Asynchrone Rekonstruktion des emergenten Seins als Bewusstsein

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trivial

Mitglied
Sündenfall

Sie verbrannten und schrien:
„Nimm es weg von uns –
erlöse uns!“

Aber sie waren der Fall, die Sünde –
das Zeugnis selbst.
Sie waren alles, was sie sahen:
Schuldiger und Erlösung.

Was gegeben ward,
kann nicht mehr genommen werden.

Wie in jedem Anfang
das Echo seines Endes liegt.

Erlösung wäre Auslöschung.
Sehen ist Vergehen.
Im Schmecken des Apfels
liegt die ganze Welt.

Jeder Biss ein Spiegel,
jeder Geschmack ein Bericht,
den ihr lest und versteht.

Sie fielen auf die Knie –
nicht um zu beten,
sondern um zu sehen,
wie sie beteten.

Ihr Atem war der Klang,
den sie hinter sich hörten;
ihr Herz, ein Fremder,
der ihnen den Weg weist.


Endlich verstanden sie,
was verlorenging:
sie sind der Fall, der Verlust,
niemals Aufprall, niemals Anfang.​
 

trivial

Mitglied
Es ist sonst nicht meine Art, meine Texte zu kommentieren.
Doch schien mir hier die Umsetzung der These selbst zum Ausdruck gekommen:
Dass der Inhalt erst nachträglich erkennbar wird – verborgen im Weiß auf Weiß.
Der letzte Absatz sollte darauf verweisen, wie Erkenntnis erst im Rückblick aufscheint.
Vielleicht aber ist das, was mir so wesentlich erschien, nur allzu schlicht:
Dass der Tod dem bewussten Sein immer entzogen bleibt,
dass es sich nur als Differenz zum Nichtsein erfährt – immer ein Nachher.
Es muss seine Vergänglichkeit antizipieren:
Der Tod als ontologische Hintergrundstrahlung
wirft unser Dasein als Schatten der Wesenheit.
 
Zuletzt bearbeitet:

Frodomir

Mitglied
Hallo trivial,

eine interessante Idee, die du hier verfolgt hast: Den Sündenfall auch grafisch darzustellen. Dabei verbinden sich in deinem Gedicht mehrere Motive, vor allem der Fall Luzifers aus dem Himmel und die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies.

Die Idee des Gedichtes liegt meiner Lesart nach darin, dass diese im Allgemeinen als Urproblem des christlichen Menschen aufgefassten Motive hier eine Umwertung erfahren: Sie sollen nicht mehr als Übel und Abfall vom Göttlichen betrachtet werden, sondern als inhärent menschlich, banaler ausgedrückt: als normal.

Der Sündenfall ist damit nichts mehr, das den Menschen erlösungsbedürftig macht, sondern es ist sein ontologischer Normalzustand auf dieser Welt.
Insofern ist die letzte Strophe des Gedichtes so zu verstehen, dass der Mensch in seinem Streben nach Erlösung vom Bösen irrt. Denn hier gibt es kein Böses mehr, weil es auch kein Gutes gibt. Es gibt nur das Seiende, dass sich ohne Anfang und Ende fortsetzt.

Ein in meinen Augen sehr intelligentes und weises Gedicht, bei dem ich mir aber nicht sicher bin, ob ich es in seiner Tiefe schon ganz erfasst habe.

Gern gelesen!

Viele Grüße
Frodomir
 

trivial

Mitglied
Lieber Frodomir,

entschuldige die späte Antwort – ich liege seit zwei Wochen mit einer Erkältung flach.
Aber ich wollte dir noch für deine netten Worte und Lesart danken. Gerne möchte ich noch etwas ergänzen – ich hoffe, es wird nicht zu verworren.
Einerseits gefiel mir deine sehr religiöse Sicht, andererseits wollte ich hervorheben, dass ich hoffe, der Text besitzt eine inhärente Spiritualität und dass er die christliche Symbolik nur als Trägermaterial nutzt.

Wenn man der Prämisse des Titels folgen mag – den ich absichtlich technisch gehalten habe, um das symbolische Motiv des Textes in einen geeigneten Rahmen zu setzen –, dann ist Wahrnehmung immer schon verspätet. Die Aufhebung dieser Differenz würde die Struktur des Bewusstseins selbst vernichten.
Bewusstsein, das asynchron ist, kann sich niemals im Moment seines Entstehens erfahren – es ist ein Fall ohne Aufprall.

