Mit Höchstgeschwindigkeit glitt die ‚Giftun‘ über die Wellenkämme. Der spitzzulaufende Bug teilte das Wasser und zeichnete weißschäumende breite Linien, die sich in hohen Wellen vom Marineschnellboot wegbewegten. Die vier Schrauben, angetrieben von vier starken Dieselmotoren, wirbelten achtern einen breiten Wellenberg auf, dessen Ausläufer noch einige Zeit weithin zu sehen waren.
Pitt wich nicht von der Seite seines Freundes. Er befeuchtete seine Lippen mit Wasser, kühlte seine heiße Stirn und tupfte ihm den Schweiß ab.
Es klopfte an der Kabinentür. Ein Matrose brachte eine weitere Flasche Wasser und für Pitt einen Becher frisch aufgebrühten Kaffee. Während Pitt dankbar ein paar Schlucke des heißen Getränks schlürfte, ließ er Sebastian nicht aus den Augen. Er achtete auf jede, noch so kleine Regung von ihm. Sobald er mal wieder aus seinem Dämmerzustand erwachte, nutzte Pitt es, um ihm etwas Wasser einzuflößen. Vorsichtig hob er dafür seinen Kopf an. Dabei bemerkte er, dass der Verband erneut von einer Art flüssig, gelblich-braunem Sekret durchnässt war. Pitt entschloss sich, den Verband zu erneuern. Als er die alte Kompresse entfernte, fiel ihm ein klitzekleiner, dunkler Fremdkörper darauf auf. Er legte die Mullkompresse beiseite und versorgte weiter die Wunde seines Freundes.
„Sebi?“, fragte Pitt, während er ihm noch etwas Wasser einflößte. „Wo genau hattest du dir die Beule geholt?“
„Erst an der Luke, die zuschlug, und gleich darauf, an der toten Riffwand wo es mich hingeschleudert hatte. Das habe ich doch schon erzählt“, antwortete Sebastian mit schwacher Stimme. Kurz darauf schlief er wieder ein.
Pitt rollte die Kompresse zusammen, steckte sie in eine kleine Plastiktüte und schob diese in seine Hosentasche.
Erleichtert stellte er fest, dass das Fieber seines Freundes etwas zurückgegangen war, was ihn aber nicht wirklich beruhigen konnte.
Plötzlich bemerkte Pitt, wie die Maschinen des ägyptischen Marineschnellbootes stoppten.
Sie konnten unmöglich bereits in Reichweite des Hubschraubers sein.
Das fehlt mir jetzt gerade noch. Nicht schon wieder diese Kerle, dachte er und schaute Sebastian besorgt an. „Sorry, Kleiner, aber du musst kurz ohne mich klarkommen. Also halte durch und kämpfe. Ich bin gleich zurück“, sagte er, und lief aus der Kajüte hoch zur Brücke.
„Was gibt es, Kapitän?“, fragte er, kaum dort angekommen, auf Arabisch.
„Der Hubschrauber kommt euch gleich holen. Sie haben ihn mit Extratanks ausgestattet, um seine Reichweite zu erhöhen, damit wir für Sebastian Zeit gewinnen“, berichtete der Kapitän der ‚Giftun‘.
„Klasse. Ich mache Sebi sofort fertig“, antwortete Pitt.
„Ich wünsche ihm viel Glück. Bis in ein paar Stunden. Ich kehre zum Verband zurück, sobald ihr runter seid.“
„Danke, Said!“, rief Pitt, während er schon auf dem Weg von der Brücke war.
Wieder bei seinem Freund, packte er ihn fest ein. Als der Hubschrauber im Anflug war, kamen vier Matrosen, um Sebastian aufs Deck zu tragen, und halfen dann mit dabei, ihn sicher in den Bergungskorb zu legen.
Die Sonne war gerade als großer, roter Feuerball im Osten über dem Meer aufgegangen und sandte ihre ersten heißen Strahlen aus. Doch dafür hatte in dem Moment keiner der Männer einen Blick.
Der ‚Sea Hawk‘ hielt sich trotz des heftigen Windes wie festgeschraubt über dem Deck des Schnellbootes. Ein Mitglied der Hubschrauberbesatzung ließ den Bergungskorb mit einer Winde nach unten.
Je tiefer der Hubschrauber dabei kam, desto stärker machte sich dabei der Bodeneffekt der sich in Schwebeposition befindlichen Rotorblätter bemerkbar. Der dabei entstandene Wind fauchte zusätzlich zu dem ohnehin kräftigen Wind über das Deck. Das Wasser ringsum wurde aufgepeitscht und Gischt fegte über das Deck hinweg.
Nachdem Sebastian gut festgeschnallt war, zog Pitt sein T-Shirt aus und legte es schützend über das Gesicht seines Freundes. Er befestigte es an den Seiten des Korbes, damit es nicht weggeweht werden konnte, bevor er sich selbst den Gurt umlegte. Dann gab er das Zeichen, dass sie hochgezogen werden konnten.
Er hielt sich an dem Gestell des Korbes fest und achtete darauf, dass dieser nirgends an den Bootsaufbauten anstoßen konnte. Zwei der Besatzungsmitglieder im Hubschrauber brachten zuerst den Bergungskorb mit dem Verletzten ins Innerer der Maschine, dann halfen sie dem Mann, mit freiem Oberkörper hinein.
Noch während die Tür geschlossen wurde, drehte der Pilot bereits zügig ab und nahm Kurs auf den Flugzeugträger. Die beiden Männer, die Pitt in die Maschine geholfen hatten, sahen nun seinen braun gebrannten, muskulösen Oberkörper mit den vielen Narben und den frischeren Verletzungen.
Sie reichten ihm die Sprechgarnitur, wobei sie zusätzlich auch an seinen Unterarmen verschmutzte Verbände und an den Oberarmen weitere Wunden sahen. Sein gesamter Rücken war großflächig tiefblau, rot und grün verfärbt, geschwollen und wies Schürfwunden, Kratzer und andere kleine Verletzungen auf, die gerade erst frisch verkrustet zu sein schienen. Erschrocken schauten sie sich kurz an und dann wieder zu dem Mann.
Pitt bemerkte das und stellte sich und seinen Freund vor.
„Sie sind Fregattenkapitän Pitt Dressler?“, fragte der eine Soldat ungläubig. „Und das ist Korvettenkapitän Sebastian Rothe?“, dabei zeigte er auf den fiebernden Mann im Bergungskorb.
„Ja, sagte ich doch gerade“, antwortete Pitt höflich auf Englisch. „Gibt es damit ein Problem?“
„Nein, Sir. Ganz und gar nicht. Wir wussten nur, dass wir einen Verletzten mit Begleiter von dem ägyptischen Boot holen sollten. Wir hätten aber nie gedacht, dass Sie das sind. Entschuldigen Sie bitte“, antwortete der andere Soldat. „Wir glaubten, es würde sich um Ägypter oder welche von unseren Leuten handeln. Aber dass Sie es sind, damit hätten wir nicht im Traum gerechnet.“
Pitt verstand sehr wohl, was der Mann meinte, aber stichelte doch in eine andere Richtung.
„Oh, Deutsche sind da hier wohl nicht so willkommen? Da sollten wir wohl lieber schnell bei nächster Gelegenheit aussteigen und aufs nächste Taxi warten?“
„Nein, Sir. Das meinten wir ganz bestimmt nicht. Nur hätten wir gerade mit ihnen nicht gerechnet.“
„Ach, Sie dachten wohl, wir stecken alles mit links weg, als wäre es nichts? Ja Jungs, da muss ich euch enttäuschen. Auch wir sind nur einfache Menschen und verwundbar“, sagte Pitt und lächelte die beiden Männer an. Dann konzentrierte er sich aber wieder auf Sebastian und gab ihm aus einer Flasche, die er mit in den Bergungskorb gelegt hatte, einen Schluck Wasser zu trinken.
Er nahm Sebastian die Decke ab, da es dem sichtlich darunter zu heiß wurde. Als die beiden Männer nun auch noch den verbundenen Beinstumpf sahen, erschraken sie sehr.
„Nein, nein, Jungs, nur keine Panik“, beruhigte Pitt die Männer, als er es bemerkte. „Das ist schon dreizehn Jahre her. Wir haben hier ein ganz anderes Problem. Also sagt eurem Piloten, er soll ordentlich Dampf machen.“
Auch auf dem Körper und den Armen des Schwerverletzten entdeckten die jungen Soldaten einige, verhältnismäßig frische Wunden.
„Sir, entschuldigen Sie bitte die Bemerkung. Aber sie sehen beide aus wie durch den Fleischwolf gedreht“, meinte der Pilot der Maschine, der neugierig geworden zu ihnen nach hinten schaute, und sich als Commander Willson vorstellte.
„Eure SEALs und viele ägyptische Marinetaucher und Matrosen sehen nicht besser aus. Diese Kerle, mit denen wir es zu tun haben, spritzen nicht gerade mit Wasserpistolen, und selbst wenn sie das täten, wäre da bestimmt kein Wasser drin. Zwei eurer SEALs sind schon seit Tagen mit der Blutspende für unsere Freundin in Beschlag genommen, so schwer wurde sie verletzt.“
„Sie meinen die Frau von Fregattenkapitän Andreas Wildner. Wir haben schon davon gehört. Eine sehr mutige Frau, ebenso wie die Frau von Korvettenkapitän Rothe“, antwortete der Pilot. „Sir, in einer Stunde sind wir da.“
Pitt nickte verstehend und fragte dann: „Können Sie mir die ‚Sinai‘ auf einer abhörsicheren Leitung geben?“
„Ja, Sir“, meldete sich der Co-Pilot. „Ich bin schon dabei.“ Und wenig später: „Sie können sprechen, Sir.“
Pitt bedankte sich und hörte kurz darauf den ersten Offizier der ‚Sinai‘. Er meldete sich auf Arabisch und berichtete ihm, dass sie bereits in der Luft waren und das Fieber von Sebastian nur langsam sank. Er bat darum, es den anderen auszurichten, damit sie sich keine weiteren Sorgen machten. Dann fragt er, ob im Verband alles in Ordnung sei, und lauschte dem Bericht des Ersten Offiziers. Kurz darauf beendete er das Gespräch und bat den Co-Piloten, wieder auf Englisch, die Verbindung zu trennen.
Pitt schaute auf seine Uhr und stellte fest, dass es Zeit für eine erneute Injektion für seinen Freund wurde. Er griff in die Tasche, die er neben Sebastian im Korb deponiert hatte. „Commander Willson, könnten Sie mal ihre Mühle etwas ruhiger halten?“, bat er. „Ich habe hier kurz was zu erledigen.“
„Roger“, antwortete der Pilot und schaute neugierig über seine Schulter nach hinten.
Pitt zog geübt eine Spritze auf und verabreichte Sebastian das Antibiotikum, welches ihm der Schiffsarzt mitgegeben hatte. Als er bemerkte, dass Sebastian stark zu krampfen begann und sein Gesicht sich schmerzlich verzog, holte Pitt sein Notpack aus der Gürteltasche und zog zwei Ballonspritzen daraus hervor, eine mit rotem Spritzenball und die andere mit weiß-grün gestreiftem Ballonkörper. Beide zeigte er seinem Freund. Als der schwach nickte, wusste Pitt Bescheid. „Scheiße. Du Rindvieh, hättest du nicht eher was davon sagen können? Jetzt wird’s verdammt eng, mein Alter. Beiß die Zähne zusammen und halt einfach durch“, murmelte er leise, eigentlich nur für Sebastian bestimmt. Aber die Männer hörten es über ihre Sprechgarnituren mit.
Pitt stach die beiden Nadeln gleichzeitig in den Oberschenkel seines Freundes und drückte den Inhalt der Ballons nur langsam aus. Die Besatzung des Hubschraubers wusste, was in der roten Ballonspritze war, und der Pilot versuchte, noch etwas mehr aus seiner Maschine herauszuholen.
„Sir, Sie haben ihm neben Morphin auch ein anderes Mittel gegeben. Das kennen wir nicht. Was war das?“, fragte der Commander.
„Das war ein neues Breitbandserum gegen einen Nervenkampfstoff“, antwortete Pitt kurz.
„Ist etwa doch welches von dem Zeug ausgetreten?“, wollte der Co-Pilot wissen.
„Nein. Das gerade war eine Vorsichtsmaßnahme gegen ein fieses Nervengift, das den Körper unter unmenschlichen Schmerzen und Krämpfen, innerlich zu verbrennen scheint. Das ist uns vor drei Jahren das erste Mal untergekommen. Unser Labor hat daraufhin dieses Gegenmittel entwickelt. Es hat aber auch eine gewisse abschwächende Wirkung gegen andere gefährliche Gifte. Allerdings lässt das Mittelchen bei diesem speziellen Nervengift noch zu wünschen übrig. Es tut noch nicht einmal zu sechzig Prozent von dem, was es eigentlich tun sollte“, erklärte Pitt kurz. „Also gebt der Mühle noch mehr Speed. Lange hält das Mittelchen nämlich nicht vor“, sagte er. Dabei kümmerte er sich weiter um seinen Freund und gab ihm etwas von dem Wasser zu trinken. Sebastian schloss wieder die Augen und sein Kopf wurde in Pitts Arm schwer.
Endlich landete der Hubschrauber weich auf dem Flugzeugträger. Die Sanitäter standen schon mit einer Krankentrage bereit, um den Patienten schnell zu übernehmen. Pitt blieb die gesamte Zeit bei ihm und lief gemeinsam mit den Männern zum Aufzug. Damit gelangten sie schnell zum Krankenhaustrakt, wo bereits die Ärzte warteten.
Pitt berichtete den Medizinern, unter welchen Umständen sich Sebastian die Verletzung vor etwas mehr als fünfzig Stunden zugezogen hatte, und zählte in zeitlicher Reihenfolge die Symptome auf, die seit der letzten Nacht aufgetreten waren. Ebenso informierte er sie darüber, wie sie diese bisher behandelt hatten.
Zuletzt zog er die Plastiktüte mit der Kompresse aus seiner Hosentasche. „Hier, das habe ich beim letzten Verbandswechsel entdeckt. Es muss aus der Wunde stammen“, sagte Pitt und reichte die Tüte einem der Ärzte, der sofort damit in eine andere Richtung davonlief.
Der Kapitän war persönlich in die Notaufnahme des Krankenhaustraktes gekommen, um sich nach den Schwerverletzten zu erkundigen. Der Mann ging zielstrebig auf den Anmeldetresen des Krankentraktes zu, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die Falten seiner Hose waren ebenso scharf wie die Spitzen seiner goldenen Sterne auf den Schulterstücken seines kurzärmlichen Uniformhemdes. Durchdringend braune Augen strahlten Selbstbewusstsein aus. Sein graues Haar war militärisch kurz gehalten. Er schien mit seiner Anwesenheit den gesamten Raum auszufüllen.
Sofort sprang Pitt, der zuvor noch erschöpft auf einem Stuhl gesessen hatte, auf. Er machte eine kurze Ehrenbezeugung und stellte sich dann vor. Der Mann schaute sich den groß gewachsenen, kräftigen Mann, der mit freiem Oberkörper, verbundenen Unterarmen, zerrissenen Hosen, die von Blutflecken getränkt waren, unrasiert und barfuß vor ihm stand, genau an.
„Willkommen auf meinem Schiff, Fregattenkapitän Dressler. Ich bin Captain Eric Greenman“, sagte der Kapitän dann und streckte dem Mann seine Hand entgegen, die Pitt ergriff und fest drückte.
„Oh, entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug, Captain Greenman. Aber ich bin seit einigen Tagen nicht mehr an meinen Kleiderschrank herangekommen und die Sachen von unseren ägyptischen Freunden auf dem Marineboot waren mir einfach zu klein. Und wirklich Zeit für eine ordentliche Rasur blieb, zu meinem Leidwesen, auch nicht“, erklärte Pitt, nachdem er den abschätzigen Blick von Greenman bemerkt hatte. Dabei schaute er ihn aber lächelnd aus seinen müden Augen an.
„Dem kann Abhilfe geschaffen werden. Kommen Sie doch bitte mit mir mit, Fregattenkapitän“, sagte Greenman. „Ich versichere Ihnen, Ihr Freund ist hier in den besten Händen“, fügte er hinzu, als er sah, wie sich der Mann besorgt nach Sebastian umsah. Er begleitete Pitt höchstpersönlich in die Kleiderkammer, obwohl er das auch einem seiner Unterstellten hätte übertragen können. Er reichte ihm ein Bündel Sachen aus einem der Regale, bei denen er davon ausging, dass sie dem Mann passen dürften. Pitt entschuldigte sich dafür, weil er sich gleich eines der T-Shirts überziehen wollte, bevor er sich etwas waschen und frisch machen konnte. Dabei wandte er dem Captain den Rücken zu, als er den Sachenstapel dafür auf eine Bank legte.
„Fregattenkapitän Dressler, ich glaube, Sie sehen so aus, als würden Sie selbst auch ärztliche Hilfe benötigen“, meinte Greenman, als er den Rücken des Mannes sah. „Diese Wunden sehen nicht gut aus. Und wenn ich fragen darf: Woher stammen die vielen Narben?“
Pitt erzählte dem Kapitän, dass er sich diese Narben zugezogen hatte, als vor drei Jahren ein Sprengsatz, in einem Boot, in dem er noch stand, explodiert war, und einige andere des Sammelsuriums von weiteren Einsätzen stammten. Dann sah der Kapitän den durchbluteten Verband an Pitts Oberschenkel, als er schnell seine Hose wechselte. Aber er schwieg dazu.
„Meine Männer haben für Sie eine Kabine bereitgestellt. Dort können Sie sich frisch machen und sich etwas erholen.“
„Danke, Sir. Aber dafür habe ich später noch Zeit. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich Sie darum bitten, dass ich Verbindung mit dem ägyptischen Marinekonvoi aufnehmen kann. Ich habe keine Ruhe, bevor das Zeug darauf nicht wirklich sicher ist. Noch stehen wir auf der Abschussliste, der Kerle, ganz oben an erster Stelle.“
Das verstand Captain Greenman und nickte Pitt anerkennend zu. Gemeinsam machten sich beide auf den Weg zur Brücke. Unterwegs hielt der Kapitän einen der Matrosen an und gab ihm ein paar kurze Befehle. Sofort lief der Mann daraufhin los.
Als der Captain Greenman Pitt immer wieder mit der vollen Dienstrangbezeichnung ansprach, wurde es Pitt langsam zu viel.
„Captain Greenman, Sir. Bitte entschuldigen Sie. Aber diese lange Rangbezeichnung bin ich gar nicht mehr gewohnt. Denn ich bin nun schon seit drei Jahren aus dem aktiven Dienst, und nur noch Reservist. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich einfach nur bei meinem Namen oder, noch besser, bei meinem Vornamen nennen würden, so wie es die meisten tun. Ich heiße Pitt, einfach nur Pitt, Sir.“ Das selbstsichere Auftreten und trotzdem diese Lockerheit des Deutschen, ohne dabei hochnäsig zu wirken, imponierten dem amerikanischen Kapitän und er lächelte ihm zu.
„Gut, Mister Pitt. Mein Name ist Eric Greenman“, sagte er und bot damit Pitt an, auch ihn nur beim Namen nennen zu dürfen. „Nur entschuldigen Sie, wenn ich Sie meinen Männern auf der Brücke trotzdem mit ihrem vollständigen Dienstrang vorstellen werde.“
„Wenn sich das nicht vermeiden lässt, dann muss es wohl so sein“, meinte Pitt.
„Es muss sein, Mister Pitt. Ich will, dass sie wissen, mit wem sie es zu tun haben“, antwortete der Kapitän lächelnd, und legte dabei seine Hand freundschaftlich auf Pitts Schulter, als er ihn durch die offene Tür der riesigen Kommandobrücke schob.
„Captain betritt die Brücke!“, rief einer der Offiziere, als er ihn mit dem groß gewachsenen, breitschultrigen, ungepflegt aussehenden Mann kommen sah.
„Weitermachen, Männer“, sagte der Kapitän. „Wenn ich vorstellen darf: Das ist Fregattenkapitän der Reserve Pitt Dressler. Er ist, ebenso wie seine deutschen Kameraden, mit Sondervollmachten vom Pentagon ausgestattet. Er wird, so wie die anderen, die noch auf dem Weg hier her sind, eine Weile unser Gast sein. Ich möchte, dass sie ihn seinem Rang entsprechend auch mit dem gebührenden Respekt behandeln.“ Die Männer auf der Brücke sahen sich verwundert an.
„Sir, bei allem Respekt, aber darauf hätten Sie uns nicht extra hinweisen brauchen. Es ist uns eine große Ehre, Fregattenkapitän Dressler persönlich kennenlernen zu dürfen“, sagte der Erste Offizier.
„Gut, Oberleutnant Miller, dann stellen Sie für unseren Gast doch gleich einmal eine abhörsichere Verbindung zum ägyptischen Marineschnellboot ‚Sinai‘ her“, sagte der Kapitän zufrieden und bot Pitt seinen Platz an. Etwas unsicher ging Pitt auf den Stuhl zu, wollte sich dann aber doch lieber auf einen Stuhl, neben dem Kapitänssessel setzen.
Doch Eric Greenman zog Pitt zu sich. „Mister Pitt, keiner dieser Männer hier würde es jemals ablehnen, wenn ich einem von ihnen dieses Privileg anbieten würde. Also tun sie es auch nicht“, sagte er laut und drückte Pitt in den Sessel. Dabei lächelten ihn alle auf der Brücke zu und nickten zustimmend.
„Die Verbindung steht“, meldete sich Miller. „Sie können sprechen, Sir.“
Pitt bedankte sich beim Ersten Offizier und meldete sich dann auf Arabisch. Er begrüßte Kapitän Sayed Khairat und bat ihn darum, Oberstleutnant Kebier und Jens auf die Brücke zu holen. Als sich der Oberstleutnant meldete, sprach Pitt, damit die Männer auf der Brücke des Flugzeugträgers mithören und verstehen konnten, auf Englisch weiter. „Mahmud, Jens, wir sind gut auf dem Träger angekommen. Wie sieht es bei Euch aus? Sayed berichtete mir eben, dass ihr einen weiteren Kontakt mit den Kerlen hattet.“
„Ja Pitt, aber wir hatten wieder Glück. Sie haben uns nicht für voll genommen. Das hoffen wir zumindest“, erklärte Jens. „Und wie geht es unserem kleinen Scheißer?“, fragte er dann, was allen auf der Brücke ein kleines Schmunzeln ins Gesicht trieb.
„Er ist in guten Händen“, versicherte mir der Cap. Sie haben mich nicht Händchenhalten lassen“, gab Pitt zurück, doch dann wurde er ernst. „Ich weiß nicht genau, aber als ich Sebis Wunde neu verbunden habe, ist mir da was in der Kompresse aufgefallen. Ich könnte mich irren, aber es sah nach Überresten einer von solchen Giftkapseln aus, wie sie schon mal an Harpunengeschossen verwendet wurden. Sebis, erst auf dem Flug aufgetretenen, neuen Symptome würden auch dazu passen. Nur ist mir unklar, wieso die Wirkung erst so spät aufgetreten ist. Bei Andy war die Wirkung damals zwar auch verzögert, aber nur um ein paar Minuten und nicht um so viele Stunden wie jetzt hier bei Sebi. Außerdem beunruhigt mich, dass er es sich vielleicht an dem Lukendeckel oder an der Felswand eingefangen haben könnte. Der Arzt soll vorsichtshalber Jack auf diese Symptome untersuchen. Vielleicht hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Aber ich habe dabei so ein ungutes Gefühl. Nicht dass es da eine Art Sicherheitsvorkehrung in den Tauchbooten gab. Ich meine, dass die Jungs es beim schnellen Ausstieg vielleicht nur nicht mitbekommen haben. Ich kann mir nicht helfen, aber das spukt mir schon die ganze Zeit durch den Kopf, seit es Sebi so erwischt hat.“
„Danke Pitt, das war ein guter Tipp. Wir haben Jack nämlich wirklich schon auf der Krankenstation liegen und wussten mit den ersten Symptomen nichts anzufangen. Aber du kannst recht haben. Ich bin schon weg“, gab Jens zurück.
„Halt, Boss, warte. Nimm das Serum aus Sebis Gurt. Der müsste noch bei seinen Klamotten liegen“, sagte Pitt nach einer kurzen Pause, weil es ihm eben erst wieder eingefallen war.
Wenig später hörte er die Stimme von Kapitän Sayed Khairat: „Jens ist schon raus, aber ich habe ihm einen meiner Männer nachgeschickt. Gerade sehen wir die ‚Giftun‘ zurückkommen. Wenn nichts mehr dazwischenkommt, werden wir den Rendezvouspunkt am frühen Abend erreichen.“
„Gut, Sayed. Aber wenn irgendetwas bei euch nicht stimmt, dann meldet euch bitte hier. Vielleicht können wir von hier aus schon etwas tun“, sagte Pitt und beendete die Verbindung. Er schaute dabei sehr ernst und besorgt aus. „Ich habe kein gutes Gefühl dabei, dass sie wieder nur passiert wurden. Es war bereits hell draußen. Die Kerle müssten doch gesehen haben, dass es sich um den ägyptischen Schiffsverband handelt, auf dem die ‚Sinai‘ noch immer ihre Fracht und ihre Leute an Bord hat. Da stinkt was ganz gewaltig gegen den Wind, denn blind sind die Kerle bestimmt nicht. Die brüten was aus. Ich glaube kaum, dass sie ruhig zusehen werden, wie wir uns mit euch hier treffen wollen“, überlegte Pitt laut. Er verzog nur kurz das Gesicht vor Schmerz, als er sich mit dem Rücken im Sessel zurücklehnte. Doch Eric Greenman hatte es bemerkt.
„Dieser Jack, von dem Sie gesprochen haben, ist das ein Mann von euch?“, fragte er.
„Wie man es nimmt“, antwortete Pitt. „Er ist wie die anderen auch, ein guter Freund geworden. Aber eigentlich ist es einer von euren SEALs. Keiner von ihnen hat in den vergangenen vier Tagen viel Schlaf abbekommen. Es sind wirklich ein paar hervorragende Männer, die mit uns an ihre Grenzen gegangen sind. Ihr könnt sehr stolz auf sie sein.“
„Und wenn ich Sie ansehe, glaube ich, Sie hatten noch weniger Schlaf. Liege ich da richtig?“, fragte Greenman.
„Na ja, Sir, unser Einsatz hat etwas eher begonnen und die hohe Stickstoffsättigung durch zu lange, zu tiefe Tauchgänge und Kämpfe hat das Übrige getan. Da ist der Schlafentzug schon etwas zu spüren. Aber ohne diese Männer wären wir sicher nicht so weit gekommen, wie wir jetzt schon sind. Ich hoffe, dass sie es alle schaffen und es keine weiteren Verluste mehr gibt.“
Ein Matrose betrat die Brücke und brachte ein Tablett mit heißem Kaffee. Eric reichte Pitt eine der Tassen und stellte sich mit seiner eigenen neben ihn. Er überlegte kurz, dann gab er dem Geschwaderführer, für eine kleine Staffel von ‚F-14 Tomcat‘ den Einsatzbefehl zur Luftunterstützung, für den kleinen ägyptischen Marineverband.
Beeindruckt beobachtete Pitt von der Brücke aus den Start der fünf Tomcats und verfolgte gespannt die Funkgespräche mit, als er plötzlich die Stimme von Jens hörte, der den Flugzeugträger rief und Pitt verlangte.
Als Pitt sich meldete, berichtete Jens kurz, dass sie bei Jack einen winzig kleinen Einstich in der rechten Handfläche entdeckt hatten, mit der er, nach seiner Aussage, die äußere Druckschleuse geöffnet hatte. Und dass sie leider nur noch zwei Ballonspritzen in Sebis Pack gefunden hätten, aber diese nicht ausreichend wären.
