Antrag auf Entschädigung

4,70 Stern(e) 11 Bewertungen

anbas

Mitglied
Antrag auf Entschädigung*

Fast wärst du verreckt
in jenem Lager
Du zähltest Leichen
schlepptest sie fort
weißt nicht mehr wohin
hungertest und wurdest gequält

Doch du bliebst am Leben

Du verlorst deine Eltern
Geschwister Großeltern
Tanten Onkel Cousinen Cousins
Freunde Nachbarn Bekannte
deine Gesundheit deinen Mut
deine Lebensfreude dein Vertrauen
deine Arbeit deine Wohnung
deine Familienfotos deine Kleidung
einfach alles
außer deinem Leben

Und du bliebst übrig

Zigeunerpack schrien sie
auch nach der Zeit im Lager
Selber Schuld sagten sie
und belebten alte Vorurteile
verjagten und ächteten dich
während du anfingst
dein Leben neu aufzubauen
eine Familie gründetest
und um Unauffälligkeit
bemüht warst

Du bliebst

wie Generationen zuvor
in diesem Land

Welcher Tätigkeit
gingen Sie im Lager nach

fragte man dich
mehr als sechzig Jahre später
in dem Antrag auf Entschädigung

Zweitausend Euro
wollte man zahlen

Ich zählte Leichen
und schleppte sie irgendwohin

schriebst du in das Formular
und dachtest daran
wie du geblieben bist
dass du überlebtest
neu angefangen hast
unauffällig warst
wie so viele andere auch

Die Antwort ist nicht ausreichend
schrieb man dir zurück




* Basierend auf dem Bericht eines Holocaust-Überlebenden im Frühjahr 2013
 
O

orlando

Gast
Lieber Andreas,
ich finde, dass dir hier ein großArtiger Text gelungen ist, befürchte aber, dass der in den Tagebüchern nicht gut aufgehoben ist (Mangel an Interesse).
Andererseits möchtest du vermutlich dem einzig-ewigen Forensatz ausweichen: "Das ist doch keine Lyrik!"
Es ist; es ist.

Ich selber habe auch schon öfter über diese furchtbaren Handlangerdienste nachgedacht, die in den Lagern geleistet werden mussten. Sei es nun von Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma oder politisch Verdächtigen.
Wie grauenvoll muss es sein, mit dem Wissen darum zu überleben - obwohl das Leben, die Rettung, erst einmal das Glück bedeuten.
Und wie entwürdigend, über "Entschädigungen" zu verhandeln, für etwas, was gar nicht aufzurechnen ist.

Du schilderst das alles sehr eindrucksvoll und mit der zwingend notwendigen Schlichtheit.

orlando
 
U

USch

Gast
Hallo anbas,
ein eindrucksvoller und beeindruckender Text.
LG USch
 

anbas

Mitglied
Liebe Heidrun,

vielen Dank!

Ich war mir wirklich nicht sicher, wo ich den Text reinstellen soll. Und ja - bei diesem Thema wollte ich ihn nicht der Diskussion Lyrik/keine Lyrik "zum Fraß" vorwerfen. Deine Rückmeldung macht mir Mut. Ich werde noch einmal drüber nachdenken. Vielleicht lasse ich ihn doch verschieben.

Liebe Grüße

Andreas
 

anbas

Mitglied
Hallo USch,

auch Dir vielen Dank für Deine Rückmeldung.

Danke auch an die anonymen Werter!


Liebe Grüße

Andreas
 
O

orlando

Gast
Na ja,
so "anonym" sind die ja nun auch wieder nicht. ;)
Eine Verschiebung erübrigt sich vermutlich, weil dein Gedicht zu Recht Bewertungstempo aufgenommen hat ...
LG, Heidrun
 

anbas

Mitglied
Ich habe das ";)" hinter der Aussage bzgl. "anonym" vergessen. Hier nun als Nachtrag: ;)

Was das Verschieben betrifft, warte ich - wie gesagt - ab. Der Text passt aus meiner Sicht sowohl ins Tagebuch als auch in die Lyrik. Für mein Gefühl ist er hier im Tagebuch insofern besser aufgehoben, da so der reale Hintergrund noch mehr unterstrichen wird.


