Arnos Lesefrüchte

8. Johann Gottfried Seume: Mein Sommer 1805

Seume unternahm vom Frühjahr bis zum Herbst 1805 die zweite große Reise, über die er danach ein Buch herausbrachte. Das Werk ist in Briefform abgefasst, ohne einen Empfänger zu nennen. Zu Beginn teilt der Autor mit, es handele sich schlicht um die während der Reise gemachten Notizen. Tatsächlich lässt der Text nicht erkennen, dass redigierend stark eingegriffen worden wäre. So heißt es z.B. in dem „Brief“ aus Litauen mit dem Datum 29. April über den zuletzt zurückgelegten Abschnitt der Reise: „Alles war hier in der Mitte des Mais noch kahl und ohne Laub.“

Die bereisten Länder – das damalige Russische Reich, Schweden und Dänemark – waren zur Zeit der Klassik für das deutsche Lesepublikum nicht solche Sehnsuchtsorte wie Griechenland oder Italien. Es verwundert daher nicht, dass Seume mit dem späteren Werk den Erfolg seiner mediterranen Reisebeschreibung „Spaziergang nach Syrakus“ nicht wiederholen konnte. Dabei enthält es ebenso viel wissenswertes Material und Seume erweist sich erneut als guter Beobachter mit noblen Grundsätzen. Seine Standpunkte waren wieder: scharfe Kritik an Feudalismus und Amtskirche, ebenso an Leibeigenschaft und Sklavenhandel, Hoffen auf tiefgreifende Reformen in Staatsaufbau und -verwaltung, Hebung der allgemeinen Bildung. Daneben wirft der Spaziergänger, Wanderer und Kutschenpassagier Blicke auf Landschaften, Landbebauung, Prosperität oder Ärmlichkeit der Dörfer, auf Stadtbilder und Stätten der Hochkultur.

Zuerst gibt es für ihn ein Wiedersehen mit Dresden, das er jetzt günstiger beurteilt, und dann eines mit dem Riesengebirge, dem er ein Loblied singt. Von Breslau geht es durch Russisch-Polen nach Warschau. Hier ist Seume im Jahrzehnt davor eine Zeitlang Sekretär eines russischen Generals gewesen und erinnert sich nun an den Aufstand von 1794. Es folgen die baltischen Länder, dann das eigentliche Russland mit den Schwerpunkten St. Petersburg und Moskau. Seume sieht viel Kritikwürdiges und setzt Hoffnungen in den jungen Zaren Alexander, dessen spätere Entwicklung ihm gewiss missfallen hätte. In St. Petersburg wird er von der Mutter des Zaren empfangen und kann Schlösser und Parkanlagen ausgiebig besichtigen.

Die lange Heimreise geht über Finnland, das damals noch zwischen Schweden und Russland geteilt war, das schwedische Kernland und Kopenhagen. Manches, das Seume registriert, wird schon bald darauf nur noch historisch sein. So wird Schweden seinen Teil Finnlands 1809 nach einem weiteren Krieg an Russland abtreten. Auch vom Seehandel kann Seume nur eine Momentaufnahme liefern. Der längst laufende französisch-britische Wirtschaftskrieg wird ab 1806 in der Kontinentalsperre kulminieren. In Kopenhagen erinnert 1805 noch einiges an das erste britische Bombardement von 1801, doch beim zweiten von 1807 werden ganze Teile der Stadt zerstört werden und die Flotte, die Seume gesehen hat, wird komplett an die Briten auszuliefern sein.

Seume notiert noch manches in Kiel und auf dem Weg über Lübeck nach Hamburg. Auf die Stadt an der Elbe reagiert er spöttisch-ablehnender als auf irgendeine vorher während der Reise. (Mit ausgesprochener Sympathie ist nur das Bild Schwedens und in geringerem Maß das von Dänemark gezeichnet.) Über Lüneburg, Braunschweig, Halberstadt und Halle erreicht er ein halbes Jahr nach seinem Aufbruch wieder sein heimatliches Leipzig.

1806 erschien der Reisebericht erstmals in Buchform und wurde bald von verschiedenen Regierungen für ihre Staaten verboten. Damit reagierten sie auf Seumes kritische Haltung vielem gegenüber. Er selbst verriet an manches Stellen seines Berichts eine schon zunehmend resignative Einstellung und versuchte, ihr dann Herr zu werden.So heißt es in den Lübecker Aufzeichnungen: „Die Unmöglichkeit, etwas rein Gutes zu wirken, wie ich mir es denke, macht mich zuweilen etwas traurig, bis ich mich wieder fasse und mich mit dem Waidspruch tröste: Sei ein Mann und tue das Deinige, und überlaß das Übrige dem Schicksal.“
 