„Scheiße, die haben die Konzentration von dem Zeug verstärkt!“, schrie Pitt plötzlich und sprang aus dem Sessel auf. „Ich habe hier noch ein ganzes Pack, aber habe Sebi auch nur eine Dosis verabreicht.“ Sofort wandte er sich an den Kapitän. „Besteht die Möglichkeit, dass eines ihrer Jäger starten und das Medikament über den Verband abwerfen kann, sodass sie es schnell auffischen können? Es ist eine absolute Zeitfrage und geht um Leben und Tod.“ Captain Greenman nickte ihm zustimmend zu. Woraufhin Pitt wieder in das Mikrofon sprach: „Bussard, euch erreicht gleich eine Staffel F-14 zu eurem Schutz. Aber wir schicken gleich noch einen Jäger mit dem Serum hinterher. Also achtet auf ihn. Er wird das Zeug für Jack abwerfen. Waldkauz Ende.“
Der Geschwaderführer gab sofort den Befehl, eine weitere Maschine startklar zu machen.
„Wo haben sie das Serum?“
„Bei den Sachen meines Freundes, in der Tasche.“
„Kommen Sie, Pitt. Sehen wir zu, dass wir den beiden Männern helfen können“, sagte Eric Greenman und lief auch schon los. Gemeinsam rannten sie den Gang entlang zum Fahrstuhl. In der Notaufnahme angekommen, setzte Pitt seinem Freund sofort eine weitere Injektion in die Armbeuge. Dann übergab er nach kurzer Erklärung drei der Ballonspritzen und bat den Arzt, nach kleinen Einstichstellen an Sebastians Händen zu suchen. Er schnappte sich die restlichen fünf Injektionsspritzen und die beiden Männer verpackten sie gemeinsam zu einem wasserdichten Päckchen. Schnell liefen sie auf das Flugdeck, wo bereits die Maschine startklar dastand und der Pilot gerade einsteigen wollte. Ein Soldat vom Deckpersonal kam ihnen hinterhergelaufen und reichte dem Kapitän ein kleines, graues Paket. Während sie weiterliefen, verbanden sie dieses mit ihrem Päckchen. Neben ihnen hielt ein offener Wagen und brachte sie zu der Maschine. Pitt übergab dem Piloten das Paket und wünschte guten Flug und viel Glück. Hinter dem Strahlabweiser hockend, beobachteten sie den Start der ‚Boeing F/A-18E Super Hornet‘ und sahen ihr noch eine Weile nach.
„So, und nun zu ihnen, Pitt“, sagte Captain Greenman streng. „Ich bestehe darauf, dass sie sich in unserem kleinen Krankenhaus an ihrem Bein behandeln lassen. Den Rücken werden sich unsere Ärzte auch mit ansehen müssen, ehe sie mir noch mehr Shirts und Hosen, durchbluten. Das ist schließlich Eigentum der US Navy“, sagte er, den letzten Satz nicht so ernst meinend. Dabei zeigte er auf den Rücken des Deutschen und grinste ihn an. Pitt zog sich das Shirt über den Kopf und sah die Blutflecke.
„Entschuldigen Sie, Sir“, sagte Pitt und schmunzelte den Kapitän verschmitzt an. „Habe ich gar nicht bemerkt. Sind eigentlich doch alte Wehwehchen.“
„Aber ja doch, das sieht man ganz deutlich. ... Verscheißern Sie keinen Captain der US-Navy. Diese Wunden sind nicht älter als achtundvierzig Stunden und wieder aufgebrochen. Ich halte jede Wette, dass die Verletzung am Bein auch nicht älter ist. Aber sie versauen damit gerade ihre Hose“, meinte Eric Greenman und legte Pitt seine Hand auf die Schulter. „Und damit sie nicht türmen können, begleite ich Sie höchstpersönlich zu den Ärzten. Danach bringt Sie einer meiner Männer in Ihr Quartier, damit Sie sich etwas ausruhen können“, erklärte der Kapitän. „Die frischen Sachen sind bereits dort. Jetzt schauen Sie doch nicht wie ein Laubfrosch aus der Mausefalle. Ich verspreche Ihnen, Sie sofort holen zu lassen, wenn es irgendetwas Neues geben sollte. Nun steigen Sie schon ein, oder meinen Sie, ich lege noch einmal so einen Wettlauf mit Ihnen übers Flugdeck hin? Den würde ich nicht mehr überstehen“, meinte der Kapitän, während er Pitt zu dem bereitstehenden, offenen Jeep schob. „Ich kann schon froh sein, dass ich mich, trotz dass Sie ein verletztes Bein haben, so halbwegs neben Ihnen gehalten habe. Sonst wäre ich zum Gespött meiner Männer geworden und hätte bei ihnen verspielt“, knurrte er mit ernster Stimme, doch zwinkerte Pitt dann lächelnd zu. Noch darüber lachend stiegen die beiden in den Wagen, der sie über das Flugfeld zurück zum Fahrstuhl brachte.
Doch bevor Pitt die Behandlung seiner Wunden zuließ, fragte er nach dem Gesundheitszustand seines Freundes, der weiterhin intensiv behandelt wurde. Er wollte alles ganz genau wissen.
Einer der Ärzte bestätigte, gleich mehrere kleine Einstichwunden in den Handflächen des Verletzten gefunden zu haben.
„Aber was war es dann, was ich ihnen auf der Kompresse mitgebracht habe, wenn das Gift doch wahrscheinlich durch die Handfläche eingedrungen ist?“, fragte Pitt verwirrt.
„Ihr Freund scheint ein Jäger und Sammler von sehr ausgewählten Giften zu sein“, antwortete der Arzt lächelnd. „Wir haben das kleine Stück untersuchen lassen, es stammt von dem Stachel einer Dornenkrone. Außerdem fanden wir in der Wunde noch so etwas wie ein winziges, kleines, sich schnell auflösendes Sekret. Wir wissen nicht genau, ob das vielleicht eines der Giftdrüsen des Stachels oder eine dieser von Ihnen beschriebenen Kapseln war. Ein Wunder, dass er das so lange mit dem Schmerz ausgehalten hat, ohne sich etwas davon anmerken zu lassen. Es kann aber ebenso gut sein, dass der Stachel in die schon offene Wunde, die er sich am Lukendeckel geschlagen hatte, wie Sie sagten, eingedrungen ist, ohne das Gift freizusetzen, da der Widerstand dafür zu gering war. Vielleicht passierte es erst, als das Eiter in der Wunde darauf Druck ausübte und die winzige Giftdrüse in dem Stachelschalenstück dadurch ausgedrückt wurde. Vielleicht deshalb die späte Reaktion. Dazu kommen die Sepsis durch die Wunde, und das Nervengift, welches uns bis jetzt unbekannt war. Sprich, Ihr Freund sammelte einen richtigen Giftcocktail in seinem Körper zusammen. Wir führen gerade eine Blutwäsche durch und versorgen die Kopfwunde, um eine weitere Sepsis zu verhindern.“
„Und bekommen Sie das in den Griff? Seine Frau und seine beiden Kinder, wie auch wir brauchen ihn noch.“
„Wir geben uns alle Mühe. Dank Ihrer Hilfe, sieht das auch recht gut aus. Doch versprechen kann ich noch nichts“, antwortete der Arzt ehrlich. „Aber kann sich nun mein Kollege auch endlich mal um Sie kümmern?“ Pitt nickte und setzte sich bereitwillig auf die Behandlungsliege.
Der Kapitän schüttelte nur mit dem Kopf, dann verabschiedete er sich erst einmal von dem Deutschen, da er zurück auf die Brücke musste.
Nachdem Pitts’ wieder aufgebrochene Verletzungen auf dem Rücken sowie die Wunde vom Streifschuss am Oberschenkel versorgt und die Bandagen an seinen Unterarmen erneuert waren, begleitete ihn ein Matrose zu seiner Kabine. Pitt bedankte sich und ließ sich gleich noch von ihm von dieser Unterkunft aus den Weg zum Brückendeck erklären. Bereitwillig gab der junge Mann Auskunft. Er nannte ihm die Nummern, die in jeder Etage und in jedem Flur an den Wänden von Wegkreuzungen und Treppenaufgängen zu finden waren, denen er folgen sollte, um sich in dem Labyrinth von Gängen nicht zu verlaufen. Dann verabschiedete er sich salutierend von dem deutschen Fregattenkapitän.
Pitt betrat die Kabine, suchte kurz nach dem Lichtschalter und schaute sich in dem kleinen und dennoch geräumigen Raum der Innenkabine um, der nun von einer Neonlampe erhellt wurde. Die frischen Sachen fand er ordentlich auf Kante gelegt auf dem Stuhl vor. Auf einem am Boden fest verankerten Tisch, um dessen Tischplatte eine leicht erhobene Leiste führte, standen ein Glas, eine Flasche Wasser und daneben ein Plastikteller mit frischem Obst. An der linken Wand hing ein großes Farbfoto des Flugzeugträgers mit gerade in den Sonnenaufgang startenden Hornets. An der Stirnseite, wo der Tisch stand, klebte ein Poster an der Wand, auf dem ein offenes Fenster zu sehen war und man dahinter auf eine weite Landschaft blicken konnte. Rechts davon befand sich die Liege, die tagsüber an die Wand hochzuklappen ging, frisch bezogen mit kleinkariert in Blau-Weiß gehaltenen Bettbezügen und einem strahlend weißen Laken. Die Weichheit des Bettes prüfend, drückte Pitt mit beiden Händen auf die Matratze und befand sie für sich als gut.
Auf der Bettdecke, auf einem exakt zusammengelegten, marineblauen Badetuch, stand eine hellgraue Kulturtasche. Neugierig schaute Pitt hinein.
Cool, da ist ja alles drin, was ich brauche, dachte er, schnappte sich die Tasche, legte das Badetuch um seine Schultern, klemmte sich den Kleiderstapel unter den Arm und schlüpfte in die am Fußende des Bettes stehenden Badelatschen.
Müde und erschöpft schleppte er sich in den nahe gelegenen Mannschaftswaschraum. Er schaute in den Spiegel und erkannte sich fast selbst nicht wieder. Tiefe Schatten lagen um die Augen. Sein Haar war stumpf und strähnig, es sah alles andere als gepflegt aus. Von der unteren Gesichtshälfte war nichts mehr zu sehen. Sie war unter langen, dunklen Bartstoppeln verschwunden. Im Großen und Ganzen sah er aus wie ein heruntergekommener Landstreicher. Pitt wunderte sich, dass er mit dem Aussehen überhaupt an Bord des Flugzeugträgers gelassen worden war. Dabei strich er sich mit der Hand über die stachlige, dunkelbraune Matte um Mund und Kinn.
Mit wehmütigem Blick schaute er zu den Duschen hinüber. Doch wegen der erst frisch angelegten Verbände fiel dieses ersehnte Vergnügen leider für ihn aus. Traurig schüttelte er den Kopf und griff zu Rasierschaum und Klinge. Er wusch sich das Haar und machte sich frisch. Als er erneut in den Spiegel schaute, erkannte er sich schon eher wieder. Nur gegen die dunklen Augenringe vermochte er nichts zu tun. Dafür fehlte ihm der nötige Schlaf. Frisch gekleidet, in legerer Dienstuniform ohne Rangabzeichen und Namen, machte er sich, leicht hinkend, auf den Weg zur Brücke. Es hatte sich schnell in der schwimmenden Stadt, bei den sechstausend Besatzungsmitgliedern, herumgesprochen, wer die beiden Neuankömmlinge an Bord waren. Obwohl er keinerlei Rangabzeichen trug, grüßten ihn die Männer, denen er unterwegs begegnete, mit einer zackigen Ehrenbezeugung, die Pitt anfangs verlegen erwiderte, weil er nicht damit gerechnet hatte.
Als er die Brücke betrat, schauten ihn die Männer verblüfft an.
„Mister Pitt, sind Sie es wirklich? Sie sehen ja auf einmal ganz anders, schon fast wieder wie ein Mensch aus“, sagte der Kapitän erstaunt, aber eher sarkastisch gemeint. „Warum ruhen Sie sich nicht aus? Stimmt etwa etwas mit ihrem Quartier oder der Koje nicht?“ „Nein, nein, damit ist alles in bester Ordnung, Sir. Danke“, antwortete Pitt schnell. „Aber ich möchte schon doch lieber hier mit auf der Brücke sein, wenn es ihnen nichts ausmacht. Denn auch meine Freunde haben noch keine Gelegenheit, sich auszuruhen. Und ganz ehrlich, wenn ich mich jetzt hinlegen würde, bekämen sie mich am Ende vielleicht nicht so schnell wach. Ich denke, ich würde schlafen wie ein Toter.“
Jens lief wutentbrannt zum Unterdeck und ließ sich die Zelle von Jim Nessler aufschließen. Noch bevor der Gefangene reagieren konnte, hatte er ihn schon am Kragen gepackt und zog ihn hinter sich her. Als der Mann stolperte, zog Jens ihn ein Stück weiter, ehe er ihm aufhalf und ihn, noch immer fest am Kragen haltend, weiterlief.
„Los, komm schon, ich will dir was zeigen, du Schwein!“, schrie er und schob den Gefangenen bereits durch die Tür der Krankenstation, wo der junge Seal sich angeschnallt auf der Behandlungsliege in Schmerzen und Krämpfen wand. „Schau genau hin, so werden auch deine Tochter und deine Mutter leiden, und nur weil du Schwein uns nicht alles gesagt hast!“
Erschrocken schaute der Gefangene auf den Mann, der zusätzlich vom Arzt und zwei seiner Freunde gehalten werden musste. „Aber ... aber ich habe doch alles gesagt. Was hat er?“, fragte Nessler ängstlich und ganz durcheinander.
Sofort riss Jens ihn wieder mit sich aus dem Raum und schob ihn zwei Türen weiter in eine kleine Kammer, wo er ihn gegen die Wand drückte. Mit vor Wut blitzenden Augen sah Jens den Mann an. „Das ist die Wirkung eines Nervengiftes. Und es stammte wahrscheinlich von dem Griff der äußeren Schleusentür, aus dem meine Jungs ausgestiegen sind. Ich hoffe, du kannst dich noch daran erinnern. Es war dein Vorschlag. Du willst also doch nicht, dass wir dieses Morden verhindern. Hast du noch immer nicht kapiert, dass dieser Krieg auch deine Familie erreichen wird, wenn wir das Ganze hier nicht stoppen können? Du hast meine Männer auf dem Gewissen. Damit hast du die Bestie in mir geweckt. Also, was hast du zu sagen?“, schrie Jens, sich kaum noch beherrschend.
„Aber ich wusste doch wirklich nicht, dass die Sicherheitsvorkehrungen auch in diese Richtung wirken“, antwortete Jim Nessler ängstlich und verstört.
„Was für Sicherheitsvorkehrungen? Wie meinst du das?“, fauchte Jens noch immer wütend. Dabei zog er den Mann mit nur einem Arm am Kragen hoch, sodass dieser den Boden unter den Füßen verlor.
„Es war als Sicherung gedacht, sollte ein Fremder versuchen, über die Schleuse ins Tauchboot zu gelangen“, erklärte mit ängstlich geweiteten Augen, nach Luft ringend.
„Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Wie funktionierte diese Falle und warum tritt die Wirkung von dem Nervengift erst so spät ein?“, zischte Jens. „Na, vielleicht wird’s bald, ehe ich ganz die Geduld verliere!“
„Die Taucherschleuse durfte nur benutzt werden, wenn sie von innen über die Automatik geöffnet wurde. Würde sie manuell von außen geöffnet, sollten die Nervengiftkapseln zum Einsatz kommen. Man erklärte uns, dass da minikleine Kapseln unter hohem Druck aus einem Mechanismus im Drehrad herausgeschossen kommen. Die Außenhüllen der Kapseln sollten sofort gesprengt werden, wenn sie in Hautkontakt kämen. Darin befände sich ein, sofort wirkendes Betäubungsmittel, damit der Eindringling es nicht spürt und Gegenmaßnahmen ergreifen kann. Die zweite Kapselhaut ist so entwickelt worden, dass sie sich je nach ihrer Stärke, erst nach und nach im Körper auflöst, damit das Gift nicht sofort freigesetzt wird. Das war dafür gedacht, dass derjenige, wenn er erwischt wurde, unter den starken Schmerzen leichter zu verhören wäre, ohne sich dabei groß anstrengen und sich die Finger erst schmutzig machen zu müssen. Oder wenn der nicht erwischt würde, würde er trotzdem qualvoll abtreten.Aber ich wusste wirklich nicht, dass diese Sicherung auch das innere Verriegelungsrad der Schleuse betraf. Das müssen sie mir glauben. Wir hatten nur immer die Weisung, bei jedem Tauchgang einen Mann im Boot zu behalten, der die Schleusenautomatik zu bedienen hatte“, erzählte Nessler bereitwillig. „Mister, hätte ich es gewusst, ich hätte es ihnen gesagt“, jammerte und flehte er. „Wirklich, ich schwöre es ihnen, beim Leben meiner kleinen Tochter. Außerdem habe ich mal in einem Gespräch gehört, dass es unterschiedlich modifizierte Kapseln geben soll, die mit verschieden langen Verzögerungen wirken. Aber ich weiß nicht, wobei die eingesetzt werden sollten.“
Nur langsam ließ Jens den Mann wieder runter und schaute ihn dabei mit zu kleinen Schlitzen zusammengekniffenen, durchdringenden Augen an.
Als er das Geräusch eines einzelnen, näher kommenden Düsenjägers hörte, zog er den immer noch ängstlich wirkenden Mann wieder mit sich aus dem Raum und schob ihn zwei bereitstehenden Matrosen in die Arme.
„Bringt den Kerl wieder runter und passt gut auf ihn auf“, bat Jens die Männer und beobachtete dann ganz ruhig und konzentriert die F-18 Hornet, die im Tiefflug schnell näher kam.
Er registrierte, wie sich von der Maschine eine Art Behälter löste und sofort aufsprang. An einem kleinen, dunklen Fallschirm schwebte ein Päckchen, langsam Richtung Wasseroberfläche. Kapitän Khairat steuerte die ‚Sinai‘ direkt darauf zu. Ein Matrose fischte, während der schnellen Fahrt mit einer Enterstange nach dem Fallschirm und bekam ihn tatsächlich an den Haken und zog ihn samt dem Päckchen daran aus dem Wasser. Rasch lief er Jens damit entgegen, der bereits an der Tür zum Behandlungsraum stand und auf ihn wartete. Schnell riss er den wasserdichten Behälter auf und spritzte Jack, der in der Zwischenzeit das Bewusstsein verloren hatte, hintereinander den Inhalt von zwei Ballonspritzen. Er hoffte, ebenso wie die anderen, dass diese Dosis reichte, um ihrem Freund zu helfen. Zusätzlich injizierte der Arzt ein starkes Muskelrelaxans und führte Jack über eine Maske, reinen Sauerstoff zu.
„Hier Black Mamba an Mutter. Das Päckchen wurde ausgeliefert und der Empfänger hat quittiert. Kehre jetzt zu Mutter zurück“, meldete der Pilot der ‚Hornet‘, nachdem er beim nochmaligen Überfliegen des Verbandes gesehen hatte, wie der Fallschirm samt dem Päckchen herausgefischt und an Bord gehoben wurde. „
Doch schon nach einer halben Minute meldete sich der Pilot erneut.
„Hier Black Mamba an Mutter. Ich habe soeben böse Onkels entdeckt. Ich wiederhole: Böse Onkels direkt auf Kurs des Konvois. Vernichtung nicht möglich, sie ist schon zu dicht dran.“
„Was ist ein böser Onkel in eurem Sprachgebrauch?“, wollte Pitt, hellhörig geworden, wissen.
Während der Erste Offizier schon den ägyptischen Marineverband über Funk warnte und zum sofortigen Stoppen aufforderte, erklärte Captain Eric Greenman, dass sie Ankertauminen so bezeichneten.
Pitt sprang wie elektrifiziert auf. „Habt ihr Tauchzeug und einen Fallschirm für mich und könnt mich dorthinbringen und mich darüber rausschmeißen? Ich springe aber auch ohne Schirm, wenn ihr tief genug runtergehen könnt. Ich bin Sprengstoffexperte und Minenräumer. Also weiß ich, was ich tue. Wir haben keine Zeit, das erst lange zu diskutieren“, sagte er entschlossen. „Wenn die solche Dinger gelegt haben, dann wollen sie die Schiffe von hinten herantreiben und angreifen.“
Sofort löste der Kapitän den Alarm für einen Hubschrauber mit Besatzung aus, welcher schon wenig später mit dem großen Lastenfahrstuhl auf das Flugdeck transportiert wurde.
„Ich gebe dir noch ein paar gute Männer von uns mit“, schlug Eric Greenman vor.
„Nein, Sir, das ist mein Job. Je weniger Männer, desto weniger Tode, wenn was schiefgeht. Ich gehe allein. Habt ihr ein Kreislaufgerät und etwas Werkzeug für mich an Bord, dann ist mir damit schon geholfen.“
Der Erste Offizier begleitete ihn zum Equipmentraum, wo sich Pitt eilig alles Nötige zusammensuchte. Er befüllte einen Taschengurt mit einer Auswahl von Spezialwerkzeugen, und testete die Luftzufuhr über die Maske. Dann suchte er sich einen passenden Anzug aus, deponierte die für ihn nötige Menge an Blei in den dafür vorgesehenen Taschen der Tarierweste und legte alles, bis auf Flossen und Maske, an. Die Vollgesichtsmaske, Neoprenhandschuhe und Flossen, steckte er sich lässig unter den Arm. „Okay, wir können.“
Vor dem Ausgang zum Flugdeck stand schon einer der offenen Wagen, der Pitt auf dem kürzesten Weg zum Hubschrauber vom Typ ‚Boeing-Vertol CH-47 Chinook‘ brachte. Die Maschine wurde bereits im Vorfeld mit Zusatztanks ausgerüstet. Das erweiterte ihre Reichweite von 600 auf insgesamt 1500 km, und mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 290 km/h würden sie ihr Ziel schnell erreichen.
Der Hubschrauber stand zum Start bereit und die Tandemrotoren liefen auf vollen Touren, während die vierköpfige Besatzung auf den deutschen Offizier und ihre Startfreigabe wartete.
„Warum denn gleich so ein riesiges Teil? Ist der Aufwand nicht etwas groß für nur einen Taucher?“, fragte Pitt, während sie sich dem Hubschrauber näherten. „Ein Kleiner hätte es doch auch getan.“
„Tut mir leid, Mister Pitt, aber Sie müssen mit der CH-47 vorliebnehmen. Der andere ist noch beim Auftanken. Sie werden sich in der Maschine schon nicht verlaufen“, antwortete der Offizier an seiner Seite.
Eilig kletterte Pitt durch die hintere, noch offene Ladeluke ins Innere der Chinook. Kaum, dass er drin war, wurde die Luke über die Hydraulik hochgeklappt und verschlossen. Kurz darauf startete die Maschine und zog in einer weiten Kurve schräg nach oben.
„Können wir erst eine Runde über dem Gebiet kreisen?“, fragte Pitt auf Englisch, nachdem er die Besatzung über die Sprechgarnitur, die ihm gereicht worden war, begrüßt hatte. „Ich möchte mir ein Bild von der Lage der Minen machen.“
„Roger. Sobald wir angekommen sind, überfliegen wir das Gebiet mit geöffneter Heckklappe“, antwortete der Pilot des CH-47 Chinook. „Aber schnallen Sie sich dafür lieber an, Sir. Nicht dass Sie mir herunterpurzeln.“
Nach einer Flugzeit von etwas mehr als einer Stunde meldete sich der Pilot wieder: „Wir befinden uns in fünf Minuten über dem Ziel. Ich gehe runter und öffne die Klappe.“
Ein Besatzungsmitglied kam nach hinten zu dem groß gewachsenen deutschen Offizier und wollte ihm bei der Befestigung der Sicherheitsleine helfen. Doch Pitt lehnte dankend ab. Dabei bestand er aber darauf, dass sich der Mann selbst mit der Leine sicherte. Als die Heckklappe sich langsam öffnete, ging Pitt bereits nach hinten und rutschte dann auf der waagerecht stehenden Klappe, auf dem Bauch liegend, ganz nach hinten und schaute, sich gut festhaltend, über den Rand.
„Können Sie ein Stück höher und in eine Linkskurve gehen?“, rief Pitt laut, den Lärm übertönend, in das Mikrofon vor seinem Mund. Kurz darauf bemerkte er bereits, wie die Maschine reagierte.
„Teilen Sie der F-14-Staffel mit, sie soll sich um den Bereich hinter dem Schiffsverband kümmern. Halten Sie Höhe und Geschwindigkeit genauso wie jetzt und bleiben Sie nicht über dem Gebiet stehen. Ich wiederhole: Auf gar keinen Fall über dem Gebiet stehen bleiben. Drei dieser Dinger liegen direkt unter der Wasseroberfläche. Ich springe in der nächsten Runde ohne Schirm ab“, entschied Pitt und schnallte sich den Fallschirm vom Typ ‚MC-4 Ram Air Free-Fall Personnel Parachute‘, den er zuvor schon angelegt hatte, wieder ab.
„Sir, das ist doch Wahnsinn. Es ist viel zu hoch. Ich gehe tiefer und setze sie direkt über dem Gebiet ab“, antwortete der Pilot.
„Danke, aber überlassen Sie diese Entscheidung ruhig mir. Bleiben Sie auf der Höhe, wie ich sagte, und halten Sie auch die Geschwindigkeit konstant. Das ist ein Befehl und außerdem gesünder für Sie, sollte ich auf so einem fetten Onkel landen. Fliegen Sie einfach nur den Vogel noch einmal in der gleichen Kurve. Das ist jetzt nämlich wichtig für meine Gesundheit, an der mir, auch wenn Sie es nicht glauben, sehr viel liegt. Ich habe weder Lust noch die Zeit, erst zu den Dingern hinzupaddeln. Also machen Sie es so, wie ich es gesagt habe“, sagte Pitt und erklärte dann weiter. „Ich werde damit beginnen, zuerst die südlichsten der Minen zu entschärfen und dann auch deren Seile kappen. Die Dinger werden dann, entschärft, ungehindert mit der Strömung, nach Süden wegtreiben und den geraden Weg für unsere Leute frei machen. Wenn sie weit genug vom Verband weg sind und keinen mehr gefährden können, könnt ihr mit ihnen machen, was ihr wollt. Am besten einsammeln lassen, die sind dann für eure Leute keine Gefahr mehr“, erklärte Pitt und zog sich gleich auf der Heckklappe die Flossen an, die er extra fest schnallte. Er reichte dem Mann an seiner Seite die Sprechgarnitur dankend zurück und schob die Maske vors Gesicht. Pitt zwinkerte den erstaunten Mann neben sich fröhlich zu, schaute noch einmal prüfend nach unten, fixierte einen Punkt, wartete, bis der Hubschrauber genau darüber war, und zog sich kurz darauf kraftvoll über den Rand der Luke, ins Leere.
Pitt vollführte in der Luft eine halbe Rolle und straffte dann seinen Körper, hielt dabei die Beine eng zusammen, um die Flossen zu halten. Die Arme hatte er über dem Oberkörper verschränkt und hielt mit der rechten Hand die Maske, fest vor dem Gesicht. Seine linke Hand und der Arm hielten seine Geräte und Ausrüstungsgegenstände vor seinen Körper gedrückt. Mit den Füßen voran landete er hart, genau zwischen den vorderen Ankertauminen, die nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche schwebten.
