Durch den östlichen Höhleneingang fraß sich der Lichtkegel eines U-Boots und erhellte das natürlich entstandene Wasserbecken. Flugs nahmen die ägyptischen Matrosen ihre Stellungen ein. Sie warteten gespannt, teils ängstlich, was da auf sie zukam. Aus ihrer Deckung heraus beobachteten sie das langsame Auftauchen des fremden, feindlichen U-Boots.
Ein dumpf kratzendes, leise quietschendes Geräusch von Stahl auf Stahl und dann ein kurzes Zischen begleiteten das Öffnen der Luke auf dem eher nur angedeuteten Conn. Zwei Mann der U-Bootbesatzung kletterten heraus und sprangen an Land. Mit geübten Handgriffen machten sie das Boot fest und schoben den Laufsteg für die anderen zurecht.
Nacheinander stiegen weitere sechs bewaffnete Männer durch die Luke und liefen über den Steg. Den Überraschungsmoment nutzend gab der ägyptische Offizier, den Befehl zum Angriff, noch bevor die Fremden den festen Boden der Höhle betreten hatten. Ihre Waffen auf die Eindringlinge gerichtet, stürmten die Soldaten auf sie zu. „Al´aslihat Li´asfal! Ealaa Al´ard! Fi alhal!“, schrien die ägyptischen Soldaten laut durcheinander. „Waffen runter! Auf den Boden! Sofort!“ Eine zweite Gruppe drang ins U-Boot ein. Vereinzelt fielen Schüsse, die mit einem schrillen Pfeifen als Querschläger vom Felsgestein abprallten.
Das Ganze dauerte nur wenige Minuten und es zog wieder Ruhe in der Höhle ein. Die Soldaten atmeten auf. Sie konnten ohne Verluste oder Verletzungen, alle zwölf Männer des U-Bootes festnehmen.
„Scheiße. Ich hoffe, die anderen Kerle hängen nicht so am Sonar wie ich“, zischte Sebastian leise.
„Warum?“, wollte Pitt wissen.
„Weil gerade Schüsse zu hören waren. Die müssen von der oberen Höhle gekommen sein, denn dort sind unsere Leute bestimmt mit Waffen von oben rein. Wohingegen die Taucher, die in die tiefere Höhle rein sind, höchstens die P11 haben. Und die knallen nicht so laut“, flüsterte Sebastian. „Jetzt ist aber wieder Ruhe. Ich hoffe, dort ist alles gutgegangen.“
„Aber die Kerle könnten auch noch die anderen gewarnt haben“, gab Jens zu bedenken. „Lass uns langsam hinschleichen. Vielleicht können wir da was ausrichten.“
Pitt und Jens stellten sich hinter Jack und Sebastian und schauten gespannt mit aus den großen Bullaugen am Bug, in der Hoffnung, recht bald etwas erkennen zu können. Sebastian bat Jack, das Sonar zu übernehmen, während er sich ganz auf die Steuerung konzentrierte.
„Sebi, mach Speed!“, rief Jack plötzlich mit erregter Stimme. „Ich empfange Morsezeichen. Die haben gemerkt, dass was nicht stimmt, weil das kleine U-Boot nicht mehr in der Höhle ist. Die haben es gerade ihrem großen Bruder gemeldet und ihn damit gewarnt.“
„Die Kerle sind noch drin. Siehst du den Lichtschein? Setz uns so in den Höhlenausgang, dass die nicht entwischen können. Verkeile diese Blechbüchse von mir aus fest am Eingang zwischen den Felsen“, schlug Jens an Sebastian gerichtet vor. Der nickte kurz und konzentrierte sich voll auf seinen Job. Vorsichtig lenkte er das kleine U-Boot in den Eingang der unteren Höhle. Er bediente die Seitenruder, wodurch sich das Boot quer vor den sich nach außen verjüngenden Eingang legte.
„Hier kommt keiner mehr durch“, stellte er dann zufrieden fest, drehte sich zu seinen Freunden um und lächelte sie an.
„Ich hoffe, unsere Freunde auf den Schiffen sind clever und aufmerksam“, sagte Jack. Dabei wurde sein Gesicht zusehends blass. Alle Blicke waren gespannt auf ihn gerichtet, als er weitersprach: „Shit! Ich höre, dass Torpedorohre geflutet werden. Ich glaube, wir brauchen nicht lange zu raten, was das Ziel sein soll. Die haben gerade wieder einen Ping geschickt. Das U-Boot ist zu nahe, um noch eine Chance zur Torpedoabwehr zu haben.“ Jack, zog sich die Hörer vom Kopf und drehte sich mit vor Entsetzen geweiteten Augen zu seinen Freunden um.
Nur einen Augenblick später wurden sie von einem mächtigen Stoß durchs Boot geschleudert.
Langsam rappelten sich die Männer wieder auf und schauten sich um.
„So, nun wissen die Brüder, dass sie hier nicht mehr rauskommen“, meinte Sebastian trocken und fragte dann: „Hat sich einer von euch bei der kleinen Kollision verletzt?“
Jens schaute aus dem seitlichen Bullauge.
„Achtung, die versuchen es erneut!“, rief er, als er das Heck des anderen U-Bootes auf sich zukommen sah. „Haltet euch fest! Ich hoffe, unsere Kiste hält das noch eine Weile aus!“
„Mir persönlich wäre es lieber, wenn sie auftauchen würden, wo sie unser Empfangskomitee bestimmt schon sehnsüchtig erwartet“, meinte Pitt.
Dieses Mal waren die Männer auf den Aufprall gefasst, der aber wesentlich schwächer ausfiel.
„Wie tief sind wir hier in dem Schacht, Jack?“, wollte Jens wissen.
Der junge Seal las schnell die Tiefenanzeige ab. „Auf achtunddreißig Meter. Wenn es nicht anders geht, können wir gefahrlos aussteigen, wenn du das damit meinst.“
„Genau das meine ich. Nur steigen wir nicht erst aus, wenn es nicht mehr anders geht, sondern sobald die Kerle mit ihrer Konservendose in der Höhle auftauchen wollen. Die sind jetzt vorgewarnt und werden ähnliche Waffen an Bord haben wie wir hier. Also benötigen unsere Jungs da oben jede Hilfe, die sie kriegen können. Und dabei denke ich auch an die Kisten mit dem ‚Tabun‘ und ‚VX‘. Wenn die eine davon mit einer Granate erwischen, dann gute Nacht Marie. Und dabei wissen wir noch nicht einmal, was in den unteren Kisten ist. Ich stehe auch nicht so auf Cyanwasserstoff, sprich Blausäure. Ich möchte mir noch nicht einmal vorstellen, dass da auch welcher dabei sein könnte. Oder noch so paar chemische oder bakteriologische Kampfstoffe“, sagte Jens ganz ruhig und grinste den Seal an.
„Ja, ich glaube, darauf stehe ich auch nicht“, gab Jack zurück und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Nur haben wir absolut keine Chance, wenn die wirklich vorhaben, die Torpedos abzuschießen.“ Dabei sah er die Männer unsicher an.
„Glaub mir, Junge. Das spürst du, wenn überhaupt, dann nur ganz kurz und brauchst nicht zu leiden. Vom großen Feuerwerk bekommst du schon gar nichts mehr mit, da sind deine Lichter schon längst aus“, erklärte ihm Pitt mit grinsendem Gesicht.
„Euer schwarzer Humor wie auch euer Galgenhumor sind mir unheimlich“, meinte Tyler trocken und versuchte, den sich bildenden Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Doch die deutschen Freunde lachten nur.
Ein ‚Sikorsky S-61 Sea King‘ der ägyptischen Marine stieg vom Heck der Fregatte auf, kaum dass sie ihren Kurs geändert hatte. Auf Befehl lenkte der Pilot seine Maschine in einem weiten Bogen zu der Position, wo das fremde U-Boot entdeckt worden war. Die Crew setzte dort und in die angenommene Richtung des U-Bootes Sonarbojen auf der Wasseroberfläche aus, die manuell einzeln vom Sonar-Spezialisten an Bord des Hubschraubers bedient werden konnten.
„Hier Sea King 3“, meldete sich der Pilot. „Die Päckchen sind verteilt und unter Kontrolle.“ Der Co-Pilot beobachtete in der Zwischenzeit, wie sich die Fregatte und das Küstenschutzboot zurückfallen ließen. Wenig später stieg auch das U-Boot der ägyptischen Marine auf und blieb an der Wasseroberfläche liegen.
„Sallah“, richtete sich der Co-Pilot dann über Bordfunk an den Sonar-Spezialisten, der hinter ihm im Cockpit des Hubschraubers saß. „Jetzt gehört das Baby allein dir. Sag uns den Kurs, wenn er sich ändert.“ Der Mann am Sonar nickte und konzentrierte sich weiter auf seine Aufgabe. Er meldete sich erst wieder, als er hörte, wie die kleinen Tauchboote vom Mutterschiff ausgeklinkt wurden und er das Ping gehört hatte. Sallah gab sofort die neuen Richtungskoordinaten der beiden kleineren Boote durch.
„Hier Oberstleutnant Kebier“, meldete sich Mahmud vom Marineschnellboot vor dem Riff. „Lasst die kleinen Dinger ziehen. Unsere Männer erwarten sie schon. Achtet weiter auf das Mutterschiff.“
„Roger, achten weiter auf Mutterschiff“, bestätigte der Pilot und hielt den Hubschrauber ruhig über der Stelle, die ihm sein Besatzungsmitglied am Sonar genannt hatte. Einige Zeit später meldete sich der Mann vom Sonar wieder, dass er vereinzelte Schussgeräusche wahrgenommen und kurz darauf Morsezeichen gehört habe.
„Was war der Inhalt?“, wollte der Oberstleutnant wissen.
„Eine Warnung an die beiden Tauchboote, dass sie sofort zurückkommen sollen, da sie entdeckt wurden, Herr Oberstleutnant“, antwortete der Funker an Bord des ‚Sea King‘.
„Ich glaube es ja nicht, Jungs!“, rief Sallah nach einer Weile plötzlich. „Die fluten tatsächlich die Torpedorohre.“
Als der Pilot das gerade an den Oberstleutnant weitermelden wollte, sagte der: „Ich habe es schon mitgehört, ‚Sea King 3‘.“
„Sir, wenn die wirklich vorhaben, einen Torpedo abzufeuern, haben wir keine Chance mehr, ihn abzulenken und zu zerstören. Sie sind zu nah am Ziel“, meldete sich nun der Bordschütze des Hubschraubers. Kurze Zeit war Funkstille.
„Oberstleutnant Kebier, sind Sie noch da?“, fragte der Bordschütze unsicher.
„Ja, ‚Sea King 3‘. Hier Oberstleutnant Mahmud Kebier. Ich erteile ihnen Schussfreigabe zur Zerstörung des feindlichen Ziels, sobald sie bemerken, dass auch nur ein Torpedo das Rohr verlassen will. Ich wiederhole: Ich erteile ihnen die eigenständige Schussfreigabe. Unsere Männer sind da im Riff und mit ihnen jede Menge biologische Kampfmittel und Sprengstoffe. Ich verlasse mich auf sie.“
Die Gesichter der Besatzung des Hubschraubers schienen einzufrieren. Die Lage war ernst. Sehr ernst.
„Hier ‚Sea King 3‘. Bitte wiederholen Sie ihren Befehl“, meldete sich der Pilot des Hubschraubers wieder.
„Ich wiederhole: Hier Oberstleutnant Mahmud Kebier. Ich erteile ihnen die eigenständige Schussfreigabe zur Zerstörung des feindlichen Ziels, sobald der erste Torpedo den Schacht des U-Bootes verlassen will. Keine Sekunde später.“
Entsprechend der vorgeschriebenen Verfahrensweise, wiederholte der Pilot den Befehl des Oberstleutnants, für die Schussfreigabe und endete mit fester Stimme: „Roger, wir übernehmen.“ Dabei sah er zu seinen Männern. Dann flog er eine Kehre, um für den Abschuss der beiden ‚Mark 46 Leichtgewichtstorpedos‘ in idealer Schussposition zu sein.
Der Bordschütze machte die beiden Torpedos scharf und wartete konzentriert auf den Abschussbefehl seines Kommandanten
„Die Rohre sind geflutet“, meldete sich der Mann am Sonar. Dabei bemühte er sich um eine ruhige, gelassene Stimme, schaute auf seine Monitore und lauschte weiter in die Kopfhörer. Die Nerven der Männer im Hubschrauber waren zum Zerreißen gespannt. Sie wussten, dass nichts schiefgehen durfte. Sonst würde es sehr viele Menschenleben kosten.
„Ich glaube, unsere deutschen Freunde mischen da am Riff feste mit“, sagte Sallah nach einer Weile leise. „Ich höre Aufprallgeräusche, Stahl auf Stahl und das Schraubengeräusch eines der Rucksack-U-Boote. Sie scheinen das feindliche Boot nicht hinauszulassen.“ Die anderen beiden Männer nickten ihm zu und grinsten kurz.
„Ja, diese Jungs sind gut. Die wissen, was sie tun“, meinte der Co-Pilot. „Nur nützt das nicht viel, wenn die hier unten ihre Torpedos abgefeuert bekommen, bevor wir sie zerstören können. Also konzentriere dich darauf.“
Wieder schwiegen sie und jeder von ihnen konzentrierte sich auf seinen Job an Bord der Maschine.
Doch diese Ruhepause währte nicht lange.
„Torpedos im Rohr, aber Klappen noch geschlossen. Ich wiederhole: Klappen noch geschlossen“, informierte der Mann am Sonar. „Nicht zu fassen, Jungs! Aber die Schweine setzten wirklich gerade ein Zielping.“
„Die Kerle tauchen auf“, meldete sich Pitt und rief dann: „Wir bekommen immer nur zwei Mann in die Schleuse, also beeilt euch, Mädels.“
„Sebi, du bleibst hier. Schließ schön hinter uns die Tür und lass keine Fremden rein, mein Kind. Du brauchst keine Angst zu haben, Mami und Papi kommen bald wieder nach Hause“, sagte Jens, während er nach hinten zur Notschleuse ging.
Sebastian grinste seine Freunde an und zeigte ihnen den Mittelfinger. „Aber ja doch, Mami. Ich werde bestimmt ganz artig sein. Bringst du mir dafür auch was zum Spielen und Schokolade mit?“ Sebastian wusste selbst, dass er mit der Prothese, die wegen der Verbände nicht sicher hielt und der deshalb unsicher mit dem Bein auftrat, nur ein Hindernis wäre.
Pitt verteilte schnell die Waffen und die Magazine an die ägyptischen und amerikanischen Männer. Auf die Eierhandgranaten verzichteten sie lieber, da sie in der Höhle mit dem Inhalt gezündet zu gefährlich wären.
Nacheinander drängten sie sich immer zu zweit in die Schleuse und tauchten, die Deckung des anderen U-Bootes nutzend, dahinter auf und mischten sich sofort mit unter die Kämpfenden.
Die Gelegenheit war gerade günstig. Jens und Pitt schlichen sich unbemerkt von hinten an die Kerle heran, die in der Einstiegsluke des U-Bootes standen und mit einem MG wild um sich schossen. Gleichzeitig stießen sie den beiden die Gewehrkolben ihrer Kalaschnikows in den Nacken. Noch bevor die Kerle ins U-Boot zurücksacken konnten, hielten Pitt und Jens sie am Kragen fest und zogen sie aus der Luke heraus, fesselten sie und ließen sie auf dem Deck liegen. Nacheinander schlüpften die beiden Freunde durch den Einstieg ins Innere des feindlichen Bootes und konnten drei weitere Männer überwältigen. Sie klatschten ihre rechten Handflächen aufeinander und liefen dann zurück zur Luke, zurück in die Höhle, um den anderen zu helfen.
„Na dann stürzen wir uns doch mal ins Getümmel“, rief Pitt und rannte, gefolgt von Jens, über den kurzen Steg, und schon warfen sie sich von hinten auf zwei der Kerle, die sich gerade einen der Ägypter vornehmen wollten, der abgelenkt war, da er mit einem anderen der Angreifer kämpfte. „Schukran“, bedankte er sich etwas außer Puste, als er es bemerkt hatte, und schlug auch schon seinen Angreifer mit einem rechten Haken nieder.
„Afran“, antworteten Jens und Pitt höflich und suchten sich auch schon die nächsten der Kerle aus, nachdem sie dem ägyptischen Marinetaucher ein paar ihrer Kabelbinder gereicht hatten.
Nach und nach nahmen die Kampfhandlungen ab. Als endlich Ruhe einzog, ließen sich die jungen Soldaten erschöpft an der Höhlenwand zu Boden sinken.
„Klappen werden geöffnet!“, meldete Sallah, der Mann am Sonar, laut über Bordfunk.
Der Bordschütze hielt seine Hände bereits über den entsicherten Auslöseschalter für zwei der vier Leichtgewichtstorpedos. „Zielerfassung abgeschlossen“, sagte er voll konzentriert. Dabei schaute er weiter auf seinen Monitor.
Der Pilot der ‚Sikorsky Sea King‘ schickte zum vierten Mal, über eine der Nachrichtenbojen in englischer Sprache, die ernst gemeinte Warnung, welche die U‑Boot-Besatzung zum Aufgeben und Auftauchen zwingen sollte. Doch es erfolgte keinerlei Reaktion darauf.
„Klappen offen. Unterwassertorpedos gezündet!“, schrie Sallah laut.
Sofort ertönte die Stimme des Piloten: „Abschuss! … Jetzt! Der Bordschütze drückte ohne Verzögerung auf beide Auslöser und zwei Mark-46-Torpedos zischten unter dem Hubschrauber hervor, schräg ins Wasser.
Nacheinander schossen zwei gewaltige Wasserfontänen hoch und laute Explosionen ließen die Luft erzittern. Der Mann am Sonar lauschte danach weiter angespannt.
Die Sekunden verstrichen schleichend, wurden zu einer Minute.
„Keine Torpedos im Wasser“, meldete Sallah dann endlich mit hörbar erleichterter Stimme laut und deutlich. „Ich wiederhole: Entwarnung, keine Torpedos im Wasser.“ Ein Aufatmen aller war über Bordfunk zu hören.
Die Männer beobachteten vom Hubschrauber aus, wie sich die hohen Wellen, durch die von der Explosion ausgelöste Druckwelle, in Ringen schnell auseinanderschoben. Als sie sich im Landeanflug ihrer Fregatte näherten und dabei den Explosionsherd direkt überflogen, entdeckten sie die ersten Wrackteile und menschliche Körper, die zur Wasseroberfläche getragen wurden, und meldeten es schnell an ihre Vorgesetzten weiter.
Erst war nur ein leises Grollen in der Höhle zu hören. Doch mit der Zeit wurde es lauter, sodass die Höhlenwände erzitterten. Die ersten Steine lösten sich vom Gewölbe über ihnen.
„Scheiße!“, schrie Jens auf Deutsch. Doch alle verstanden trotzdem, was er meinte. „Das Nervengift!“ Geistesgegenwärtig lief er, gefolgt von seinen Freunden, in die kleine Höhle zu den fragilen Kisten, auf die sie sich sofort warfen.
Laut krachend und polternd stürzte eine regelrechte Lawine herab. Die gesamte Höhlendecke schien auf sie herniederzustürzen. Mit ihren eigenen Körpern schützten die Männer, aller drei Nationen gemeinsam die Behälter und deren tödlichen Inhalt vor der Zerstörung durch herabfallende Steine und kleinere scharfkantige Felsbrocken.
Der in der Kammer aufgewirbelte Staub und der herabrieselnde feine Sand erschwerten das Atmen. Immer wieder waren Husten und kurze Aufschreie von den Männern, die schwerer von einem oder mehreren Steinen getroffen worden waren, zu hören.
Auch als die Erschütterungen nachließen, blieben die Männer noch auf den Kisten liegen und hielten mit ihren bloßen Körpern auch die letzten herabstürzenden Höhlendachtrümmer ab.
Endlich, die Beben hatten aufgehört. Es war vorbei.
Aufatmend und kaum glaubend, dass sie es geschafft hatten, halfen sie sich gegenseitig, stöhnend, von den Kisten herunter. Jeder von ihnen fühlte sich danach wie ein geprügelter Hund.
Sofort sorgten sich Pitt und Jens zuerst um die verwundeten Männer gleich in ihrer unmittelbaren Nähe. Die anderen, die nicht so schwer verletzt worden waren, folgten ihrem Beispiel.
„Willi, wo habt ihr euer Equipment liegen?“, wollte Jens dann wissen.
„Dort, wo wir es auch hingelegt hatten, als wir mit Andy hier waren“, antwortete der Afroamerikaner und stöhnte kurz auf, als sein Kamerad ihm den Druckverband um seinen verletzten Oberarm festzog.
„Was habt ihr vor?“, fragte Tim, der gerade einen der ägyptischen Männer versorgte.
„Wir müssen nach Sebi schauen. Die Druckwelle könnte auch den Höhlenausgang und damit ihn in der Konservendose verschüttet haben“, gab Pitt zur Antwort. „Bitte kümmert euch nachher mit um die verletzten Gefangenen. Auch wenn sie es eigentlich nicht wert sind. Aber wir brauchen sie vielleicht noch.“
„Oh, und noch was. Bringt mir Jack wieder auf die Beine. Wir brauchen ihn für dieses U-Boot hier und dann auch noch in der anderen Höhle“, erklärte Jens, der Jack von den ägyptischen Kameraden umsorgt auf dem Boden liegen sah. Kurz darauf sprang er ins Wasserbecken der kleinen Höhle und hievte ein paar Steinbrocken von der Ausrüstung herunter und begann damit, das Equipment zu überprüfen. Die vier oberen Geräte konnte er gleich zur Seite schieben. Da hatten heruntergefallene Steine die Atemregler oder die erste Stufe an den Druckluftflaschen zerstört.
