Arnos Lesefrüchte

1. Guy de Maupassant: Mont-Oriol

Im Vergleich zu anderen Romanen von Maupassant (z.B. „Bel Ami“) ist im deutschen Sprachraum sein „Mont-Oriol“, erschienen 1887, relativ wenig bekannt. Dabei ist das Werk nicht weniger gelungen und kann noch immer mit Interesse gelesen werden. Liegt die geringere Resonanz vielleicht am Titel, der fremdländisch klingt, ohne eine Assoziation auszulösen? Mont-Oriol ist der Name eines fiktiven Kurbades im Süden Frankreichs, in der Auvergne, das im Verlauf der Handlung erst gegründet wird. Wie das geschieht und mit welchen Methoden der Aufschwung des Unternehmens herbeigeführt wird – mit viel Reklame und einigem an Täuschung -, das ist der eine Hauptstrang der Handlung.

Der andere ist das private Schicksal von Pariser Kurgästen, die zum Teil identisch werden mit den Betreibern des kommenden Modebades. Zu Beginn reisen sie in das vor sich hinkümmernde bestehende Bad von Enval. Eine zentrale Person unter ihnen ist die junge Christiane Andermatt. Sie soll die Kur gebrauchen, da sie nach mehrjähriger Ehe mit einem jüdischen Bankier noch nicht schwanger geworden ist. Behandeln lässt sich auch ihr Vater, der Marquis Ravenel. Weitere Begleiter sind neben ihrem Ehemann ihr Bruder Gontran und dessen Freund Paul. Wie sich dieses Quintett untereinander verhält, das ist der andere Faden der Erzählung.

Beide Stränge verbinden sich früh, als bei einer Felssprengung in einem Weinberg nahe Enval eine Mineralquelle freigelegt wird. Andermatt steigt sogleich groß in sein Projekt Konkurrenzbad ein, während Christiane ein Verhältnis mit Paul eingeht. Der Kurerfolg – Schwangerschaft! - ist ihr bald so sicher wie ihrem Mann das Aufblühen des neuen Heilbads. Mit von der Partie in beiderlei Hinsicht ist die Winzerfamilie Oriol. Der alte Oriol bringt seine Grundstücke ein und seine beiden Töchter an die Männer (Gontran und Paul). Die Raffinesse des Romans besteht unter anderem gerade in der Verknüpfung des Geschäftlichen mit dem Erotischen.

Auf einer dritten Handlungsebene agieren die miteinander konkurrierenden Ärzte. Als Bühne für alle Handlungsteile dient die Landschaft, das Innere des Zentralmassivs mit seinen erloschenen Vulkanen, der Austritt der Täler in die umgebende Ebene.

Wie die einzelnen Elemente miteinander verbunden sind, zeugt vom Geschick Maupassants und davon, dass er während der Niederschrift noch auf der Höhe seiner literarischen Potenz stand. Es gibt das exakte, sich unparteiisch gebende realistische Beschreiben der äußeren Abläufe ebenso wie die feinfühlige Analyse von Seelenregungen der Figuren. Dazu tritt, nicht durch Tonfall, sondern aus der jeweiligen Situation heraus, ein gelegentlicher satirischer Effekt. Das Unbeteiligtsein des Erzählers schützt ihn auch vor dem Vorwurf des Anitsemitismus. Andermatt ist, obwohl Prototyp des nur am Geldmachen interessierten Kapitalisten, keineswegs unsympathisch. Er darf sich sogar selbst mit guten Argumenten gegen die aristokratischen Nutznießer seines Gewinnstrebens – den indolenten Marquis und seinen verschuldeten Sohn – verteidigen.

Der Schluss ist nicht einmal pessimistisch, nur fatalistisch. Christiane, verlassen von ihrem Liebhaber, wird desillusioniert weiterleben. Die mit der Handlung und ihrer Darstellung verbundene unausgesprochene Kritik am Sein erkennt zugleich dessen Beharrungsvermögen an.
 
