Aquitaine

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Michele.S

Mitglied
„Ist das dein Ernst? Du machst um zehn Uhr morgens schon das erste Bier auf?"
Mein Vater hatte die Hände zu Fäusten geballt und blickte mich an.
„Ich bin im Urlaub, also was soll's?“, antwortete ich.
„Erzähl mir nichts von wegen Urlaub! Ich weiß, dass du das zu Hause auch oft machst!“
Das stimmte. Ich zerquetschte die Dose in meinen Händen,ging ins stickig heiße Wohnmobil und setzte mir Wasser für einen Kaffee auf. Es roch nach einer Mischung aus erwärmtem Kunststoff und Butangas. Ich hatte mein T-Shirt ausgezogen. Von draußen hörte ich meinen Vater murmeln "Alles Parasiten. Und ich bin der Depp". Ich umklammerte die Tischkante mit meinen Händen. Der billige Pulverkaffee schmeckte herrlich.


Wir waren zum Einkaufen in die nächste Stadt gefahren, in den Intermarché. Der Laden war riesengroß und bot eine fast lächerlich vielfältige Auswahl an Lebensmitteln an. Ich ging sofort in den Gang mit den Joghurts und holte mir vier Packungen „Crème d’œuf“. Ich liebte diese Süßspeise aus Milch und Eiern mit seiner eigenartigen Konsistenz. Auf der Oberfläche war immer so eine Art Haut, wie die, die auf heißer Milch entsteht, wenn man sie stehen lässt. Ich brauchte eine Weile, bis ich meine Mutter fand, die den Einkaufswagen hatte. Eine Viertel Stunde später standen wir an der Kasse. Außer uns waren da noch zwei Familien. Ich betrachtete die Leute direkt vor uns. Ein Ehepaar in mittleren Jahren, etwa fünfzig. Die Frau hatte etwas von dieser typischen Eleganz, die viele Französinnen scheinbar mühelos besaßen. Der Mann war klein und fast vollständig kahl, hatte aber ein originelles Gesicht, das irgendwie lustig aussah. Dann waren da noch zwei Söhne, einer etwa siebzehn, der andere vielleicht neun. Der ältere hatte dunkelblonde Haare, die entgegen der Mode nicht an den Seiten und hinten kurz rasiert waren, sondern einen recht üppigen, wilden Schopf bildeten. Seine Augen waren blau-grau, und ich konnte sehen, dass er sehr lange Wimpern hatte. Seine Augenlider waren sehr schwer.
Irgendwas an dem Gesicht war ungewöhnlich.
Es wirkte, als wäre es leicht angeschmolzen und ineinander gelaufen.
„Irgendwie sieht er so aus, wie Crème d’œuf schmeckt“, dachte ich. Er legte jetzt seine Hände auf die Schultern seines kleinen Bruders und küsste dessen blonden Haare.
Dann waren wir an der Reihe. Unser Einkauf kostete 116,76 €.
„Fuck, das kann doch nicht sein“, schimpfte mein Vater, und meine Mutter untersuchte auf dem ganzen Weg zurück zum Wohnmobil den Kassenzettel nach Fehlern.


Auf der Rückfahrt fuhren wir durch winzige Ortschaften und monote Wälder. Die Landschaft in dieser Gegend war nicht sehr reizvoll. Sie hatte nichts von der Lieblichkeit der Mittelmeerregion. Die meisten Leute kamen eigentlich nur zum Surfen hier her.
Wir Brüder saßen hinten auf zwei gepolsterten Sitzreihen, ich entgegen der Fahrtrichtung. Meine Mutter drehte sich um und streichelte lächelnd mein Knie. "Na, alles in Ordnung bei euch hier hinten?"
"Alles gut". Ich legte mein Buch auf den Tisch und blickte aus dem Fenster, das einen Spalt offen stand. Ein angenehmer Luftzug streichelte meinen nackten Oberkörper. Im Hintergrund lief "Smalltown Boy" von Bronsky Beat.
"Norbert hat mir schon wieder eines seiner selbst komponierten Lieder geschickt", erzählte jetzt meine Mutter. "Für mich ist das nur Klimbim, aber das kann ich ihm ja nicht schreiben".
"Schon nervig", antworte ich.
Sie hatte ihre Beine auf die Ablage gelegt. "Ich würd die beiden so gerne mal wieder treffen. Ich kann mit Norberts Liedern zwar nichts anfangen, aber es ist so süß, dass er überhaupt welche macht und dann noch so stolz drauf ist, dass er sie mir schickt".
Vincent sagte ohne große Überzeugung "Ja, schon irgendwie süß".
"Sowas ist doch irgendwie typisch französisch", fuhr meine Mutter fort. "Kein Deutscher würde sowas machen"
Ich drehte mich zur Fahrerkabine um "Das stimmt schon irgendwie. Ich habe ne Theorie warum Franzosen so anders sind als Deutsche. Das hat was mit dem Unterschied zwischen..."
"David, nicht jetzt, jetzt kommt die beste Stelle vom Lied", unterbrach sie mich und drehte lauter.
Wie fuhren jetzt in unseren Ort "Lacanau Ocean", wo unser Campingplatz war. Ich ging zum Kühlschrank und holte mir eine Dose Cola.


