Antibiotika

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Utz Bahm

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Antibiotika


Meinem Geschmack nach waren ihre Hüften etwas schmal. Trotzdem passten sie zu dem schlanken, nicht dünnen Körper. Einen flachen Bauch, schmale Taille, schöne, gerade, lange und kräftige Beine. Ihre Brüste konnte ich nicht betrachten, denn sie hatte ihre kräftigen Arme vor der Brust verschränkt, als sie noch nass aus dem Bad mir entgegen kam. Ihre aufrechte, man könnte sagen provokative Haltung, hoben die geraden und breiten Schultern hervor. Aus den nassen, an den Kopf geklebten Haaren tropfte das Wasser auf ihren Körper. Also die berühmten 90-60-90 waren da nicht vorhanden und ich schätzte sie so um ein Meter siebzig. Ihre glatte, hellbraune, feuchte Haut glänzte in dem schwachen Licht, das in einem der Zimmer brannte. Es war ein schwüler Abend, die Stunde der Stechmücken war schon vorüber, jedoch ohne Brise die etwas Erfrischung bringen könnte. Ich hatte mich nach der Dusche im Dunkeln auf den Treppenabsatz der offenen Küchentür gesetzt, rauchte eine Zigarette und hatte zwei Drinks neben mir stehen. Aus dem nahen Urwald hörte man das Zirpen der Zikaden und Quaken der kleinen grünen Frösche. Langsam bildete sich der erste Bodennebel und auch die Hitze des Tages nahm langsam ab. Rita setzte sich neben mich auf die hölzerne Stufe, lehnte sich mit dem Rücken an die Einfassung und schlang ihre nassen Arme um ihre angewinkelten Knie. Ich bot Ihr eine angezündete Zigarette an und reichte ihr das mitgebrachte Glas mit dem Schuss Whisky auf drei Eiswürfel gegossen. Beide saßen wir schweigend neben einander und betrachteten wie der Nebel langsam anstieg und etwas Kühle vermittelte.
„Eigentlich solltest Du nicht hier so ohne etwas in der Kühle sitzen mit deiner Halsentzündung und rauchen“, meinte sie nach einer Weile.
„Hast ja recht, nur mit der halben Schachtel Antibiotika habe ich da schon vorgesorgt. Außerdem ist der Whisky ja auch so eine Art Schutz“.
„Hm“, antwortete sie lächelnd. „Übrigens, deine Hütte ist wirklich angenehm. Sie gefällt mir“.
Das Gespräch plätscherte so vor sich hin ohne spezifische Themen, mit langen schweigsamen Unterbrechungen. Jeder hing mehr seinen Gedanken nach.

Ich hatte Rita bei einen bekannten Ehepaar kennen gelernt. Es war Sonnabend am späten Nachmittag und kam aus der gegenüber liegenden Apotheke, in der ich die vom Arzt verschriebenen Antibiotika gegen meine Halsentzündung gekauft hatte. Jim und Jenny betrieben da ein kleines Geschäft mit Souvenirs, das hauptsächlich mit Handarbeiten der Indianer arbeitete. Jedes mal wenn ich in die Stadt kam, ging ich kurz bei ihnen vorbei um zu grüßen und eventuell was Lohnendes zu kaufen. Auch dieses mal. Wie meistens war Jenny alleinige Geschäftsführerin. Sie saß mit einer dunkelhaarigen jungen Frau an dem kleinen Teetisch beim Kaffee.
„Komm, setzte Dich zu uns,“ begrüßte mich Jenny. „Dies ist Rita“, stelle sie mir ihren Besuch mit einer einladenden Geste vor. Rita hatte schwarze, kurz geschnittene Haare, exotisch für die hiesigen Gewohnheiten der langen, oft bis zu Hüfte reichenden Frisuren. Braune, leicht mandelförmige Augen. Einen dunklen Teint ihrer gleichmäßigen Gesichtszüge mit etwas breiten und gehobenen Wangen, typisch bei Personen mit indianischen und kaukasischen Einflüssen. Ohne außergewöhnlich schön zu sein, jedenfalls für meinen Geschmack, waren ihre Gesichtszüge angenehm. Sie war mit gewöhnlichen blauen Jeans, einer hellen Bluse und leichten Sandalen bekleidet und ich schätzte sie so um die dreißig. Nach dem pflichtgemäßen Wangenkuss für und von beiden, setzte ich mich zu ihnen. Das folgende Gespräch ging hauptsächlich um banale Dinge und dem dazu gehörigem Tratsch über lokale Begebenheiten.

