schon entgegenkamen. Er berichtete in kurzen Sätzen, was vorgefallen war, was er in der Höhle gesehen hatte und dass sich die Freunde mit dem Unterseeboot auf den Weg zum Marinestützpunkt befanden, um Andreas so schnell wie möglich ins Lazarett zubringen.
Der Kapitän verstand sofort und lief in den Funkraum, um die Küstenwache und Marine darüber zu informieren, damit sie das U-Boot nicht aufbrachten, sollten sie es ausmachen. Oberstleutnant Kebier nahm sofort eine Verbindung zu Generalstabsarzt Abdul Mechier auf und informierte ihn über das Eintreffen des U-Bootes und erzählte ihm, was er von William gerade über die Verletzungen ihres gemeinsamen Freundes, Fregattenkapitän Andreas Wildner, erfahren hatte. Dann legte er dem jungen Marine seinen Arm auf die Schulter. „Komm, Junge. Du brauchst trockene Sachen, was zu essen und dann Ruhe. Du hast doch schon die ganze Nacht, vor Sorge um unseren Freund, nicht geschlafen.“Dabei zog er den Afroamerikaner mit sich zur Kombüse, wo er den Koch bat, für den mutigen Mann schnell etwas Kräftiges zu essen zu zaubern. Danach ging er mit ihm in die Messe. Marinetaucher brachten William wie selbstverständlich trockene Kleidung.
Mahmud Kebier wartete geduldig, bis sich William umgezogen hatte und sich zu ihm setzte. Er schob dem Afroamerikaner eine Flasche Wasser zu und beobachtete, wie gierig er daraus trank. Mahmud bewunderte den Mut des Mannes. Vor allem aber interessierte ihn, warum er dieses Risiko eingegangen war.
„Willi, … ich hoffe, ich darf Sie so nennen“, begann der Oberstleutnant vorsichtig auf Englisch.
Der Afroamerikaner nickte dem hohen Offizier zu.
„Gut, Willi, ich möchte von Ihnen wissen, warum Sie das getan und dabei Ihr Leben riskiert haben. Auch ich bin ausgebildeter Marinetaucher und weiß genau, was Sie gerade geleistet haben. War es reine Pflichterfüllung oder etwas anderes?“
„Entschuldigen Sie, Oberstleutnant Kebier. Aber mit Pflichterfüllung hatte das wirklich nichts zu tun“, gab der junge Mann zu und senkte verlegen den Kopf. „Ich weiß nicht, ob ich dafür so weit gegangen wäre.“
„Warum haben Sie es dann getan?“
„Ich habe es für Fregattenkapitän Wildner getan. Er hat mit seinem Einsatz das Leben meines Freundes gerettet und braucht nun dringend selbst unsere Hilfe. Er, seine Frau und die anderen Deutschen sind mir in der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen. Wir bewundern diese Männer und Frauen. Sie haben uns von der ersten Minute an wie ihresgleichen behandelt, so wie alle anderen hier auch. Das hat mich beeindruckt und sehr gut getan“, antwortete William ehrlich.
„Danke, Willi. Das wollte ich hören. Es ist mir eine große Ehre. Ich bin Mahmud Kebier. Ich möchte Ihnen gern das Du anbieten, denn wir haben dieselben Freunde.“ Dabei reichte der kleine Ägypter dem großen, kräftigen Afroamerikaner die Hand.
William war sehr überrascht. Nur zögernd, es nicht glaubend, streckte er seine Hand dem Oberstleutnant entgegen, der sie erfasste, kräftig zudrückte und schüttelte. Willi war überrascht. Mit solch einem kraftvollen Händedruck hatte er bei dem kleinen, älteren Mann nicht gerechnet.
Als der Smutje den Raum betrat, schlug Mahmud den jungen Freund auf die Schulter. „Nun iss erst einmal was und ruhe dich dann aus, Willi. Wir werden in der Zwischenzeit darauf aufpassen, dass keiner den beiden Höhlen zu nahekommt, bis das kleine Tauchboot wieder da ist, damit wir sie ausräumen und das Zeug sicherstellen können. Denn mit unserem großen Unterseeboot der Klasse 209/1400 mod. werden wir dort nicht hineinkommen.“
William kannte die Speisen nicht, die ihm der Koch auf den Tisch gestellt hatte. Doch er probierte von allem und es schmeckte ihm vorzüglich. Er putzte sogar die Teller noch mit dem dazu gereichten, frisch gebackenen Fladenbrot ab, so hatte es ihm gemundet. Als er aus der Messe trat und übers Deck zur Kajüte lief, schaute er übers Meer und fragte sich besorgt, wie weit wohl die Freunde schon gekommen waren und wie es Andreas ging.
Einer der ägyptischen Marinetaucher, stellte sich neben ihn an die Reling und bot ihm eine Zigarette an. Dankbar nahm William an und ließ sich Feuer geben.
„Du machen Sorgen um Andy?“, fragte der Mann auf gebrochenem Englisch. „Mein Name ist Chedr. Du brauch nicht Angst haben. Andy, stark Mann“, sagte er und fügte hinzu: „Er Dolphinman.“ Als William den Mann mit hochgezogener Augenbraue fragend ansah, erklärte Chedr: „Delfine Andy Freunde. Sie nie lassen ihn allein, wenn er in großer Gefahr. Sie seine Familie. Du verstehen? Aber keine Delfine da waren jetzt. Andy also in gute Hand und hat Hilfe.“
William glaubte nicht ganz daran, was er da hörte, aber lächelte den Mann freundlich an und nickte ihm zu.
„Du kannst schon glauben, was Chedr da sagt“, hörte Willi Oberstleutnant Kebier sagen, der mit einer Tabakspfeife im Mundwinkel neben die beiden Männer trat. Aus seiner Pfeife zog der angenehme Duft von Vanille, getragen von einer leichten Windbrise, an den Nasen der anderen vorbei.
„Ich habe so etwas Ähnliches auch schon von Pitt, Sebastian und Jens gehört. Und ja, ohne fremde Hilfe wäre er wohl auch nie in die Höhle gekommen“, gab William zu. „Aber mal ehrlich, Delfine? Das klingt alles so unglaublich. Wie Wunschdenken oder Seemannsgarn.“
„Für uns auch, Willi. Doch genau deshalb ist Andy für uns der Dolphinman. Ich habe es selbst schon miterlebt. Sonst würde ich es wohl auch nicht glauben. Aber es ist keine ausgedachte Geschichte, sondern ganz real. Andy ist hier festes Mitglied einer großen Herde von Tümmlern. Zumindest haben ihn die Tiere dazu gemacht. Klingt verrückt, ist es aber nicht“, erzählte Mahmud. „Wenn ihr nicht gleich wieder abgezogen werdet oder wenigstens wiederkommen könnt, wenn Andy wieder gesund ist, könnt ihr es vielleicht selbst mal miterleben. Aber nun ruhe dich erst einmal etwas aus. Du hast es nötig.“
„Meine anderen Kameraden und Freunde auf dem U-Boot hätten es bestimmt auch nötig, Mahmud. Doch sie müssen noch wach bleiben. Deine Leute, die Deutschen, und meine. Also kann ich das auch. Ich warte, bis sie sicher angekommen sind und sich melden“, gab William zurück.
Oberstleutnant Kebier nickte anerkennend. „Gut, dann komm mit auf die Brücke. Dort ist es angenehmer zu warten. Wir werden sofort informiert, wenn sie im Marinehafen angekommen sind und Andy ins Lazarett kommt.“
William dankte Chedr noch einmal für die Zigarette und ging gemeinsam mit seinem neuen Freund, dem ägyptischen Oberstleutnant, auf die Brücke.
Immer wieder gingen dort Nachrichten auf Arabisch ein, die William nicht verstand. Geduldig erklärte Mahmud, dass das U-Boot von einem Küstenschutzboot entdeckt worden war, welches es jetzt über Wasser, zum Schutz, als Eskorte begleitet.
„Fregattenkapitän Wildner genießt bei euch wirklich großes Ansehen“, stellte William ganz leise fest.
„Ja, Willi. Er hat gemeinsam mit seiner Frau Anne und seinen Freunden schon sehr viel Gutes für die Menschen hier getan. Ich glaube, es gibt hier keinen meiner Landsleute in der Gegend, die das nicht wissen. Oder Andy mit seiner Anne, Sebi mit Kim, Pitt mit seiner Hatifa, die von hier stammt, sowie die anderen Freunde nicht kennen.“
„Pitt hat eine ägyptische Frau? Geht denn das? Ich dachte, Muslime dürfen keine ‚Ungläubigen‘ ehelichen?“ William wirkte erstaunt.
„Nicht alle Menschen hier sind streng gläubige Muslime. Wir haben sogar Christen. Ja, hier leben Muslime und Christen in enger Freundschaft zusammen. Die Leute hier sind sehr tolerant, wenn man es auch zu ihnen und ihrer Religion ist. Und unsere Freunde respektieren diese Religion mit aller Achtung, die ihr gebührt. Das schätzen meine Landsleute. Ein weiteres Beispiel dafür dürfte auch ihr selbstloser Einsatz wegen des Anthrax sein, das über Mekka versprüht werden sollte. Sie hätten den Fund des Flugzeuges einfach nur melden brauchen und dann ihrer Wege gehen, ohne sich noch weiter darum zu kümmern. Aber nicht diese Leute. Sie sind eine eingeschworene Gruppe von mutigen Menschen. Sie achten das Leben anderer manchmal mehr als ihr eigenes. So scheint es mir zumindest manchmal. Ja, sie achten selbst das Leben ihrer Feinde.“
„Stimmt, Mahmud. Sie sind immer bemüht darum, sie nicht zu töten. Das ist mir auch schon aufgefallen. Dabei riskieren sie sogar ihr eigenes Leben. Wir haben es in unserer Ausbildung anders gelernt bekommen. Nur ein toter Feind ist ein guter Feind“, gab William zu.
„Eben das ist der kleine, aber wichtige Unterschied, mein Junge. Das zeichnet diese Menschen besonders aus. Ich glaube, auch Anne hätte da unter Wasser lieber anders gehandelt, wenn sie es gekonnt hätte.“
„Nein. Diese zierliche, kleine Frau hätte keine Chance gegen diese Kerle gehabt, wenn sie versucht hätte, sie lebend zu erwischen. Mahmud, das waren zwei ausgebildete, mit Harpunen und etwas größeren Messern bewaffnete Killer, und Anne hatte nur ein kleines Tauchermesser, was ich eher als ‚Messerchen‘ bezeichnen würde“, sagte William mit dem Brustton der Überzeugung. „Wir bewundern sie, weil sie überhaupt mit den Kerlen fertig geworden ist. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hat.“
Der Kapitän und seine Offiziere auf der Brücke verfolgten aufmerksam das Gespräch der beiden Männer, die sich auf Englisch unterhielten.
Plötzlich ging eine Meldung ein, die ihre volle Aufmerksamkeit erforderte. Auch Oberstleutnant Kebier blickte mit einem Mal ernst in Richtung des Funkgerätes. Er lief zum Funkoffizier, ließ sich das Mikro geben und erteilte ein paar kurze Befehle. Immer wieder waren andere, aufgeregte Stimmen aus dem Lautsprecher zu hören, und der Oberstleutnant gab den nächsten Befehl. Dann nickte er und übergab den Platz wieder dem Offizier, der am Brückenfunk Dienst tat.
„Was ist los?“, wollte William wissen, der nicht ein Wort verstanden hatte, aber ahnte, dass da etwas nicht in Ordnung war.
„Der Küstenschutz hat uns über eine neue Frequenz informiert, die wir nach eurer Warnung gewählt haben, aber wir die andere noch mit Falschmeldungen weiter bedienen, dass sie ein U-Boot unbekannter Bauart geordert haben, welches auf unsere Position zuhält. Eines unserer vier U-Boote hat sich schon drangehängt. Ich schicke gerade eine Fregatte der ‚Oliver-Hazard-Perry-Klasse‘, die hier in der Nähe isoperiert, zur Vorsicht hinterher “
„Könnten das vielleicht auch unsere Leute sein, die zurückkommen?“ William suchte besorgt den Horizont ab.
„Nein. Das ist eher unwahrscheinlich. Sie sind laut letzter Meldung noch auf dem Weg zum Marinestützpunkt. So schnell könnten sie nicht wieder zurück sein. Außerdem handelt es sich dieses Mal um ein wesentlich größeres U-Boot mit Bewaffnung, welches auch noch zwei kleine U-Boote als Rucksack trägt“, antwortete der Kapitän ernst, und gab gleichzeitig für die Marinetaucher und Matrosen an Bord des Marineschnellbootes Alarm. „Wir werden die Kerle würdig empfangen“, sagte er auf Englisch. Dann sprach er seine Befehle weiter auf Arabisch ins Mikrofon, die auf dem gesamten Schiff empfangen wurden.
„Ich gehe mit meinen Leuten mit“, entschied William. Er wollte gerade die Brücke verlassen, als ihn der Oberstleutnant zurückhielt.
„Deine vier Kameraden, ja. Die hatten Zeit und konnten sich erholen. Du aber nicht. Du bleibst hier“, sagte Mahmud Kebier streng im Befehlston.
„Nein, mit allem Respekt, Herr Oberstleutnant, das können Sie nicht von mir verlangen. Das Zeug da in den Höhlen ist schon in kleinen Mengen für viele Menschen tödlich. Und es ist wahnsinnig viel davon dort unten. Ich habe es selbst gesehen. Da wird jeder Mann gebraucht, damit diese Kerle nicht herankommen und es für ihren kranken Rachefeldzug nutzen können. Ich gehe mit runter in die Höhle, da habt ihr einen Mann mehr, der von oben in die zweite Höhle kann, um sie zu verteidigen. Die ist vollgestopft mit unterschiedlichen Sprengstoffen und Zündern, dass man damit einen Großteil von Kairo zerstören könnte. Wenn sie zwei kleine Tauchboote mitführen, dann wollen sie vielleicht in beide Höhlen zur gleichen Zeit eindringen, um sie auszuräumen. Außerdem bin ja wohl nur ich übrig, der den versteckten Höhleneingang unter Wasser finden kann. David war zwar auch mit in der Höhle, doch er meinte, dass er den Höhleneingang wohl nicht wiederfinden würde. Ich aber schon. Der zweite Eingang liegt zu tief für normale Taucher. Ich hoffe nur, die wollen nicht einfach das Riff aus der Ferne in die Luft jagen, sondern das Zeug vorher rausholen. Also passt auf unsere Ärsche auf!“, rief William noch, dann lief er auch schon los zum Equipmentraum, wo sich die Männer bereits umzogen.
„Habt ihr auch noch was für mich?“, fragte er in den Raum hinein, und schon bekam er von den ägyptischen Kameraden eine Tauchausrüstung. Voll ausgerüstet stieg er mit ihnen in die bereitstehenden Zodiacs am Heck. Aus dem Augenwinkel sah er, wie auch die Hartschalen-Schlauchboote vom Sanitätsboot die voll ausgerüsteten Matrosen aufnahmen, die zur Riffspitze gebracht werden sollten, um dort von oben in die Höhle vorzudringen und sie zu verteidigen.
Diese Kerle sind dreist, dachte William, trauen sich bei Tageslicht hier her obwohl sie mitbekommen haben müssten, dass wir hier sind und ihre Leute aufgerieben haben. Er überlegte weiter: Oder wissen sie es vielleicht doch noch nicht? Die in der Höhle durften nicht auf Funksprüche antworten und konnten auch keinen Alarm mehr senden. Aber die große Jacht, die von dem ‚Sea King‘ zerstört wurde, was war mit der? Noch während William das alles durch den Kopf spukte, war sein Zodiac am Drop-Off angekommen. Die Männer verließen sich nun auf ihn, dass er den versteckten Höhleneingang schnell wiederfinden würde.
Sie ließen sich rücklings ins Wasser fallen und warteten an der Wasseroberfläche, bis die anderen Boote eintrafen und die Taucher absetzten. Dann fuhren die Schlauchboote schnell zurück, um weitere bewaffnete Männer zur Riffspitze zu bringen.
Als die Gruppe der Taucher vollständig versammelt war, tauchten die Männer, dem afroamerikanischen Marine auf sein Zeichen hin folgend, ab.
William hoffte, den Spalt schnell zu finden, denn die Männer verließen sich auf ihn. Er ließ sich auf fünfundzwanzig Meter sinken und tauchte dann nah an der Riffwand rücklings, langsam vorwärts, und suchte akribisch die Riffstruktur ab.
Ihm war, als er das erste Mal in den Spalt eintauchte, eine besondere Korallenformation, die sich über dem schmalen Eingang befand, aufgefallen. Endlich erkannte er die Blasenkoralle neben der großen Lederkoralle und der kleinen Gorgonie. Ein Lächeln huschte kurz über sein Gesicht, als er darunter auch den Felsspalt wiederentdeckte. Er wies auf den Spalt und zeigte den anderen Tauchern mit Handzeichen den Verlauf des Ganges an. Dann zog er sein Jackett aus, legte seine Unterwasserlampe darauf und drängte sich, das Jackett vor sich haltend, durch den engen Zugang der Höhle. In dem kleineren Höhlengewölbe angekommen, verschlug es ihm fast den Atem. Es stank nach menschlichen Exkrementen, Verwesung und Tod.
Seinen Würgereflex wieder im Griff, leuchtete er die Wände der Höhle ab. Beruhigt stellte er fest, dass alle Kisten noch da waren. Er wartete, bis die Männer, die ihm gefolgt waren, nacheinander aufgetaucht waren, dann stieg er aus dem Wasser und leuchtete auf den Höhlenboden.
Sein Blick fiel zuerst auf die Blutspur und die leeren Ballonspritzen. Dann sah er die umgekippten Stühle, die wild in der Gegend herumstehenden anderen Gegenstände, leere Patronenhülsen, die Einschusslöcher im Fels und das auseinandergebaute Funkgerät. Sofort waren alle Erinnerungen an das Geschehene wieder gegenwärtig.
Sein Freund, der an diesem Tag mit einer der anderen Gruppen getaucht war, um den Höhleneingang zu suchen, trat neben ihn und leuchtete mit seiner Lampe den Raum aus. „Wow, da habt ihr aber ziemliche Unordnung gemacht“, meinte er, beeindruckt von dem, was er sah.
William leuchtete mit seiner Lampe in die Ecke, wo sie die Leichen der sechs Angreifer, die sie im Kampf töten mussten, zusammengelegt und mit einer Decke abgedeckt hatten.
„Ist ja ein richtiges Schlachtfeld“, stellte David fest, der mit Brandon und Robert zu ihnen getreten war und die Leichen betrachtete.
„Ja, Jungs. Nur wäre mir ein besserer Ausgang lieber gewesen. Wir hatten einfach nicht damit gerechnet, dass sich noch so viele Kerle in dem U-Boot aufgehalten hatten. Wir waren schon so lange in der Höhle und es gab keine Anzeichen dafür. Wir glaubten wirklich, es nur mit Fünfen zu tun zu haben. Am Ende waren es aber zwanzig, wovon nun die sechs noch hier liegen. Die anderen habt ihr ja gesehen. Die meisten von den Überlebenden gehen auf das Konto der Deutschen. Ihr hättet sehen sollen, wie die gekämpft haben. Dabei ist keiner von ihnen jünger als Ende dreißig oder sogar älter. Diese Männer sind sagenhaft gute Kämpfer“, schwärmte William. Dann begannen die fünf SEALs gemeinsam mit den dreizehn ägyptischen Marinetauchern, etwas Ordnung zu machen, um sich damit auch Platz, eine bessere Übersicht und Deckung zu verschaffen.