Der harte Aufschlag stauchte ihn gründlich zusammen und trieb ihm all seine Luft aus den Lungen. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und den Schmerz zu verdrängen. Erst als er damit wieder klargekommen war, tauchte er auf und gab das große Okay-Zeichen an die Besatzung des Hubschraubers, indem er mit der rechten Hand im weiten Bogen auf seinen Oberkopf fasste.
„Fisch heil im Wasser“, meldete der junge Mann, noch immer fassungslos über den Sprung des Deutschen. „Wahnsinn. So hoch haben wir noch nie einen Fisch abgesetzt. Und sein Timing war perfekt. Er ist genau da gelandet, wo er hinwollte. Einfach super.“
Die Heckluke begann sich langsam wieder zu schließen. Der Co-Pilot hatte in der Zwischenzeit die Meldung des Deutschen an den Staffelführer der ‚F-14‘ weitergegeben und bestätigt bekommen.
Captain Eric Greenman hatte den Funkverkehr zwischen Pitt und der Hubschrauberbesatzung auf die Lautsprecher des ganzen Schiffes legen lassen, damit ihn alle Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers mithören konnten. Als die Männer und auch die wenigen Frauen an Bord die Meldung gehört hatten, dass der Fisch heil und so treffsicher im Wasser gelandet war, klatschten sie anerkennend Beifall.
Der Kapitän gab an die Besatzung der CH-47 den Befehl, in einem sicheren Abstand zu bleiben und ihn weiter auf dem Laufenden zu halten. Gespannt lauschten alle Besatzungsmitglieder, an den Lautsprechern, auf jedes Wort des Piloten. Auch Sebastian, der wieder zu sich gekommen war, und die Ärzte bei ihm im Krankenzimmer hörten alles mit.
„Dieser Kerl ist doch wahnsinnig. Doc, sie hätten ihn mal lieber auf seinen Geisteszustand untersuchen sollen, anstatt ihm sein Bein zu verbinden“, sagte Sebastian, als er das von dem Sprung aus der Höhe gehört hatte. Der ist ja lebensmüde, und gehört zu seinem eigenen Schutz in eine geschlossene Anstalt. Wobei?... Was die Gefährdung der Maschine und ihrer Besatzung betrifft, hatte er schon auch recht. Aber verrückt ist er trotzdem, überlegte er.
„Hätten Sie es anders gemacht, Korvettenkapitän?“, wollte der Arzt wissen.
„Ich bin kein Experte im Entschärfen von Minen“, redete sich Sebastian heraus. Doch als ihn der Arzt weiter herausfordernd und fragend ansah, gab Sebastian zu, dass er wohl ebenso gehandelt hätte. „Ist schon gut, Doc. Ich gebe es ja zu, der Junge weiß, was er tut. Bei der Dichte und der geringen Tiefe, wie die Minen, laut der Angabe des Piloten, stehen, hätte er schon bei der Landung eine mit Fallschirm auslösen können, ohne es zu wollen oder verhindern zu können. Er hat sich mit dem freien Sprung richtig entschieden. Obwohl er sich auch vor dem Minengürtel mit dem Fallschirm hätte absetzen lassen und gegen die Strömung hätte vorarbeiten können. Aber da hat er wohl an die Zeit gedacht, die der Verband nicht hat“, teilte Sebastian seine Überlegungen dem Arzt mit, dann lauschten sie weiter dem Bericht des Piloten.
Pitt tauchte knapp vor der ersten Ankertaumine ab, die sich nur einen halben Meter unter der Wasseroberfläche befand. Vorsichtig hängte er seinen Karabiner an eine der Verankerungsösen, zwischen zwei der Zündhörnchen ein, und befestigte die Seilschlinge an seiner Tarierweste. Damit hatte er Halt und konnte weder von der Strömung abgetrieben werden, noch musste er extra auf seine Tarierung achten.
Und schon machte er sich, voll konzentriert an die eigentliche Arbeit.
Er hatte Glück. Bei dieser Seemine handelte es sich um einen veralteten Typ, was ihm die Arbeit etwas leichter machte, aber trotzdem gefährlich war. Er brauchte dafür eine verdammt ruhige Hand.
Noch einmal atmete er tief ein und langsam wieder aus, um sich zu entspannen und damit Atmung, Herzschlag und Puls herunterzufahren.
Er öffnete das erste Zündhorn ganz vorsichtig. Das Gewinde daran war bereits leicht korrodiert, ließ sich aber noch relativ gut drehen. So sacht und ruhig wie nur möglich entnahm er ihm das darin befindliche Röhrchen aus dünnem Glas, in dem sich Säure befand, die der eigentliche Zündauslöser war. Denn traf ein Schiff, auf einen der Berührungszünder, zersplitterte das Glasröhrchen darin, gab die Säure frei, die zum Sprengstoff, in dem Fall TNT, floss. Und dort angekommen löste diese Säure die Sprengung aus. Ein einfacher, aber sehr effektiver Mechanismus.
Auf diese Weise entschärfte Pitt die fünf Berührungszünder und drehte aber jedes der Zündhörner wieder darauf fest, damit die Mine nicht voll Wasser laufen und sinken konnte.
So, die erste wäre geschafft. Also ab zur nächsten.
Pitt klinkte sich wieder aus und tauchte am Seil der Mine ein Stück nach unten, wo er mit einer Zange das Tau kappte und die erste Mine nach oben trieb. Anhand seines Kompasses orientierte er sich neu und tauchte zur nächsten Mine, deren Position er sich, wie die von den anderen, ebenso genau eingeprägt hatte, als sie das Minenfeld überflogen hatten. Dabei unterließ er es nicht, auch nach tiefer angebrachten Minen, die ihm vielleicht entgangen waren, Ausschau zu halten.
So entschärfte Pitt eine der Ankertauminen nach der anderen. Bei jeder Meldung der Hubschrauberbesatzung, dass eine weitere Mine entschärft worden war und an der Wasseroberfläche davontrieb, jubelten die Mannschaften, die die gesamte lange Zeit voller Anspannung jede Meldung verfolgt hatten, auf allen Schiffen erleichtert auf.
Nachdem die letzte der sechs, vom Hubschrauber sichtbaren Minen aufgetaucht war und wegtrieb, meldete der Pilot völlig erschrocken, dass sie den ‚Fisch‘ aus den Augen verloren hätten.
Der Staffelführer der Tomcats meldete Sichtkontakt mit schnell näherkommenden, bewaffneten Booten ohne Hoheitskennung, die direkt auf den Verband zuhielten.
„Hier schwarzer Staffelführer. Sie reagieren auf keinen unserer Rufe und eröffnen soeben das Feuer auf den Verband und auf uns.“, meldete der Pilot. „Erbitte Handlungsbefehl.“
„Hier Captain Eric Greenman, ich erteile die Abschussfreigabe für einen Warnschuss vor den Bug. Ich wiederhole. Abschussfreigabe für Warnschuss erteilt.“
„Verstanden. Abschussfreigabe für Warnschuss erteilt“, wiederholte der Staffelführer.
Bei den Mannschaften auf dem Flugzeugträger herrschte gespanntes Schweigen. Dabei war jeder von ihnen schon von sich aus auf seinen Bereitschaftsposten gegangen und lauschte weiter der Funkübertragung.
„Hier schwarzer Staffelführer“, meldete sich nach einer Weile der Pilot wieder. „Warnschuss blieb ohne Erfolg, wir werden weiterhin angegriffen. Erste Treffer auf einen der Begleitschiffe des Verbands.“
„Hier Captain Greenman. Ich erteile Schussfreigabe nach eigenem Ermessen auf die feindlichen Angreifer. Ich wiederhole: Schussfreigabe nach eigenem Ermessen erteilt. Schicken Sie sie nicht gleich auf den Grund, sondern setzen Sie sie nur kampfunfähig.“
„Roger, angemessene Schussfreigabe erteilt“, antwortete der Pilot. Dann war der Funkverkehr zwischen den Piloten der Staffel und die einzelnen Befehle des Staffelführers zu hören.
„Sir, der Verband muss den Raum schnellstmöglich verlassen. Sollte ein großer Abschuss nötig sein, würden sie durch die Explosion mitgefährdet. Sie sind zu nah dran“, war nach einer Weile zu hören.
„Chinook!“, rief der Kapitän den Hubschrauber. „Wie sieht es aus, ist der Weg für den Verband frei?“
„Ja, Sir. Es ist gerade noch ein böser Onkel hochgekommen und wir können von hier aus keine weiteren Minen ausmachen. Allerdings können wir den ‚Fisch‘ auch nicht entdecken, der sich eigentlich bereithalten wollte, sobald er fertig ist, damit er von uns wieder aufgenommen werden kann.“
Greenman überlegte kurz. Auch wenn ihm dieser Befehl jetzt in der Seele schmerzte, er musste ihn geben. Nur wenige Sekunden später nahm der kleine Verband von ägyptischen Marineschnellbooten die Fahrt wieder auf. Wobei das Mittelklasse-U-Boot der ägyptischen Marine hinter dem Verband auftauchte und sich mit seinem stählernen Rumpf schützend, querstellte.
Fünfzehn Minuten später knackte es wieder in den Lautsprechern.
„Hier schwarzer Staffelführer, feindliche Ziele außer Gefecht gesetzt. Verband wieder sicher. ‚Giftun‘ schert aus dem Verband aus, um die Männer der drei Angreiferschiffe zu bergen.“
„Chinook! Mutter an Black Mamba!“, rief Captain Greenman den Hubschrauberpiloten. „Ist etwas von Fregattenkapitän Dressler zu sehen?“
Doch der Pilot der ‚CH-47‘ musste das verneinen.
„Bleiben Sie über dem Gebiet und suchen Sie weiter“, befahl Greenman. Dabei klang seine Stimme hart und dennoch besorgt.
Nach dem kurzen Jubel über den Sieg der drei außer Gefecht gesetzten, feindlichen Schiffe, trat schnell wieder Schweigen bei den Besatzungsmitgliedern auf dem Flugzeugträger ein.
Sebastian hielt es nicht mehr im Krankenbett. Er riss sich die Infusionsnadel aus dem Arm und zog sich die IBP-Kabel samt der Elektrodenpads ab, die von seinem Körper zu den Überwachungsgeräten führten. Mit Nachdringlichkeit bat er um Krücken und forderte das medizinische Personal auf, ihm den Weg zur Brücke zu zeigen. Er schrie die erschrocken schauenden Ärzte förmlich an, ja tobte regelrecht, sodass sie sich nicht mehr helfen konnten und ihm die verlangten Gehilfen gaben.
Sebastian hatte all seine Kräfte mobilisiert und hüpfte, alle wegstoßend, die ihn davon abhalten wollten, auf seinem einen Bein, zur Tür. Zwei Ärzte begleiteten ihn und zeigten den kürzesten Weg zur Brücke. Bedrückt und zugleich bewundernd, sahen die Besatzungsmitglieder, die ihm unterwegs begegneten, dem schwer verwundeten Mann nach.
Als Sebastian die Brücke betrat, machte der völlig überraschte Kapitän seinen Sessel frei und half ihm dabei, sich darauf niederzulassen.
„Korvettenkapitän Rothe, was machen Sie denn hier? Sie gehören auf die Krankenstation“, sagte er besorgt.
„Entschuldigen Sie, Sir. Aber nicht wenn mein Freund noch da draußen ist“, gab Sebastian zurück, ohne auf die anderen Männer auf der Brücke zu achten, die ihn fassungslos anstarrten. „Bitte verbinden Sie mich mit Flottillenadmiral Arend auf der ‚Sinai‘ und lassen Sie bitte die Leute von der Staffel und der Chinook mithören.“
Captain Greenman nickte, ohne erst zu überlegen, dem Funkoffizier zu, der sofort die Verbindung herstellte.
Noch bevor sich Jens richtig melden konnte, sprach Sebastian schon auf Englisch los, damit es auch die Piloten verstehen konnten.
„Bussard, hier Wanderfalke. Ich denke, dass Waldkauz vielleicht gerade eine tiefer liegende Mine entdeckt und entschärft hat. Und da ihr noch nicht hochgegangen seid, obwohl ihr gerade den Minengürtel durchfahren habt, scheint er es auch geschafft zu haben. Lasst auf keinen Fall das U-Boot wieder in das Gebiet, bevor wir Pitt nicht haben. Stoppt und schickt Taucher mit Funk runter, damit sie die Suche untereinander koordinieren können. Setze eine Funkboje ins Wasser, damit wir den Funkverkehr mithören können“, sagte er ins Mikrofon. Dann wandte er sich dem Kapitän zu und fragte ihn, mit welchem Tauchgerät sein Freund runtergegangen war. Danach meldete er sich wieder über Funk: „Hier Wanderfalke an Bussard. Waldkauz hat nur ein Dräger LAR-7 Kreislaufgerät mit normaler Mischung. Er könnte aber wegen der Kampfgeräusche und der kleinen Explosionen oder wegen des U-Bootes weiter runtergegangen sein. Du kennst ihn doch. Ich könnte mir vorstellen, dass er vielleicht eine Mine extra weiter runtergezogen hat, um keinen zu gefährden, sollte sie noch scharf sein. Dann könnte es sein, er hängt jetzt kurz vor einer Sauerstoffvergiftung, und du weißt, was da passiert. Der Kerl ersäuft uns einfach. Sucht ihn also hinter euch, auf unter dreißig Metern. Wenn er das geschlossene System auf Nitrox umgestellt hat, könnte er auch tiefer sein. Sucht innerhalb des Gebietes, wo die anderen Minen hochgekommen sind. Nur dort kann er sein. Der Hubschrauber wird das Gebiet eng umkreisen, damit ihr wisst, wo ihr suchen müsst. Die Staffel ‚Tomcats‘ wird noch weiter hinter euch den Bereich mitbeobachten, für den Fall, dass er dort weiter hinten mit einer noch scharfen Mine hochkommen sollte. Seid also vorsichtig. Und sichert zusätzlich das Gebiet vor weiteren Ekelpaketen.“
„Okay, Wanderfalke, Taucher im Wasser“, meldete Jens. „Ich übergebe an Mahmud und gehe selbst mit runter. Ich kann nicht nur hierherumsitzen und warten. Ich kenne seine Sauerstoffgrenze, die wird sich seit der letzten kontrollierten Überprüfung vor drei Jahren nicht wesentlich verändert haben, auch wenn seine körperliche Verfassung nicht gerade die beste ist. Rechne es einfach mit rein und koordiniere alles ein wenig.“
Sebastian konnte sehr gut nachvollziehen, dass es Jens nicht auf dem Schiff hielt, denn auch er würde jetzt lieber mit auf der Suche nach seinem Freund sein.
„Mahmud, lass weitere Nitrox- und Pressluftflaschen für die Jungs bereitstellen“, empfahl Sebastian dem ägyptischen Oberstleutnant. „Wenn sie Pitt finden, darf er nicht gleich hoch. Er braucht dann fünfzigprozentiges Nitrox zur Deko. Und sag Samuel Bescheid. Er soll ‚GABM-Präparate‘, also ‚Gamma-Aminobuttersäure‘, Sauerstoff und Blutverdünnungsmittel sowie Trinkwasser für Pitt bereithalten.“
Danach verfolgte er, so wie alle anderen an Bord des Flugzeugträgers, die Piloten und die Männer von dem kleinen ägyptischen Verband, die Funksprüche der Taucher, die nacheinander ihre aktuelle Tiefe und das Suchraster, in dem sie sich befanden, meldeten.
Jens war auf eigene Faust auf die Suche gegangen und richtete sich dabei ganz nach seinem Gefühl. Er versetzte sich in die Situation seines Freundes und versuchte sie nach Sebastians Hinweisen, nachzuvollziehen.
Auf der Brücke des Flugzeugträgers, auf dem Kommandostuhl vom Captain sitzend, lauschte er auf jeden einzelnen Funkspruch der Taucher und versuchte, die Suche zu koordinieren.
Bewundernd beobachteten die Männer auf der Brücke schweigend die Arbeit des Deutschen, der dabei die ganze Zeit über die Augen geschlossen hielt, um sich voll konzentrieren zu können. Alle waren besorgt um das Schicksal seines so sympathischen Freundes, den sie hier auf der Brücke kurz kennengelernt hatten. Das Suchgebiet war für diese paar Männer geradezu riesig, und mit jeder Minute sank ihre Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang.
Davon war bei Korvettenkapitän Sebastian Rothe jedoch nichts zu spüren. Er kämpfte verbittert weiter, ebenso wie sein Freund Flottillenadmiral Jens Arend, die acht Ensigns der Navy SEALs und die ägyptischen Taucher, die Pitt zu ihrem Freund zählten. Er war bisher immer für sie da gewesen, hatte sich für sie ins Zeug gelegt. Jetzt war es an ihnen, etwas für ihn zu tun. Keiner von ihnen hatte vor, aufzugeben. Dabei gingen sie an ihre Grenzen und einige begannen auch, sie zu überschreiten.
Doch Sebastian achtete auf jeden Einzelnen. Er ließ das nicht zu und pfiff denjenigen, wenn es notwendig wurde, zurück. Nur auf einen hatte er dabei keinen Einfluss. Und das war sein ehemaliger Vorgesetzter und Freund Flottillenadmiral Jens Arend. Der ging seinen eigenen Weg. Sebastian kannte die Grenzen dieses Mannes ganz genau und redete ihm nicht rein, solange er nicht begann, sie zu weit zu überschreiten, und er sich noch regelmäßig bei ihm meldete. Dabei achtete er aber auch auf die Atmung von Jens, die er deutlich im Lautsprecher hörte, und warnte ihn gelegentlich schon mal leicht. „Hey, du Riesenwalross, wie wäre es, wenn du langsam mal auf deinen Tauchcomputer schaust? Du dürftest so langsam in die Nullzeit rutschen“, informierte er ihn.
„Wow, du kleiner Blitzmerker. Und was willst du dagegen machen? Mir den Hintern versohlen? Pitt ist da mit Sicherheit schon eine ganze Weile drin. Du Klugscheißer musst gerade jammern, bist selbst kein Stück besser. Zieh an der eigenen Nasenspitze und halt die Luft an. Ist doch nicht das erste Mal. Also entspann dich wieder und achte lieber später auf unsere Zeiten“, beschwerte sich Jens.
Dann war wieder Ruhe und Sebastian konzentrierte sich weiter auf die Koordination der Suche durch die anderen Taucher.
„Ich habe unsere bleierne Ente“, meldete sich der Flottillenadmiral nach einer ganzen Weile. „Sie hängt an einer Ankerschlittenmine, die langsam immer tiefer geht. Dabei hat er die Hand verkrampft am letzten zu entschärfenden Zündhorn, als wäre es ein Goldschatz, den er nicht hergeben will. Es sieht so aus, als hätte er mit der Entschärfung, während der Fahrt nach unten begonnen.“
„Wie tief ist Pitt und wie tief liegt der Minenschlitten?“, wollte Sebastian sofort wissen.
„Ich versuche gerade, den fetzigen Fahrstuhl in Pitts Tod, zu stoppen. Ich habe erst einmal zu tun, also warte kurz.“
Es vergingen fünf unglaublich lange Minuten, bevor Jens sich wieder meldete. „So, gestoppt. Der Schlitten steht auf geschätzt, etwa so in 65 Metern. Pitt auf der Talfahrt kurz vor 49 Metern angehalten“, kam die erschöpft klingende Antwort von Jens. „Hätte er den kleinen Springball aber nicht auf diese Art heruntergezogen, wären wir jetzt alle bei den Engelchen und hätten kurze Hemdchen an, die kaum über den Hintern reichen. Denn es hätte voll das U-Boot erwischt und mit der Kettenreaktion dann auch uns. Fahre das Tau um zehn Meter wieder aus. Höher kann ich die Mine nicht lassen. Unser kleiner lebensmüder Trottel steckt voll in der Sättigung und der Sauerstoff zeigt leider auch sehr deutlich seine toxische Wirkung. Bringt mir schnell zwei Nitroxflaschen mit fünfundzwanzig Prozent Sauerstoff und angeschlossenem Atemregler. Oder ich nehme auch erst einmal Trimix, wenn ihr welches habt. Und dann bitte zwei mit 50 % Nitrox auf 20 Metern, nach Möglichkeit auch mit Anhängsel. Solange er krampft, können wir uns keinen anderen Flaschenwechsel leisten. Ich benötige hier dringend Hilfe. Wir hängen auf 36 Metern und der elende Kerl säuft mir gerade unter starken Krämpfen die Flasche leer.“
„Ja, na cool. Nur müssten wir dafür erst mal wissen, wo du mit Pitt hängst“, sprach Sebastian, so ruhig wie möglich, in das Mikrofon vor sich.
„Gute Frage, nächste Frage“, meinte Jens laut schnaufend. „Ich sehe hier in unmittelbarer Nähe, in Richtung mit der Strömung, auf drei, sechs und acht Uhr drei leere Minenschlitten auf dem Grund.“
Bei der Meldung riss Sebastian die, bis dahin geschlossenen, Augen weit auf. Jetzt wusste er genau, wo sich Jens mit Pitt befand, und gab die Kompasskoordinaten, ausgehend vom Schnellboot ‚Sinai‘, mit geschätzter Entfernung in normalen Flossenschlägen, in englischer und danach auch in arabischer Sprache, an die Taucher weiter. Daraufhin tauchten die Männer, so schnell auf, wie sie es für ihre Gesundheit vertreten konnten. Viele wunderten sich darüber, wie Sebastian es anstellte, so präzise sagen zu können, wo sich Jens und Pitt in dem Moment befanden. Doch er hatte sich, als die Minen hochkamen, auf die Positionsangaben des Piloten konzentriert und sie sich eingeprägt. So konnte er der Beschreibung von Jens folgend, anhand der Lage der Minenschlitten, die er in seiner Umgebung gesehen hatte, genau nachvollziehen, wo er sich mit Pitt befand. Gerade so, als wäre er in diesem Augenblick selbst dort und hätte klare Vorstellungen davon.
Die Spannung bei der Besatzung des Flugzeugträgers und bei den Matrosen des kleinen Verbandes, als auch bei den Piloten in der Luft, stieg ins Unermessliche.
Nacheinander meldeten sich die Taucher erneut fertig, und die Ersten tauchten bereits mit den zusätzlichen Stahlflaschen zu den angegebenen Koordinaten in die Tiefe. Einer der beiden ersten Taucher vor Ort war der kleine Texaner.
„Tim, ich brauche dich hier, sobald du Pitt die Flasche angehängt hast. Halte ihn gut fest und achte darauf, dass er nicht das Mundstück wieder ausspuckt. Ich muss seine Hand von dem Zündhörnchen abbekommen und das Ganze, ohne dass uns der Wasserball um die Ohren fliegt. Ibrahim, komm erst zu uns, wenn ich die Hand von Pitt gelöst habe und ich es dir sage“, hörten alle die englischen Worte des Flottillenadmirals. Sie fieberten mit den Männern.
Aufatmend vernahmen sie dann die Meldung, dass Pitts Hand vom Zünder gelöst werden konnte. Erst danach ließ sich Jens seine Druckluftflasche vom Ibrahim wechseln.
Vorsichtig löste er die Seilschlaufe an Pitts Jackett, die mit einem Karabiner an der Zugöse der Mine befestigt war. Erleichtert, das geschafft zu haben, bat er die beiden Taucher, Pitt weit genug wegzubringen und mit ihm langsam, um drei Meter höherzugehen und dort auf ihn zu warten. Erst als Tim meldete, aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu sein, begann Jens damit, den letzten Zünder der Ankertaumine zu entschärfen.
„Ich bekomme das Zündhorn einfach nicht zu drehen, das Gewinde scheint komplett korrodiert zu sein. Kein Wunder, dass da Pitt wie ein Schluck Wasser dranhing, so entkräftet wie er schon war. Ich versuche es mit der Zange“, hörte man ihn schwer atmend sagen. „Da rührt sich nichts.“
Wenn ich hier abrutsche, wars das. Komm, Junge. Lass dir was einfallen. Was würde Pitt jetzt machen? Mal sehen, was der noch alles so in den Taschen seines Gurtes hat. Kein Wunder, dass man die Dinger eigentlich lieber in sicherer Umgebung kontrolliert sprengt, dachte er, während er die Taschen von Pitts Gurt, den er ihm abgenommen hatte, nach etwas Nützlichem für sein Problem durchsuchte. „Hier Bussard, irgendwer Vorschläge, wie ich das Ding gelockert bekomme, ohne dabei in die Luft zu fliegen?“
„Swordfish four, an Bussard“, meldete sich Tim. „Pitt hat gerade was auf seine Tafel gekritzelt. Das ist nur schwer zu entziffern. Ist unverständlich. Dafür reicht mein Deutsch dann doch nicht.“
„Bussard, an Swordfish four. Okay, buchstabiere mir, was du erkennen kannst.“
„Der erste Buchstabe ist ein ‚w‘, dann zweimal Gekrakel. Das am Ende des Wortes könnte ‚m‘ und ‚e‘ sein. Dann folgen: ‚b r e‘, Gekrakel und weiter ‚n‘, Gekrakel und ein ‚r‘, Bindestrich oder so und irgendetwas mit ‚kriechen‘ oder so ähnlich, könnte am Ende auch ein ‚o‘ und ein ‚l‘ sein. Aber da ist noch was drübergekritzelt. Sorry, Bussard. Aber Pitt reagiert kaum noch. Er wird also keine weiteren Hilfetipps geben können. Und die auf der Schreibtafel sind nicht gerade aussagekräftig. Oder? Ich glaube auch kaum, dass er das auf Englisch geschrieben hat. Also liegt es bei euch Deutschen, herauszubekommen, was er damit meint.“
Na klasse, jetzt spielen wir hier auch noch Glücksrad. Soll ich nun Konsonanten kaufen oder was?, dachte Jens, aber über Funk bedankte er sich höflich und ruhig bei dem jungen SEAL. Nochmals durchstöberte er Pitts Taschengurt, dabei in Gedanken die entzifferten Buchstaben mit den Lücken dazwischen wiederholend. W_ _ ME BRE_N_R - KRIECHENOL. Was wollte er mir damit sagen? … Und was ist denn das hier überhaupt für ein komisches Ding?
Jens hielt einen kleinen Behälter vor seine Maske und betrachtete ihn genau. Er hatte Ähnlichkeiten mit ihren Notluftpatronen, allerdings befand sich anstelle des Mundstücks so etwas wie eine minikleine Pistole am oberen Teil. Er zeigte mit dem, was er für eine Öffnung hielt, von sich weg und drückte den kleinen Abzugshahn.
„Wow!“ Jens war überrascht.
„Was ist los, Bussard?“, hörte er Sebastians Stimme.
„Kannst aufhören zu rätseln. Ich weiß jetzt, was Pitt meinte. Hab hier eine Miniausführung von so einer Art Unterwasserschweißbrenner bei seinem Zeug gefunden. Also schätze ich mal, er meinte mit seinem Buchstabensalat, dass man das untere Stück, also den Teil mit dem Gewinde, mit dem Brenner erwärmen sollte. Ich versuche das mal. Du kannst dir in der Zwischenzeit Gedanken um den zweiten Teil des Buchstabenkauterwelchs machen, sollte das mit der Wärme nicht klappen. Also, ich versuche hier mal mein Glück. Wenn es absolut nicht funktioniert, lassen wir den Springball einfach hier unten, und wenn wir weit genug weg sind, machen wir Schießübungen mit einem Torpedo drauf oder lassen ihn aufschwimmen und vernichten ihn über Wasser. Wäre zwar nicht gut für die Fische hier ringsum, aber ich kann hier schließlich auch nicht mehr ewig rumhängen.“
„Hier Captain Greenman, US-Navy, für Bussard.“
„Hier Bussard. Schön von Ihnen zu hören, Sir.“
Zwischendurch war ein anstrengendes Stöhnen von Jens zu vernehmen und danach ein leises Fluchen.
