Auf dem Flow-Markt

Papiertiger

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Ein ungarischer Forscher mit unaussprechlichem Namen hat dem völligen Versinken in einer Aufgabe, in der man ganz glücklich aufgeht, einen Namen gegeben: Flow. Wäre es nicht praktisch, diesen Effekt so zielgerichtet dosieren und einsetzen zu können wie ein Medikament?

Es ist amüsant und tragisch, welche Unmengen an Geld aufgewendet werden, um uns süße Limonaden, Smartphones und andere Produkte zu präsentieren. Alles verspricht mehr Glück, Lebensfreude und Genuss, einen Trost und Ausgleich zum Job, den laut Statistik immer locker 30 Prozent der Deutschen nicht leiden können. Tatsächlich habe ich aktuell einen Job, der mich weder unter- noch überfordert, in dem ich sinnvolle Aufgaben erledige, angenehme Kolleginnen und Kollegen habe und jede Menge Flow-Erlebnisse habe. Und es fällt mir schon auf, dass ich jetzt kein Bedürfnis nach einer Kompensation verspüre: ich brauche keine Reise, kein spektakuläres Hobby, sondern bin schlicht glücklich und zufrieden mit dem Status Quo.

Ist ein glücklicher Alltag, mit beständigem Fortschritt beim Erreichen der selbst gesetzten Ziele der Feind jeder spannenden Geschichte? Ohne Konflikte, ohne Herausforderungen entstehen keine spektakulären Erlebnisse?

Wäre mein Weg zu Minimalismus und Zufriedenheit ein reizvolles Thema für eine Kurzgeschichte? Ich denke schon. Allerdings reizt es mich auch sehr eine Geschichte einfach der Geschichte wegen zu schreiben statt meine Tagebuch-Einträge, persönliche Meinung, politischen Ansichten und privaten Meinungen auf Biegen und Brechen in eine Geschichte hineinpressen zu wollen. Andere Menschen belehren, bekehren und die Welt zu verändern, ganz bequem aus der Schreibstube heraus – das erscheint mir sehr fragwürdig, obwohl gute Autorinnen und Autoren das fraglos können.

Nun gut. Dann verrate ich hier schon Mal wie ich einen großen Konflikt gemeistert habe: Stress. Es ist wahr, das wollte ich lange nicht akzeptieren, dass Stress tatsächlich ein sehr subjektives Gefühl ist. Natürlich ist es unvernünftig und ungesund dauerhaft zehn oder mehr Stunden am Tag zu arbeiten, aber das fiese am Stress ist doch vor allem das Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein, keine Macht über das eigene Leben und Handeln zu haben und keinen Sinn in dem zu erkennen, was man tut. Stress macht krank. Stress macht dick. Stress ist eine Riesenlast. Ich beginne meine Tage seit Jahren damit mir fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Außerdem fünf Personen, für die ich dankbar bin. Ich notiere mindestens drei Erfolge des Vortages und formuliere ein bis maximal drei Tagessiele, die ich zwingend erreichen will. Ein Tag hat 24 Stunden, also versuche ich nicht mehr 48 Stunde an Aufgaben hineinzustopfen. Ich empfinde den zurückgelegten Weg inzwischen als unspektakulär, denn ich habe das Ziel, Stress zu reduzieren und meine Lebensqualität zu verbessern, erreicht. Lustigerweise geht es mir so oft auch, wenn ich den Plot einer Story zu Papier gebracht habe. Warum jetzt noch weiterschreiben, ich kenne den Verlauf der Story ja schließlich schon. Na ja, daran muss ich noch arbeiten, denn mit tollen Romanen, die nur in meinem Kopf herum wabern, wird das nichts mit dem Traumberuf: Schriftsteller. So, jetzt ist es 8:31 Uhr. Um 8:05 Uhr habe ich begonnen zu schreiben. Themenvorgabe: Flow-Erlebnisse. Zeitlimit: 30 Minuten. Nun geht der Text online auf Leselupe und ich habe das fragwürdige Erfolgserlebnis heute schon einen Text geschrieben zu haben, obwohl der mal wieder reichlich dünn ausgefallen ist.
 


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