„Denkt daran, Jungs“, sagte William laut. „Keiner der Kerle darf es bis hinter zu den Kisten schaffen. Versuchen wir, wie unsere deutschen Freunde, so viele wie möglich von ihnen lebend zu erwischen. Nur wenn es wirklich nicht anders geht, werden sie getötet.“
Die Ägypter, die ihn verstanden, übersetzten es den Kameraden. Alle nickten ihm zu.
„Du willst das wirklich so durchziehen, wie du es bei den Deutschen gesehen hast?“, fragte David ungläubig. „Wir haben es anders gelernt. Kein Erbarmen für die Feinde. Wir sind eine Spezialeinheit und wurden genauso, dafür ausgebildet.“
„Ich habe gesehen, dass es auch anders geht. Und ich finde diese Vorgehensweise, nur wenn es sich nicht verhindern lässt, zu töten, besser und richtig. Lebend können uns die Kerle noch etwas erzählen, tot nicht mehr. Damit haben Jens und seine Leute recht“, begründete William seine neu gewonnene Überzeugung.
„Diese fiesen Kerle denken aber nicht so, Willi.“, meinte Robert mit Skepsis in der Stimme.
„Stimmt. Aber genau das unterscheidet uns von ihnen.“
„Du quatschst schon genauso wie die vier Deutschen“, stellte David lachend fest. Doch dann wurde er wieder ernst: „Doch du hast vielleicht recht damit. Mich haben sie auch schon davon überzeugt. Wir sind dabei. Und womit fesseln wir die Kerle?“
William grinste breit und zog ein dickes Bündel Kabelbinder aus seinem Taschengurt. „Na, genauso wie es unsere neuen Freunde gemacht haben. Hier, die habe ich gestern Mittag von Andy bekommen, bevor er …“ An der Stelle sprach er nicht weiter. Seine Freunde wussten auch so, was er meinte. Er verteilte die Binder unter den Männern, die sie in ihren Taschen verschwinden ließen. William ging in die kleine Höhle, öffnete die Kiste, in der sich die noch übrigen Unterwasserpistolen ‚HK P11‘ befanden, und verteilte sie an alle, damit sie nicht nur mit ihren Tauchermessern den Gegnern gegenüberstehen mussten. Dabei warnte er sie eindringlich, aufzupassen, wohin sie zielen und schießen würden. „Auf keinen Fall in Richtung der Kisten schießen. Bitte nutzt sie auch nicht für eure eigene Deckung. Denn wenn die getroffen und beschädigt werden, haben wir mehr als nur ein großes Problem.“
Die Männer verteilten sich in der Höhle, gingen in ihre Deckungen, machten das Licht aus und warteten im Dunkeln darauf, dass das U-Boot in der großen Höhle auftauchen würde.
Auch die Matrosen in der höher gelegenen Höhle richteten sich darin ein, gingen in Deckung und warteten geduldig auf die Männer, die den Sprengstoff abholen wollten.
Pitt saß neben der Trage mit Andreas und kontrollierte in regelmäßigen Abständen seinen Puls und tupfte sacht das Blut um die aus seinem Rücken ragende Klinge ab. „Unverändert, er ist bewusstlos. Die Blutung hat aber zumindest nachgelassen.“
Wie ein grauer Wal mit glänzendem Körper, durchbrach der Rumpf des U-Bootes die Wasseroberfläche. Entgegen der militärischen Unterseeboote, besaß dieses am Bug zwei große Bullaugen und rechts und links je ein kleines. So konnten die Männer bei der langsamen Fahrt ins Hafenbecken die schon bereitstehenden Sanitäter und Doktor Mechier am Pier ausmachen. Gekonnt steuerte Sebastian gemeinsam mit Jack das U-Boot zur Kaimauer, wo Matrosen bereitstanden und beim Festmachen halfen.
Als Pitt die Luke öffnete, war bereits ein Steg auf den Rumpf des Bootes geschoben worden. „Doc, komm schnell erst mal mit rein, ehe wir Andy rausbringen. Es sieht nicht gut aus und wir wollen nichts riskieren“, rief er dem befreundeten Militärstabsarzt zu.
Auch wenn Pitt es nicht extra gesagt hätte, wäre Abdul Mechier ins U-Boot gestiegen. Er war mit seiner Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, bereits auf dem Steg.
„Was ist los mit Andy? Ich wurde nur informiert, dass ihr ihn mir bringt, weil er schwer verwundet wurde“, sagte der Arzt und kletterte schnell durch die Luke die Leiter nach unten und lief hinter Pitt den kurzen Gang entlang.
„Bei Allah! Was habt ihr mit ihm angestellt?“, rief er laut aus, als er sah, wie sein Freund auf der Trage mit dem Gesicht nach unten von oben bis unten daran festgebunden war. „Warum habt ihr die Trage so hochgehängt? Warum liegt er auf dem Bauch?“
„Deshalb, Doc“, sagte Jens leise, zog vorsichtig die Decke von Andys Rücken und nahm die Verbandspäckchen weg, die Pitt erst wieder um die Wunde gelegt hatte, damit keinerlei Druck auf den Wurfstern ausgeübt werden konnte.
„Gut gemacht, Jungs“, lobte Abdul, nachdem er das gesehen hatte. Dann fragte er, welche Medikamente sie ihm schon verabreicht hatten. Jens informierte ihn darüber, was sich Andreas selbst gespritzt hatte und dass sie ihm dann noch eine Dosis Morphin nachgegeben hatten. Dabei schaute er kurz auf seine Uhr und informierte den Doc auch noch darüber, wie lange die letzte Morphingabe her war.
„Und weil der Kerl sich nicht nur mit einer Sache zufrieden gibt, hat er auch noch eine böse Bauchverletzung. Wir vermuten, von einem Messer. Wissen es aber nicht genau“, ergänzte Sebastian, der vom Cockpit nach hinten gehumpelt kam.
Nachdem der Arzt seinen Patienten und sehr engen Freund kurz untersucht hatte, entschied er, ihn sofort, so wie er auf der Trage fixiert war, aus dem U-Boot und direkt in den Operationssaal zu bringen.
Während die Männer den Sanitätern halfen, Andreas durch die enge Luke zu bringen, fragten sie nach Anne und Kim.
„Kim geht es bis auf leichte Kopfschmerzen wieder gut. Sie sollte zwar noch etwas liegen bleiben, ist aber schon bei den Zwillingen im Palast“, informierte Doktor Mechier und wollte bereits weitergehen.
„Du hast uns die Frage nur halb beantwortet, Doc“, kam von Pitt. Dabei legte er seine Hand auf die Schulter des Arztes.
„Was ist mit Anne?“, fragte Sebastian, der zwar froh war, dass es seiner Frau gut ging, sich aber ebenso um die Freundin sorgte.
Abdul drehte sich nur langsam zu seinen Freunden um und sah sie traurig an. „Nicht so gut. Sie hatte vor nicht ganz einer Stunde einen bösen Rückfall. Ich musste sie ins künstliche Koma versetzen“, sagte er leise. „Und nun noch das hier mit Andy. Es tut mir leid, Jungs, aber ich muss los.“ Behende kletterte der kleine Ägypter die wenigen Sprossen der Leiter zur Luke hinauf und lief über den Steg. Er wich, auf dem kurzen Weg zum Lazarett nicht von der Krankentrage, die vier Sanitäter übernommen hatten und Andreas ganz vorsichtig trugen, um jegliche Erschütterung zu vermeiden. Jens und Pitt schauten noch der Gruppe von Deck aus nach, während die anderen im Boot geblieben waren.
Plötzlich und in dem Moment für alle unerwartet ertönte auf der Fregatte und dem Küstenschutzboot neben ihnen, die sie den ganzen Weg über Wasser begleitet hatte, das laute Heulen des Alarmhorns.
„Was ist los bei Euch?“, schrie Jens auf Arabisch hoch zur Brücke, wo gerade der Kapitän des Küstenschutzbootes zu sehen war. „Hat das was mit dem Riff zu tun, von wo wir kommen?“
„Eiyoua, Mister!“, rief der Kapitän zurück und informierte ihn über den Inhalt des Funkspruchs, den er gerade von Oberstleutnant Kebier erhalten hatte.
„Wir kommen mit. Vielleicht können wir helfen!“, rief nun Pitt und die beiden Männer kappten kurzerhand mit ihren Messern die Leinen an Bug und Achtern. Sie kletterten durch die Luke, verriegelten sie und rutschten die Leiter nach unten.
„Sebi, mach hin, wir tauchen!“, schrie Jens. „Es gibt Probleme am Riff. Ein fremdes, großes U-Boot mit zwei Rucksäcken nähert sich ihm.“
„Aber der Steg liegt noch an!“, rief Jack erschrocken auf.
„Das macht nichts, Junge. Der wird weggespült, wenn wir tauchen. Er war nicht festgemacht. Wir folgen den beiden Marineschiffen. Bis sie auf Abfangkurs gehen. Sie wissen, dass wir da sind.“
Sebastian reagierte sofort und flutete die Tanks, während er bereits Kurs auf die offene See nahm.
„Was haben wir eigentlich vor und wie könnten wir denn helfen? Wo das Boot doch keinerlei Bewaffnung hat?“, fragte einer der SEALs unsicher.
„Das weiß ich auch noch nicht, Tim. Das werden wir sehen und entscheiden, wenn wir dort sind“, antwortete Jens ruhig. Er setzte sich zu den drei ägyptischen Marinetauchern und erklärte ihnen auf Arabisch, warum sie wieder auf dem Rückweg zum Riff waren. Die drei Männer nickten ihm, zu allem bereit, zu.
„Haben wir hier überhaupt Sonar in dem Unterwassersarg?“, wollte Pitt wissen.
„Yes, Sir.“, antwortete Jack, bevor Sebastian etwas sagen konnte, „Aktiven und passiven, frei nach Wahl.“
„Gut, dann gehen wir auf passiven Sonar, sobald die Schiffe sich von unserem Kurs entfernen. Mal sehen, ob wir da was hören können.“
„Warum wollen wir nicht auf aktiven Sonar gehen?“, fragte Jack vorsichtig nach.
„Weil wir uns nicht eher bei denen verraten müssen als unbedingt nötig“, antwortete Sebastian anstelle von Pitt. „Du kannst den Kerlen ja deine Visitenkarte gern später übergeben. Aber jetzt ist es noch nicht notwendig. Oder?“ Dabei schaute er den jungen Mann neben sich verschmitzt lächelnd aus seinen grünen Augen an und strich sich mit der Hand über seinen blonden Bürstenhaarschnitt.
Adam, Tim und die drei Marinetaucher durchstöberten in der Zwischenzeit den Raum, der achtern lag, und kehrten mit Flaschen und Essen zurück. Dankbar nahmen die Männer das Wasser an, denn sie waren alle sehr durstig. Erst danach griffen sie zu den in Folie eingeschweißten, belegten Broten.
„Wow, die Kerle verstanden es, in der Blechbüchse hier zu leben“, stellte Jens fest, als er in eines der Brote biss. „Ich finde es klasse, dass ich endlich was zu essen bekomme. Aber habt ihr vielleicht auch noch was anderes da hinten gefunden?“ Neugierig geworden, ging er selbst mit zwei der Männer nach Achtern. Dort zeigten ihm die beiden Ägypter die Kisten, die sie entdeckt hatten.
„Na, das erfreut doch unsere Kämpferherzen. Was, Jungs?“, sagte er auf Arabisch, nachdem sie eine der Kisten aufgebrochen hatten. Und lächelte die beiden Männer an. Jens griff sich eine der Waffen mit der linken Hand, während er das letzte Stück Brot mit der Rechten in seinen Mund schob. Er legte die Waffe zur Seite und sie öffneten noch die beiden anderen Kisten. Überrascht pfiff er durch die Zähne, als er den Inhalt der dritten Kiste sah. Die drei Männer schauten sich erstaunt an. Jens griff wieder zu der Waffe und gemeinsam gingen sie nach vorn zu den anderen.
Schnell, bevor es alle war, griff Jens zu noch einem Brot und biss herzhaft hinein. Dann hielt er die Waffe hoch. „Schaut mal, Jungs, was wir gefunden haben. Wenn ich vorstellen darf. ein Kalaschnikow-Sturmgewehr ‚AKM-47‘ mit modifiziertem Granatwerfer und Zielfernrohr, dazu mit einem 30er-Magazin bestückt. Etwas ganz Feines. Nur schade, dass wir es unter Wasser nicht wirklich gut nutzen können. Da es ja ein Gasdrucklader ist, fehlt ihm der nötige Bums unter Wasser. Aber immerhin könnten wir einen der Kerle damit kitzeln, wenn er ungefähr noch zehn Meter von uns entfernt ist. Von der Zielgenauigkeit will ich da gar nicht erst reden. Aber besser als nichts. In der Kiste sind zwanzig Stück davon, samt vierzig voller Magazine“, sagte er und schluckte den letzten Bissen hinunter. „Aber das ist nicht alles. Wir haben auch noch eine Kiste mit Eierhandgranaten und höre und staune, im Moment sind wir Millionäre.“
Sofort richteten sich alle Blicke fragend auf ihn.
„Wie meinst du das?“, wollte Sebastian wissen.
„Wir haben in einer der Kisten fein säuberlich, gebündelte Hundertdollarnoten gefunden. Ich schätze, es handelt sich dabei um ein paar Millionen Dollar.“
„Komisch, Boss. Aber das bestätigt langsam mein Bauchgefühl, dass wir es hier nicht nur mit dem Racheakt eines Wissenschaftlers zu tun haben, der seine Familie im World Trade Center verloren hat und deshalb auf privaten Rachefeldzug gegangen ist. Mir war schon die ganze Zeit so, als steckte da mehr dahinter. Hier sind Milliarden im Spiel und die hat kein kleiner Wissenschaftler“, meinte Pitt nachdenklich.
„Und was erzählt dir dein Bauch noch so alles, außer dass er nach noch was zu essen schreit?“, fragte Sebastian.
„Dass wir es hier mit einem oder mehreren Größenwahnsinnigen zu tun haben, die diesen tragischen Terroranschlag für sich als Deckmantel ausnutzen, du Hirni“, gab Pitt zurück. „Mag sein, dass die erste Idee von einem verzweifelten Mann stammt. Aber federführend sind hier nun eindeutig doch ein paar andere. Ich sage nur ‚New Kingdom‘. Die nutzen die Gefühle der meisten Leute, eiskalt für ihre eigenen Pläne missbräuchlich aus, ohne dass die armen Schweine es vielleicht merken.“
„Da kannst du mit deinem Bauch sogar recht haben, Pitt.“, gab Jens nachdenklich geworden zu. Dabei rief er sich die letzten Verhöre in sein Gedächtnis. Er nahm sich noch ein Brot und setzte sich ruhig auf seinen Platz zurück.
Sebastian und Pitt bemerkten sofort, dass die grauen Gehirnzellen ihres Freundes und ehemaligen Vorgesetzten voll beschäftigt waren. Als einer der SEALs gerade etwas sagen wollte, verboten sie ihm durch Handzeichen abrupt das Wort. Sie wussten, dass Jens jetzt absolute Ruhe zum Nachdenken benötigte.
„Sebi, bring uns hoch.“, sagte der Flottillenadmiral nach einiger Zeit unvermittelt, „Ich muss so schnell es geht auf die Fregatte. Bleib aber so gut du kannst neben ihr. Ich komme zurück.“
Keine Frage stellend, bediente Sebastian das Höhenruder und Jack füllte auf sein Zeichen hin die Tanks mit Luft für den schnellen Auftrieb. Sebastian hielt das Ruder fester und steuerte das U-Boot direkt neben die Fregatte der ägyptischen Marine.
„Wir sind oben und direkt neben dem Schiff. Du kannst raus“, meldete Sebastian und achtete darauf, die Geschwindigkeit und den geringen Abstand zur Fregatte zu halten. Rasch kletterte Jens, gefolgt von Pitt und Adam, die ihm beim Umstieg helfen wollten, nach oben.
Als der Kapitän von seinem ersten Offizier in Kenntnis gesetzt wurde, dass das U-Boot direkt backbord neben ihnen auftauchte, gab er den Befehl zur langsamen Fahrt und ging nach draußen, um zu sehen, was da los war. Er beobachtete, wie drei Männer aufs Deck des U-Boot-Rumpfes kletterten. Einer von ihnen gab deutliche Zeichen, die besagten, dass er an Bord der Fregatte kommen wolle.
Der Kapitän befahl seinen Männern, das Fallreep an Backbord herunterzulassen, und verfolgte, wie sich die Männer vom U-Boot mit Enterhaken bewaffnet bemühten, die Strickleiter zu erfassen. Er erkannte in dem Mann, der jetzt nach den Sprossen des Fallreeps griff, Jens Arend. Beide kannten sich schon von einigen gemeinsamen Missionen. Die beiden anderen Männer halfen Jens beim Aufstieg, indem sie das Reep so straff gespannt wie möglich hielten. Flink erklomm der hohe Offizier die Sprossen der Leiter und stieg nach oben. Dabei schmerzte ihn seine verletzte Schulter, doch er versuchte es zu ignorieren und biss die Zähne zusammen.
„Mister Arend, was gibt es so Dringendes, dass du bei voller Fahrt zu uns kommst?“, fragte der Kapitän, als Jens schnell Richtung Brücke auf ihn zugelaufen kam.
„Grüß dich, Hamada. Kann ich bitte eure Satellitenverbindung nutzen? Es ist sehr wichtig.“
„Klar doch. Du kennst dich hier aus und weißt, wo du hin musst.“
„Du kannst ruhig wieder etwas mehr Fahrt machen, Hamada. Sonst läuft uns die Zeit weg. Meine Jungs werden schon mithalten“, sagte Jens und bedankte sich, während er bereits in Richtung des Funkraums lief.
Der Funker war von seinem Kapitän kurz zuvor informiert worden, dass Flottillenadmiral Arend das uneingeschränkte Recht hatte, den Funkraum mit all seinen Geräten zu nutzen. Als Jens den Funkraum betrat, stand der Funker sofort auf und wollte seinen Platz räumen.
„Nein, das ist nicht nötig. Danke“, sagte Jens sofort auf Arabisch. „Mir wäre es lieb, wenn Sie mir helfen könnten, eine Satellitenverbindung in die USA zum Pentagon herzustellen.“ Mit großen Augen sah der Funker, etwas überfordert, den Mann an, der noch immer in der Tür. Jens hatte keine Zeit für Erklärungen, also setzte er sich neben den Funker, bediente sicher die Satellitenfunkanlage und wählte die Nummer vom Pentagon, die er von Gerhard Hartmann erhalten hatte.
Schon nach kurzer Zeit meldete sich Lieutenant General Nils Fletscher.
„Hallo Nils, hier ist Flottillenadmiral Jens Arend. Kannst du mich in einer Konferenzschaltung auch mit eurem CIA, FBI und deinen Führungskräften, die sich mit unserem Fall beschäftigen, verbinden? Es ist dringend.“
„Klar kann ich, Jens. Es dauert nur einen kleinen Moment. Warte“, antwortete der Lieutenant General, dann knackte es ein paarmal im Lautsprecher.
Nachdem sich drei Männer mit tiefen, angespannt klingenden Stimmen gemeldet hatten, stellte sich Jens noch einmal vor. Doch die Männer wussten bereits, mit wem sie es an der anderen Seite ihrer Satellitenverbindung zu tun hatten. Kurz informierte Jens sie über die Lage und die neuesten Ergebnisse, die ihm vorlagen. Danach äußerte er die Vermutungen seiner Freunde und seine eigenen. Er bat darum, die Suche aufgrund dieses Gesichtspunktes zu erweitern. Im Gegenzug informierte der Mann vom CIA Jens Arend über neue Ergebnisse ihrer Ermittlungen, ebenso wie der Mann vom FBI. Gemeinsam berieten sie die nächsten Schritte und wünschten dann Jens Arend und seinen Freunden viel Erfolg bei ihrer bevorstehenden Operation. Sie versprachen ihm, schnellstmöglich weitere Kräfte zur Unterstützung zu entsenden.
