17. Aufstieg oder Untergang – Soziale Mobilität bei Dos Passos
In seiner USA-Trilogie - die Einzelbände erschienen 1930, 1932 und 1936 - unternahm John Dos Passos den Versuch, die enorme gesellschaftliche Dynamik zu gestalten, die sein Land zwischen der Jahrhundertwende und der Großen Depression erlebte. Das Gesamtwerk kann man, musikalisch gesprochen, als Sinfonie in drei langen Sätzen auffassen. Die Hauptthemen darin sind die privaten Lebensläufe von zwölf Hauptpersonen, um die sich Hunderte von Nebenfiguren mit unterschiedlichem Gewicht gruppieren. Unterbrochen wird die Abfolge der Kapitel über einzelne Protagonisten von Intermezzi eigener Art: Kurzbiographien prominenter Zeitgenossen aus Wirtschaft, Politik und Kultur sowie Collagen aus Schlagzeilen und Zeitungsartikelfragmenten, ferner autobiographisch-impressionistische Schnipsel. Das Werk hat nicht zufällig zwölf Helden, die Zwölf ist eine magische Zahl seit langem, von den Zwölf Aposteln bis zur Zwölftonmusik. Wie musikalische Themen in der Durchführung variiert und miteinander konfrontiert werden, so kreuzen sich auch bei Dos Passos die Lebensläufe seiner Figuren, wirken aufeinander ein, lösen sich voneinander. Den einzelnen Protagonisten sind von nur einem (Ben Compton) bis zu acht Kapiteln (Charley Anderson) gewidmet, die in scheinbar zufälligem Mix aufeinander folgen. Alles zusammen ergibt ein Netzwerk, dessen Struktur mal dicht, mal locker gewebt ist. Jede dieser Hauptfiguren begegnet einmal oder wiederholt einer oder mehreren anderen aus der Gesamtheit.
Das erwähnte Dutzend ist zur Hälfte männlich und zur Hälfte weiblich. Interessiert man sich primär für die soziale Dynamik, kann man diese unheilige Schar in drei Vierergruppen einteilen, die Erfolgreichen, die Stagnierenden und die Verlierer, wobei die Letzteren sämtlich auch physisch untergehen. Auch in diesen Gruppen ist das Verhältnis männlich-weiblich jeweils ausgeglichen. Wie sorgfältig komponiert dieses Werk doch ist …
J. W. MOOREHOUSE führt die Gruppe der Erfolgsmenschen an, er steigt am höchsten auf. Dabei kommt er aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, sein Vater ist Schalterbeamter am Bahnhof von Wilmington, Delaware. Der Aufstieg von Moorehouse vollzieht sich allmählich mit mehreren Rückschlägen. Seine erste Ehe ist eine tragische Farce, immerhin kann er auf der Hochzeitsreise durch Europa, Jahre vor dem Weltkrieg, nützliche Kontakte knüpfen. Wieder in den Staaten setzt er seine berufliche Odyssee durch die Wirtschaftszentren des Ostens fort und gründet nach Einheirat in eine vermögende Familie eine Werbeagentur in New York, die nach dem Krieg zu den größten im Land gehört. Den Krieg selbst und die Zeit der Friedensverhandlungen verbringt er als Leiter eines Nachrichtendienstes in Paris. Seine Kunden sind später vor allem große Industrie- und Handelsfirmen, deren Image er mit seinen Kampagnen aufpoliert. Er ist jetzt geschieden und hat drei Kinder aus zweiter Ehe, bei ihm lebend.
ELEANOR STODDARD kommt aus ähnlich kleinen Verhältnissen wie Moorehouse, mit dem sie eine Zeitlang intim befreundet ist und dem sie über Jahrzehnte freundschaftlich eng verbunden bleibt. Ihr Vater war Angestellter in den Chicagoer Schlachthöfen, sie selbst ist von früh auf an Kunst interessiert und macht sich mit einem Geschäft für Innendekoration selbständig, das sie nach ihrem Wechsel nach New York auch dort betreibt. Im Weltkrieg ist sie für das Rote Kreuz in Paris tätig und führt danach ihr Geschäft in New York weiter. Am Ende des dritten Teils steht sie vor der Hochzeit mit einem russischen Fürsten im amerikanischen Exil.