2. Orhan Pamuk: Rot ist mein Name

Vordergründig ist das 1998 erschienene Werk (deutsche Übersetzung von Ingrid Iren 2001) ein historischer Kriminalroman, der 1591 an neun Tagen hintereinander im winterlichen Istanbul spielt. Doch ist die Aufklärung von zwei Morden nur der Rahmen für weitere Themen. Vor allem dient der Roman der Darstellung von Geschichte wie damaliger Situation orientalischer Malerei. Sie befand sich um 1600 im Osmanischen Reich in einem Abwehrkampf gegen die vordringende westliche Renaissancemalerei und deren Kunstmittel. Die traditionelle Kunst der islamischen Welt ordnete sich noch dem Primat der Religion unter, lehnte Perspektive, persönlichen Malstil und Porträts von Individuen ab. Verpönt waren weiterhin für sich existierende Bilder, die z.B. als Wandschmuck dienten. Malerei war im Wesentlichen Buchmalerei und erstrebte die Perfektion und Variation überlieferter festgelegter Ausdrucksformen. Das Hauptmilieu des Romans ist eine Buchmacherwerkstatt in Istanbul und ihr Umkreis. Wir erfahren viel über Werkstätten andernorts und vorangegangene Malschulen, vor allem die von Herat. Verknüpft mit dieser speziellen Kunstgeschichte ist die politische der vorangegangenen Jahrhunderte im Raum zwischen Bosporus und Zentralasien. Sie war bis in die damalige Zeit geprägt von großer Labilität, ständigen Kriegen und häufigen Dynastiewechseln.

Im Ablauf der Handlung ersteht recht plastisch vor unseren Augen das alte Istanbul wieder mit seinen unterschiedlichen Stadtvierteln, mit Gassen, Plätzen, Privathäusern, Moscheen, einem Kaffeehaus und dem Sultanspalast. Und doch geht es in dem Roman nicht nur, wohl nicht einmal in erster Linie, um die Historie. Der Leser sollte ständig auch die Situation der modernen Türkei im Hinterkopf haben, ihre nicht endgültig festgelegte Position zwischen den benachbarten Kulturen und Mächtegruppen. Er kann dann Abläufe vergleichen und Parallelen ziehen.

Formal wird der Roman gern als ein Beispiel postmoderner Erzählweise eingeordnet. Das fortlaufende Geschehen ergibt sich aus den sich abwechselnden Erzählungen von zehn handelnden Personen, wobei eine von ihnen noch eine zweite Stimme als bis kurz vor Romanende unbekannt bleibender Mörder hat. Die Suche nach seiner Identität ist der eine wesentliche Motor des Handlungsablaufs. Weitere sind ein pivates Drei-Personen-Drama um eine junge Frau, deren Mann seit vier Jahren im laufenden Krieg im Osten vermisst wird, sowie die Herstellung eines vom Sultan in Auftrag gegebenen Buches, dessen Illustrationen gegen die traditionellen religiösen Gebote verstoßen könnten. Neben diesen menschlichen Erzählern mit je unterschiedlicher Perspektive – und sie widersprechen sich auch noch selbst oft – treten ferner redende Bilder von Tieren, Sachen und Begriffen auf (z.B. Hund, Pferd, Baum, Satan, Tod, die Farbe Rot).

Diese abwechslungsreiche und farbige Erzählweise fördert die Lesefreude, während die sehr zahlreich eingestreuten Partikel zur Kunstgeschichte oder das Verständnis von eingebauten Legenden und Anekdoten dem Leser einiges an Konzentration und Nachdenken abverlangen. Pamuks Roman ist also zugleich spannende und oft auch anstrengende Lektüre und mit dem Übermaß von Gewaltdarstellung für allzu sensible Leser weniger geeignet. Das Rot im Titel bezieht sich sowohl auf dieses letztere Phänomen wie auch auf die schier unerschöpfliche Vitalität der dargestellten Welt. Eros und Sexualität werden nicht zu knapp und ohne Tabus behandelt. Im vorletzten Kapitel wird die Gewalt exzessiv, bevor im allerletzten eine der weiblichen Erzählstimmen erst über Jahrzehnte, dann Jahrhunderte bis in die Gegenwart vordringt. Zuletzt erfolgt eine Identifikation zwischen dem jüngeren Sohn der Erzählerin und dem Romanautor Pamuk. Nur dieser Schluss hat den Rezensenten nicht recht überzeugt - ein postmoderner Gag als überdeutlicher Fingerzeig.
 