Nachdenklich, wie abwesend, trennte Jens die Verbindung wieder. Er nickte dem Funker dankend zu und verließ den Funkraum. Noch immer grübelnd betrat er das Deck der Fregatte und ging an der Reling entlang zum Fallreep. Er winkte dem Kapitän zu, woraufhin dieser wieder den Befehl für langsame Fahrt gab.
Jens kletterte über die Reling und stieg schon ein Stück das Fallreep hinunter. Als das U-Boot aufgeschlossen hatte und seine Freunde die Strickleiter spannten, stieg er schnell weiter hinunter und sprang das letzte Stück, um auf dem Deck des erbeuteten U-Bootes zu landen. Gemeinsam mit Pitt und Adam balancierte er über das nasse Deck zum Turm mit der Luke. Flink kletterten sie nacheinander zurück ins Innere.
„Wir können wieder tauchen“, rief Adam nach vorn, nachdem er das Schott verriegelt hatte. Wenig später verschwand das U-Boot unter der Wasseroberfläche.
„Und was hast du Neues rausbekommen, großer Guru?“, wollte Sebastian wissen, während er sich auf die Steuerung des U-Boots konzentrierte.
„Dass es beim CIA oder zumindest bei einem Mann von denen, mit dem ich gesprochen habe, mordsmäßig stinkt. Die haben Mittel und Möglichkeiten, hier das ganze Rote Meer per Satellit zu überwachen. Was sie garantiert auch tun. Sie wollen aber angeblich nichts von einem in das Hoheitsgebiet Ägyptens, eingedrungenen U-Boot gewusst haben. Und das, obwohl sie doch ganz genau wissen, dass hier zurzeit der Bär steppt. Die haben doch sonst ihre Augen überall, wo es brennt. Und hier auf einmal haben sie Nebel vor ihrer Mattscheibe, wo sie doch sogar darüber informiert sind, dass hier die Kacke am Dampfen ist. Kommt euch das nicht auch spanisch vor?“
„Was willst du damit sagen?“, fragte Tim
Jens’ Gesicht hatte sich verhärtet, als er antwortete: „Das zumindest Einer von den Herren Dreck am Stecken hat und vielleicht damit zu tun haben könnte. Auch Leute in solchen Positionen können korrupt und käuflich sein, wenn die Summe stimmt, mein junger Freund. Nicht jeder kann einer Kiste voller Dollar, wie wir sie hier hinten im Heck spazierenfahren, für ein paar zurückgehaltene Informationen, widerstehen.“
„Und wie willst du solche Anschuldigungen beweisen können?“, fragte Tim trotzig, da er diese Anschuldigung als Beleidigung für sich und sein Land ansah, trotzig.
„Indem wir so viele der Männer lebend erwischen müssen wie möglich und die uns dann vielleicht dazu was zu sagen haben, wenn wir sie lieb darum bitten und fragen. .... Tim, Junge. Es geht hier nicht um dich oder dein Land und seine Bürger. Sondern es geht um ein paar einzelne Fanatiker, die glauben, Gott spielen zu können. Die gibt es auch in Deutschland und anderen Ländern. Sie kommen in allen Schichten der Gesellschaft vor und haben nichts mit Nationalstolz gemein, den du hier gern und zu Recht vertrittst. Doch das sind Menschen, die nur ihr eigenes Wohl im Sinn haben, aber nicht das deine und deines Volkes oder das einer anderen Nation. Du brauchst dich also nicht angegriffen fühlen. Wir verurteilen niemanden, bevor wir keine Beweise dafür haben. Und schon gar nicht verurteilen wir ein Land, nur weil solche Fanatiker von dortkommen. Wenn man ein schwarzes Schaf hat, kann man nicht die ganze Herde über einen Kamm scheren“, erklärte Pitt ruhig. Tim, Adam und Jack hatten genau zugehört.
„Jungs“, kam von Sebastian. „Wir müssen jetzt von euch wissen, ob ihr für uns und den Einsatz oder dagegen seid. Die Entscheidung steht euch frei. Ihr müsst es mit eurem Gewissen vereinbaren können. Anders läuft das hier nicht.“
Die drei US-Navy-SEALs tauschten nur kurz einen Blick aus und waren sich einig.
„Wir sind dabei. Wir wollen wissen, was da gespielt wird“, antwortete Adam mit fester, entschlossener Stimme für sich und seine Kameraden.
„Gut. Ich habe eigentlich nichts anderes von euch erwartet. Dann nochmals: Herzlich willkommen in unserem Team, Jungs“, sagte Jens und reichte den Männern eine Flasche Wasser.
„Sag mal, du großer Meister“, begann Pitt nachdenklich geworden. „Du Plaudertasche, hast denen da doch aber jetzt nicht brühwarm alles erzählt, was hier so läuft und dass unsere Jungs die Kerle schon erwarten?“
„Nein. Steht bei mir etwa BESCHEUERT auf der Stirn geschrieben? Als ich stutzig geworden bin, habe ich damit schnell aufgehört. Aber auch wenn ich sie über alles informiert hätte, würde das nichts nutzen, denn so lange das U-Boot auf Tauchstation ist, kann es keine Nachrichten empfangen. Die müssten dafür eine Nachrichtenboje hochschicken oder auftauchen. Ich glaube aber nicht, dass sie so blöd sind, das hier in dem Gewässer zu machen, wo sie doch ohne Einladung eingereist sind und sie unentdeckt bleiben wollen.“
„Was? Meinst du etwa, die Kerle haben noch nicht gemerkt, dass sie schon längst entdeckt worden und an unserem Haken hängen?“, fragte Pitt ungläubig.
„Na ja, ich denke ja mal, so wie ich sie kenne, dass unsere ägyptischen Freunde nicht mit dem Klammersack gepudert sind, sondern sich im Kielwasser des fremden U-Bootes versteckt halten. Damit sind sie vom passiven Sonar, wenn überhaupt, dann nur sehr schwer von den Eigengeräuschen zu unterscheiden. Die Kerle werden kaum das aktive Sonar nutzen, weil sie damit ganz leicht geortet werden könnten. Sonst hätten die bestimmt schon den Kurs gewechselt und würden schnellstens das Weite suchen“, antwortete Jack anstelle von Jens.
„Danke, Kleiner, das hätte ich nicht besser erklären können“, meinte Jens und zwinkerte seinen Freunden zu. „Ihr Jungs seid wirklich gut.“
„Die Küstenwache und die Fregatte trennen sich von uns und gehen jetzt auf einen anderen Kurs“, meldete Jack. „Ich schalte das passive Sonar zu.“
„Ich gehe auf Schleichfahrt“, informierte Sebastian kurz darauf und schaltete alle unnötigen Geräte ab. Das Licht an Bord erlosch und selbst die Sauerstoffzufuhr wurde leicht gedrosselt. Keiner der Männer sprach noch ein Wort. Sie lauschten gespannt auf die Klänge, die sie vom passiven Sonar aus dem Bordlautsprecher hörten.
„Zwei Klicks bis zum Ziel“, flüsterte Jack. „Noch keine Fremdaktivitäten zu hören.“
„Geht auf fünfhundert Meter ran. Dort warten wir“, gab Jens ebenso leise zurück. „Können wir da den Kasten auf Grund setzen, um keinen Ton von uns zu geben, und können dann aber trotzdem schnell wieder starten?“
„Ja, das ist möglich. Wir können das Baby schlafenlegen, wenn wir ein geeignetes Bettchen dafür finden“, antwortete Sebastian. „Ich will es nur nicht gerade zwischen Korallen ablegen.“
„Dann geht mal schon auf die Suche nach einem kuscheligen Plätzchen und sagt mir dann die Tiefe an und wo wir liegen“, forderte Jens leise, weiter auf die Außengeräusche hörend.
Nach einer Weile wandte sich Sebastian nach hinten. „In welcher Tiefe wäre es dem großen Meister denn recht? Ich kann dir eine Sandbank auf fünfundzwanzig Metern und etwas tiefer auf hundertdreißig Metern bieten.“
„Wie weit sind beide Plätze von unserem Ziel entfernt?“
„Beide knappe fünfhundert Meter und gleich schnell zu erreichen. Wir würden direkt vor der Ostspitze des Riffs liegen und kämen, je nach Bedarf, an beide Höhleneingänge ran.“
Jens entschied sich dafür, das U-Boot auf der tieferliegenden Sandbank abzusetzen. Schon wenig später senkte sich der Rumpf des Bootes langsam auf den Sandboden nieder. Sebastian stellte die Schiffsschraube und das dazugehörige Aggregat ab. Alles, was die Männer jetzt noch über die Lautsprecher des passiven Sonars hörten, waren die Geräusche des Meeres um sie herum.
„Was meinst du? Ob die Rucksäcke schon abgeladen und in den Höhlen sind?“, fragte Pitt, auf die kleineren Tauchboote anspielend, die auf dem Großen geparkt waren.
„Nein. Hamada hat mich informiert, dass unsere Leute in den Höhlen sitzen und auf sie warten. Wir würden da bestimmt Schüsse oder was Ähnliches hier übers Sonar auffangen“, antwortete Jens flüsternd.
„Die Jungs dürften da nun seit über vier Stunden in den beiden Höhlen sitzen“, überlegte Tim leise. „Bestimmt fangen sie schon an zu frieren.“ Keiner der Männer an Bord des U-Bootes antwortete darauf. Denn jeder von ihnen wusste aus eigener Erfahrung, wie kalt es vor allem in der unteren Höhle werden konnte.
Sebastian hatte das Sonar von den Bordlautsprechern genommen und die Kopfhörer aufgesetzt, um die Außengeräusche besser identifizieren und trennen zu können. Er legte den Kopf leicht schräg und schloss die Augen. Für Pitt und Jens ein sicheres Zeichen, dass ihr Freund sich voll konzentrierte. Gespannt schauten sie zu ihm hinüber.
Plötzlich zog er ruckartig den Kopfhörer ab, verzog das Gesicht vor Schmerzen und hielt sich das Ohr. „Das war jetzt etwas laut“, murmelte er und erklärte dann leise: „Es ist nicht zu fassen, die Kerle glauben wirklich, allein zu sein. Sie haben gerade ein ‚Ping‘ gesendet. Wahrscheinlich um die genaue Entfernung zum Riff zu berechnen.“ Und schon schob er sich den Kopfhörer wieder auf die Ohren und lauschte konzentriert weiter. „Okay, die Rucksäcke werden gerade ausgeklinkt und nehmen Fahrt auf“, informierte er.
„Und die anderen, was machen die?“, wollte Jens wissen.
„Negativ. Die haben sich wohl auf Lauerposition begeben, so wie wir. Und die Marineschiffe haben super reagiert. Auch von denen ist nichts zu hören.“
Andreas hatte mitbekommen, dass seine Freunde mit einem Mal schnell wegliefen. Er öffnete seine Augen und wollte aufstehen, um ihnen nachzulaufen, als er bemerkte, dass er seine Beine nicht mehr richtig bewegen konnte. Aus dem Augenwinkel sah er zwei dunkle Gestalten, die aus einem Versteck huschten und auf ihn zukamen. Noch ehe er darauf reagieren konnte, stach einer von ihnen kurz mit dem Messer auf ihn ein, und beide liefen weiter in die kleinere Höhle zu dem Kistenstapel.
Andreas ahnte sofort, dass diese beiden Kerle sich an dem Nervengift zuschaffen machen wollten. Schnell zog er seine Ballonspritzen mit dem Blutgerinnungsmittel und unterschiedlich starken Schmerzmitteln, wie dem Morphin aus seiner Gurttasche hervor und jagte sich gleich alle drei nacheinander in seine Oberschenkel. Noch bevor die Injektionen wirkten, biss er die Zähne zusammen. Er drehte sich herum und zog seinen Körper, nur mit der Kraft seiner Arme, zum Höhleneingang und dann in die kleinere Höhle bis zum Rand des Wassers.
„Hey, ihr Vollidioten, lasst die Pfoten von den Kisten!“, rief er und zog eine der ‚Heckler & Koch P11‘ aus dem Gurt. Sofort eröffnete er das gezielte Feuer auf die beiden Männer, aber verfehlte sie knapp.
„Los, ersäufen wir den Schwachmaten!“, schrie einer von ihnen, woraufhin beide ins Wasser sprangen und zum Angriff übergingen. Sie sahen für sich keine Gefahr, so zu zweit gegen den, wie es aussah, schwer verletzten Mann. Und schon zogen sie Andreas zu sich ins Wasser.
Doch da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn im Wasser war Andreas in seinem Element und das Schmerzmittel begann auch gerade zu wirken.
Nach einem kurzen Kampf bekam er beide Kerle gut zu packen. Er zog sie unter Wasser in den Felsspalt und ließ sie nicht mehr los. Er steckte sich das Mundstück einer seiner Pressluftpatronen in den Mund und atmete tief durch. Während die beiden Kerle, die dem Ertrinken nahe waren, um ihr Leben kämpften, fesselte Andreas sie schnell mit Kabelbindern. Die Bewegungen seiner Gegner wurden dabei zunehmend schwächer. Als er in der Ferne, vom Höhleneingang her, die Klicklaute und Pfeiftöne von Delfinen hörte, stand sein Entschluss fest.
Noch einmal nahm er einen tiefen Luftzug aus der Patrone, dann steckte er das Mundstück einem der Kerle, der dem Ertrinken nahe war, in den Mund. Holte auch die zweite Patrone aus der Tasche, nahm davon ebenfalls noch schnell hintereinander zwei tiefe Züge, um seine Lungen mit Luft vollzupumpen, und gab die Patrone dem zweiten Kerl zwischen die Zähne. Dann schob er beide aus dem Gang in die Höhle zurück und beobachtete, wie die Kerle nach oben trieben. Danach machte er kehrt und schwamm mit kräftigen Armzügen durch den schmalen Spalt hinaus ins offene Meer.
Kaum hatte er sich durch den engen Spalt gedrängt und nur noch wenig Luft in den Lungen, wurde er an seinen Armen gepackt und in einem rasanten Tempo weggezogen. Verschwommen erkannte er die Körper von Delfinen an seiner Seite. Dann wurde es zunehmend dunkler um ihn herum, bis er in eine tiefe Bewusstlosigkeit fiel.
Als er wieder zu sich kam, fand er sich im Flachwasser einer Höhle wieder. Durch ein kleines Loch im Höhendach tropfte salziges Wasser und die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch dieses Loch in das Gewölbe. Andreas nahm das alles nur wie im Traum wahr. Mühevoll zog er sich aus dem Wasser aufs Trockene. Ihm war kalt und der Schmerz schien seinen Körper zu verbrennen.
Mit letzter Kraft holte er eine Ballonspritze mit rotem Ballonkopf aus dem Notpack seines Taschengurts. Seine Hand zitterte, als er die Schutzhülle von der Nadel zog, sich die Nadel dann in seinen Oberschenkel stach und den Ballon ausdrückte. Langsam gelangte das Morphin in seinen Blutkreislauf. Doch davon bekam er schon nichts mehr mit, denn er war erneut bewusstlos geworden, noch bevor er die Nadel wieder aus dem Bein ziehen konnte.
Die Stimmen von Delfinen drangen an sein Ohr. Langsam öffnete Andreas wieder seine Augen. Der Schmerz hatte nachgelassen. Vorsichtig setzte er sich auf und sah vor sich die Köpfe von zwei Tümmlern im Wasser und lächelte ihnen zu. Er wusste nicht, wo er war, aber er wusste, dass ihn die Delfine hierhergebracht hatten.
„Danke, Jungs“, sagte er leise. „Mir geht es besser.“ Er rutschte ein Stück ins Wasser zurück und hielt den Tieren seine flache Handfläche entgegen. Leicht stupsten die Tümmler dagegen und verschwanden dann in die Tiefe, wo sich der Höhlenausgang befinden musste.
Andreas rutschte ganz ins Wasser zurück, holte tief Luft und tauchte ab. Er wollte den Delfinen folgen. Doch der Höhlenausgang lag zu tief unten. Er konnte zwar die große Öffnung schon sehen, sie aber nicht erreichen. Resignierend tauchte er wieder zur Wasseroberfläche zurück und zog sich an den Rand.
Ja, da sitze ich hier wohl fest. Hoffentlich bringen sie mir gelegentlich mal einen Fisch vorbei, damit ich hier nicht verhungern muss, dachte Andreas und begann sich in der Höhle umzusehen, die vom Licht, das durch das Loch im Höhlendach hereinströmte, bizarr beleuchtet wurde. Er entdeckte hinter sich an der Höhlenwand mehrere große, kakigrüne Metallkisten.
Stöhnend richtete er sich auf. Dabei bemerkte er den Spritzenkörper, der noch in seinem Oberschenkel steckte, und zog ihn heraus. Er wusste nicht mehr, dass er sich diese Injektion überhaupt gegeben hatte. Aber da er sich Morphin gespritzt hatte, mussten seine Schmerzen gewaltig gewesen sein. Er kontrollierte sein Notpack und stellte fest, dass er nur noch eine der Ballonspritzen besaß. Als er an seine linke Bauchseite fasste und die Hand dann vor sich hielt, war sie voller Blut.
Das kann ich jetzt gerade noch gebrauchen. Er schnallte seinen Taschengurt ab und zog den Reißverschluss seines Tauchanzuges auf, schlüpfte aus den Ärmeln, was ihm einige Mühe kostete. Schwer atmend streifte er den Neoprenanzug vorsichtig über die Wunde bis zu seiner Hüfte. Viel konnte er in dem matten Licht nicht erkennen. Er nahm ein wasserdicht eingeschweißtes Verbandspäckchen aus einer der Taschen des Gurtes, legte die Kompresse auf und das wasserdichte Material darüber, bevor er alles mit der Mullbinde um seinen Bauch fixierte. Dabei schnitt er sich, an einem scharfen Gegenstand, der in seinem Rücken steckte, den Handrücken auf.
„Auch das noch. Dagegen kann ich jetzt nichts machen. Also, alter Junge, ignoriere es einfach. Erst sehen wir nach, was in den Kisten ist. Dann überlegen wir, wie wir hier aus der Scheiße wieder rauskommen“, murmelte er vor sich hin.
Er schleppte sich, ein Bein nachziehend, zu den vielen säuberlich getrennt aufgestapelten Behältern. Es standen immer je drei Kisten übereinander. Aber je Gruppe in unterschiedlicher Anzahl. Nacheinander öffnete Andreas die Verschlüsse und schaute in je eine Kiste der Gruppe.
Ein anerkennender Pfiff verließ seine Lippen, als er den Inhalt der ersten Kiste sah.
Cool, genug Dynamit, um locker ein ganzes Stadtviertel plattzumachen.
Als er in die zweite Kiste schaute, wurden seine Augen groß vor Staunen. Die war vollbepackt mit dem formbaren Sprengstoff ‚C4‘ und in der dritten Kiste fand er den Plastiksprengstoff ‚Semtex‘ und auch noch einige Blöcke ‚TNT‘.