„Bussard, unser gemeinsamer Freund, ich glaube, er hat bei Ihnen den Skip ‚Waldkauz‘, hat sich das Material, das er für das Entschärfen der Minen benötigte, alles bei uns im Equipmentraum zusammengesucht. Dabei müsste auch ein kleinerer Druckbehälter in Form einer dünnen Spraydose gewesen sein, auf der ‚Penetrating oil‘ steht. Wir nehmen so ähnliches Zeug bei uns an Bord gern zum Rostentfernen, natürlich aus wesentlich größeren Behältnissen. Vielleicht hilft das ja.“
„Aber natürlich, Pitt meinte Kriechöl! Danke, Captain. Ich habe die Flasche entdeckt. Mal sehen, wie ich das Zeug hier unter Wasser in das Gewinde bekomme. Vielleicht funktioniert es auch gepaart mit der Wärme des Brenners. Nochmals danke für den Tipp. Ich melde mich wieder.“
Jens kommentierte weiterhin jeden einzelnen Arbeitsschritt. Dabei gab es zwar ein paar kleine Rückschläge, doch am Ende schaffte er es, das zerbrechliche Glasröhrchen ganz vorsichtig aus dem Behälter zu ziehen und die Zündhornhülse mit dem Druckauslöser, der nun aber wirkungslos war, wieder draufzuschrauben. Als letzte Handlung informierte er alle darüber, dass er das Ankertau gekappt hatte und die Mine jedoch nur sehr langsam, aber sicher der Wasseroberfläche entgegenschwebte, da Pitt sie, um sie weiter nach unten zu bekommen, teilweise geflutet hatte. Dass dies erst einmal geschafft war, löste bei allen eine gewisse Erleichterung aus. Trotzdem blieben sie wie gebannt vor den Lautsprechern stehen und hörten weiter dem Funkverkehr zu. Der Flugzeugträger machte derweil weiter volle Fahrt in Richtung des kleinen ägyptischen Schiffsverbandes. Der Geschwaderkommandeur schickte eine zweite Staffel F-14 los, um die andere abzulösen, die, so wie der Hubschrauber, zum Mutterschiff zurückkehren sollte, sobald sie eingetroffen war.
Jens hatte Pitt wieder übernommen und die beiden Taucher nach oben geschickt, damit sie nicht ebenfalls erst in die Nullzeit fielen, in der er selbst aber schon war.
Sebastian schaute immer wieder auf seine Uhr, berechnete schnell im Kopf den Luftverbrauch in der entsprechenden Tauchtiefe und überwachte akribisch den Aufstieg seiner beiden Freunde mit den entsprechenden Dekompressionspausen. Er gab genaue Anweisungen für Tauchtiefe, Wartezeit in dem Bereich und den Flaschenwechsel, damit sich Jens voll auf Pitt konzentrieren konnte, der stark krampfte und durch ihn mit festem Griff gehalten werden musste.
Als sie noch 18 Meter von der Wasseroberfläche entfernt waren, meldete Jens: „Unser Baby ist eingeschlafen. Er ist gerade bewusstlos geworden.“
„Scheiße, dann knall ihm ein paar ordentliche, bis er wieder zu sich kommt. Ich hasse es, wenn der Kerl bei der Arbeit pennt“, rief Sebastian laut auf. „Nun mach schon, Bussard. Die Knalltüte kann das ab. Er muss unbedingt wachbleiben.“
„Das weiß ich auch. Also lass mich mal machen.“
Das darauffolgende Schweigen schien förmlich durch den Äther zu knistern.
Einige Zeit später war wieder die, wie es schien, ganz entspannte Stimme von Jens zu hören: „Okay, ich habe ihn wieder.“
Alle, die das hörten, atmeten erleichtert auf. Vor allem die Besatzung des Trägers war begeistert von dem lockeren Umgang der Deutschen untereinander. Und das, obwohl sich ihr Dienstrang deutlich voneinander unterschied. Wobei soeben der Dienstgradniedrigste von ihnen das Kommando übernommen hatte und es der Flottillenadmiral aber für vollkommen normal zu halten schien und ganz selbstverständlich dessen Aufforderungen folgte. Sie hatten schnell bemerkt, dass bei diesen Männern die Freundschaft mehr als der Rang zählte und wie es schien immer derjenige das Sagen hatte, der auf dem entsprechenden Gebiet spezialisiert war. Sie waren fasziniert von ihrem perfekten Zusammenspiel. Dabei waren aber auch deutlich die Anspannung und die Sorge um ihren Freund Pitt Dressler zu erkennen.
Immer wieder beobachteten die Offiziere auf der Brücke den Deutschen, der auf dem Sessel des Captains saß und sich durch nichts ablenken ließ, was nicht direkt das Geschehen um seine beiden Freunde betraf. Weder die Injektion, die ihm der Arzt verabreicht hatte, noch dass ihm ein Matrose Kaffee anbieten wollte, schien er zu bemerken. All seine Sinne waren nur auf das eine Ziel fixiert. Dabei ließ er aber auch nicht die Bewachung des kleinen Schiffsverbandes außer Acht und fragte immer wieder den Staffelführer nach neuen Beobachtungen. Er dirigierte sogar jede der F-14 unabhängig voneinander zu verschiedenen Schwachstellen in dem Gebiet, die dem Verband sonst zum Verhängnis werden könnten, solange sie sich auf die Rettung von Pitt konzentrieren mussten. Dieses taktische Vorgehen versetzte hauptsächlich den Geschwaderkommandeur des Flugzeugträgers ins Staunen. „Hier Bussard an Wanderfalke. Okay, du kleiner Panikmacher, wir sind oben. Unser lebensmüder Vollidiot wackelt noch. Samuel übernimmt ihn gerade mit seinen Leuten“, meldete Jens völlig außer Atem. Dabei hörte er das Jubeln der Brückenbesatzungen in den Kopfhörern seiner Vollgesichtsmaske. Nur Sebastian bekam davon nichts mehr mit. Er war bereits im Sessel des Kapitäns bewusstlos zusammengesunken. Er hatte alles gegeben, was er konnte. Doch keinem der Männer auf der Brücke war das aufgefallen. Erst als er wieder zu sich kam und vor Schmerzen leise aufstöhnend, zu krampfen begann und dabei vom Sessel rutschte, wurden sie aus ihrem Freudentaumel gerissen.
„Ein Arzt und Sanitäter mit einer Trage, sofort auf die Brücke!“, rief der Erste Offizier über die Bordsprechanlage des Flugzeugträgers und wiederholte es noch einmal. Jedes der Besatzungsmitglieder ahnte, wegen wem nach den Sanis gerufen wurde. Captain Greenman begleitete den Arzt und Sebastian, der auf der Trage festgeschnallt werden musste, mit in den Krankenhaustrakt. Einige der Besatzungsmitglieder waren neugierig auf die Gänge getreten. Sofort sorgte Greenman dafür, dass der Weg für den schnellen Transport freigehalten wurde. „Was ist mit ihm?“, wollte er wissen, als sie auf der Intensivstation angekommen waren und die ersten Untersuchungen liefen.
„Ich schätze das Nervengift, Sir. Es ist noch immer aktiv.“
„Aber wie konnte der Mann das so lange durchstehen?“
„Ich weiß es nicht, Sir. Ich kann es nur auf die unheimliche Willensstärke des Mannes zurückführen, was auch den plötzlichen Zusammenbruch erklären würde, nachdem er sein Ziel erreicht hatte“, beantwortete der Arzt die Frage von Captain Greenman, während er sich weiter um seinen Patienten kümmerte. „Bringen Sie mir den Korvettenkapitän wieder auf die Beine“, sagte Greenman. Dabei schaute er sichtlich besorgt in das schmerzverzerrte, ungepflegte Gesicht des kleinen Mannes, der solche Stärke und Willenskraft bewiesen hatte. „Ich wünsche einen stündlichen mündlichen Bericht über seinen Gesundheitszustand. Sollte sich etwas ändern, dann erreichen Sie mich jederzeit.“ Damit zog sich Captain Eric Greenman zurück. Was sind das nur für Männer und Frauen, die das alles von sich aus und unter Einsatz ihres Lebens so selbstverständlich und aufopferungsvoll, auf sich genommen haben, als wäre es für sie vollkommen normal?, überlegte er, während er langsam durch die Gänge zum Fahrstuhl ging, um zur Brücke zurückzukehren.
Das angeschlagene Begleitboot verabschiedete sich, begleitet von dem ägyptischen U-Boot, vom Konvoi und trat die lange Fahrt zurück an.
Auch der Arzt an Bord der ‚Sinai‘ atmete auf, denn er kam mit seinen Leuten kaum noch nach, sie hatten mit den vielen Verwundeten des beschossenen Beibootes und der verletzt aus dem Meer gefischten Angreifer mehr als genug zu tun. Er war froh, als der kleine Konvoi sein Ziel endlich erreicht hatte und sie bald Hilfe bekamen.
Nacheinander legten die Begleitboote am Flugzeugträger an. Die verletzten Soldaten und nicht mehr auf den Schnellbooten benötigten Besatzungsmitglieder gingen über eine Gangway an Bord.
Nachdem die Schwerstverwundeten von der ‚Sinai‘ gebracht worden waren, legte auch sie wieder ab, um mit Hilfe eines frisch aufgetankten ‚SH-60F Sea-Hawk-Hubschraubers‘ die tödliche Fracht auf den Flugzeugträger umladen zu können.
Mehrmals musste der Hubschrauber die kurze Strecke zwischen Flugdeck und dem Marineschnellboot absolvieren, um alle Kisten sicher auf das Deck des Flugzeugträgers zu bringen. Keiner der Männer an Bord hatte wirklich an diese Menge geglaubt, als sie vor Tagen von Flottillenadmiral Arend erfahren hatten, dass dafür auch einer ihrer Transporthubschrauber nicht ausreichen würde.
Captain Eric Greenman, stand beeindruckt vor dem riesigen Stapel von Kisten. Nur langsam näherte sich ihm ein groß gewachsener Mann mit dunkelblondem Haar und einem ebensolchen müden und unrasierten Gesicht, wie er es schon bei Pitt Dressler und Sebastian Rothe gesehen hatte. Dieser Mann trug an den Armen, noch feuchte, durchgeblutete Verbände und ein ihm viel zu enges und zu kleines Shirt der ägyptischen Marine, das schon an den Schulternähten aufplatzte und frische Blutflecke aufwies. Der Mann hielt schützend eine Hand vor seine, wie es schien, schwer verletzte Schulter, und in seinem Gesicht zeichneten sich frische Kratzer ab.
„Lassen Sie mich raten“, begann Captain Greenman, noch bevor der Mann etwas sagen konnte. „Sie sind auch lange nicht mehr an ihren eigenen Kleiderschrank gekommen.“
„Da haben Sie wohl recht, Captain Greenman, denn der steht in Deutschland. Ich bin hier nur in meiner Uniform angereist, da ich nicht im Geringsten geglaubt hätte, dass es ein so langer Ausflug werden könnte. Aber die Uniform wieder anzuziehen, hatte ich noch nicht die Zeit. Ich glaube, sie würde auch nicht ganz zu meinem jetzigen Allgemeinzustand und Aussehen passen“, antwortete der Mann lächelnd und zeigte dabei auf sein Gesicht. Dann stellte er sich als Flottillenadmiral Jens Arend vor und bat, wie es auf See Brauch war, an Bord kommen zu dürfen..
„Erlaubnis erteilt. Herzlich willkommen hier an Bord, Flottillenadmiral Arend“, begrüßte der Kapitän den Mann, mit dem er schon über Funk gesprochen hatte, und reichte ihm seine Hand. „Schön, sie endlich auch persönlich kennenzulernen.“
„Danke, Cap. Das ist ganz meinerseits“, antwortete Jens ehrlich. Dann schauten beide Männer wieder auf den riesigen Stapel von Kisten.
„Da haben sie aber ganz schön was zusammengesammelt. Ich muss zugeben, ich hatte wirklich geglaubt, sie übertreiben gewaltig, was die Masse angeht, oder wüssten vielleicht nicht, wie viel in einen unserer Sea Hawks hineingeht. Nun haben sie mich hier eines Besseren belehrt. Sie kennen den Laderaum dieses Hubschraubertyps verdammt genau. Sie haben mit den Männern Großartiges geleistet.“
Jens bedankte sich für das Lob. Dann stellte er ihm Oberstleutnant Kebier vor, der gerade zu ihnen getreten war. Und fragte, ob sie für die kurze Zeit, während sie hier auf dem Träger waren, auch die Gefangenen an Bord, in sicheren Gewahrsam, bringen dürften.
„Aber natürlich, wir haben für die Herrschaften schon unsere Luxussuiten für VIPs reserviert. Darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern, das übernehmen wir sehr gern. Meine Männer geleiten die gleich persönlich dahin.“ Dabei beobachteten die drei Offiziere, wie die Kisten über den Außenfahrstuhl, der eigentlich für den Transport der Flugzeuge bestimmt war, nach unten über den Hangar in die sicheren Laderäume des Rumpfes transportiert wurden. Jens und Mahmud waren sichtlich froh und erleichtert, das Zeug endlich los zu sein.
„Kommen Sie, meine Herren, ich zeige Ihnen Ihre Quartiere“, sagte Captain Greenman und lud sie ein, sich in den Geländewagen zu setzen, der sie über das Flugdeck zur anderen Seite bringen sollte.
„Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Sir. Aber Oberstleutnant Mahmud Kebier und ich, wir möchten gern erst zu unseren Männern, die wohl zurzeit bereits in ihrer Krankenstation gut versorgt werden.“
„Sie haben recht. Auch mich interessiert der Zustand dieser mutigen Männer. Das Pentagon fragte auch schon danach. Also gehen wir erst zum Krankenhaustrakt.“
Während der kurzen Fahrt und dann auf dem Weg durch die verschiedenen Gänge, erkundigte sich Jens nach seinem Freund, Korvettenkapitän Sebastian Rothe. Eric Greenman musste ihm mitteilen, dass der Mann, gleich nach der Rettung von Pitt, auf der Brücke in schmerzhaften Krämpfen zusammengebrochen war und seitdem mehrmals sein Bewusstsein verloren hatte.
„Ensign Jack Darsy, geht es leider genauso“, sagte Jens besorgt.
„Ist das der SEAL, von dem Fregattenkapitän Pitt Dressler gesprochen hat?“, wollte Greenman wissen.
„Ja, Sir.“
Als sie den ersten Behandlungsraum betraten, sprangen die SEALs sofort auf, standen stramm und salutierten, als sie den Captain erblickten.
„Lasst das mal sein, Leute“, wehrte Eric Greenman schnell ab und informierte sich über ihre Verletzungen. Auch sie hatten diverse Blessuren auf ihren Rücken und andere Wunden, die durch den Tauchgang wieder aufgebrochen waren.
Fragend wandte er sich an den Flottillenadmiral: „Sagen Sie, mir ist das schon bei Mister Pitt, so wie nun auch bei Ihnen und diesen Männern aufgefallen. Sie alle haben sehr viele Verletzungen und Hämatome auf ihren Rücken. Woher stammen die?“
„Diese Verletzungen werden Sie auch bei all den anderen Männern entdecken, außer bei Korvettenkapitän Sebastian Rothe. Sie alle haben die Kisten und vor allem ihren Inhalt mit ihren Körpern vor der Zerstörung geschützt, als die Höhlendecken einstürzten. Dazu kommen auch noch ein paar Knochenbrüche. Die restlichen Verletzungen sind Schuss- und Stichwunden aus den Kämpfen. Das heißt aber nicht, dass sich der Korvettenkapitän dabei herausgehalten hätte. Er hatte in der Zwischenzeit sein Leben bei dem Einsturz riskiert, damit wir die Höhle überhaupt wieder verlassen konnten. Ohne ihn wären wir dort lebendig begraben gewesen. Und was Sie vielleicht an den Unterarmen meiner Freunde und mir bemerkt haben, sind Verletzungen durch das liebevolle Spiel mit einem Hai, das wir mit ihm hatten, als wir unsere Freundin nur langsam an die Wasseroberfläche zurückbringen konnten.“
„Ah ja, Sie meinen die Frau von Fregattenkapitän Wildner, die allein gegen zwei Angreifer, die zuvor zwei meiner SEALs umgebracht hatten, das Anthrax so mutig verteidigte?“
„Ja, Sir. Ich meine genau diese Frau. Sie heißt Anne Wildner. Sie kämpft noch immer im Militärlazarett um ihr Leben. Wir glauben, dass eine oder beide Harpunenspitzen, mit denen sie durchbohrt wurde, ebenfalls mit dem Nervengift, welches auch Jack und Sebastian erwischt hat, präpariert waren. Obwohl es Fregattenkapitän Andreas Wildner, nach seinem Einsatz noch nicht viel besser geht, sitzt er bereits im Rollstuhl neben ihrem Bett und weicht kein Stück von ihrer Seite. Eigentlich hatte bis dahin nur er die körperlichen Erfahrungen mit diesem speziellen, neuen Nervengift vor drei Jahren machen müssen. Und für ihn war es der Weg durch die Hölle, den er nun noch einmal geht, weil er sieht, wie jetzt seine Frau darunter leidet. Er kennt genau die kaum erträglichen Schmerzen, die dieses Mittel auslöst. Und unsere Anne kämpft nun mit ihren schweren Verletzungen und dem Gift, das den Körper von innenher zu verbrennen scheint.“
Erschüttert sah Eric Greenman den Mann neben sich an.
„Aber ich denke, sie haben ein Gegenmittel dafür?“
„Ja, das dachten wir auch. Doch wie Pitt herausgefunden hat, scheint das Zeug in der Zwischenzeit um einiges höher konzentriert zu sein. Das habe ich unseren Leuten in Deutschland bereits mitgeteilt. Sie arbeiten schon daran. Ich hoffe nur, dass wir schnell das neue Gegenserum in unsere Hände bekommen, um wirklich und gezielt helfen zu können. Anne wird es nicht mehr lange durchhalten können, obwohl bei ihr die Konzentration schon abgeschwächt wurde, da sie eine Blutwäsche bekam und auch jetzt ständig neues Blut von ihren beiden SEALs erhält, die sich sofort zur Blutspende bereiterklärt hatten. Und ich denke, auch Jack und Sebi werden es nicht mehr lange durchhalten können, da ihre Körper durch die vielen Tage Kampf und den wenigen Schlaf schon sehr angegriffen und geschwächt sind.“ Noch während Jens sprach, betraten sie leise die Intensivstation, wo Pitt, Jack und Sebastian in einem Raum lagen.
„Hey Mädels“, grüßte Jens mit aufgesetzter Fröhlichkeit. „Wie wäre es, wenn ihr mal etwas Make-up auflegt? Denn so ungeschminkt seht ihr wirklich scheiße aus.“
„Halt’s Maul, du Großschnauze“, brachte Sebastian mit unterdrückten Schmerzen hervor. „Schau in den Spiegel und greif dir an deinen eigenen Riechkolben.“
Pitt zog zitternd seine Sauerstoffmaske vom Gesicht und grinste Jens frech an. „Chefchen, nur eine nett gemeinte Warnung. Ich würde unseren abgebrochenen Gartenzwerg an deiner Stelle nicht so reizen, sonst verdrischt er dich mit seinen Krücken, die er erst bekommen hat. Und du wirst es nicht glauben, aber ich helfe ihm sogar noch dabei. Tue uns den Gefallen, verziehe dich einfach und lass dich selbst verarzten. Außerdem stünde dir eine Rasur nicht schlecht. Da sehe ich ja besser aus“, brachte er leise hervor.
„Dem stimme ich uneingeschränkt zu, Jens“, meldete sich auch Jack und unterdrückte so gut er es konnte einen neuerlichen Schmerzschub, bis es nicht mehr ging und er gequält aufschrie.
Als sie die Intensivstation wieder verließen, zog ein kleines Lächeln auf das Gesicht von Jens. Das verstand Greenman nun gar nicht und hielt damit auch nicht hinter dem Berg.
„Captain. Ich glaube, ich muss da wohl etwas richtigstellen, nicht dass Sie denken, ich sei gefühllos oder weide mich an den Schmerzen meiner Männer. Doch ich kenne sie seit vielen Jahren. Und solange sie noch so drauf sind wie soeben, also die große Klappe haben, dann heißt es, dass sie kämpfen werden und nicht bereit sind, sich aufzugeben. Und ich denke, bei Ensign Jack Darsy kann ich das auch behaupten, denn wir haben uns in den vergangenen Tagen sehr gut kennengelernt. Ich empfand ihr Verhalten mir gegenüber auch nicht als respektlos, auch wenn das für Sie vielleicht so geglungen haben muss. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir füreinander den größten Respekt empfinden. Ich bin mit diesen Männern schon durch die Hölle und wieder zurückgegangen, da wird der Umgangston dann schon auch etwas rauer“, erklärte Jens.
Der ägyptische Oberstleutnant nickte zur Bestätigung.
„Ja, diese Männer sind einfach nicht normal.“
Gemeinsam suchten sie noch die anderen Krankenzimmer auf, in denen die ägyptischen Marinetaucher und Matrosen behandelt und versorgt wurden. Sie erfuhren, dass einige von ihnen schon in bequeme Quartiere entlassen werden konnten, um sich zu erholen.
Jens bestand darauf, auch die Gefangenen sehen zu wollen, die nach dem Angriff auf den Schiffsverband und die Flugzeuge, aus dem Wasser gefischt worden waren und medizinisch versorgt wurden. Zwei von ihnen hatten wirklich schwere Verletzungen davongetragen. Die meisten waren nur leicht verletzt. Im Gegensatz zu den Matrosen, des getroffenen Beibootes der ägyptischen Marine, wo zudem auch zwei Todesopfer zu beklagen waren.
Jens schaute in die Gesichter jedes Einzelnen von den Gefangenen, dann stellte er sich mitten in den Raum. „Hat mir irgend einer von ihnen etwas zu sagen?“, fragte er auf Englisch.
„Ja“, meldete sich einer der Kerle, den Jens sofort genau fixierte.
„Wir seien deutsche Staatsborgers und zu Unrecht her festverhalten.“
Grinsend ging Jens auf den Mann zu. „Oh, und wo kommen her du da?“, äffte er das falsche Deutsch nach.
„Ich kommen aus Borlin. Sind aufgegriffen zu Unrecht von dies Hurensohne“, sagte der angebliche Berliner und zeigte auf den ägyptischen Mann in Uniform.
Jens landete unerwartet für alle, einen linken Haken in der Magengrube des Typen, hielt ihn dabei an seinem Shirt aufrecht und sagte dann auf Deutsch: „Das war für den Hurensohn. Keiner beleidigt meine Freunde.“ Das Gleiche wiederholte er noch einmal auf Englisch. „Und nur so zur Information: Dein Deutsch war eine Beleidigung für meine Ohren und mein Heimatland, dessen Hauptstadt nicht Borlin, sondern Berlin heißt. Also, aus welchem Scheißhaufen bist du und der Abschaum hier gekrochen? Und wagt euch dabei ja nicht, den Namen eures wirklichen Heimatlandes zu beschmutzen, denn auch darauf reagiere ich sehr gereizt“, fauchte Jens, den Mann dicht an sich heranziehend. Er raffte das Shirt des etwas kleineren, schmächtigen Kerls vor dessen Brust zusammen und hob ihn mit dem rechten Arm, gute zehn Zentimeter aus. „Ich will also nicht wissen, aus welchem Land ihr kommt, sondern von welcher der Inseln im Dahlak-Archipel. Sollte dir Spatzenhirn nicht klar sein, was ich meine: Ich rede von der Inselgruppe, die zu Eritrea gehört, die ihr illegal für eure Machenschaften nutzt. Und nur so zur Info. Ich komme wieder, und wenn ich dann nicht alles erfahre, ziehe ich hier einem nach dem anderen das Fell über die Ohren“, zischte er mit leiser, bedrohlicher Stimme. Er ließ den Mann ganz langsam wieder herunter und stieß ihn verächtlich zurück auf eine der Krankenliegen, dann wandte er sich ab.
„Mahmud, merk dir diesen Kerl, der ist meine. Den nehme ich mir auf der Heimfahrt als ersten vor“, sagte Jens, ins Arabische wechselnd. Mit erstaunt aufgerissenen Augen sah Captain Greenman den Flottillenadmiral an.
„Wow, Sie gehen aber ganz schön ran. Machen sie nie Pause?“, fragte er leise, als sie zur Tür gingen, um den Raum zu verlassen.
„Nein, nicht solange, bis wir sie alle haben, und ich verspreche Ihnen, Sir, dass wir genau von diesem Kerl dort bald erfahren, auf welcher der Inseln ihr Hauptquartier ist.“
„Sie können uns gar nichts, Mister“, schrie der Mann, der sich noch immer den Bauch hielt, Jens aber frech angrinste. „Wir befinden uns hier auf einem Flugzeugträger der US Navy und somit auf amerikanischem Hoheitsgebiet. Damit genießen wir den Schutz der Vereinigten Staaten.“
Gerade als Jens sich umdrehen und etwas erwidern wollte, hielt ihn Captain Greenman am Arm zurück und trat dem Mann ein Stück entgegen.
„Nur wollen wir Sie hier nicht haben. Sie beschmutzen und besudeln mein Schiff. Wir versorgen hier nur Ihre Wunden, weil wir von der ägyptischen Marine darum gebeten wurden. Mehr nicht. Danach übergeben wir Sie wieder an diese Leute, die Sie in das dortige Militärgefängnis bringen werden, wo Sie auch hingehören, da Sie ihre Schiffe angegriffen haben. Also genießen Sie ihren nur noch kurzen Aufenthalt hier. Danach finden Sie sich auf deren Schiff und damit auf dem Hoheitsgebiet Ägyptens wieder. Und bei denen gelten unsere Gesetze nicht. Die haben ihre eigenen“, konterte der Captain und schaute den Mann dabei giftig an.
Als die drei Männer den Raum verließen und die Tür hinter sich schlossen, nickte Jens dem Captain anerkennend zu.
„Sir, Sie sind gut. Aber Sie wissen schon, dass Sie den Mann eigentlich belogen haben? Denn wir bringen ihn nur nach Hurghada, wo er dann mit den anderen in eine Militärmaschine der US Air Force verfrachtet und in die Staaten gebracht wird“, meinte Jens.
„Ja, ich weiß. Aber ich dachte mir, dass es der Sache dienlich sein könnte, wenn Sie ihn sich noch einmal auf der Rückfahrt vornehmen wollen“, gab Greenman lächelnd zurück. „Aber nun kommen Sie erst einmal mit mir zum Arzt. Ich denke, einer von denen wird inzwischen etwas Zeit für Sie haben. Sie müssen behandelt werden. Ihrer linken Schulter scheint es ja auch nicht so toll zu gehen. Einer meiner Männer begleitet derweil Oberstleutnant Kebier und zeigt ihm das für ihn zurechtgemachte Quartier. Ich warte inzwischen hier auf Sie, bis Sie mein Doc wieder entlässt. Dann suchen wir für Sie ein paar Sachen, die Ihnen auch passen, und ich zeige Ihnen Ihre Kajüte, wo Sie sich etwas ausruhen können. In der Zwischenzeit werden ihre Boote betankt, mit Wasser, Lebensmitteln und allem, was sie sonst noch brauchen, aufgefüllt und beladen“, erklärte der amerikanische Kapitän.
Mahmud Kebier bedankte sich für die gute Versorgung seiner Leute und verabschiedete sich, um mit dem Soldaten mitzugehen und sich sein Quartier zeigen zu lassen.
Pitt wich nicht von der Seite seines Freundes. Er befeuchtete seine Lippen mit Wasser, kühlte seine heiße Stirn und tupfte ihm den Schweiß ab.