John Wein

Mitglied
Lieber Arno,

Ich kommentiere hier mal den Mont-Oriol und Guy de Maupssant. Ich habe den Roman nicht gelesen, aber deinen Bericht, und daraufhin habe ich mir im Internet einmal die Rezensionen angeschaut. Es scheint mir in erster Linie ja ein Gesellschaftsroman zu sein, der die allgemeinen Konventionen seiner Zeit im Rahmen eines neuen, kapitalorientierten Bürgertums seiner Zeit kritisch beleuchtet.
Zunächst hat mich das aber irgendwie an den Zauberberg erinnert, auch das ein Gesellschaftsroman über das Bürgertum der Kaiserzeit. Auch weil der Spielplatz hier ein Kurhaus ist.
Vielleicht ist aber Theodor Fontane mir Effi Briest in Bezug auf die Gesellschaftskritik des Preußischen Bürgertums näher bei Maunpassant. Im Grunde genommen entsteht die eigentliche Handlung hier zwischen den Zeilen in einer Mischung von Gesten, Gesprächen, inneren Konflikten und Beziehungsveränderungen, wodurch die einzelnen Personen klar hervortreten.
Allerdings ist Effi stärker ein Opfer gesellschaftlicher Zwänge, während Christiane mehr Handlungsspielraum besitzt und aktiver Entscheidungen trifft.
Auch bei Hesse (Gertrud, Rosshalde, Peter Camentzint) findet man diese Art der Erzählweise im Roman.
Ich hoffe, ich liege in Deiner Beurteilung nicht ganz so falsch und grüße,
John
 
Danke, John, für die aufgezeigten Verbindungslinien. Ja, das ist richtig, es ist ein kritischer Gesellschaftsroman, wie überhaupt diese Richtung in den Jahrzehnten um 1900 ihre Hochphase gehabt haben dürfte. Gewiss gab es damals auch zahlreiche Einflüsse über Sprachgrenzen hinweg. Vermutlich dürften seinerzeit eher die französischen Autoren die zeitgenössischen deutschen beeinflusst haben als umgekehrt. Das war auch schon mal anders gewesen (Goethe, E.T.A. Hoffmann).

Du hast wohl bemerkt, dass dieser Roman von Maupassant in der weiteren Landschaft spielt, die du gut hundert Jahre später selbst durchstreift hast.

Schöne Abendgrüße
Arno
 
3. Guy de Maupassant: Das Haus Tellier und andere Erzählungen

Guy de Maupassant (1850 – 1893) wird noch immer viel gelesen, sowohl seine Erzählungen wie seine Romane. Er war einer der Hauptvertreter des Realismus in Frankreich und zugleich mehr, wollte sich nicht in eine der literarischen Strömungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fest einordnen lassen. Er war stark beeinflusst vom Realisten Flaubert, der die Entwicklung des eine Generation Jüngeren persönlich förderte. Maupassants Erfolg verdankte sich auch der engen Zusammenarbeit mit dem Naturalisten Zola. Tatsächlich finden sich in den Erzählungen von Maupassant formal wie inhaltlich maßgebliche Elemente des Naturalismus, das exakte Beobachten und Schildern der äußeren Welt und ihrer Abläufe, die Wahl von Themen und Milieus, die bis dahin nicht literaturfähig waren. Zugleich fängt Maupassants Prosa vielfach dichte atmosphärische Stimmungen ein, wie sie in der Malerei seine impressionistischen Zeitgenossen mit ihren Mitteln erreichten.

Wenn Maupassant uns Heutige noch immer unmittelbar ansprechen kann, liegt das vor allem an der Wahl seiner Sujets. Meist handelt es sich um Grundkonstellationen der menschlichen Existenz. Wenn er bei ihrer Bearbeitung seine Figuren reden lässt, verwenden sie eine Sprache, die je nach Schicht stark differenziert ist. Allein schon dieser unterschiedliche Tonfall charakterisiert die verschiedenen sozialen Milieus in Paris wie in der Provinz. Die Erzählungen sind so nicht nur beispielhaft für menschliches Leben allgemein, sie zeichnen zugleich konkrete Bilder aus einer abgegrenzten Realität: bürgerliches und bäuerliches Leben in Frankreich um 1880.

