Auf den Krebs gekommen - oder 'Fisch und Meeresfrüchte mochte ich noch nie'

5,00 Stern(e) 1 Stimme

anbas

Mitglied
Auf den Krebs gekommen - oder 'Fisch und Meeresfrüchte mochte ich noch nie'


Ein paar Worte vorweg


Alles begann mit einer Vorsorgeuntersuchung am 21. Februar 2025 – und endete mit einer Krebsdiagnose, die ich am 24. April 2025 erhielt – einen Tag vor meinem Geburtstag. Prostatakrebs. Aber Krebs alleine reichte nicht aus. Bei weiteren Untersuchungen fand man auch noch ein paar Metastasen – u.a. eine in der Beckenpfanne.

Zum Glück ist Prostatakrebs ein sehr langsam wachsender Krebs, bei dem einem die Zeit nicht so schnell wegläuft, wie bei anderen Krebsarten. Es war also genügend Zeit da, um weitere Untersuchungen durchzuführen, sowie für Überlegungen bezüglich des weiteren Vorgehens.

Aufgrund der Metastasenbildung gilt der Krebs als "nicht heilbar". Aus diesem Grunde wurde von einer OP abgesehen. Laut Ärzten habe ich aber trotzdem gute Chancen, alt zu werden. So kann der Krebs mit der entsprechenden medikamentösen Behandlung sowie einer, inzwischen bereits abgeschlossenen Strahlentherapie (keine Chemo!) vorerst gestoppt werden.

Bisher ist die Behandlung erfolgreich verlaufen. Allerdings haben die Medikamente und die Bestrahlung Nebenwirkungen. Bei der Bestrahlung kann es außerdem noch in den nächsten Monaten und Jahren zu Spätfolgen kommen. Vor Kurzem hatte ich erstmals mit solchen Spätfolgen zu tun – rund vier Monate nach Beendigung der Bestrahlung. Es besteht außerdem ein nicht unerhebliches Rückfallrisiko. All dies wirkt sich natürlich negativ auf meine Lebensqualität aus.

Nach fast einem Jahr Krankschreibung habe ich Anfang April 2026 mit der beruflichen Wiedereingliederung begonnen.

Seit den ersten Ergebnissen der Vorsorgeuntersuchung schreibe ich immer wieder mal Texte, die eher "Tagebuch-Charakter" haben. Sie sind sowohl ernst als auch humorvoll, mal sarkastisch, mal reflektierend, mal niedergeschlagen, mal wütend und manchmal vielleicht auch ungerecht anderen gegenüber – im Grunde ein Spiegel des "Gefühls-Chaos", das ich in den letzten Monaten durchlaufen habe.

Nach längerer Überlegung habe ich mich dazu entschieden, einen großen Teil dieser Texte, die ich seit der Vorsorgeuntersuchung und in meinem ersten "Krebsjahr" geschrieben habe, zu überarbeiten und dann hier in der Leselupe zu veröffentlichen. Vielleicht folgen später weitere Texte.

Ich bin von Anfang an sehr offen mit diesem Thema umgegangen und habe fast nur positive Erfahrungen damit gemacht. Dass ich nun auch mit meinen Texten an die Öffentlichkeit gehe, ist ein weiterer Schritt für mich. Und ich bin gespannt, ob und wie sich dieses "Projekt" entwickeln wird.

(Mai 2026)




Spiel des Lebens

Du hast dich heimlich in mir eingenistet.
Das zu begreifen fiel mir anfangs schwer.
Doch gab ich meine Zuversicht nicht her.
Nur dieses Mal hast du mich überlistet.

Die erste Runde hast du wohl gewonnen.
Für mich ist das die reinste Quälerei.
Doch ist das Spiel noch lange nicht vorbei –
es hat im Grunde grade erst begonnen.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird.
Doch lass ich mich von dir nicht blindlings treiben –
und denke nicht daran, mich zu ergeben.

Ich werde weiter zuversichtlich bleiben,
und gehe meinen Weg ganz unbeirrt.
Ich trotze dir und werde wahrhaft leben!