„Rita ist Journalistin und kommt alle zwei Wochen in die Stadt, denn sie hat hier ein Radioprogramm“, erklärte mir Jenny auf meine entsprechende Frage, die ich irgend wann während der Unterhaltung eingeflochten hatte. Ab und zu wurden wir durch den Besuch Neugieriger oder Bekannten Jennys unterbrochen. Bei dieser Gelegenheit erläuterte mir Rita mit ihrer dunklen angenehmen Stimme, um was für ein Radioprogramm es sich handelte und wie das so vor sich ging. So vergingen die letzten Nachmittagsstunden. Zwar hatte Jenny auf Jim gewartet, nur es kam zum Ladenschluss ohne dass er erschien. Ich erbot mich Jenny nach Hause zu fahren. Rita wollte wissen, wo man günstig zu Abend essen konnte, was sozusagen eine Aufforderung für mich war, sie einzuladen. Mein Vorschlag war ein bekanntes Imbisslokal zu besuchen, das sich auf Brathähnchen spezialisiert hatte, mit Auswahl zwischen am elektrischen Spieß gegrillt oder im heißen Öl gebraten.
„Knusprig sind beide Möglichkeiten,“ ergänzte ich. Ich hatte ja keinen speziellen Kompromiss der jungen Dame gegenüber um sie in ein Restaurant einladen zu müssen. Es wäre ja wesentlich „schicker“ gewesen als eine populäre Brathähnchenbude. Trotzdem willigte sie ein. Also lud ich beide ins Auto, brachte Jenny zunächst zu ihrer Hütte, wo mittlerweile Jim schon beim Whisky saß, und fuhr dann mit Rita zurück in die Stadt um zu essen.

Wir bestellten uns jeder eine Portion gegrilltes Hähnchen, eine Lage Pommefrits und Ketchup zum Eintunken. Eine Dose Bier vervollkommnete das Menü. Die Unterhaltung musste nun ich führen, denn sie wollte von meiner Tätigkeit hören, entweder aus Neugierde oder einfach als journalistische Angewohnheit. Trotz der einfachen Gastronomie schien sie sich wohl zu fühlen. Jedenfalls blieb es nicht bei nur einer Dose Bier und wir verbrachten wenigstens zwei Stunden schwitzend, rauchend und plaudernd auf den unbequemen hölzernen Stühlen, ohne jedoch Persönliches anzusprechen.
„Ich muss morgen am Nachmittag zurück fliegen, habe also Zeit und Lust eine Nacht durch zu bummeln. Warum fahren wir nicht hier ein wenig durch die Gegend, denn außerhalb der Stadt ist es bestimmt etwas frischer.“ Ob das Argument nun das wirkliche war wollte ich nach den zwei Dosen Bier nicht untersuchen. Jedenfalls war sie eine angenehme Person und außerdem immer mehr attraktiver werdend. Also schlicht, eine nicht abzulehnende Gesellschaft.
„ Ich wohne so etwa fünfzehn Kilometer außerhalb der Stadt in einem Bungalow. Wenn Du willst können wir uns nach dort bequemen. Nur will ich Dir da gleich meine Kondition vorlegen. Bis wir da hinkommen wird es beinahe Mitternacht und außerdem vergiss nicht, ich habe eine stressige Woche hinter und eine Menge Antibiotika in mir. Also hin und zurück ist da nicht drin.“
„Schön, mir reicht es wenn Du mich Morgen zum Mittagessen wieder in die Stadt bringen kannst.“
„Gut, wird gemacht. Muss sowieso hin.“ Ich wurde nun wirklich neugierig auf was das hinaus führte. Vorläufig dachte ich nicht an Details sondern an den Weg zu meiner Hütte am Rande des Urwaldes.