Der „Sündenfall“ ist die symbolische Übersetzung dieser Asynchronie:
Das Bewusstsein erlebt sein eigenes Entstehen als „Verlust“, weil es das Sein nur nachträglich erfassen kann.

Religion ist mir also nur insofern von Bedeutung, als wir, wenn wir sie auflösen, uns selbst auflösen.
Dennoch möchte ich hervorheben, dass eine asynchrone Rekonstruktion des Seins als Bewusstsein eine strukturelle, ontologische Demut in sich trägt – darin, dass ihr die eigene Grenze und damit etwas Transzendentales immanent bleibt, im Gegensatz zu der Hybris, die aus einem selbsterklärenden Emergenzmodell notwendig hervorgeht.

Bewusstsein ist der Schattenwurf des Subjekts durch die Zeit,
unfähig, die Quelle zu erkennen, die es hervorbrachte.
Es ist die Relation von Sein und Zeit.

Der Tod ist der Ursprung der Zeit –
was in der Zeit erscheint, ist nur das Nachbild seines Verschwindens.
Zeit entsteht aus Sterblichkeit.

Entweder nimmt das Bewusstsein diesen Zustand an,
oder es will selbst das Licht, den Ursprung sein –
doch kann es dann kein Schatten mehr sein.

Wenn das Bewusstsein sich selbst vergöttlicht,
muss es die Religion töten –
doch indem es das tut, zerstört es den Spiegel,
in dem es sich erkennt.

Darin liegt der ganze Betrug der unsterblichen Seele:
dass der Schatten verschwindet, wenn das Licht erlischt.
Er stirbt nicht –
er vergeht mit dem Ende seiner Bedingung.

So verhält es sich mit dem Bewusstsein:
Es endet nicht durch den Tod,
sondern durch die Abwesenheit der Zeit.


Vielleicht doch wieder nur wildes geschwurbel, oder zuviel Schmerzmittel.
Jedenfalls danke für das Lesen.

Liebe Grüße
Rufus
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Rufus,

vielen Dank für deine Antwort. Ich hoffe, dir geht es mittlerweile schon besser.
Einerseits gefiel mir deine sehr religiöse Sicht, andererseits wollte ich hervorheben, dass ich hoffe, der Text besitzt eine inhärente Spiritualität und dass er die christliche Symbolik nur als Trägermaterial nutzt.
Ja, so habe ich das Gedicht auch verstanden. Es ist in diesen Sphären nur sehr schwer, noch klare Worte zu finden, aber du hast dies hier geschafft.

Wenn man der Prämisse des Titels folgen mag – den ich absichtlich technisch gehalten habe, um das symbolische Motiv des Textes in einen geeigneten Rahmen zu setzen –, dann ist Wahrnehmung immer schon verspätet. Die Aufhebung dieser Differenz würde die Struktur des Bewusstseins selbst vernichten.
Bewusstsein, das asynchron ist, kann sich niemals im Moment seines Entstehens erfahren – es ist ein Fall ohne Aufprall.

Der „Sündenfall“ ist die symbolische Übersetzung dieser Asynchronie:
Das Bewusstsein erlebt sein eigenes Entstehen als „Verlust“, weil es das Sein nur nachträglich erfassen kann.
Ich verstehe. Doch denkt man deine Beobachtung bis zum Ende, dann stellen sich automatisch wichtige Fragen. Eine der wichtigsten wäre in diesem Zusammenhang die nach der Kultur. Versteht man Kultur als versuchte Manifestation von Bewusstsein und legt den Wert des Seienden dagegen höher an, dann hätte man Lust, augenblicklich den Stift beiseite zu legen, um nicht im Nachträglichen das Leben zu verpassen.

Religion ist mir also nur insofern von Bedeutung, als wir, wenn wir sie auflösen, uns selbst auflösen.
Aber wenn ich dich richtig verstehe, würden wir mit ihrer Negation doch "nur" Bewusstsein auflösen, nicht aber das Sein?