(06.04.2025)




diese tür

hätte sich nie öffnen dürfen
nicht diese tür

dunkelheit quoll hinein
raubte der stille die seele
und dem leben die freude
erstickende angst tastet sich vorwärts
erstarrt
tastet sich weiter
erstarrt
gedanken ziehen schwarze kreise durch ungewissheiten
der wille kämpft um hoffnung
ein einsamer kampf
der verzweiflung gegen die verzweiflung

dann ein luftzug
wie frischer atem
scheinbar aus dem nichts kommend
ein hauch zuversicht
atme
atme tief ein
noch lebst du
bist nicht besiegt
atme weiter
atme weiter tief ein
folge diesem luftzug
er zeigt dir den weg
vielleicht
vielleicht
die einzige chance
hinaus aus dem dunkeln
vielleicht
vielleicht
hin zu einem funken licht
vielleicht
vielleicht
zu einer anderen tür
hinter der eine zukunft wartet
deine Zukunft
die besser ist als du ahnst
vielleicht

noch lebst du
bist nicht besiegt
kannst weiterkämpfen

doch diese tür
hätte sich nie öffnen dürfen

(27.04.2025)




Sich öffnende Türen

Man sagt: "Wenn eine Tür zu geht, öffnet sich irgendwo eine andere."
Blöd ist es nur, wenn dann durch diese Türen immer wieder neue Katastrophen in dein Leben eintreten.

(14.05.2025)




einer von ihnen

jetzt gehöre ich also dazu
bin auch so einer mit krebs
ob ich will oder nicht
fühlt sich fremd und falsch an
das ganze vielleicht nur ein großer irrtum

hätte nie daran gedacht
niemand von denen hätte je daran gedacht
einmal dazu zu gehören
doch alle hat es erwischt

ich und die
wollte nie zu ihnen gehören
natürlich nicht
keiner von ihnen wollte das
doch nun gehört man zusammen
irgendwie

die eigene unverwundbarkeit
ein lächerlicher mythos
das selbstbild
ein vom sockel gestürztes denkmal
mahnt vor selbstüberschätzung
und zu großer sorglosigkeit

suche nach haltung
einer eigenen haltung
zu dem was geschah
zu dem was geschieht
zu dem was geschehen wird

suche nach haltung
wie so viele vor mir
bin einer von denen
bald bin ich wir

(21.05.2025)




Jung

Grundsätzlich ist es ja ein Kompliment, wenn man für jünger gehalten wird, als man tatsächlich ist. So ergeht es mir schon fast mein ganzes Leben lang. Okay, als ich achtzehn war und für fünfzehn oder sechzehn gehalten wurde, fand ich das nicht so toll. Schließlich war ich nun erwachsen und kein Teenager mehr. Doch davor und danach habe ich davon profitieren können. Im öffentlichen Nahverkehr konnte ich noch deutlich länger die günstigere Kinderfahrkarte kaufen, ohne dass jemand Verdacht schöpfte, und später, noch Jahre nach Abschluss meines Studiums, bekam ich an Kinokassen oder bei anderen Veranstaltungen Studentenermäßigung ohne, dass ich einen Studentenausweis vorlegen musste.

Inzwischen bin ich 63 und werde immer noch sehr häufig für rund zehn Jahre jünger gehalten. Keine Ahnung, welche Konservierungsstoffe in den Genen meiner Eltern enthalten waren. Vor allem meine Mutter wurde ebenfalls bis ins hohe Alter deutlich jünger eingeschätzt, als sie es wirklich war.
Abgesehen vom optischen Eindruck gelte ich aber zunehmend als älterer Mann. So rückt die Rente langsam in greifbare Nähe, meine Gewerkschaft bietet mir Informationen zur Vorbereitung auf den Ruhestand an, und bestimmte Angebote für Menschen ab 60 Jahre stehen mir nun offen.

Auch jetzt werde ich wieder häufiger als "junger Mann" oder "noch jung" bezeichnet. Die richtige Freude darüber will aber diesmal nicht aufkommen.
"Sie sind ja noch ein junger Mann, da würde sich eine OP noch lohnen," sagte mein erster Urologe, als wir über die weitere Behandlung von meinem Prostatakrebs sprachen.
"Solch ein Befund ist bei einem jungen Mann, wie Sie es sind, eher ungewöhnlich," sagte im Krankenhaus der zweite Urologe, als klar war, dass sich eine OP in meinem Fall doch nicht empfiehlt.
"So Jung und dann auch noch solch ein schlimmer Befund," sagte der dritte Urologe, bei dem ich nun endgültig in Behandlung bin, zu der angehenden Ärztin, die bei ihm gerade hospitierte.

Gerne würde ich meinen Krebs gegen eine optische Alterung eintauschen …

(30.05.2025)




Eigentlich geht es mir ganz gut


Eigentlich geht es mir ganz gut.
Besser, als ich es noch vor ein paar Wochen gedacht hätte.
Erst die Diagnose.
Dann – quasi als Nachschlag – noch die Entdeckung dieser Metastasen.