Von den vierzehn im Sammelband „Das Haus Tellier und andere Erzählungen“ enthaltenen Texten soll hier nur auf fünf kurz eingegangen werden. Die Titelgeschichte führt uns in das Bordell einer normannischen Kleinstadt. Man erfährt, welche Rolle es spielt, wie die Gebräuche dort sind. Der Mittelteil der Erzählung schildert einen ungewöhnlichen Betriebsausflug des Hauses Tellier – die Patronin reist zur Erstkommunion ihres Patenkindes und nimmt das gesamte weibliche Personal mit. Unterwegs und nach der Ankunft kommt es zu überraschenden Entwicklungen.

Prostitution spielt auch in „Ça ira“ eine Rolle. Ein Reisender aus Paris erkennt in einer kleinen Provinzstadt in einer inzwischen arrivierten Geschäftsfrau eine frühere Freundin wieder. In der Metropole ist sie seinerzeit schlecht bezahlte Näherin und nebenberuflich Freudenmädchen gewesen. Sie frischt jetzt Erinnerungen auf und erklärt ihren späteren sozialen Aufstieg. Er wirft ein kleines Schlaglicht auf politische Verhältnisse zu Beginn der Dritten Republik.

Wiederum in der Normandie spielt „Hautot Vater und Sohn“, und zwar nur im agrarischen Milieu. Ein wohlhabender verwitweter Bauer erleidet einen Jagdunfall und kann vor seinem Ableben den einzigen Sohn noch veranlassen, sich um die diesem bisher unbekannt gewesene Geliebte des Vaters zu kümmern. Er besorgt es getreulich und erlebt noch eine Überraschung. Es ist eine Geschichte vom Ausfüllen von Rollen, von anscheinend (oder scheinbar?) unerschütterlichen sozialen Traditionen.

„Monsieur Parent“ lebt nur in Paris und sein Leben verläuft unglücklich. Mit vierzig entdeckt er den fortgesetzten Ehebruch seiner jüngeren Gattin und weist sie aus dem Haus. Als er von ihr hört, er sei nicht der Erzeuger des von ihm sehr geliebten Söhnchens, lässt er das Kind auch ziehen – und quält sich dann zwanzig Jahre mit der Frage nach der wahren Vaterschaft. Am Ende gibt es eine Wiederbegegnung in einem Ausflugsort in der Pariser Umgebung. Parent wie der Leser erwarten Auflösung des Rätsels …

In „Madame Husson und ihr Tugendjüngling“ werden die biedermeierlichen Widersprüche einer normannischen Kleinstadt aufs Korn genommen, stärker satirisch als in den meisten anderen Erzählungen, deren vorherrschender Grundton tragisch ist. In dieser Neigung zum Unterliegen, auch zum Tod mag sich Maupassants eigene Gefühlswelt widerspiegeln. Bewusst war ihm die absehbar kurze Zeitspanne für die eigene literarische Produktion. Er hatte sich schon 1877 mit Syphilis infiziert, damals noch nicht beherrschbar in ihrem katastrophalen Verlauf. Auf seelische Krisen folgten Anfang 1892 Selbstmordversuch und geistiger Zusammenbruch. Maupassant starb nach eineinhalbjährigem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt im Sommer 1893.
 
4. Émile Zola: Nana

„Nana“, erschienen 1880, war der neunte Roman in dem aus insgesamt zwanzig Werken bestehenden Zyklus „Les Rougon-Macquart“. Zola wollte darin „die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie im Zweiten Kaiserreich“ (so der übersetzte Untertitel) liefern und zeigen, wie Milieu und Vererbung die Biografien entscheidend prägen. „Nana“ gehört zu den erfolgreichsten Teilen des Gesamtwerks. Es ist die Geschichte vom Aufstieg und Ende einer Kurtisane im Zeitraum von 1867 – 1870. Nana kommt aus der untersten Gesellschaftsschicht, ihre Vorgeschichte ist im siebten Teil des Zyklus erzählt („Der Totschläger“). Im neunten ist sie zu Beginn erst achtzehn Jahre alt und verkörpert schon voll ausgebildet den in Kunst und Literatur des 19. Jahrhunderts so beliebten Typ der Femme fatale. Dieses Klischee wird mit großer Konsequenz bedient. Nana ist eine hochattraktive Erotomanin, der die Männerwelt fast ausnahmslos verfällt und sich im Umgang mit ihr materiell und physisch ruiniert. Schließlich dreht sich ganz Paris nur noch um sie, so scheint es. Ihre Rolle ist, wie der Erzähler selbst ausführt, die einer goldenen Fliege, die aus dem Kot aufsteigt und die degenerierten Vertreter der oberen Schichten mit Todbringendem infiziert. Sie soll so die Rache der generationenlang Geknechteten exekutieren.