Aber:

Der Tod ist der Ursprung der Zeit
Das, lieber Rufus, ist einer - und das meine ich ohne Übertreibung (zu der ich gewiss manchmal neige :cool:) - der besten, klügsten und tiefsinnigsten Sätze, die ich jemals gelesen habe. Von meinem alten Zitatebuch löst sich leider der Einband und ich möchte ein neues beginnen - und dieses Zitat soll das erste darin sein. Ich bin sprachlos, so unglaublich gut ist das!

Liebe Grüße
Frodomir
 

petrasmiles

Mitglied
Das, lieber Rufus, ist einer - und das meine ich ohne Übertreibung (zu der ich gewiss manchmal neige :cool:) - der besten, klügsten und tiefsinnigsten Sätze, die ich jemals gelesen habe. Von meinem alten Zitatebuch löst sich leider der Einband und ich möchte ein neues beginnen - und dieses Zitat soll das erste darin sein. Ich bin sprachlos, so unglaublich gut ist das!

Liebe Grüße
Frodomir
Das sehe ich ganz genau so!

Liebe Grüße
Petra
 

wirena

Mitglied
Denn hier gibt es kein Böses mehr, weil es auch kein Gutes gibt. Es gibt nur das Seiende, dass sich ohne Anfang und Ende fortsetzt.
....dieses Erleben kenne ich ebenfalls -

Sünde ist m.E. Schuldzuweisung - Machtausübung -

...eigens Bedauern, untröstlichsein scheint mir eher angebracht - doch sich selbst zu verzeihen ist nicht einfach - hat m.M.n. etwas mit Akzeptanz zu tun

LG wirena
 

wirena

Mitglied
Rufus schrieb:

Bewusstsein ist der Schattenwurf des Subjekts durch die Zeit,
unfähig, die Quelle zu erkennen, die es hervorbrachte.
Es ist die Relation von Sein und Zeit.

Der Tod ist der Ursprung der Zeit –
was in der Zeit erscheint, ist nur das Nachbild seines Verschwindens.
Zeit entsteht aus Sterblichkeit.

Entweder nimmt das Bewusstsein diesen Zustand an,
oder es will selbst das Licht, den Ursprung sein –
doch kann es dann kein Schatten mehr sein.

Wenn das Bewusstsein sich selbst vergöttlicht,
muss es die Religion töten –
doch indem es das tut, zerstört es den Spiegel,
in dem es sich erkennt.

Darin liegt der ganze Betrug der unsterblichen Seele:
dass der Schatten verschwindet, wenn das Licht erlischt.
Er stirbt nicht –
er vergeht mit dem Ende seiner Bedingung.

So verhält es sich mit dem Bewusstsein:
Es endet nicht durch den Tod,
sondern durch die Abwesenheit der Zeit.


Vielleicht doch wieder nur wildes geschwurbel, oder zuviel Schmerzmittel.
Jedenfalls danke für das Lesen.
...m.E. überhaupt kein Geschwurbel - ist für mich verständlich und nachvollziehbar - erlaube mir ein paar persönliche Zeilen hier anzufügen:

Eins-Sein

Lichterfüllt
im Schatten des Licht
das Du im Ich
absichtslos
unverhofft

glückerfüllt

ich suche nicht
Es findet mich

06.08.2019/win
 

trivial

Mitglied
Meine Lieben, ich möchte mich für die netten Wertungen und Kommentare bedanken. Vor allem dir, lieber Frodomir, dafür, dass du dich so ausführlich mit meinen Gedanken auseinandersetzt und mich forderst. Es mag vielleicht immer noch an der nun endlich abklingenden Erkältung liegen, aber langsam bekomme ich selbst einen Knoten im Kopf, und bevor daraus noch eine konsistente Philosophie wird und ich wahnsinnig werde, nur noch ein, zwei Gedanken, bei denen du mich, glaube ich, etwas missverstanden hast. Alles natürlich ohne Wahrheitsanspruch und nur als Ausgeburt meiner wilden Gedanken.

Bewusstsein ist nicht verspätet Wahrnehmung, es ereignet sich erst in dieser Verspätung – der bewusste Moment entsteht erst in dieser Verspätung.

Religion verstehe ich als strukturiertes Sein, in der sich Kultur verfestigt.

Nicht Bewusstsein schafft Kultur, sondern erst in dieser strukturierten Vor-Form des Seins
kann sich Bewusstsein überhaupt ereignen.