Es klopfte an der Kabinentür. Ein Matrose brachte eine weitere Flasche Wasser und für Pitt einen Becher frisch aufgebrühten Kaffee. Während Pitt dankbar ein paar Schlucke des heißen Getränks schlürfte, ließ er Sebastian nicht aus den Augen. Er achtete auf jede, noch so kleine Regung von ihm. Sobald er mal wieder aus seinem Dämmerzustand erwachte, nutzte Pitt es, um ihm etwas Wasser einzuflößen. Vorsichtig hob er dafür seinen Kopf an. Dabei bemerkte er, dass der Verband erneut von einer Art flüssig, gelblich-braunem Sekret durchnässt war. Pitt entschloss sich, den Verband zu erneuern. Als er die alte Kompresse entfernte, fiel ihm ein klitzekleiner, dunkler Fremdkörper darauf auf. Er legte die Mullkompresse beiseite und versorgte weiter die Wunde seines Freundes.
„Sebi?“, fragte Pitt, während er ihm noch etwas Wasser einflößte. „Wo genau hattest du dir die Beule geholt?“
„Erst an der Luke, die zuschlug, und gleich darauf, an der toten Riffwand wo es mich hingeschleudert hatte. Das habe ich doch schon erzählt“, antwortete Sebastian mit schwacher Stimme. Kurz darauf schlief er wieder ein.
Pitt rollte die Kompresse zusammen, steckte sie in eine kleine Plastiktüte und schob diese in seine Hosentasche.
Erleichtert stellte er fest, dass das Fieber seines Freundes etwas zurückgegangen war, was ihn aber nicht wirklich beruhigen konnte.
Plötzlich bemerkte Pitt, wie die Maschinen des ägyptischen Marineschnellbootes stoppten.
Sie konnten unmöglich bereits in Reichweite des Hubschraubers sein.
Das fehlt mir jetzt gerade noch. Nicht schon wieder diese Kerle, dachte er und schaute Sebastian besorgt an. „Sorry, Kleiner, aber du musst kurz ohne mich klarkommen. Also halte durch und kämpfe. Ich bin gleich zurück“, sagte er, und lief aus der Kajüte hoch zur Brücke.
„Was gibt es, Kapitän?“, fragte er, kaum dort angekommen, auf Arabisch.
„Der Hubschrauber kommt euch gleich holen. Sie haben ihn mit Extratanks ausgestattet, um seine Reichweite zu erhöhen, damit wir für Sebastian Zeit gewinnen“, berichtete der Kapitän der ‚Giftun‘.
„Klasse. Ich mache Sebi sofort fertig“, antwortete Pitt.
„Ich wünsche ihm viel Glück. Bis in ein paar Stunden. Ich kehre zum Verband zurück, sobald ihr runter seid.“
„Danke, Said!“, rief Pitt, während er schon auf dem Weg von der Brücke war.
Wieder bei seinem Freund, packte er ihn fest ein. Als der Hubschrauber im Anflug war, kamen vier Matrosen, um Sebastian aufs Deck zu tragen, und halfen dann mit dabei, ihn sicher in den Bergungskorb zu legen.
Die Sonne war gerade als großer, roter Feuerball im Osten über dem Meer aufgegangen und sandte ihre ersten heißen Strahlen aus. Doch dafür hatte in dem Moment keiner der Männer einen Blick.
Der ‚Sea Hawk‘ hielt sich trotz des heftigen Windes wie festgeschraubt über dem Deck des Schnellbootes. Ein Mitglied der Hubschrauberbesatzung ließ den Bergungskorb mit einer Winde nach unten.
Je tiefer der Hubschrauber dabei kam, desto stärker machte sich dabei der Bodeneffekt der sich in Schwebeposition befindlichen Rotorblätter bemerkbar. Der dabei entstandene Wind fauchte zusätzlich zu dem ohnehin kräftigen Wind über das Deck. Das Wasser ringsum wurde aufgepeitscht und Gischt fegte über das Deck hinweg.
Nachdem Sebastian gut festgeschnallt war, zog Pitt sein T-Shirt aus und legte es schützend über das Gesicht seines Freundes. Er befestigte es an den Seiten des Korbes, damit es nicht weggeweht werden konnte, bevor er sich selbst den Gurt umlegte. Dann gab er das Zeichen, dass sie hochgezogen werden konnten.
Er hielt sich an dem Gestell des Korbes fest und achtete darauf, dass dieser nirgends an den Bootsaufbauten anstoßen konnte. Zwei der Besatzungsmitglieder im Hubschrauber brachten zuerst den Bergungskorb mit dem Verletzten ins Innerer der Maschine, dann halfen sie dem Mann, mit freiem Oberkörper hinein.
Noch während die Tür geschlossen wurde, drehte der Pilot bereits zügig ab und nahm Kurs auf den Flugzeugträger. Die beiden Männer, die Pitt in die Maschine geholfen hatten, sahen nun seinen braun gebrannten, muskulösen Oberkörper mit den vielen Narben und den frischeren Verletzungen.
Sie reichten ihm die Sprechgarnitur, wobei sie zusätzlich auch an seinen Unterarmen verschmutzte Verbände und an den Oberarmen weitere Wunden sahen. Sein gesamter Rücken war großflächig tiefblau, rot und grün verfärbt, geschwollen und wies Schürfwunden, Kratzer und andere kleine Verletzungen auf, die gerade erst frisch verkrustet zu sein schienen. Erschrocken schauten sie sich kurz an und dann wieder zu dem Mann.
Pitt bemerkte das und stellte sich und seinen Freund vor.
„Sie sind Fregattenkapitän Pitt Dressler?“, fragte der eine Soldat ungläubig. „Und das ist Korvettenkapitän Sebastian Rothe?“, dabei zeigte er auf den fiebernden Mann im Bergungskorb.
„Ja, sagte ich doch gerade“, antwortete Pitt höflich auf Englisch. „Gibt es damit ein Problem?“
„Nein, Sir. Ganz und gar nicht. Wir wussten nur, dass wir einen Verletzten mit Begleiter von dem ägyptischen Boot holen sollten. Wir hätten aber nie gedacht, dass Sie das sind. Entschuldigen Sie bitte“, antwortete der andere Soldat. „Wir glaubten, es würde sich um Ägypter oder welche von unseren Leuten handeln. Aber dass Sie es sind, damit hätten wir nicht im Traum gerechnet.“
Pitt verstand sehr wohl, was der Mann meinte, aber stichelte doch in eine andere Richtung.
„Oh, Deutsche sind da hier wohl nicht so willkommen? Da sollten wir wohl lieber schnell bei nächster Gelegenheit aussteigen und aufs nächste Taxi warten?“
„Nein, Sir. Das meinten wir ganz bestimmt nicht. Nur hätten wir gerade mit ihnen nicht gerechnet.“
„Ach, Sie dachten wohl, wir stecken alles mit links weg, als wäre es nichts? Ja Jungs, da muss ich euch enttäuschen. Auch wir sind nur einfache Menschen und verwundbar“, sagte Pitt und lächelte die beiden Männer an. Dann konzentrierte er sich aber wieder auf Sebastian und gab ihm aus einer Flasche, die er mit in den Bergungskorb gelegt hatte, einen Schluck Wasser zu trinken.
Er nahm Sebastian die Decke ab, da es dem sichtlich darunter zu heiß wurde. Als die beiden Männer nun auch noch den verbundenen Beinstumpf sahen, erschraken sie sehr.
„Nein, nein, Jungs, nur keine Panik“, beruhigte Pitt die Männer, als er es bemerkte. „Das ist schon dreizehn Jahre her. Wir haben hier ein ganz anderes Problem. Also sagt eurem Piloten, er soll ordentlich Dampf machen.“
Auch auf dem Körper und den Armen des Schwerverletzten entdeckten die jungen Soldaten einige, verhältnismäßig frische Wunden.
„Sir, entschuldigen Sie bitte die Bemerkung. Aber sie sehen beide aus wie durch den Fleischwolf gedreht“, meinte der Pilot der Maschine, der neugierig geworden zu ihnen nach hinten schaute, und sich als Commander Willson vorstellte.
„Eure SEALs und viele ägyptische Marinetaucher und Matrosen sehen nicht besser aus. Diese Kerle, mit denen wir es zu tun haben, spritzen nicht gerade mit Wasserpistolen, und selbst wenn sie das täten, wäre da bestimmt kein Wasser drin. Zwei eurer SEALs sind schon seit Tagen mit der Blutspende für unsere Freundin in Beschlag genommen, so schwer wurde sie verletzt.“
„Sie meinen die Frau von Fregattenkapitän Andreas Wildner. Wir haben schon davon gehört. Eine sehr mutige Frau, ebenso wie die Frau von Korvettenkapitän Rothe“, antwortete der Pilot. „Sir, in einer Stunde sind wir da.“
Pitt nickte verstehend und fragte dann: „Können Sie mir die ‚Sinai‘ auf einer abhörsicheren Leitung geben?“
„Ja, Sir“, meldete sich der Co-Pilot. „Ich bin schon dabei.“ Und wenig später: „Sie können sprechen, Sir.“
Pitt bedankte sich und hörte kurz darauf den ersten Offizier der ‚Sinai‘. Er meldete sich auf Arabisch und berichtete ihm, dass sie bereits in der Luft waren und das Fieber von Sebastian nur langsam sank. Er bat darum, es den anderen auszurichten, damit sie sich keine weiteren Sorgen machten. Dann fragt er, ob im Verband alles in Ordnung sei, und lauschte dem Bericht des Ersten Offiziers. Kurz darauf beendete er das Gespräch und bat den Co-Piloten, wieder auf Englisch, die Verbindung zu trennen.
Pitt schaute auf seine Uhr und stellte fest, dass es Zeit für eine erneute Injektion für seinen Freund wurde. Er griff in die Tasche, die er neben Sebastian im Korb deponiert hatte. „Commander Willson, könnten Sie mal ihre Mühle etwas ruhiger halten?“, bat er. „Ich habe hier kurz was zu erledigen.“
„Roger“, antwortete der Pilot und schaute neugierig über seine Schulter nach hinten.
Pitt zog geübt eine Spritze auf und verabreichte Sebastian das Antibiotikum, welches ihm der Schiffsarzt mitgegeben hatte. Als er bemerkte, dass Sebastian stark zu krampfen begann und sein Gesicht sich schmerzlich verzog, holte Pitt sein Notpack aus der Gürteltasche und zog zwei Ballonspritzen daraus hervor, eine mit rotem Spritzenball und die andere mit weiß-grün gestreiftem Ballonkörper. Beide zeigte er seinem Freund. Als der schwach nickte, wusste Pitt Bescheid. „Scheiße. Du Rindvieh, hättest du nicht eher was davon sagen können? Jetzt wird’s verdammt eng, mein Alter. Beiß die Zähne zusammen und halt einfach durch“, murmelte er leise, eigentlich nur für Sebastian bestimmt. Aber die Männer hörten es über ihre Sprechgarnituren mit.
Pitt stach die beiden Nadeln gleichzeitig in den Oberschenkel seines Freundes und drückte den Inhalt der Ballons nur langsam aus. Die Besatzung des Hubschraubers wusste, was in der roten Ballonspritze war, und der Pilot versuchte, noch etwas mehr aus seiner Maschine herauszuholen.
„Sir, Sie haben ihm neben Morphin auch ein anderes Mittel gegeben. Das kennen wir nicht. Was war das?“, fragte der Commander.
„Das war ein neues Breitbandserum gegen einen Nervenkampfstoff“, antwortete Pitt kurz.
„Ist etwa doch welches von dem Zeug ausgetreten?“, wollte der Co-Pilot wissen.
„Nein. Das gerade war eine Vorsichtsmaßnahme gegen ein fieses Nervengift, das den Körper unter unmenschlichen Schmerzen und Krämpfen, innerlich zu verbrennen scheint. Das ist uns vor drei Jahren das erste Mal untergekommen. Unser Labor hat daraufhin dieses Gegenmittel entwickelt. Es hat aber auch eine gewisse abschwächende Wirkung gegen andere gefährliche Gifte. Allerdings lässt das Mittelchen bei diesem speziellen Nervengift noch zu wünschen übrig. Es tut noch nicht einmal zu sechzig Prozent von dem, was es eigentlich tun sollte“, erklärte Pitt kurz. „Also gebt der Mühle noch mehr Speed. Lange hält das Mittelchen nämlich nicht vor“, sagte er. Dabei kümmerte er sich weiter um seinen Freund und gab ihm etwas von dem Wasser zu trinken. Sebastian schloss wieder die Augen und sein Kopf wurde in Pitts Arm schwer.
Endlich landete der Hubschrauber weich auf dem Flugzeugträger. Die Sanitäter standen schon mit einer Krankentrage bereit, um den Patienten schnell zu übernehmen. Pitt blieb die gesamte Zeit bei ihm und lief gemeinsam mit den Männern zum Aufzug. Damit gelangten sie schnell zum Krankenhaustrakt, wo bereits die Ärzte warteten.
Pitt berichtete den Medizinern, unter welchen Umständen sich Sebastian die Verletzung vor etwas mehr als fünfzig Stunden zugezogen hatte, und zählte in zeitlicher Reihenfolge die Symptome auf, die seit der letzten Nacht aufgetreten waren. Ebenso informierte er sie darüber, wie sie diese bisher behandelt hatten.
Zuletzt zog er die Plastiktüte mit der Kompresse aus seiner Hosentasche. „Hier, das habe ich beim letzten Verbandswechsel entdeckt. Es muss aus der Wunde stammen“, sagte Pitt und reichte die Tüte einem der Ärzte, der sofort damit in eine andere Richtung davonlief.
Der Kapitän war persönlich in die Notaufnahme des Krankenhaustraktes gekommen, um sich nach den Schwerverletzten zu erkundigen. Der Mann ging zielstrebig auf den Anmeldetresen des Krankentraktes zu, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die Falten seiner Hose waren ebenso scharf wie die Spitzen seiner goldenen Sterne auf den Schulterstücken seines kurzärmlichen Uniformhemdes. Durchdringend braune Augen strahlten Selbstbewusstsein aus. Sein graues Haar war militärisch kurz gehalten. Er schien mit seiner Anwesenheit den gesamten Raum auszufüllen.
Sofort sprang Pitt, der zuvor noch erschöpft auf einem Stuhl gesessen hatte, auf. Er machte eine kurze Ehrenbezeugung und stellte sich dann vor. Der Mann schaute sich den groß gewachsenen, kräftigen Mann, der mit freiem Oberkörper, verbundenen Unterarmen, zerrissenen Hosen, die von Blutflecken getränkt waren, unrasiert und barfuß vor ihm stand, genau an.
„Willkommen auf meinem Schiff, Fregattenkapitän Dressler. Ich bin Captain Eric Greenman“, sagte der Kapitän dann und streckte dem Mann seine Hand entgegen, die Pitt ergriff und fest drückte.
„Oh, entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug, Captain Greenman. Aber ich bin seit einigen Tagen nicht mehr an meinen Kleiderschrank herangekommen und die Sachen von unseren ägyptischen Freunden auf dem Marineboot waren mir einfach zu klein. Und wirklich Zeit für eine ordentliche Rasur blieb, zu meinem Leidwesen, auch nicht“, erklärte Pitt, nachdem er den abschätzigen Blick von Greenman bemerkt hatte. Dabei schaute er ihn aber lächelnd aus seinen müden Augen an.
„Dem kann Abhilfe geschaffen werden. Kommen Sie doch bitte mit mir mit, Fregattenkapitän“, sagte Greenman. „Ich versichere Ihnen, Ihr Freund ist hier in den besten Händen“, fügte er hinzu, als er sah, wie sich der Mann besorgt nach Sebastian umsah. Er begleitete Pitt höchstpersönlich in die Kleiderkammer, obwohl er das auch einem seiner Unterstellten hätte übertragen können. Er reichte ihm ein Bündel Sachen aus einem der Regale, bei denen er davon ausging, dass sie dem Mann passen dürften. Pitt entschuldigte sich dafür, weil er sich gleich eines der T-Shirts überziehen wollte, bevor er sich etwas waschen und frisch machen konnte. Dabei wandte er dem Captain den Rücken zu, als er den Sachenstapel dafür auf eine Bank legte.
„Fregattenkapitän Dressler, ich glaube, Sie sehen so aus, als würden Sie selbst auch ärztliche Hilfe benötigen“, meinte Greenman, als er den Rücken des Mannes sah. „Diese Wunden sehen nicht gut aus. Und wenn ich fragen darf: Woher stammen die vielen Narben?“
Pitt erzählte dem Kapitän, dass er sich diese Narben zugezogen hatte, als vor drei Jahren ein Sprengsatz, in einem Boot, in dem er noch stand, explodiert war, und einige andere des Sammelsuriums von weiteren Einsätzen stammten. Dann sah der Kapitän den durchbluteten Verband an Pitts Oberschenkel, als er schnell seine Hose wechselte. Aber er schwieg dazu.
„Meine Männer haben für Sie eine Kabine bereitgestellt. Dort können Sie sich frisch machen und sich etwas erholen.“
„Danke, Sir. Aber dafür habe ich später noch Zeit. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich Sie darum bitten, dass ich Verbindung mit dem ägyptischen Marinekonvoi aufnehmen kann. Ich habe keine Ruhe, bevor das Zeug darauf nicht wirklich sicher ist. Noch stehen wir auf der Abschussliste, der Kerle, ganz oben an erster Stelle.“
Das verstand Captain Greenman und nickte Pitt anerkennend zu. Gemeinsam machten sich beide auf den Weg zur Brücke. Unterwegs hielt der Kapitän einen der Matrosen an und gab ihm ein paar kurze Befehle. Sofort lief der Mann daraufhin los.
Als der Captain Greenman Pitt immer wieder mit der vollen Dienstrangbezeichnung ansprach, wurde es Pitt langsam zu viel.
„Captain Greenman, Sir. Bitte entschuldigen Sie. Aber diese lange Rangbezeichnung bin ich gar nicht mehr gewohnt. Denn ich bin nun schon seit drei Jahren aus dem aktiven Dienst, und nur noch Reservist. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich einfach nur bei meinem Namen oder, noch besser, bei meinem Vornamen nennen würden, so wie es die meisten tun. Ich heiße Pitt, einfach nur Pitt, Sir.“ Das selbstsichere Auftreten und trotzdem diese Lockerheit des Deutschen, ohne dabei hochnäsig zu wirken, imponierten dem amerikanischen Kapitän und er lächelte ihm zu.
„Gut, Mister Pitt. Mein Name ist Eric Greenman“, sagte er und bot damit Pitt an, auch ihn nur beim Namen nennen zu dürfen. „Nur entschuldigen Sie, wenn ich Sie meinen Männern auf der Brücke trotzdem mit ihrem vollständigen Dienstrang vorstellen werde.“
„Wenn sich das nicht vermeiden lässt, dann muss es wohl so sein“, meinte Pitt.
„Es muss sein, Mister Pitt. Ich will, dass sie wissen, mit wem sie es zu tun haben“, antwortete der Kapitän lächelnd, und legte dabei seine Hand freundschaftlich auf Pitts Schulter, als er ihn durch die offene Tür der riesigen Kommandobrücke schob.
„Captain betritt die Brücke!“, rief einer der Offiziere, als er ihn mit dem groß gewachsenen, breitschultrigen, ungepflegt aussehenden Mann kommen sah.
„Weitermachen, Männer“, sagte der Kapitän. „Wenn ich vorstellen darf: Das ist Fregattenkapitän der Reserve Pitt Dressler. Er ist, ebenso wie seine deutschen Kameraden, mit Sondervollmachten vom Pentagon ausgestattet. Er wird, so wie die anderen, die noch auf dem Weg hier her sind, eine Weile unser Gast sein. Ich möchte, dass sie ihn seinem Rang entsprechend auch mit dem gebührenden Respekt behandeln.“ Die Männer auf der Brücke sahen sich verwundert an.
„Sir, bei allem Respekt, aber darauf hätten Sie uns nicht extra hinweisen brauchen. Es ist uns eine große Ehre, Fregattenkapitän Dressler persönlich kennenlernen zu dürfen“, sagte der Erste Offizier.
„Gut, Oberleutnant Miller, dann stellen Sie für unseren Gast doch gleich einmal eine abhörsichere Verbindung zum ägyptischen Marineschnellboot ‚Sinai‘ her“, sagte der Kapitän zufrieden und bot Pitt seinen Platz an. Etwas unsicher ging Pitt auf den Stuhl zu, wollte sich dann aber doch lieber auf einen Stuhl, neben dem Kapitänssessel setzen.
Doch Eric Greenman zog Pitt zu sich. „Mister Pitt, keiner dieser Männer hier würde es jemals ablehnen, wenn ich einem von ihnen dieses Privileg anbieten würde. Also tun sie es auch nicht“, sagte er laut und drückte Pitt in den Sessel. Dabei lächelten ihn alle auf der Brücke zu und nickten zustimmend.
„Die Verbindung steht“, meldete sich Miller. „Sie können sprechen, Sir.“
Pitt bedankte sich beim Ersten Offizier und meldete sich dann auf Arabisch. Er begrüßte Kapitän Sayed Khairat und bat ihn darum, Oberstleutnant Kebier und Jens auf die Brücke zu holen. Als sich der Oberstleutnant meldete, sprach Pitt, damit die Männer auf der Brücke des Flugzeugträgers mithören und verstehen konnten, auf Englisch weiter. „Mahmud, Jens, wir sind gut auf dem Träger angekommen. Wie sieht es bei Euch aus? Sayed berichtete mir eben, dass ihr einen weiteren Kontakt mit den Kerlen hattet.“
„Ja Pitt, aber wir hatten wieder Glück. Sie haben uns nicht für voll genommen. Das hoffen wir zumindest“, erklärte Jens. „Und wie geht es unserem kleinen Scheißer?“, fragte er dann, was allen auf der Brücke ein kleines Schmunzeln ins Gesicht trieb.
„Er ist in guten Händen“, versicherte mir der Cap. Sie haben mich nicht Händchenhalten lassen“, gab Pitt zurück, doch dann wurde er ernst. „Ich weiß nicht genau, aber als ich Sebis Wunde neu verbunden habe, ist mir da was in der Kompresse aufgefallen. Ich könnte mich irren, aber es sah nach Überresten einer von solchen Giftkapseln aus, wie sie schon mal an Harpunengeschossen verwendet wurden. Sebis, erst auf dem Flug aufgetretenen, neuen Symptome würden auch dazu passen. Nur ist mir unklar, wieso die Wirkung erst so spät aufgetreten ist. Bei Andy war die Wirkung damals zwar auch verzögert, aber nur um ein paar Minuten und nicht um so viele Stunden wie jetzt hier bei Sebi. Außerdem beunruhigt mich, dass er es sich vielleicht an dem Lukendeckel oder an der Felswand eingefangen haben könnte. Der Arzt soll vorsichtshalber Jack auf diese Symptome untersuchen. Vielleicht hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Aber ich habe dabei so ein ungutes Gefühl. Nicht dass es da eine Art Sicherheitsvorkehrung in den Tauchbooten gab. Ich meine, dass die Jungs es beim schnellen Ausstieg vielleicht nur nicht mitbekommen haben. Ich kann mir nicht helfen, aber das spukt mir schon die ganze Zeit durch den Kopf, seit es Sebi so erwischt hat.“
„Danke Pitt, das war ein guter Tipp. Wir haben Jack nämlich wirklich schon auf der Krankenstation liegen und wussten mit den ersten Symptomen nichts anzufangen. Aber du kannst recht haben. Ich bin schon weg“, gab Jens zurück.
„Halt, Boss, warte. Nimm das Serum aus Sebis Gurt. Der müsste noch bei seinen Klamotten liegen“, sagte Pitt nach einer kurzen Pause, weil es ihm eben erst wieder eingefallen war.
Wenig später hörte er die Stimme von Kapitän Sayed Khairat: „Jens ist schon raus, aber ich habe ihm einen meiner Männer nachgeschickt. Gerade sehen wir die ‚Giftun‘ zurückkommen. Wenn nichts mehr dazwischenkommt, werden wir den Rendezvouspunkt am frühen Abend erreichen.“
„Gut, Sayed. Aber wenn irgendetwas bei euch nicht stimmt, dann meldet euch bitte hier. Vielleicht können wir von hier aus schon etwas tun“, sagte Pitt und beendete die Verbindung. Er schaute dabei sehr ernst und besorgt aus. „Ich habe kein gutes Gefühl dabei, dass sie wieder nur passiert wurden. Es war bereits hell draußen. Die Kerle müssten doch gesehen haben, dass es sich um den ägyptischen Schiffsverband handelt, auf dem die ‚Sinai‘ noch immer ihre Fracht und ihre Leute an Bord hat. Da stinkt was ganz gewaltig gegen den Wind, denn blind sind die Kerle bestimmt nicht. Die brüten was aus. Ich glaube kaum, dass sie ruhig zusehen werden, wie wir uns mit euch hier treffen wollen“, überlegte Pitt laut. Er verzog nur kurz das Gesicht vor Schmerz, als er sich mit dem Rücken im Sessel zurücklehnte. Doch Eric Greenman hatte es bemerkt.
„Dieser Jack, von dem Sie gesprochen haben, ist das ein Mann von euch?“, fragte er.
„Wie man es nimmt“, antwortete Pitt. „Er ist wie die anderen auch, ein guter Freund geworden. Aber eigentlich ist es einer von euren SEALs. Keiner von ihnen hat in den vergangenen vier Tagen viel Schlaf abbekommen. Es sind wirklich ein paar hervorragende Männer, die mit uns an ihre Grenzen gegangen sind. Ihr könnt sehr stolz auf sie sein.“
„Und wenn ich Sie ansehe, glaube ich, Sie hatten noch weniger Schlaf. Liege ich da richtig?“, fragte Greenman.
„Na ja, Sir, unser Einsatz hat etwas eher begonnen und die hohe Stickstoffsättigung durch zu lange, zu tiefe Tauchgänge und Kämpfe hat das Übrige getan. Da ist der Schlafentzug schon etwas zu spüren. Aber ohne diese Männer wären wir sicher nicht so weit gekommen, wie wir jetzt schon sind. Ich hoffe, dass sie es alle schaffen und es keine weiteren Verluste mehr gibt.“
Ein Matrose betrat die Brücke und brachte ein Tablett mit heißem Kaffee. Eric reichte Pitt eine der Tassen und stellte sich mit seiner eigenen neben ihn. Er überlegte kurz, dann gab er dem Geschwaderführer, für eine kleine Staffel von ‚F-14 Tomcat‘ den Einsatzbefehl zur Luftunterstützung, für den kleinen ägyptischen Marineverband.
Beeindruckt beobachtete Pitt von der Brücke aus den Start der fünf Tomcats und verfolgte gespannt die Funkgespräche mit, als er plötzlich die Stimme von Jens hörte, der den Flugzeugträger rief und Pitt verlangte.
Als Pitt sich meldete, berichtete Jens kurz, dass sie bei Jack einen winzig kleinen Einstich in der rechten Handfläche entdeckt hatten, mit der er, nach seiner Aussage, die äußere Druckschleuse geöffnet hatte. Und dass sie leider nur noch zwei Ballonspritzen in Sebis Pack gefunden hätten, aber diese nicht ausreichend wären.
„Scheiße, die haben die Konzentration von dem Zeug verstärkt!“, schrie Pitt plötzlich und sprang aus dem Sessel auf. „Ich habe hier noch ein ganzes Pack, aber habe Sebi auch nur eine Dosis verabreicht.“ Sofort wandte er sich an den Kapitän. „Besteht die Möglichkeit, dass eines ihrer Jäger starten und das Medikament über den Verband abwerfen kann, sodass sie es schnell auffischen können? Es ist eine absolute Zeitfrage und geht um Leben und Tod.“ Captain Greenman nickte ihm zustimmend zu. Woraufhin Pitt wieder in das Mikrofon sprach: „Bussard, euch erreicht gleich eine Staffel F-14 zu eurem Schutz. Aber wir schicken gleich noch einen Jäger mit dem Serum hinterher. Also achtet auf ihn. Er wird das Zeug für Jack abwerfen. Waldkauz Ende.“
Der Geschwaderführer gab sofort den Befehl, eine weitere Maschine startklar zu machen.