„Wow, das Spielzeug hier erfreut doch jedes Terroristenherz“, stellte er trocken fest. „Dann brauche ich ja nicht lange raten, was in den Kisten des vierten Stapels ist. Ich denke mal, da sind diverse Zünder drin.“ Er öffnete auch den Deckel einer der Kisten vom vierten Stapel. „Bingo, hundert Punkte für den Kandidaten“, sagte er laut, dass es in der Höhle widerhallte, während er die Kiste wieder schloss. „Alles feine Sachen, nur nützen sie mir hier nicht gerade wirklich was, außer ich wäre so wahnsinnig, mich hier frei sprengen zu wollen“, murmelte er leise weiter vor sich hin. Dann entdeckte er neben dem Kistenstapel etwas weiter hinten an der Wand noch eine kleine, unscheinbare Holzkiste ohne Deckel. Neugierig ging er darauf zu. Ein Lächeln zog über sein Gesicht, als er den Inhalt sah.
Nette Jungs, dass sie mir eine Art Haustürschlüssel dagelassen haben, dachte Andreas und schaute dabei zu dem Loch in der Höhlendecke, durch das das Licht eindrang. Er zog seinen Neoprenanzug wieder komplett über. Dabei hatte er nur kurz nicht an seinen Rücken und dass da etwas drinsteckte, gedacht. Laut schrie er vor Schmerzen auf, als der Anzug über diese Stelle glitt und der Fremdkörper sich dadurch noch tiefer einschnitt. Der eng anliegende Tauchanzug drückte schmerzlich den Gegenstand weiter in die Wunde.
Andreas biss die Zähne zusammen, und atmete tief durch, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er nahm sich aus der Holzkiste fünf der rohrartigen Behälter. Langsam schleppt er sich zum Wasser zurück und schwamm direkt unter die kleine Öffnung, die gut sechs Meter über ihm war. Er drehte sich im Kreise, um die beste Stelle zu finden, wo er nicht von den einfallenden Sonnenstrahlen geblendet wurde.
Er wusste, dass er sich keinen Fehler leisten konnte, sonst würde er mit all dem Zeug in diesem Höhlengewölbe in die Luft fliegen. Während er die roten Schutzkappen an beiden Enden abzog und den Sicherheitsclip entfernte, konzentrierte er sich ganz auf sein Ziel, fixierte das Loch über sich an und drückte den Auslösehebel gegen den Rohrkörper.
25
Gegen Mittag, nachdem sie doch ein paar wenige Stunden geschlafen hatten, begleiteten Pitt und Jens, Sebastian zur Toilette. Dabei mussten sie auf dem Gang an der Reling entlang. Immer wieder richtete Sebastian seinen Blick suchend aufs Meer hinaus. „Komm schon, Sebi, lass gut sein. Davon bekommen wir Andy auch nicht wieder. Lass uns wieder reingehen. Ich will raus aus dieser Hitze. Wir sind doch alle noch ziemlich fertig“, meinte Jens.
Sie waren gerade wieder an ihrer Mannschaftskajüte angelangt und wollten die Tür bereits hinter sich schließen, als plötzlich ein deutliches Zischen zu hören war. Blitzschnell drehten sie sich wie auf Kommando um und schauten in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten. Eine Rakete stieg in den wolkenlosen Himmel. Nach einem dumpfen Knall entdeckten sie ein rotes Licht, das an einem kleinen Fallschirm zu hängen schien und im leichten Nordwind Richtung Wasseroberfläche zurücksegelte. Nach 40 Sekunden war der Spuk bereits wieder vorbei.
„Das war doch eine Fallschirmsignalrakete!“, rief Sebastian aufgeregt und hüpfte auf seinem einen Bein zurück zur Reling. „Wo kam die her? Es muss hier ganz in der Nähe gewesen sein.“ Auch die anderen Männer traten an die Reling und liefen dann zum Bug des Schiffes, um zu ermitteln, woher das eindeutige Notsignal kam. Erneut zischte es und eine weitere Rakete stieg dreihundert Meter in die Höhe, wo dann ein weißer Leuchtpunkt, mit einer grellen Leuchtintensität von einhunderttausend Candela, am Fallschirm zu sehen war. „Es kommt von der östlichen Riffspitze“, stellte Pitt fest.
„Aber da ist doch nichts“, gab Jens zurück. „Oder könnt ihr da was erkennen? Vielleicht ja hinter den Felsen auf der Nordseite. … Hatte Andy eigentlich Signalstäbe mit dabei?“ „Nein, nicht dass ich wüsste. Aber wer sagt uns, dass er nicht an welche rangekommen ist? Wir müssen dorthin!“, rief Sebastian und hüpfte auch schon zurück in die Kabine, um sich den Liner und seine Prothese mit aller Gewalt über den verbundenen Beinstumpf zu ziehen.
Eine grau-blaue Rauchschwade hinter sich herziehend, schoss eine dritte Leuchtrakete in den azurblauen Himmel. Jetzt sahen sie deutlich, dass die Signalrakete vom Riffdach an der Ostspitze, das etwa zehn Meter über der Wasseroberfläche lag, gestartet sein musste.
Oberstleutnant Mahmud Kebier und Kapitän Sayed Khairat hatten die Signalraketen ebenfalls bemerkt und die Matrosen machten bereits die vier Zodiacs klar. Auch die beiden Zodiacs des Sanitätsschiffes wurden gerade zu Wasser gelassen.
Während die Freunde zum Heck sprinteten, und gerade noch rechtzeitig auf eines der großen Schlauchboote sprangen, schoss eine weitere Fallschirmsignalrakete zischend in den Himmel.
Sie rasten mit Vollgas um die Riffspitze herum. „Hier ist weder ein Boot noch ein Mensch zu sehen, der die Signalraketen abgeschossen haben könnte“, stellte Jens resignierend fest, während er mit dem Fernglas übers Wasser blickte. Er richtete den Blick gerade auf die zehn Meter steil aufragende Felswand, die vom Wasser ausgewaschen einen großen Überhang bildete, als eine weitere Leuchtrakete emporschoss. „Wir müssen da hoch. Die Leuchtrakete kam von da oben!“, rief er, den Motorenlärm der Außenborder übertönend, auf den oberen Teil des Felsens zeigend.
„Nur von dieser Seite haben wir keine Chance, ranzukommen. Wie sieht es auf der anderen Seite aus, von der wir gekommen sind?“ Sebastian übernahm nun selbst das Ruder des Zodiacs und steuerte es nahe dem Riffdach langsam um die Ostspitze zurück nach Süden. Dabei studierten sie die gemischte Riff- und Felsstruktur regelrecht.
„Stopp!“, rief William. „Von hier aus geht es. Wir müssen ein Stück über das flache Riffdach laufen, dann kommen wir gut an den Fels heran und können dort drüben hoch klettern.“
Sebastian steuerte den Zodiac so nah heran, wie es ihm möglich war. Die anderen Schlauchboote folgten seinem Beispiel. „Aber seid vorsichtig“, warnte Sebastian laut schreiend, damit es auch jeder hören konnte: „Achtet darauf wo ihr hintretet, hier halten sich gern Seeigel und Steinfische auf. Wenn ihr da drauflatscht, habt ihr ein paar Probleme. Denkt dran, die sind giftig. Vor allem die Steinfische. Also schiebt lieber die Füße in dem Flachwasser langsam vorwärts.“ Das Ganze wiederholte er auch noch auf Arabisch. Ihm selbst kitzelte es in den Fingern, ebenfalls mitzugehen. Doch er wusste, dass er da eher eine Behinderung für die anderen wäre, denn der Pin war nicht richtig in den Prothesenschaft eingerastet, weshalb seine Prothese nicht wirklich fest auf dem dick verbundenen Beinstumpf saß. Sie gab ihm somit nicht den nötigen Halt. Er hoffte aber, so wie alle anderen auch, dass sein Freund, Andreas Wildner, noch lebte und die Leuchtsignale von ihm kamen.
Andreas hörte die Außenbordmotoren von näherkommenden Kleinbooten, als er den fünften Signalstab nach oben hielt, genau zielte und den Auslösehebel gegen den Röhrenkörper drückte. Diese Aktion hatte all seine Konzentration und Körperenergie gekostet. Erneut wurde es ihm langsam wieder schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft, am ganzen Körper vor Kälte zitternd, zog er sich die Kopfhaube des Tauchanzuges über den Kopf. Dank des Neoprenanzuges mit seinem Eigenauftrieb und dem hohen Salzgehalt des Wassers ging er nicht unter, sondern lag ruhig auf der Wasseroberfläche, als er erneut in eine tiefe Bewusstlosigkeit sank.
So gewarnt, bewegten sich die Männer vorsichtig über das Riffdach bis zum Felsen. Sich gegenseitig helfend, das gleiche Ziel verfolgend, kletterten die ägyptischen Marins, amerikanischen SEALs und deutschen Freunde gemeinsam, den verwitterten, brüchigen Fels nach oben, der hauptsächlich aus abgestorbenen, scharfkantigen Steinkorallen bestand.
Die Sonne schien unbarmherzig vom Himmel, die Luft flimmerte. Das Gestein des Riffdachs hatte sich aufgeheizt und strahlte nun zusätzlich Wärme ab, was den Männern den Schweiß aus allen Poren trieb. Sie schnitten sich die Handflächen an den scharfen Kanten der Steinkorallenskelette auf, an denen sie sich festhielten, wenn sie mit den Füßen abrutschten und sich weiter nach oben zogen. Doch keiner gab auf oder beschwerte sich. Weder wegen der zerschundenen Hände noch wegen der Hitze.
Endlich oben angekommen. Ihr Atem ging schwer. Ihnen bot sich eine von Wind, Sonne und Meer gezeichnete, zerklüftete und poröse Oberfläche.
„Wo steckt der Kerl? Ich kann ihn hier nirgends sehen.“ Pitt drehte sich im Kreis und sah sich genauer um. Auch die anderen Männer sahen nichts, außer dem kargen, zerklüfteten Fels.
„Vielleicht gibt es hier Löcher oder auch Höhlen“, meinte Jens.
„Wir müssen systematisch vorgehen. Wir sollten in einer geschlossenen Reihe den Fels absuchen“, schlug ein ägyptischer Marineleutnant vor.
„Und was ist, wenn es sich dabei nur um eine dünne Höhlendecke handelt? Dann brechen wir vielleicht alle ein“, gab ein anderer zu bedenken.
„Gut, dann bilden wir eine V-Formation mit einem Abstand von mindestens sechs Metern zueinander und die zweite Staffel folgt uns in zehn Metern Abstand, versetzt zur ersten Formation“, schlug Jens vor. „Damit können wir die Fläche gut absuchen, ohne dass wir durch zu viel Gewicht auf einer Stelle, eine eventuelle dünne Höhlendecke zum Einsturz bringen und gleich mehrere von uns da hineinfallen. Wir müssen die Öffnung finden, aus der die Signalraketen abgefeuert wurden. Achtet auf jeden Schritt, den ihr macht. Wir gehen hier von der Ostspitze nach Westen vor.“
Unverzüglich teilten sich die Männer in zwei Gruppen und bezogen ihre Stellungen, um geordnet nacheinander vorzurücken.
Jeder der Männer hoffte, dass die Signalraketen von Andreas abgeschossen worden waren. Sie waren motiviert, aller Hitze auf dem kahlen Fels trotzend, die Öffnung im Fels zu finden.
Die SEALs waren beeindruckt von der Zusammenarbeit mit den Deutschen und den Ägyptern, die sich so gut verstanden und sie ganz selbstverständlich einbezogen. Und das, obwohl sie doch kurz zuvor erst erfahren hatten, dass es Amerikaner, ihre Landsleute, gewesen waren, welche die Anschläge auf das ägyptische Volk und andere muslimische Staaten geplant hatten.
Langsam rückte die erste Gruppe vor. Die Männer achteten auf jeden Schritt und scannten auf der Suche nach der Felsöffnung, ihre nähere Umgebung mit den Augen ab. Die zweite Gruppe folgte der ersten zehn Meter später versetzt nach. Akribisch suchten sie jeden Zentimeter ab.
Sebastian, im Zodiac, schaute nach oben zu den Männern, die langsam immer weiter vorrückten.
Gottverdammt, warum schießt dieser Kerl nicht noch eine Leuchtrakete ab, damit wir ihn schneller finden können, dachte er. Ich hoffe nur, dass es keine Falle für unsere Jungs ist. Mit dem Zodiac fuhr er, auf der gleichen Höhe der ersten Gruppe bleibend, langsam an der Riffkante entlang. Er griff, ohne den Blick von den Männern auf dem Fels zu lassen, zum Mikro des Funkgerätes, als er die Stimme von Oberstleutnant Kebier über den Lautsprecher hörte. „Hallo Mahmud, hier Wanderfalke. Die Jungs arbeiten sich auf dem Fels langsam vor. Was gibt es?“
„Abdul hat sich gemeldet. Anne ist im Moment stabil und deiner Frau geht es gut“, informierte Mahmud Kebier ihn. „Hasan und Kasim halten die Stellung im Palast. Dort ist bis jetzt alles ruhig.“
„Danke, Mahmud, das hört man doch gern“, gab Sebastian auf Arabisch zurück. „Ich werde es den Jungs so schnell wie möglich berichten. Sicher wird sie das freuen. Jetzt können wir nur noch hoffen, dass die Leuchtsignale wirklich von Andy gekommen sind und wir ihn lebend finden. Denn wie du sicher selbst bemerkt hast, sind seit über einer Stunde keine Raketen mehr aufgestiegen. Ich hoffe nur, dass es keine Falle für uns ist.“
„Das müssen wir wohl riskieren, wenn wir Andy finden wollen. Alle Männer wissen um die Gefahr, und doch haben sie sich freiwillig für diese Suche gemeldet“, erklärte der befreundete Oberstleutnant.
„Ich melde mich wieder, wenn sich hier was Neues ergibt. Wanderfalke Ende.“ Sebastian hängte das Mikro in die Halterung neben dem kleinen Funkgerät zurück. Er war erleichtert, dass es seiner Frau und auch Anne besser ging. Nun beherrschte nur noch die Sorge um den vermissten Freund, sein Denken. Angespannt klopften seine Finger auf der Steuerkonsole einen schnellen Rhythmus.
„Pitt“, schrie er seinem Freund zu, der die erste Gruppe anführte, „ich glaube, die Signalraketen sind gute hundertfünfzig Meter weiter vor euch hochgegangen. Beeilt euch doch etwas. Oh, und noch was: Kim und Anne geht es den Umständen entsprechend besser. Sag das den anderen.“
Pitt winkte kurz, dass er verstanden hatte, gab die gute Nachricht weiter und beschleunigte etwas seinen Schritt. Jens führte die zweite Gruppe an. Als er bemerkte, dass sein Freund das Tempo erhöhte, folgte er mit seinen Männern sofort nach.
Die Sonne brannte erbarmungslos auf die Männer herab. Einige der jungen Männer, die sich wegen der Hitze und der extremen Sonneneinstrahlung ihr Shirt ausgezogen und als Schutz über Kopf und Nacken gehängt hatten, wiesen heftige Sonnenbrände an Armen, Schultern und dem unteren Rücken auf. Andere bemerkten das Brennen hauptsächlich im Nacken und im Gesicht. Und dort hauptsächlich auf Nase und auch den Ohren. Trotzdem suchten sie unbeirrt weiter. Keiner von ihnen war bereit aufzugeben. Mitgebrachte Wasserflaschen gingen von Hand zu Hand. Jeder nahm immer nur einen kleinen Schluck, bevor er die Flasche dem Mann neben sich reichte.
Die Suchaktion dauerte jetzt schon weit über drei Stunden und noch immer war nichts von ihrem Freund zu sehen und auch nichts zu hören.
Sollte dieser Einsatz wirklich vollkommen umsonst gewesen sein? Nein, da musste doch jemand sein. Wo waren sonst die Notsignalraketen hergekommen? Irgendwo hier oben auf dem Riffdach musste doch etwas zu finden sein. Irgendetwas, das die Männer zu Andreas führte. Nur wo, auf diesem riesigen, zerklüftetem Stück Einöde?
Eine gute halbe Stunde später blieb ein ägyptischer Matrose, aus der zweiten Reihe, plötzlich stehen. „Stopp!“, rief er laut. „Hier ist ein Loch im Fels!“
Sofort legte sich der Mann auf den mit scharfkantigem, spitzen Geröll übersäten Boden und richtete seine Taschenlampe in das Innere des Felsspaltes. „Da treibt ein Taucher mit einem schwarzen Neoprenanzug auf dem Wasser.“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Aufregung, als er es den anderen zurief.
Jens und Pitt kamen, so schnell es ihnen bei dem Untergrund möglich war, zurückgelaufen
„Ist es Andreas?“, wollten sie wissen, noch während sie näher kamen.
„Das kann ich nicht sehen. Ich sehe nur den Körper.“
Pitt legte sich neben den jungen Matrosen und übernahm seine Lampe. Er beugte sich weit nach vorn über und versuchte, mehr zu erkennen.
„Und was ist?“, fragte Jens ungeduldig.
„Nichts zu erkennen. Wir kommen nicht tief genug runter, um einen besseren Sichtwinkel zu bekommen. Das Gestein ist hier gut vier Meter stark und das Loch verjüngt sich nach unten sogar noch. Ich könnte reinkriechen und mich einfach ins Wasser der Höhle fallen lassen. Nur leider würde ich dann genau auf dem Körper da unten landen.“
Die Männer riefen den Namen ihres Freundes in das Höhleninnere hinein. Doch sie bekamen nur ihr eigenes Echo als Antwort. So sehr sie auch lauschten, es war nichts anderes zu hören.
„Wir müssen da runter“, entschied Jens. „Und das Ganze schnell, wenn wir dem Mann da unten helfen wollen.“
Pitt überlegte kurz. „Wir brauchen ein Seil.“
„Schlaumeier, die Idee hatte ich vielleicht auch schon. Nur dass hier keiner von uns eins dabei hat.“
„Aber auf den Zodiacs sind welche!“, rief der kleine Texaner Tim und lief auch schon los. „Sebi ist gleich hier unten, ich klettere runter und hole eins.“
Jack folgte seinem Freund, um ihm zu helfen und beim Klettern zu sichern.
„Sebi!“, schrie Pitt aus Leibeskräften. „Tim und Jack kommen runter zu dir. Gib ihnen ans Seil, was du auf der Nussschale findest. Zur Not knote was zusammen. Wir müssen damit so um die zehn Meter weit runter kommen.“
Sebastian machte sich sofort an die Arbeit. Doch das, was er an Tauwerk auf dem Zodiac fand, reichte bei weitem nicht. Dann fiel ihm das Ankerseil ein. Schnell kappte er es direkt hinter dem kleinen Anker und verband dieses Seil sicher mit dem Ende der eigentlichen Halteleine, die rings um die Schlauchwulst geführt hatte, und er sie nun einem besseren Zweck zuführte. Gerade als er das Seil ordentlich in Schlaufen aufgewickelt hatte, waren die beiden SEALs so weit nach unten gekommen, dass Sebastian ihnen das Seil sicher nach oben werfen konnte.
Jack und Tim kletterten, ohne auf das neuerliche Einschneiden der scharfkantigen Korallenskelette in ihre Handflächen zu achten, zurück nach oben. Das letzte Stück bekamen sie Hilfe von zwei ägyptischen Matrosen, die sie hochzogen. Adam nahm Tim, der etwas außer Puste war, das Seil ab und rannte damit über das lockere Geröll zu den anderen.
Nachdem sie das Seil nach unten gelassen hatten, entschied Jens: „Pitt, du gehst runter und schaust nach, was Sache ist. Wir sichern das Seil. Sag uns Bescheid, was los ist und was wir tun können.“ Das brauchte man Pitt nicht zweimal zu sagen. Sich am Seil festhaltend, kletterte er in das enge Loch, wo er gerade so durchpasste, und seilte sich schnell und gekonnt ab. Erst kurz vor der Wasseroberfläche stoppte er und ließ sich das letzte Stück sacht neben dem Taucher ins Wasser gleiten.