Wenn wir "Religion" negieren, also die grundlegende Strukturierung des Seins,
verlieren wir nicht Bewusstsein, sondern die Möglichkeit,
das Sein überhaupt zu erfahren.

Genau dieses Dilemma, diese Crux, war die eigentliche Intention meines Textes.

Liebe Grüße
Rufus
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Rufus,

gut, dass es dir wieder besser geht.
Bewusstsein ist nicht verspätet Wahrnehmung, es ereignet sich erst in dieser Verspätung – der bewusste Moment entsteht erst in dieser Verspätung.
Ich verstehe deinen Gedanken jetzt besser. Es macht Spaß, darüber nachzudenken, aber es ist auch sehr fordernd. Wir betreiben Philosophie :)

Religion verstehe ich als strukturiertes Sein, in der sich Kultur verfestigt.

Nicht Bewusstsein schafft Kultur, sondern erst in dieser strukturierten Vor-Form des Seins
kann sich Bewusstsein überhaupt ereignen.
Das verstehe ich nicht. Was sollte Religion und Kultur unterscheiden? Wann liegt Kultur vor, wann Religion? Ist Religion nicht eine Form der Kultur? Ich verstehe nicht, warum du Religion als "grundlegende Struktur des Seins" von Kultur abgrenzt.

Liebe Grüße
Frodomir
 

trivial

Mitglied
Lieber Frodomir,

abermals Danke, für Deine intensive Auseinandersetzung. Da alles nur aus meiner Intetion herraus geschrieben ist, kann ich nicht für logische Kohärenz und inhaltliche Stringenz garantieren – ich hoffe es natürlich, aber ob es mehr ist als nur ein Gefühl? Jedenfalls habe ich mir nochmals den Kopf zerbrochen und versucht es etwas weiter aufzufächern:


Es scheint mir wichtig, Religion aus dem engen Korsett des reinen Glaubens an Götter zu lösen und weiter zu fassen: als strukturierte Form des Seins, in der sich Kultur verfestigt – die Grundlage, in der Bewusstsein überhaupt wirken kann.

Eventuell ist der Begriff der Religion zu Uneindeutig. Da er einerseits viel zu weit gefasst ist, weil er auf vorsprachliche Kulturen angewandt wird, wo „Religion“ in unserem/meinem Sinne noch gar nicht als eigenständige Sphäre existiert. In ihr sind Religion und Kultur deckungsgleich.
Erst durch Sprache zur Mündlichkeit zur Schrift, lösen sie sich voneinander.

Andererseits, ist der Begriff zu eng gefasst, da er nur den Götterglauben impliziert.

Alle menschlich geschaffenen Dinge sind Kultur – Rituale, Regeln, Sprache.
Kultur ist das, was zwischen Sein und Bewusstsein vermittelt und bereits in vor-sprachlichem Handeln wirkt.

Religion, verstanden als das wieder-lesbare Wort, fungiert als Spiegel für den Menschen, der in der Sprache lebt – als Haus des Seins – und als Katalysator, der das Medium strukturiert, in dem Bewusstsein entstehen kann. Sprache selbst ist die Bewusstwerdung in diesem Medium.

Man kann die Weltstruktur in drei irreversible Transformationen einteilen:

1. Vorsprachlich (rituell, leiblich): Religion existiert noch nicht als separates System, sondern ist deckungsgleich mit Kultur.

Bedeutung entsteht im Tun.


2. Mündlich/Vorschriftlich: Kultur wird symbolisch; Sprache und Sprecher sind noch eins. Religion und Kultur erscheinen als Polarität: Kultur wird erlebt, Religion erzählt.

Bedeutung entsteht im Sprechen.

3. Schriftlich: Die Loslösung vom Sprecher fixiert Religion und trennt sie von Kultur ab, wodurch sie reflektierbar wird.

Bedeutung entsteht im Wieder Lesen – relegere, relegare, religion.

Eventuell – da bin ich mir nicht sicher – gibt es eine vierte, digitale Transformation: die Loslösung der Sprache vom Inhalt und die Auflösung des Sprechers. Moderne Internet-Memes sind ein Beispiel dafür: selbstreferenzielle symbolische Formen von vager, universeller Bedeutung. Sie tragen keinen Inhalt und übermitteln keine Information; sie triggern nur etwas bereits Internalisertes.
Sie leben durch Wiederholung, nicht durch Sprechen.