Pitt war in der Zwischenzeit zum Felsspalt, durch den sie beim ersten Tauchgang hereingekommen waren, getaucht, um da nachzusehen. Nach Atem ringend kam er wieder an die Oberfläche. „Tja, unser Notausgang ist schon mal dicht“, gab er schnaufend seine Feststellung an Jens weiter und schwamm zu ihm zurück. „Hast du noch was von dem Zeug gefunden, was zu gebrauchen ist?“
„Ja, die unteren Geräte sind noch in Ordnung. Kannst dir das schönste raussuchen“, antwortete Jens und zog sich bereits ein Jackett mit daran befindlicher Pressluftflasche über, wobei er kurz innehielt, um sich den Schmerz zu verdrücken. Er griff nach einer der Masken, verzog das Gesicht, zeigte seinem Freund das zersplitterte Sichtglas und ließ sie provokativ, im hohen Bogen hinter seinem Rücken, zurück ins Wasser fallen.
Wenig später hatten sie sich das noch intakte und für sie geeignete Equipment zusammengesucht. Mit den Flossen in den Händen liefen sie durch die Höhle zum anderen Becken und setzten sich an den Rand. Sie zogen sich die Flossen an, rückten die Masken vors Gesicht, schalteten die Unterwasserlampen an und steckten sich das Mundstück zwischen die Zähne. Nach einem kurzen Okay-Zeichen ließen sie sich nach vorn abkippend ins Wasser fallen und tauchten sofort ab.
Durch das Bullauge beobachtete er voller Schrecken, wie sich über dem Eingang stetig größer werdende Risse in der Felswand bildeten.
„Hier scheißt mir doch tatsächlich gerade der Teufel vors Loch“, fluchte er vor sich hin, als er sah, wie die ersten größeren Brocken sich zu lösen begannen. „Nur habe ich da was dagegen. Ich konnte den Kerl mit den Hörnern und dem Schwefelgestank noch nie leiden.“ Entschlossen kniff Sebastian die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und fixierte einen Punkt am Höhleneingang. Präzise wie ein Hirnchirurg bediente er die Seiten- und Höhenruder des kleinen, wendigen U-Boots und steuerte es zurück in den Spalt. Er gab volle Kraft auf die Schraube und lenkte das kleine Unterseeboot mit den Höhenrudern direkt unter das Deckengewölbe, welches zu bersten drohte. Das laute Kratzen des Felsens auf dem Stahl war zu hören, dass er das Gesicht schmerzlich verzog. Verbissen hielt Sebastian das Boot weiterhin an dieser Stelle.
Langsam gab der stählerne Rumpf dem Druck der Felsen nach, die darauf einwirkten. Sebastian hatte das Boot wie einen Keil in den Riss zwischen die Wände geparkt, die aufeinander zuzurrücken drohten. Es knirschte und krachte. Nieten und Bolzen flogen wie Geschosse durch den Raum. Schweißnähte begannen zu reißen.
Es fehlt nicht mehr viel und das Boot implodiert, dachte Sebastian voller Schauder.
Gerade als er auf dem Weg zur Schleuse war, um das Schiff zu verlassen, brach eines der größeren Bullaugen entzwei. Unter hohem Druck drang das Wasser ein und überflutete in Sekundenschnelle das Innere des U-Boots. Mit aller Kraft hielt sich Sebastian am erstbesten fest, was er zu fassen bekam, holte noch einmal tief Luft, und schon brach das Wasser mit voller Wucht über ihn herein. Dabei schien es ihm, als würden seine Arme vom Körper gerissen. Doch er lockerte seinen Griff nicht eine Sekunde. Nachdem der Innenraum komplett geflutet war, konzentrierte er sich darauf, das Schleusenschott zu entriegeln. Er hatte Glück, die untere Luke der Schleuse ließ sich leicht öffnen. Seine Lungen brannten, schrien nach Luft. Den Atemreflex unterdrückend, zog er sich in die Schleuse und hoffte, dass sich das Außenschott nicht verzogen hatte und er noch rechtzeitig aus dem Seemannssarg herauskommen und sich retten könne.
Jens und Pitt tauchten nebeneinander auf den tiefer gelegenen Höhlenausgang zu. Sie leuchteten die Seiten und den Grund mit ihren Lampen prüfend ab. Überall sahen sie die Veränderungen des Ganges, der schräg in die Tiefe führte. Aber sie hofften, dass der Durchgang für das Tauchboot noch groß genug war, damit sie alle wieder aus der Höhle verschwinden konnten. Als sie sich dem Ausgang näherten, kam es ihnen vor, als würde ihnen das Herz stehen bleiben. Sie fanden das U-Boot, halb zerquetscht und eingekeilt zwischen den oberen Felswänden. Sebastian hatte es tatsächlich so platziert, dass es den Einsturz des Höhleneinganges verhinderte und das zweite U-Boot den Gang noch sicher passieren konnte.
Als die beiden Männer näher kamen, sahen sie, dass die äußere Schleusentür verschlossen und verzogen war. Das gesamte Boot war mit Wasser geflutet. Die Notluke war nicht zu erreichen oder gar zu öffnen. Sie steckte geradezu im Fels fest. Pitt leuchtete mit seiner Unterwasserlampe durch das kleine, seitliche Bullauge ins Innere des U-Bootes. Er wurde bleich vor Schreck, als er die Beinprothese seines Freundes im Innenraum unter einem umgekippten Stapel von großen, schweren Kisten hervorragen sah. Jens bemerkte, dass sein Freund plötzlich schneller atmete, und schaute auf sein Finimeter. Besorgt rüttelte er ihn an seiner Schulter und zeigte, dass sie zurück in die Höhle, zu den anderen, müssten.
Sie hatten Druckluftflaschen erwischt, die nicht mehr genug Luftvorrat hatten, um weitere Untersuchungen an dem U-Boot zuzulassen. Jens zog Pitt vom U-Boot und dem schlimmen Anblick weg. Er schaute ihm genau in die Augen und hielt ihn fest bei den Oberarmen. Als Pitt sich wieder in der Gewalt hatte, tauchten sie zurück in die Höhle und direkt am Rand des Beckens wieder auf.
Pitt zog sich die Maske vom Gesicht und spuckte das Mundstück des Atemreglers aus, blies die Tarierweste ganz auf und legte sie noch im Wasser ab, wo er sie einfach auf der Wasseroberfläche treiben ließ. Er schwang sich mit einer Drehung auf den Rand und blieb, den anderen den Rücken zugewandt, mit gesenktem Kopf dasitzen und starrte aufs Wasser.
„Was ist?“, fragte Adam laut. „Ist der Eingang auch verschüttet? „Kommen wir hier etwa nicht mehr raus?“
„Doch, wir kommen hier raus“, antwortete Jens leise. „Sebi hat für uns die Tür offen gehalten.“ Dabei legte er seine Hand auf die Schulter seines Freundes und drückte sie fest. Pitt sah zu ihm auf. Seine Augen waren rot unterlaufen und mit Tränen gefüllt. Er nickte Jens zu und stand dann auf. Alle bemerkten sofort, was los war und in den beiden Freunden vorging. Sie konnten in ihren Gesichtern und Gesten lesen. Keiner wagte es, nach Sebastian zu fragen. Bedrückende Stimmung machte sich unter ihnen breit.
„Bringen wir die Kisten und diesen Abschaum da drüben ins Boot. Ihre Toten müssen wir erst einmal hierlassen. Der Platz wird ohnehin knapp werden“, sagte Pitt laut, um Fassung bemüht. „Jack, wie sieht es aus mit deinen Verletzungen? Bist du in der Lage, uns hier raus und hoch an die Wasseroberfläche zubringen?“ „Ich könnte eine rechte Hand gebrauchen, denn mein Arm scheint mächtig gestaucht zu sein. Hoffentlich ist er nicht gebrochen“, antwortete Jack aus der hintersten Ecke der Höhle.
„Gut, kein Problem. Wenn du mir sagst, was zu machen ist, kann ich das übernehmen“, meldete sich einer der ägyptischen Soldaten. „Okay, Jungs, dann gehen wir es an“, sagte Jens laut, um eine feste Stimme bemüht. „Ich denke, wir werden schon sehnsüchtig erwartet.“
Ganz vorsichtig trugen die Männer zuerst die Kisten an Bord des U-Boots, danach brachten sie ihre verletzten Kameraden ins Boot. Erst zum Schluss führten sie die Gefangenen über den Steg und gingen dabei nicht gerade zimperlich mit ihnen um. „Hier ist es ja eng wie im Großstadtbus zur Hauptverkehrszeit, nachdem zwei Busse ausgefallen sind. Umfallen unmöglich“, stellte Jens fest, um die bedrückende Stimmung der Männer etwas aufzulockern. „Da können wir wirklich nur zusehen, hier so schnell wie möglich rauszukommen und auf der anderen Seite wieder aufzutauchen, sonst geht uns hier drin die Luft aus. Es stinkt jetzt schon wegen der Ekelpakete da hinten nach Müll.“ Dabei wies er auf die Gefangenen.
„Wir sind ganz schön überladen. Sollten wir nicht lieber zweimal fahren?“, fragte Jack mit einem besorgten Blick zu Jens hinter „Das ist vielleicht sicherer.“
„Ich weiß nicht, ob wir dazu die Chance haben. Der Fels ist am Ausgang ziemlich instabil geworden. Nein, wir müssen jetzt so hier mit der vollen Sardinenbüchse raus“, entschied Jens nach kurzem Abwägen ihrer Möglichkeiten.
Pitt schloss die Luke, verriegelte sie und rief vor zum Bug: „Okay Jack, wir können tauchen.“ Als sie sich dem Höhlenausgang näherten, schauten alle durch die Bugbullaugen zu dem zerquetschten U-Boot zwischen den beiden Felswänden, welches sie vom Zusammensturz abhielt. Nur Pitt und Jens wandten sich ab und schlossen kurz die Augen, als sie das andere U-Boot, das keines mehr war, erreichten und Jack das Boot darunter hindurch manövrierte. Kaum hatten sie den Höhlenausgang passiert, hörten sie ein lautes, unheilvolles Knirschen und danach dumpfes Poltern und Grollen. Jack zog das Ruder herum. Langsam drehte sich das U-Boot dem Höhleneingang zu. Die Männer erstarrten förmlich zu Salzsäulen, als sie das Schauspiel mit ansahen. Das U-Boot, das wie ein Keil im Fels gesteckt hatte, konnte dem gewaltigen Druck nicht mehr standhalten und wurde regelrecht zermalmt, als es dem ungeheuren Gewicht, nachgab und unter Geröll und großen Felsbrocken begraben wurde. Den Höhleneingang gab es nicht mehr.
„So viel zum Thema zweimal fahren“, meinte Jens daraufhin trocken. „Lass uns hier abhauen, wir müssen auch noch den anderen helfen. Ich hoffe, dass wir dort noch reinkommen.“ Traurig blickten die Freunde auf die Reste des zerstörten U-Boots zurück, die aus den Steinmassen ragten. „Wir hätten ihm nicht mehr helfen können, auch wenn wir die Schleusentür aufbekommen hätten“, flüsterte Jens Pitt leise zu, als er sah, dass sein Freund begann, sich Vorwürfe zu machen. „Sebi kannte das Risiko. Aber er hat es getan. Für uns alle.“
„Ich weiß. Trotzdem. Ich hätte gleich runtertauchen sollen. Dann hätte er vielleicht noch eine Chance gehabt. Wir waren einfach zu spät. Wie sollen wir das Kim und den Zwillingen beibringen? Ich kann das nicht. Du etwa?“, antwortete Pitt ebenso leise. Betroffen sahen sich beide an.
Wenig später durchbrach das U-Boot die Wasseroberfläche. Jack hatte es direkt neben die Fregatte gelenkt, deren Rumpf er während des Auftauchens an der Ostspitze des Riffes entdeckt hatte. Jens öffnete die Luke, atmete tief durch und blinzelte in die sich bereits wieder neigende Sonne. Über dem Riff hielt ein Hubschrauber seine Position in der Luft. Nacheinander wurden die Kisten mit den verschiedenen Sprengstoffen mit Zuhilfenahme einer Seilwinde aus der oberen Höhle an Bord der ‚Sea King‘ geholt und zur Fregatte der ägyptischen Marine geflogen, in deren Laderäumen sie verschwanden. Dann flogen sie zurück, um die nächsten Kisten zu holen. Matrosen halfen beim Festmachen des U-Boots an der Steuerbordseite. Dann kümmerten sie sich um die schwerer verletzten Männer und brachten sie an Bord der Fregatte. Die ägyptischen Taucher und die SEALs, ließen es sich aber nicht nehmen, die Gefangenen selbst aus dem U-Boot zugeleiten und an Bord des Marineschiffes zu bringen. Während die tödliche Last ausgeladen wurde, sicherten die Männer mit den Kalaschnikows vorsichtshalber die Umgebung. Als Letzte stiegen Pitt und Jens vom U-Boot.
„Hamada, schön dich wiederzusehen“, begrüßte Jens den Kapitän der Fregatte. „Da brauchen wir uns wenigstens nicht noch länger, um das Zeug kümmern. Wie sieht es in der anderen Höhle aus? „Ich sehe, ihr holt schon die Kisten hoch.“
Der Kapitän erzählte seinem deutschen Freund, dass durch die Druckwelle, nach der Zerstörung des großen U-Boots ein Teil der Höhlendecke eingebrochen sei und sie deshalb auch gut herankämen.
„Gab es Verletzte?“, wollte Jens besorgt wissen. „Soweit ich weiß, ja. Leichtverletzte. Aber zum Glück keine Toten.“
„Und der Höhleneingang, ist der noch da?“, fragte Pitt nach. Doch der Kapitän zuckte unwissend mit den Schultern. „Jack!“, rief Pitt dann. „Komm, lass uns nachschauen. Vielleicht ist ja auch das andere Tauchboot noch ganz und wir können den Verletzten den unbequemen Flug in dem komischen Transportnetz ersparen.“
„Und wie wollt ihr mit nur einem U-Boot-Piloten zwei dieser Blechdosen fahren? Wie wäre es also, wenn ihr mich da vielleicht auch mal fragen würdet? Oder bin ich dessen nicht mehr würdig, weil ich eine der Dosen gegen den Fels geklatscht habe?“, hörten die Männer die bekannte Stimme ihres Freundes. Ein erleichtertes Lächeln zog über ihre Gesichter, als sich Jens und Pitt ansahen. Dann wurden beide wie auf Kommando wieder ernst. Nur langsam drehten sie sich in die Richtung, aus der sie die Stimme gehört hatten. Da stand ihr Freund Sebi, auf einem Bein, ganz lässig an die Reling gelehnt, mit einem frischen Verband um den Kopf und den rechten Arm in einer Schlinge. „Das müssen wir uns sehr stark überlegen, Kleiner“, rief Pitt Sebastian ernst zu. „Du bist ja mit deiner Fahrweise eine Gefahr für Gut und Leben.“
„Außerdem hast du es uns versaut, endlich mal Millionäre zu werden. Und du bist noch nicht einmal dazu in der Lage, deine Körperteile beisammenzuhalten. Bloß gut, dass dein Arsch festgewachsen ist, sonst hättest du den vielleicht auch im U-Boot liegen lassen. „Ich hoffe, du hast wenigstens an dein Gebiss gedacht und es liegt nicht auch noch da unten, du Trottel“, setzte Jens noch eins drauf. Doch dann hielten es die beiden nicht mehr aus. Sie warfen die Sturmgewehre einfach aufs Deck, rannten auf Sebastian zu, umarmten ihn und gaben ihm freundschaftliche Kopfnüsse.
„Du Arsch, hast uns vielleicht in Angst und Schrecken versetzt. „Wir dachten, du wärst in der Blechbüchse verreckt“, gestand Pitt.
„Ja, sorry. Hätte ich Papier und Stift dabeigehabt, hätte ich euch bestimmt erst noch einen netten Brief geschrieben. Nur hatte ich weder das, noch eine genaue Adresse und ’ne Briefmarke war auch nirgends zu finden“, entschuldigte sich Sebastian scherzhaft.
„Nun aber im Ernst. Wie bist du dort rausgekommen?“, wollte Jens wissen. „Der Weg durch die Luke war versperrt und die äußere Schleusentür verzogen, sodass sie nicht aufzubekommen war.“
„Oh, das habt ihr auch bemerkt? Das heißt ja, ihr wart da unten, um mich noch rauszuholen. Find ich ja wirklich nett von euch Jungs. Ich bin jetzt richtig gerührt von so viel Liebe. Aber ihr wärt ohnehin zu spät gekommen.“ Sebastian grinste seine Freunde an und erzählte ihnen, wie er das U-Boot im Felsspalt verkeilt hatte, als er sah, wie alles instabil wurde. Wie dann das Wasser eindrang, weil das Gestein auf den Rumpf drückte. Er berichtete davon, wie er versucht hatte, aus der Schleuse zu verschwinden, bis er bemerkte, dass das äußere Schott verzogen war und da keine Chance bestand, herauszukommen. „Ich tauchte also mit dem letzten bisschen Luft in meinen Lungen zur Luke, wo sich eine Luftblase im Turm gebildet hatte, und sah eigentlich schon meine Felle davonschwimmen. Da fiel mir ein, dass dieses Art Tauchboot niemals allein den Weg hier ins Rote Meer geschafft haben konnte. Es musste als Rucksack auf einem Mutterschiff gestanden haben, so wie die anderen beiden kleinen U-Boote auch. Und die haben ja nun mal eine Bodenluke unten im Rumpf, damit die Besatzung gefahrlos und im Trockenen umsteigen kann. Also holte ich noch einmal tief Luft und ging auf die Suche danach. Nur hatte ich wenig Erfolg, denn ich habe mir da gleich erst einmal selbst eine Kiste vor den Schädel gehauen, weil der Bootsrumpf gerade weiter nachgab und ich das Ding nicht mehr zu halten bekam. Also musste ich wieder zurück zur Luke, den nächsten Schub Luft holen. Da ich nirgends sonst solch eine Luke gefunden hatte, gab es nur noch eine Möglichkeit. Die Kisten mussten genau dort draufstehen, wo ich aber hinwollte. Also versuchte ich, mich mit aller Kraft dagegenzustemmen, und kugelte mir, blöd wie ich nun mal bin, den Arm dabei aus. Künstlerpech. Nur rührten sich die Kisten trotzdem kein Stück. Ich musste wieder zurück zur Luftblase, die leider nicht mehr viel wert war. Mir war klar, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte, zumal der Druck auf das Boot immer stärker wurde. Das schreckliche Kreischen des Stahls habe ich jetzt noch im Ohr. Ich brauchte also irgendeinen Hebel, um die Kisten bewegen zu können.“
„Und dafür hast du deine Unterschenkelprothese missbraucht“, schlussfolgerte Pitt.
„Genau, woher weißt du das?“
„Wir haben sie gesehen“, antwortete Jens. „Und weiter?“
„Na ja. Ich bekam die Kisten weggerückt, konnte die Luke öffnen und schlüpfte durch. Gerade als ich mein schickes Beinchen nachziehen wollte, bewegte sich der Rumpf wieder. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meinen Arm wieder rausziehen, bevor er zwischen den scheiß Kisten zerquetscht worden wäre. Ich erwischte im letzten Moment ein Stück Stoff, was sich dann glücklicherweise als Schwimmweste entpuppte, als mir auch schon der Lukendeckel auf den Brägen fiel und mein Schädel dann noch einmal an der gleichen Stelle aufs Riff geknallt war. Doch was steckt man nicht alles weg. Ich war in erster Linie froh, draußen zu sein, auch wenn ich Sternchen gesehen habe. Nur habe ich die Sternbilder nicht ganz zuordnen können. Ich blies die Weste mit der Stickstoffpatrone daran auf und gelangte mit ihr und schon komplett leerer Lunge an die Oberfläche. Der Funker der Fregatte empfing das Notsignal der Weste, und Hamada kam her und fischte mich mit seinen Leuten raus wie einen verendeten Wal. Ende der Geschichte.“ Sebastian schaute in die Gesichter seiner Freunde. „Und was is nu? Wie wäre es, wenn wir jetzt noch mal runtergehen? Mein Bein und die Kiste mit den vielen feinen Dollerscheinen raufholen?“ Dabei grinste er Jens und Pitt fragend an. Doch die schüttelten nur mit dem Kopf. „Das kannst du dir abschmatzen, mein Kleiner. Dein schnuckeliges Sonntagsausgehbeinchen hat ein Eins-A-Seemannsbegräbnis erhalten und liegt, samt den vielen Dollars, fein säuberlich gefaltet unter etlichen Tonnen von Fels und Geröll. Wir sind gerade noch so rausgekommen“, erklärte Jens.
„Kannst es dir ja noch mal anschauen, wenn wir gleich mit dem U-Boot hier zur anderen Höhle tauchen wollen. Da kannst du Tschüß sagen und ein Blumengebinde niederlegen oder einen Nachruf in den Fels meißeln“, schlug Pitt, nun wieder erleichtert grinsend, vor. Sie nahmen Sebastian in ihre Mitte, stützten ihn und gingen gemeinsam durch das Spalier, welches die Männer gebildet hatten, die mit dem U-Boot aus der Höhle entkommen waren. Sie salutierten vor Sebastian und klopften ihm dankbar auf die Schulter.
„Hey Jungs, lasst es gut sein!“, rief er mit verlegen gesenktem Kopf auf Englisch, damit es auch alle verstanden. „Ich habe schon einen ausgekugelten Arm und brauche nicht auch noch zusätzlich eine schiefe Schulter von dem vielen Draufgeklopfe. Ich muss hier noch etwas arbeiten.“
Jack kam gerade aus dem Behandlungsraum zurück und trug seinen rechten Arm notdürftig mit einer Schiene versorgt, auch in einer Schlinge.