„Jungs, es ist Andy!“, rief er nach oben, dass es von den Höhlenwänden laut widerhallte. „Er lebt!“ Die Männer auf dem Fels jubelten auf, als sie das hörten.
„Was ist mit ihm?“, wollte Jens dann wissen.
„Ich weiß es noch nicht. Er ist bewusstlos.“ Pitt schlug Andreas leicht auf die Wangen, damit er wieder zu sich kam. Dabei zog er ihn in das flachere Wasser am Höhlenrand. „Andy, Mensch Junge, komm zu dir“, sagte er immer wieder und wollte ihn gerade aus dem Wasser herausziehen.
„Nicht aus dem Wasser. Nicht auf den Rücken“, flüsterte Andreas leise, kaum hörbar.
„Was meinst du damit, Andy?“, wollte Pitt wissen. Doch Andreas war bereits wieder bewusstlos. „Jens, komm runter, mit Andy stimmt was nicht.“, rief Pitt wieder nach oben. Dabei hielt er Andreas und ertastete seinen Puls, der kaum noch zu finden war.
Rasch rutschte Jens, sich nur mit dem gesunden Arm festhaltend, das Seil nach unten und ließ sich die letzten drei Meter einfach ins Wasser fallen und schwamm zu ihnen. „Was ist los? Hol den Kerl doch endlich aus dem Wasser. Der muss doch schon total unterkühlt sein.“
„Genau da liegt das Problem. Das will er nicht.“
„Wie meinst du das … er will nicht?“, fragte Jens und schaute besorgt in das aschfahle Gesicht des bewusstlosen Freundes. Seine Augen waren eingefallen, von dunklen Rändern gezeichnet, die Lippen aufgesprungen und blau angelaufen. „Er ist schon ein Eiszapfen. Andy muss schnellstens aus der kalten Pfütze raus.“
Pitt berichtete, wie Andreas kurz zu sich gekommen war und was er da gesagt hatte. „Jens, ich glaube nicht, dass Andy es nur im Fieberwahn gesagt hat. Es schien ihm sehr wichtig zu sein.“
„Gut, halt ihn fest“, sagte Jens. „Ich taste ihn ab.“ Dabei dachten beide, dass vielleicht ein Sprengsatz am Rücken ihres Freundes befestigt sein könnte, der explodiert, sobald er aus dem Wasser gehoben würde. Doch Jens konnte nichts dergleichen an Andys Körper ertasten. „Der ist cleaner als nur clean. Ich habe nichts gefunden.“
„Aber da muss irgendetwas sein. Andy sagt so etwas nicht ohne Grund“, beharrte Pitt darauf und schaute sich hilfesuchend in der Höhle um. Beide sahen die vielen Kisten an der Höhlenwand.
„Vielleicht meinte er, dass hier Sprengfallen sind und wir deshalb nicht aus dem Wasser sollen“, überlegte Jens laut.
„Aber was sollte das mit seinem Rücken zu tun haben?“, fragte Pitt unsicher. „Nein, da muss was anderes sein.“ Dann entdeckte er in dem diffusen Licht, der einstrahlenden Sonne, den roten Ballonspritzenkörper auf dem feuchten Höhlenboden. „Schau mal, er hat sich noch eine Dosis Morphin gespritzt“, sagte er mit besorgt klingender Stimme und wies mit dem Kopf in Richtung des Bodens, wo die Spritze lag. „Das muss aber eine ganze Weile her sein, wenn wir mal davon ausgehen, dass er die ganze Zeit hier im Wasser war, während er die fünf Signalraketen abgeschossen hat, und bis wir ihn hier gefunden haben“, überlegte er laut.
Jens reagierte sofort und griff zum Taschengurt seines bewusstlosen Freundes. Er öffnete den Schnellverschluss und zog ihn vorsichtig ab. Dann holte er aus einer der Taschen Andys Notpack. „Es ist nur noch eine drin“, stellte er erschrocken fest. Er nahm die Ballonspritze aus der Hülle und warf den Gurt an den Rand aufs Trockene. Dann verabreichte er Andreas die letzte Morphindosis. „Holen wir ihn vorsichtig raus und legen ihn nicht auf den Rücken, sondern auf die Seite. Er sagte doch, nicht auf den Rücken. Also halten wir uns daran. Aber er muss aus dem kalten Wasser, sonst hat er keine Chance mehr. Achte darauf, wir müssen ihn waagerecht herausheben, ohne ihn groß zu bewegen. Bei seiner starken Hypothermie könnten wir ihn sonst umbringen“, erklärte Jens.
„Ja, ich bin doch nicht blöd. Ich kenne die Gefahren eines Bergetodes, der durch falsche Hilfeleistung bei stark unterkühlten Menschen auftreten kann. Brauchst mich also nicht belehren“, sagte Pitt etwas gereizt. Die Sorge um ihren gemeinsamen Freund war groß.
Sie trugen Andreas vorsichtig an Land und legten ihn in der stabilen Seitenlage ab. Pitt bat die Jungs, die oben auf dem Fels standen, hofften und warteten, ein paar trockene Sachen herunterzulassen. Keiner ließ sich das zweimal sagen. Sie zogen ihre T-Shirts aus, banden sie zu einem großen Päckchen zusammen und ließen sie am Seil nach unten bis kurz über die Wasseroberfläche. Jens schwamm hin, knotete sie von der Leine und schwamm, das Bündel über seinem Kopf haltend, zurück.
Pitt hatte begonnen, den nassen Anzug von Andreas vorsichtig aufzuschneiden, um ihn leichter von seinem Körper zu bekommen. „Oh Scheiße“, entfuhr es ihm, als er den völlig durchbluteten, nassen Verband am Bauch entdeckte. „Wir müssen ihn auf den Rücken drehen, wenn wir das wenigstens notdürftig behandeln wollen.“
„Nicht auf den Rücken“, hörten sie die vor Kälte, Blutverlust und Schmerzen geschwächte, zitternde Stimme ihres Freundes, der gerade wieder zu sich gekommen war. „Bitte nicht auf den Rücken, Jungs“, flehte er geradezu.
Vorsichtig tasteten sie den Rücken ihres Freundes ab. Dabei entdeckten sie ein scharfkantiges, spitzes Metallstück, das direkt neben der Wirbelsäule steckte und aus der Wunde herausragte. Ihre Blicke trafen sich kurz.
Es handelte sich dabei eindeutig um einen Wurfstern, der mit fünf seiner sechs rasierklingenscharfen Spitzen für quer tief im Rücken ihres Freundes steckte. Ihnen war klar, dass sich die Klinge bei jeder Bewegung weiter in sein Fleisch schneiden könnte.
„Mir ist kalt, Jungs“, war von Andreas leise zu hören. Damit riss er die beiden aus ihrem Schock. Sofort deckten Pitt und Jens ihren verletzten Freund mit den T-Shirts zu, die sie von den Männern bekommen hatten, die noch immer auf dem Fels standen und warteten. Fieberhaft überlegten sie dabei, wie sie Andreas aus dieser Höhle schaffen konnten, ohne ihm weiter zu schaden. Sie brauchten einen Plan. Er durfte so wenig wie nur möglich bewegt werden. Nur wie sollte das bei der kleinen Öffnung im Felsdach funktionieren? Noch dazu, wo es mittig weit oben und noch dazu direkt über tiefem Wasser lag
„Durch das Loch da oben bekommen wir Andy nicht raus“, flüsterte Pitt. „Das wäre sein Todesurteil.“
Jens schaute besorgt nach oben und nickte. „Wir müssen ihn aber rausbringen. Denn wir können ihm hier nicht helfen. Das wäre also ebenfalls sein Tod.“
„Oder wir bringen das Ärzteteam durch das Loch da oben, samt dem, was sie brauchen, zu Andy runter“
„Wie wäre es, wenn ihr nicht so reden würdet, als wäre ich nicht da oder schon tot?“, sagte Andreas mit schwacher Stimme. „Ich habe nicht vor, den Löffel abzugeben. Aber vielleicht hätte ich ja auch noch was dazu zu sagen. Wie wäre das?“ Er versuchte zu lächeln. Seine Zähne schlugen vor Kälte klappernd aufeinander, während er immer wieder stockend weitersprach. „Hier gibt es einen zweiten Höhleneingang. Oder meint ihr, ich wäre hier reingeflogen und die hätten die Kisten voll beladen mit Sprengstoff durch das Loch da oben gezwängt, wo die Kisten doch viel größer sind? Allerdings liegt der Eingang ziemlich tief. Die Delfine haben mich hier reingebracht und sind dann aber abgehauen. Ich habe versucht, da runterzukommen, es aber ohne Gerät nicht geschafft. Aber das U-Boot dieser Kerle dürfte es schaffen und passt auch hier in die Höhle. Das heißt, wenn ihr es nicht zerschrottet habt.“ Nach einem kurzen Aufstöhnen verlor Andreas wieder das Bewusstsein.
„Jack!“, schrie Jens laut nach oben, „beweg deinen Arsch, suche dir noch sechs Männer, die brauchen wir dann hier unten. Aber zuerst holt euch zusammen mit Sebi das U-Boot und sucht den Höhleneingang. Der muss laut Andy, ziemlich tief, nordöstlich von der Höhle am Drop-Off liegen. Orientiert euch an dem Loch auf dem Fels, wo unsere Leute noch stehen werden! Aber beeilt euch, hier geht es um Leben und Tod!“ Dann wandte er sich den ägyptischen Offizieren zu. Er erklärte ihnen auf Arabisch, dass, sobald Jack und Sebi im U-Boot die Peilung aufgenommen hatten und abtauchten, sie mit ihren Männern über die Ostspitze zu den Zodiacs gehen und zum Marineboot zurückkehren sollten. Außerdem sollen sich dann auch ein paar Ärzte bereithalten.
Jack lief sofort mit den drei SEALs und drei ägyptischen Marines los. Sie rutschten eher den steilen Geröllhang auf ihren Hinterseiten hinunter, als dass sie liefen und kletterten. Keiner von ihnen nahm dabei Rücksicht auf die Schürfwunden, die sie sich dabei zuzogen. Sie wollten einfach nur so schnell wie möglich beim Zodiac sein. Schon während sie dem Schlauchboot näher kamen, riefen sie Sebastian zu, worum es ging.
Der ließ sofort den Motor an und fuhr ganz nah an den Fels heran. Nacheinander sprangen die sieben Männer über den Felsvorsprung aufs Hartschalenboot. Kaum war der Letzte an Bord, lenkte Sebastian den Zodiac in eine enge Kurve, und nahm mit Vollgas Kurs auf das kleine U-Boot, das längsseits neben dem Schiff der Marine festgemacht war. Er raste mit Vollgas übers Wasser, sodass das kleine, schnelle Boot laut krachend von Wellenspitze zu Wellenspitze sprang, wobei es die Männer an Bord ordentlich zusammenstauchte. Dabei nahm er Funkverbindung mit dem ägyptischen Kapitän auf. Er bat ihn darum, schon die Leinen des U-Bootes loszumachen und die Crew des Sanitätsbootes zu informieren, damit sie sofort einsatzbereit ist, wenn sie mit ihrem schwer verletzten und unterkühlten Freund zurückkehren.
Am kleinen Unterseeboot angekommen, sprang einer der Matrosen zu ihnen aufs Schlauchboot und übernahm es, während die Männer auf das U-Boot übersetzten und Sebastian dabei halfen. Zügig verschwanden sie nacheinander durch die Einstiegsluke ins Innere des erbeuteten Tauchboots. Jack war der Letzte und verschloss die Lukentür fest hinter sich, lief nach vorn zur Steuereinrichtung, wo Sebastian schon Platz genommen hatte. Sie kontrollierten die Anzeigen und starteten kurz darauf die Antriebsmotoren. Langsam bewegte sich das Boot vorwärts und schwenkte in einer weiten Kurve erst einmal auf Ostkurs, um das tiefere Gewässer zu erreichen. Danach ging Sebastian wieder auf Nordkurs. Jack nahm die genaue Peilung auf, flutete die Tanks, und das mit Akkumulatoren elektrobetriebene U-Boot sank in die Tiefe. Sebastian holte alles aus dem Motor heraus, was drin war.
Sie näherten sich der angepeilten Stelle und stiegen auf. Jack schaute durch eines der Bullaugen auf die Steilwand und orientierte sich an der Gruppe von Soldaten, die oben auf dem Fels in der prallen Sonne ausharrten. So in Stellung gebracht, sanken sie langsam wieder tiefer und suchten konzentriert die Steilwand nach dem Höhleneingang ab.
„Stopp, Sebi!“, rief Jack und zeigte vor sich durch das Bullauge. „Siehst du das? Hier wird das Licht unseres Scheinwerfers geschluckt und nicht von der Riffwand reflektiert. Das könnte der Höhleneingang sein. Groß genug wäre er.“
„Okay, sehen wir mal nach und gehen rein. Achte du mit auf die Seitenruder.“ Sebastian steuerte das kleine U-Boot vorsichtig in den schwarzen Schlund. Nach etwa fünfzig Metern stoppte er die Maschine und blies die Tanks aus. Nur langsam stieg das U-Boot zur Oberfläche.
„Meine Herren, ihr Taxi ist da“, meldete sich Sebastian, nachdem er die Luke geöffnet hatte. Nacheinander kletterten die Männer auf den Bootsrumpf. Jens schob ein breites, dickes Brett, das er in der Höhle entdeckt hatte, Richtung Rumpf des U-Bootes, welches die Männer schnell befestigten. Über den so geschaffenen Steg gelangten sie, mit einer provisorisch zusammengebastelten Trage, auf das Deck des Unterseebootes.
„Wie geht es Andy? Wieviel Morphin habt ihr ihm schon gespritzt?“, erkundigte sich Sebastian, kaum dass er sich, mit Unterstützung von zwei der Männer, neben seinen Freund hingehockt hatte und dessen Vitalfunktionen überprüfte.
„Nur noch eine Dosis. Die andere hatte er sich schon eher gegeben“, antwortete Jens.
„Ich denke mal, er hat sie sich nicht wegen der Verletzung am Bauch gespritzt, sondern deshalb hier“, erklärte Pitt, hob die T-Shirts an, die Andreas etwas warmhalten sollten, und zeigte auf die Verletzung am Rücken.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es Sebastian. Mit entsetztem Blick sah er zu seinen Freunden auf.
Tim brachte ein kleines Sauerstoffgerät mit, das ihm ein ägyptischer Matrose in die Hand gedrückt hatte, noch bevor er ins Boot geklettert war. Er setzte Andreas die gut angeatmete Maske aufs Gesicht und beobachtete seine schwache, aber regelmäßige Atmung.
„Wir kriegen ihn unmöglich, so in Seitenlage auf der Trage fixiert, durch die Luke“, stellte Sebastian fest.
„Aber wir könnten ihn auf den Bauch legen und richtig festschnallen“, schlug Jens vor.
„Ich will ihm aber auch nicht die Halswirbelsäule zu weit verdrehen. Damit würden wir auch ein paar Muskeln, Sehnen und Nerven entlang der ganzen Wirbelsäule bewegen. Keine Ahnung, welche Auswirkungen das auf seinen jetzigen Zustand und die Verletzung hätte.“
„Dann schneiden wir für Andys Gesicht ein Stück aus dem Stoff der Trage heraus. So können wir auch seinen Kopf gerade und fest fixieren“, schlug Adam vor, der das Gespräch mitangehört hatte, und stach auch schon sein Messer in den oberen Teil des festen Stoffes und schnitt ein Loch heraus, das groß genug für die Atemmaske, aber nicht so groß war, dass Andys Kopf hätte hindurchrutschen können.
„Klasse Einfall, Kleiner“, lobte Pitt.
Alle packten mit an, um den schwer verwundeten Freund so vorsichtig wie nur möglich bäuchlings auf die Trage zu legen.
Tim schob ihm die Halteriemen der Sauerstoffmaske über den Kopf, während Pitt, Sebastian und Jens ihren Freund fest auf der Trage verschnürten, sodass er sich kein Stück mehr rühren konnte.
„Ich glaube, wir sollten Andy nicht erst zum Sanitätsboot schippern“, überlegte Sebastian. „Der Seegang da oben ist immer noch ganz schön stark. Denkt doch mal nach, wie wir hier schon zu tun hatten, ihn durch die Luke zu buxieren. Und hier in der Höhle ist das Wasser spiegelglatt. Würden wir ihn da nicht in zusätzliche Gefahr bringen, wenn das Boot ein Spielball der Wellen ist?“
„Was willst du denn aber sonst machen, du Schlaumeier?“, fragte Jens. „Einfach rausziehen können wir das Ding nicht. Da machen wir mehr kaputt, als dass wir ihm damit helfen würden.“
„Das habe ich auch nicht vor. Aber wir können mit dem U-Boot ebenso schnell im Militärhafen des Lazaretts sein wie das Sanitätsschnellboot, nur ohne das lästige Geschaukel auf den Wellen, was für Andy nicht gut wäre. Hier unter Wasser, im U-Boot, gibt es keine Wellen, die es schaukeln lassen. Ich würde auch lieber den Hubschrauber nehmen. Nur den kann von uns ausgerechnet bloß Andy fliegen, der aber ja wohl verhindert ist. Genug Saft für die Strecke hätten wir noch in dem Kasten. Das habe ich schon ausgerechnet“, meinte Sebastian. „Wir müssen nur absichern, dass es das Militär erfährt und sie uns nicht als Eindringlinge mit einem Torpedo zu den Fischen schicken, wenn sie uns auf dem langen Weg mit ihrem Sonar entdecken. Nur leider haben wir hier keinen Funk an Bord, um es ihnen begreiflich zu machen, dass wir die Guten sind. Und die anderen sind vom Riffdach gerade abgezogen worden, also können wir es auch ihnen nicht mehr sagen.“
„Kein Problem“, meldete sich William, der sich etwas in der Höhle umgesehen hatte, in die Kiste mit den Fallschirmsignalraketen griff und sich zwei davon herausnahm. „Dann schmeißt mich aus der Schleuse, sobald ihr aus der Höhle raus seid. Ich sage unseren ägyptischen Freunden Bescheid, ohne dass ihr erst noch unnötig Zeit durchs Hinschippern und Auftauchen verliert“, schlug er vor.
„Ja klar doch, du Knalltüte. Kann es sein, dass du nicht genau auf den Tiefenmesser geschaut hast, als wir mit dem U-Boot in die Höhle tauchten?“, meinte Sebastian. „Ist dir entfallen, wie tief wir waren?“
„Wir waren auf 98 Meter. Ich weiß“, gab der Afroamerikaner unbeeindruckt zurück. „Ja, und? Wo liegt da das Problem?“
„Was? … Ja, und wo liegt da das Problem?“, äffte Jens mit aufbrausender Stimme nach. „Das ist lebensmüde, mein Junge, selbst für einen ausgebildeten Marinetaucher. Das lasse ich nicht zu.“
„Lass mal, Jens“, mischte sich Adam ein. „William weiß, was er tut und wie hoch sein Risiko dabei ist. Er ist ein hervorragender Apnoetaucher. Er hält darin ein paar Rekorde bei uns. Wir würden dadurch viel Zeit sparen, die Andy vielleicht dringend braucht. Wir müssten nicht erst noch mal zum Marineboot zurückkehren, um sie zu informieren. Das übernimmt Willi für uns. Wir brauchen doch auch nur etwas höherzugehen, nachdem wir aus der Höhle raus sind, und schmeißen ihn … vielleicht so bei sechzig oder fünfzig Metern raus. Höher bräuchten wir wirklich nicht aufzutauchen, wenn wir keine Zeit damit verlieren wollen. Der macht das schon.“
Unschlüssig schauten die Deutschen den Afroamerikaner an.
