Auf dem Heimweg

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onivido

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Martín war heute wieder viel zu spät aus dem Buro gekommem, aber anstatt dafür wenigstens nicht einer Geduldprobe in einem Stau auf der Autobahn ausgesetzt zu werden, kam die motorisierte blecherne Raupe kurz nach der Auffahrt gänzlich zum Stillstand. Martín stellte den Motor ab und legte die Füsse auf den Beifahrersitz. Die Autobahn, die mitten durch die Stadt führt, von Westen nach Osten, grenzte an dieser Stelle an einen Barrio - einen Slum. Eine Mauer schied sie von den erbärmlichen Behausungen.
Ein schmächtiger Junge von höchstens achtzehn Jahren, in Bermudas, einem ausgewaschenen T- shirt und nagelneuen Nikes, schlüpfte behend durch ein Loch in der Mauer. Er blieb ein paar Sekunden wie witternd stehen und ging dann zielstrebig auf einen Montero zu, der mit immer noch laufendem Motor und offenen Fenstern auf der Überholspur neben Martíns etwas verbeultem Ford Pickup stand. Plotzlich hatte der Junge einen Revolver in der Hand. Er griff mit seiner freien Hand in das Auto und zog eine Damenhandtasche heraus.
“ El teléfono!”befahl er dann.
Eine Frauenhand streckte ein Handy aus dem Fenster. Der Junge entriss ihr das Handy, machte kehrt und verschwand wieder durch das Loch ohne nach links oder rechts zu blicken.
Ein paar Autolängen weiter fuchtelte ein Kerl mit einer Pistole an der Fahrertür eines nagelneuen Dodge herum. Niemand mischte sich ein, niemand half. Mehrere Männer gingen von Auto zu Auto. Martín hielt auch sie für Kriminelle, die sich ihre Opfer aussuchten. Obwohl viele der Autofahrer selbst bewaffnet waren, zogen sie es vor, ihre Pistolen und Schrotflinten nicht zu gebrauchen, da die Schüsse eine Schar von Asozialen aus dem Slum angelockt hätten und ausserdem kämen dann noch die Scherereien mit der Justiz. Anständige Menschen waren immer im Nachteil. Töteten sie einen Angreifer, landeten sie bestimmt im Gefängnis. Den Verbrechern konnte das nicht passieren. Sie verschwanden vom Tatort lange bevor die Polizei zur Stelle war. Und von wegen Polizei. In dieser Lage die Polizei zu rufen, wäre vergebens gewesen. Auch die Polizisten waren nicht darauf versessen, sich mit den gut bewaffneten, gedopten Kriminellen des Slums anzulegen. Ausserdem würde die Polizei kaum über das nötige Personal verfügen, um in so einer Situation ernstlich durchgreifen zu können.
Martín nahm die Kreditkarten und alle Scheine aus seiner Brieftasche bis auf sechzig Bolivares und steckte sie unter den Sitz. Dieses restliche Geld solte dazu dienen, ihn bei einem Überfall vor dem Ärger des Räubers zu bewahren. Er stieg aus dem Auto, sperrte es ab, zwängte sich durch die Lücken in der Wagenkolonne und setzte sich auf die eiserne Leitplanke auf dem schmalen Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen. Urplötzlich kam ihm der Gedanke einen eventuellen Angreifer vor ein auf der Gegenfahrbahn vorbeirasendes Auto zu stossen. Keinesfalls wegen der lumpigen sechzig Bolivares, die der Mann erbeuten würde, sondern um seiner Selbstachtung willen. Seine Hilflosigkeit hatte irren Zorn in ihm entfacht. Mit Genugtuung stellte er sich den Aufprall seines Angreifers auf der Kühlerhaube eines Lastwagens vor, sah wie er auf den Asphalt geschleudert wurde, regungslos liegen blieb und dann auch noch von einem Bus überrollt wurde. Dass er selbst dabei durch eine Kugel umkommen könnte, verdrängte er aus dem Sinn.
Als er die Folgen dieser Aktion überdachte, verwarf er die Idee wieder, aber sie hatte geholfen, ihm das Gefühl der völligen Ohnmacht zu nehmen, ja er fühlte sich sogar überlegen und würde die sechzig Bolivares als eine Art milde Gabe betrachten, wenn es zu einem Überfall kommen sollte. Er blieb auf der schmalen Planke sitzen bis ihn die Hinterbanken schmerzten. In der Zwischenzeit hatte die Wagenkolonne begonnen sich rückwärts zu bewegen . Martín stieg in seinen Pick-up und nützte eine entstehende Lücke, um zu wenden. Die Kolonne bewegte sich nun gegen die Richtung der Fahrbahn zur Autobahneinfahrt. Martín hatte das Fahrerfenster wieder geöffnet, und atmete befreit die Abgase ein. Nachdem er die Einfahrt hinter sich gebracht und dann die erste Kreuzung bei Rotlicht überquert hatte, lenkte er sein Auto zu einem chinesischen Restaurant und begoss ein reichliches Abendessen ausgiebig mit Bier. Von den bereits abgeschriebenen sechzig Bolivares blieben sogar noch zwei übrig.
 

TaugeniX

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Hmmm... "Was man tun könnte, wenn man wollte" kann tatsächlich ein sehr beruhigender und aufbauender Gedanke sein. Gerade, wenn man sich gedemütigt fühlt.

Ich habe im ferneren Bekanntenkreis einen guten Kampfsportler, - der friedlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er meinte mal, wenn er beleidigt werde, stelle er sich immer vor, was er mit dem Kontrahenten tun könnte; dies reiche vollständig als Ventil für die aufbrausende Wut.
 

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