„Na, das ist doch mal was“, stellte Sebastian lachend fest. „Wir gründen jetzt die U-Boot-Flotte der einarmigen Banditen. Also dann lasst uns mal abtauchen und sehen, ob wir den anderen helfen können.“
Die Matrosen der Fregatte halfen Sebastian aufs Deck des U-Boots und durch die Luke, die Jens kurz danach von innen verriegelte. Sebastian nahm vorsichtig den Arm aus der Schlinge, wobei die Schulter bei jeder Bewegung stark schmerzte, umfasste den Joystick fürs Ruder und machte langsame Fahrt. Jack flutete die Tanks und das U-Boot versank, vor den Augen der anderen Männer auf der Fregatte in die Tiefe. An der Wasseroberfläche blieb kurzzeitig, als letzter Gruß, das Blubbern der Luftblasen vom Ausblasen der Ballasttanks.
Gemeinsam lenkten Sebastian und Jack das U-Boot um die Ostspitze des Riffs, während Sebastian, Pitt und Jens geduldig die Steuerung des Bootes erklärte und worauf dabei besonders zu achten sei. Da die beiden, wenn sie das andere U-Boot heil vorfinden sollten und der Höhlengang noch intakt war, Jack und ihm beim Steuern helfen mussten. Jack schaltete die Unterwasserscheinwerfer ein, als sie mit dem Tauchboot tiefer gingen, und leuchtete die Riffwand ab. Die Männer waren entsetzt darüber, welche Zerstörung die Druckwelle bei den Korallen am Drop-Off angerichtet hatte. „Aber immer noch besser als wenn die Torpedos das ganze Riff, samt uns allen, zerfetzt hätten. Von den dann austretenden chemischen Kampfstoffen ganz zu schweigen“, meinte Sebastian ruhig, nachdem er in die Gesichter seiner Freunde gesehen und darin gelesen hatte. „Es wird zwar ein paar Jahre dauern, aber das Riff wird sich erholen.“ Sicher fand Sebastian den großen Eingang zur Höhle. Sie schauten sich die Felsstruktur im Licht des Scheinwerferkegels genau an und atmeten erleichtert auf, als sie keine Risse entdeckten. Trotzdem tasteten sie sich mit dem U-Boot nur langsam und vorsichtig hinein. Auf dem Grund entdeckten sie frische Bruchstücke, die aus der Höhlendecke stammen mussten. Jack bediente die Höhenruder und blies langsam die Ballasttanks aus. Sebastian lehnte sich weit nach vorn, um aus dem Bullauge vor sich nach oben sehen zu können. Dabei bediente er das Ruder mit Feingefühl, um beim Aufstieg nicht mit dem anderen U-Boot zu kollidieren. Millimetergenau tauchte er, neben ihm, an die Wasseroberfläche. Den Freunden bot sich ein Bild des Grauens. Viele der Männer waren durch den heftigen Steinschlag verletzt worden. Die Gefangenen hatten das wenigste, eigentlich fast gar nichts, abbekommen. Die Soldaten hatten sie wohl zuvor noch schnell in eine sichere Ecke der Höhle gebracht. Die wenigen unverletzten ägyptischen Marines waren gerade dabei, die letzten Kisten auf das Bergenetz, welches am Hubschrauber hing, zu stellen, während die leicht Verletzten die Gefangenen bewachten und sich einige von ihnen, um die schwerer Verletzten kümmerten. Sebastian blieb im U-Boot sitzen und schaute seinen Freunden nach, die bereits durch den kleinen Turm aus der Luke stiegen. Jack lief zum anderen U-Boot und überprüfte gewissenhaft, ob es Schaden genommen hatte. Dann kletterte er wieder an Deck und meldete laut, dass es einsatzbereit sei. Jens nickte ihm kurz zu und zog ein leistungsstarkes Handfunkgerät aus seiner Tasche, hielt es vor seinen Mund und betätigte die Sprechtaste. „Hier Bussard. An Fregatte 904 ‘Al Aziz’. Hamada, kannst du mich empfangen?“, fragte er auf Arabisch.
„Klar und deutlich Bussard. Wie sieht es bei euch aus?“
Wir können beide U-Boote nutzen. Es gibt sehr viele Verletzte. Ich schlage vor, diese in ein Boot zu packen und direkt zum Sanitätsschiff zu bringen. Die Gefangenen und den Rest der Truppe laden wir in die andere Büchse.
„Roger Bussard. Das Sanitätsschiff hat gerade neben uns festgemacht und ist zur Aufnahme weiterer Verletzter bereit, um dann sofort den Heimathafen anzulaufen. Unser Doc bekommt gerade Bescheid“, informierte der Kapitän der Fregatte. „Ach, und noch was. Oberstleutnant Kebier ist gerade wieder mit seinem Marineschnellboot eingetroffen und übernimmt die Fracht und die Gefangenen.“
Prima, das geht ja wie’s Brezelbacken bei euch“, lobte Jens fröhlich. „Hamada, noch eine Bitte. Kannst du dem Oberstleutnant etwas ausrichten?“
„Kleinen Moment, ich gebe ihn dir persönlich, er ist gerade hier“, antwortete der Kapitän der Fregatte, und kurz danach war die Stimme von Mahmud Kebier zu hören.
„Hallo Mahmud, hier ist dein liebster Freund“, rief Jens lachend in das Handfunkgerät. „Können wir mit dir einen fairen Handel machen?“
„Was wollt ihr Galgenvögel denn nun schon wieder von mir?“, fragte der ägyptische Oberstleutnant, ganz vorsichtig, dass Jens und Pitt lachen mussten.
„Na ja, wir bringen dir deine Männer wieder zurück und bekommen als Gegenleistung dafür von dir für uns alle einen wirklich starken, heißen Kaffee und so was richtig ordentlich, Herzhaftes zu essen. Uns hängt der Magen nämlich schon in den Kniekehlen“, sagte Jens und zwinkerte Pitt zu.
„Wenn das alles ist, dann würde ich vorschlagen, ihr beeilt euch etwas. Denn den Befehl, für alle etwas Deftiges zu kochen, habe ich schon vor einer Stunde gegeben und der Kaffee ist bereits am Verdunsten. Konnte ich denn ahnen, dass ihr sogar langsamer als mein Urgroßvater seid?“, gab Mahmud lachend zurück.
„Okay, dann sind wir sofort da und stürmen die Messe. Ich hoffe, du und die beiden Kapitäne, so wie die supergute Hubschrauberbesatzung, die uns den Arsch gerettet hat, leisten uns Gesellschaft. Das wäre uns persönlich eine große Ehre. Bussard Ende.“
„Es ist uns eine größere Ehre. Das kannst du mir glauben. Kebier Ende“, antwortete der Oberstleutnant erleichtert.
Jens steckte das Gerät an den Gürtel zurück und half mit, die Verwundeten aufs U-Boot zu bringen. Als alle in den beiden Booten waren, schauten sich Pitt und Jens noch einmal prüfend in der Höhle um, ob sie auch nichts vergessen oder liegengelassen hatten.
„Na ja. Besenrein ist die nicht gerade, aber wenigstens feinsäuberlich ausgeräumt“, stellte Pitt zufrieden fest und stieg dann bei Sebastian ins U-Boot, um ihm bei der Steuerung zu helfen. Schnell verriegelte er die Luke und drängte sich nach vorn, um neben seinem Freund Platz zunehmen. „Mach Betrieb, Sebi. Schmeiß den Riemen auf die Orgel. Wir werden zum Essen erwartet“, sagte er vergnügt, während er sich auf den Sitz fallen ließ.
„Ja, na cool. Ich warte ja auch nur noch auf dich. Hättest du vorhin besser aufgepasst, dann wüsstest du, dass ein Tauchboot nur dann tauchen kann, wenn jemand die Tanks flutet. Und das ist rein zufällig jetzt dein Job, da ich zurzeit nur den >Einarmigen Banditen< spielen kann“, knurrte Sebastian, dem der Schädel mörderisch brummte, aber nichts deshalb sagte.
„Ist ja schon gut. Brauchst nicht gleich rumzumotzen, Kleiner. Ich bin ja schon dabei und drücke das Knöpfchen für dich.“
Jack und Jens warteten noch eine Weile, nachdem das erste U-Boot verschwunden war. Dann tauchten auch sie ab und verschwanden aus der Höhle, die eigentlich keine mehr war.
Kaum waren Sebastian und Pitt aufgetaucht und längsseits zum Sanitätsschiff gegangen, hörten sie auch schon, wie Matrosen auf den stählernen Rumpf sprangen und das U-Boot festmachten. Noch ehe Pitt aufstehen konnte, wurde bereits die Luke von außen geöffnet und die Marines halfen den Verletzten nach draußen und aufs Schiff, wo sie sofort von Ärzten und Sanitätern in Empfang genommen wurden. Dann wurden die Leinen wieder gelöst und Sebastian steuerte das U-Boot über Wasser zur anderen Seite, wo das Marineschnellboot lag, und machte neben dem anderen Tauchboot fest. Pitt half seinem Freund bis zur Luke und kletterte schnell vor ihm aufs Deck, um ihm von oben aus zu helfen. Als Sebastian den Kopf aus der Öffnung steckte, schaute er wenig begeistert und blieb auf der Leiter stehen. Pitt rückte ein schmales, ziemlich stark federndes Brett zurecht und legte es so, dass sie von dem einen Deck zum anderen laufen konnten. Damit sie von da aus das Fallreep hoch auf das Marineschnellboot klettern konnten. Gerade als Pitt etwas sagen wollte, um seinen Freund wieder etwas zu ärgern, sah er, wie die Blicke von ihm unsicher, zwischen dem schmalen Brett und der Strickleiter, hin und her wanderten.
Er hatte einfach nicht mehr daran gedacht, dass sein Freund seine Prothese nicht trug und sein Arm, außer dass er ausgekugelt und zusätzlich verletzt war. Er hockte sich neben die Luke aufs Deck, genau vor seinen Freund, damit er weder den Steg noch die Strickleiter sehen konnte. „Sorry, Kumpel“, entschuldigte er sich verlegen. „Ich habe für einen Moment vergessen, dass dir heute etwas Wichtiges, nämlich dein Bein, fehlt. Es ist nur, weil man sonst absolut nichts davon merkt. Wollen wir zum Heck fahren? Da ist es für dich etwas leichter hochzusteigen“, schlug er vor.
Doch Sebastian schaute seinen Freund schräg von unten an und ein teuflisches Grinsen zog über sein Gesicht. „Nö, ich habe da ’ne bessere Idee.“ Dabei hörte er nicht auf zu grinsen. Nach einer kurzen Pause, die er zu genießen schien, sprach er weiter: „Du trägst mich Huckepack, Papi.“
„Sag, dass das nicht dein Ernst ist, Sebi!“, fragte Pitt unsicher und sah dabei in das immer noch grinsende Gesicht und die listig funkelnden Augen seines Freundes. „Es ist wirklich dein Ernst, stimmts?“, stellte er fest. Nun begann auch er zu lächeln. „Na gut. Du hast es so gewollt. Dann spring auf meinen Rücken, du halbe Portion. Wenn das Brett unter uns bricht, fallen wir beide. Da haben wenigstens unsere Leute da oben an der Reling auch was zu lachen.“
„Genau so sehe ich das auch. Also: No Risk, no Fun, mein Freund“, gab Sebastian zurück und sah Pitt weiter herausfordernd an.
„Okay, dann spring auf und wir sehen mal, wer über wen lachen kann.“ Pitt, half Sebastian nach oben auf Deck des U-Boots und hockte sich vor ihm hin. Sebastian schlang seinen gesunden Arm um den Hals und das Bein fest um die Hüfte seines Freundes, der ihn auf dem Rücken huckepack nahm und zusätzlich festhielt, während er sich aufrichtete. „Es wäre schön, wenn du mir nicht die Luft abdrücken würdest“, zischte Pitt leise mit hochrotem Kopf.
Sofort entschuldigte sich Sebastian dafür und legte seinen Arm etwas tiefer, um sich an seinem Freund festhalten zu können. Und schon lief Pitt los. Mitten auf dem dünnen Brett machte er halt und wippte darauf mit Absicht ordentlich, bevor er mit Sebastian auf dem Rücken weiter über das Deck des anderen Tauchbootes lief und dann die Strickleiter hinaufkletterte. „Nehmt mir bloß den Klammeraffen vom Kreuz, ehe er mich noch erwürgt“, rief er, oben angekommen, laut lachend, gegen den Lärm der Beifall klatschenden Männer ankämpfend. Er setzte Sebastian vorsichtig ab und flüsterte ihm zu: „Nun komme aber nicht noch auf die Idee, dass ich dich füttern soll. Das kannst du dir nämlich abschminken. Nur selber essen macht fett.“
„Na ja, nicht so schlimm, Papi. Da kann ich ja nun die Mami fragen“, sagte Sebastian und blinzelte Jens frech grinsend an. Nur die drei ägyptischen Matrosen sowie Tim, Jack und Adam, die mit ihnen in der unteren Höhle waren, bevor alles einstürzte, wussten, wie das alles zusammenhing und gemeint war. Sie hielten sich den Bauch vor Lachen.
Sie nahmen Sebastian in die Mitte und gingen gemeinsam zur Messe. Als sie sich auf die bequemen Stühle setzten und sich, müde und erschöpft, wie sie waren, anlehnen wollten, verzogen die meisten von ihnen ihre Gesichter vor Schmerzen und saßen die ganze Zeit über lieber steif und aufrecht da. Sie alle hatten auf ihren Körperrückseiten Blessuren und blaue Flecke von den heruntergekommenen, scharfkantigen Steinen und Korallenresten davongetragen, als sie mit ihren Körpern die Kisten schützten.
Einige trugen Verbände oder großflächige Pflaster, welche die zusätzlich im Kampf zugezogenen Wunden verbargen. Jeder der Männer in der Messe hatte sein Bestes gegeben.
Sie waren in nur wenigen Tagen, egal ob ägyptische Matrosen und Marinetaucher, US-Navy-SEALs oder deutsche Kampfschwimmer, zu einer Einheit, einem großen, starken Kollektiv von Freunden, zusammengewachsen.
Die Männer sprangen auf, als Oberstleutnant Kebier mit den beiden Kapitänen des Marineschnellbootes und der Fregatte sowie der Besatzung des Hubschraubers den großen Saal betrat. „Rühren. Weitermachen“, befahl der hohe Offizier sofort.
Die kleine Gruppe mischte sich mitten unter die einfachen Soldaten und freute sich, ebenso wie die anderen, auf das Essen, das in der beengten Kombüse des Marinebootes gezaubert worden war. Ein Raunen der Überraschung und des Staunens ging durch die Menge, als der Küchenchef mit seinen Smutjes mit großen, gefüllten Tabletts den Raum betrat. Sie hatten wahrlich ein Festessen zubereitet und wunderschön garniert. Und es duftete so gut, dass manch einem das Wasser schon im Munde zusammenlief.
Nach dem reichlichen Mahl wurde Kaffee serviert, so stark und aromatisch, wie ihn sich Jens gewünscht hatte. Einige bevorzugten aber stattdessen lieber Tee.
Später, zogen sich die Männer grüppchenweise, sich noch leise unterhaltend, zurück. William, der Afroamerikaner, war schon vollkommen übermüdet in einer Ecke eingeschlafen. Mahmud Kebier sorgte persönlich dafür, dass er von zwei seiner Männer in die Kajüte gebracht und ins Bett gelegt wurde. Tim, Jack und Adam folgten ihnen. Sie waren ebenfalls müde und erschöpft.
Am Ende saßen nur noch die drei Deutschen mit dem Oberstleutnant, den zwei Kapitänen und der ägyptischen Hubschrauberbesatzung in dem Raum und tranken noch eine Tasse des herrlich starken, würzigen Kaffees.
Jens bedankte sich auf Arabisch im Namen aller bei der Besatzung des Hubschraubers.
Die Männer erhoben und verbeugten sich kurz vor den drei Deutschen. „Es war uns eine große Ehre, helfen zu können und Sie kennenlernen zu dürfen“, sagte der Pilot und reichte den Männern die Hand.
„Auch uns war es eine große Ehre. Recht herzlichen Dank“, erwiderten die drei Freunde, als sich die Mannschaft verabschiedete. Auch Hamada, der Kapitän der Fregatte, verabschiedete sich wieder. Er musste mit seinem Schiff wieder raus auf Bereitschaftspatrouille.
„Und was machen wir nun?“, fragte Pitt müde. „Mit den beiden Tauchbooten am Hals haben wir ja wohl keine Chance, hier so schnell wegzukommen. Oder?“
„Ihr schlaft erst einmal ein paar Stunden“, bestimmte Mahmud. „Danach sehen wir weiter. Und für dich Jens und die anderen, stelle ich mit meinen Leuten eine Liste der Gefangenen zusammen, um die Arbeit etwas zu erleichtern. Denn so wie ich mitbekommen habe, ist es wohl noch nicht vorbei.“
„Danke für die Hilfe, Mahmud. Das weiß ich zu schätzen. Ich hoffe, dass es wenigstens hier in Ägypten vorbei ist. Aber du hast recht, es stinkt ganz gewaltig zum Himmel. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, woher der Gestank kommt und worum es geht“, antwortete Jens leise, seine Müdigkeit langsam spürend.
„Macht euch in die Kojen, Jungs, ihr habt seit über achtundvierzig Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Es wird Zeit, dass ihr euch etwas erholt, ehe ihr hier von den Stühlen kippt. Ich schicke euch dann noch den Schiffsarzt vorbei, damit er sich eure älteren und neuen Verletzungen anschaut. Ich sage ihm aber auch, dass er euch nicht wecken soll, wenn ihr schon schlafen solltet.“
Pitt nahm Sebastian an seine Seite und stützte ihn auf dem Weg zur Mannschaftskajüte, die sie sich mit den SEALs teilten, während Jens noch ein anderes Ziel verfolgte und etwas später nachkam.
Sie lagen noch gar nicht ganz in ihren Betten, da waren sie auch schon vor Erschöpfung eingeschlafen. Zwei der noch wachen amerikanischen Freunde, kletterten leise von den oberen Betten und deckten die Männer, die ihre ganz persönlichen Helden und Vorbilder geworden waren, fürsorglich mit einer dünnen Decke zu.
Sebastian hatte starke Kopfschmerzen. Er griff noch im Halbschlaf nach seiner Prothese, um sie anzulegen. Leise fluchte er, als er sich daran erinnerte, dass sie nicht mehr da war. Vorsichtig stellte er sich auf sein gesundes Bein und hüpfte in den kleinen Waschraum, wo er vor seinem eigenen Spiegelbild erschrak. Sofort riss er sich den dicken Kopfverband vom Schädel. „Kann mir mal einer von euch den Sanikasten bringen?“, rief er laut in den Raum. Sogleich waren die anderen hellwach. Pitt stürzte in den Waschraum, während William den Sanitätskasten von der Wand riss und hinterherlief.
„Was ist los, Sebi?“, fragte Pitt erschrocken. Er wollte gerade anfangen zu schimpfen, weil sein Freund sich einfach den Verband heruntergerissen hatte.
„Krieg dich wieder ein. Ich will nur paar lumpige Pflaster. Der Schiffsarzt hatte mir ’nen Verband wie ’nen Sturzhelm verpasst. Ich sah ja richtig bescheuert aus und gedrückt hat er außerdem wie verrückt. Also gebt mir endlich die Pflaster. Das reicht völlig.“
„Und warum schreist du deshalb so laut? Wir dachten schon, dir hat einer was abgebissen“, beschwerte sich Jens, der ebenfalls dazugekommen war, noch schlaftrunken.
„Weil ich keine Lust hatte, durch den Raum zu hüpfen wie ein einbeiniges Känguru. Wie wäre der?“ Sebastian war sichtlich gereizt. „Mensch, mir fehlt mein Bein.“ Und fügte leise hinzu: „Ich meine natürlich meine Prothese.“
„Hättest sie eben nicht für andere Zwecke missbrauchen sollen.“ Versuchte Pitt seinen Freund etwas aufzuziehen.
„Ha, ha! Witz, komm raus, du bist umzingelt. Könnte mich mal einer kitzeln, damit ich darüber lachen kann.“ Sebastian klebte sich ein Pflaster auf seine Stirn und betastete vorsichtig die Beule an seinem Hinterkopf.
„Aber weißt du Sebi, uns ist tausendmal lieber, dass wir dich jetzt hier stehen haben und nicht nur deine Beinprothese. Die ist ersetzbar, aber du oller Sturschädel, nicht“, meinte Pitt nun ernst und half ihm bei dem größeren Pflaster am Hinterkopf.
„Also los. Sehe zu, dass du bald fertig bist. Wir wollen frühstücken gehen. Kannst ja dann nachgehüpft kommen“, meinte Jens. Dabei zwinkerte er Pitt hinter Sebastians Rücken, heimlich zu.
Die SEALs verstanden nicht, wie die beiden Männer so hart zu ihrem Freund sein konnten, und wollten auf Sebastian warten, um ihm zu helfen, da er auch keine Krücken zur Verfügung hatte. Doch Pitt und Jens schoben und zogen die jungen Männer einfach mit sich aus der Kajüte und schlossen grinsend hinter ihnen die Tür.
„Wieso könnt ihr so fies zu Sebi sein?“, fragte David empört. „Immerhin haben wir ihm alle, wie wir hier stehen, zu verdanken, dass wir überhaupt aus der Höhle herausgekommen sind.“
„Halt, mein Freund, nicht so voreilig mit deinem Urteil. Warte es doch erst einmal ab“, sagte Jens etwas leiser und zeigte in Richtung Achterdeck. „Sieh mal, wer da schon steht und was sie unter ihrem Arm hält.“
„Das ist ja Kim, seine Frau, mit einer Prothese unter dem Arm“, stellte William erstaunt fest, als sähe er einen Geist.
„Richtig erkannt. Ich habe gestern nach dem Essen, nachdem ihr schon weg wart, noch mit der Hubschrauberbesatzung von der Fregatte, ihrem Vorgesetzten Kapitän Hamada und Oberstleutnant Kebier gesprochen und sie gebeten, ob es möglich wäre, Kim mit seiner Ersatzprothese, sozusagen als kleine Überraschung, einzufliegen.“
Jens und Pitt liefen auf Kim zu, gaben ihr einen lieben Kuss auf die Wange und führten sie vor die Tür der Gemeinschaftsunterkunft, wo nur noch Sebastian drin war.