John Wein

Mitglied
Seume war ja in den 1790 ger Jahre schon einmal auf dem Weg nach Russland, um sich dessen Militär anzuschließe, geriet dann aber in den Wirren des polnischen Aufstands (die polnischen Provinzen waren aufgeteilt zwischen Preussen und Russland) kurz in Gefangenschaft der Revolutionäre.
"Die beiden Abende werden lange, vielleicht immer ihr Bild in meiner Seele lassen. Der ferne und nahe Donner, der sich fürcherlich dumpf duch die Straßen brach, das Geklätter der kleinen Gewehre, der hohle Ton der Lärmtrommeln, der Todtenlaut der Sturmglocken, das Pfeifen der Kugeln, das Heulen der Hunde, das Hurrahgeschrei der Revolutionäre, das Klirren ihrer Säbel, das matte Ächzend er Sterbenden und Verwundeten, nehmen sie dieses alles, in der tiefen hellen, herrlichen Mitternacht und vollenden Sie das Gemälde nach ihrem eigenen Gefühl."..
schreibt er in "Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794". dem Herrn Grafen von Hohenthal auf Krauthain Staetelen Lauer ec. aus wahrer Dankbarkeit gewidmet.
Gruß, John
 
Das darf ich noch etwas konkretisieren, John. Seume war tatsächlich einige Zeit Sekretär des russischen Generals Igelström in Warschau und als solcher selbst russischer Offizier. In dieser Funktion erlebte er den Aufstand von 1794 mit und als er 1805 wieder in Warschau war, erinnerte er sich an den Schauplätzen von früher der brenzligen Lage damals. Seume wollte 1805 in Russland auch bei Igelström, der nicht mehr aktiv war, Visite machen, wurde aber inicht vorgelassen. Außerdem bemühte er sich in diesen letzten Lebensjahren lange vergeblich um eine Rente vom Zarenhof aufgrund der geleisteten Dienste. Am Ende kam der Bewilligungsbescheid etwas zu spät - Seume war gerade gestorben (1810).

Schönes Wochenende
Arno
 
9. Johann Gottfried Seume: Mein Leben

Johann Gottfried Seume (1763 – 1810) war vieles in seinem nicht sehr langen Leben: Söldner wider Willen, Sekretär eines russischen Generals, Verlagsmitarbeiter, Hauslehrer und daneben und nicht zuletzt auch Schriftsteller. Bekannt geworden und bis heute in Erinnerung geblieben ist er vor allem durch seine Reisebeschreibung „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, 1803“. Es folgte noch „Mein Sommer 1805“ über Reiseeindrücke aus Russland und Skandinavien.

Im Jahr vor seinem Tod schrieb er an der Autobiographie „Mein Leben“, die er nicht mehr vollenden konnte. Der ca. einhundert Seiten lange Text schildert die Herkunft des Autors sowie sehr anschaulich seine Kindheit und Adoleszenz und bricht im Jahr 1783 ab. Seume war Bauernsohn, wuchs zuerst bei Weißenfels auf, dann zog die Familie in die Nähe von Leipzig, wo der Vater ein Gasthaus mit Landwirtschaft erworben hatte. Verarmt starb der Vater früh und hinterließ eine Witwe mit fünf Kindern. Johann Gottfried, der Älteste, wurde aufgrund seiner Begabung bald durch einen adligen Großgrundbesitzer protegiert, erst in Borna, dann in Leipzig untergebracht und von bewährten Lehrern unterrichtet. Hier schickte man ihn auch auf die Universität, damit er Theologe werde. Doch stand er dem herrschenden orthodoxen Luthertum zunehmend kritisch gegenüber und brach daher 1781 das Studium ab. Er machte sich zu Fuß nach Paris auf, sein Plan: die Artillerieschule in Metz zu besuchen. Jedoch wurde er bereits am dritten Tag seiner Wanderschaft von Werbern des hessischen Landgrafen aufgegriffen und wie so viele andere damals in den Soldatenstand gepresst. Es folgten für sie eine längere Wartezeit auf der Festung Ziegenhain, dann die Reise weserabwärts und an der Küste ihr Verbringen auf englische Kriegsschiffe. Der Landgraf hatte die Männer der britischen Krone für deren Kampf im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vermietet. Die Segelschiffreise nach Kanada zog sich aufgrund von Stürmen und kriegsbedingten Umwegen lange hin. Erst nach zweiundzwanzig Wochen erreichte man Halifax und blieb dort kaserniert bis zum baldigen Kriegsende. Also zurück nach Europa und Seume war 1783 immer noch einer der Zwangssöldner des Landgrafen. Es zeichnete sich ihre Übergabe ans preußische Militär ab (zu der es später tatsächlich kommen sollte). Seume desertierte in Bremen, erfolglos, wie wir wissen. Mitten in der Beschreibung seiner Flucht hört der Text auf: „Und nun -“.

Der heutige Leser erhält ein farbiges Bild der Lebensumstände am Ausgang der Barockzeit, auf dem Land und in der Stadt, im Bildungswesen, auf See, beim Militär. Wir lesen von Hungerkrisen und dem Aufschwung klassischer Bildung. Mit Erstaunen vergegenwärtigt man sich, wie groß die Rolle antiker Schriftsteller und der alten Sprachen war. Indem Seume diese uns so fremd gewordene Vergangenheit beschreibt, wird gleichzeitig auch sein Selbstbild entworfen, das eines energischen, selbstbewussten und gleichwohl auch selbstkritischen Mannes. Leicht befremdet wird man vielleicht konstatieren, dass ein so entschieden Progressiver der damaligen Zeit zugleich vom Militärischen, Soldatischen fasziniert sein konnte. Man kann dennoch Sympathie für ihn empfinden und sich vornehmen, bald auch wieder zum „Spaziergang nach Syrakus“ zu greifen.
 



 
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