RICHARD ELLSWORTH SAVAGE, allgemein Dick genannt, entstammt einer etwas heruntergekommenen gutbürgerlichen Familie. Sein Großvater mütterlicherseits war sogar General, Dicks Vater dagegen sitzt lange im Zuchthaus ein, wohl wegen Wirtschaftsdelikten, wird später Konsulatsangestellter auf Kuba. Dick und seine Mutter ziehen von Chicago nach Trenton, New Jersey, und leben recht beengt in der von einer Tante geführten Pension. Dick kann in Harvard studieren. Bei Kriegseintritt der USA meldet er sich zum Sanitätsdienst des Roten Kreuzes, aber man schickt ihn nach Einsatz in Frankreich und Italien wegen seiner pazifistischen Gesinnung zurück. Jetzt protegiert ihn ein Politiker, für den er schon früher gearbeitet hat, und lässt ihn sich doch zum Militärdienst melden. Dick bringt es in Frankreich im Etappen- und Kurierdienst bis zum Hauptmann und knüpft Verbindungen zum Kreis um Moorehouse. Nach dem Krieg arbeitet er in dessen Unternehmen mit, wird zu Moorehouses rechter Hand. Der aalglatte Dick durchschaut und verachtet sich selbst gelegentlich, trotz seines beruflichen Erfolgs, ein Konformist mit schlechtem Gewissen. Er hat kurze, unbefriedigende Amouren und ist vielleicht bisexuell.
MARGO DOWLING aus New York ist in diesem Quartett der Erfolgreichen die Einzige aus proletarischen Verhältnissen. Ihr Vater: Arbeiter, Bademeister, Barmixer, dem Alkohol verfallen und stirbt früh. Über ihre Stiefmutter bekommt sie Kontakt zu Künstlern, macht bald Tourneen mit. Sie heiratet schon mit sechzehn einen, wie sich herausstellt, schwulen Kubaner, wird später Balletttänzerin in New York, tritt hier und da als Sängerin auf. Zeitweise lebt sie in Miami und nimmt an der Immobilienspekulation dort teil. Dann wechselt sie nach Los Angeles, wird Filmstatistin und nach Jahren von einem führenden Regisseur entdeckt. Sie wird zu einem der großen Stars der zu Ende gehenden Stummfilmära aufgebaut. Aufgrund einer Tripperinfektion – Ansteckung durch ihren Mann - mit folgenden Komplikationen wird sie kinderlos bleiben. Ihr damals in Havanna geborenes Kind ist schon nach Tagen gestorben.
Mit JANEY beginnt die Reihe derer, die sozial weder auf- noch absteigen. Ihr Vater ist Angestellter im Patentbüro in Washington, D.C. Sie wird in der Hauptstadt Schreibkraft und später die J.W. Moorehouse unentbehrlich werdende Sekretärin. Von allen Hauptpersonen ist sie die mit dem unauffälligsten Lebenslauf. Sie bleibt ledig.
BEN COMPTON ist Sohn von aus Osteuropa eingewanderten Juden. Sein Vater arbeitet als Uhrmacher bei einem Juwelier in New York, seine Schwester im Büro von Moorehouse. Ben ist nach der Schule eine Zeitlang Saison- und Gelegenheitsarbeiter außerhalb von New York. Nach seiner Rückkehr arbeitet er für einen Anwalt. Aus der geplanten juristischen Karriere wird unter den Bedingungen von Krieg in Europa und sozialen Unruhen in den USA nichts. Ben erweist sich als talentierter Redner, der Massen begeistern kann. Er tritt vor allem vor streikenden Arbeitern auf. Seine Partnerschaften gehen früh in die Brüche. Er wird als Demonstrant erheblich verletzt und verbüßt eine längere Haftstrafe. Gegen Ende der Trilogie wird er wegen Abweichlertums aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und will als Unabhängiger weiter für seine Sache kämpfen.
MARY FRENCH kommt aus Colorado. Ihr Vater ist Arzt und setzt sich sehr für seine Patienten ein, stirbt früh an der Spanischen Grippe. Mary verträgt sich schlecht mit ihrer bürgerlich standesbewussten Mutter. Sie wird nacheinander Fürsorgerin, Reporterin und Mitarbeiterin eines moderaten Gewerkschaftsfunktionärs und gelangt über Chicago, Pittsburgh und Washington, D.C. nach New York. Auch ihre Partnerschaften scheitern jeweils, darunter die mit Ben Compton. Sie lässt zweimal abtreiben. Sie reibt sich zunehmend auf als Mitarbeiterin einer radikalen Gewerkschaft, indem sie die materielle Unterstützung von Streikenden organisiert. Hier ist sie eine zentrale Figur, hat Erfolg, doch die Streiks brechen oft zusammen. Am Ende sieht sie sich hin- und hergerissen zwischen ihrem beruflichen und sozialen Engagement einerseits und der losen Verbindung zu einer immer stalinistischer werdenden KP andererseits. Sie will aber nicht mit ihrer Arbeit aufhören und damit endet die Trilogie.