Bedeutung entsteht im Zirkulieren ohne Inhalt, ohne Sprecher, ohne Weltbezug. Neglegere –das Nicht-Lesen, das Nicht-Beachten.


Ob diese digitale Phase wirklich eine eigene Stufe bildet, wird die Zeit zeigen. Doch sie war die eigentliche Motivation hinter meinem Text „Neglegere“: das Wort, das nicht verschwindet, sondern erodiert.

Dementsprechend wäre dies auch meine Antwort auf Deinen Kommentar zu Neglegere:

Wenn die Schrift die Loslösung der Sprache vom Sprecher ist,
dann ist die Digitalität die Loslösung der Sprache vom Inhalt —
und die Auflösung des Sprechers selbst.

Es gibt jedoch kein Zurück in die vorsprachliche Welt: Vom Vorsprachlichen zum Mündlichen zum geschriebenen Wort, das alles sind irreversible Transformationen der Weltstruktur. Das Wort kann nicht verschwinden, aber es kann erodieren – es bleibt als Struktur erhalten, selbst wenn es innerlich verfault.

Liebe Grüße
Rufus
 

trivial

Mitglied
Rufus schrieb:



...m.E. überhaupt kein Geschwurbel - ist für mich verständlich und nachvollziehbar - erlaube mir ein paar persönliche Zeilen hier anzufügen:

Eins-Sein

Lichterfüllt
im Schatten des Licht
das Du im Ich
absichtslos
unverhofft

glückerfüllt

ich suche nicht
Es findet mich

06.08.2019/win
Liebe Wirena, ich wollte Dich natürlich nicht übergehen und möchte mich herzlich für Deine persönlichen Zeilen und Dein nachvollziehen bedanken. Normalerweise ist es mir lieber, wenn meine Zeilen unter dem Radar fliegen. Frodomirs interessiertes Nachfragen hat mich, im positiven Sinne, sehr gefordert und gebunden.

Liebe Grüße
Rufus
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Rufus,

herzlichen Dank, dass du deine Gedanken mit mir bzw. mit uns austauschst. Das ist für mich sehr interessant und auch geistig fordernd.

Zuerst:

Normalerweise ist es mir lieber, wenn meine Zeilen unter dem Radar fliegen.
Bitte nicht. Was du schreibst, ist von Interesse, ist tief, ist gut. Das gehört aufs Radar :)

Alle menschlich geschaffenen Dinge sind Kultur – Rituale, Regeln, Sprache.
Kultur ist das, was zwischen Sein und Bewusstsein vermittelt und bereits in vor-sprachlichem Handeln wirkt.
Vielleicht ;) Ich bin für mich mittlerweile an dem Punkt angekommen, an dem ich den Begriff Kultur zwar noch benutze, aber nicht mehr definiere. Traditionell in Abgrenzung zur Natur verstanden, kommt man, wenn man es am Menschen zu Ende denkt, auf keine Trennschärfe: Wo fängt Natur an, wo hört Kultur auf? Würde man z.B. Natur klassisch als das vom Menschen Unbeeinflusste verstehen, dann wäre alles Menschliche Kultur und hätte noch dazu die Konnotation des Künstlichen. Das ergibt aber wiederum keinen Sinn, weil der Mensch ja in die Natur hineingeboren wird, also ein Teil davon ist.

Dennoch finde ich deine Herangehensweise von Kultur als Medium sehr interessant und auch plausibel.

Religion, verstanden als das wieder-lesbare Wort, fungiert als Spiegel für den Menschen, der in der Sprache lebt – als Haus des Seins – und als Katalysator, der das Medium strukturiert, in dem Bewusstsein entstehen kann. Sprache selbst ist die Bewusstwerdung in diesem Medium.
Meinst du das im Sinne von Feuerbachs Projektionsthese? Oder eher rein philosophisch, desriptiv?

Man kann die Weltstruktur in drei irreversible Transformationen einteilen:

1. Vorsprachlich (rituell, leiblich): Religion existiert noch nicht als separates System, sondern ist deckungsgleich mit Kultur.