Am Nachmittag schlenderte ich mit meinen beiden jüngeren Brüdern über den Campingplatz. Wir hatten kein Ziel und wollten uns nur etwas umsehen. Der Platz war sehr weitläufig und durchgehend bewaldet. Die Wohnmobile und Zelte standen in großem Abstand voneinander zwischen den Bäumen. Vincent und ich hatten beide eine Dose Veltins in der Hand. Das Bier entfaltete eine sehr befriedigende Wirkung, weil es draußen heiß war und ich fast nichts im Magen hatte.
„Wo sind die ganzen Chayas? Ich will Französinnen sehen“, sagte Vincent. Er war erst vierzehn, aber meine Eltern tolerierten es, dass er sich im Urlaub ein wenig betrank.
Jetzt kamen uns tatsächlich zwei etwa achtzehnjährige Mädchen entgegen.
„Salut“, sagte mein Bruder grinsend. Die Mädchen erwiderten den Gruß und lachten.
Ich musste pinkeln, also lief ich zu den Toilettenhäusern. An den Waschbecken standen nur eine Frau und ein Junge. Es war der Junge aus dem Intermarché.
„Jean-Paul, dépêche-toi!“, rief die Mutter. Der Junge antwortete etwas Kurzes, das ich nicht verstehen konnte. Er hatte eine belegte, verschleierte Stimme.
Auf einmal spürte ich den Alkohol sehr stark.
Als er die Toilette verließ, rempelte er mich leicht an. „Je suis désolé“, sagte er und blickte mir kurz in die Augen.
„Pas de problème“, antwortete ich und freute mich darüber, dass mir das sofort eingefallen war. Dann ging ich zurück zu meinen Brüdern.
„Hat aber lange gedauert. Musstest du kacken?“
„Ja. Lass uns irgendwas machen“, sagte ich sehr laut.


Es war schon dunkel geworden. Wir hatten Spaghetti mit Tomatensauce gegessen. Das gab es fast jeden Tag, aber im Urlaub schmeckte es irgendwie immer gut. Mein Vater und meine Brüder waren nach dem Essen noch mal an den Strand gegangen, zum Spazieren. Ich saß jetzt allein mit meiner Mutter am Klapptisch, tief in einen weichen Campingstuhl zurückgelehnt. Ich hatte ziemlich viel Wein getrunken.
„Es ist deutlich abgekühlt, wirklich angenehm“, meinte meine Mutter.
„Ja, stimmt“. Ein kurzes Schweigen.
Dann lachte sie auf und sagte: „Diese französischen Männer haben schon irgendwas für sich. Heute beim Einkaufen stand so ein Mann vor uns an der Kasse. Der war zwar fast glatzköpfig und eigentlich nicht klassisch hübsch, aber der hatte irgendwie ein echt eigenes Gesicht. So intelligent und humorvoll.“
Mein Herz schlug etwas schneller. Bevor ich richtig darüber nachdachte, sagte ich: „Ist ja echt lustig, dass du das jetzt erzählst. Die hatten nämlich einen Sohn, der mir aufgefallen ist. Den fand ich irgendwie echt … interessant.“ Ich errötete.
Meine Mutter schwieg ein paar Sekunden. Dann blickte sie knapp an meinem Gesicht vorbei. „Weißt du, von solchen Dingen will ich als deine Mutter eigentlich gar nichts wissen.“
Ich starrte auf meinen leeren Becher mit dem kleinen Rest Rotwein darin und sagte kurz: „Du hast ja mit dem Thema angefangen.“
Meine Mutter schaute mir jetzt wieder in die Augen und sagte: „Wie auch immer. Weißt du, was Tanja mir heute erzählt hat?“
Ich hörte nicht mehr richtig zu. Mein Atem war etwas schwer geworden. Ich hatte ihr nie erzählt, dass ich Jungs mochte. Ich hatte auch nie gesagt, dass ich sie nicht mochte. Wir hatten über solche Themen einfach nie geredet. Ich saß noch ein paar Minuten schweigsam da und rührte den restlichen Wein nicht an. Dann sagte ich "Ich geh mal langsam schlafen" und stand auf.
Als ich zum Wohnmobil lief rief meine Mutter noch "David! Es ist ja nicht schlimm, dass du mir das erzählt hast. Manche Menschen fallen einem halt auf. Ich kenn sowas"
"Ja, das stimmt" antwortete ich.
Ich setzte mir Wasser für eine Wärmflasche auf, obwohl es überhaupt nicht kalt war. Ich las noch zwei Seiten in meinem Buch, dann löschte ich das Licht und lag im Dunkeln.