MAC ist das einzige Proletarierkind in dieser Viererreihe. (In der folgenden wird es gar keines mehr geben.) Sein Vater war Nachtwächter in einer Fabrik in Neuengland. Aus der Not heraus finden sie Unterschlupf bei einem Onkel, der in Chicago eine kleine Druckerei betreibt. Nach dessen Bankrott zieht der junge Mac seine Bahn rund um halb Nordamerika, als Wander- und Saisonarbeiter, später als Drucker, vom Mittleren Westen über Kanada, die pazifische Küste entlang, nach Nevada … Er heiratet in San Francisco, das Paar bekommt Kinder und wechselt nach Südkalifornien. Doch die Ehe scheitert an den gegensätzlichen Einstellungen der Partner. Die Frau ist geprägt vom Streben nach Besitz und Konsum, Mac hat seit langem engagiert an sozialen Kämpfen teilgenommen. Nach ihrem Bruch reist er nach Mexiko, wo gerade – 1911 – eine Revolution begonnen hat. In deren Verlauf gelangt er in den Besitz einer Buchhandlung in Mexico City – und bleibt. Damit ist er, nicht ganz übereinstimmend mit seinen proletarischen Idealen, das geworden, was sein Onkel auch schon war, ein kleiner Unternehmer.
Unter den Verlierern ist EVELINE HUTCHINS, Tochter eines Pfarrers in Chicago und jahrzehntelange Freundin von Eleanor Stoddard. Sie eröffnet zusammen mit Eleanor einen Laden für Innendekoration. Später in New York ist sie Eleanors Angestellte in deren Geschäft. Sie war schon vor dem Weltkrieg mit ihren Eltern einmal in Europa und arbeitet im Krieg, wiederum im Gefolge von Eleanor, in Paris für das Rote Kreuz. Charakteristisch für sie sind ihre zahlreichen gefühlsintensiven, sie seelisch unbefriedigend lassenden erotischen Kontakte. Sie lernt in Paris einen sehr jungen, noch unreifen Amerikaner kennen, wird von ihm schwanger und heiratet ihn. Wieder in New York macht sie ihre Wohnung zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt. Sie entwirft Dekorationen und Kostüme für Theateraufführungen. Evelines Seitensprünge lassen die Ehe zerbrechen. Von einem neuerlichen erotischen Fiasko tief enttäuscht, bringt sie sich ganz am Ende des Werks um.
JOE WILLIAMS ist der Bruder von Janey. Er ist abenteuerlustig, konfliktbereit, stark emotional. Er lässt sich durch sein Leben und um die Welt treiben, erst bei der Kriegs-, nach einer Desertion bei der Handelsmarine. Er erlebt und überlebt viele riskante Situationen, darunter während des Krieges wiederholtes Torpediertwerden. Am Tag des Waffenstillstandes wird er in einer französischen Hafenstadt bei einer Schlägerei von einem Unbekannten totgeschlagen.
TÖCHTERCHEN heißt eigentlich Anne Elizabeth und ist die Tochter eines wohlhabenden Anwalts in Dallas, Texas. Sie ist ein übertrieben gefühlsbetonter Wildfang, wie Joe Williams unfähig zu einer vernunftgesteuerten Lebensführung. Spontan entschließt sie sich bei Kriegsende, in Europa beim Hilfsdienst für den Nahen Osten mitzuarbeiten. Sie hat in Italien ein kurzes Verhältnis mit Hauptmann Savage („Dick“), wird ungewollt schwanger und aufgrund ihrer gesamten Aufführung bald heimgeschickt. Dahin unterwegs macht sie in Paris Station und erfährt, dass Dick sie nicht heiraten will. In der Nacht vor ihrer Rückreise in die Staaten lernt sie noch einen jungen französischen Militärpiloten kennen. Sie verleitet ihn zu einem gemeinsamen riskanten Rundflug über Paris, beide stark alkoholisiert. Fast zwangsläufig stürzen sie in den Tod.