„Los, Kinder, lasst uns endlich frühstücken gehen. Das, was jetzt hier passiert, ist nicht mehr jugendfrei“, sagte Pitt fröhlich, zwinkerte Kim noch einmal zu und drängte dann gemeinsam mit Jens die acht jungen SEALs den Gang Richtung Messe entlang, wo es schon nach frischem Kaffee duftete. „Glaubt mir, die beiden werden irgendwann auch kommen, weil sie der Hunger hertreibt, und sie werden beide grinsen wie Honigkuchenpferde.“
„Wenn wir nicht wüssten, dass ihr gut und gerne schon über die Fünfunddreißig hinaus seid, um es höflich zu umschreiben, und noch dazu hoch dekorierte Offiziere, dann könnte man meinen, ihr wärt elende Lausbuben“, sagte William und wurde gleich darauf verlegen, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gegenüber den deutschen Offizieren geäußert hatte.
Jens und Pitt sahen sich, wie es schien, stutzig an, bevor sie dann ernst und zugleich grüblerisch fragend den jungen Mann anblickten.
„Bist du sicher, dass wir schon so alt sind?“, fragte Jens, als zweifle er daran. „Das kann doch gar nicht sein.“ Er schaute hilfesuchend zu seinem Freund. „Pitt, nun sag doch auch mal was dazu.“
„Nö Jens, das kann eigentlich gar nicht sein“, gab Pitt völlig ernst zurück. „Das wäre das erste Mal, dass unsere Tarnung als alte Männer aufgeflogen ist.“
„Nein, ich glaube eher, es ist das dritte Mal“, rief Oberstleutnant Mahmud Kebier den beiden Freunden schon von weitem zu, als er sich von der anderen Seite der Messe näherte. „Soweit ich weiß, ist es auch schon dem Doc und mir aufgefallen, dass eure ‚Altherrentarnung‘ noch nicht einmal ansatzweise funktioniert. Sich Falten um die Augen zu schminken, reicht eben doch nicht aus. Was ich schon immer gesagt habe: Ihr bekommt es einfach nicht hin, auch die Reife und Würde des Alters richtig zu verkörpern. Ihr müsstet vielleicht doch noch mal Schauspielunterricht nehmen und fleißig weiter üben.“
Die verdattert dreinblickenden Gesichter der acht SEALs waren unbezahlbar. Mahmud, Pitt und Jens konnten sich dann doch nicht mehr beherrschen, ernst zu bleiben. Stattdessen sprudelte das Lachen lauthals aus ihnen hervor. Die jungen Männer brauchten eine kurze Weile, bis sie verstanden hatten, dass sie gerade ordentlich auf den Arm genommen wurden. Schließlich mussten sie auch lachen und betraten so die Messe.
Noch bevor die Matrosen aufstehen konnten, die sich bereits in der Messe befanden, um zu frühstücken, rief der Oberstleutnant auch schon: „Bleibt sitzen, Männer. Weitermachen.“ Er setzte sich mit den Freunden an einen freien Tisch und fragte: „Was meint ihr, wie lange werden wir den Kaffee für Kim und Sebi warmhalten müssen? Ich tippe auf mindestens zwanzig Minuten.“ Dabei grinste er die Freunde herausfordernd an. Pitt und Jens schauten auf ihre Armbanduhren.
„In spätestens fünf Minuten kreuzen die beiden hier auf“, meinte Jens wie nebenbei.
„Aber wirklich aller spätestens in fünf Minuten“, ergänzte Pitt, „Um was wollen wir wetten?“
„Gut, wetten wir“, sagte Mahmud siegessicher, „um ein Abendessen mit all unseren Freunden, wenn auch Anne und Andy wieder auf dem Damm sind.“
„Okay Mahmud, die Wette gilt. Da hast du ein verdammt schlechtes Geschäft gemacht“, antwortete Jens und reichte Mahmud die Hand.
„Das ist es mir aber auch wert.“ Der kleine ägyptische Oberstleutnant schlug in die Hand seines Freundes ein. „Außerdem werde ich gewinnen.“
„Ich dachte, Muslime dürfen nicht wetten“, flüsterte Adam Pitt hinter vorgehaltener Hand leise fragend zu.
„Mahmud ist kein gläubiger Muslim“, klärte Pitt die jungen Freunde auf. „Was aber nicht heißt, dass er nicht auch diesen Glauben achtet und vertritt. Er würde, so wie die meisten Ägypter auch, nie Schweinefleisch oder dessen Produkte anrühren. Ebenso würde er mit der bloßen linken Hand keine Speisen zu sich nehmen, da diese Hand als unrein und schmutzig gilt, oder dir gar seine nackten Fußsohlen zuwenden und dir so direkt zeigen, denn das ist unschicklich und beleidigend. Und das sind nur ein paar wenige Beispiele. Die Körpersprache nimmt hier einen wichtigen Platz ein. Dieses Land birgt viele Geheimnisse, und der Glaube hat auch das Leben der Nichtgläubigen beeinflusst und geprägt. Trotzdem sind diese Menschen hier sehr tolerant. Ich bin sogar der Meinung, dass sich unsere Kultur davon eine große Scheibe abschneiden sollte. Ich denke, auch ihr könntet hier noch sehr viel von diesem Menschenschlag lernen, so wie ich es noch immer tue, obwohl ich schon seit drei Jahren hier lebe. Mehr kannst du bestimmt von Sebi, Kim oder Anne erfahren. Sie leben schon ein paar Jahre länger hier. Oder aber von meiner Hatifa. Logisch, nur wenn es dich wirklich interessiert, denn hier wird niemandem etwas aufgezwungen.“
Nicht nur Adam hatte Pitt interessiert zugehört, sondern auch die anderen SEALs.
Als die Tür zur Messe aufging, schauten alle an dem Tisch neugierig hin. Jens drückte grinsend und demonstrativ auf die Stoppfunktion seiner Armbanduhr. „Vier Minuten einundvierzig Sekunden“, las er laut vom Ziffernblatt ab. „Mahmud, du hast wieder einmal verloren.“
Sebastian lief noch etwas leicht hinkend, mit seiner Frau Kim in Richtung des Tisches, wo ihre Freunde saßen. Die Männer im Raum schlugen, zur Begrüßung des Paares, welches sie gut kannten, mit den Fäusten auf die Tischplatten. Sebastian hielt seine Kim liebevoll im Arm, als er an den Tisch herantrat.
„Danke, Jungs. Jetzt fühle ich mich wieder als ganzer Mensch“, sagte er, am Tisch angekommen.
„Na, was haben wir versprochen? Beide grinsen wie Honigkuchenpferde.“ Wendete sich Jens an die SEALs und rückte etwas zur Seite, damit Sebastian und Kim noch zwei Stühle an den Tisch stellen und sich in die Runde setzen konnten.
„Ach Mensch, Kinder … Kim, Sebi. Hättet ihr nicht etwas später hereinkommen können?“
„Mahmud, sag jetzt nicht, dass du schon wieder gegen die Jungs gewettet und verloren hast“, brachte Kim lachend hervor. „Ich habe dich doch schon so oft vor diesen Schlitzohren gewarnt. Lass mich raten, es ging wieder um ein Essen.“
„Stimmt genau, Kim. Ich habe schon wieder gegen Jens verloren. Nur dieses Mal habe ich es sogar selbst vorgeschlagen. Etwas anderes hätte Jens als Wetteinsatz ja auch gar nicht akzeptiert. Ich weiß doch, wie sehr er unsere einheimische Küche liebt.“
„Ihr Männer seid unverbesserlich“, stellte sie fest und rückte nah an den Tisch.
„Wie geht es eigentlich deinem Kopf? Solltest du nicht eigentlich noch liegen? Und wie geht es Anne und Andy?“, wollte Pitt wissen. „Weißt du was Neues vom Doc?“
„Danke Pitt aber mir geht es schon wieder ganz gut. War ja nur eine leichte Gehirnerschütterung und die kleine Schramme am Kopf heilt ja auch gut. Abdul ist die ganze Zeit nicht einmal heimgekommen. Lieutenant Tom Cater und Lieutenant Junior Grade Max Simpsen spenden Blut, sobald sie wieder selbst genug produziert haben. Anne läuft durch die Blutwäsche. Der Doc vermutet, dass da noch irgendetwas anderes ist. Genaueres konnte er mir aber nicht sagen. Sie krampft wohl immer wieder unter starken Schmerzen. Deshalb hat er sie ins künstliche Koma versetzt. Andy ist operiert und wir müssen abwarten. Aber ihr kennt ihn ja selbst. Seit er wieder zu sich gekommen ist, weicht er nicht mehr von Annes Seite.“
„Und die Kinder? Wie verkraften es die Kinder?“, fragte nun Jens.
„Unsere Zwillinge, Franzi und Max, warten auf ihren Papi, und Anja fragt ständig nach ihren Eltern. Aber Walter und Erika haben das gut im Griff, auch wenn es ihnen schwerfällt, weil sie sich selbst große Sorgen um ihre Tochter und Andy machen“, antwortete Kim bedrückt. „Nach dem Frühstück mit euch, holen mich die Jungs vom ‚Sea King 3‘ schon wieder ab und bringen mich zum Palast zurück, bevor sie mit dem Hubschrauber zur Fregatte zurückmüssen. Und das Ganze passiert, bevor der Doc überhaupt merkt, dass ich ungehorsam war und einfach zu euch abgehauen bin.“
Jetzt sahen die Männer die Frau an ihrem Tisch doch etwas erschrocken an.
„Was? Du bist hier, obwohl dir Abdul noch Bettruhe verordnet hat?“, fragte Sebastian und wollte auch schon beginnen, ihr deswegen Vorwürfe zu machen.
Doch Kim sah ihren Mann nur mit böse funkelnden Augen an und fauchte leise durch die Zähne: „Sieh dich an und ziehe dir an der eigenen Nasenspitze, bevor du anfängst, mir Vorhaltungen zu machen. Also atme tief durch und halte dann lieber die Luft an.“
Während des Frühstücks vermieden die Freunde das Thema dann lieber und sprachen absichtlich nur noch über angenehme Dinge.
„Warum kommt ihr nicht gleich alle mit dem Hubschrauber mit heim?“, wollte Kim wissen, während sie sich nach dem Frühstück von den Freunden verabschiedete. „Da seid ihr doch viel schneller zurück, als jetzt hier mit dem Boot, was ja auch den Hafen ansteuern wird. Ihr seht alle ziemlich mitgenommen aus und gehört wohl auch kurz zur Behandlung ins Lazarett.“
„Du hast ja recht, Liebling. Glaube mir, wir würden gern mitkommen. Aber wir möchten jede Minute nutzen und haben noch eine Menge zu tun. Hier ist der Arzt auch nicht schlecht und tut für uns sein Bestes. Jens und die anderen brauchen noch unsere Unterstützung.“
Das verstand Kim. Sie kannte ihren Mann und seine Freunde nur zu gut und wusste, dass sie sich nicht mit halben Sachen zufriedengeben würden, nicht bevor sie einen sauberen Abschluss gefunden hätten.
Die Freunde brachten sie zum Achterdeck, wo kurze Zeit später der ‚Sikorsky S61‘ darüber auftauchte. Sie beobachteten, wie sich eines der Besatzungsmitglieder abseilte. Sebastian half dabei seiner Frau, den Sicherungsgurt umzulegen, und gab ihr noch einen Kuss. Dann schwebte Kim, zusammen mit dem Mann über dem Deck. Noch während sie mit der Winde an Bord des Hubschraubers gezogen wurden, flog er langsam in einer weiten Kurve, Richtung Hurghada davon.
Jens schlug vor, mit der Arbeit zu beginnen. Gemeinsam mit Mahmud Kebier gingen sie übers Zwischendeck in den Besprechungsraum, den der Kapitän für Oberstleutnant Kebier als Einsatzzentrale hatte einrichten lassen.
„Wow, Mahmud“, sagte Pitt angenehm überrascht, als er all die Technik sah, die an zwei Seiten aufgebaut worden war, „ihr habt hier ja wirklich an alles gedacht.“
„Ja, wir können von hier aus auch eine abhörsichere Satellitenverbindung nutzen. Und die Besatzung der ‚Sea King‘ hat uns mit Kim auch noch die Rechner dort mitgebracht. Sie sind bereits angeschlossen. Sie laufen auch über Satellit und sind videokonferenztauglich“, erklärte der Oberstleutnant etwas stolz. „Ich dachte mir, dass ihr das bestimmt gut brauchen könnt.“ Dann bat er die elf Freunde, auf den bequemen Stühlen am langen Tisch, der mitten im Raum stand, Platz zu nehmen. Er holte eine dicke Mappe von dem Schreibtisch und schob sie Jens zu, während er sich mit an den Tisch setzte.
„Damit haben wir eine Weile zutun. Aber bevor du anfängst, dir die Rosinen aus dem Kuchen zu picken, habe ich noch etwas anderes für euch“, sagte Mahmud Kebier und legte eine zweite Mappe, die er noch in der Hand gehalten hatte, auf die Tischplatte. „Wir haben uns noch in der Nacht, als ihr schon geschlafen habt, den Inhalt aller Kisten genauer angesehen, die jetzt sicher im Bauch dieses Schiffes schlummern. Während die Kisten, die wir aus der oberen Höhle haben, mit Dynamit, Semtex, C4 und TNT und Zündern bestückt sind, haben wir aber bei den anderen Kisten, die ihr mit hochgebracht habt, nicht schlecht gestaunt.“ Mahmud zog Fotoaufnahmen aus der Mappe und legte sie nebeneinander auf den Tisch, während er weitersprach. Die Männer schoben die Bilder von einem zum anderen, sodass jeder einen Blick darauf werfen konnte.
„Neben den vierzehn Kisten, die bis oben hin mit ‚VX‘ und ‚Tabun‘ gefüllt sind, haben wir in elf weiteren Kisten Laboreinrichtungen gefunden. Eine Kiste ist vollgestopft mit Dokumenten, welche die Herstellung von ‚Tabun‘ im Detail beschreiben, ebenso wie den Aufbau der Laboreinrichtung und weitere chemische Formeln für andere Nervengifte. Die letzten vier Kisten, die wir öffneten, ließen uns große Augen machen. Zwei enthalten fein säuberlich gebündelte Hundert- und Tausenddollarscheine. Wobei ich gerade bei den Tausendern eher davon ausgehe, dass es sich um Falschgeld handeln könnte. Es muss sich dabei um mehrere Millionen handeln. Die anderen beiden sind vollgestopft mit kleineren und größeren Eurobanknoten. Dabei fiel uns auf, dass diese Geldscheinbündel einzeln luftdicht verschweißt sind. Das lässt die Annahme zu, dass sie präpariert sein könnten. Womit auch immer. Ich habe es nicht zählen, sondern mit all dem anderen Zeug sicher verschließen lassen. Es stehen extra Wachen vor den Schotts!“, berichtete der ägyptische Oberstleutnant.
Jens nahm die Fotos, die den Inhalt der einzelnen Kisten zeigten, und brachte sie mit Magneten an der Tafel hinter sich an. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, drehte sich dem Whiteboard zu und fixierte seinen Blick auf die Bilder. Keiner im Raum traute sich, ein Wort zu sagen, während Jens so dasaß und angestrengt nachdachte. „Wer von euch ist in Verhörtechnik ausgebildet worden?“, fragte er nach einer Weile, sich an die acht jungen SEALs wendend.
„Unser Spezialist dafür ist eigentlich Lieutenant Tom Cater“, antwortete Tyler. „Aber, auch Robert und ich wurden dafür ausgebildet. Doch wir wurden dafür bisher noch nie eingesetzt, da der Lieutenant das meist selbst übernommen hatte.“
„Ihr wart aber schon mal mit dabei und kennt die einzelnen Taktiken, die Lieutenant Cater angewendet hat?“, wollte Pitt wissen. Die beiden Männer nickten und räumten ein, dass es aber bisher nur zwei Verhöre waren.
„Gut, Jungs“, entschied Jens. „Dann bekommt ihr nun die Chance, euch zu beweisen. Es sind zu viele und wir haben nicht die Zeit, dass Mahmud, Pitt, Sebi und ich das allein durchziehen. Ich schlage also vor, dass wir sechs Verhörteams zu je zwei Mann bilden. Wenn es bei euch dabei Probleme oder Fragen gibt, dann scheut euch nicht, einen von uns anzusprechen. Das ist besser, als wenn durch eine falsche Taktik am Ende nichts dabei herauskommt. Ist das klar?“
Tyler und Robert nickten und versprachen, sich daran zu halten. Sebastian wollte wissen, mit wem ihrer Leute sie gerne die beiden Teams bilden wollten. Tyler entschied sich für Brandon, weil sie auch in ihrer Gruppe ein Einsatzteam bildeten und sich damit am besten untereinander verstanden. Robert suchte aus gleichem Grund Tim als Partner aus.
„Okay, dann bilden Mahmud und William ein Team. Pitt und David, Sebi mit Jack, weil die sich schon im U-Boot gut beschnuppern konnten, und Adam wird mich unterstützen.“ Dann wandte sich Jens an den Ägypter: „Mahmud, habt ihr dafür, sechs Räume frei, die möglichst nahe beieinanderliegen, die wir dafür nutzen und auch mit der nötigen Aufzeichnungstechnik ausrüsten können?“
„Das dürfte schnell zu machen sein. Ich veranlasse sofort, dass für die Zeit kleinere Mannschaftsquartiere geräumt und von uns genutzt werden können. Zwei Räume stehen jetzt schon zur Verfügung und die vier anderen bekommen wir auch noch“, antwortete Mahmud und ließ sich mit dem Kapitän auf der Brücke verbinden. Kurz darauf nickte er Jens zu.
Wieder schaute sich Jens die Bilder an der Wandtafel an, dann öffnete er die dicke Mappe, die Mahmud ihm gleich zu Beginn zugeschoben hatte. Er musste mit seinen Leuten die ganze, restliche Nacht gearbeitet haben, um bereits von allen Gefangenen ein Bild und die ersten Daten zusammengetragen zu haben. Die Blätter, auf denen nur ein Foto, auf dem das Gesicht des jeweiligen Mannes zu sehen war, aber sonst nichts dabei stand, sortierte Jens gleich aus.
„Jungs, ich schlage vor, ihr macht alle eine Pause. Der Rest des Tages wird stressig genug. Seid in einer Stunde wieder hier. Ich denke, bis dahin bin ich so weit und wir besprechen gemeinsam die Einzelheiten und Ziele, bevor wir in die Schlacht ziehen“, sagte Jens, ohne dabei den Blick vom Inhalt der Mappe zu lassen.
Leise verließen die Freunde den Besprechungsraum. Mahmud Kebier steuerte der Brücke zu, während die anderen Männer in die Messe gingen, um dort noch einen Kaffee zu trinken.
„Was macht Jens jetzt eigentlich?“, wollte David von Pitt wissen.
„Er sieht sich jedes einzelne Blatt mit den Fotos genau an, die Mahmud ihm gegeben hat, liest sich die Daten durch, die schon zusammengetragen wurden, und erstellt danach die Personenprofile. Bei denen, die nicht so kooperativ waren, und deren Namen wir deshalb noch nicht einmal kennen, schaut er sich die Bilder besonders genau an. Frag mich nicht, wie er es macht, aber auch da bekommt er meist schon ein ungefähres Profil hin und baut darauf seine Verhörtaktik auf. Jens ist nicht nur bei uns berühmt für seine psychologischen Fähigkeiten bei der Verhörführung. Nicht umsonst hat eure Regierung ihn damit beauftragt und grünes Licht mit allen Befugnissen erteilt. Er hat sozusagen, den ‚Agent-007-Status‘ von allen drei betroffenen Regierungen erhalten“, erklärte Pitt lächelnd.
„Er ist der Beste und wir durften bei ihm lernen. Trotzdem bleibt Jens dabei unerreicht. Wir wissen nicht, wie er es macht, sich immer gleich die richtigen Kerle herauszupicken und die beste Taktik zu finden. Er meint immer, es wäre nur eine reine Gefühlssache, wenn wir ihn danach fragen. Man kann fast die Uhr danach stellen, wie lange er bei den verschiedenen Taktiken braucht, bis er mit dem, was er wissen wollte, aus dem Verhörraum zurückkommt. Haltet euch an das, was er euch nachher sagen wird. Ihr werdet sehen, dass ihr gut damit zurechtkommen werdet. Wir tun das auch, obwohl wir mit Verhören auch schon unsere eigenen Erfahrungen gesammelt haben. Aber wir haben hier keine Zeit für falschen Stolz, es selbst und mit anderen Methoden versuchen zu wollen. Dafür steht hier zu viel auf dem Spiel“, ermahnte Sebastian abschließend noch Tyler und Robert.
„Wenn ihr euch unsicher seid, so schaut lieber erst noch bei ein oder zwei Verhören zu. Keiner würde euch das übelnehmen. Im Gegenteil, wir sehen es als ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein“, ergänzte Pitt seinen Freund. „Schließlich wollen wir hier ein paar Bösewichte überführen, die sich zurzeit noch in Sicherheit wiegen und bestimmt schon neue Gräueltaten aushecken. Das, was da unten in den Kisten liegt, ist kein Spielzeug, sondern die Bauanleitung für eine illegale Massenvernichtungsfabrik, mit deren Produkten Verbrechen begangen werden sollten.“ Die acht amerikanischen SEALs hatten verstanden, was ihre deutschen Freunde da sagten, und waren sich der Tragweite ihrer Verantwortung bewusst.
Ein dumpf kratzendes, leise quietschendes Geräusch von Stahl auf Stahl und dann ein kurzes Zischen begleiteten das Öffnen der Luke auf dem eher nur angedeuteten Conn. Zwei Mann der U-Bootbesatzung kletterten heraus und sprangen an Land. Mit geübten Handgriffen machten sie das Boot fest und schoben den Laufsteg für die anderen zurecht.