Liebe Grüße

Andreas


PS: Danke, Otto, für Deine Wertung!
 

revilo

Mitglied
es ist deswegen so gut, weil es aus der Perspektive eines Betroffenen geschrieben wurde und der Erzähler sich bewusst im Hintergrund hält......vieles, was über dieses Thema geschrieben wird, ist schlicht und ergreifend scheiße und von Besserwissertum geprägt.....

Lg revilo
 

anbas

Mitglied
Hallo Oliver,

danke! Es stimmt, solche Texte sind oft eine heikle Gratwanderung. Daher bin ich über solche Rückmeldungen erleichtert.

Ich versuche derzeit, an Angehörige dieses Mannes heranzukommen. Ich finde, sie haben ein Recht darauf, diesen Text zu bekommen. Außerdem würde ich gerne den Namen dieses Mannes der Erläuterung beifügen - natürlich nur, wenn er dem zustimmt.

Mal sehen, ob es klappt.

Liebe Grüße

Andreas


Ach ja: Danke auch für die Bewertung!
 

ENachtigall

Mitglied
Für mein Gefühl ist er hier im Tagebuch insofern besser aufgehoben, da so der reale Hintergrund noch mehr unterstrichen wird.
Hallo Andreas,

ich bin ganz Deiner Meinung und freue mich, einen so starken Text im sonst oft leichtfertig "sentimental" geschimpften Tagebuch beherbergt zu wissen. Vielen Dank dafür!

Lieben Gruß,

Elke
 

anbas

Mitglied
Antrag auf Entschädigung*

Fast wärst du verreckt
in jenem Lager
Du zähltest Leichen
schlepptest sie fort
weißt nicht mehr wohin
hungertest und wurdest gequält

Doch du bliebst am Leben

Du verlorst deine Eltern
Geschwister Großeltern
Tanten Onkel Cousinen Cousins
Freunde Nachbarn Bekannte
deine Gesundheit deinen Mut
deine Lebensfreude dein Vertrauen
deine Arbeit deine Wohnung
deine Familienfotos deine Kleidung
einfach alles
außer deinem Leben

Und du bliebst übrig

Zigeunerpack schrien sie
auch nach der Zeit im Lager
Selber Schuld sagten sie
und belebten alte Vorurteile
verjagten und ächteten dich
während du anfingst
dein Leben neu aufzubauen
eine Familie gründetest
und um Unauffälligkeit
bemüht warst

Du bliebst

wie Generationen zuvor
in diesem Land

Welcher Tätigkeit
gingen Sie im Lager nach

fragte man dich
mehr als sechzig Jahre später
in dem Antrag auf Entschädigung

Zweitausend Euro
wollte man zahlen

Ich zählte Leichen
und schleppte sie irgendwohin

schriebst du in das Formular
und dachtest daran
wie du geblieben bist
dass du überlebtest
neu angefangen hast
unauffällig warst
wie so viele andere auch

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* Basierend auf den Berichten von Helmut Weiss (geb. 14.09.1937, gest. 14.10.2013). Erzählt von seinem Sohn, Heinz Weiss, im Frühjahr 2013. Helmut Weiss konnte weder lesen noch schreiben. Er verdiente sein Geld mit Gartenarbeiten, war aber oft auch auf Sozialhilfe angewiesen. Er ist, nach den Worten seines Sohnes, trotz all dem Leid, das er erlitten hatte, ein fröhlicher Mensch gewesen. Heinz Weiss arbeitet in Hamburg als Bildungsberater in einem Projekt, in dem es darum geht, zwischen Schulen und Sinti-/Roma-Familien zu vermitteln.
 

anbas

Mitglied
Ich kann nun den Anhang von diesem Gedicht ergänzen. Heinz Weiss hat den Text von mir erhalten und war sehr bewegt. Er ist mit der Weitergabe der hier veröffentlichten Daten einverstanden. Vielleicht kommen noch weitere Informationen hinzu.