Ja, und nun saßen wir da, splitternackt im Dunkeln in der offenen Küchentür und jeder fragte sich insgeheim wie das weiter gehen würde. Mich erstaunte nur die Natürlichkeit und beinahe Eleganz mit der sie sich bewegte und begab. Es war augenscheinlich ein geplanter gemeinsamer Weg unter das Betttuch, erotisch - romantisch angehaucht und vor allem pragmatisch. Bisher hatten wir noch keinen körperlichen Kontakt. Selbst die Dusche besuchten wir einzeln. Es wurde dann doch später als Mitternacht, der erfrischende Nebel erreichte bald unsere Knie und Rita begann zu frösteln.
„Besser wir gehen nun schlafen,“ meinte sie, „denn es wird unangenehm“.
„O.K., geh schon vor. Ich will nur noch hier schließen und die Gläser abspülen“.
Natürlich kletterten wir in das Doppelbett unter die leichte Baumwolldecke. Der steigende Nebel hing wie ein weises Laken über uns. Rita kuschelte sich an mich, ich befühlte ihre angenehm kühle Haut und erhielt den ersten langen Kuss auf meinem Mund. Nach einer Weile meinte sie scherzend: „Und, springt der Motor nicht an?“
„Also ich glaube, da ist was mit der Zündung nicht in Ordnung“, ging ich auf ihre Stichelei ein.
„Na, werde mal sehen was ich da machen kann.“ Und sie versuchte es dann mit Erfahrung. Aber es blieb beim Versuch und sie meinte dann: „Zu viele Antibiotika verderben den Spaß. Na, macht nichts, das nächste mal hoffe ich dann auf einen romantischeren und erfolgreicheren Besuch, ohne Medikamente gegen Halsweh.“
„Ja, diese Erfahrung zeigt, dass Antibiotika auch ein effektiver Schutz gegen Minderwertigkeitsgefühle sind“, erwiderte ich ihr, ehe wir dann, wieder beruhigt, einschlafen konnten.

Oskar reichte mir die Flasche Malbec herüber um mein Glas neu zu füllen.
„Hör mal. Ist das ein wahres Erlebnis oder nur die Illusion eines alten Knacker?“
„Nun, das zu enträtseln überlasse ich Dir.“ erwiderte ich und genoss das Bouquet des herben Rotweines.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Utz,

gern gelesen - schöne Pointe!

Ich würde der Geschichte gerne den Titel "Antibiotika" geben und nicht "Leicht erotisch" - das nimmt zu viel vorweg. Wenn Du einverstanden bist, kann ich das ändern.

Viele Grüße,
DS
 

Utz Bahm

Mitglied
Hallo DS,
Nun, das ist der eigentliche Titel. Irgenwo habe ich da falsch eingegeben. Danke für die Hilfe und wennn es mögllich ist, ändere das.

Gruß

Utz Bahm
 
Hallo Utz,

mir gefällt, wie du Rita beschreibst, eine gelungene Kombination aus äußerlichen Merkmalen und innerer Haltung. Was bewegt sie zu diesem Schritt?
 

Utz Bahm

Mitglied
Hallo Bettgeflüster,

leider kann ich Dir Deine Frage nicht beantworten, denn ich habe mich nicht getraut sie zu fragen. Letztendlich war das ja auch eine rein persönliche Entscheidung.

Jedenfalls vielen Dank und alless Gute

Utz Bahm
 

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