Nacheinander stiegen weitere sechs bewaffnete Männer durch die Luke und liefen über den Steg. Den Überraschungsmoment nutzend gab der ägyptische Offizier, den Befehl zum Angriff, noch bevor die Fremden den festen Boden der Höhle betreten hatten. Ihre Waffen auf die Eindringlinge gerichtet, stürmten die Soldaten auf sie zu. „Al´aslihat Li´asfal! Ealaa Al´ard! Fi alhal!“, schrien die ägyptischen Soldaten laut durcheinander. „Waffen runter! Auf den Boden! Sofort!“ Eine zweite Gruppe drang ins U-Boot ein. Vereinzelt fielen Schüsse, die mit einem schrillen Pfeifen als Querschläger vom Felsgestein abprallten.
Das Ganze dauerte nur wenige Minuten und es zog wieder Ruhe in der Höhle ein. Die Soldaten atmeten auf. Sie konnten ohne Verluste oder Verletzungen, alle zwölf Männer des U-Bootes festnehmen.
„Scheiße. Ich hoffe, die anderen Kerle hängen nicht so am Sonar wie ich“, zischte Sebastian leise.
„Warum?“, wollte Pitt wissen.
„Weil gerade Schüsse zu hören waren. Die müssen von der oberen Höhle gekommen sein, denn dort sind unsere Leute bestimmt mit Waffen von oben rein. Wohingegen die Taucher, die in die tiefere Höhle rein sind, höchstens die P11 haben. Und die knallen nicht so laut“, flüsterte Sebastian. „Jetzt ist aber wieder Ruhe. Ich hoffe, dort ist alles gutgegangen.“
„Aber die Kerle könnten auch noch die anderen gewarnt haben“, gab Jens zu bedenken. „Lass uns langsam hinschleichen. Vielleicht können wir da was ausrichten.“
Pitt und Jens stellten sich hinter Jack und Sebastian und schauten gespannt mit aus den großen Bullaugen am Bug, in der Hoffnung, recht bald etwas erkennen zu können. Sebastian bat Jack, das Sonar zu übernehmen, während er sich ganz auf die Steuerung konzentrierte.
„Sebi, mach Speed!“, rief Jack plötzlich mit erregter Stimme. „Ich empfange Morsezeichen. Die haben gemerkt, dass was nicht stimmt, weil das kleine U-Boot nicht mehr in der Höhle ist. Die haben es gerade ihrem großen Bruder gemeldet und ihn damit gewarnt.“
„Die Kerle sind noch drin. Siehst du den Lichtschein? Setz uns so in den Höhlenausgang, dass die nicht entwischen können. Verkeile diese Blechbüchse von mir aus fest am Eingang zwischen den Felsen“, schlug Jens an Sebastian gerichtet vor. Der nickte kurz und konzentrierte sich voll auf seinen Job. Vorsichtig lenkte er das kleine U-Boot in den Eingang der unteren Höhle. Er bediente die Seitenruder, wodurch sich das Boot quer vor den sich nach außen verjüngenden Eingang legte.
„Hier kommt keiner mehr durch“, stellte er dann zufrieden fest, drehte sich zu seinen Freunden um und lächelte sie an.
„Ich hoffe, unsere Freunde auf den Schiffen sind clever und aufmerksam“, sagte Jack. Dabei wurde sein Gesicht zusehends blass. Alle Blicke waren gespannt auf ihn gerichtet, als er weitersprach: „Shit! Ich höre, dass Torpedorohre geflutet werden. Ich glaube, wir brauchen nicht lange zu raten, was das Ziel sein soll. Die haben gerade wieder einen Ping geschickt. Das U-Boot ist zu nahe, um noch eine Chance zur Torpedoabwehr zu haben.“ Jack, zog sich die Hörer vom Kopf und drehte sich mit vor Entsetzen geweiteten Augen zu seinen Freunden um.
Nur einen Augenblick später wurden sie von einem mächtigen Stoß durchs Boot geschleudert.
Langsam rappelten sich die Männer wieder auf und schauten sich um.
„So, nun wissen die Brüder, dass sie hier nicht mehr rauskommen“, meinte Sebastian trocken und fragte dann: „Hat sich einer von euch bei der kleinen Kollision verletzt?“
Jens schaute aus dem seitlichen Bullauge.
„Achtung, die versuchen es erneut!“, rief er, als er das Heck des anderen U-Bootes auf sich zukommen sah. „Haltet euch fest! Ich hoffe, unsere Kiste hält das noch eine Weile aus!“
„Mir persönlich wäre es lieber, wenn sie auftauchen würden, wo sie unser Empfangskomitee bestimmt schon sehnsüchtig erwartet“, meinte Pitt.
Dieses Mal waren die Männer auf den Aufprall gefasst, der aber wesentlich schwächer ausfiel.
„Wie tief sind wir hier in dem Schacht, Jack?“, wollte Jens wissen.
Der junge Seal las schnell die Tiefenanzeige ab. „Auf achtunddreißig Meter. Wenn es nicht anders geht, können wir gefahrlos aussteigen, wenn du das damit meinst.“
„Genau das meine ich. Nur steigen wir nicht erst aus, wenn es nicht mehr anders geht, sondern sobald die Kerle mit ihrer Konservendose in der Höhle auftauchen wollen. Die sind jetzt vorgewarnt und werden ähnliche Waffen an Bord haben wie wir hier. Also benötigen unsere Jungs da oben jede Hilfe, die sie kriegen können. Und dabei denke ich auch an die Kisten mit dem ‚Tabun‘ und ‚VX‘. Wenn die eine davon mit einer Granate erwischen, dann gute Nacht Marie. Und dabei wissen wir noch nicht einmal, was in den unteren Kisten ist. Ich stehe auch nicht so auf Cyanwasserstoff, sprich Blausäure. Ich möchte mir noch nicht einmal vorstellen, dass da auch welcher dabei sein könnte. Oder noch so paar chemische oder bakteriologische Kampfstoffe“, sagte Jens ganz ruhig und grinste den Seal an.
„Ja, ich glaube, darauf stehe ich auch nicht“, gab Jack zurück und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Nur haben wir absolut keine Chance, wenn die wirklich vorhaben, die Torpedos abzuschießen.“ Dabei sah er die Männer unsicher an.
„Glaub mir, Junge. Das spürst du, wenn überhaupt, dann nur ganz kurz und brauchst nicht zu leiden. Vom großen Feuerwerk bekommst du schon gar nichts mehr mit, da sind deine Lichter schon längst aus“, erklärte ihm Pitt mit grinsendem Gesicht.
„Euer schwarzer Humor wie auch euer Galgenhumor sind mir unheimlich“, meinte Tyler trocken und versuchte, den sich bildenden Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Doch die deutschen Freunde lachten nur.
Ein ‚Sikorsky S-61 Sea King‘ der ägyptischen Marine stieg vom Heck der Fregatte auf, kaum dass sie ihren Kurs geändert hatte. Auf Befehl lenkte der Pilot seine Maschine in einem weiten Bogen zu der Position, wo das fremde U-Boot entdeckt worden war. Die Crew setzte dort und in die angenommene Richtung des U-Bootes Sonarbojen auf der Wasseroberfläche aus, die manuell einzeln vom Sonar-Spezialisten an Bord des Hubschraubers bedient werden konnten.
„Hier Sea King 3“, meldete sich der Pilot. „Die Päckchen sind verteilt und unter Kontrolle.“ Der Co-Pilot beobachtete in der Zwischenzeit, wie sich die Fregatte und das Küstenschutzboot zurückfallen ließen. Wenig später stieg auch das U-Boot der ägyptischen Marine auf und blieb an der Wasseroberfläche liegen.
„Sallah“, richtete sich der Co-Pilot dann über Bordfunk an den Sonar-Spezialisten, der hinter ihm im Cockpit des Hubschraubers saß. „Jetzt gehört das Baby allein dir. Sag uns den Kurs, wenn er sich ändert.“ Der Mann am Sonar nickte und konzentrierte sich weiter auf seine Aufgabe. Er meldete sich erst wieder, als er hörte, wie die kleinen Tauchboote vom Mutterschiff ausgeklinkt wurden und er das Ping gehört hatte. Sallah gab sofort die neuen Richtungskoordinaten der beiden kleineren Boote durch.
„Hier Oberstleutnant Kebier“, meldete sich Mahmud vom Marineschnellboot vor dem Riff. „Lasst die kleinen Dinger ziehen. Unsere Männer erwarten sie schon. Achtet weiter auf das Mutterschiff.“
„Roger, achten weiter auf Mutterschiff“, bestätigte der Pilot und hielt den Hubschrauber ruhig über der Stelle, die ihm sein Besatzungsmitglied am Sonar genannt hatte. Einige Zeit später meldete sich der Mann vom Sonar wieder, dass er vereinzelte Schussgeräusche wahrgenommen und kurz darauf Morsezeichen gehört habe.
„Was war der Inhalt?“, wollte der Oberstleutnant wissen.
„Eine Warnung an die beiden Tauchboote, dass sie sofort zurückkommen sollen, da sie entdeckt wurden, Herr Oberstleutnant“, antwortete der Funker an Bord des ‚Sea King‘.
„Ich glaube es ja nicht, Jungs!“, rief Sallah nach einer Weile plötzlich. „Die fluten tatsächlich die Torpedorohre.“
Als der Pilot das gerade an den Oberstleutnant weitermelden wollte, sagte der: „Ich habe es schon mitgehört, ‚Sea King 3‘.“
„Sir, wenn die wirklich vorhaben, einen Torpedo abzufeuern, haben wir keine Chance mehr, ihn abzulenken und zu zerstören. Sie sind zu nah am Ziel“, meldete sich nun der Bordschütze des Hubschraubers. Kurze Zeit war Funkstille.
„Oberstleutnant Kebier, sind Sie noch da?“, fragte der Bordschütze unsicher.
„Ja, ‚Sea King 3‘. Hier Oberstleutnant Mahmud Kebier. Ich erteile ihnen Schussfreigabe zur Zerstörung des feindlichen Ziels, sobald sie bemerken, dass auch nur ein Torpedo das Rohr verlassen will. Ich wiederhole: Ich erteile ihnen die eigenständige Schussfreigabe. Unsere Männer sind da im Riff und mit ihnen jede Menge biologische Kampfmittel und Sprengstoffe. Ich verlasse mich auf sie.“
Die Gesichter der Besatzung des Hubschraubers schienen einzufrieren. Die Lage war ernst. Sehr ernst.
„Hier ‚Sea King 3‘. Bitte wiederholen Sie ihren Befehl“, meldete sich der Pilot des Hubschraubers wieder.
„Ich wiederhole: Hier Oberstleutnant Mahmud Kebier. Ich erteile ihnen die eigenständige Schussfreigabe zur Zerstörung des feindlichen Ziels, sobald der erste Torpedo den Schacht des U-Bootes verlassen will. Keine Sekunde später.“
Entsprechend der vorgeschriebenen Verfahrensweise, wiederholte der Pilot den Befehl des Oberstleutnants, für die Schussfreigabe und endete mit fester Stimme: „Roger, wir übernehmen.“ Dabei sah er zu seinen Männern. Dann flog er eine Kehre, um für den Abschuss der beiden ‚Mark 46 Leichtgewichtstorpedos‘ in idealer Schussposition zu sein.
Der Bordschütze machte die beiden Torpedos scharf und wartete konzentriert auf den Abschussbefehl seines Kommandanten
„Die Rohre sind geflutet“, meldete sich der Mann am Sonar. Dabei bemühte er sich um eine ruhige, gelassene Stimme, schaute auf seine Monitore und lauschte weiter in die Kopfhörer. Die Nerven der Männer im Hubschrauber waren zum Zerreißen gespannt. Sie wussten, dass nichts schiefgehen durfte. Sonst würde es sehr viele Menschenleben kosten.
„Ich glaube, unsere deutschen Freunde mischen da am Riff feste mit“, sagte Sallah nach einer Weile leise. „Ich höre Aufprallgeräusche, Stahl auf Stahl und das Schraubengeräusch eines der Rucksack-U-Boote. Sie scheinen das feindliche Boot nicht hinauszulassen.“ Die anderen beiden Männer nickten ihm zu und grinsten kurz.
„Ja, diese Jungs sind gut. Die wissen, was sie tun“, meinte der Co-Pilot. „Nur nützt das nicht viel, wenn die hier unten ihre Torpedos abgefeuert bekommen, bevor wir sie zerstören können. Also konzentriere dich darauf.“
Wieder schwiegen sie und jeder von ihnen konzentrierte sich auf seinen Job an Bord der Maschine.
Doch diese Ruhepause währte nicht lange.
„Torpedos im Rohr, aber Klappen noch geschlossen. Ich wiederhole: Klappen noch geschlossen“, informierte der Mann am Sonar. „Nicht zu fassen, Jungs! Aber die Schweine setzten wirklich gerade ein Zielping.“
„Die Kerle tauchen auf“, meldete sich Pitt und rief dann: „Wir bekommen immer nur zwei Mann in die Schleuse, also beeilt euch, Mädels.“
„Sebi, du bleibst hier. Schließ schön hinter uns die Tür und lass keine Fremden rein, mein Kind. Du brauchst keine Angst zu haben, Mami und Papi kommen bald wieder nach Hause“, sagte Jens, während er nach hinten zur Notschleuse ging.
Sebastian grinste seine Freunde an und zeigte ihnen den Mittelfinger. „Aber ja doch, Mami. Ich werde bestimmt ganz artig sein. Bringst du mir dafür auch was zum Spielen und Schokolade mit?“ Sebastian wusste selbst, dass er mit der Prothese, die wegen der Verbände nicht sicher hielt und der deshalb unsicher mit dem Bein auftrat, nur ein Hindernis wäre.
Pitt verteilte schnell die Waffen und die Magazine an die ägyptischen und amerikanischen Männer. Auf die Eierhandgranaten verzichteten sie lieber, da sie in der Höhle mit dem Inhalt gezündet zu gefährlich wären.
Nacheinander drängten sie sich immer zu zweit in die Schleuse und tauchten, die Deckung des anderen U-Bootes nutzend, dahinter auf und mischten sich sofort mit unter die Kämpfenden.
Die Gelegenheit war gerade günstig. Jens und Pitt schlichen sich unbemerkt von hinten an die Kerle heran, die in der Einstiegsluke des U-Bootes standen und mit einem MG wild um sich schossen. Gleichzeitig stießen sie den beiden die Gewehrkolben ihrer Kalaschnikows in den Nacken. Noch bevor die Kerle ins U-Boot zurücksacken konnten, hielten Pitt und Jens sie am Kragen fest und zogen sie aus der Luke heraus, fesselten sie und ließen sie auf dem Deck liegen. Nacheinander schlüpften die beiden Freunde durch den Einstieg ins Innere des feindlichen Bootes und konnten drei weitere Männer überwältigen. Sie klatschten ihre rechten Handflächen aufeinander und liefen dann zurück zur Luke, zurück in die Höhle, um den anderen zu helfen.
„Na dann stürzen wir uns doch mal ins Getümmel“, rief Pitt und rannte, gefolgt von Jens, über den kurzen Steg, und schon warfen sie sich von hinten auf zwei der Kerle, die sich gerade einen der Ägypter vornehmen wollten, der abgelenkt war, da er mit einem anderen der Angreifer kämpfte. „Schukran“, bedankte er sich etwas außer Puste, als er es bemerkt hatte, und schlug auch schon seinen Angreifer mit einem rechten Haken nieder.
„Afran“, antworteten Jens und Pitt höflich und suchten sich auch schon die nächsten der Kerle aus, nachdem sie dem ägyptischen Marinetaucher ein paar ihrer Kabelbinder gereicht hatten.
Nach und nach nahmen die Kampfhandlungen ab. Als endlich Ruhe einzog, ließen sich die jungen Soldaten erschöpft an der Höhlenwand zu Boden sinken.
„Klappen werden geöffnet!“, meldete Sallah, der Mann am Sonar, laut über Bordfunk.
Der Bordschütze hielt seine Hände bereits über den entsicherten Auslöseschalter für zwei der vier Leichtgewichtstorpedos. „Zielerfassung abgeschlossen“, sagte er voll konzentriert. Dabei schaute er weiter auf seinen Monitor.
Der Pilot der ‚Sikorsky Sea King‘ schickte zum vierten Mal, über eine der Nachrichtenbojen in englischer Sprache, die ernst gemeinte Warnung, welche die U‑Boot-Besatzung zum Aufgeben und Auftauchen zwingen sollte. Doch es erfolgte keinerlei Reaktion darauf.
„Klappen offen. Unterwassertorpedos gezündet!“, schrie Sallah laut.
Sofort ertönte die Stimme des Piloten: „Abschuss! … Jetzt! Der Bordschütze drückte ohne Verzögerung auf beide Auslöser und zwei Mark-46-Torpedos zischten unter dem Hubschrauber hervor, schräg ins Wasser.
Nacheinander schossen zwei gewaltige Wasserfontänen hoch und laute Explosionen ließen die Luft erzittern. Der Mann am Sonar lauschte danach weiter angespannt.
Die Sekunden verstrichen schleichend, wurden zu einer Minute.
„Keine Torpedos im Wasser“, meldete Sallah dann endlich mit hörbar erleichterter Stimme laut und deutlich. „Ich wiederhole: Entwarnung, keine Torpedos im Wasser.“ Ein Aufatmen aller war über Bordfunk zu hören.
Die Männer beobachteten vom Hubschrauber aus, wie sich die hohen Wellen, durch die von der Explosion ausgelöste Druckwelle, in Ringen schnell auseinanderschoben. Als sie sich im Landeanflug ihrer Fregatte näherten und dabei den Explosionsherd direkt überflogen, entdeckten sie die ersten Wrackteile und menschliche Körper, die zur Wasseroberfläche getragen wurden, und meldeten es schnell an ihre Vorgesetzten weiter.
Erst war nur ein leises Grollen in der Höhle zu hören. Doch mit der Zeit wurde es lauter, sodass die Höhlenwände erzitterten. Die ersten Steine lösten sich vom Gewölbe über ihnen.
„Scheiße!“, schrie Jens auf Deutsch. Doch alle verstanden trotzdem, was er meinte. „Das Nervengift!“ Geistesgegenwärtig lief er, gefolgt von seinen Freunden, in die kleine Höhle zu den fragilen Kisten, auf die sie sich sofort warfen.
Laut krachend und polternd stürzte eine regelrechte Lawine herab. Die gesamte Höhlendecke schien auf sie herniederzustürzen. Mit ihren eigenen Körpern schützten die Männer, aller drei Nationen gemeinsam die Behälter und deren tödlichen Inhalt vor der Zerstörung durch herabfallende Steine und kleinere scharfkantige Felsbrocken.
Der in der Kammer aufgewirbelte Staub und der herabrieselnde feine Sand erschwerten das Atmen. Immer wieder waren Husten und kurze Aufschreie von den Männern, die schwerer von einem oder mehreren Steinen getroffen worden waren, zu hören.
Auch als die Erschütterungen nachließen, blieben die Männer noch auf den Kisten liegen und hielten mit ihren bloßen Körpern auch die letzten herabstürzenden Höhlendachtrümmer ab.
Endlich, die Beben hatten aufgehört. Es war vorbei.
Aufatmend und kaum glaubend, dass sie es geschafft hatten, halfen sie sich gegenseitig, stöhnend, von den Kisten herunter. Jeder von ihnen fühlte sich danach wie ein geprügelter Hund.
Sofort sorgten sich Pitt und Jens zuerst um die verwundeten Männer gleich in ihrer unmittelbaren Nähe. Die anderen, die nicht so schwer verletzt worden waren, folgten ihrem Beispiel.
„Willi, wo habt ihr euer Equipment liegen?“, wollte Jens dann wissen.
„Dort, wo wir es auch hingelegt hatten, als wir mit Andy hier waren“, antwortete der Afroamerikaner und stöhnte kurz auf, als sein Kamerad ihm den Druckverband um seinen verletzten Oberarm festzog.
„Was habt ihr vor?“, fragte Tim, der gerade einen der ägyptischen Männer versorgte.
„Wir müssen nach Sebi schauen. Die Druckwelle könnte auch den Höhlenausgang und damit ihn in der Konservendose verschüttet haben“, gab Pitt zur Antwort. „Bitte kümmert euch nachher mit um die verletzten Gefangenen. Auch wenn sie es eigentlich nicht wert sind. Aber wir brauchen sie vielleicht noch.“
„Oh, und noch was. Bringt mir Jack wieder auf die Beine. Wir brauchen ihn für dieses U-Boot hier und dann auch noch in der anderen Höhle“, erklärte Jens, der Jack von den ägyptischen Kameraden umsorgt auf dem Boden liegen sah. Kurz darauf sprang er ins Wasserbecken der kleinen Höhle und hievte ein paar Steinbrocken von der Ausrüstung herunter und begann damit, das Equipment zu überprüfen. Die vier oberen Geräte konnte er gleich zur Seite schieben. Da hatten heruntergefallene Steine die Atemregler oder die erste Stufe an den Druckluftflaschen zerstört.
Pitt war in der Zwischenzeit zum Felsspalt, durch den sie beim ersten Tauchgang hereingekommen waren, getaucht, um da nachzusehen. Nach Atem ringend kam er wieder an die Oberfläche. „Tja, unser Notausgang ist schon mal dicht“, gab er schnaufend seine Feststellung an Jens weiter und schwamm zu ihm zurück. „Hast du noch was von dem Zeug gefunden, was zu gebrauchen ist?“
„Ja, die unteren Geräte sind noch in Ordnung. Kannst dir das schönste raussuchen“, antwortete Jens und zog sich bereits ein Jackett mit daran befindlicher Pressluftflasche über, wobei er kurz innehielt, um sich den Schmerz zu verdrücken. Er griff nach einer der Masken, verzog das Gesicht, zeigte seinem Freund das zersplitterte Sichtglas und ließ sie provokativ, im hohen Bogen hinter seinem Rücken, zurück ins Wasser fallen.