„Wo haben sie das Serum?“
„Bei den Sachen meines Freundes, in der Tasche.“
„Kommen Sie, Pitt. Sehen wir zu, dass wir den beiden Männern helfen können“, sagte Eric Greenman und lief auch schon los. Gemeinsam rannten sie den Gang entlang zum Fahrstuhl. In der Notaufnahme angekommen, setzte Pitt seinem Freund sofort eine weitere Injektion in die Armbeuge. Dann übergab er nach kurzer Erklärung drei der Ballonspritzen und bat den Arzt, nach kleinen Einstichstellen an Sebastians Händen zu suchen. Er schnappte sich die restlichen fünf Injektionsspritzen und die beiden Männer verpackten sie gemeinsam zu einem wasserdichten Päckchen. Schnell liefen sie auf das Flugdeck, wo bereits die Maschine startklar dastand und der Pilot gerade einsteigen wollte. Ein Soldat vom Deckpersonal kam ihnen hinterhergelaufen und reichte dem Kapitän ein kleines, graues Paket. Während sie weiterliefen, verbanden sie dieses mit ihrem Päckchen. Neben ihnen hielt ein offener Wagen und brachte sie zu der Maschine. Pitt übergab dem Piloten das Paket und wünschte guten Flug und viel Glück. Hinter dem Strahlabweiser hockend, beobachteten sie den Start der ‚Boeing F/A-18E Super Hornet‘ und sahen ihr noch eine Weile nach.
„So, und nun zu ihnen, Pitt“, sagte Captain Greenman streng. „Ich bestehe darauf, dass sie sich in unserem kleinen Krankenhaus an ihrem Bein behandeln lassen. Den Rücken werden sich unsere Ärzte auch mit ansehen müssen, ehe sie mir noch mehr Shirts und Hosen, durchbluten. Das ist schließlich Eigentum der US Navy“, sagte er, den letzten Satz nicht so ernst meinend. Dabei zeigte er auf den Rücken des Deutschen und grinste ihn an. Pitt zog sich das Shirt über den Kopf und sah die Blutflecke.
„Entschuldigen Sie, Sir“, sagte Pitt und schmunzelte den Kapitän verschmitzt an. „Habe ich gar nicht bemerkt. Sind eigentlich doch alte Wehwehchen.“
„Aber ja doch, das sieht man ganz deutlich. ... Verscheißern Sie keinen Captain der US-Navy. Diese Wunden sind nicht älter als achtundvierzig Stunden und wieder aufgebrochen. Ich halte jede Wette, dass die Verletzung am Bein auch nicht älter ist. Aber sie versauen damit gerade ihre Hose“, meinte Eric Greenman und legte Pitt seine Hand auf die Schulter. „Und damit sie nicht türmen können, begleite ich Sie höchstpersönlich zu den Ärzten. Danach bringt Sie einer meiner Männer in Ihr Quartier, damit Sie sich etwas ausruhen können“, erklärte der Kapitän. „Die frischen Sachen sind bereits dort. Jetzt schauen Sie doch nicht wie ein Laubfrosch aus der Mausefalle. Ich verspreche Ihnen, Sie sofort holen zu lassen, wenn es irgendetwas Neues geben sollte. Nun steigen Sie schon ein, oder meinen Sie, ich lege noch einmal so einen Wettlauf mit Ihnen übers Flugdeck hin? Den würde ich nicht mehr überstehen“, meinte der Kapitän, während er Pitt zu dem bereitstehenden, offenen Jeep schob. „Ich kann schon froh sein, dass ich mich, trotz dass Sie ein verletztes Bein haben, so halbwegs neben Ihnen gehalten habe. Sonst wäre ich zum Gespött meiner Männer geworden und hätte bei ihnen verspielt“, knurrte er mit ernster Stimme, doch zwinkerte Pitt dann lächelnd zu. Noch darüber lachend stiegen die beiden in den Wagen, der sie über das Flugfeld zurück zum Fahrstuhl brachte.
Doch bevor Pitt die Behandlung seiner Wunden zuließ, fragte er nach dem Gesundheitszustand seines Freundes, der weiterhin intensiv behandelt wurde. Er wollte alles ganz genau wissen.
Einer der Ärzte bestätigte, gleich mehrere kleine Einstichwunden in den Handflächen des Verletzten gefunden zu haben.
„Aber was war es dann, was ich ihnen auf der Kompresse mitgebracht habe, wenn das Gift doch wahrscheinlich durch die Handfläche eingedrungen ist?“, fragte Pitt verwirrt.
„Ihr Freund scheint ein Jäger und Sammler von sehr ausgewählten Giften zu sein“, antwortete der Arzt lächelnd. „Wir haben das kleine Stück untersuchen lassen, es stammt von dem Stachel einer Dornenkrone. Außerdem fanden wir in der Wunde noch so etwas wie ein winziges, kleines, sich schnell auflösendes Sekret. Wir wissen nicht genau, ob das vielleicht eines der Giftdrüsen des Stachels oder eine dieser von Ihnen beschriebenen Kapseln war. Ein Wunder, dass er das so lange mit dem Schmerz ausgehalten hat, ohne sich etwas davon anmerken zu lassen. Es kann aber ebenso gut sein, dass der Stachel in die schon offene Wunde, die er sich am Lukendeckel geschlagen hatte, wie Sie sagten, eingedrungen ist, ohne das Gift freizusetzen, da der Widerstand dafür zu gering war. Vielleicht passierte es erst, als das Eiter in der Wunde darauf Druck ausübte und die winzige Giftdrüse in dem Stachelschalenstück dadurch ausgedrückt wurde. Vielleicht deshalb die späte Reaktion. Dazu kommen die Sepsis durch die Wunde, und das Nervengift, welches uns bis jetzt unbekannt war. Sprich, Ihr Freund sammelte einen richtigen Giftcocktail in seinem Körper zusammen. Wir führen gerade eine Blutwäsche durch und versorgen die Kopfwunde, um eine weitere Sepsis zu verhindern.“
„Und bekommen Sie das in den Griff? Seine Frau und seine beiden Kinder, wie auch wir brauchen ihn noch.“
„Wir geben uns alle Mühe. Dank Ihrer Hilfe, sieht das auch recht gut aus. Doch versprechen kann ich noch nichts“, antwortete der Arzt ehrlich. „Aber kann sich nun mein Kollege auch endlich mal um Sie kümmern?“ Pitt nickte und setzte sich bereitwillig auf die Behandlungsliege.
Der Kapitän schüttelte nur mit dem Kopf, dann verabschiedete er sich erst einmal von dem Deutschen, da er zurück auf die Brücke musste.
Nachdem Pitts’ wieder aufgebrochene Verletzungen auf dem Rücken sowie die Wunde vom Streifschuss am Oberschenkel versorgt und die Bandagen an seinen Unterarmen erneuert waren, begleitete ihn ein Matrose zu seiner Kabine. Pitt bedankte sich und ließ sich gleich noch von ihm von dieser Unterkunft aus den Weg zum Brückendeck erklären. Bereitwillig gab der junge Mann Auskunft. Er nannte ihm die Nummern, die in jeder Etage und in jedem Flur an den Wänden von Wegkreuzungen und Treppenaufgängen zu finden waren, denen er folgen sollte, um sich in dem Labyrinth von Gängen nicht zu verlaufen. Dann verabschiedete er sich salutierend von dem deutschen Fregattenkapitän.
Pitt betrat die Kabine, suchte kurz nach dem Lichtschalter und schaute sich in dem kleinen und dennoch geräumigen Raum der Innenkabine um, der nun von einer Neonlampe erhellt wurde. Die frischen Sachen fand er ordentlich auf Kante gelegt auf dem Stuhl vor. Auf einem am Boden fest verankerten Tisch, um dessen Tischplatte eine leicht erhobene Leiste führte, standen ein Glas, eine Flasche Wasser und daneben ein Plastikteller mit frischem Obst. An der linken Wand hing ein großes Farbfoto des Flugzeugträgers mit gerade in den Sonnenaufgang startenden Hornets. An der Stirnseite, wo der Tisch stand, klebte ein Poster an der Wand, auf dem ein offenes Fenster zu sehen war und man dahinter auf eine weite Landschaft blicken konnte. Rechts davon befand sich die Liege, die tagsüber an die Wand hochzuklappen ging, frisch bezogen mit kleinkariert in Blau-Weiß gehaltenen Bettbezügen und einem strahlend weißen Laken. Die Weichheit des Bettes prüfend, drückte Pitt mit beiden Händen auf die Matratze und befand sie für sich als gut.
Auf der Bettdecke, auf einem exakt zusammengelegten, marineblauen Badetuch, stand eine hellgraue Kulturtasche. Neugierig schaute Pitt hinein.
Cool, da ist ja alles drin, was ich brauche, dachte er, schnappte sich die Tasche, legte das Badetuch um seine Schultern, klemmte sich den Kleiderstapel unter den Arm und schlüpfte in die am Fußende des Bettes stehenden Badelatschen.
Müde und erschöpft schleppte er sich in den nahe gelegenen Mannschaftswaschraum. Er schaute in den Spiegel und erkannte sich fast selbst nicht wieder. Tiefe Schatten lagen um die Augen. Sein Haar war stumpf und strähnig, es sah alles andere als gepflegt aus. Von der unteren Gesichtshälfte war nichts mehr zu sehen. Sie war unter langen, dunklen Bartstoppeln verschwunden. Im Großen und Ganzen sah er aus wie ein heruntergekommener Landstreicher. Pitt wunderte sich, dass er mit dem Aussehen überhaupt an Bord des Flugzeugträgers gelassen worden war. Dabei strich er sich mit der Hand über die stachlige, dunkelbraune Matte um Mund und Kinn.
Mit wehmütigem Blick schaute er zu den Duschen hinüber. Doch wegen der erst frisch angelegten Verbände fiel dieses ersehnte Vergnügen leider für ihn aus. Traurig schüttelte er den Kopf und griff zu Rasierschaum und Klinge. Er wusch sich das Haar und machte sich frisch. Als er erneut in den Spiegel schaute, erkannte er sich schon eher wieder. Nur gegen die dunklen Augenringe vermochte er nichts zu tun. Dafür fehlte ihm der nötige Schlaf. Frisch gekleidet, in legerer Dienstuniform ohne Rangabzeichen und Namen, machte er sich, leicht hinkend, auf den Weg zur Brücke. Es hatte sich schnell in der schwimmenden Stadt, bei den sechstausend Besatzungsmitgliedern, herumgesprochen, wer die beiden Neuankömmlinge an Bord waren. Obwohl er keinerlei Rangabzeichen trug, grüßten ihn die Männer, denen er unterwegs begegnete, mit einer zackigen Ehrenbezeugung, die Pitt anfangs verlegen erwiderte, weil er nicht damit gerechnet hatte.
Als er die Brücke betrat, schauten ihn die Männer verblüfft an.
„Mister Pitt, sind Sie es wirklich? Sie sehen ja auf einmal ganz anders, schon fast wieder wie ein Mensch aus“, sagte der Kapitän erstaunt, aber eher sarkastisch gemeint. „Warum ruhen Sie sich nicht aus? Stimmt etwa etwas mit ihrem Quartier oder der Koje nicht?“ „Nein, nein, damit ist alles in bester Ordnung, Sir. Danke“, antwortete Pitt schnell. „Aber ich möchte schon doch lieber hier mit auf der Brücke sein, wenn es ihnen nichts ausmacht. Denn auch meine Freunde haben noch keine Gelegenheit, sich auszuruhen. Und ganz ehrlich, wenn ich mich jetzt hinlegen würde, bekämen sie mich am Ende vielleicht nicht so schnell wach. Ich denke, ich würde schlafen wie ein Toter.“
36
Die fünf ‚F-14 Tomcats‘ zogen gerade über die Marineschnellboote hinweg, überwachten dabei genau die Umgebung und umkreisten dann in weiten Kehren den kleinen Verband. Jens lief wutentbrannt zum Unterdeck und ließ sich die Zelle von Jim Nessler aufschließen. Noch bevor der Gefangene reagieren konnte, hatte er ihn schon am Kragen gepackt und zog ihn hinter sich her. Als der Mann stolperte, zog Jens ihn ein Stück weiter, ehe er ihm aufhalf und ihn, noch immer fest am Kragen haltend, weiterlief.
„Los, komm schon, ich will dir was zeigen, du Schwein!“, schrie er und schob den Gefangenen bereits durch die Tür der Krankenstation, wo der junge Seal sich angeschnallt auf der Behandlungsliege in Schmerzen und Krämpfen wand. „Schau genau hin, so werden auch deine Tochter und deine Mutter leiden, und nur weil du Schwein uns nicht alles gesagt hast!“
Erschrocken schaute der Gefangene auf den Mann, der zusätzlich vom Arzt und zwei seiner Freunde gehalten werden musste. „Aber ... aber ich habe doch alles gesagt. Was hat er?“, fragte Nessler ängstlich und ganz durcheinander.
Sofort riss Jens ihn wieder mit sich aus dem Raum und schob ihn zwei Türen weiter in eine kleine Kammer, wo er ihn gegen die Wand drückte. Mit vor Wut blitzenden Augen sah Jens den Mann an. „Das ist die Wirkung eines Nervengiftes. Und es stammte wahrscheinlich von dem Griff der äußeren Schleusentür, aus dem meine Jungs ausgestiegen sind. Ich hoffe, du kannst dich noch daran erinnern. Es war dein Vorschlag. Du willst also doch nicht, dass wir dieses Morden verhindern. Hast du noch immer nicht kapiert, dass dieser Krieg auch deine Familie erreichen wird, wenn wir das Ganze hier nicht stoppen können? Du hast meine Männer auf dem Gewissen. Damit hast du die Bestie in mir geweckt. Also, was hast du zu sagen?“, schrie Jens, sich kaum noch beherrschend.
„Aber ich wusste doch wirklich nicht, dass die Sicherheitsvorkehrungen auch in diese Richtung wirken“, antwortete Jim Nessler ängstlich und verstört.
„Was für Sicherheitsvorkehrungen? Wie meinst du das?“, fauchte Jens noch immer wütend. Dabei zog er den Mann mit nur einem Arm am Kragen hoch, sodass dieser den Boden unter den Füßen verlor.
„Es war als Sicherung gedacht, sollte ein Fremder versuchen, über die Schleuse ins Tauchboot zu gelangen“, erklärte mit ängstlich geweiteten Augen, nach Luft ringend.
„Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Wie funktionierte diese Falle und warum tritt die Wirkung von dem Nervengift erst so spät ein?“, zischte Jens. „Na, vielleicht wird’s bald, ehe ich ganz die Geduld verliere!“
„Die Taucherschleuse durfte nur benutzt werden, wenn sie von innen über die Automatik geöffnet wurde. Würde sie manuell von außen geöffnet, sollten die Nervengiftkapseln zum Einsatz kommen. Man erklärte uns, dass da minikleine Kapseln unter hohem Druck aus einem Mechanismus im Drehrad herausgeschossen kommen. Die Außenhüllen der Kapseln sollten sofort gesprengt werden, wenn sie in Hautkontakt kämen. Darin befände sich ein, sofort wirkendes Betäubungsmittel, damit der Eindringling es nicht spürt und Gegenmaßnahmen ergreifen kann. Die zweite Kapselhaut ist so entwickelt worden, dass sie sich je nach ihrer Stärke, erst nach und nach im Körper auflöst, damit das Gift nicht sofort freigesetzt wird. Das war dafür gedacht, dass derjenige, wenn er erwischt wurde, unter den starken Schmerzen leichter zu verhören wäre, ohne sich dabei groß anstrengen und sich die Finger erst schmutzig machen zu müssen. Oder wenn der nicht erwischt würde, würde er trotzdem qualvoll abtreten.Aber ich wusste wirklich nicht, dass diese Sicherung auch das innere Verriegelungsrad der Schleuse betraf. Das müssen sie mir glauben. Wir hatten nur immer die Weisung, bei jedem Tauchgang einen Mann im Boot zu behalten, der die Schleusenautomatik zu bedienen hatte“, erzählte Nessler bereitwillig. „Mister, hätte ich es gewusst, ich hätte es ihnen gesagt“, jammerte und flehte er. „Wirklich, ich schwöre es ihnen, beim Leben meiner kleinen Tochter. Außerdem habe ich mal in einem Gespräch gehört, dass es unterschiedlich modifizierte Kapseln geben soll, die mit verschieden langen Verzögerungen wirken. Aber ich weiß nicht, wobei die eingesetzt werden sollten.“
Nur langsam ließ Jens den Mann wieder runter und schaute ihn dabei mit zu kleinen Schlitzen zusammengekniffenen, durchdringenden Augen an.
Als er das Geräusch eines einzelnen, näher kommenden Düsenjägers hörte, zog er den immer noch ängstlich wirkenden Mann wieder mit sich aus dem Raum und schob ihn zwei bereitstehenden Matrosen in die Arme.
„Bringt den Kerl wieder runter und passt gut auf ihn auf“, bat Jens die Männer und beobachtete dann ganz ruhig und konzentriert die F-18 Hornet, die im Tiefflug schnell näher kam.
Er registrierte, wie sich von der Maschine eine Art Behälter löste und sofort aufsprang. An einem kleinen, dunklen Fallschirm schwebte ein Päckchen, langsam Richtung Wasseroberfläche. Kapitän Khairat steuerte die ‚Sinai‘ direkt darauf zu. Ein Matrose fischte, während der schnellen Fahrt mit einer Enterstange nach dem Fallschirm und bekam ihn tatsächlich an den Haken und zog ihn samt dem Päckchen daran aus dem Wasser. Rasch lief er Jens damit entgegen, der bereits an der Tür zum Behandlungsraum stand und auf ihn wartete. Schnell riss er den wasserdichten Behälter auf und spritzte Jack, der in der Zwischenzeit das Bewusstsein verloren hatte, hintereinander den Inhalt von zwei Ballonspritzen. Er hoffte, ebenso wie die anderen, dass diese Dosis reichte, um ihrem Freund zu helfen. Zusätzlich injizierte der Arzt ein starkes Muskelrelaxans und führte Jack über eine Maske, reinen Sauerstoff zu.
„Hier Black Mamba an Mutter. Das Päckchen wurde ausgeliefert und der Empfänger hat quittiert. Kehre jetzt zu Mutter zurück“, meldete der Pilot der ‚Hornet‘, nachdem er beim nochmaligen Überfliegen des Verbandes gesehen hatte, wie der Fallschirm samt dem Päckchen herausgefischt und an Bord gehoben wurde. „
Doch schon nach einer halben Minute meldete sich der Pilot erneut.
„Hier Black Mamba an Mutter. Ich habe soeben böse Onkels entdeckt. Ich wiederhole: Böse Onkels direkt auf Kurs des Konvois. Vernichtung nicht möglich, sie ist schon zu dicht dran.“
„Was ist ein böser Onkel in eurem Sprachgebrauch?“, wollte Pitt, hellhörig geworden, wissen.
Während der Erste Offizier schon den ägyptischen Marineverband über Funk warnte und zum sofortigen Stoppen aufforderte, erklärte Captain Eric Greenman, dass sie Ankertauminen so bezeichneten.
Pitt sprang wie elektrifiziert auf. „Habt ihr Tauchzeug und einen Fallschirm für mich und könnt mich dorthinbringen und mich darüber rausschmeißen? Ich springe aber auch ohne Schirm, wenn ihr tief genug runtergehen könnt. Ich bin Sprengstoffexperte und Minenräumer. Also weiß ich, was ich tue. Wir haben keine Zeit, das erst lange zu diskutieren“, sagte er entschlossen. „Wenn die solche Dinger gelegt haben, dann wollen sie die Schiffe von hinten herantreiben und angreifen.“
Sofort löste der Kapitän den Alarm für einen Hubschrauber mit Besatzung aus, welcher schon wenig später mit dem großen Lastenfahrstuhl auf das Flugdeck transportiert wurde.
„Ich gebe dir noch ein paar gute Männer von uns mit“, schlug Eric Greenman vor.
„Nein, Sir, das ist mein Job. Je weniger Männer, desto weniger Tode, wenn was schiefgeht. Ich gehe allein. Habt ihr ein Kreislaufgerät und etwas Werkzeug für mich an Bord, dann ist mir damit schon geholfen.“
Der Erste Offizier begleitete ihn zum Equipmentraum, wo sich Pitt eilig alles Nötige zusammensuchte. Er befüllte einen Taschengurt mit einer Auswahl von Spezialwerkzeugen, und testete die Luftzufuhr über die Maske. Dann suchte er sich einen passenden Anzug aus, deponierte die für ihn nötige Menge an Blei in den dafür vorgesehenen Taschen der Tarierweste und legte alles, bis auf Flossen und Maske, an. Die Vollgesichtsmaske, Neoprenhandschuhe und Flossen, steckte er sich lässig unter den Arm. „Okay, wir können.“
Vor dem Ausgang zum Flugdeck stand schon einer der offenen Wagen, der Pitt auf dem kürzesten Weg zum Hubschrauber vom Typ ‚Boeing-Vertol CH-47 Chinook‘ brachte. Die Maschine wurde bereits im Vorfeld mit Zusatztanks ausgerüstet. Das erweiterte ihre Reichweite von 600 auf insgesamt 1500 km, und mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 290 km/h würden sie ihr Ziel schnell erreichen.
Der Hubschrauber stand zum Start bereit und die Tandemrotoren liefen auf vollen Touren, während die vierköpfige Besatzung auf den deutschen Offizier und ihre Startfreigabe wartete.
„Warum denn gleich so ein riesiges Teil? Ist der Aufwand nicht etwas groß für nur einen Taucher?“, fragte Pitt, während sie sich dem Hubschrauber näherten. „Ein Kleiner hätte es doch auch getan.“
„Tut mir leid, Mister Pitt, aber Sie müssen mit der CH-47 vorliebnehmen. Der andere ist noch beim Auftanken. Sie werden sich in der Maschine schon nicht verlaufen“, antwortete der Offizier an seiner Seite.
Eilig kletterte Pitt durch die hintere, noch offene Ladeluke ins Innere der Chinook. Kaum, dass er drin war, wurde die Luke über die Hydraulik hochgeklappt und verschlossen. Kurz darauf startete die Maschine und zog in einer weiten Kurve schräg nach oben.
„Können wir erst eine Runde über dem Gebiet kreisen?“, fragte Pitt auf Englisch, nachdem er die Besatzung über die Sprechgarnitur, die ihm gereicht worden war, begrüßt hatte. „Ich möchte mir ein Bild von der Lage der Minen machen.“
„Roger. Sobald wir angekommen sind, überfliegen wir das Gebiet mit geöffneter Heckklappe“, antwortete der Pilot des CH-47 Chinook. „Aber schnallen Sie sich dafür lieber an, Sir. Nicht dass Sie mir herunterpurzeln.“
Nach einer Flugzeit von etwas mehr als einer Stunde meldete sich der Pilot wieder: „Wir befinden uns in fünf Minuten über dem Ziel. Ich gehe runter und öffne die Klappe.“
Ein Besatzungsmitglied kam nach hinten zu dem groß gewachsenen deutschen Offizier und wollte ihm bei der Befestigung der Sicherheitsleine helfen. Doch Pitt lehnte dankend ab. Dabei bestand er aber darauf, dass sich der Mann selbst mit der Leine sicherte. Als die Heckklappe sich langsam öffnete, ging Pitt bereits nach hinten und rutschte dann auf der waagerecht stehenden Klappe, auf dem Bauch liegend, ganz nach hinten und schaute, sich gut festhaltend, über den Rand.
„Können Sie ein Stück höher und in eine Linkskurve gehen?“, rief Pitt laut, den Lärm übertönend, in das Mikrofon vor seinem Mund. Kurz darauf bemerkte er bereits, wie die Maschine reagierte.
„Teilen Sie der F-14-Staffel mit, sie soll sich um den Bereich hinter dem Schiffsverband kümmern. Halten Sie Höhe und Geschwindigkeit genauso wie jetzt und bleiben Sie nicht über dem Gebiet stehen. Ich wiederhole: Auf gar keinen Fall über dem Gebiet stehen bleiben. Drei dieser Dinger liegen direkt unter der Wasseroberfläche. Ich springe in der nächsten Runde ohne Schirm ab“, entschied Pitt und schnallte sich den Fallschirm vom Typ ‚MC-4 Ram Air Free-Fall Personnel Parachute‘, den er zuvor schon angelegt hatte, wieder ab.
„Sir, das ist doch Wahnsinn. Es ist viel zu hoch. Ich gehe tiefer und setze sie direkt über dem Gebiet ab“, antwortete der Pilot.
„Danke, aber überlassen Sie diese Entscheidung ruhig mir. Bleiben Sie auf der Höhe, wie ich sagte, und halten Sie auch die Geschwindigkeit konstant. Das ist ein Befehl und außerdem gesünder für Sie, sollte ich auf so einem fetten Onkel landen. Fliegen Sie einfach nur den Vogel noch einmal in der gleichen Kurve. Das ist jetzt nämlich wichtig für meine Gesundheit, an der mir, auch wenn Sie es nicht glauben, sehr viel liegt. Ich habe weder Lust noch die Zeit, erst zu den Dingern hinzupaddeln. Also machen Sie es so, wie ich es gesagt habe“, sagte Pitt und erklärte dann weiter. „Ich werde damit beginnen, zuerst die südlichsten der Minen zu entschärfen und dann auch deren Seile kappen. Die Dinger werden dann, entschärft, ungehindert mit der Strömung, nach Süden wegtreiben und den geraden Weg für unsere Leute frei machen. Wenn sie weit genug vom Verband weg sind und keinen mehr gefährden können, könnt ihr mit ihnen machen, was ihr wollt. Am besten einsammeln lassen, die sind dann für eure Leute keine Gefahr mehr“, erklärte Pitt und zog sich gleich auf der Heckklappe die Flossen an, die er extra fest schnallte. Er reichte dem Mann an seiner Seite die Sprechgarnitur dankend zurück und schob die Maske vors Gesicht. Pitt zwinkerte den erstaunten Mann neben sich fröhlich zu, schaute noch einmal prüfend nach unten, fixierte einen Punkt, wartete, bis der Hubschrauber genau darüber war, und zog sich kurz darauf kraftvoll über den Rand der Luke, ins Leere.
Pitt vollführte in der Luft eine halbe Rolle und straffte dann seinen Körper, hielt dabei die Beine eng zusammen, um die Flossen zu halten. Die Arme hatte er über dem Oberkörper verschränkt und hielt mit der rechten Hand die Maske, fest vor dem Gesicht. Seine linke Hand und der Arm hielten seine Geräte und Ausrüstungsgegenstände vor seinen Körper gedrückt. Mit den Füßen voran landete er hart, genau zwischen den vorderen Ankertauminen, die nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche schwebten.
Der harte Aufschlag stauchte ihn gründlich zusammen und trieb ihm all seine Luft aus den Lungen. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und den Schmerz zu verdrängen. Erst als er damit wieder klargekommen war, tauchte er auf und gab das große Okay-Zeichen an die Besatzung des Hubschraubers, indem er mit der rechten Hand im weiten Bogen auf seinen Oberkopf fasste.