CHARLEY ANDERSON kommt aus North Dakota, wo seine alleinstehende Mutter eine Pension betreibt. Er arbeitet nach der Schule als Kfz.-Mechaniker in verschiedenen Bundesstaaten im Mittleren Westen. Auch er tritt bei Kriegseintritt zunächst in den Sanitätsdienst ein und wechselt später zur kämpfenden Truppe. Er wird Jagdflieger. Aus dem Krieg bringt er Fachkenntnisse über Aviatik sowie konstruktive Entwürfe für Flugzeugbau mit. Er wird Mitarbeiter und Teilhaber in der rasch aufblühenden Flugzeugindustrie, erst in New York, dann in Detroit. Daneben engagiert er sich stark an der Börse. Sowohl sein Privatleben – er ist verheiratet und hat Kinder – wie das Geschäftliche laufen ihm völlig aus dem Ruder. Er übersteht noch den Absturz einer von ihm gesteuerten Maschine und hält sich dann in Florida auf, wo er eine Beziehung zu Margo Dowling eingeht. Sein Ende: Unter hohem Alkoholeinfluss steuert er seinen Wagen gegen eine Zuglokomotive und erliegt einige Tage später im Krankenhaus einer Bauchfellentzündung.
Wo sind die Schauplätze für diese Handlungsmassen? Es sind vor allem Restaurants, Bars, Cafés, Privatwohnungen, Hotels, Straßenräume, Eisenbahnen, Versammlungssäle, weniger sind es Arbeitsplätze. Vor welchem historischen Hintergrund verfolgen wir die Handlungsstränge? Vor dem des Kriegs in Europa und mehr noch vor dem der jahrzehntelangen sozialen Kämpfe innerhalb der USA mit Streiks, Demonstrationen und staatlichen wie betrieblichen Zwangsmaßnahmen dagegen. Im Hintergrund unübersehbar: der rasante technische Fortschritt jener Zeit und die Immobilienspekulation. Beeindruckend ist die räumliche Mobilität der Figuren. Keiner bleibt auf Dauer an seinem Ursprungsort – wenn es nicht New York ist – und alle reisen viel, ziehen oft um. Dieser Mobilität im geographischen Raum entspricht indessen die soziale nicht bei allen Gestalten. Das will näher betrachtet werden …
Dos Passos hat sein Werk konzipiert, als er noch Sozialist war und Sympathien für die junge Sowjetunion hatte. Während er daran arbeitete, wurde er zunehmend kritischer. Das erweist sich gerade aus den Handlungsverläufen in der zweiten Hälfte des dritten Teils. Unabhängig von dieser Entwicklung fällt auf, dass von einem Dutzend Hauptpersonen nur zwei Gestalten dem proletarischen Milieu entstammen. Aus der Oberschicht findet sich gar kein Vertreter. Beim Personal herrscht der Mittelstand vor, vor allem sein unterer und mittlerer Sektor. Nur aus dieser Schicht gelingt einigen der soziale Aufstieg mitten in der Gesellschaft. Ob einem die Anpassung gelingt oder nicht, scheint primär vom Verhältnis Rationalität zu Emotionalität abzuhängen; je mehr die Letztere überwiegt, umso schlechter die Chancen im Existenzkampf. Was aus den beiden Arbeiterkindern wird, ist bezeichnend: Relativen Erfolg haben sie nur, indem sie randständige Existenzen bleiben, im Show-Business oder im Ausland. Aus Dos Passos’ Sicht sind die USA jener Jahrzehnte ein Land, in dem bei großem materiellen Fortschritt dessen Früchte ungleich verteilt bleiben. Die Arbeiterschaft geht nach langem Ringen leer aus. Ihr historisches Unterliegen ist parallelisiert mit dem Kampf und dem Sieg des Landes im Ersten Weltkrieg. Mit dem Ende von Sacco und Vanzetti – mit den erfolglosen letzten Schritten und Demonstrationen gegen ihre Hinrichtung zum Schluss des Werks hin dargestellt – wird diese Niederlage gewissermaßen ratifiziert.
Man kann das Ende der Trilogie so sehen: Mary French flüchtet sich aus komplizierten persönlichen Beziehungen und vor den Zweifeln, ihre Überzeugungen betreffend, in tägliche Arbeit, ohne noch vollkommen von deren Wert überzeugt zu sein. Darin ähnelt sie dem Autor Dos Passos, der nach Abschluss seines Hauptwerks allmählich immer konservativer wurde. Die amerikanische Gesellschaft selbst trat nach der von dieser Chronik behandelten Ära in einen neuen Abschnitt mit neuen Krisen und Umschwüngen ein: Weltwirtschaftskrise, New Deal, neuer Weltkrieg.