Wenig später hatten sie sich das noch intakte und für sie geeignete Equipment zusammengesucht. Mit den Flossen in den Händen liefen sie durch die Höhle zum anderen Becken und setzten sich an den Rand. Sie zogen sich die Flossen an, rückten die Masken vors Gesicht, schalteten die Unterwasserlampen an und steckten sich das Mundstück zwischen die Zähne. Nach einem kurzen Okay-Zeichen ließen sie sich nach vorn abkippend ins Wasser fallen und tauchten sofort ab.
29
Als Sebastian nach dem lauten Knall die Erschütterungen der schnell heranrollenden Druckwelle im U-Boot spürte und die ersten Steine auf die Außenhaut des Bootes prasselten, reagierte er sofort. Geistesgegenwärtig startete er den Motor und steuerte durch leichte Bewegungen das U-Boot aus der Verkeilung, in die er sich kurz zuvor selbst manövriert hatte. Sicher tauchte er wieder tiefer und steuerte das Boot aus dem Gang. Dann drehte er es mit dem Bug Richtung Höhleneingang, um nachzusehen, was dort passierte. Durch das Bullauge beobachtete er voller Schrecken, wie sich über dem Eingang stetig größer werdende Risse in der Felswand bildeten.
„Hier scheißt mir doch tatsächlich gerade der Teufel vors Loch“, fluchte er vor sich hin, als er sah, wie die ersten größeren Brocken sich zu lösen begannen. „Nur habe ich da was dagegen. Ich konnte den Kerl mit den Hörnern und dem Schwefelgestank noch nie leiden.“ Entschlossen kniff Sebastian die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und fixierte einen Punkt am Höhleneingang. Präzise wie ein Hirnchirurg bediente er die Seiten- und Höhenruder des kleinen, wendigen U-Boots und steuerte es zurück in den Spalt. Er gab volle Kraft auf die Schraube und lenkte das kleine Unterseeboot mit den Höhenrudern direkt unter das Deckengewölbe, welches zu bersten drohte. Das laute Kratzen des Felsens auf dem Stahl war zu hören, dass er das Gesicht schmerzlich verzog. Verbissen hielt Sebastian das Boot weiterhin an dieser Stelle.
Langsam gab der stählerne Rumpf dem Druck der Felsen nach, die darauf einwirkten. Sebastian hatte das Boot wie einen Keil in den Riss zwischen die Wände geparkt, die aufeinander zuzurrücken drohten. Es knirschte und krachte. Nieten und Bolzen flogen wie Geschosse durch den Raum. Schweißnähte begannen zu reißen.
Es fehlt nicht mehr viel und das Boot implodiert, dachte Sebastian voller Schauder.
Gerade als er auf dem Weg zur Schleuse war, um das Schiff zu verlassen, brach eines der größeren Bullaugen entzwei. Unter hohem Druck drang das Wasser ein und überflutete in Sekundenschnelle das Innere des U-Boots. Mit aller Kraft hielt sich Sebastian am erstbesten fest, was er zu fassen bekam, holte noch einmal tief Luft, und schon brach das Wasser mit voller Wucht über ihn herein. Dabei schien es ihm, als würden seine Arme vom Körper gerissen. Doch er lockerte seinen Griff nicht eine Sekunde. Nachdem der Innenraum komplett geflutet war, konzentrierte er sich darauf, das Schleusenschott zu entriegeln. Er hatte Glück, die untere Luke der Schleuse ließ sich leicht öffnen. Seine Lungen brannten, schrien nach Luft. Den Atemreflex unterdrückend, zog er sich in die Schleuse und hoffte, dass sich das Außenschott nicht verzogen hatte und er noch rechtzeitig aus dem Seemannssarg herauskommen und sich retten könne.
Jens und Pitt tauchten nebeneinander auf den tiefer gelegenen Höhlenausgang zu. Sie leuchteten die Seiten und den Grund mit ihren Lampen prüfend ab. Überall sahen sie die Veränderungen des Ganges, der schräg in die Tiefe führte. Aber sie hofften, dass der Durchgang für das Tauchboot noch groß genug war, damit sie alle wieder aus der Höhle verschwinden konnten. Als sie sich dem Ausgang näherten, kam es ihnen vor, als würde ihnen das Herz stehen bleiben. Sie fanden das U-Boot, halb zerquetscht und eingekeilt zwischen den oberen Felswänden. Sebastian hatte es tatsächlich so platziert, dass es den Einsturz des Höhleneinganges verhinderte und das zweite U-Boot den Gang noch sicher passieren konnte.
Als die beiden Männer näher kamen, sahen sie, dass die äußere Schleusentür verschlossen und verzogen war. Das gesamte Boot war mit Wasser geflutet. Die Notluke war nicht zu erreichen oder gar zu öffnen. Sie steckte geradezu im Fels fest. Pitt leuchtete mit seiner Unterwasserlampe durch das kleine, seitliche Bullauge ins Innere des U-Bootes. Er wurde bleich vor Schreck, als er die Beinprothese seines Freundes im Innenraum unter einem umgekippten Stapel von großen, schweren Kisten hervorragen sah. Jens bemerkte, dass sein Freund plötzlich schneller atmete, und schaute auf sein Finimeter. Besorgt rüttelte er ihn an seiner Schulter und zeigte, dass sie zurück in die Höhle, zu den anderen, müssten.
Sie hatten Druckluftflaschen erwischt, die nicht mehr genug Luftvorrat hatten, um weitere Untersuchungen an dem U-Boot zuzulassen. Jens zog Pitt vom U-Boot und dem schlimmen Anblick weg. Er schaute ihm genau in die Augen und hielt ihn fest bei den Oberarmen. Als Pitt sich wieder in der Gewalt hatte, tauchten sie zurück in die Höhle und direkt am Rand des Beckens wieder auf.
Pitt zog sich die Maske vom Gesicht und spuckte das Mundstück des Atemreglers aus, blies die Tarierweste ganz auf und legte sie noch im Wasser ab, wo er sie einfach auf der Wasseroberfläche treiben ließ. Er schwang sich mit einer Drehung auf den Rand und blieb, den anderen den Rücken zugewandt, mit gesenktem Kopf dasitzen und starrte aufs Wasser.
„Was ist?“, fragte Adam laut. „Ist der Eingang auch verschüttet? „Kommen wir hier etwa nicht mehr raus?“
„Doch, wir kommen hier raus“, antwortete Jens leise. „Sebi hat für uns die Tür offen gehalten.“ Dabei legte er seine Hand auf die Schulter seines Freundes und drückte sie fest. Pitt sah zu ihm auf. Seine Augen waren rot unterlaufen und mit Tränen gefüllt. Er nickte Jens zu und stand dann auf. Alle bemerkten sofort, was los war und in den beiden Freunden vorging. Sie konnten in ihren Gesichtern und Gesten lesen. Keiner wagte es, nach Sebastian zu fragen. Bedrückende Stimmung machte sich unter ihnen breit.
„Bringen wir die Kisten und diesen Abschaum da drüben ins Boot. Ihre Toten müssen wir erst einmal hierlassen. Der Platz wird ohnehin knapp werden“, sagte Pitt laut, um Fassung bemüht. „Jack, wie sieht es aus mit deinen Verletzungen? Bist du in der Lage, uns hier raus und hoch an die Wasseroberfläche zubringen?“ „Ich könnte eine rechte Hand gebrauchen, denn mein Arm scheint mächtig gestaucht zu sein. Hoffentlich ist er nicht gebrochen“, antwortete Jack aus der hintersten Ecke der Höhle.
„Gut, kein Problem. Wenn du mir sagst, was zu machen ist, kann ich das übernehmen“, meldete sich einer der ägyptischen Soldaten. „Okay, Jungs, dann gehen wir es an“, sagte Jens laut, um eine feste Stimme bemüht. „Ich denke, wir werden schon sehnsüchtig erwartet.“
Ganz vorsichtig trugen die Männer zuerst die Kisten an Bord des U-Boots, danach brachten sie ihre verletzten Kameraden ins Boot. Erst zum Schluss führten sie die Gefangenen über den Steg und gingen dabei nicht gerade zimperlich mit ihnen um. „Hier ist es ja eng wie im Großstadtbus zur Hauptverkehrszeit, nachdem zwei Busse ausgefallen sind. Umfallen unmöglich“, stellte Jens fest, um die bedrückende Stimmung der Männer etwas aufzulockern. „Da können wir wirklich nur zusehen, hier so schnell wie möglich rauszukommen und auf der anderen Seite wieder aufzutauchen, sonst geht uns hier drin die Luft aus. Es stinkt jetzt schon wegen der Ekelpakete da hinten nach Müll.“ Dabei wies er auf die Gefangenen.
„Wir sind ganz schön überladen. Sollten wir nicht lieber zweimal fahren?“, fragte Jack mit einem besorgten Blick zu Jens hinter „Das ist vielleicht sicherer.“
„Ich weiß nicht, ob wir dazu die Chance haben. Der Fels ist am Ausgang ziemlich instabil geworden. Nein, wir müssen jetzt so hier mit der vollen Sardinenbüchse raus“, entschied Jens nach kurzem Abwägen ihrer Möglichkeiten.
Pitt schloss die Luke, verriegelte sie und rief vor zum Bug: „Okay Jack, wir können tauchen.“ Als sie sich dem Höhlenausgang näherten, schauten alle durch die Bugbullaugen zu dem zerquetschten U-Boot zwischen den beiden Felswänden, welches sie vom Zusammensturz abhielt. Nur Pitt und Jens wandten sich ab und schlossen kurz die Augen, als sie das andere U-Boot, das keines mehr war, erreichten und Jack das Boot darunter hindurch manövrierte. Kaum hatten sie den Höhlenausgang passiert, hörten sie ein lautes, unheilvolles Knirschen und danach dumpfes Poltern und Grollen. Jack zog das Ruder herum. Langsam drehte sich das U-Boot dem Höhleneingang zu. Die Männer erstarrten förmlich zu Salzsäulen, als sie das Schauspiel mit ansahen. Das U-Boot, das wie ein Keil im Fels gesteckt hatte, konnte dem gewaltigen Druck nicht mehr standhalten und wurde regelrecht zermalmt, als es dem ungeheuren Gewicht, nachgab und unter Geröll und großen Felsbrocken begraben wurde. Den Höhleneingang gab es nicht mehr.
„So viel zum Thema zweimal fahren“, meinte Jens daraufhin trocken. „Lass uns hier abhauen, wir müssen auch noch den anderen helfen. Ich hoffe, dass wir dort noch reinkommen.“ Traurig blickten die Freunde auf die Reste des zerstörten U-Boots zurück, die aus den Steinmassen ragten. „Wir hätten ihm nicht mehr helfen können, auch wenn wir die Schleusentür aufbekommen hätten“, flüsterte Jens Pitt leise zu, als er sah, dass sein Freund begann, sich Vorwürfe zu machen. „Sebi kannte das Risiko. Aber er hat es getan. Für uns alle.“
„Ich weiß. Trotzdem. Ich hätte gleich runtertauchen sollen. Dann hätte er vielleicht noch eine Chance gehabt. Wir waren einfach zu spät. Wie sollen wir das Kim und den Zwillingen beibringen? Ich kann das nicht. Du etwa?“, antwortete Pitt ebenso leise. Betroffen sahen sich beide an.
Wenig später durchbrach das U-Boot die Wasseroberfläche. Jack hatte es direkt neben die Fregatte gelenkt, deren Rumpf er während des Auftauchens an der Ostspitze des Riffes entdeckt hatte. Jens öffnete die Luke, atmete tief durch und blinzelte in die sich bereits wieder neigende Sonne. Über dem Riff hielt ein Hubschrauber seine Position in der Luft. Nacheinander wurden die Kisten mit den verschiedenen Sprengstoffen mit Zuhilfenahme einer Seilwinde aus der oberen Höhle an Bord der ‚Sea King‘ geholt und zur Fregatte der ägyptischen Marine geflogen, in deren Laderäumen sie verschwanden. Dann flogen sie zurück, um die nächsten Kisten zu holen. Matrosen halfen beim Festmachen des U-Boots an der Steuerbordseite. Dann kümmerten sie sich um die schwerer verletzten Männer und brachten sie an Bord der Fregatte. Die ägyptischen Taucher und die SEALs, ließen es sich aber nicht nehmen, die Gefangenen selbst aus dem U-Boot zugeleiten und an Bord des Marineschiffes zu bringen. Während die tödliche Last ausgeladen wurde, sicherten die Männer mit den Kalaschnikows vorsichtshalber die Umgebung. Als Letzte stiegen Pitt und Jens vom U-Boot.
„Hamada, schön dich wiederzusehen“, begrüßte Jens den Kapitän der Fregatte. „Da brauchen wir uns wenigstens nicht noch länger, um das Zeug kümmern. Wie sieht es in der anderen Höhle aus? „Ich sehe, ihr holt schon die Kisten hoch.“
Der Kapitän erzählte seinem deutschen Freund, dass durch die Druckwelle, nach der Zerstörung des großen U-Boots ein Teil der Höhlendecke eingebrochen sei und sie deshalb auch gut herankämen.
„Gab es Verletzte?“, wollte Jens besorgt wissen. „Soweit ich weiß, ja. Leichtverletzte. Aber zum Glück keine Toten.“
„Und der Höhleneingang, ist der noch da?“, fragte Pitt nach. Doch der Kapitän zuckte unwissend mit den Schultern. „Jack!“, rief Pitt dann. „Komm, lass uns nachschauen. Vielleicht ist ja auch das andere Tauchboot noch ganz und wir können den Verletzten den unbequemen Flug in dem komischen Transportnetz ersparen.“
„Und wie wollt ihr mit nur einem U-Boot-Piloten zwei dieser Blechdosen fahren? Wie wäre es also, wenn ihr mich da vielleicht auch mal fragen würdet? Oder bin ich dessen nicht mehr würdig, weil ich eine der Dosen gegen den Fels geklatscht habe?“, hörten die Männer die bekannte Stimme ihres Freundes. Ein erleichtertes Lächeln zog über ihre Gesichter, als sich Jens und Pitt ansahen. Dann wurden beide wie auf Kommando wieder ernst. Nur langsam drehten sie sich in die Richtung, aus der sie die Stimme gehört hatten. Da stand ihr Freund Sebi, auf einem Bein, ganz lässig an die Reling gelehnt, mit einem frischen Verband um den Kopf und den rechten Arm in einer Schlinge. „Das müssen wir uns sehr stark überlegen, Kleiner“, rief Pitt Sebastian ernst zu. „Du bist ja mit deiner Fahrweise eine Gefahr für Gut und Leben.“
„Außerdem hast du es uns versaut, endlich mal Millionäre zu werden. Und du bist noch nicht einmal dazu in der Lage, deine Körperteile beisammenzuhalten. Bloß gut, dass dein Arsch festgewachsen ist, sonst hättest du den vielleicht auch im U-Boot liegen lassen. „Ich hoffe, du hast wenigstens an dein Gebiss gedacht und es liegt nicht auch noch da unten, du Trottel“, setzte Jens noch eins drauf. Doch dann hielten es die beiden nicht mehr aus. Sie warfen die Sturmgewehre einfach aufs Deck, rannten auf Sebastian zu, umarmten ihn und gaben ihm freundschaftliche Kopfnüsse.
„Du Arsch, hast uns vielleicht in Angst und Schrecken versetzt. „Wir dachten, du wärst in der Blechbüchse verreckt“, gestand Pitt.
„Ja, sorry. Hätte ich Papier und Stift dabeigehabt, hätte ich euch bestimmt erst noch einen netten Brief geschrieben. Nur hatte ich weder das, noch eine genaue Adresse und ’ne Briefmarke war auch nirgends zu finden“, entschuldigte sich Sebastian scherzhaft.
„Nun aber im Ernst. Wie bist du dort rausgekommen?“, wollte Jens wissen. „Der Weg durch die Luke war versperrt und die äußere Schleusentür verzogen, sodass sie nicht aufzubekommen war.“
„Oh, das habt ihr auch bemerkt? Das heißt ja, ihr wart da unten, um mich noch rauszuholen. Find ich ja wirklich nett von euch Jungs. Ich bin jetzt richtig gerührt von so viel Liebe. Aber ihr wärt ohnehin zu spät gekommen.“ Sebastian grinste seine Freunde an und erzählte ihnen, wie er das U-Boot im Felsspalt verkeilt hatte, als er sah, wie alles instabil wurde. Wie dann das Wasser eindrang, weil das Gestein auf den Rumpf drückte. Er berichtete davon, wie er versucht hatte, aus der Schleuse zu verschwinden, bis er bemerkte, dass das äußere Schott verzogen war und da keine Chance bestand, herauszukommen. „Ich tauchte also mit dem letzten bisschen Luft in meinen Lungen zur Luke, wo sich eine Luftblase im Turm gebildet hatte, und sah eigentlich schon meine Felle davonschwimmen. Da fiel mir ein, dass dieses Art Tauchboot niemals allein den Weg hier ins Rote Meer geschafft haben konnte. Es musste als Rucksack auf einem Mutterschiff gestanden haben, so wie die anderen beiden kleinen U-Boote auch. Und die haben ja nun mal eine Bodenluke unten im Rumpf, damit die Besatzung gefahrlos und im Trockenen umsteigen kann. Also holte ich noch einmal tief Luft und ging auf die Suche danach. Nur hatte ich wenig Erfolg, denn ich habe mir da gleich erst einmal selbst eine Kiste vor den Schädel gehauen, weil der Bootsrumpf gerade weiter nachgab und ich das Ding nicht mehr zu halten bekam. Also musste ich wieder zurück zur Luke, den nächsten Schub Luft holen. Da ich nirgends sonst solch eine Luke gefunden hatte, gab es nur noch eine Möglichkeit. Die Kisten mussten genau dort draufstehen, wo ich aber hinwollte. Also versuchte ich, mich mit aller Kraft dagegenzustemmen, und kugelte mir, blöd wie ich nun mal bin, den Arm dabei aus. Künstlerpech. Nur rührten sich die Kisten trotzdem kein Stück. Ich musste wieder zurück zur Luftblase, die leider nicht mehr viel wert war. Mir war klar, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte, zumal der Druck auf das Boot immer stärker wurde. Das schreckliche Kreischen des Stahls habe ich jetzt noch im Ohr. Ich brauchte also irgendeinen Hebel, um die Kisten bewegen zu können.“
„Und dafür hast du deine Unterschenkelprothese missbraucht“, schlussfolgerte Pitt.
„Genau, woher weißt du das?“
„Wir haben sie gesehen“, antwortete Jens. „Und weiter?“
„Na ja. Ich bekam die Kisten weggerückt, konnte die Luke öffnen und schlüpfte durch. Gerade als ich mein schickes Beinchen nachziehen wollte, bewegte sich der Rumpf wieder. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meinen Arm wieder rausziehen, bevor er zwischen den scheiß Kisten zerquetscht worden wäre. Ich erwischte im letzten Moment ein Stück Stoff, was sich dann glücklicherweise als Schwimmweste entpuppte, als mir auch schon der Lukendeckel auf den Brägen fiel und mein Schädel dann noch einmal an der gleichen Stelle aufs Riff geknallt war. Doch was steckt man nicht alles weg. Ich war in erster Linie froh, draußen zu sein, auch wenn ich Sternchen gesehen habe. Nur habe ich die Sternbilder nicht ganz zuordnen können. Ich blies die Weste mit der Stickstoffpatrone daran auf und gelangte mit ihr und schon komplett leerer Lunge an die Oberfläche. Der Funker der Fregatte empfing das Notsignal der Weste, und Hamada kam her und fischte mich mit seinen Leuten raus wie einen verendeten Wal. Ende der Geschichte.“ Sebastian schaute in die Gesichter seiner Freunde. „Und was is nu? Wie wäre es, wenn wir jetzt noch mal runtergehen? Mein Bein und die Kiste mit den vielen feinen Dollerscheinen raufholen?“ Dabei grinste er Jens und Pitt fragend an. Doch die schüttelten nur mit dem Kopf. „Das kannst du dir abschmatzen, mein Kleiner. Dein schnuckeliges Sonntagsausgehbeinchen hat ein Eins-A-Seemannsbegräbnis erhalten und liegt, samt den vielen Dollars, fein säuberlich gefaltet unter etlichen Tonnen von Fels und Geröll. Wir sind gerade noch so rausgekommen“, erklärte Jens.
„Kannst es dir ja noch mal anschauen, wenn wir gleich mit dem U-Boot hier zur anderen Höhle tauchen wollen. Da kannst du Tschüß sagen und ein Blumengebinde niederlegen oder einen Nachruf in den Fels meißeln“, schlug Pitt, nun wieder erleichtert grinsend, vor. Sie nahmen Sebastian in ihre Mitte, stützten ihn und gingen gemeinsam durch das Spalier, welches die Männer gebildet hatten, die mit dem U-Boot aus der Höhle entkommen waren. Sie salutierten vor Sebastian und klopften ihm dankbar auf die Schulter.
„Hey Jungs, lasst es gut sein!“, rief er mit verlegen gesenktem Kopf auf Englisch, damit es auch alle verstanden. „Ich habe schon einen ausgekugelten Arm und brauche nicht auch noch zusätzlich eine schiefe Schulter von dem vielen Draufgeklopfe. Ich muss hier noch etwas arbeiten.“
Jack kam gerade aus dem Behandlungsraum zurück und trug seinen rechten Arm notdürftig mit einer Schiene versorgt, auch in einer Schlinge.