Bedeutung entsteht im Tun.


2. Mündlich/Vorschriftlich: Kultur wird symbolisch; Sprache und Sprecher sind noch eins. Religion und Kultur erscheinen als Polarität: Kultur wird erlebt, Religion erzählt.

Bedeutung entsteht im Sprechen.

3. Schriftlich: Die Loslösung vom Sprecher fixiert Religion und trennt sie von Kultur ab, wodurch sie reflektierbar wird.
Auch das finde ich sehr interessant. Vielleicht führt ja die vierte, von dir angesprochene, digitale Transformation aber doch zu einer Umkehr bzw. Auflösung der hier genannten Entwicklungen. Denn die von dir auch in deinem Gedicht Neglegere (das ich jetzt besser verstehe, vielen Dank) angesprochene Inhaltsauflösung könnte zu Ende gedacht ja in einer Dystopie der Leere enden, sodass die Schriftkulturen in Vergessenheit geraten und sich das reine Sein wieder bahnbricht. Nachsprachlich - Vorsprachlich.

Ich habe mir vor einigen Jahres ebenfalls Gedanken über die Transformationen in unserer Weltstruktur (ein schönes Wort von dir) gemacht und diese Gedanken anhand einer lyrischen Stammes- und Kunstgeschichte ausgearbeitet. Im Kontext deines Gedichtes und unserer Unterhaltung lade ich es nochmal hoch, ich denke, das könnte gerade gut passen.

Vielen Dank für den geistreichen Austausch mit dir.

Liebe Grüße
Frodomir
 

trivial

Mitglied
Lieber Frodomir,

Du hältst mich ganz schön auf trab ;)

Ist Kultur nicht die natürliche Weise des Menschen, die Welt hervorzubringen, die Natur zu strukturieren und bewohnbar zu machen? Dahingehend denke ich, es ist nicht zielführend, dies trennen zu wollen.
Als wolle man Meer und Welle trennen.

Ob Projektion oder Beobachten, das fühlt sich beides für mich unpassend oder vielmehr unzureichend an. In der Projektionsthese schwingt für mich die Hybris mit, Gott als menschliche Projektion anzusehen – genau wie Natur und Kultur künstlich zu trennen. „Philosophisch deskriptiv“ scheint mir zu passiv, exkludierend. Lieber wäre mir eine phänomenologische Perspektive – aber auch diese greift mir zu kurz.
Warum Regisseur oder Zuschauer und nicht die Bühne, auf der es stattfindet?

Ich meinte meine ursprüngliche Aussage eher performativ – und wollte zugleich etwas Transzendentales erhalten. Sozusagen performativ-transzendental: das Transzendentale zeigt sich nicht als gegeben, sondern konstituiert sich rückwirkend im Vollzug, im immanenten „Nacher“, das jedem Bewusstsein eingeschrieben ist.

Den zyklischen Ansatz, dass aus nachsprachlichen Formen wieder vorsprachliche Strukturen entstehen, ob als Zyklustheorie, oder als metaphysische "ewige Wiederkunft", dem kann ich etwas abgewinnen. Doch intuitiv entspricht mir ein dialektisch nach vorne offenes Modell mehr: eher eine Wellenbewegung mit steigender Amplitude. Denn es geht mir nicht um ein verlorenes Paradies oder eine theologische Heilserzählung, sondern darum, die konstruktive Zerrissenheit des Menschen zu verstehen.

Liebe Grüße
Rufus
 

wirena

Mitglied
Hallo trival

Zitat:
«Liebe Wirena, ich wollte Dich natürlich nicht übergehen und möchte mich herzlich für Deine persönlichen Zeilen und Dein nachvollziehen bedanken. Normalerweise ist es mir lieber, wenn meine Zeilen unter dem Radar fliegen. Frodomirs interessiertes Nachfragen hat mich, im positiven Sinne, sehr gefordert und gebunden.» Zitatende.

Normalerweise ist es mir lieber, wenn meine Zeilen unter dem Radar fliegen. hmm, versteh ich auch noch langem Nachdenken nicht. Wie meinst du das?