Doch der lächelte sie nur mit einem breiten Grinsen an und zeigte dabei seine weiß blitzenden Zahnreihen. „Nur keine Sorge, Boss, das ist faktisch ein Klacks für mich. Ich weiß, was ich tue. Andy braucht jede Sekunde. Und ich kann ihm dadurch ein paar zusätzliche verschaffen.“
Die anderen drei SEALs wussten zwar, dass das nicht wirklich nur ein Klacks für ihren Freund sein würde. Denn Apnoetauchen, auch wenn da sein Rekord beim No-Limit-Tieftauchen bei 164 Metern stand, war da schon etwas anderes, als aus einem U-Boot aufzutauchen. Doch sie kannten Willi. Er würde dieses Risiko nicht eingehen, wenn so viel auf dem Spiel stünde und er nicht wüsste, dass er es schaffen kann. Schließlich hing viel davon ab, dass er die ägyptische Marine über ihren Plan informieren konnte, damit das U-Boot nicht von den eigenen Leuten angegriffen wurde. Trotzdem stimmten die deutschen Freunde nur widerwillig zu. Doch sie wussten auch, um die Notwendigkeit und dass es Andreas wertvolle Zeit verschaffen würde.
Nachdem sie die Körpertemperatur von Andreas, dank ihrer eigenen Körperwärme etwas erhöht hatten, brachten sie ihn auf der Trage über den schmalen Steg zum U-Boot. Sie mussten ihn samt Trage für hochkant regelrecht durch die Luke einfädeln.
Im Inneren des Bootes angekommen, arretierten sie die provisorische Krankentrage in einem Gestell, damit sie nicht direkt auf dem Boden lag, was wegen Andys Gesicht und der Atemmaske auch nicht gegangen wäre. Zuletzt wurde Sebastian von zwei Marinetauchern ins Innere des Tauchbootes geholfen. Tim verschloss die Luke und das U-Boot tauchte, geführt von Jack und Sebastian, langsam wieder ab, um rückwärts aus dem Höhlengang herauszukommen.
„Wir sind in zwei Minuten im Freiwasser. Danach gehe ich gleich auf fünfzig Meter hoch“, meldete Sebastian. Das war das Zeichen für William, sich fertigzumachen. Jens und Pitt ließen es sich nicht nehmen und begleiteten den jungen Mann zur Schleuse. Während William sich darauf konzentrierte, seine Vitalfunktionen durch Atemübungen herunterzufahren und danach mit drei schnellen Atemzügen so viel Luft wie möglich in seine Lungen zu pumpen, dass es aussah, als würde er hyperventilieren, betrachteten ihn die deutschen Freunde besorgt.
„Du musst das nicht tun, Willi“, versuchte es Jens noch einmal. „Andy hätte etwas dagegen, dass ein anderer leichtsinnig sein Leben für ihn aufs Spiel setzt.“
„Das ist kein Leichtsinn, Boss. Sondern kalkuliertes Risiko und für ihn eine reale Chance. Andy hat es mit den Delfinen so weit und so tief geschafft und ich schaffe es nach oben. Ich brauche ja nur so viel Luft, um lange genug ausatmen zu können. Bitte geht nicht extra erst weiter hoch. Es ist kostbare Zeit, die Andy nicht hat.“ Dann stieg William in die Schleuse.
„Aber Andys Herzschlag wurde durch die Medikamente und die Kälte schon verlangsamt. Deiner ist es nicht. Andy hatte die schnellen Delfine, die ihn zogen. Aber du hast nicht einmal Flossen, um aus dieser Tiefe überhaupt erst etwas Auftrieb zu bekommen. Außerdem gehen sie mit vollen Lungen runter und halten die Luft auch an, bis sie unten sind, und verwenden dann diese Luft bei ihrem Aufstieg, was einen Dekompressionsstopp unnötig macht. Du aber musst die gesamte Zeit ausatmen. Auch wenn sich dein Lungenvolumen mit abnehmendem Druck wieder vergrößert, so ist es doch sehr gefährlich und eine verdammt lange Strecke. Du musst für das möglichst langsame Auftauchen aus dieser Tiefe mit einem Minimum von fünf Minuten rechnen, bevor du wieder Luft holen kannst“, gab Pitt noch zu bedenken.
„Ich weiß. Höchstens zehn Meter pro Minute. Besser noch etwas mehr. Keine Sorge, ich schiebe mich am Schleusenausgang ab, ich weiß genau, was ich tue. Das ist reine Übungssache. Ich wurde für einen solchen Fall trainiert und ausgebildet. .... Ich bin bereit“, sagte Willi entschlossen und verriegelte auch schon die Schleusentür hinter sich. Während der kleine Schleusenraum mit Wasser geflutet wurde, atmete der mutige Mann noch einmal tief ein, dann hielt er die Luft an. Als das äußere Schott geöffnet wurde, winkte er kurz zurück, drückte sich ab und verschwand in der dunklen Tiefe des Meeres.
„Okay Sebi, Willi ist draußen. Du kannst das Schott wieder schließen.“, meldete Pitt.
Jack und Sebastian warteten noch einen Moment, bevor sie Fahrt aufnahmen. Sie wollten damit vermeiden, dass William versehentlich noch in den Sog der starken Schraube geraten konnte, während er zur Oberfläche unterwegs war.
Sie lenkten das kleine U-Boot nach Nordosten aufs offene Meer hinaus, um das flache Küstengebiet mit den Riffen, die zurzeit von vielen Urlaubern betaucht wurden, zu meiden und schnellere Fahrt machen zu können. Dann richteten sie ihren Kurs klar nach Norden aus. Sie folgten dem schnurgeraden und somit kürzesten und sichersten Weg zu ihrem Ziel.
26
Kaum aus der Schleuse des Unterseeboots herausgekommen, schaute William seinen kleinen Luftblasen nach, um sich daran zu orientieren, was oben und unten war. Er stieß sich kräftig ab und schwebte langsam, immer auf ein ständiges, leichtes Ausatmen achtend und nicht schneller als die ausgeatmeten Luftblasen zu sein, der fernen Wasseroberfläche entgegen. Auf der Hälfte der Strecke tastete er nach den beiden Signalraketen an seinem Hosenbund. Er zog die Rechte der beiden Röhren heraus. Es war die Fallschirmleuchtrakete mit dem weißen Lichtschein, die als Seezeichen aussagte: „Achtung, ein Problem.“ Während er seinen Aufstieg fortsetzte, aber auch zusehends verlangsamte, um den Stickstoff im Körper so gut es ging noch abzubauen, entfernte er routiniert die Schutzkappen und den Sicherheitsclip. Er hielt den Rohrkörper mit gestrecktem Arm von sich und drehte vorsichtshalber sein Gesicht weg, als er den Hebel gegen das Gehäuse drückte.
Sofort schoss die Rakete zischend durchs Wasser, durchbrach die Oberfläche und flog weiter hoch in die Luft, bevor sie explodierte, das grelle, weiße Licht am Fallschirm freigab und es fünfundzwanzig Sekunden lang am Himmel leuchten ließ.
Etwa zwanzig Meter vor der Wasseroberfläche zündete er die zweite Signalrakete mit dem roten Licht, die den dringenden Notfall signalisieren sollte.
Der erste Offizier auf der Brücke des Marineschnellbootes hatte die weiße Leuchtrakete bemerkt und sofort Alarm für die Zodiacbesatzungen gegeben. Über Bordlautsprecher gab er den Matrosen die genaue Richtung schon an, bevor sie in die Schlauchboote sprangen.
Als die zweite Leuchtrakete zu sehen war, waren die Männer in den vier Booten, schon in voller Fahrt auf dem Weg zu der Stelle.
Mit fast gänzlich leerer Lunge stieß William durch die Wasseroberfläche und holte erleichtert, dass er es geschafft hatte, tief Luft. Er orientierte sich und schwamm dann auf die näher kommenden Zodiacs zu.
„Schnell, bringt mich zu eurem Kapitän, es ist sehr wichtig“, rief er, noch immer nach Luft ringend, während ihn die Männer an Bord zogen. Die Ägypter legten ihrem amerikanischen Freund eine wärmende Decke um, und der Bootsführer kehrte in einer scharfen Kurve mit Vollgas zum Marineschnellboot zurück.
Auf der kurzen Fahrt zum Schiff, hatte sich William bereits wieder erholt. Gewandt erklomm er die Jakobsleiter, um schnell an Deck zu gelangen.
Vorschriftsmäßig meldete er sich beim Oberstleutnant und dem Kapitän, die ihm schon entgegenkamen. Er berichtete in kurzen Sätzen, was vorgefallen war, was er in der Höhle gesehen hatte und dass sich die Freunde mit dem Unterseeboot auf den Weg zum Marinestützpunkt befanden, um Andreas so schnell wie möglich ins Lazarett zubringen.
Der Kapitän verstand sofort und lief in den Funkraum, um die Küstenwache und Marine darüber zu informieren, damit sie das U-Boot nicht aufbrachten, sollten sie es ausmachen. Oberstleutnant Kebier nahm sofort eine Verbindung zu Generalstabsarzt Abdul Mechier auf und informierte ihn über das Eintreffen des U-Bootes und erzählte ihm, was er von William gerade über die Verletzungen ihres gemeinsamen Freundes, Fregattenkapitän Andreas Wildner, erfahren hatte. Dann legte er dem jungen Marine seinen Arm auf die Schulter. „Komm, Junge. Du brauchst trockene Sachen, was zu essen und dann Ruhe. Du hast doch schon die ganze Nacht, vor Sorge um unseren Freund, nicht geschlafen.“Dabei zog er den Afroamerikaner mit sich zur Kombüse, wo er den Koch bat, für den mutigen Mann schnell etwas Kräftiges zu essen zu zaubern. Danach ging er mit ihm in die Messe. Marinetaucher brachten William wie selbstverständlich trockene Kleidung.
Mahmud Kebier wartete geduldig, bis sich William umgezogen hatte und sich zu ihm setzte. Er schob dem Afroamerikaner eine Flasche Wasser zu und beobachtete, wie gierig er daraus trank. Mahmud bewunderte den Mut des Mannes. Vor allem aber interessierte ihn, warum er dieses Risiko eingegangen war.
„Willi, … ich hoffe, ich darf Sie so nennen“, begann der Oberstleutnant vorsichtig auf Englisch.
Der Afroamerikaner nickte dem hohen Offizier zu.
„Gut, Willi, ich möchte von Ihnen wissen, warum Sie das getan und dabei Ihr Leben riskiert haben. Auch ich bin ausgebildeter Marinetaucher und weiß genau, was Sie gerade geleistet haben. War es reine Pflichterfüllung oder etwas anderes?“
„Entschuldigen Sie, Oberstleutnant Kebier. Aber mit Pflichterfüllung hatte das wirklich nichts zu tun“, gab der junge Mann zu und senkte verlegen den Kopf. „Ich weiß nicht, ob ich dafür so weit gegangen wäre.“
„Warum haben Sie es dann getan?“
„Ich habe es für Fregattenkapitän Wildner getan. Er hat mit seinem Einsatz das Leben meines Freundes gerettet und braucht nun dringend selbst unsere Hilfe. Er, seine Frau und die anderen Deutschen sind mir in der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen. Wir bewundern diese Männer und Frauen. Sie haben uns von der ersten Minute an wie ihresgleichen behandelt, so wie alle anderen hier auch. Das hat mich beeindruckt und sehr gut getan“, antwortete William ehrlich.
„Danke, Willi. Das wollte ich hören. Es ist mir eine große Ehre. Ich bin Mahmud Kebier. Ich möchte Ihnen gern das Du anbieten, denn wir haben dieselben Freunde.“ Dabei reichte der kleine Ägypter dem großen, kräftigen Afroamerikaner die Hand.
William war sehr überrascht. Nur zögernd, es nicht glaubend, streckte er seine Hand dem Oberstleutnant entgegen, der sie erfasste, kräftig zudrückte und schüttelte. Willi war überrascht. Mit solch einem kraftvollen Händedruck hatte er bei dem kleinen, älteren Mann nicht gerechnet.
Als der Smutje den Raum betrat, schlug Mahmud den jungen Freund auf die Schulter. „Nun iss erst einmal was und ruhe dich dann aus, Willi. Wir werden in der Zwischenzeit darauf aufpassen, dass keiner den beiden Höhlen zu nahekommt, bis das kleine Tauchboot wieder da ist, damit wir sie ausräumen und das Zeug sicherstellen können. Denn mit unserem großen Unterseeboot der Klasse 209/1400 mod. werden wir dort nicht hineinkommen.“
William kannte die Speisen nicht, die ihm der Koch auf den Tisch gestellt hatte. Doch er probierte von allem und es schmeckte ihm vorzüglich. Er putzte sogar die Teller noch mit dem dazu gereichten, frisch gebackenen Fladenbrot ab, so hatte es ihm gemundet. Als er aus der Messe trat und übers Deck zur Kajüte lief, schaute er übers Meer und fragte sich besorgt, wie weit wohl die Freunde schon gekommen waren und wie es Andreas ging.
Einer der ägyptischen Marinetaucher, stellte sich neben ihn an die Reling und bot ihm eine Zigarette an. Dankbar nahm William an und ließ sich Feuer geben.
„Du machen Sorgen um Andy?“, fragte der Mann auf gebrochenem Englisch. „Mein Name ist Chedr. Du brauch nicht Angst haben. Andy, stark Mann“, sagte er und fügte hinzu: „Er Dolphinman.“ Als William den Mann mit hochgezogener Augenbraue fragend ansah, erklärte Chedr: „Delfine Andy Freunde. Sie nie lassen ihn allein, wenn er in großer Gefahr. Sie seine Familie. Du verstehen? Aber keine Delfine da waren jetzt. Andy also in gute Hand und hat Hilfe.“
William glaubte nicht ganz daran, was er da hörte, aber lächelte den Mann freundlich an und nickte ihm zu.
„Du kannst schon glauben, was Chedr da sagt“, hörte Willi Oberstleutnant Kebier sagen, der mit einer Tabakspfeife im Mundwinkel neben die beiden Männer trat. Aus seiner Pfeife zog der angenehme Duft von Vanille, getragen von einer leichten Windbrise, an den Nasen der anderen vorbei.
„Ich habe so etwas Ähnliches auch schon von Pitt, Sebastian und Jens gehört. Und ja, ohne fremde Hilfe wäre er wohl auch nie in die Höhle gekommen“, gab William zu. „Aber mal ehrlich, Delfine? Das klingt alles so unglaublich. Wie Wunschdenken oder Seemannsgarn.“
„Für uns auch, Willi. Doch genau deshalb ist Andy für uns der Dolphinman. Ich habe es selbst schon miterlebt. Sonst würde ich es wohl auch nicht glauben. Aber es ist keine ausgedachte Geschichte, sondern ganz real. Andy ist hier festes Mitglied einer großen Herde von Tümmlern. Zumindest haben ihn die Tiere dazu gemacht. Klingt verrückt, ist es aber nicht“, erzählte Mahmud. „Wenn ihr nicht gleich wieder abgezogen werdet oder wenigstens wiederkommen könnt, wenn Andy wieder gesund ist, könnt ihr es vielleicht selbst mal miterleben. Aber nun ruhe dich erst einmal etwas aus. Du hast es nötig.“
„Meine anderen Kameraden und Freunde auf dem U-Boot hätten es bestimmt auch nötig, Mahmud. Doch sie müssen noch wach bleiben. Deine Leute, die Deutschen, und meine. Also kann ich das auch. Ich warte, bis sie sicher angekommen sind und sich melden“, gab William zurück.
Oberstleutnant Kebier nickte anerkennend. „Gut, dann komm mit auf die Brücke. Dort ist es angenehmer zu warten. Wir werden sofort informiert, wenn sie im Marinehafen angekommen sind und Andy ins Lazarett kommt.“
William dankte Chedr noch einmal für die Zigarette und ging gemeinsam mit seinem neuen Freund, dem ägyptischen Oberstleutnant, auf die Brücke.
Immer wieder gingen dort Nachrichten auf Arabisch ein, die William nicht verstand. Geduldig erklärte Mahmud, dass das U-Boot von einem Küstenschutzboot entdeckt worden war, welches es jetzt über Wasser, zum Schutz, als Eskorte begleitet.
„Fregattenkapitän Wildner genießt bei euch wirklich großes Ansehen“, stellte William ganz leise fest.
„Ja, Willi. Er hat gemeinsam mit seiner Frau Anne und seinen Freunden schon sehr viel Gutes für die Menschen hier getan. Ich glaube, es gibt hier keinen meiner Landsleute in der Gegend, die das nicht wissen. Oder Andy mit seiner Anne, Sebi mit Kim, Pitt mit seiner Hatifa, die von hier stammt, sowie die anderen Freunde nicht kennen.“
„Pitt hat eine ägyptische Frau? Geht denn das? Ich dachte, Muslime dürfen keine ‚Ungläubigen‘ ehelichen?“ William wirkte erstaunt.
„Nicht alle Menschen hier sind streng gläubige Muslime. Wir haben sogar Christen. Ja, hier leben Muslime und Christen in enger Freundschaft zusammen. Die Leute hier sind sehr tolerant, wenn man es auch zu ihnen und ihrer Religion ist. Und unsere Freunde respektieren diese Religion mit aller Achtung, die ihr gebührt. Das schätzen meine Landsleute. Ein weiteres Beispiel dafür dürfte auch ihr selbstloser Einsatz wegen des Anthrax sein, das über Mekka versprüht werden sollte. Sie hätten den Fund des Flugzeuges einfach nur melden brauchen und dann ihrer Wege gehen, ohne sich noch weiter darum zu kümmern. Aber nicht diese Leute. Sie sind eine eingeschworene Gruppe von mutigen Menschen. Sie achten das Leben anderer manchmal mehr als ihr eigenes. So scheint es mir zumindest manchmal. Ja, sie achten selbst das Leben ihrer Feinde.“
„Stimmt, Mahmud. Sie sind immer bemüht darum, sie nicht zu töten. Das ist mir auch schon aufgefallen. Dabei riskieren sie sogar ihr eigenes Leben. Wir haben es in unserer Ausbildung anders gelernt bekommen. Nur ein toter Feind ist ein guter Feind“, gab William zu.
„Eben das ist der kleine, aber wichtige Unterschied, mein Junge. Das zeichnet diese Menschen besonders aus. Ich glaube, auch Anne hätte da unter Wasser lieber anders gehandelt, wenn sie es gekonnt hätte.“
„Nein. Diese zierliche, kleine Frau hätte keine Chance gegen diese Kerle gehabt, wenn sie versucht hätte, sie lebend zu erwischen. Mahmud, das waren zwei ausgebildete, mit Harpunen und etwas größeren Messern bewaffnete Killer, und Anne hatte nur ein kleines Tauchermesser, was ich eher als ‚Messerchen‘ bezeichnen würde“, sagte William mit dem Brustton der Überzeugung. „Wir bewundern sie, weil sie überhaupt mit den Kerlen fertig geworden ist. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hat.“
Der Kapitän und seine Offiziere auf der Brücke verfolgten aufmerksam das Gespräch der beiden Männer, die sich auf Englisch unterhielten.
Plötzlich ging eine Meldung ein, die ihre volle Aufmerksamkeit erforderte. Auch Oberstleutnant Kebier blickte mit einem Mal ernst in Richtung des Funkgerätes. Er lief zum Funkoffizier, ließ sich das Mikro geben und erteilte ein paar kurze Befehle. Immer wieder waren andere, aufgeregte Stimmen aus dem Lautsprecher zu hören, und der Oberstleutnant gab den nächsten Befehl. Dann nickte er und übergab den Platz wieder dem Offizier, der am Brückenfunk Dienst tat.