„Na, das ist doch mal was“, stellte Sebastian lachend fest. „Wir gründen jetzt die U-Boot-Flotte der einarmigen Banditen. Also dann lasst uns mal abtauchen und sehen, ob wir den anderen helfen können.“
Die Matrosen der Fregatte halfen Sebastian aufs Deck des U-Boots und durch die Luke, die Jens kurz danach von innen verriegelte. Sebastian nahm vorsichtig den Arm aus der Schlinge, wobei die Schulter bei jeder Bewegung stark schmerzte, umfasste den Joystick fürs Ruder und machte langsame Fahrt. Jack flutete die Tanks und das U-Boot versank, vor den Augen der anderen Männer auf der Fregatte in die Tiefe. An der Wasseroberfläche blieb kurzzeitig, als letzter Gruß, das Blubbern der Luftblasen vom Ausblasen der Ballasttanks.
Gemeinsam lenkten Sebastian und Jack das U-Boot um die Ostspitze des Riffs, während Sebastian, Pitt und Jens geduldig die Steuerung des Bootes erklärte und worauf dabei besonders zu achten sei. Da die beiden, wenn sie das andere U-Boot heil vorfinden sollten und der Höhlengang noch intakt war, Jack und ihm beim Steuern helfen mussten. Jack schaltete die Unterwasserscheinwerfer ein, als sie mit dem Tauchboot tiefer gingen, und leuchtete die Riffwand ab. Die Männer waren entsetzt darüber, welche Zerstörung die Druckwelle bei den Korallen am Drop-Off angerichtet hatte. „Aber immer noch besser als wenn die Torpedos das ganze Riff, samt uns allen, zerfetzt hätten. Von den dann austretenden chemischen Kampfstoffen ganz zu schweigen“, meinte Sebastian ruhig, nachdem er in die Gesichter seiner Freunde gesehen und darin gelesen hatte. „Es wird zwar ein paar Jahre dauern, aber das Riff wird sich erholen.“ Sicher fand Sebastian den großen Eingang zur Höhle. Sie schauten sich die Felsstruktur im Licht des Scheinwerferkegels genau an und atmeten erleichtert auf, als sie keine Risse entdeckten. Trotzdem tasteten sie sich mit dem U-Boot nur langsam und vorsichtig hinein. Auf dem Grund entdeckten sie frische Bruchstücke, die aus der Höhlendecke stammen mussten. Jack bediente die Höhenruder und blies langsam die Ballasttanks aus. Sebastian lehnte sich weit nach vorn, um aus dem Bullauge vor sich nach oben sehen zu können. Dabei bediente er das Ruder mit Feingefühl, um beim Aufstieg nicht mit dem anderen U-Boot zu kollidieren. Millimetergenau tauchte er, neben ihm, an die Wasseroberfläche. Den Freunden bot sich ein Bild des Grauens. Viele der Männer waren durch den heftigen Steinschlag verletzt worden. Die Gefangenen hatten das wenigste, eigentlich fast gar nichts, abbekommen. Die Soldaten hatten sie wohl zuvor noch schnell in eine sichere Ecke der Höhle gebracht. Die wenigen unverletzten ägyptischen Marines waren gerade dabei, die letzten Kisten auf das Bergenetz, welches am Hubschrauber hing, zu stellen, während die leicht Verletzten die Gefangenen bewachten und sich einige von ihnen, um die schwerer Verletzten kümmerten. Sebastian blieb im U-Boot sitzen und schaute seinen Freunden nach, die bereits durch den kleinen Turm aus der Luke stiegen. Jack lief zum anderen U-Boot und überprüfte gewissenhaft, ob es Schaden genommen hatte. Dann kletterte er wieder an Deck und meldete laut, dass es einsatzbereit sei. Jens nickte ihm kurz zu und zog ein leistungsstarkes Handfunkgerät aus seiner Tasche, hielt es vor seinen Mund und betätigte die Sprechtaste. „Hier Bussard. An Fregatte 904 ‘Al Aziz’. Hamada, kannst du mich empfangen?“, fragte er auf Arabisch.
„Klar und deutlich Bussard. Wie sieht es bei euch aus?“
Wir können beide U-Boote nutzen. Es gibt sehr viele Verletzte. Ich schlage vor, diese in ein Boot zu packen und direkt zum Sanitätsschiff zu bringen. Die Gefangenen und den Rest der Truppe laden wir in die andere Büchse.
„Roger Bussard. Das Sanitätsschiff hat gerade neben uns festgemacht und ist zur Aufnahme weiterer Verletzter bereit, um dann sofort den Heimathafen anzulaufen. Unser Doc bekommt gerade Bescheid“, informierte der Kapitän der Fregatte. „Ach, und noch was. Oberstleutnant Kebier ist gerade wieder mit seinem Marineschnellboot eingetroffen und übernimmt die Fracht und die Gefangenen.“
Prima, das geht ja wie’s Brezelbacken bei euch“, lobte Jens fröhlich. „Hamada, noch eine Bitte. Kannst du dem Oberstleutnant etwas ausrichten?“
„Kleinen Moment, ich gebe ihn dir persönlich, er ist gerade hier“, antwortete der Kapitän der Fregatte, und kurz danach war die Stimme von Mahmud Kebier zu hören.
„Hallo Mahmud, hier ist dein liebster Freund“, rief Jens lachend in das Handfunkgerät. „Können wir mit dir einen fairen Handel machen?“
„Was wollt ihr Galgenvögel denn nun schon wieder von mir?“, fragte der ägyptische Oberstleutnant, ganz vorsichtig, dass Jens und Pitt lachen mussten.
„Na ja, wir bringen dir deine Männer wieder zurück und bekommen als Gegenleistung dafür von dir für uns alle einen wirklich starken, heißen Kaffee und so was richtig ordentlich, Herzhaftes zu essen. Uns hängt der Magen nämlich schon in den Kniekehlen“, sagte Jens und zwinkerte Pitt zu.
„Wenn das alles ist, dann würde ich vorschlagen, ihr beeilt euch etwas. Denn den Befehl, für alle etwas Deftiges zu kochen, habe ich schon vor einer Stunde gegeben und der Kaffee ist bereits am Verdunsten. Konnte ich denn ahnen, dass ihr sogar langsamer als mein Urgroßvater seid?“, gab Mahmud lachend zurück.
„Okay, dann sind wir sofort da und stürmen die Messe. Ich hoffe, du und die beiden Kapitäne, so wie die supergute Hubschrauberbesatzung, die uns den Arsch gerettet hat, leisten uns Gesellschaft. Das wäre uns persönlich eine große Ehre. Bussard Ende.“
„Es ist uns eine größere Ehre. Das kannst du mir glauben. Kebier Ende“, antwortete der Oberstleutnant erleichtert.
Jens steckte das Gerät an den Gürtel zurück und half mit, die Verwundeten aufs U-Boot zu bringen. Als alle in den beiden Booten waren, schauten sich Pitt und Jens noch einmal prüfend in der Höhle um, ob sie auch nichts vergessen oder liegengelassen hatten.
„Na ja. Besenrein ist die nicht gerade, aber wenigstens feinsäuberlich ausgeräumt“, stellte Pitt zufrieden fest und stieg dann bei Sebastian ins U-Boot, um ihm bei der Steuerung zu helfen. Schnell verriegelte er die Luke und drängte sich nach vorn, um neben seinem Freund Platz zunehmen. „Mach Betrieb, Sebi. Schmeiß den Riemen auf die Orgel. Wir werden zum Essen erwartet“, sagte er vergnügt, während er sich auf den Sitz fallen ließ.
„Ja, na cool. Ich warte ja auch nur noch auf dich. Hättest du vorhin besser aufgepasst, dann wüsstest du, dass ein Tauchboot nur dann tauchen kann, wenn jemand die Tanks flutet. Und das ist rein zufällig jetzt dein Job, da ich zurzeit nur den >Einarmigen Banditen< spielen kann“, knurrte Sebastian, dem der Schädel mörderisch brummte, aber nichts deshalb sagte.
„Ist ja schon gut. Brauchst nicht gleich rumzumotzen, Kleiner. Ich bin ja schon dabei und drücke das Knöpfchen für dich.“
Jack und Jens warteten noch eine Weile, nachdem das erste U-Boot verschwunden war. Dann tauchten auch sie ab und verschwanden aus der Höhle, die eigentlich keine mehr war.
Kaum waren Sebastian und Pitt aufgetaucht und längsseits zum Sanitätsschiff gegangen, hörten sie auch schon, wie Matrosen auf den stählernen Rumpf sprangen und das U-Boot festmachten. Noch ehe Pitt aufstehen konnte, wurde bereits die Luke von außen geöffnet und die Marines halfen den Verletzten nach draußen und aufs Schiff, wo sie sofort von Ärzten und Sanitätern in Empfang genommen wurden. Dann wurden die Leinen wieder gelöst und Sebastian steuerte das U-Boot über Wasser zur anderen Seite, wo das Marineschnellboot lag, und machte neben dem anderen Tauchboot fest. Pitt half seinem Freund bis zur Luke und kletterte schnell vor ihm aufs Deck, um ihm von oben aus zu helfen. Als Sebastian den Kopf aus der Öffnung steckte, schaute er wenig begeistert und blieb auf der Leiter stehen. Pitt rückte ein schmales, ziemlich stark federndes Brett zurecht und legte es so, dass sie von dem einen Deck zum anderen laufen konnten. Damit sie von da aus das Fallreep hoch auf das Marineschnellboot klettern konnten. Gerade als Pitt etwas sagen wollte, um seinen Freund wieder etwas zu ärgern, sah er, wie die Blicke von ihm unsicher, zwischen dem schmalen Brett und der Strickleiter, hin und her wanderten.
Er hatte einfach nicht mehr daran gedacht, dass sein Freund seine Prothese nicht trug und sein Arm, außer dass er ausgekugelt und zusätzlich verletzt war. Er hockte sich neben die Luke aufs Deck, genau vor seinen Freund, damit er weder den Steg noch die Strickleiter sehen konnte. „Sorry, Kumpel“, entschuldigte er sich verlegen. „Ich habe für einen Moment vergessen, dass dir heute etwas Wichtiges, nämlich dein Bein, fehlt. Es ist nur, weil man sonst absolut nichts davon merkt. Wollen wir zum Heck fahren? Da ist es für dich etwas leichter hochzusteigen“, schlug er vor.
Doch Sebastian schaute seinen Freund schräg von unten an und ein teuflisches Grinsen zog über sein Gesicht. „Nö, ich habe da ’ne bessere Idee.“ Dabei hörte er nicht auf zu grinsen. Nach einer kurzen Pause, die er zu genießen schien, sprach er weiter: „Du trägst mich Huckepack, Papi.“
„Sag, dass das nicht dein Ernst ist, Sebi!“, fragte Pitt unsicher und sah dabei in das immer noch grinsende Gesicht und die listig funkelnden Augen seines Freundes. „Es ist wirklich dein Ernst, stimmts?“, stellte er fest. Nun begann auch er zu lächeln. „Na gut. Du hast es so gewollt. Dann spring auf meinen Rücken, du halbe Portion. Wenn das Brett unter uns bricht, fallen wir beide. Da haben wenigstens unsere Leute da oben an der Reling auch was zu lachen.“
„Genau so sehe ich das auch. Also: No Risk, no Fun, mein Freund“, gab Sebastian zurück und sah Pitt weiter herausfordernd an.
„Okay, dann spring auf und wir sehen mal, wer über wen lachen kann.“ Pitt, half Sebastian nach oben auf Deck des U-Boots und hockte sich vor ihm hin. Sebastian schlang seinen gesunden Arm um den Hals und das Bein fest um die Hüfte seines Freundes, der ihn auf dem Rücken huckepack nahm und zusätzlich festhielt, während er sich aufrichtete. „Es wäre schön, wenn du mir nicht die Luft abdrücken würdest“, zischte Pitt leise mit hochrotem Kopf.
Sofort entschuldigte sich Sebastian dafür und legte seinen Arm etwas tiefer, um sich an seinem Freund festhalten zu können. Und schon lief Pitt los. Mitten auf dem dünnen Brett machte er halt und wippte darauf mit Absicht ordentlich, bevor er mit Sebastian auf dem Rücken weiter über das Deck des anderen Tauchbootes lief und dann die Strickleiter hinaufkletterte. „Nehmt mir bloß den Klammeraffen vom Kreuz, ehe er mich noch erwürgt“, rief er, oben angekommen, laut lachend, gegen den Lärm der Beifall klatschenden Männer ankämpfend. Er setzte Sebastian vorsichtig ab und flüsterte ihm zu: „Nun komme aber nicht noch auf die Idee, dass ich dich füttern soll. Das kannst du dir nämlich abschminken. Nur selber essen macht fett.“
„Na ja, nicht so schlimm, Papi. Da kann ich ja nun die Mami fragen“, sagte Sebastian und blinzelte Jens frech grinsend an. Nur die drei ägyptischen Matrosen sowie Tim, Jack und Adam, die mit ihnen in der unteren Höhle waren, bevor alles einstürzte, wussten, wie das alles zusammenhing und gemeint war. Sie hielten sich den Bauch vor Lachen.
Sie nahmen Sebastian in die Mitte und gingen gemeinsam zur Messe. Als sie sich auf die bequemen Stühle setzten und sich, müde und erschöpft, wie sie waren, anlehnen wollten, verzogen die meisten von ihnen ihre Gesichter vor Schmerzen und saßen die ganze Zeit über lieber steif und aufrecht da. Sie alle hatten auf ihren Körperrückseiten Blessuren und blaue Flecke von den heruntergekommenen, scharfkantigen Steinen und Korallenresten davongetragen, als sie mit ihren Körpern die Kisten schützten.
Einige trugen Verbände oder großflächige Pflaster, welche die zusätzlich im Kampf zugezogenen Wunden verbargen. Jeder der Männer in der Messe hatte sein Bestes gegeben.
Sie waren in nur wenigen Tagen, egal ob ägyptische Matrosen und Marinetaucher, US-Navy-SEALs oder deutsche Kampfschwimmer, zu einer Einheit, einem großen, starken Kollektiv von Freunden, zusammengewachsen.
Die Männer sprangen auf, als Oberstleutnant Kebier mit den beiden Kapitänen des Marineschnellbootes und der Fregatte sowie der Besatzung des Hubschraubers den großen Saal betrat. „Rühren. Weitermachen“, befahl der hohe Offizier sofort.
Die kleine Gruppe mischte sich mitten unter die einfachen Soldaten und freute sich, ebenso wie die anderen, auf das Essen, das in der beengten Kombüse des Marinebootes gezaubert worden war. Ein Raunen der Überraschung und des Staunens ging durch die Menge, als der Küchenchef mit seinen Smutjes mit großen, gefüllten Tabletts den Raum betrat. Sie hatten wahrlich ein Festessen zubereitet und wunderschön garniert. Und es duftete so gut, dass manch einem das Wasser schon im Munde zusammenlief.
Nach dem reichlichen Mahl wurde Kaffee serviert, so stark und aromatisch, wie ihn sich Jens gewünscht hatte. Einige bevorzugten aber stattdessen lieber Tee.
Später, zogen sich die Männer grüppchenweise, sich noch leise unterhaltend, zurück. William, der Afroamerikaner, war schon vollkommen übermüdet in einer Ecke eingeschlafen. Mahmud Kebier sorgte persönlich dafür, dass er von zwei seiner Männer in die Kajüte gebracht und ins Bett gelegt wurde. Tim, Jack und Adam folgten ihnen. Sie waren ebenfalls müde und erschöpft.
Am Ende saßen nur noch die drei Deutschen mit dem Oberstleutnant, den zwei Kapitänen und der ägyptischen Hubschrauberbesatzung in dem Raum und tranken noch eine Tasse des herrlich starken, würzigen Kaffees.
Jens bedankte sich auf Arabisch im Namen aller bei der Besatzung des Hubschraubers.
Die Männer erhoben und verbeugten sich kurz vor den drei Deutschen. „Es war uns eine große Ehre, helfen zu können und Sie kennenlernen zu dürfen“, sagte der Pilot und reichte den Männern die Hand.
„Auch uns war es eine große Ehre. Recht herzlichen Dank“, erwiderten die drei Freunde, als sich die Mannschaft verabschiedete. Auch Hamada, der Kapitän der Fregatte, verabschiedete sich wieder. Er musste mit seinem Schiff wieder raus auf Bereitschaftspatrouille.
„Und was machen wir nun?“, fragte Pitt müde. „Mit den beiden Tauchbooten am Hals haben wir ja wohl keine Chance, hier so schnell wegzukommen. Oder?“
„Ihr schlaft erst einmal ein paar Stunden“, bestimmte Mahmud. „Danach sehen wir weiter. Und für dich Jens und die anderen, stelle ich mit meinen Leuten eine Liste der Gefangenen zusammen, um die Arbeit etwas zu erleichtern. Denn so wie ich mitbekommen habe, ist es wohl noch nicht vorbei.“
„Danke für die Hilfe, Mahmud. Das weiß ich zu schätzen. Ich hoffe, dass es wenigstens hier in Ägypten vorbei ist. Aber du hast recht, es stinkt ganz gewaltig zum Himmel. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, woher der Gestank kommt und worum es geht“, antwortete Jens leise, seine Müdigkeit langsam spürend.
„Macht euch in die Kojen, Jungs, ihr habt seit über achtundvierzig Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Es wird Zeit, dass ihr euch etwas erholt, ehe ihr hier von den Stühlen kippt. Ich schicke euch dann noch den Schiffsarzt vorbei, damit er sich eure älteren und neuen Verletzungen anschaut. Ich sage ihm aber auch, dass er euch nicht wecken soll, wenn ihr schon schlafen solltet.“
Pitt nahm Sebastian an seine Seite und stützte ihn auf dem Weg zur Mannschaftskajüte, die sie sich mit den SEALs teilten, während Jens noch ein anderes Ziel verfolgte und etwas später nachkam.
Sie lagen noch gar nicht ganz in ihren Betten, da waren sie auch schon vor Erschöpfung eingeschlafen. Zwei der noch wachen amerikanischen Freunde, kletterten leise von den oberen Betten und deckten die Männer, die ihre ganz persönlichen Helden und Vorbilder geworden waren, fürsorglich mit einer dünnen Decke zu.
30
Keiner der Männer hatte bemerkt, dass der Arzt noch am späten Abend nach ihnen geschaut hatte. Doch als sie an dem anderen Morgen aufwachten, waren ihre Verbände erneuert und frische Sachen lagen auf den Stühlen neben den Betten. Sebastian hatte starke Kopfschmerzen. Er griff noch im Halbschlaf nach seiner Prothese, um sie anzulegen. Leise fluchte er, als er sich daran erinnerte, dass sie nicht mehr da war. Vorsichtig stellte er sich auf sein gesundes Bein und hüpfte in den kleinen Waschraum, wo er vor seinem eigenen Spiegelbild erschrak. Sofort riss er sich den dicken Kopfverband vom Schädel. „Kann mir mal einer von euch den Sanikasten bringen?“, rief er laut in den Raum. Sogleich waren die anderen hellwach. Pitt stürzte in den Waschraum, während William den Sanitätskasten von der Wand riss und hinterherlief.
„Was ist los, Sebi?“, fragte Pitt erschrocken. Er wollte gerade anfangen zu schimpfen, weil sein Freund sich einfach den Verband heruntergerissen hatte.
„Krieg dich wieder ein. Ich will nur paar lumpige Pflaster. Der Schiffsarzt hatte mir ’nen Verband wie ’nen Sturzhelm verpasst. Ich sah ja richtig bescheuert aus und gedrückt hat er außerdem wie verrückt. Also gebt mir endlich die Pflaster. Das reicht völlig.“
„Und warum schreist du deshalb so laut? Wir dachten schon, dir hat einer was abgebissen“, beschwerte sich Jens, der ebenfalls dazugekommen war, noch schlaftrunken.
„Weil ich keine Lust hatte, durch den Raum zu hüpfen wie ein einbeiniges Känguru. Wie wäre der?“ Sebastian war sichtlich gereizt. „Mensch, mir fehlt mein Bein.“ Und fügte leise hinzu: „Ich meine natürlich meine Prothese.“
„Hättest sie eben nicht für andere Zwecke missbrauchen sollen.“ Versuchte Pitt seinen Freund etwas aufzuziehen.
„Ha, ha! Witz, komm raus, du bist umzingelt. Könnte mich mal einer kitzeln, damit ich darüber lachen kann.“ Sebastian klebte sich ein Pflaster auf seine Stirn und betastete vorsichtig die Beule an seinem Hinterkopf.
„Aber weißt du Sebi, uns ist tausendmal lieber, dass wir dich jetzt hier stehen haben und nicht nur deine Beinprothese. Die ist ersetzbar, aber du oller Sturschädel, nicht“, meinte Pitt nun ernst und half ihm bei dem größeren Pflaster am Hinterkopf.
„Also los. Sehe zu, dass du bald fertig bist. Wir wollen frühstücken gehen. Kannst ja dann nachgehüpft kommen“, meinte Jens. Dabei zwinkerte er Pitt hinter Sebastians Rücken, heimlich zu.
Die SEALs verstanden nicht, wie die beiden Männer so hart zu ihrem Freund sein konnten, und wollten auf Sebastian warten, um ihm zu helfen, da er auch keine Krücken zur Verfügung hatte. Doch Pitt und Jens schoben und zogen die jungen Männer einfach mit sich aus der Kajüte und schlossen grinsend hinter ihnen die Tür.
„Wieso könnt ihr so fies zu Sebi sein?“, fragte David empört. „Immerhin haben wir ihm alle, wie wir hier stehen, zu verdanken, dass wir überhaupt aus der Höhle herausgekommen sind.“
„Halt, mein Freund, nicht so voreilig mit deinem Urteil. Warte es doch erst einmal ab“, sagte Jens etwas leiser und zeigte in Richtung Achterdeck. „Sieh mal, wer da schon steht und was sie unter ihrem Arm hält.“
„Das ist ja Kim, seine Frau, mit einer Prothese unter dem Arm“, stellte William erstaunt fest, als sähe er einen Geist.