„Fisch heil im Wasser“, meldete der junge Mann, noch immer fassungslos über den Sprung des Deutschen. „Wahnsinn. So hoch haben wir noch nie einen Fisch abgesetzt. Und sein Timing war perfekt. Er ist genau da gelandet, wo er hinwollte. Einfach super.“
Die Heckluke begann sich langsam wieder zu schließen. Der Co-Pilot hatte in der Zwischenzeit die Meldung des Deutschen an den Staffelführer der ‚F-14‘ weitergegeben und bestätigt bekommen.
Captain Eric Greenman hatte den Funkverkehr zwischen Pitt und der Hubschrauberbesatzung auf die Lautsprecher des ganzen Schiffes legen lassen, damit ihn alle Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers mithören konnten. Als die Männer und auch die wenigen Frauen an Bord die Meldung gehört hatten, dass der Fisch heil und so treffsicher im Wasser gelandet war, klatschten sie anerkennend Beifall.
Der Kapitän gab an die Besatzung der CH-47 den Befehl, in einem sicheren Abstand zu bleiben und ihn weiter auf dem Laufenden zu halten. Gespannt lauschten alle Besatzungsmitglieder, an den Lautsprechern, auf jedes Wort des Piloten. Auch Sebastian, der wieder zu sich gekommen war, und die Ärzte bei ihm im Krankenzimmer hörten alles mit.
„Dieser Kerl ist doch wahnsinnig. Doc, sie hätten ihn mal lieber auf seinen Geisteszustand untersuchen sollen, anstatt ihm sein Bein zu verbinden“, sagte Sebastian, als er das von dem Sprung aus der Höhe gehört hatte. Der ist ja lebensmüde, und gehört zu seinem eigenen Schutz in eine geschlossene Anstalt. Wobei?... Was die Gefährdung der Maschine und ihrer Besatzung betrifft, hatte er schon auch recht. Aber verrückt ist er trotzdem, überlegte er.
„Hätten Sie es anders gemacht, Korvettenkapitän?“, wollte der Arzt wissen.
„Ich bin kein Experte im Entschärfen von Minen“, redete sich Sebastian heraus. Doch als ihn der Arzt weiter herausfordernd und fragend ansah, gab Sebastian zu, dass er wohl ebenso gehandelt hätte. „Ist schon gut, Doc. Ich gebe es ja zu, der Junge weiß, was er tut. Bei der Dichte und der geringen Tiefe, wie die Minen, laut der Angabe des Piloten, stehen, hätte er schon bei der Landung eine mit Fallschirm auslösen können, ohne es zu wollen oder verhindern zu können. Er hat sich mit dem freien Sprung richtig entschieden. Obwohl er sich auch vor dem Minengürtel mit dem Fallschirm hätte absetzen lassen und gegen die Strömung hätte vorarbeiten können. Aber da hat er wohl an die Zeit gedacht, die der Verband nicht hat“, teilte Sebastian seine Überlegungen dem Arzt mit, dann lauschten sie weiter dem Bericht des Piloten.
Pitt tauchte knapp vor der ersten Ankertaumine ab, die sich nur einen halben Meter unter der Wasseroberfläche befand. Vorsichtig hängte er seinen Karabiner an eine der Verankerungsösen, zwischen zwei der Zündhörnchen ein, und befestigte die Seilschlinge an seiner Tarierweste. Damit hatte er Halt und konnte weder von der Strömung abgetrieben werden, noch musste er extra auf seine Tarierung achten.
Und schon machte er sich, voll konzentriert an die eigentliche Arbeit.
Er hatte Glück. Bei dieser Seemine handelte es sich um einen veralteten Typ, was ihm die Arbeit etwas leichter machte, aber trotzdem gefährlich war. Er brauchte dafür eine verdammt ruhige Hand.
Noch einmal atmete er tief ein und langsam wieder aus, um sich zu entspannen und damit Atmung, Herzschlag und Puls herunterzufahren.
Er öffnete das erste Zündhorn ganz vorsichtig. Das Gewinde daran war bereits leicht korrodiert, ließ sich aber noch relativ gut drehen. So sacht und ruhig wie nur möglich entnahm er ihm das darin befindliche Röhrchen aus dünnem Glas, in dem sich Säure befand, die der eigentliche Zündauslöser war. Denn traf ein Schiff, auf einen der Berührungszünder, zersplitterte das Glasröhrchen darin, gab die Säure frei, die zum Sprengstoff, in dem Fall TNT, floss. Und dort angekommen löste diese Säure die Sprengung aus. Ein einfacher, aber sehr effektiver Mechanismus.
Auf diese Weise entschärfte Pitt die fünf Berührungszünder und drehte aber jedes der Zündhörner wieder darauf fest, damit die Mine nicht voll Wasser laufen und sinken konnte.
So, die erste wäre geschafft. Also ab zur nächsten.
Pitt klinkte sich wieder aus und tauchte am Seil der Mine ein Stück nach unten, wo er mit einer Zange das Tau kappte und die erste Mine nach oben trieb. Anhand seines Kompasses orientierte er sich neu und tauchte zur nächsten Mine, deren Position er sich, wie die von den anderen, ebenso genau eingeprägt hatte, als sie das Minenfeld überflogen hatten. Dabei unterließ er es nicht, auch nach tiefer angebrachten Minen, die ihm vielleicht entgangen waren, Ausschau zu halten.
So entschärfte Pitt eine der Ankertauminen nach der anderen. Bei jeder Meldung der Hubschrauberbesatzung, dass eine weitere Mine entschärft worden war und an der Wasseroberfläche davontrieb, jubelten die Mannschaften, die die gesamte lange Zeit voller Anspannung jede Meldung verfolgt hatten, auf allen Schiffen erleichtert auf.
Nachdem die letzte der sechs, vom Hubschrauber sichtbaren Minen aufgetaucht war und wegtrieb, meldete der Pilot völlig erschrocken, dass sie den ‚Fisch‘ aus den Augen verloren hätten.
Der Staffelführer der Tomcats meldete Sichtkontakt mit schnell näherkommenden, bewaffneten Booten ohne Hoheitskennung, die direkt auf den Verband zuhielten.
„Hier schwarzer Staffelführer. Sie reagieren auf keinen unserer Rufe und eröffnen soeben das Feuer auf den Verband und auf uns.“, meldete der Pilot. „Erbitte Handlungsbefehl.“
„Hier Captain Eric Greenman, ich erteile die Abschussfreigabe für einen Warnschuss vor den Bug. Ich wiederhole. Abschussfreigabe für Warnschuss erteilt.“
„Verstanden. Abschussfreigabe für Warnschuss erteilt“, wiederholte der Staffelführer.
Bei den Mannschaften auf dem Flugzeugträger herrschte gespanntes Schweigen. Dabei war jeder von ihnen schon von sich aus auf seinen Bereitschaftsposten gegangen und lauschte weiter der Funkübertragung.
„Hier schwarzer Staffelführer“, meldete sich nach einer Weile der Pilot wieder. „Warnschuss blieb ohne Erfolg, wir werden weiterhin angegriffen. Erste Treffer auf einen der Begleitschiffe des Verbands.“
„Hier Captain Greenman. Ich erteile Schussfreigabe nach eigenem Ermessen auf die feindlichen Angreifer. Ich wiederhole: Schussfreigabe nach eigenem Ermessen erteilt. Schicken Sie sie nicht gleich auf den Grund, sondern setzen Sie sie nur kampfunfähig.“
„Roger, angemessene Schussfreigabe erteilt“, antwortete der Pilot. Dann war der Funkverkehr zwischen den Piloten der Staffel und die einzelnen Befehle des Staffelführers zu hören.
„Sir, der Verband muss den Raum schnellstmöglich verlassen. Sollte ein großer Abschuss nötig sein, würden sie durch die Explosion mitgefährdet. Sie sind zu nah dran“, war nach einer Weile zu hören.
„Chinook!“, rief der Kapitän den Hubschrauber. „Wie sieht es aus, ist der Weg für den Verband frei?“
„Ja, Sir. Es ist gerade noch ein böser Onkel hochgekommen und wir können von hier aus keine weiteren Minen ausmachen. Allerdings können wir den ‚Fisch‘ auch nicht entdecken, der sich eigentlich bereithalten wollte, sobald er fertig ist, damit er von uns wieder aufgenommen werden kann.“
Greenman überlegte kurz. Auch wenn ihm dieser Befehl jetzt in der Seele schmerzte, er musste ihn geben. Nur wenige Sekunden später nahm der kleine Verband von ägyptischen Marineschnellbooten die Fahrt wieder auf. Wobei das Mittelklasse-U-Boot der ägyptischen Marine hinter dem Verband auftauchte und sich mit seinem stählernen Rumpf schützend, querstellte.
Fünfzehn Minuten später knackte es wieder in den Lautsprechern.
„Hier schwarzer Staffelführer, feindliche Ziele außer Gefecht gesetzt. Verband wieder sicher. ‚Giftun‘ schert aus dem Verband aus, um die Männer der drei Angreiferschiffe zu bergen.“
„Chinook! Mutter an Black Mamba!“, rief Captain Greenman den Hubschrauberpiloten. „Ist etwas von Fregattenkapitän Dressler zu sehen?“
Doch der Pilot der ‚CH-47‘ musste das verneinen.
„Bleiben Sie über dem Gebiet und suchen Sie weiter“, befahl Greenman. Dabei klang seine Stimme hart und dennoch besorgt.
Nach dem kurzen Jubel über den Sieg der drei außer Gefecht gesetzten, feindlichen Schiffe, trat schnell wieder Schweigen bei den Besatzungsmitgliedern auf dem Flugzeugträger ein.
Sebastian hielt es nicht mehr im Krankenbett. Er riss sich die Infusionsnadel aus dem Arm und zog sich die IBP-Kabel samt der Elektrodenpads ab, die von seinem Körper zu den Überwachungsgeräten führten. Mit Nachdringlichkeit bat er um Krücken und forderte das medizinische Personal auf, ihm den Weg zur Brücke zu zeigen. Er schrie die erschrocken schauenden Ärzte förmlich an, ja tobte regelrecht, sodass sie sich nicht mehr helfen konnten und ihm die verlangten Gehilfen gaben.
Sebastian hatte all seine Kräfte mobilisiert und hüpfte, alle wegstoßend, die ihn davon abhalten wollten, auf seinem einen Bein, zur Tür. Zwei Ärzte begleiteten ihn und zeigten den kürzesten Weg zur Brücke. Bedrückt und zugleich bewundernd, sahen die Besatzungsmitglieder, die ihm unterwegs begegneten, dem schwer verwundeten Mann nach.
Als Sebastian die Brücke betrat, machte der völlig überraschte Kapitän seinen Sessel frei und half ihm dabei, sich darauf niederzulassen.
„Korvettenkapitän Rothe, was machen Sie denn hier? Sie gehören auf die Krankenstation“, sagte er besorgt.
„Entschuldigen Sie, Sir. Aber nicht wenn mein Freund noch da draußen ist“, gab Sebastian zurück, ohne auf die anderen Männer auf der Brücke zu achten, die ihn fassungslos anstarrten. „Bitte verbinden Sie mich mit Flottillenadmiral Arend auf der ‚Sinai‘ und lassen Sie bitte die Leute von der Staffel und der Chinook mithören.“
Captain Greenman nickte, ohne erst zu überlegen, dem Funkoffizier zu, der sofort die Verbindung herstellte.
Noch bevor sich Jens richtig melden konnte, sprach Sebastian schon auf Englisch los, damit es auch die Piloten verstehen konnten.
„Bussard, hier Wanderfalke. Ich denke, dass Waldkauz vielleicht gerade eine tiefer liegende Mine entdeckt und entschärft hat. Und da ihr noch nicht hochgegangen seid, obwohl ihr gerade den Minengürtel durchfahren habt, scheint er es auch geschafft zu haben. Lasst auf keinen Fall das U-Boot wieder in das Gebiet, bevor wir Pitt nicht haben. Stoppt und schickt Taucher mit Funk runter, damit sie die Suche untereinander koordinieren können. Setze eine Funkboje ins Wasser, damit wir den Funkverkehr mithören können“, sagte er ins Mikrofon. Dann wandte er sich dem Kapitän zu und fragte ihn, mit welchem Tauchgerät sein Freund runtergegangen war. Danach meldete er sich wieder über Funk: „Hier Wanderfalke an Bussard. Waldkauz hat nur ein Dräger LAR-7 Kreislaufgerät mit normaler Mischung. Er könnte aber wegen der Kampfgeräusche und der kleinen Explosionen oder wegen des U-Bootes weiter runtergegangen sein. Du kennst ihn doch. Ich könnte mir vorstellen, dass er vielleicht eine Mine extra weiter runtergezogen hat, um keinen zu gefährden, sollte sie noch scharf sein. Dann könnte es sein, er hängt jetzt kurz vor einer Sauerstoffvergiftung, und du weißt, was da passiert. Der Kerl ersäuft uns einfach. Sucht ihn also hinter euch, auf unter dreißig Metern. Wenn er das geschlossene System auf Nitrox umgestellt hat, könnte er auch tiefer sein. Sucht innerhalb des Gebietes, wo die anderen Minen hochgekommen sind. Nur dort kann er sein. Der Hubschrauber wird das Gebiet eng umkreisen, damit ihr wisst, wo ihr suchen müsst. Die Staffel ‚Tomcats‘ wird noch weiter hinter euch den Bereich mitbeobachten, für den Fall, dass er dort weiter hinten mit einer noch scharfen Mine hochkommen sollte. Seid also vorsichtig. Und sichert zusätzlich das Gebiet vor weiteren Ekelpaketen.“
37
Noch während Sebastian sprach, rannten die SEALs und die ägyptischen Marinetaucher bereits los und machten sich fürs Tauchen fertig. Als die Maschinen stoppten, wurde die Funkboje ausgebracht. Nach dem Hubschrauber ausschauhaltend, der über den genauen Koordinaten des Gebietes kreiste, wo sie zuerst suchen sollten, warteten sie geduldig, bis ihr Schiff in dem Zielgebiet angekommen war, und sprangen sofort ins Wasser. Mit kräftigen Zügen schwammen sie das letzte Stück in dessen Zentrum und tauchten ab. „Okay, Wanderfalke, Taucher im Wasser“, meldete Jens. „Ich übergebe an Mahmud und gehe selbst mit runter. Ich kann nicht nur hierherumsitzen und warten. Ich kenne seine Sauerstoffgrenze, die wird sich seit der letzten kontrollierten Überprüfung vor drei Jahren nicht wesentlich verändert haben, auch wenn seine körperliche Verfassung nicht gerade die beste ist. Rechne es einfach mit rein und koordiniere alles ein wenig.“
Sebastian konnte sehr gut nachvollziehen, dass es Jens nicht auf dem Schiff hielt, denn auch er würde jetzt lieber mit auf der Suche nach seinem Freund sein.
„Mahmud, lass weitere Nitrox- und Pressluftflaschen für die Jungs bereitstellen“, empfahl Sebastian dem ägyptischen Oberstleutnant. „Wenn sie Pitt finden, darf er nicht gleich hoch. Er braucht dann fünfzigprozentiges Nitrox zur Deko. Und sag Samuel Bescheid. Er soll ‚GABM-Präparate‘, also ‚Gamma-Aminobuttersäure‘, Sauerstoff und Blutverdünnungsmittel sowie Trinkwasser für Pitt bereithalten.“
Danach verfolgte er, so wie alle anderen an Bord des Flugzeugträgers, die Piloten und die Männer von dem kleinen ägyptischen Verband, die Funksprüche der Taucher, die nacheinander ihre aktuelle Tiefe und das Suchraster, in dem sie sich befanden, meldeten.
Jens war auf eigene Faust auf die Suche gegangen und richtete sich dabei ganz nach seinem Gefühl. Er versetzte sich in die Situation seines Freundes und versuchte sie nach Sebastians Hinweisen, nachzuvollziehen.
Auf der Brücke des Flugzeugträgers, auf dem Kommandostuhl vom Captain sitzend, lauschte er auf jeden einzelnen Funkspruch der Taucher und versuchte, die Suche zu koordinieren.
Bewundernd beobachteten die Männer auf der Brücke schweigend die Arbeit des Deutschen, der dabei die ganze Zeit über die Augen geschlossen hielt, um sich voll konzentrieren zu können. Alle waren besorgt um das Schicksal seines so sympathischen Freundes, den sie hier auf der Brücke kurz kennengelernt hatten. Das Suchgebiet war für diese paar Männer geradezu riesig, und mit jeder Minute sank ihre Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang.
Davon war bei Korvettenkapitän Sebastian Rothe jedoch nichts zu spüren. Er kämpfte verbittert weiter, ebenso wie sein Freund Flottillenadmiral Jens Arend, die acht Ensigns der Navy SEALs und die ägyptischen Taucher, die Pitt zu ihrem Freund zählten. Er war bisher immer für sie da gewesen, hatte sich für sie ins Zeug gelegt. Jetzt war es an ihnen, etwas für ihn zu tun. Keiner von ihnen hatte vor, aufzugeben. Dabei gingen sie an ihre Grenzen und einige begannen auch, sie zu überschreiten.
Doch Sebastian achtete auf jeden Einzelnen. Er ließ das nicht zu und pfiff denjenigen, wenn es notwendig wurde, zurück. Nur auf einen hatte er dabei keinen Einfluss. Und das war sein ehemaliger Vorgesetzter und Freund Flottillenadmiral Jens Arend. Der ging seinen eigenen Weg. Sebastian kannte die Grenzen dieses Mannes ganz genau und redete ihm nicht rein, solange er nicht begann, sie zu weit zu überschreiten, und er sich noch regelmäßig bei ihm meldete. Dabei achtete er aber auch auf die Atmung von Jens, die er deutlich im Lautsprecher hörte, und warnte ihn gelegentlich schon mal leicht. „Hey, du Riesenwalross, wie wäre es, wenn du langsam mal auf deinen Tauchcomputer schaust? Du dürftest so langsam in die Nullzeit rutschen“, informierte er ihn.
„Wow, du kleiner Blitzmerker. Und was willst du dagegen machen? Mir den Hintern versohlen? Pitt ist da mit Sicherheit schon eine ganze Weile drin. Du Klugscheißer musst gerade jammern, bist selbst kein Stück besser. Zieh an der eigenen Nasenspitze und halt die Luft an. Ist doch nicht das erste Mal. Also entspann dich wieder und achte lieber später auf unsere Zeiten“, beschwerte sich Jens.
Dann war wieder Ruhe und Sebastian konzentrierte sich weiter auf die Koordination der Suche durch die anderen Taucher.
„Ich habe unsere bleierne Ente“, meldete sich der Flottillenadmiral nach einer ganzen Weile. „Sie hängt an einer Ankerschlittenmine, die langsam immer tiefer geht. Dabei hat er die Hand verkrampft am letzten zu entschärfenden Zündhorn, als wäre es ein Goldschatz, den er nicht hergeben will. Es sieht so aus, als hätte er mit der Entschärfung, während der Fahrt nach unten begonnen.“
„Wie tief ist Pitt und wie tief liegt der Minenschlitten?“, wollte Sebastian sofort wissen.
„Ich versuche gerade, den fetzigen Fahrstuhl in Pitts Tod, zu stoppen. Ich habe erst einmal zu tun, also warte kurz.“
Es vergingen fünf unglaublich lange Minuten, bevor Jens sich wieder meldete. „So, gestoppt. Der Schlitten steht auf geschätzt, etwa so in 65 Metern. Pitt auf der Talfahrt kurz vor 49 Metern angehalten“, kam die erschöpft klingende Antwort von Jens. „Hätte er den kleinen Springball aber nicht auf diese Art heruntergezogen, wären wir jetzt alle bei den Engelchen und hätten kurze Hemdchen an, die kaum über den Hintern reichen. Denn es hätte voll das U-Boot erwischt und mit der Kettenreaktion dann auch uns. Fahre das Tau um zehn Meter wieder aus. Höher kann ich die Mine nicht lassen. Unser kleiner lebensmüder Trottel steckt voll in der Sättigung und der Sauerstoff zeigt leider auch sehr deutlich seine toxische Wirkung. Bringt mir schnell zwei Nitroxflaschen mit fünfundzwanzig Prozent Sauerstoff und angeschlossenem Atemregler. Oder ich nehme auch erst einmal Trimix, wenn ihr welches habt. Und dann bitte zwei mit 50 % Nitrox auf 20 Metern, nach Möglichkeit auch mit Anhängsel. Solange er krampft, können wir uns keinen anderen Flaschenwechsel leisten. Ich benötige hier dringend Hilfe. Wir hängen auf 36 Metern und der elende Kerl säuft mir gerade unter starken Krämpfen die Flasche leer.“
„Ja, na cool. Nur müssten wir dafür erst mal wissen, wo du mit Pitt hängst“, sprach Sebastian, so ruhig wie möglich, in das Mikrofon vor sich.
„Gute Frage, nächste Frage“, meinte Jens laut schnaufend. „Ich sehe hier in unmittelbarer Nähe, in Richtung mit der Strömung, auf drei, sechs und acht Uhr drei leere Minenschlitten auf dem Grund.“
Bei der Meldung riss Sebastian die, bis dahin geschlossenen, Augen weit auf. Jetzt wusste er genau, wo sich Jens mit Pitt befand, und gab die Kompasskoordinaten, ausgehend vom Schnellboot ‚Sinai‘, mit geschätzter Entfernung in normalen Flossenschlägen, in englischer und danach auch in arabischer Sprache, an die Taucher weiter. Daraufhin tauchten die Männer, so schnell auf, wie sie es für ihre Gesundheit vertreten konnten. Viele wunderten sich darüber, wie Sebastian es anstellte, so präzise sagen zu können, wo sich Jens und Pitt in dem Moment befanden. Doch er hatte sich, als die Minen hochkamen, auf die Positionsangaben des Piloten konzentriert und sie sich eingeprägt. So konnte er der Beschreibung von Jens folgend, anhand der Lage der Minenschlitten, die er in seiner Umgebung gesehen hatte, genau nachvollziehen, wo er sich mit Pitt befand. Gerade so, als wäre er in diesem Augenblick selbst dort und hätte klare Vorstellungen davon.
Die Spannung bei der Besatzung des Flugzeugträgers und bei den Matrosen des kleinen Verbandes, als auch bei den Piloten in der Luft, stieg ins Unermessliche.
Nacheinander meldeten sich die Taucher erneut fertig, und die Ersten tauchten bereits mit den zusätzlichen Stahlflaschen zu den angegebenen Koordinaten in die Tiefe. Einer der beiden ersten Taucher vor Ort war der kleine Texaner.
„Tim, ich brauche dich hier, sobald du Pitt die Flasche angehängt hast. Halte ihn gut fest und achte darauf, dass er nicht das Mundstück wieder ausspuckt. Ich muss seine Hand von dem Zündhörnchen abbekommen und das Ganze, ohne dass uns der Wasserball um die Ohren fliegt. Ibrahim, komm erst zu uns, wenn ich die Hand von Pitt gelöst habe und ich es dir sage“, hörten alle die englischen Worte des Flottillenadmirals. Sie fieberten mit den Männern.
Aufatmend vernahmen sie dann die Meldung, dass Pitts Hand vom Zünder gelöst werden konnte. Erst danach ließ sich Jens seine Druckluftflasche vom Ibrahim wechseln.
Vorsichtig löste er die Seilschlaufe an Pitts Jackett, die mit einem Karabiner an der Zugöse der Mine befestigt war. Erleichtert, das geschafft zu haben, bat er die beiden Taucher, Pitt weit genug wegzubringen und mit ihm langsam, um drei Meter höherzugehen und dort auf ihn zu warten. Erst als Tim meldete, aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu sein, begann Jens damit, den letzten Zünder der Ankertaumine zu entschärfen.
„Ich bekomme das Zündhorn einfach nicht zu drehen, das Gewinde scheint komplett korrodiert zu sein. Kein Wunder, dass da Pitt wie ein Schluck Wasser dranhing, so entkräftet wie er schon war. Ich versuche es mit der Zange“, hörte man ihn schwer atmend sagen. „Da rührt sich nichts.“
Wenn ich hier abrutsche, wars das. Komm, Junge. Lass dir was einfallen. Was würde Pitt jetzt machen? Mal sehen, was der noch alles so in den Taschen seines Gurtes hat. Kein Wunder, dass man die Dinger eigentlich lieber in sicherer Umgebung kontrolliert sprengt, dachte er, während er die Taschen von Pitts Gurt, den er ihm abgenommen hatte, nach etwas Nützlichem für sein Problem durchsuchte. „Hier Bussard, irgendwer Vorschläge, wie ich das Ding gelockert bekomme, ohne dabei in die Luft zu fliegen?“
„Swordfish four, an Bussard“, meldete sich Tim. „Pitt hat gerade was auf seine Tafel gekritzelt. Das ist nur schwer zu entziffern. Ist unverständlich. Dafür reicht mein Deutsch dann doch nicht.“
„Bussard, an Swordfish four. Okay, buchstabiere mir, was du erkennen kannst.“
„Der erste Buchstabe ist ein ‚w‘, dann zweimal Gekrakel. Das am Ende des Wortes könnte ‚m‘ und ‚e‘ sein. Dann folgen: ‚b r e‘, Gekrakel und weiter ‚n‘, Gekrakel und ein ‚r‘, Bindestrich oder so und irgendetwas mit ‚kriechen‘ oder so ähnlich, könnte am Ende auch ein ‚o‘ und ein ‚l‘ sein. Aber da ist noch was drübergekritzelt. Sorry, Bussard. Aber Pitt reagiert kaum noch. Er wird also keine weiteren Hilfetipps geben können. Und die auf der Schreibtafel sind nicht gerade aussagekräftig. Oder? Ich glaube auch kaum, dass er das auf Englisch geschrieben hat. Also liegt es bei euch Deutschen, herauszubekommen, was er damit meint.“
Na klasse, jetzt spielen wir hier auch noch Glücksrad. Soll ich nun Konsonanten kaufen oder was?, dachte Jens, aber über Funk bedankte er sich höflich und ruhig bei dem jungen SEAL. Nochmals durchstöberte er Pitts Taschengurt, dabei in Gedanken die entzifferten Buchstaben mit den Lücken dazwischen wiederholend. W_ _ ME BRE_N_R - KRIECHENOL. Was wollte er mir damit sagen? … Und was ist denn das hier überhaupt für ein komisches Ding?
Jens hielt einen kleinen Behälter vor seine Maske und betrachtete ihn genau. Er hatte Ähnlichkeiten mit ihren Notluftpatronen, allerdings befand sich anstelle des Mundstücks so etwas wie eine minikleine Pistole am oberen Teil. Er zeigte mit dem, was er für eine Öffnung hielt, von sich weg und drückte den kleinen Abzugshahn.
„Wow!“ Jens war überrascht.
„Was ist los, Bussard?“, hörte er Sebastians Stimme.
„Kannst aufhören zu rätseln. Ich weiß jetzt, was Pitt meinte. Hab hier eine Miniausführung von so einer Art Unterwasserschweißbrenner bei seinem Zeug gefunden. Also schätze ich mal, er meinte mit seinem Buchstabensalat, dass man das untere Stück, also den Teil mit dem Gewinde, mit dem Brenner erwärmen sollte. Ich versuche das mal. Du kannst dir in der Zwischenzeit Gedanken um den zweiten Teil des Buchstabenkauterwelchs machen, sollte das mit der Wärme nicht klappen. Also, ich versuche hier mal mein Glück. Wenn es absolut nicht funktioniert, lassen wir den Springball einfach hier unten, und wenn wir weit genug weg sind, machen wir Schießübungen mit einem Torpedo drauf oder lassen ihn aufschwimmen und vernichten ihn über Wasser. Wäre zwar nicht gut für die Fische hier ringsum, aber ich kann hier schließlich auch nicht mehr ewig rumhängen.“
„Hier Captain Greenman, US-Navy, für Bussard.“
„Hier Bussard. Schön von Ihnen zu hören, Sir.“
Zwischendurch war ein anstrengendes Stöhnen von Jens zu vernehmen und danach ein leises Fluchen.