Die Figur der Nana ist zwar mit vielen Details ausgestattet und Zola lässt sie mit ihrer Entwicklung und ihren Launen gut sichtbar werden, doch ist sie nicht vollkommen überzeugend. Sie wirkt oft reifer und erfahrener, als sie bei ihrem Alter und ihrer niedrigen Herkunft sein kann, und äußert sich gelegentlich zu differenziert für eine so junge Frau aus der Gosse. Auf der anderen Seite wird sie vom Erzähler im äußeren Ablauf wie ein mechanisches Spielzeug behandelt, dessen Funktionieren allein die Theorie vom goldenen, todbringenden Insekt zu untermauern hat. Dabei schreitet die Handlung unbarmherzig voran, konsequent von Steigerung zu Steigerung, bündelt die Zufälle, türmt Katastrophen übereinander. Inwiefern Nana dabei die Vollstreckerin einer historischen Entwicklung sein soll, wird aus dem Romantext dennoch nicht ersichtlich. Vielleicht liegt es am Hauptwiderspruch im Werk: Nana verkörpert dämonisiert einen zeitlosen Frauentyp (oder dessen Mythos) und soll zugleich aus ihrer individuellen sozialen Entwicklungsgeschichte heraus ein kollektives Verdammungsurteil begründen.

Wer zählt die allzu vielen Figuren des Romans, all die Kokotten und Lebemänner, Schauspieler und Dienstleute? Zola hat selbst einmal die Zahl hundert genannt. Nana hat die einzige wirkliche Hauptrolle und ihr zugeordnet sind allein an Hauptnebenfiguren zwei bis drei Dutzend Gestalten, zu viele für ein Werk von ca. 500 Seiten. Aus dieser Masse werden in immer neuer Zusammenstellung an unterschiedlichen Orten Gruppen gebildet, sie wirbeln durcheinander, verschwinden bis zu einem späteren kurzen Auftritt. Jedem sind nur wenige charakteristische Züge verliehen, die leitmotivisch eingesetzt werden. So entstehen, einmal abgesehen vom Grafen Muffat, kaum individuelle und nachvollziehbare Biografien und es stellt sich auch kein eindrucksvolles Bild der Gesellschaft am Ende des Zweiten Kaiserreichs ein.

Worauf mag dann die ohne Zweifel erwiesene suggestive Wirkung des Romans auf die Leserschaft beruhen? Es ist nicht das Sichtbarmachen von Vererbung, sie wird nur behauptet, als Grundtatsache und allseits anerkannte Vorbedingung gesehen. Zolas Kunst besteht darin, die andere große Kausalität – das Milieu und seine Auswirkungen – sehr effektvoll zu inszenieren. Die einzelnen Kapitel bieten zu diesem Zweck Handlung auf exponierten Schauplätzen, als da sind: ein Operettentheater, Luxuswohnungen, eine Pferderennbahn, eine Passage im Pariser Zentrum, eine ländliche Gegend in der Mitte Frankreichs, ein großes Pariser Hotel ...

Wir wissen, dass Zola nicht in der Halbwelt verkehrte. Für die Romanniederschrift befragte er wie ein guter Journalist, der er auch war, Männer, die mit dem Milieu vertraut waren, ihm Details und Anekdoten liefern konnten. Dagegen kannte Zola seine Romanschauplätze entweder schon gut oder er besuchte sie nun, um sich ein genaues Bild von ihnen zu verschaffen. Sie werden im Roman bis in alle Winkel ausgeleuchtet, exakt und atmosphärisch dicht beschrieben. Dieses spezielle, stark ortsgebundene Erzählen hat Folgen. Die Schauplätze wollen signalisieren: Was sich an derart authentisch wirkenden Orten ereignet haben soll, muss selbst als wahrhaftig gelten. Zolas Figurengruppen haben etwas von Lebenden Bildern, die auf Knopfdruck des Autors kurz in Bewegung geraten und dann wieder verharren. Dieses Verfahren kann die Illusion von real stattgefundenem Leben erzeugen und es ist nicht frei von Ironie, dass es Naturalismus heißen will.