Am nächsten Tag war der Himmel wolkenbedeckt und es war deutlich kühler geworden. Gegen elf Uhr vormittags packten wir unsere Badesachen zusammen und ich ging mit meinen Brüdern an den Strand. Papa hatte uns heimlich einen Zwanziger zugesteckt. Es war ein ganzes Stück zu laufen, weil der Strand sich weit ins Landesinnere hinein erstreckte. Es wehte ein leichter Wind, der mich frösteln ließ. Trotz des Wetters war Alles voller Menschen. Es war fast überfüllt. Man konnte den Strand in beide Richtungen mehrere Kilometer weit überblicken. Aus der Entfernung wirkte die Menschenmenge noch dichter, wie eine Ameisenkolonie. Es war schwierig, noch einen Platz für uns zu finden. Wir legten unsere Handtücher auf den Sand und Vincent öffnete sich sofort ein Bier.
„Lass lieber gleich ins Wasser gehen“, sagte ich.
„Chill doch“, antwortete er.
Also lief ich allein Richtung Meer. Das Wasser fühlte sich viel kälter an als gestern. Der Wind hatte das Meer aufgepeitscht. Hohe Wellen liefen in Richtung Strand und brachen sich dort ohrenbetäubend.
Ich ging ein paar Meter ins Meer hinein und blieb dann stehen. Dicht um mich gedrängt standen überall noch andere Menschen. Ihre nackte Haut schuf einen Kontrast zum Blau-Grau des Meeres. Ich stand einfach da und versuchte, den starken Wellen standzuhalten. Vor allem nachdem sie sich gebrochen hatten, verursachten sie eine mächtige Strömung an meinen Beinen.
Bei jeder neuen Welle schrien und lachten die Leute. Ich sog die kühle, salzige Luft tief ein.
Jetzt kam eine besonders heftige Welle, und meine Füße verloren kurz den Kontakt zum sandigen Meeresboden. Aber nach einer Sekunde stand ich wieder auf den Beinen. Eine Frau rief einem kleinen Jungen irgendetwas zu, worauf dieser in protestierendem Ton antwortete. Wahrscheinlich hatte sie ihm gesagt, er müsse aus dem Wasser raus.
Die nächste Welle brach viel größer und gewaltiger, als sie aus der Entfernung ausgesehen hatte, und zog mir die Beine unter dem Körper weg. Für einen Moment war ich vollständig unter der Oberfläche und schluckte etwas Salzwasser. Ich wurde ein Stück in Richtung des Strands abgetrieben und kollidierte mit irgendjemandem. Ganz kurz spürte ich weiche Haut an meinem Rücken.
Ich stand auf und blickte mich um.
Ich wollte mich gerade entschuldigen, da rief der dunkelhaarige Mann schon: „Je suis désolé“.
Ich lächelte und rief laut "Pas de Probleme"
Aber der Mann hatte sich schon wieder umgedreht.
Mir wurde langsam etwas kalt, aber ich wollte noch nicht raus aus dem Wasser. Ich machte mich bereit für die nächste Welle.
 
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Anders Tell

Mitglied
Du erzählst so unbemüht und mühelos, dass mich das Lesen erfrischt. Ich kann es nicht begründen, aber ich würde Deinen Texten auch über viel weitere Strecken folgen.
 

Michele.S

Mitglied
Hey Anders,

Wow, danke dir, das ist ein schönes Kompliment! Ich hatte befürchtet die Geschichte könnte etwas zu wenig Action haben und deshalb langweilig sein. Es freut mich sehr, wenn sie dir gefallen hat!
 
Hallo Michele,

c'est une belle histoire de vacances en France!
Ich finde sie sehr schön erzählt, man fühlt sich als Leser mittendrin im Geschehen. Gerade die genaue Beschreibung vieler Kleinigkeiten verzaubert.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 

Michele.S

Mitglied
Hey SilberneDelfine!

Merci beaucoup pour ton commentaire et ton avis!
Es freut mich sehr, wenn du es gerne gelesen hast. Ich liebe die französische Atlantikküste :)
 

John Wein

Mitglied
Michele,
An seinen südwestlichen Küstenabshnitten ist das Flair Frankreichs wirklich eizigartig und lässt sich kaum schöner erleben, als in den sonnenverwöhnten Pinienwäldern auf einem Campingplatz am Meer, wo morgens der Duft von frischen Croissants (es muss ja nicht gleich ein Bier sein) mit der salzigen Meeresbrise verschmilzt.
Ich hab hier ein bisschen rein geschnuppert und mich an der maritimen Atmosphäre erfrischt.
LG, John
 



 
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