Mich hat jetzt im Nachhinein zusätzlich erschüttert, dass Helmut Weiss noch ein Kind war, als er dies Grauen durchleiden musste.
 

anbas

Mitglied
Antrag auf Entschädigung*

Fast wärst du verreckt
in jenem Lager
Du zähltest Leichen
schlepptest sie fort
weißt nicht mehr wohin
hungertest und wurdest gequält

Doch du bliebst am Leben

Du verlorst deine Eltern
Geschwister Großeltern
Tanten Onkel Cousinen Cousins
Freunde Nachbarn Bekannte
deine Gesundheit deinen Mut
deine Lebensfreude dein Vertrauen
deine Arbeit deine Wohnung
deine Familienfotos deine Kleidung
einfach alles
außer deinem Leben

Und du bliebst übrig

Zigeunerpack schrien sie
auch nach der Zeit im Lager
Selber Schuld sagten sie
und belebten alte Vorurteile
verjagten und ächteten dich
während du anfingst
dein Leben neu aufzubauen
eine Familie gründetest
und um Unauffälligkeit
bemüht warst

Du bliebst

wie Generationen zuvor
in diesem Land

Welcher Tätigkeit
gingen Sie im Lager nach

fragte man dich
mehr als sechzig Jahre später
in dem Antrag auf Entschädigung

Zweitausend Euro
wollte man zahlen

Ich zählte Leichen
und schleppte sie irgendwohin

schriebst du in das Formular
und dachtest daran
wie du geblieben bist
dass du überlebtest
neu angefangen hast
unauffällig warst
wie so viele andere auch

Die Antwort ist nicht ausreichend
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* Basierend auf den Berichten von Helmut Weiss (geb. 14.09.1937, gest. 14.10.2013). Erzählt von seinem Sohn, Heinz Weiss, im Frühjahr 2013. Helmut Weiss konnte weder lesen noch schreiben. Er verdiente sein Geld mit Gartenarbeiten, war aber oft auch auf Sozialhilfe angewiesen. Er ist, nach den Worten seines Sohnes, trotz all dem Leid, das er erlitten hatte, ein fröhlicher Mensch gewesen.
Heinz Weiss arbeitet in Hamburg als Bildungsberater in einem Projekt, in dem es darum geht, zwischen Schulen und Sinti-/Roma-Familien zu vermitteln.
 

Der Andere

Mitglied
ja, das ist gut. und macht betroffen. ich würde allenfalls über verknappung, -dichtung nachdenken. strophe 3 und 5 könnten es gegebenenfalls vertragen.

herzlich,
d.a.
 

anbas

Mitglied
Hallo in die Runde,

habe nach längerer Zeit mal wieder bei diesem Text vorbeigeschaut und zu meinem Bedauern festgestellt, dass ich auf eine Rückmeldung bisher nicht reagriert habe.


Hallo Der Andere,

es tut mir leid, dass ich erst jetzt reagiere - ist eigentlich nicht meine Art. Irgendwie ist Deine Rückmeldung bei mir hinten runtergefallen.

Nun also mein Dank für Deine Anmerkungen. Ja, vielleicht könnte man kürzen - aber aus meiner Sicht braucht dieser Text genau solche - störende nervende ? - Längen. Daher möchte ich nicht kürzen.




Hallo Pattip, Erbsenrot und Aina,

vielen Dank für Eure Wertungen.



Schöne Grüße an Euch alle

Andreas
 

anbas

Mitglied
Wenn bei - bisher - ausschließlich guten Wertungen plötzlich eine deutlich schlechtere auftaucht, bin ich schon neugierig, was nicht so gut gefällt. - Aber eine Antwort werde ich wohl nicht erhalten.

Trotzdem: Danke fürs Lesen und Werten.

Liebe Grüße

Andreas
 

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