„Was ist los?“, wollte William wissen, der nicht ein Wort verstanden hatte, aber ahnte, dass da etwas nicht in Ordnung war.
„Der Küstenschutz hat uns über eine neue Frequenz informiert, die wir nach eurer Warnung gewählt haben, aber wir die andere noch mit Falschmeldungen weiter bedienen, dass sie ein U-Boot unbekannter Bauart geordert haben, welches auf unsere Position zuhält. Eines unserer vier U-Boote hat sich schon drangehängt. Ich schicke gerade eine Fregatte der ‚Oliver-Hazard-Perry-Klasse‘, die hier in der Nähe isoperiert, zur Vorsicht hinterher “
„Könnten das vielleicht auch unsere Leute sein, die zurückkommen?“ William suchte besorgt den Horizont ab.
„Nein. Das ist eher unwahrscheinlich. Sie sind laut letzter Meldung noch auf dem Weg zum Marinestützpunkt. So schnell könnten sie nicht wieder zurück sein. Außerdem handelt es sich dieses Mal um ein wesentlich größeres U-Boot mit Bewaffnung, welches auch noch zwei kleine U-Boote als Rucksack trägt“, antwortete der Kapitän ernst, und gab gleichzeitig für die Marinetaucher und Matrosen an Bord des Marineschnellbootes Alarm. „Wir werden die Kerle würdig empfangen“, sagte er auf Englisch. Dann sprach er seine Befehle weiter auf Arabisch ins Mikrofon, die auf dem gesamten Schiff empfangen wurden.
„Ich gehe mit meinen Leuten mit“, entschied William. Er wollte gerade die Brücke verlassen, als ihn der Oberstleutnant zurückhielt.
„Deine vier Kameraden, ja. Die hatten Zeit und konnten sich erholen. Du aber nicht. Du bleibst hier“, sagte Mahmud Kebier streng im Befehlston.
„Nein, mit allem Respekt, Herr Oberstleutnant, das können Sie nicht von mir verlangen. Das Zeug da in den Höhlen ist schon in kleinen Mengen für viele Menschen tödlich. Und es ist wahnsinnig viel davon dort unten. Ich habe es selbst gesehen. Da wird jeder Mann gebraucht, damit diese Kerle nicht herankommen und es für ihren kranken Rachefeldzug nutzen können. Ich gehe mit runter in die Höhle, da habt ihr einen Mann mehr, der von oben in die zweite Höhle kann, um sie zu verteidigen. Die ist vollgestopft mit unterschiedlichen Sprengstoffen und Zündern, dass man damit einen Großteil von Kairo zerstören könnte. Wenn sie zwei kleine Tauchboote mitführen, dann wollen sie vielleicht in beide Höhlen zur gleichen Zeit eindringen, um sie auszuräumen. Außerdem bin ja wohl nur ich übrig, der den versteckten Höhleneingang unter Wasser finden kann. David war zwar auch mit in der Höhle, doch er meinte, dass er den Höhleneingang wohl nicht wiederfinden würde. Ich aber schon. Der zweite Eingang liegt zu tief für normale Taucher. Ich hoffe nur, die wollen nicht einfach das Riff aus der Ferne in die Luft jagen, sondern das Zeug vorher rausholen. Also passt auf unsere Ärsche auf!“, rief William noch, dann lief er auch schon los zum Equipmentraum, wo sich die Männer bereits umzogen.
„Habt ihr auch noch was für mich?“, fragte er in den Raum hinein, und schon bekam er von den ägyptischen Kameraden eine Tauchausrüstung. Voll ausgerüstet stieg er mit ihnen in die bereitstehenden Zodiacs am Heck. Aus dem Augenwinkel sah er, wie auch die Hartschalen-Schlauchboote vom Sanitätsboot die voll ausgerüsteten Matrosen aufnahmen, die zur Riffspitze gebracht werden sollten, um dort von oben in die Höhle vorzudringen und sie zu verteidigen.
Diese Kerle sind dreist, dachte William, trauen sich bei Tageslicht hier her obwohl sie mitbekommen haben müssten, dass wir hier sind und ihre Leute aufgerieben haben. Er überlegte weiter: Oder wissen sie es vielleicht doch noch nicht? Die in der Höhle durften nicht auf Funksprüche antworten und konnten auch keinen Alarm mehr senden. Aber die große Jacht, die von dem ‚Sea King‘ zerstört wurde, was war mit der? Noch während William das alles durch den Kopf spukte, war sein Zodiac am Drop-Off angekommen. Die Männer verließen sich nun auf ihn, dass er den versteckten Höhleneingang schnell wiederfinden würde.
Sie ließen sich rücklings ins Wasser fallen und warteten an der Wasseroberfläche, bis die anderen Boote eintrafen und die Taucher absetzten. Dann fuhren die Schlauchboote schnell zurück, um weitere bewaffnete Männer zur Riffspitze zu bringen.
Als die Gruppe der Taucher vollständig versammelt war, tauchten die Männer, dem afroamerikanischen Marine auf sein Zeichen hin folgend, ab.
William hoffte, den Spalt schnell zu finden, denn die Männer verließen sich auf ihn. Er ließ sich auf fünfundzwanzig Meter sinken und tauchte dann nah an der Riffwand rücklings, langsam vorwärts, und suchte akribisch die Riffstruktur ab.
Ihm war, als er das erste Mal in den Spalt eintauchte, eine besondere Korallenformation, die sich über dem schmalen Eingang befand, aufgefallen. Endlich erkannte er die Blasenkoralle neben der großen Lederkoralle und der kleinen Gorgonie. Ein Lächeln huschte kurz über sein Gesicht, als er darunter auch den Felsspalt wiederentdeckte. Er wies auf den Spalt und zeigte den anderen Tauchern mit Handzeichen den Verlauf des Ganges an. Dann zog er sein Jackett aus, legte seine Unterwasserlampe darauf und drängte sich, das Jackett vor sich haltend, durch den engen Zugang der Höhle. In dem kleineren Höhlengewölbe angekommen, verschlug es ihm fast den Atem. Es stank nach menschlichen Exkrementen, Verwesung und Tod.
Seinen Würgereflex wieder im Griff, leuchtete er die Wände der Höhle ab. Beruhigt stellte er fest, dass alle Kisten noch da waren. Er wartete, bis die Männer, die ihm gefolgt waren, nacheinander aufgetaucht waren, dann stieg er aus dem Wasser und leuchtete auf den Höhlenboden.
Sein Blick fiel zuerst auf die Blutspur und die leeren Ballonspritzen. Dann sah er die umgekippten Stühle, die wild in der Gegend herumstehenden anderen Gegenstände, leere Patronenhülsen, die Einschusslöcher im Fels und das auseinandergebaute Funkgerät. Sofort waren alle Erinnerungen an das Geschehene wieder gegenwärtig.
Sein Freund, der an diesem Tag mit einer der anderen Gruppen getaucht war, um den Höhleneingang zu suchen, trat neben ihn und leuchtete mit seiner Lampe den Raum aus. „Wow, da habt ihr aber ziemliche Unordnung gemacht“, meinte er, beeindruckt von dem, was er sah.
William leuchtete mit seiner Lampe in die Ecke, wo sie die Leichen der sechs Angreifer, die sie im Kampf töten mussten, zusammengelegt und mit einer Decke abgedeckt hatten.
„Ist ja ein richtiges Schlachtfeld“, stellte David fest, der mit Brandon und Robert zu ihnen getreten war und die Leichen betrachtete.
„Ja, Jungs. Nur wäre mir ein besserer Ausgang lieber gewesen. Wir hatten einfach nicht damit gerechnet, dass sich noch so viele Kerle in dem U-Boot aufgehalten hatten. Wir waren schon so lange in der Höhle und es gab keine Anzeichen dafür. Wir glaubten wirklich, es nur mit Fünfen zu tun zu haben. Am Ende waren es aber zwanzig, wovon nun die sechs noch hier liegen. Die anderen habt ihr ja gesehen. Die meisten von den Überlebenden gehen auf das Konto der Deutschen. Ihr hättet sehen sollen, wie die gekämpft haben. Dabei ist keiner von ihnen jünger als Ende dreißig oder sogar älter. Diese Männer sind sagenhaft gute Kämpfer“, schwärmte William. Dann begannen die fünf SEALs gemeinsam mit den dreizehn ägyptischen Marinetauchern, etwas Ordnung zu machen, um sich damit auch Platz, eine bessere Übersicht und Deckung zu verschaffen.
„Denkt daran, Jungs“, sagte William laut. „Keiner der Kerle darf es bis hinter zu den Kisten schaffen. Versuchen wir, wie unsere deutschen Freunde, so viele wie möglich von ihnen lebend zu erwischen. Nur wenn es wirklich nicht anders geht, werden sie getötet.“
Die Ägypter, die ihn verstanden, übersetzten es den Kameraden. Alle nickten ihm zu.
„Du willst das wirklich so durchziehen, wie du es bei den Deutschen gesehen hast?“, fragte David ungläubig. „Wir haben es anders gelernt. Kein Erbarmen für die Feinde. Wir sind eine Spezialeinheit und wurden genauso, dafür ausgebildet.“
„Ich habe gesehen, dass es auch anders geht. Und ich finde diese Vorgehensweise, nur wenn es sich nicht verhindern lässt, zu töten, besser und richtig. Lebend können uns die Kerle noch etwas erzählen, tot nicht mehr. Damit haben Jens und seine Leute recht“, begründete William seine neu gewonnene Überzeugung.
„Diese fiesen Kerle denken aber nicht so, Willi.“, meinte Robert mit Skepsis in der Stimme.
„Stimmt. Aber genau das unterscheidet uns von ihnen.“
„Du quatschst schon genauso wie die vier Deutschen“, stellte David lachend fest. Doch dann wurde er wieder ernst: „Doch du hast vielleicht recht damit. Mich haben sie auch schon davon überzeugt. Wir sind dabei. Und womit fesseln wir die Kerle?“
William grinste breit und zog ein dickes Bündel Kabelbinder aus seinem Taschengurt. „Na, genauso wie es unsere neuen Freunde gemacht haben. Hier, die habe ich gestern Mittag von Andy bekommen, bevor er …“ An der Stelle sprach er nicht weiter. Seine Freunde wussten auch so, was er meinte. Er verteilte die Binder unter den Männern, die sie in ihren Taschen verschwinden ließen. William ging in die kleine Höhle, öffnete die Kiste, in der sich die noch übrigen Unterwasserpistolen ‚HK P11‘ befanden, und verteilte sie an alle, damit sie nicht nur mit ihren Tauchermessern den Gegnern gegenüberstehen mussten. Dabei warnte er sie eindringlich, aufzupassen, wohin sie zielen und schießen würden. „Auf keinen Fall in Richtung der Kisten schießen. Bitte nutzt sie auch nicht für eure eigene Deckung. Denn wenn die getroffen und beschädigt werden, haben wir mehr als nur ein großes Problem.“
Die Männer verteilten sich in der Höhle, gingen in ihre Deckungen, machten das Licht aus und warteten im Dunkeln darauf, dass das U-Boot in der großen Höhle auftauchen würde.
Auch die Matrosen in der höher gelegenen Höhle richteten sich darin ein, gingen in Deckung und warteten geduldig auf die Männer, die den Sprengstoff abholen wollten.
27
„Okay, wir sind kurz vorm Marinehafen angekommen und tauchen auf“, meldete sich Sebastian vom Steuer des U-Bootes und fragte: „Wie geht es Andy?“ Pitt saß neben der Trage mit Andreas und kontrollierte in regelmäßigen Abständen seinen Puls und tupfte sacht das Blut um die aus seinem Rücken ragende Klinge ab. „Unverändert, er ist bewusstlos. Die Blutung hat aber zumindest nachgelassen.“
Wie ein grauer Wal mit glänzendem Körper, durchbrach der Rumpf des U-Bootes die Wasseroberfläche. Entgegen der militärischen Unterseeboote, besaß dieses am Bug zwei große Bullaugen und rechts und links je ein kleines. So konnten die Männer bei der langsamen Fahrt ins Hafenbecken die schon bereitstehenden Sanitäter und Doktor Mechier am Pier ausmachen. Gekonnt steuerte Sebastian gemeinsam mit Jack das U-Boot zur Kaimauer, wo Matrosen bereitstanden und beim Festmachen halfen.
Als Pitt die Luke öffnete, war bereits ein Steg auf den Rumpf des Bootes geschoben worden. „Doc, komm schnell erst mal mit rein, ehe wir Andy rausbringen. Es sieht nicht gut aus und wir wollen nichts riskieren“, rief er dem befreundeten Militärstabsarzt zu.
Auch wenn Pitt es nicht extra gesagt hätte, wäre Abdul Mechier ins U-Boot gestiegen. Er war mit seiner Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, bereits auf dem Steg.
„Was ist los mit Andy? Ich wurde nur informiert, dass ihr ihn mir bringt, weil er schwer verwundet wurde“, sagte der Arzt und kletterte schnell durch die Luke die Leiter nach unten und lief hinter Pitt den kurzen Gang entlang.
„Bei Allah! Was habt ihr mit ihm angestellt?“, rief er laut aus, als er sah, wie sein Freund auf der Trage mit dem Gesicht nach unten von oben bis unten daran festgebunden war. „Warum habt ihr die Trage so hochgehängt? Warum liegt er auf dem Bauch?“
„Deshalb, Doc“, sagte Jens leise, zog vorsichtig die Decke von Andys Rücken und nahm die Verbandspäckchen weg, die Pitt erst wieder um die Wunde gelegt hatte, damit keinerlei Druck auf den Wurfstern ausgeübt werden konnte.
„Gut gemacht, Jungs“, lobte Abdul, nachdem er das gesehen hatte. Dann fragte er, welche Medikamente sie ihm schon verabreicht hatten. Jens informierte ihn darüber, was sich Andreas selbst gespritzt hatte und dass sie ihm dann noch eine Dosis Morphin nachgegeben hatten. Dabei schaute er kurz auf seine Uhr und informierte den Doc auch noch darüber, wie lange die letzte Morphingabe her war.
„Und weil der Kerl sich nicht nur mit einer Sache zufrieden gibt, hat er auch noch eine böse Bauchverletzung. Wir vermuten, von einem Messer. Wissen es aber nicht genau“, ergänzte Sebastian, der vom Cockpit nach hinten gehumpelt kam.
Nachdem der Arzt seinen Patienten und sehr engen Freund kurz untersucht hatte, entschied er, ihn sofort, so wie er auf der Trage fixiert war, aus dem U-Boot und direkt in den Operationssaal zu bringen.
Während die Männer den Sanitätern halfen, Andreas durch die enge Luke zu bringen, fragten sie nach Anne und Kim.
„Kim geht es bis auf leichte Kopfschmerzen wieder gut. Sie sollte zwar noch etwas liegen bleiben, ist aber schon bei den Zwillingen im Palast“, informierte Doktor Mechier und wollte bereits weitergehen.
„Du hast uns die Frage nur halb beantwortet, Doc“, kam von Pitt. Dabei legte er seine Hand auf die Schulter des Arztes.
„Was ist mit Anne?“, fragte Sebastian, der zwar froh war, dass es seiner Frau gut ging, sich aber ebenso um die Freundin sorgte.
Abdul drehte sich nur langsam zu seinen Freunden um und sah sie traurig an. „Nicht so gut. Sie hatte vor nicht ganz einer Stunde einen bösen Rückfall. Ich musste sie ins künstliche Koma versetzen“, sagte er leise. „Und nun noch das hier mit Andy. Es tut mir leid, Jungs, aber ich muss los.“ Behende kletterte der kleine Ägypter die wenigen Sprossen der Leiter zur Luke hinauf und lief über den Steg. Er wich, auf dem kurzen Weg zum Lazarett nicht von der Krankentrage, die vier Sanitäter übernommen hatten und Andreas ganz vorsichtig trugen, um jegliche Erschütterung zu vermeiden. Jens und Pitt schauten noch der Gruppe von Deck aus nach, während die anderen im Boot geblieben waren.
Plötzlich und in dem Moment für alle unerwartet ertönte auf der Fregatte und dem Küstenschutzboot neben ihnen, die sie den ganzen Weg über Wasser begleitet hatte, das laute Heulen des Alarmhorns.
„Was ist los bei Euch?“, schrie Jens auf Arabisch hoch zur Brücke, wo gerade der Kapitän des Küstenschutzbootes zu sehen war. „Hat das was mit dem Riff zu tun, von wo wir kommen?“
„Eiyoua, Mister!“, rief der Kapitän zurück und informierte ihn über den Inhalt des Funkspruchs, den er gerade von Oberstleutnant Kebier erhalten hatte.
„Wir kommen mit. Vielleicht können wir helfen!“, rief nun Pitt und die beiden Männer kappten kurzerhand mit ihren Messern die Leinen an Bug und Achtern. Sie kletterten durch die Luke, verriegelten sie und rutschten die Leiter nach unten.
„Sebi, mach hin, wir tauchen!“, schrie Jens. „Es gibt Probleme am Riff. Ein fremdes, großes U-Boot mit zwei Rucksäcken nähert sich ihm.“
„Aber der Steg liegt noch an!“, rief Jack erschrocken auf.
„Das macht nichts, Junge. Der wird weggespült, wenn wir tauchen. Er war nicht festgemacht. Wir folgen den beiden Marineschiffen. Bis sie auf Abfangkurs gehen. Sie wissen, dass wir da sind.“
Sebastian reagierte sofort und flutete die Tanks, während er bereits Kurs auf die offene See nahm.
„Was haben wir eigentlich vor und wie könnten wir denn helfen? Wo das Boot doch keinerlei Bewaffnung hat?“, fragte einer der SEALs unsicher.
„Das weiß ich auch noch nicht, Tim. Das werden wir sehen und entscheiden, wenn wir dort sind“, antwortete Jens ruhig. Er setzte sich zu den drei ägyptischen Marinetauchern und erklärte ihnen auf Arabisch, warum sie wieder auf dem Rückweg zum Riff waren. Die drei Männer nickten ihm, zu allem bereit, zu.
„Haben wir hier überhaupt Sonar in dem Unterwassersarg?“, wollte Pitt wissen.
„Yes, Sir.“, antwortete Jack, bevor Sebastian etwas sagen konnte, „Aktiven und passiven, frei nach Wahl.“
„Gut, dann gehen wir auf passiven Sonar, sobald die Schiffe sich von unserem Kurs entfernen. Mal sehen, ob wir da was hören können.“
„Warum wollen wir nicht auf aktiven Sonar gehen?“, fragte Jack vorsichtig nach.
„Weil wir uns nicht eher bei denen verraten müssen als unbedingt nötig“, antwortete Sebastian anstelle von Pitt. „Du kannst den Kerlen ja deine Visitenkarte gern später übergeben. Aber jetzt ist es noch nicht notwendig. Oder?“ Dabei schaute er den jungen Mann neben sich verschmitzt lächelnd aus seinen grünen Augen an und strich sich mit der Hand über seinen blonden Bürstenhaarschnitt.
Adam, Tim und die drei Marinetaucher durchstöberten in der Zwischenzeit den Raum, der achtern lag, und kehrten mit Flaschen und Essen zurück. Dankbar nahmen die Männer das Wasser an, denn sie waren alle sehr durstig. Erst danach griffen sie zu den in Folie eingeschweißten, belegten Broten.
„Wow, die Kerle verstanden es, in der Blechbüchse hier zu leben“, stellte Jens fest, als er in eines der Brote biss. „Ich finde es klasse, dass ich endlich was zu essen bekomme. Aber habt ihr vielleicht auch noch was anderes da hinten gefunden?“ Neugierig geworden, ging er selbst mit zwei der Männer nach Achtern. Dort zeigten ihm die beiden Ägypter die Kisten, die sie entdeckt hatten.