„Richtig erkannt. Ich habe gestern nach dem Essen, nachdem ihr schon weg wart, noch mit der Hubschrauberbesatzung von der Fregatte, ihrem Vorgesetzten Kapitän Hamada und Oberstleutnant Kebier gesprochen und sie gebeten, ob es möglich wäre, Kim mit seiner Ersatzprothese, sozusagen als kleine Überraschung, einzufliegen.“
Jens und Pitt liefen auf Kim zu, gaben ihr einen lieben Kuss auf die Wange und führten sie vor die Tür der Gemeinschaftsunterkunft, wo nur noch Sebastian drin war.
„Los, Kinder, lasst uns endlich frühstücken gehen. Das, was jetzt hier passiert, ist nicht mehr jugendfrei“, sagte Pitt fröhlich, zwinkerte Kim noch einmal zu und drängte dann gemeinsam mit Jens die acht jungen SEALs den Gang Richtung Messe entlang, wo es schon nach frischem Kaffee duftete. „Glaubt mir, die beiden werden irgendwann auch kommen, weil sie der Hunger hertreibt, und sie werden beide grinsen wie Honigkuchenpferde.“
„Wenn wir nicht wüssten, dass ihr gut und gerne schon über die Fünfunddreißig hinaus seid, um es höflich zu umschreiben, und noch dazu hoch dekorierte Offiziere, dann könnte man meinen, ihr wärt elende Lausbuben“, sagte William und wurde gleich darauf verlegen, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gegenüber den deutschen Offizieren geäußert hatte.
Jens und Pitt sahen sich, wie es schien, stutzig an, bevor sie dann ernst und zugleich grüblerisch fragend den jungen Mann anblickten.
„Bist du sicher, dass wir schon so alt sind?“, fragte Jens, als zweifle er daran. „Das kann doch gar nicht sein.“ Er schaute hilfesuchend zu seinem Freund. „Pitt, nun sag doch auch mal was dazu.“
„Nö Jens, das kann eigentlich gar nicht sein“, gab Pitt völlig ernst zurück. „Das wäre das erste Mal, dass unsere Tarnung als alte Männer aufgeflogen ist.“
„Nein, ich glaube eher, es ist das dritte Mal“, rief Oberstleutnant Mahmud Kebier den beiden Freunden schon von weitem zu, als er sich von der anderen Seite der Messe näherte. „Soweit ich weiß, ist es auch schon dem Doc und mir aufgefallen, dass eure ‚Altherrentarnung‘ noch nicht einmal ansatzweise funktioniert. Sich Falten um die Augen zu schminken, reicht eben doch nicht aus. Was ich schon immer gesagt habe: Ihr bekommt es einfach nicht hin, auch die Reife und Würde des Alters richtig zu verkörpern. Ihr müsstet vielleicht doch noch mal Schauspielunterricht nehmen und fleißig weiter üben.“
Die verdattert dreinblickenden Gesichter der acht SEALs waren unbezahlbar. Mahmud, Pitt und Jens konnten sich dann doch nicht mehr beherrschen, ernst zu bleiben. Stattdessen sprudelte das Lachen lauthals aus ihnen hervor. Die jungen Männer brauchten eine kurze Weile, bis sie verstanden hatten, dass sie gerade ordentlich auf den Arm genommen wurden. Schließlich mussten sie auch lachen und betraten so die Messe.
Noch bevor die Matrosen aufstehen konnten, die sich bereits in der Messe befanden, um zu frühstücken, rief der Oberstleutnant auch schon: „Bleibt sitzen, Männer. Weitermachen.“ Er setzte sich mit den Freunden an einen freien Tisch und fragte: „Was meint ihr, wie lange werden wir den Kaffee für Kim und Sebi warmhalten müssen? Ich tippe auf mindestens zwanzig Minuten.“ Dabei grinste er die Freunde herausfordernd an. Pitt und Jens schauten auf ihre Armbanduhren.
„In spätestens fünf Minuten kreuzen die beiden hier auf“, meinte Jens wie nebenbei.
„Aber wirklich aller spätestens in fünf Minuten“, ergänzte Pitt, „Um was wollen wir wetten?“
„Gut, wetten wir“, sagte Mahmud siegessicher, „um ein Abendessen mit all unseren Freunden, wenn auch Anne und Andy wieder auf dem Damm sind.“
„Okay Mahmud, die Wette gilt. Da hast du ein verdammt schlechtes Geschäft gemacht“, antwortete Jens und reichte Mahmud die Hand.
„Das ist es mir aber auch wert.“ Der kleine ägyptische Oberstleutnant schlug in die Hand seines Freundes ein. „Außerdem werde ich gewinnen.“
„Ich dachte, Muslime dürfen nicht wetten“, flüsterte Adam Pitt hinter vorgehaltener Hand leise fragend zu.
„Mahmud ist kein gläubiger Muslim“, klärte Pitt die jungen Freunde auf. „Was aber nicht heißt, dass er nicht auch diesen Glauben achtet und vertritt. Er würde, so wie die meisten Ägypter auch, nie Schweinefleisch oder dessen Produkte anrühren. Ebenso würde er mit der bloßen linken Hand keine Speisen zu sich nehmen, da diese Hand als unrein und schmutzig gilt, oder dir gar seine nackten Fußsohlen zuwenden und dir so direkt zeigen, denn das ist unschicklich und beleidigend. Und das sind nur ein paar wenige Beispiele. Die Körpersprache nimmt hier einen wichtigen Platz ein. Dieses Land birgt viele Geheimnisse, und der Glaube hat auch das Leben der Nichtgläubigen beeinflusst und geprägt. Trotzdem sind diese Menschen hier sehr tolerant. Ich bin sogar der Meinung, dass sich unsere Kultur davon eine große Scheibe abschneiden sollte. Ich denke, auch ihr könntet hier noch sehr viel von diesem Menschenschlag lernen, so wie ich es noch immer tue, obwohl ich schon seit drei Jahren hier lebe. Mehr kannst du bestimmt von Sebi, Kim oder Anne erfahren. Sie leben schon ein paar Jahre länger hier. Oder aber von meiner Hatifa. Logisch, nur wenn es dich wirklich interessiert, denn hier wird niemandem etwas aufgezwungen.“
Nicht nur Adam hatte Pitt interessiert zugehört, sondern auch die anderen SEALs.
Als die Tür zur Messe aufging, schauten alle an dem Tisch neugierig hin. Jens drückte grinsend und demonstrativ auf die Stoppfunktion seiner Armbanduhr. „Vier Minuten einundvierzig Sekunden“, las er laut vom Ziffernblatt ab. „Mahmud, du hast wieder einmal verloren.“
Sebastian lief noch etwas leicht hinkend, mit seiner Frau Kim in Richtung des Tisches, wo ihre Freunde saßen. Die Männer im Raum schlugen, zur Begrüßung des Paares, welches sie gut kannten, mit den Fäusten auf die Tischplatten. Sebastian hielt seine Kim liebevoll im Arm, als er an den Tisch herantrat.
„Danke, Jungs. Jetzt fühle ich mich wieder als ganzer Mensch“, sagte er, am Tisch angekommen.
„Na, was haben wir versprochen? Beide grinsen wie Honigkuchenpferde.“ Wendete sich Jens an die SEALs und rückte etwas zur Seite, damit Sebastian und Kim noch zwei Stühle an den Tisch stellen und sich in die Runde setzen konnten.
„Ach Mensch, Kinder … Kim, Sebi. Hättet ihr nicht etwas später hereinkommen können?“
„Mahmud, sag jetzt nicht, dass du schon wieder gegen die Jungs gewettet und verloren hast“, brachte Kim lachend hervor. „Ich habe dich doch schon so oft vor diesen Schlitzohren gewarnt. Lass mich raten, es ging wieder um ein Essen.“
„Stimmt genau, Kim. Ich habe schon wieder gegen Jens verloren. Nur dieses Mal habe ich es sogar selbst vorgeschlagen. Etwas anderes hätte Jens als Wetteinsatz ja auch gar nicht akzeptiert. Ich weiß doch, wie sehr er unsere einheimische Küche liebt.“
„Ihr Männer seid unverbesserlich“, stellte sie fest und rückte nah an den Tisch.
„Wie geht es eigentlich deinem Kopf? Solltest du nicht eigentlich noch liegen? Und wie geht es Anne und Andy?“, wollte Pitt wissen. „Weißt du was Neues vom Doc?“
„Danke Pitt aber mir geht es schon wieder ganz gut. War ja nur eine leichte Gehirnerschütterung und die kleine Schramme am Kopf heilt ja auch gut. Abdul ist die ganze Zeit nicht einmal heimgekommen. Lieutenant Tom Cater und Lieutenant Junior Grade Max Simpsen spenden Blut, sobald sie wieder selbst genug produziert haben. Anne läuft durch die Blutwäsche. Der Doc vermutet, dass da noch irgendetwas anderes ist. Genaueres konnte er mir aber nicht sagen. Sie krampft wohl immer wieder unter starken Schmerzen. Deshalb hat er sie ins künstliche Koma versetzt. Andy ist operiert und wir müssen abwarten. Aber ihr kennt ihn ja selbst. Seit er wieder zu sich gekommen ist, weicht er nicht mehr von Annes Seite.“
„Und die Kinder? Wie verkraften es die Kinder?“, fragte nun Jens.
„Unsere Zwillinge, Franzi und Max, warten auf ihren Papi, und Anja fragt ständig nach ihren Eltern. Aber Walter und Erika haben das gut im Griff, auch wenn es ihnen schwerfällt, weil sie sich selbst große Sorgen um ihre Tochter und Andy machen“, antwortete Kim bedrückt. „Nach dem Frühstück mit euch, holen mich die Jungs vom ‚Sea King 3‘ schon wieder ab und bringen mich zum Palast zurück, bevor sie mit dem Hubschrauber zur Fregatte zurückmüssen. Und das Ganze passiert, bevor der Doc überhaupt merkt, dass ich ungehorsam war und einfach zu euch abgehauen bin.“
Jetzt sahen die Männer die Frau an ihrem Tisch doch etwas erschrocken an.
„Was? Du bist hier, obwohl dir Abdul noch Bettruhe verordnet hat?“, fragte Sebastian und wollte auch schon beginnen, ihr deswegen Vorwürfe zu machen.
Doch Kim sah ihren Mann nur mit böse funkelnden Augen an und fauchte leise durch die Zähne: „Sieh dich an und ziehe dir an der eigenen Nasenspitze, bevor du anfängst, mir Vorhaltungen zu machen. Also atme tief durch und halte dann lieber die Luft an.“
Während des Frühstücks vermieden die Freunde das Thema dann lieber und sprachen absichtlich nur noch über angenehme Dinge.
„Warum kommt ihr nicht gleich alle mit dem Hubschrauber mit heim?“, wollte Kim wissen, während sie sich nach dem Frühstück von den Freunden verabschiedete. „Da seid ihr doch viel schneller zurück, als jetzt hier mit dem Boot, was ja auch den Hafen ansteuern wird. Ihr seht alle ziemlich mitgenommen aus und gehört wohl auch kurz zur Behandlung ins Lazarett.“
„Du hast ja recht, Liebling. Glaube mir, wir würden gern mitkommen. Aber wir möchten jede Minute nutzen und haben noch eine Menge zu tun. Hier ist der Arzt auch nicht schlecht und tut für uns sein Bestes. Jens und die anderen brauchen noch unsere Unterstützung.“
Das verstand Kim. Sie kannte ihren Mann und seine Freunde nur zu gut und wusste, dass sie sich nicht mit halben Sachen zufriedengeben würden, nicht bevor sie einen sauberen Abschluss gefunden hätten.
Die Freunde brachten sie zum Achterdeck, wo kurze Zeit später der ‚Sikorsky S61‘ darüber auftauchte. Sie beobachteten, wie sich eines der Besatzungsmitglieder abseilte. Sebastian half dabei seiner Frau, den Sicherungsgurt umzulegen, und gab ihr noch einen Kuss. Dann schwebte Kim, zusammen mit dem Mann über dem Deck. Noch während sie mit der Winde an Bord des Hubschraubers gezogen wurden, flog er langsam in einer weiten Kurve, Richtung Hurghada davon.
Jens schlug vor, mit der Arbeit zu beginnen. Gemeinsam mit Mahmud Kebier gingen sie übers Zwischendeck in den Besprechungsraum, den der Kapitän für Oberstleutnant Kebier als Einsatzzentrale hatte einrichten lassen.
„Wow, Mahmud“, sagte Pitt angenehm überrascht, als er all die Technik sah, die an zwei Seiten aufgebaut worden war, „ihr habt hier ja wirklich an alles gedacht.“
„Ja, wir können von hier aus auch eine abhörsichere Satellitenverbindung nutzen. Und die Besatzung der ‚Sea King‘ hat uns mit Kim auch noch die Rechner dort mitgebracht. Sie sind bereits angeschlossen. Sie laufen auch über Satellit und sind videokonferenztauglich“, erklärte der Oberstleutnant etwas stolz. „Ich dachte mir, dass ihr das bestimmt gut brauchen könnt.“ Dann bat er die elf Freunde, auf den bequemen Stühlen am langen Tisch, der mitten im Raum stand, Platz zu nehmen. Er holte eine dicke Mappe von dem Schreibtisch und schob sie Jens zu, während er sich mit an den Tisch setzte.
„Damit haben wir eine Weile zutun. Aber bevor du anfängst, dir die Rosinen aus dem Kuchen zu picken, habe ich noch etwas anderes für euch“, sagte Mahmud Kebier und legte eine zweite Mappe, die er noch in der Hand gehalten hatte, auf die Tischplatte. „Wir haben uns noch in der Nacht, als ihr schon geschlafen habt, den Inhalt aller Kisten genauer angesehen, die jetzt sicher im Bauch dieses Schiffes schlummern. Während die Kisten, die wir aus der oberen Höhle haben, mit Dynamit, Semtex, C4 und TNT und Zündern bestückt sind, haben wir aber bei den anderen Kisten, die ihr mit hochgebracht habt, nicht schlecht gestaunt.“ Mahmud zog Fotoaufnahmen aus der Mappe und legte sie nebeneinander auf den Tisch, während er weitersprach. Die Männer schoben die Bilder von einem zum anderen, sodass jeder einen Blick darauf werfen konnte.
„Neben den vierzehn Kisten, die bis oben hin mit ‚VX‘ und ‚Tabun‘ gefüllt sind, haben wir in elf weiteren Kisten Laboreinrichtungen gefunden. Eine Kiste ist vollgestopft mit Dokumenten, welche die Herstellung von ‚Tabun‘ im Detail beschreiben, ebenso wie den Aufbau der Laboreinrichtung und weitere chemische Formeln für andere Nervengifte. Die letzten vier Kisten, die wir öffneten, ließen uns große Augen machen. Zwei enthalten fein säuberlich gebündelte Hundert- und Tausenddollarscheine. Wobei ich gerade bei den Tausendern eher davon ausgehe, dass es sich um Falschgeld handeln könnte. Es muss sich dabei um mehrere Millionen handeln. Die anderen beiden sind vollgestopft mit kleineren und größeren Eurobanknoten. Dabei fiel uns auf, dass diese Geldscheinbündel einzeln luftdicht verschweißt sind. Das lässt die Annahme zu, dass sie präpariert sein könnten. Womit auch immer. Ich habe es nicht zählen, sondern mit all dem anderen Zeug sicher verschließen lassen. Es stehen extra Wachen vor den Schotts!“, berichtete der ägyptische Oberstleutnant.
Jens nahm die Fotos, die den Inhalt der einzelnen Kisten zeigten, und brachte sie mit Magneten an der Tafel hinter sich an. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, drehte sich dem Whiteboard zu und fixierte seinen Blick auf die Bilder. Keiner im Raum traute sich, ein Wort zu sagen, während Jens so dasaß und angestrengt nachdachte. „Wer von euch ist in Verhörtechnik ausgebildet worden?“, fragte er nach einer Weile, sich an die acht jungen SEALs wendend.
„Unser Spezialist dafür ist eigentlich Lieutenant Tom Cater“, antwortete Tyler. „Aber, auch Robert und ich wurden dafür ausgebildet. Doch wir wurden dafür bisher noch nie eingesetzt, da der Lieutenant das meist selbst übernommen hatte.“
„Ihr wart aber schon mal mit dabei und kennt die einzelnen Taktiken, die Lieutenant Cater angewendet hat?“, wollte Pitt wissen. Die beiden Männer nickten und räumten ein, dass es aber bisher nur zwei Verhöre waren.
„Gut, Jungs“, entschied Jens. „Dann bekommt ihr nun die Chance, euch zu beweisen. Es sind zu viele und wir haben nicht die Zeit, dass Mahmud, Pitt, Sebi und ich das allein durchziehen. Ich schlage also vor, dass wir sechs Verhörteams zu je zwei Mann bilden. Wenn es bei euch dabei Probleme oder Fragen gibt, dann scheut euch nicht, einen von uns anzusprechen. Das ist besser, als wenn durch eine falsche Taktik am Ende nichts dabei herauskommt. Ist das klar?“
Tyler und Robert nickten und versprachen, sich daran zu halten. Sebastian wollte wissen, mit wem ihrer Leute sie gerne die beiden Teams bilden wollten. Tyler entschied sich für Brandon, weil sie auch in ihrer Gruppe ein Einsatzteam bildeten und sich damit am besten untereinander verstanden. Robert suchte aus gleichem Grund Tim als Partner aus.
„Okay, dann bilden Mahmud und William ein Team. Pitt und David, Sebi mit Jack, weil die sich schon im U-Boot gut beschnuppern konnten, und Adam wird mich unterstützen.“ Dann wandte sich Jens an den Ägypter: „Mahmud, habt ihr dafür, sechs Räume frei, die möglichst nahe beieinanderliegen, die wir dafür nutzen und auch mit der nötigen Aufzeichnungstechnik ausrüsten können?“
„Das dürfte schnell zu machen sein. Ich veranlasse sofort, dass für die Zeit kleinere Mannschaftsquartiere geräumt und von uns genutzt werden können. Zwei Räume stehen jetzt schon zur Verfügung und die vier anderen bekommen wir auch noch“, antwortete Mahmud und ließ sich mit dem Kapitän auf der Brücke verbinden. Kurz darauf nickte er Jens zu.
Wieder schaute sich Jens die Bilder an der Wandtafel an, dann öffnete er die dicke Mappe, die Mahmud ihm gleich zu Beginn zugeschoben hatte. Er musste mit seinen Leuten die ganze, restliche Nacht gearbeitet haben, um bereits von allen Gefangenen ein Bild und die ersten Daten zusammengetragen zu haben. Die Blätter, auf denen nur ein Foto, auf dem das Gesicht des jeweiligen Mannes zu sehen war, aber sonst nichts dabei stand, sortierte Jens gleich aus.
„Jungs, ich schlage vor, ihr macht alle eine Pause. Der Rest des Tages wird stressig genug. Seid in einer Stunde wieder hier. Ich denke, bis dahin bin ich so weit und wir besprechen gemeinsam die Einzelheiten und Ziele, bevor wir in die Schlacht ziehen“, sagte Jens, ohne dabei den Blick vom Inhalt der Mappe zu lassen.
Leise verließen die Freunde den Besprechungsraum. Mahmud Kebier steuerte der Brücke zu, während die anderen Männer in die Messe gingen, um dort noch einen Kaffee zu trinken.
„Was macht Jens jetzt eigentlich?“, wollte David von Pitt wissen.
„Er sieht sich jedes einzelne Blatt mit den Fotos genau an, die Mahmud ihm gegeben hat, liest sich die Daten durch, die schon zusammengetragen wurden, und erstellt danach die Personenprofile. Bei denen, die nicht so kooperativ waren, und deren Namen wir deshalb noch nicht einmal kennen, schaut er sich die Bilder besonders genau an. Frag mich nicht, wie er es macht, aber auch da bekommt er meist schon ein ungefähres Profil hin und baut darauf seine Verhörtaktik auf. Jens ist nicht nur bei uns berühmt für seine psychologischen Fähigkeiten bei der Verhörführung. Nicht umsonst hat eure Regierung ihn damit beauftragt und grünes Licht mit allen Befugnissen erteilt. Er hat sozusagen, den ‚Agent-007-Status‘ von allen drei betroffenen Regierungen erhalten“, erklärte Pitt lächelnd.
„Er ist der Beste und wir durften bei ihm lernen. Trotzdem bleibt Jens dabei unerreicht. Wir wissen nicht, wie er es macht, sich immer gleich die richtigen Kerle herauszupicken und die beste Taktik zu finden. Er meint immer, es wäre nur eine reine Gefühlssache, wenn wir ihn danach fragen. Man kann fast die Uhr danach stellen, wie lange er bei den verschiedenen Taktiken braucht, bis er mit dem, was er wissen wollte, aus dem Verhörraum zurückkommt. Haltet euch an das, was er euch nachher sagen wird. Ihr werdet sehen, dass ihr gut damit zurechtkommen werdet. Wir tun das auch, obwohl wir mit Verhören auch schon unsere eigenen Erfahrungen gesammelt haben. Aber wir haben hier keine Zeit für falschen Stolz, es selbst und mit anderen Methoden versuchen zu wollen. Dafür steht hier zu viel auf dem Spiel“, ermahnte Sebastian abschließend noch Tyler und Robert.
„Wenn ihr euch unsicher seid, so schaut lieber erst noch bei ein oder zwei Verhören zu. Keiner würde euch das übelnehmen. Im Gegenteil, wir sehen es als ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein“, ergänzte Pitt seinen Freund. „Schließlich wollen wir hier ein paar Bösewichte überführen, die sich zurzeit noch in Sicherheit wiegen und bestimmt schon neue Gräueltaten aushecken. Das, was da unten in den Kisten liegt, ist kein Spielzeug, sondern die Bauanleitung für eine illegale Massenvernichtungsfabrik, mit deren Produkten Verbrechen begangen werden sollten.“ Die acht amerikanischen SEALs hatten verstanden, was ihre deutschen Freunde da sagten, und waren sich der Tragweite ihrer Verantwortung bewusst.
Fortsetzung folgt
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