„Bussard, unser gemeinsamer Freund, ich glaube, er hat bei Ihnen den Skip ‚Waldkauz‘, hat sich das Material, das er für das Entschärfen der Minen benötigte, alles bei uns im Equipmentraum zusammengesucht. Dabei müsste auch ein kleinerer Druckbehälter in Form einer dünnen Spraydose gewesen sein, auf der ‚Penetrating oil‘ steht. Wir nehmen so ähnliches Zeug bei uns an Bord gern zum Rostentfernen, natürlich aus wesentlich größeren Behältnissen. Vielleicht hilft das ja.“
„Aber natürlich, Pitt meinte Kriechöl! Danke, Captain. Ich habe die Flasche entdeckt. Mal sehen, wie ich das Zeug hier unter Wasser in das Gewinde bekomme. Vielleicht funktioniert es auch gepaart mit der Wärme des Brenners. Nochmals danke für den Tipp. Ich melde mich wieder.“
Jens kommentierte weiterhin jeden einzelnen Arbeitsschritt. Dabei gab es zwar ein paar kleine Rückschläge, doch am Ende schaffte er es, das zerbrechliche Glasröhrchen ganz vorsichtig aus dem Behälter zu ziehen und die Zündhornhülse mit dem Druckauslöser, der nun aber wirkungslos war, wieder draufzuschrauben. Als letzte Handlung informierte er alle darüber, dass er das Ankertau gekappt hatte und die Mine jedoch nur sehr langsam, aber sicher der Wasseroberfläche entgegenschwebte, da Pitt sie, um sie weiter nach unten zu bekommen, teilweise geflutet hatte. Dass dies erst einmal geschafft war, löste bei allen eine gewisse Erleichterung aus. Trotzdem blieben sie wie gebannt vor den Lautsprechern stehen und hörten weiter dem Funkverkehr zu. Der Flugzeugträger machte derweil weiter volle Fahrt in Richtung des kleinen ägyptischen Schiffsverbandes. Der Geschwaderkommandeur schickte eine zweite Staffel F-14 los, um die andere abzulösen, die, so wie der Hubschrauber, zum Mutterschiff zurückkehren sollte, sobald sie eingetroffen war.
Jens hatte Pitt wieder übernommen und die beiden Taucher nach oben geschickt, damit sie nicht ebenfalls erst in die Nullzeit fielen, in der er selbst aber schon war.
Sebastian schaute immer wieder auf seine Uhr, berechnete schnell im Kopf den Luftverbrauch in der entsprechenden Tauchtiefe und überwachte akribisch den Aufstieg seiner beiden Freunde mit den entsprechenden Dekompressionspausen. Er gab genaue Anweisungen für Tauchtiefe, Wartezeit in dem Bereich und den Flaschenwechsel, damit sich Jens voll auf Pitt konzentrieren konnte, der stark krampfte und durch ihn mit festem Griff gehalten werden musste.
Als sie noch 18 Meter von der Wasseroberfläche entfernt waren, meldete Jens: „Unser Baby ist eingeschlafen. Er ist gerade bewusstlos geworden.“
„Scheiße, dann knall ihm ein paar ordentliche, bis er wieder zu sich kommt. Ich hasse es, wenn der Kerl bei der Arbeit pennt“, rief Sebastian laut auf. „Nun mach schon, Bussard. Die Knalltüte kann das ab. Er muss unbedingt wachbleiben.“
„Das weiß ich auch. Also lass mich mal machen.“
Das darauffolgende Schweigen schien förmlich durch den Äther zu knistern.
Einige Zeit später war wieder die, wie es schien, ganz entspannte Stimme von Jens zu hören: „Okay, ich habe ihn wieder.“
Alle, die das hörten, atmeten erleichtert auf. Vor allem die Besatzung des Trägers war begeistert von dem lockeren Umgang der Deutschen untereinander. Und das, obwohl sich ihr Dienstrang deutlich voneinander unterschied. Wobei soeben der Dienstgradniedrigste von ihnen das Kommando übernommen hatte und es der Flottillenadmiral aber für vollkommen normal zu halten schien und ganz selbstverständlich dessen Aufforderungen folgte. Sie hatten schnell bemerkt, dass bei diesen Männern die Freundschaft mehr als der Rang zählte und wie es schien immer derjenige das Sagen hatte, der auf dem entsprechenden Gebiet spezialisiert war. Sie waren fasziniert von ihrem perfekten Zusammenspiel. Dabei waren aber auch deutlich die Anspannung und die Sorge um ihren Freund Pitt Dressler zu erkennen.
Immer wieder beobachteten die Offiziere auf der Brücke den Deutschen, der auf dem Sessel des Captains saß und sich durch nichts ablenken ließ, was nicht direkt das Geschehen um seine beiden Freunde betraf. Weder die Injektion, die ihm der Arzt verabreicht hatte, noch dass ihm ein Matrose Kaffee anbieten wollte, schien er zu bemerken. All seine Sinne waren nur auf das eine Ziel fixiert. Dabei ließ er aber auch nicht die Bewachung des kleinen Schiffsverbandes außer Acht und fragte immer wieder den Staffelführer nach neuen Beobachtungen. Er dirigierte sogar jede der F-14 unabhängig voneinander zu verschiedenen Schwachstellen in dem Gebiet, die dem Verband sonst zum Verhängnis werden könnten, solange sie sich auf die Rettung von Pitt konzentrieren mussten. Dieses taktische Vorgehen versetzte hauptsächlich den Geschwaderkommandeur des Flugzeugträgers ins Staunen. „Hier Bussard an Wanderfalke. Okay, du kleiner Panikmacher, wir sind oben. Unser lebensmüder Vollidiot wackelt noch. Samuel übernimmt ihn gerade mit seinen Leuten“, meldete Jens völlig außer Atem. Dabei hörte er das Jubeln der Brückenbesatzungen in den Kopfhörern seiner Vollgesichtsmaske. Nur Sebastian bekam davon nichts mehr mit. Er war bereits im Sessel des Kapitäns bewusstlos zusammengesunken. Er hatte alles gegeben, was er konnte. Doch keinem der Männer auf der Brücke war das aufgefallen. Erst als er wieder zu sich kam und vor Schmerzen leise aufstöhnend, zu krampfen begann und dabei vom Sessel rutschte, wurden sie aus ihrem Freudentaumel gerissen.
„Ein Arzt und Sanitäter mit einer Trage, sofort auf die Brücke!“, rief der Erste Offizier über die Bordsprechanlage des Flugzeugträgers und wiederholte es noch einmal. Jedes der Besatzungsmitglieder ahnte, wegen wem nach den Sanis gerufen wurde. Captain Greenman begleitete den Arzt und Sebastian, der auf der Trage festgeschnallt werden musste, mit in den Krankenhaustrakt. Einige der Besatzungsmitglieder waren neugierig auf die Gänge getreten. Sofort sorgte Greenman dafür, dass der Weg für den schnellen Transport freigehalten wurde. „Was ist mit ihm?“, wollte er wissen, als sie auf der Intensivstation angekommen waren und die ersten Untersuchungen liefen.
„Ich schätze das Nervengift, Sir. Es ist noch immer aktiv.“
„Aber wie konnte der Mann das so lange durchstehen?“
„Ich weiß es nicht, Sir. Ich kann es nur auf die unheimliche Willensstärke des Mannes zurückführen, was auch den plötzlichen Zusammenbruch erklären würde, nachdem er sein Ziel erreicht hatte“, beantwortete der Arzt die Frage von Captain Greenman, während er sich weiter um seinen Patienten kümmerte. „Bringen Sie mir den Korvettenkapitän wieder auf die Beine“, sagte Greenman. Dabei schaute er sichtlich besorgt in das schmerzverzerrte, ungepflegte Gesicht des kleinen Mannes, der solche Stärke und Willenskraft bewiesen hatte. „Ich wünsche einen stündlichen mündlichen Bericht über seinen Gesundheitszustand. Sollte sich etwas ändern, dann erreichen Sie mich jederzeit.“ Damit zog sich Captain Eric Greenman zurück. Was sind das nur für Männer und Frauen, die das alles von sich aus und unter Einsatz ihres Lebens so selbstverständlich und aufopferungsvoll, auf sich genommen haben, als wäre es für sie vollkommen normal?, überlegte er, während er langsam durch die Gänge zum Fahrstuhl ging, um zur Brücke zurückzukehren.
38
Endlich. Der Flugzeugträger war bereits am Horizont auszumachen. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht. Das angeschlagene Begleitboot verabschiedete sich, begleitet von dem ägyptischen U-Boot, vom Konvoi und trat die lange Fahrt zurück an.
Auch der Arzt an Bord der ‚Sinai‘ atmete auf, denn er kam mit seinen Leuten kaum noch nach, sie hatten mit den vielen Verwundeten des beschossenen Beibootes und der verletzt aus dem Meer gefischten Angreifer mehr als genug zu tun. Er war froh, als der kleine Konvoi sein Ziel endlich erreicht hatte und sie bald Hilfe bekamen.
Nacheinander legten die Begleitboote am Flugzeugträger an. Die verletzten Soldaten und nicht mehr auf den Schnellbooten benötigten Besatzungsmitglieder gingen über eine Gangway an Bord.
Nachdem die Schwerstverwundeten von der ‚Sinai‘ gebracht worden waren, legte auch sie wieder ab, um mit Hilfe eines frisch aufgetankten ‚SH-60F Sea-Hawk-Hubschraubers‘ die tödliche Fracht auf den Flugzeugträger umladen zu können.
Mehrmals musste der Hubschrauber die kurze Strecke zwischen Flugdeck und dem Marineschnellboot absolvieren, um alle Kisten sicher auf das Deck des Flugzeugträgers zu bringen. Keiner der Männer an Bord hatte wirklich an diese Menge geglaubt, als sie vor Tagen von Flottillenadmiral Arend erfahren hatten, dass dafür auch einer ihrer Transporthubschrauber nicht ausreichen würde.
Captain Eric Greenman, stand beeindruckt vor dem riesigen Stapel von Kisten. Nur langsam näherte sich ihm ein groß gewachsener Mann mit dunkelblondem Haar und einem ebensolchen müden und unrasierten Gesicht, wie er es schon bei Pitt Dressler und Sebastian Rothe gesehen hatte. Dieser Mann trug an den Armen, noch feuchte, durchgeblutete Verbände und ein ihm viel zu enges und zu kleines Shirt der ägyptischen Marine, das schon an den Schulternähten aufplatzte und frische Blutflecke aufwies. Der Mann hielt schützend eine Hand vor seine, wie es schien, schwer verletzte Schulter, und in seinem Gesicht zeichneten sich frische Kratzer ab.
„Lassen Sie mich raten“, begann Captain Greenman, noch bevor der Mann etwas sagen konnte. „Sie sind auch lange nicht mehr an ihren eigenen Kleiderschrank gekommen.“
„Da haben Sie wohl recht, Captain Greenman, denn der steht in Deutschland. Ich bin hier nur in meiner Uniform angereist, da ich nicht im Geringsten geglaubt hätte, dass es ein so langer Ausflug werden könnte. Aber die Uniform wieder anzuziehen, hatte ich noch nicht die Zeit. Ich glaube, sie würde auch nicht ganz zu meinem jetzigen Allgemeinzustand und Aussehen passen“, antwortete der Mann lächelnd und zeigte dabei auf sein Gesicht. Dann stellte er sich als Flottillenadmiral Jens Arend vor und bat, wie es auf See Brauch war, an Bord kommen zu dürfen..
„Erlaubnis erteilt. Herzlich willkommen hier an Bord, Flottillenadmiral Arend“, begrüßte der Kapitän den Mann, mit dem er schon über Funk gesprochen hatte, und reichte ihm seine Hand. „Schön, sie endlich auch persönlich kennenzulernen.“
„Danke, Cap. Das ist ganz meinerseits“, antwortete Jens ehrlich. Dann schauten beide Männer wieder auf den riesigen Stapel von Kisten.
„Da haben sie aber ganz schön was zusammengesammelt. Ich muss zugeben, ich hatte wirklich geglaubt, sie übertreiben gewaltig, was die Masse angeht, oder wüssten vielleicht nicht, wie viel in einen unserer Sea Hawks hineingeht. Nun haben sie mich hier eines Besseren belehrt. Sie kennen den Laderaum dieses Hubschraubertyps verdammt genau. Sie haben mit den Männern Großartiges geleistet.“
Jens bedankte sich für das Lob. Dann stellte er ihm Oberstleutnant Kebier vor, der gerade zu ihnen getreten war. Und fragte, ob sie für die kurze Zeit, während sie hier auf dem Träger waren, auch die Gefangenen an Bord, in sicheren Gewahrsam, bringen dürften.
„Aber natürlich, wir haben für die Herrschaften schon unsere Luxussuiten für VIPs reserviert. Darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern, das übernehmen wir sehr gern. Meine Männer geleiten die gleich persönlich dahin.“ Dabei beobachteten die drei Offiziere, wie die Kisten über den Außenfahrstuhl, der eigentlich für den Transport der Flugzeuge bestimmt war, nach unten über den Hangar in die sicheren Laderäume des Rumpfes transportiert wurden. Jens und Mahmud waren sichtlich froh und erleichtert, das Zeug endlich los zu sein.
„Kommen Sie, meine Herren, ich zeige Ihnen Ihre Quartiere“, sagte Captain Greenman und lud sie ein, sich in den Geländewagen zu setzen, der sie über das Flugdeck zur anderen Seite bringen sollte.
„Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Sir. Aber Oberstleutnant Mahmud Kebier und ich, wir möchten gern erst zu unseren Männern, die wohl zurzeit bereits in ihrer Krankenstation gut versorgt werden.“
„Sie haben recht. Auch mich interessiert der Zustand dieser mutigen Männer. Das Pentagon fragte auch schon danach. Also gehen wir erst zum Krankenhaustrakt.“
Während der kurzen Fahrt und dann auf dem Weg durch die verschiedenen Gänge, erkundigte sich Jens nach seinem Freund, Korvettenkapitän Sebastian Rothe. Eric Greenman musste ihm mitteilen, dass der Mann, gleich nach der Rettung von Pitt, auf der Brücke in schmerzhaften Krämpfen zusammengebrochen war und seitdem mehrmals sein Bewusstsein verloren hatte.
„Ensign Jack Darsy, geht es leider genauso“, sagte Jens besorgt.
„Ist das der SEAL, von dem Fregattenkapitän Pitt Dressler gesprochen hat?“, wollte Greenman wissen.
„Ja, Sir.“
Als sie den ersten Behandlungsraum betraten, sprangen die SEALs sofort auf, standen stramm und salutierten, als sie den Captain erblickten.
„Lasst das mal sein, Leute“, wehrte Eric Greenman schnell ab und informierte sich über ihre Verletzungen. Auch sie hatten diverse Blessuren auf ihren Rücken und andere Wunden, die durch den Tauchgang wieder aufgebrochen waren.
Fragend wandte er sich an den Flottillenadmiral: „Sagen Sie, mir ist das schon bei Mister Pitt, so wie nun auch bei Ihnen und diesen Männern aufgefallen. Sie alle haben sehr viele Verletzungen und Hämatome auf ihren Rücken. Woher stammen die?“
„Diese Verletzungen werden Sie auch bei all den anderen Männern entdecken, außer bei Korvettenkapitän Sebastian Rothe. Sie alle haben die Kisten und vor allem ihren Inhalt mit ihren Körpern vor der Zerstörung geschützt, als die Höhlendecken einstürzten. Dazu kommen auch noch ein paar Knochenbrüche. Die restlichen Verletzungen sind Schuss- und Stichwunden aus den Kämpfen. Das heißt aber nicht, dass sich der Korvettenkapitän dabei herausgehalten hätte. Er hatte in der Zwischenzeit sein Leben bei dem Einsturz riskiert, damit wir die Höhle überhaupt wieder verlassen konnten. Ohne ihn wären wir dort lebendig begraben gewesen. Und was Sie vielleicht an den Unterarmen meiner Freunde und mir bemerkt haben, sind Verletzungen durch das liebevolle Spiel mit einem Hai, das wir mit ihm hatten, als wir unsere Freundin nur langsam an die Wasseroberfläche zurückbringen konnten.“
„Ah ja, Sie meinen die Frau von Fregattenkapitän Wildner, die allein gegen zwei Angreifer, die zuvor zwei meiner SEALs umgebracht hatten, das Anthrax so mutig verteidigte?“
„Ja, Sir. Ich meine genau diese Frau. Sie heißt Anne Wildner. Sie kämpft noch immer im Militärlazarett um ihr Leben. Wir glauben, dass eine oder beide Harpunenspitzen, mit denen sie durchbohrt wurde, ebenfalls mit dem Nervengift, welches auch Jack und Sebastian erwischt hat, präpariert waren. Obwohl es Fregattenkapitän Andreas Wildner, nach seinem Einsatz noch nicht viel besser geht, sitzt er bereits im Rollstuhl neben ihrem Bett und weicht kein Stück von ihrer Seite. Eigentlich hatte bis dahin nur er die körperlichen Erfahrungen mit diesem speziellen, neuen Nervengift vor drei Jahren machen müssen. Und für ihn war es der Weg durch die Hölle, den er nun noch einmal geht, weil er sieht, wie jetzt seine Frau darunter leidet. Er kennt genau die kaum erträglichen Schmerzen, die dieses Mittel auslöst. Und unsere Anne kämpft nun mit ihren schweren Verletzungen und dem Gift, das den Körper von innenher zu verbrennen scheint.“
Erschüttert sah Eric Greenman den Mann neben sich an.
„Aber ich denke, sie haben ein Gegenmittel dafür?“
„Ja, das dachten wir auch. Doch wie Pitt herausgefunden hat, scheint das Zeug in der Zwischenzeit um einiges höher konzentriert zu sein. Das habe ich unseren Leuten in Deutschland bereits mitgeteilt. Sie arbeiten schon daran. Ich hoffe nur, dass wir schnell das neue Gegenserum in unsere Hände bekommen, um wirklich und gezielt helfen zu können. Anne wird es nicht mehr lange durchhalten können, obwohl bei ihr die Konzentration schon abgeschwächt wurde, da sie eine Blutwäsche bekam und auch jetzt ständig neues Blut von ihren beiden SEALs erhält, die sich sofort zur Blutspende bereiterklärt hatten. Und ich denke, auch Jack und Sebi werden es nicht mehr lange durchhalten können, da ihre Körper durch die vielen Tage Kampf und den wenigen Schlaf schon sehr angegriffen und geschwächt sind.“ Noch während Jens sprach, betraten sie leise die Intensivstation, wo Pitt, Jack und Sebastian in einem Raum lagen.
„Hey Mädels“, grüßte Jens mit aufgesetzter Fröhlichkeit. „Wie wäre es, wenn ihr mal etwas Make-up auflegt? Denn so ungeschminkt seht ihr wirklich scheiße aus.“
„Halt’s Maul, du Großschnauze“, brachte Sebastian mit unterdrückten Schmerzen hervor. „Schau in den Spiegel und greif dir an deinen eigenen Riechkolben.“
Pitt zog zitternd seine Sauerstoffmaske vom Gesicht und grinste Jens frech an. „Chefchen, nur eine nett gemeinte Warnung. Ich würde unseren abgebrochenen Gartenzwerg an deiner Stelle nicht so reizen, sonst verdrischt er dich mit seinen Krücken, die er erst bekommen hat. Und du wirst es nicht glauben, aber ich helfe ihm sogar noch dabei. Tue uns den Gefallen, verziehe dich einfach und lass dich selbst verarzten. Außerdem stünde dir eine Rasur nicht schlecht. Da sehe ich ja besser aus“, brachte er leise hervor.
„Dem stimme ich uneingeschränkt zu, Jens“, meldete sich auch Jack und unterdrückte so gut er es konnte einen neuerlichen Schmerzschub, bis es nicht mehr ging und er gequält aufschrie.
Als sie die Intensivstation wieder verließen, zog ein kleines Lächeln auf das Gesicht von Jens. Das verstand Greenman nun gar nicht und hielt damit auch nicht hinter dem Berg.
„Captain. Ich glaube, ich muss da wohl etwas richtigstellen, nicht dass Sie denken, ich sei gefühllos oder weide mich an den Schmerzen meiner Männer. Doch ich kenne sie seit vielen Jahren. Und solange sie noch so drauf sind wie soeben, also die große Klappe haben, dann heißt es, dass sie kämpfen werden und nicht bereit sind, sich aufzugeben. Und ich denke, bei Ensign Jack Darsy kann ich das auch behaupten, denn wir haben uns in den vergangenen Tagen sehr gut kennengelernt. Ich empfand ihr Verhalten mir gegenüber auch nicht als respektlos, auch wenn das für Sie vielleicht so geglungen haben muss. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir füreinander den größten Respekt empfinden. Ich bin mit diesen Männern schon durch die Hölle und wieder zurückgegangen, da wird der Umgangston dann schon auch etwas rauer“, erklärte Jens.
Der ägyptische Oberstleutnant nickte zur Bestätigung.
„Ja, diese Männer sind einfach nicht normal.“
Gemeinsam suchten sie noch die anderen Krankenzimmer auf, in denen die ägyptischen Marinetaucher und Matrosen behandelt und versorgt wurden. Sie erfuhren, dass einige von ihnen schon in bequeme Quartiere entlassen werden konnten, um sich zu erholen.
Jens bestand darauf, auch die Gefangenen sehen zu wollen, die nach dem Angriff auf den Schiffsverband und die Flugzeuge, aus dem Wasser gefischt worden waren und medizinisch versorgt wurden. Zwei von ihnen hatten wirklich schwere Verletzungen davongetragen. Die meisten waren nur leicht verletzt. Im Gegensatz zu den Matrosen, des getroffenen Beibootes der ägyptischen Marine, wo zudem auch zwei Todesopfer zu beklagen waren.
Jens schaute in die Gesichter jedes Einzelnen von den Gefangenen, dann stellte er sich mitten in den Raum. „Hat mir irgend einer von ihnen etwas zu sagen?“, fragte er auf Englisch.
„Ja“, meldete sich einer der Kerle, den Jens sofort genau fixierte.
„Wir seien deutsche Staatsborgers und zu Unrecht her festverhalten.“
Grinsend ging Jens auf den Mann zu. „Oh, und wo kommen her du da?“, äffte er das falsche Deutsch nach.
„Ich kommen aus Borlin. Sind aufgegriffen zu Unrecht von dies Hurensohne“, sagte der angebliche Berliner und zeigte auf den ägyptischen Mann in Uniform.
Jens landete unerwartet für alle, einen linken Haken in der Magengrube des Typen, hielt ihn dabei an seinem Shirt aufrecht und sagte dann auf Deutsch: „Das war für den Hurensohn. Keiner beleidigt meine Freunde.“ Das Gleiche wiederholte er noch einmal auf Englisch. „Und nur so zur Information: Dein Deutsch war eine Beleidigung für meine Ohren und mein Heimatland, dessen Hauptstadt nicht Borlin, sondern Berlin heißt. Also, aus welchem Scheißhaufen bist du und der Abschaum hier gekrochen? Und wagt euch dabei ja nicht, den Namen eures wirklichen Heimatlandes zu beschmutzen, denn auch darauf reagiere ich sehr gereizt“, fauchte Jens, den Mann dicht an sich heranziehend. Er raffte das Shirt des etwas kleineren, schmächtigen Kerls vor dessen Brust zusammen und hob ihn mit dem rechten Arm, gute zehn Zentimeter aus. „Ich will also nicht wissen, aus welchem Land ihr kommt, sondern von welcher der Inseln im Dahlak-Archipel. Sollte dir Spatzenhirn nicht klar sein, was ich meine: Ich rede von der Inselgruppe, die zu Eritrea gehört, die ihr illegal für eure Machenschaften nutzt. Und nur so zur Info. Ich komme wieder, und wenn ich dann nicht alles erfahre, ziehe ich hier einem nach dem anderen das Fell über die Ohren“, zischte er mit leiser, bedrohlicher Stimme. Er ließ den Mann ganz langsam wieder herunter und stieß ihn verächtlich zurück auf eine der Krankenliegen, dann wandte er sich ab.
„Mahmud, merk dir diesen Kerl, der ist meine. Den nehme ich mir auf der Heimfahrt als ersten vor“, sagte Jens, ins Arabische wechselnd. Mit erstaunt aufgerissenen Augen sah Captain Greenman den Flottillenadmiral an.
„Wow, Sie gehen aber ganz schön ran. Machen sie nie Pause?“, fragte er leise, als sie zur Tür gingen, um den Raum zu verlassen.
„Nein, nicht solange, bis wir sie alle haben, und ich verspreche Ihnen, Sir, dass wir genau von diesem Kerl dort bald erfahren, auf welcher der Inseln ihr Hauptquartier ist.“
„Sie können uns gar nichts, Mister“, schrie der Mann, der sich noch immer den Bauch hielt, Jens aber frech angrinste. „Wir befinden uns hier auf einem Flugzeugträger der US Navy und somit auf amerikanischem Hoheitsgebiet. Damit genießen wir den Schutz der Vereinigten Staaten.“
Gerade als Jens sich umdrehen und etwas erwidern wollte, hielt ihn Captain Greenman am Arm zurück und trat dem Mann ein Stück entgegen.
„Nur wollen wir Sie hier nicht haben. Sie beschmutzen und besudeln mein Schiff. Wir versorgen hier nur Ihre Wunden, weil wir von der ägyptischen Marine darum gebeten wurden. Mehr nicht. Danach übergeben wir Sie wieder an diese Leute, die Sie in das dortige Militärgefängnis bringen werden, wo Sie auch hingehören, da Sie ihre Schiffe angegriffen haben. Also genießen Sie ihren nur noch kurzen Aufenthalt hier. Danach finden Sie sich auf deren Schiff und damit auf dem Hoheitsgebiet Ägyptens wieder. Und bei denen gelten unsere Gesetze nicht. Die haben ihre eigenen“, konterte der Captain und schaute den Mann dabei giftig an.
Als die drei Männer den Raum verließen und die Tür hinter sich schlossen, nickte Jens dem Captain anerkennend zu.
„Sir, Sie sind gut. Aber Sie wissen schon, dass Sie den Mann eigentlich belogen haben? Denn wir bringen ihn nur nach Hurghada, wo er dann mit den anderen in eine Militärmaschine der US Air Force verfrachtet und in die Staaten gebracht wird“, meinte Jens.
„Ja, ich weiß. Aber ich dachte mir, dass es der Sache dienlich sein könnte, wenn Sie ihn sich noch einmal auf der Rückfahrt vornehmen wollen“, gab Greenman lächelnd zurück. „Aber nun kommen Sie erst einmal mit mir zum Arzt. Ich denke, einer von denen wird inzwischen etwas Zeit für Sie haben. Sie müssen behandelt werden. Ihrer linken Schulter scheint es ja auch nicht so toll zu gehen. Einer meiner Männer begleitet derweil Oberstleutnant Kebier und zeigt ihm das für ihn zurechtgemachte Quartier. Ich warte inzwischen hier auf Sie, bis Sie mein Doc wieder entlässt. Dann suchen wir für Sie ein paar Sachen, die Ihnen auch passen, und ich zeige Ihnen Ihre Kajüte, wo Sie sich etwas ausruhen können. In der Zwischenzeit werden ihre Boote betankt, mit Wasser, Lebensmitteln und allem, was sie sonst noch brauchen, aufgefüllt und beladen“, erklärte der amerikanische Kapitän.
Mahmud Kebier bedankte sich für die gute Versorgung seiner Leute und verabschiedete sich, um mit dem Soldaten mitzugehen und sich sein Quartier zeigen zu lassen.
Fortsetzung folgt