„Na, das erfreut doch unsere Kämpferherzen. Was, Jungs?“, sagte er auf Arabisch, nachdem sie eine der Kisten aufgebrochen hatten. Und lächelte die beiden Männer an. Jens griff sich eine der Waffen mit der linken Hand, während er das letzte Stück Brot mit der Rechten in seinen Mund schob. Er legte die Waffe zur Seite und sie öffneten noch die beiden anderen Kisten. Überrascht pfiff er durch die Zähne, als er den Inhalt der dritten Kiste sah. Die drei Männer schauten sich erstaunt an. Jens griff wieder zu der Waffe und gemeinsam gingen sie nach vorn zu den anderen.
Schnell, bevor es alle war, griff Jens zu noch einem Brot und biss herzhaft hinein. Dann hielt er die Waffe hoch. „Schaut mal, Jungs, was wir gefunden haben. Wenn ich vorstellen darf. ein Kalaschnikow-Sturmgewehr ‚AKM-47‘ mit modifiziertem Granatwerfer und Zielfernrohr, dazu mit einem 30er-Magazin bestückt. Etwas ganz Feines. Nur schade, dass wir es unter Wasser nicht wirklich gut nutzen können. Da es ja ein Gasdrucklader ist, fehlt ihm der nötige Bums unter Wasser. Aber immerhin könnten wir einen der Kerle damit kitzeln, wenn er ungefähr noch zehn Meter von uns entfernt ist. Von der Zielgenauigkeit will ich da gar nicht erst reden. Aber besser als nichts. In der Kiste sind zwanzig Stück davon, samt vierzig voller Magazine“, sagte er und schluckte den letzten Bissen hinunter. „Aber das ist nicht alles. Wir haben auch noch eine Kiste mit Eierhandgranaten und höre und staune, im Moment sind wir Millionäre.“
Sofort richteten sich alle Blicke fragend auf ihn.
„Wie meinst du das?“, wollte Sebastian wissen.
„Wir haben in einer der Kisten fein säuberlich, gebündelte Hundertdollarnoten gefunden. Ich schätze, es handelt sich dabei um ein paar Millionen Dollar.“
„Komisch, Boss. Aber das bestätigt langsam mein Bauchgefühl, dass wir es hier nicht nur mit dem Racheakt eines Wissenschaftlers zu tun haben, der seine Familie im World Trade Center verloren hat und deshalb auf privaten Rachefeldzug gegangen ist. Mir war schon die ganze Zeit so, als steckte da mehr dahinter. Hier sind Milliarden im Spiel und die hat kein kleiner Wissenschaftler“, meinte Pitt nachdenklich.
„Und was erzählt dir dein Bauch noch so alles, außer dass er nach noch was zu essen schreit?“, fragte Sebastian.
„Dass wir es hier mit einem oder mehreren Größenwahnsinnigen zu tun haben, die diesen tragischen Terroranschlag für sich als Deckmantel ausnutzen, du Hirni“, gab Pitt zurück. „Mag sein, dass die erste Idee von einem verzweifelten Mann stammt. Aber federführend sind hier nun eindeutig doch ein paar andere. Ich sage nur ‚New Kingdom‘. Die nutzen die Gefühle der meisten Leute, eiskalt für ihre eigenen Pläne missbräuchlich aus, ohne dass die armen Schweine es vielleicht merken.“
„Da kannst du mit deinem Bauch sogar recht haben, Pitt.“, gab Jens nachdenklich geworden zu. Dabei rief er sich die letzten Verhöre in sein Gedächtnis. Er nahm sich noch ein Brot und setzte sich ruhig auf seinen Platz zurück.
Sebastian und Pitt bemerkten sofort, dass die grauen Gehirnzellen ihres Freundes und ehemaligen Vorgesetzten voll beschäftigt waren. Als einer der SEALs gerade etwas sagen wollte, verboten sie ihm durch Handzeichen abrupt das Wort. Sie wussten, dass Jens jetzt absolute Ruhe zum Nachdenken benötigte.
„Sebi, bring uns hoch.“, sagte der Flottillenadmiral nach einiger Zeit unvermittelt, „Ich muss so schnell es geht auf die Fregatte. Bleib aber so gut du kannst neben ihr. Ich komme zurück.“
Keine Frage stellend, bediente Sebastian das Höhenruder und Jack füllte auf sein Zeichen hin die Tanks mit Luft für den schnellen Auftrieb. Sebastian hielt das Ruder fester und steuerte das U-Boot direkt neben die Fregatte der ägyptischen Marine.
„Wir sind oben und direkt neben dem Schiff. Du kannst raus“, meldete Sebastian und achtete darauf, die Geschwindigkeit und den geringen Abstand zur Fregatte zu halten. Rasch kletterte Jens, gefolgt von Pitt und Adam, die ihm beim Umstieg helfen wollten, nach oben.
Als der Kapitän von seinem ersten Offizier in Kenntnis gesetzt wurde, dass das U-Boot direkt backbord neben ihnen auftauchte, gab er den Befehl zur langsamen Fahrt und ging nach draußen, um zu sehen, was da los war. Er beobachtete, wie drei Männer aufs Deck des U-Boot-Rumpfes kletterten. Einer von ihnen gab deutliche Zeichen, die besagten, dass er an Bord der Fregatte kommen wolle.
Der Kapitän befahl seinen Männern, das Fallreep an Backbord herunterzulassen, und verfolgte, wie sich die Männer vom U-Boot mit Enterhaken bewaffnet bemühten, die Strickleiter zu erfassen. Er erkannte in dem Mann, der jetzt nach den Sprossen des Fallreeps griff, Jens Arend. Beide kannten sich schon von einigen gemeinsamen Missionen. Die beiden anderen Männer halfen Jens beim Aufstieg, indem sie das Reep so straff gespannt wie möglich hielten. Flink erklomm der hohe Offizier die Sprossen der Leiter und stieg nach oben. Dabei schmerzte ihn seine verletzte Schulter, doch er versuchte es zu ignorieren und biss die Zähne zusammen.
„Mister Arend, was gibt es so Dringendes, dass du bei voller Fahrt zu uns kommst?“, fragte der Kapitän, als Jens schnell Richtung Brücke auf ihn zugelaufen kam.
„Grüß dich, Hamada. Kann ich bitte eure Satellitenverbindung nutzen? Es ist sehr wichtig.“
„Klar doch. Du kennst dich hier aus und weißt, wo du hin musst.“
„Du kannst ruhig wieder etwas mehr Fahrt machen, Hamada. Sonst läuft uns die Zeit weg. Meine Jungs werden schon mithalten“, sagte Jens und bedankte sich, während er bereits in Richtung des Funkraums lief.
Der Funker war von seinem Kapitän kurz zuvor informiert worden, dass Flottillenadmiral Arend das uneingeschränkte Recht hatte, den Funkraum mit all seinen Geräten zu nutzen. Als Jens den Funkraum betrat, stand der Funker sofort auf und wollte seinen Platz räumen.
„Nein, das ist nicht nötig. Danke“, sagte Jens sofort auf Arabisch. „Mir wäre es lieb, wenn Sie mir helfen könnten, eine Satellitenverbindung in die USA zum Pentagon herzustellen.“ Mit großen Augen sah der Funker, etwas überfordert, den Mann an, der noch immer in der Tür. Jens hatte keine Zeit für Erklärungen, also setzte er sich neben den Funker, bediente sicher die Satellitenfunkanlage und wählte die Nummer vom Pentagon, die er von Gerhard Hartmann erhalten hatte.
Schon nach kurzer Zeit meldete sich Lieutenant General Nils Fletscher.
„Hallo Nils, hier ist Flottillenadmiral Jens Arend. Kannst du mich in einer Konferenzschaltung auch mit eurem CIA, FBI und deinen Führungskräften, die sich mit unserem Fall beschäftigen, verbinden? Es ist dringend.“
„Klar kann ich, Jens. Es dauert nur einen kleinen Moment. Warte“, antwortete der Lieutenant General, dann knackte es ein paarmal im Lautsprecher.
Nachdem sich drei Männer mit tiefen, angespannt klingenden Stimmen gemeldet hatten, stellte sich Jens noch einmal vor. Doch die Männer wussten bereits, mit wem sie es an der anderen Seite ihrer Satellitenverbindung zu tun hatten. Kurz informierte Jens sie über die Lage und die neuesten Ergebnisse, die ihm vorlagen. Danach äußerte er die Vermutungen seiner Freunde und seine eigenen. Er bat darum, die Suche aufgrund dieses Gesichtspunktes zu erweitern. Im Gegenzug informierte der Mann vom CIA Jens Arend über neue Ergebnisse ihrer Ermittlungen, ebenso wie der Mann vom FBI. Gemeinsam berieten sie die nächsten Schritte und wünschten dann Jens Arend und seinen Freunden viel Erfolg bei ihrer bevorstehenden Operation. Sie versprachen ihm, schnellstmöglich weitere Kräfte zur Unterstützung zu entsenden.
Nachdenklich, wie abwesend, trennte Jens die Verbindung wieder. Er nickte dem Funker dankend zu und verließ den Funkraum. Noch immer grübelnd betrat er das Deck der Fregatte und ging an der Reling entlang zum Fallreep. Er winkte dem Kapitän zu, woraufhin dieser wieder den Befehl für langsame Fahrt gab.
Jens kletterte über die Reling und stieg schon ein Stück das Fallreep hinunter. Als das U-Boot aufgeschlossen hatte und seine Freunde die Strickleiter spannten, stieg er schnell weiter hinunter und sprang das letzte Stück, um auf dem Deck des erbeuteten U-Bootes zu landen. Gemeinsam mit Pitt und Adam balancierte er über das nasse Deck zum Turm mit der Luke. Flink kletterten sie nacheinander zurück ins Innere.
„Wir können wieder tauchen“, rief Adam nach vorn, nachdem er das Schott verriegelt hatte. Wenig später verschwand das U-Boot unter der Wasseroberfläche.
„Und was hast du Neues rausbekommen, großer Guru?“, wollte Sebastian wissen, während er sich auf die Steuerung des U-Boots konzentrierte.
„Dass es beim CIA oder zumindest bei einem Mann von denen, mit dem ich gesprochen habe, mordsmäßig stinkt. Die haben Mittel und Möglichkeiten, hier das ganze Rote Meer per Satellit zu überwachen. Was sie garantiert auch tun. Sie wollen aber angeblich nichts von einem in das Hoheitsgebiet Ägyptens, eingedrungenen U-Boot gewusst haben. Und das, obwohl sie doch ganz genau wissen, dass hier zurzeit der Bär steppt. Die haben doch sonst ihre Augen überall, wo es brennt. Und hier auf einmal haben sie Nebel vor ihrer Mattscheibe, wo sie doch sogar darüber informiert sind, dass hier die Kacke am Dampfen ist. Kommt euch das nicht auch spanisch vor?“
„Was willst du damit sagen?“, fragte Tim
Jens’ Gesicht hatte sich verhärtet, als er antwortete: „Das zumindest Einer von den Herren Dreck am Stecken hat und vielleicht damit zu tun haben könnte. Auch Leute in solchen Positionen können korrupt und käuflich sein, wenn die Summe stimmt, mein junger Freund. Nicht jeder kann einer Kiste voller Dollar, wie wir sie hier hinten im Heck spazierenfahren, für ein paar zurückgehaltene Informationen, widerstehen.“
„Und wie willst du solche Anschuldigungen beweisen können?“, fragte Tim trotzig, da er diese Anschuldigung als Beleidigung für sich und sein Land ansah, trotzig.
„Indem wir so viele der Männer lebend erwischen müssen wie möglich und die uns dann vielleicht dazu was zu sagen haben, wenn wir sie lieb darum bitten und fragen. .... Tim, Junge. Es geht hier nicht um dich oder dein Land und seine Bürger. Sondern es geht um ein paar einzelne Fanatiker, die glauben, Gott spielen zu können. Die gibt es auch in Deutschland und anderen Ländern. Sie kommen in allen Schichten der Gesellschaft vor und haben nichts mit Nationalstolz gemein, den du hier gern und zu Recht vertrittst. Doch das sind Menschen, die nur ihr eigenes Wohl im Sinn haben, aber nicht das deine und deines Volkes oder das einer anderen Nation. Du brauchst dich also nicht angegriffen fühlen. Wir verurteilen niemanden, bevor wir keine Beweise dafür haben. Und schon gar nicht verurteilen wir ein Land, nur weil solche Fanatiker von dortkommen. Wenn man ein schwarzes Schaf hat, kann man nicht die ganze Herde über einen Kamm scheren“, erklärte Pitt ruhig. Tim, Adam und Jack hatten genau zugehört.
„Jungs“, kam von Sebastian. „Wir müssen jetzt von euch wissen, ob ihr für uns und den Einsatz oder dagegen seid. Die Entscheidung steht euch frei. Ihr müsst es mit eurem Gewissen vereinbaren können. Anders läuft das hier nicht.“
Die drei US-Navy-SEALs tauschten nur kurz einen Blick aus und waren sich einig.
„Wir sind dabei. Wir wollen wissen, was da gespielt wird“, antwortete Adam mit fester, entschlossener Stimme für sich und seine Kameraden.
„Gut. Ich habe eigentlich nichts anderes von euch erwartet. Dann nochmals: Herzlich willkommen in unserem Team, Jungs“, sagte Jens und reichte den Männern eine Flasche Wasser.
„Sag mal, du großer Meister“, begann Pitt nachdenklich geworden. „Du Plaudertasche, hast denen da doch aber jetzt nicht brühwarm alles erzählt, was hier so läuft und dass unsere Jungs die Kerle schon erwarten?“
„Nein. Steht bei mir etwa BESCHEUERT auf der Stirn geschrieben? Als ich stutzig geworden bin, habe ich damit schnell aufgehört. Aber auch wenn ich sie über alles informiert hätte, würde das nichts nutzen, denn so lange das U-Boot auf Tauchstation ist, kann es keine Nachrichten empfangen. Die müssten dafür eine Nachrichtenboje hochschicken oder auftauchen. Ich glaube aber nicht, dass sie so blöd sind, das hier in dem Gewässer zu machen, wo sie doch ohne Einladung eingereist sind und sie unentdeckt bleiben wollen.“
„Was? Meinst du etwa, die Kerle haben noch nicht gemerkt, dass sie schon längst entdeckt worden und an unserem Haken hängen?“, fragte Pitt ungläubig.
„Na ja, ich denke ja mal, so wie ich sie kenne, dass unsere ägyptischen Freunde nicht mit dem Klammersack gepudert sind, sondern sich im Kielwasser des fremden U-Bootes versteckt halten. Damit sind sie vom passiven Sonar, wenn überhaupt, dann nur sehr schwer von den Eigengeräuschen zu unterscheiden. Die Kerle werden kaum das aktive Sonar nutzen, weil sie damit ganz leicht geortet werden könnten. Sonst hätten die bestimmt schon den Kurs gewechselt und würden schnellstens das Weite suchen“, antwortete Jack anstelle von Jens.
„Danke, Kleiner, das hätte ich nicht besser erklären können“, meinte Jens und zwinkerte seinen Freunden zu. „Ihr Jungs seid wirklich gut.“
„Die Küstenwache und die Fregatte trennen sich von uns und gehen jetzt auf einen anderen Kurs“, meldete Jack. „Ich schalte das passive Sonar zu.“
„Ich gehe auf Schleichfahrt“, informierte Sebastian kurz darauf und schaltete alle unnötigen Geräte ab. Das Licht an Bord erlosch und selbst die Sauerstoffzufuhr wurde leicht gedrosselt. Keiner der Männer sprach noch ein Wort. Sie lauschten gespannt auf die Klänge, die sie vom passiven Sonar aus dem Bordlautsprecher hörten.
„Zwei Klicks bis zum Ziel“, flüsterte Jack. „Noch keine Fremdaktivitäten zu hören.“
„Geht auf fünfhundert Meter ran. Dort warten wir“, gab Jens ebenso leise zurück. „Können wir da den Kasten auf Grund setzen, um keinen Ton von uns zu geben, und können dann aber trotzdem schnell wieder starten?“
„Ja, das ist möglich. Wir können das Baby schlafenlegen, wenn wir ein geeignetes Bettchen dafür finden“, antwortete Sebastian. „Ich will es nur nicht gerade zwischen Korallen ablegen.“
„Dann geht mal schon auf die Suche nach einem kuscheligen Plätzchen und sagt mir dann die Tiefe an und wo wir liegen“, forderte Jens leise, weiter auf die Außengeräusche hörend.
Nach einer Weile wandte sich Sebastian nach hinten. „In welcher Tiefe wäre es dem großen Meister denn recht? Ich kann dir eine Sandbank auf fünfundzwanzig Metern und etwas tiefer auf hundertdreißig Metern bieten.“
„Wie weit sind beide Plätze von unserem Ziel entfernt?“
„Beide knappe fünfhundert Meter und gleich schnell zu erreichen. Wir würden direkt vor der Ostspitze des Riffs liegen und kämen, je nach Bedarf, an beide Höhleneingänge ran.“
Jens entschied sich dafür, das U-Boot auf der tieferliegenden Sandbank abzusetzen. Schon wenig später senkte sich der Rumpf des Bootes langsam auf den Sandboden nieder. Sebastian stellte die Schiffsschraube und das dazugehörige Aggregat ab. Alles, was die Männer jetzt noch über die Lautsprecher des passiven Sonars hörten, waren die Geräusche des Meeres um sie herum.
„Was meinst du? Ob die Rucksäcke schon abgeladen und in den Höhlen sind?“, fragte Pitt, auf die kleineren Tauchboote anspielend, die auf dem Großen geparkt waren.
„Nein. Hamada hat mich informiert, dass unsere Leute in den Höhlen sitzen und auf sie warten. Wir würden da bestimmt Schüsse oder was Ähnliches hier übers Sonar auffangen“, antwortete Jens flüsternd.
„Die Jungs dürften da nun seit über vier Stunden in den beiden Höhlen sitzen“, überlegte Tim leise. „Bestimmt fangen sie schon an zu frieren.“ Keiner der Männer an Bord des U-Bootes antwortete darauf. Denn jeder von ihnen wusste aus eigener Erfahrung, wie kalt es vor allem in der unteren Höhle werden konnte.
Sebastian hatte das Sonar von den Bordlautsprechern genommen und die Kopfhörer aufgesetzt, um die Außengeräusche besser identifizieren und trennen zu können. Er legte den Kopf leicht schräg und schloss die Augen. Für Pitt und Jens ein sicheres Zeichen, dass ihr Freund sich voll konzentrierte. Gespannt schauten sie zu ihm hinüber.
Plötzlich zog er ruckartig den Kopfhörer ab, verzog das Gesicht vor Schmerzen und hielt sich das Ohr. „Das war jetzt etwas laut“, murmelte er und erklärte dann leise: „Es ist nicht zu fassen, die Kerle glauben wirklich, allein zu sein. Sie haben gerade ein ‚Ping‘ gesendet. Wahrscheinlich um die genaue Entfernung zum Riff zu berechnen.“ Und schon schob er sich den Kopfhörer wieder auf die Ohren und lauschte konzentriert weiter. „Okay, die Rucksäcke werden gerade ausgeklinkt und nehmen Fahrt auf“, informierte er.
„Und die anderen, was machen die?“, wollte Jens wissen.
„Negativ. Die haben sich wohl auf Lauerposition begeben, so wie wir. Und die Marineschiffe haben super reagiert. Auch von denen ist nichts zu hören.“
Fortsetzung folgt