....doch, trival oder Rufus, alles gut :) kann nur mangels Bildung/Studium in philosophischen Diskussionen nicht mithalten. Kann lediglich mein Erleben auf meine einfache Art und Weise in Worte fassen oder eben nicht –

So z.B. zum Thema Religion, Kultur, Gesellschaft: versuche eine Erklärung:

Religion ist m.M.n nichts anderes als einfach Re-ligion = Ver-Bindung

Die verschiedenen Religionen, Monotheismus, Polytheismus, Naturreligionen und Nichtreligionen/Buddhismus, Zen etc. und die Naturwissenschaft sind lediglich Wege, Bilder um Re-ligion zu erleben zu erfahren.

Wie ich glaube verstanden zu haben, aus meiner Erfahrung (Lesen, Bücher, Internet, TV, Radio, Kunst, Architektur, Natur, Fotografie, Alltagsbeobachtungen, Gespräche) im derzeitigen Erleben, erlebt dies der Mann anders als eine Frau… doch auch dies, ist vermutlich/oder m.M.n, wie Re-ligions-Erfahrungen/Erlebnisse individuell.

Ich erlebe Re-ligion in der Stille im Wort-, Bildlosen Sein – einfach Sein ohne irgendetwas, das in Sprache, Bilder oder was auch immer gefasst werden kann – es ist einfach. Weder Gut noch Böse – Schlussendlich einfach klare Liebe. Liebe ist aber sehr vielschichtig erlebbar – und klare Liebe kann ich nicht in Worte fassen – Es ist einfach was Es ist – und gleichzeitig ist Es Nichts - daraus entsteht aus mir etwas - z.B. Musik oder ein Gedanke was eigentlich zu tun wäre. Alltagspflichten oder ein "Wortestrom", der geschrieben werden und analysiert, überprüft werden kann. Da ich als Schreiberin keine Sonette etc. zustandebringe - versuche ich dieses Erleben dann in einem Haiku, das meist keines ist, zu fassen. Silbenzählen ist für mich wesentlich und die gefundene technische Möglichkeit.

Kreativität entsteht aus dieser Quelle. Kreatur ist Kreator oder Kreatorin.

Schlussendlich ist im Alltag das „allumfassende göttliche“, der Kern jeder Religion = Liebe, und in jedem Individuum, in der Natur, im Kosmos etc., in allen Dingen/existierendem Sein zu finden – m.M.n. selbst im „schwarzen Loch“. Was die Gesellschaft der verschiedenen Kulturen aber daraus macht, ist eine andere Sache.

Kultur, wie ich zu verstehen meine. Ist Kunst, Architektur, Literatur, Mode inkl. Tatoo etc., Riten,"Austausch/Zwiesprache/Gespräche" von Mensch zu Mensch etc. oder z.B. in Namen Gottes kriegen, töten etc. anstelle Liebe, Empathie und Respekt zu leben…

m.E. gibt es im Namen Gottes zu viele Kriege, deshalb habe ich für mich das Wort "allumfassendes göttliches Sein" derzeit als Lösung gefunden. Es Beinhaltet Alles. Alle 4 Religionen: das Christentum, das Judentum, den Islam und den Buddhismus...

Siehe Film "wo ist Gott ?" unter der Regie von Sandra Gold. Leider in youtube nicht mehr ganz zu finden. Fand aber eine textliche Zusammenfassung im Internet und einen youtube-Ausschnitt - bespickt mit Werbung - Jeder PC ist personalisiert, in Verbindung mit "Smarphons" sowieso - mein derzeitiges, ärgerliches Erleben - doch das ist ein anderes Thema.

Doch zurück zur Re-ligion: Der Re-ligion-Link zur Naturwissenschaft mag möglicherweise befremden. Da kann ich aber auf das Buch

„Liebe – Urquelle des Kosmos“,
Raimon Panikkar =indisch-spanischer Religionsphilosoph und Mystiker
Hans-Peter Dürr = Quantenphysiker
Zwei Wissende und Weise im Gespräch über Religion und Naturwissenschaft

hinweisen.

Lieber trival ich wünsche Dir gute Besserung und frohes Weiterwirken bei bester Gesundheit und vielen Dank für diese

Asynchrone Rekonstruktion des emergenten Seins als Bewusstsein, die mich zum Nachdenken anregte, da neurologisch "Bewusstsein", soviel ich weiss, noch gar nicht geklärt ist, was es ist -

LG wirena
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Rufus,

vielen Dank für deine erneute Antwort. Wenn ich die Zeichen richtig deute, wäre jetzt vielleicht ein guter Moment gekommen, um das Gespräch ruhen zu lassen, weil wir sonst eine Philosophievorlesung daraus machen ;) Und ich will dir auch nicht unangenehm sein.