Verglichen mit den anderen literarischen Größen seines Landes in seinem Jahrhundert – Stendhal, Balzac, Flaubert und Maupassant - war Zola zweitrangig, doch dabei sehr erfolgreich. Seine Werke entsprachen dem Massengeschmack mit grellem Überzeichnen und der Wahl „schlüpfriger“ Sujets. Nana entdeckt im Verlauf ihre lesbischen Tendenzen, die Lesbierinnenszene damals in Paris wird mit dargestellt. Auch Sadomasochismus ist ein Thema, sowohl unter Frauen wie zwischengeschlechtlich. Aber bei Labordette, dem diensteifrigen Freund der leichten Damen, der kein erotisches Interesse an ihnen hat, beachtet der literarische Revolutionär Zola die Grenzen des zu seiner Zeit Sagbaren: Eine andere kleine Nebenfigur darf Labordettes Anderssein gerade einmal andeuten.
 
5. Herman Bang: Sommerfreuden

Herman Bangs bekannte mittellange Erzählung „Sommerfreuden“ (Originaltitel „Sommerglæder“, Erstveröffentlichung 1902) kann Leser durch die sozusagen pointillistische Struktur vor gewisse Probleme stellen. Eine übergroße Menge von Figuren, ca. siebzig an der Zahl, tritt in immer neuen und rasch aufeinanderfolgenden Situationen und Begegnungen auf. Der einzelne Auftritt umfasst dabei fast stets nur wenige Sätze. Jede Figur wird auf kürzestmögliche Weise als Indiduum charakterisiert. Dessen Redeweise ist, obwohl meist abgehackt, auf die jeweilige Gestalt doch abgestimmt. Motivationen sind häufig nur angedeutet. Die Handlungsfragmente wirbeln permanent durcheinander, oft ohne erkennbaren Übergang. Die Interpunktion im Text weist unkonventionelle Züge auf. Das Folgende soll den Einstieg in die Lektüre erleichtern und das Ganze zugleich Versuch einer dem ungewöhnlichen Werk angemessenen Kurzrezension sein.

Ort: ein kleiner Badeort an der Ostküste Nordjütlands (als Vorlage identifizierbar: Sæby bei Frederikshavn)

Zeit: um 1900, während des Sommers, vom Vormittag des einen Tages bis zum Morgengrauen des folgenden dauernd

Der Titel dürfte zum guten Teil – doch nicht ausschließlich - ironisch zu verstehen sein.

Personen, im Wesentlichen in der Reihenfolge ihres ersten Auftretens:

I. Bewohner des Seebades:

1. Hotelierfamilie Brasen (Vater, Mutter, Großmutter, zwei Kinder) mit fünf Angestellten, darunter der täppisch-überforderte Kellner Christian Christensen

2. Andersen, ein Fleischer, seine Kunden persönlich aufsuchend und beliefernd

3. Therkildsen, wohlhabender Kaufmann am Ort und Vizekonsul von Schweden und Norwegen, mit Frau und zwei Söhnen, die sonst als Bankangestellte in Kopenhagen leben

4. Jespersen, Tierarzt, mit seiner Frau, die aus Kopenhagen stammt und einen nicht ganz einwandfreien Ruf hat

5. Dr. Øst, Arzt, Junggeselle, Stoiker, lebt bei seiner Mutter

6. zwei Viehhändler, oft Gäste bei Brasen

7. Sørensen, Polizist, erhält Gratisgetränke bei Brasen

8. Rist, Kurzweißwollwarenhändler, Vegetarier, mit Frau und zwei Töchtern

9. Hauch, Apotheker, mit seiner Frau, die Klavierstunden gibt

10. der Bürgermeister mit seiner aus den Tropen stammenden Frau und Tochter Ingeborg

11. Lassen, Töpfer, mit seiner Frau

12. der Probst mit seiner Frau

13. Berg, Holzhändler, mit seiner Frau


II. Sommergäste (Es treffen zusammen zwei Kremser mit Passagieren ein, im ersten sind vierzehn Personen – drei Herren und elf Damen -, für den zweiten fehlt die Anzahl. Die meisten kommen aus Kopenhagen auf von Brasen geschaltete Zeitungsanzeigen hin.)

1. Rasmussen, Inspektor, mit seiner Frau und drei Kindern

2. Herr Lindegaard, wohl Alkoholiker, mit seiner Frau

3. eine ältere Admiralswitwe mit ihrer hinkenden Tochter

4. zwei befreundete junge Männer: Knud Ender und Eigil Verner

5. vier Volksschullehrerinnen

6. eine ostjütländische Großhändlersfrau mit ihrer Tochter Lucie (leichtlebig)

7. Fryant, Großkonsul in Kopenhagen, mit seiner Frau und der Tochter Johnny (ist verlobt)

Auf eigene Faust unterwegs:

8. zwei junge Radler in Trikots, stark auf Kontakte zu Frauen aus

9. Graa, ein bekannter Sänger, mit seiner Frau (zehn Jahre älter, ihn bemutternd)


Es gibt fünf Handlungsstränge, die ineinander verwoben sind:

1. Das Unterbringen und die Bewirtung der Gäste gestalten sich schwierig, da das Hotel sonst kaum besucht wird und der Betrieb stark verschuldet ist.

2. Ein Teil der Gäste fördert durch Spontankäufe den örtlichen Einzelhandel.

3. Fryants schneiden Therkildsens, die sich so vergeblich um gesellschaftliche Beziehungen in der Haupstadt bemühen.

4. Es kommt eine Wiederannäherung zwischen Knud Ender und seiner früheren Partnerin Ingeborg in Gang.

5. Sänger Graa tritt spontan öffentlich auf, im Anschluss daran ausgelassenes Feiern im Hotel mit Tanz und viel Alkohol.


All das kann man sich im äußeren Ablauf wie in der vermittelten Atmosphäre ähnlich wie in Stummfilmen vorstellen. Eine reale Verfilmung als Tonfilm kam 1940 in Dänemark heraus.
 

John Wein

Mitglied
Hallo Arno,
Nachdem ich das gelesen hatte, viel mir spontan ein Film ein, den ich noch kürzlich im TV gesehen hatte. Ich habe dann mal rumgegoogled und herausgefunden, dass es die Episode einer dänische Serie war: Badehotellet
Da wurde auch ein Bild gezeichnet, das deiner Schilderung sehr nahe kommt. Da neben diesem Strandhotel die Deutschen im Krieg eine Posten installierten, ging es wirtschaftlich mit den Einnahmen bergab. Aber das war nur eine Episode der Serie. Eine eher melancholische Handlung. Erinnerte mich auch wieder an Tomas Mann oder die von dir genannten Franzosen, die die gesellschaftlichen Lebensumstände ihrer Zeit ohne Bombast und Action in sinnlich nuancierten Handlungssträngen unaufgeregt beschreiben. Diese Geschichten kennt man ja auch aus vielen französichen Filmen.
Vielleicht lehnt sich die Serie ja an diesen dänischen Autor an. Was meinst du?
Grüße, John
 
Danke, John, für den interessanten Hinweis. Nun bin ich kaum vertraut mit dänischer Filmproduktion von heute (abgesehen von Lars von Trier), aber denkbar ist schon, dass im Drehbuch für die Serie auch Herman Bangs Einfluss feststellbar ist. Bang gilt schließlich in Dänemark bis heute als einer ihrer großen Autoren, von ähnlichem Rang wie bei uns Thomas Mann (der ihn übrigens als Vorbild in jungen Jahren erwähnt hat). In Frederikshavn gibt es heute sogar ein Hotel "Herman Bang" und es wird bestimmt nicht mit dem etwas traurigen Etablissement in Bangs Erzählung zu vergleichen sein. Jetzt fehlt uns nur noch ein Hotel "Thomas Mann" ... Aber da würden sich die Nachkommen wohl dagegen verwahren. Immerhin: Es gibt wenigstens eine Kartoffelsorte "Fontane" und in Wittenberg kann man "Luther"-Socken kaufen. Nix mit "Sic transit gloria mundi", der Ruhm verwandelt sich in eine Geschäftsidee.

Schöne Abendgrüße
Arno
 



 
Oben Unten