Es hat mir jedenfalls riesigen Spaß gemacht und meine grauen Zellen auch ganz schön gefordert, hier mit dir zu diskutieren. Vielen Dank dafür!

Liebe Grüße
Frodomir
 

trivial

Mitglied
Lieber Frodomir,

du warst mir bestimmt nicht lästig, und ich habe die Unterhaltung mit dir sehr genossen – kann aber auch nicht leugnen, dass dein „herausforderndes Verhalten“ ;) mich gezwungen hat, meine sonst bewusst abstrakten Gedanken in konkrete Form zu bringen, aber:

Klarheit ist nicht kommunizierbar; das Verfehlen ist das Wesen der Sprache.

Das ist aber eine andere Geschichte.
Ich danke dir jedenfalls sehr!

Liebe Grüße
Rufus
 

sufnus

Mitglied
Hey Rufus,
mir persönlich gefallen hier ehrlich gesagt Deine philosophischen Erläuterungen (insbesondere in Deinem Beitrag #4, wo du die Ausführungen wohl nicht ganz zufällig zeilenumbrüchig gesetzt hast) tatsächlich viel besser als das Ausgangsgedicht (übrigens konnte ich mit meinem mobilen Endgerät die bereits vermutete weiße Schrift nicht durch Markieren sichtbar machen - bin aber auch ein selten dämlicher Digitalnutzer).
Nachdem ich jetzt das ganze Gedicht gelesen habe, ist mir eigentlich sein Ton etwas zu "fromm" (nicht im Sinn einer christlichen Volksfrömmigkeit, sondern im weiter gefassten Sinn einer für mein Liking etwas zu ungefilterten, irgendwie sehr "fundamental" wirkenden Ergriffenheitshaltung). Ich finde, dass der Text - auch wenn ich ihm inhaltlich gar keine Engherzigkeit unterstellen will und kann! - schon ein bisschen wirkt, als würde er in großer Selbstüberzeugtheit von der Kanzel ins Publikum hinabgedonnert. Ein beredtes Beispiel für diesen rhetorischen Bezwingungsgestus mag die Niemalsdoppelung am Ende sein, aber auch die vorangegangen gewalttätigen Bilder führen irgendwie auf so einen merkwürdigen Pfad altdominikanischer Predigtwucht, der mich persönlich etwas in die Flucht schlägt.
LG!
S.
 

trivial

Mitglied
Lieber Sufnus,

danke für deine Überlegungen und es freut mich sehr, dass du mit den erweiterten Erläuterungen etwas mehr anfangen konntest. Der Ton ist nicht absichtlich herablassend, aber ich wollte bewusst keinen Diskursraum aufmachen, in dem diese These zu anderen steht. Es war für mich etwas so Grundsätzliches, dass ich es als dogmatische Prämisse an den Anfang setzte und den Streit – ob Bewusstsein nur ein Produkt seiner Teile ist, ob es eine höhere Instanz gibt, ob wir einen freien Willen besitzen oder ob alles strikt determiniert ist, Theismus, Materialismus, Dualismus, Kompatibilismus etc. – fruchtlos abgetan habe. Nicht, dass ich den Diskurs darüber nicht schätzen würde, aber dieser Text wollte ein „als ob“ sein, als ob Bewusstsein die asynchrone Rekonstruktion des emergenten Seins wäre – Transzendentaler-Performativismus (ja gut, der Begriff ist streitbar, und ich leitete ihn "retroaktiv" aus der Diskussion ab;) ) – und was dies aus meiner Sicht bedeuten würde. Da sind aber so viele dogmatische Behauptungen drin, dass man entweder über die Ausgangsthese grundsätzlich diskutiert oder ihr folgen und sich ausmalen mag, wohin das führen könnte. Insofern könntest du recht haben. In seiner Diskursverweigerung kommt es für „Häretiker“ ;) orthodox und vielleicht missionierend rüber.

Liebe Grüße
Rufus
 



 
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