Eigentlich geht es mir ganz gut.
Habe keine Schmerzen oder andere körperliche Beeinträchtigungen.
Eine Falle, die dazu verleitet, das alles nicht ganz so ernst zu nehmen.

Eigentlich geht es mir ganz gut.
Echt erstaunlich, wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke.
All die Untersuchungen, Blutabnahmen und dem Spritzen von Kontrastmitteln, Arztgespräche, Papierkram, Recherchen über die Erkrankung und mögliche Folgen, Überlegungen hinsichtlich weiterer Hilfen, Suche nach einer Selbsthilfegruppe und psychoonkologischer Unterstützung, Beschäftigung mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.
Das Gefühl, ziemlich alleine vor diesem Berg zu stehen – trotz der Hilfsangebote von Freunden und Verwandten.
Und dazwischen immer wieder diese wilden Gedankenkreise.

Eigentlich geht es mir ganz gut.
Und das trotz der Ungewissheit, wie es mit mir weitergeht.
Noch mehr Untersuchungen stehen an.
Erst danach werden die weiteren Behandlungsschritte festgelegt.

Eigentlich geht es mir ganz gut.
Die Ärzte sehen grundsätzlich gute Chancen, was den weiteren Verlauf der Erkrankung betrifft.
Und in der Selbsthilfegruppe gibt es Männer, die schon seit mehr als fünfzehn Jahren mit noch schlechteren Werten als ich unterwegs sind.
Auch die innere Stimme sagt mir, dass alles gut wird – und wenn sie mal schweigt, sage ich es ihr, damit sie das nicht vergisst.

Eigentlich geht es mir ganz gut.
Niemand merkt mir an, was mit mir los ist.
Mein Nervenflattern hat sich etwas gelegt aber noch bin ich krankgeschrieben.
Vielleicht sollte ich wieder zur Arbeit gehen.
Das könnte für zusätzliche Ablenkung sorgen.

Eigentlich geht es mir ganz gut.
Ich muss mich nur wieder besser konzentrieren können.
Auch werde ich so schnell unruhig und nervös, sobald eine neue Anforderung an mich herangetragen wird.
Außerdem bin ich dünnhäutiger als sonst, und die "Lunte zum inneren Pulverfass" ist sehr kurz.
Und wenn mal etwas nicht so läuft, wie es sollte, oder andere Hindernisse und Widerstände auftreten, wirft mich das gleich komplett aus meinem inneren Gleichgewicht.

Eigentlich geht es mir gut.

(30.05.2025)




haltlos

fürchte mich
vor der kleinsten brise in meinem kopf
zu schnell werden daraus bedrohliche stürme

meine zeiten sind nicht stabil
wähnte mich schon häufig in sicherheit
doch dann kam solch eine brise auf
die zum bedrohlichen sturm wurde
und mich aus der bahn warf

suche nach halt
denn der wind nimmt zu

(04.06. 2025)




Gedankenpanik

Ich höre den Krebs husten!

Schmerzen im Steißbein –
eine weitere Metastase?

Weniger Appetit als sonst –
Krebs oder nur stressbedingt?

Gewichtsabnahme –
eigentlich gewünscht, doch jetzt …?

Durchfall –
nun auch noch Magen- oder Darmkrebs?

Verstärkte Antriebslosigkeit –
die schon bestehende Depression oder doch mehr?

Schwitze schneller als sonst –
breitet sich der Krebs weiter aus?

Der Reizhusten, den ich seit Jahren habe –
liegt es wirklich weiterhin nur am Reflux?

Meine Muttermale und Leberflecken –
bisher harmlos aber jetzt vielleicht doch nicht mehr?

Ich höre den Krebs husten
und hoffe, dass ich nur glaube
ihn husten zu hören …

(10.06.2025)




dünne haut

meine dünne haut
ist dünner als je zuvor

schmerzensangst lähmt mich
jeder schritt ein kraftakt
jeder windhauch ein orkan
er schürt die angst vor echtem sturm

peitsche mich vorwärts
durch diese lähmende schmerzensangst
peitsche mich vorwärts
muss funktionieren um zu überleben

peitsche mich aus
sollte doch barmherzig zu mir sein
und peitsche mich trotzdem aus

brauche schutz
und keine peitsche
zu schwach um mich zu schützen
zu planlos um mich vor mir selbst zu schützen

meine dünne haut
ist dünner als je zuvor

(15.06.2025)




Erschöpft

Es ist einer dieser Momente, in denen ich heulen könnte. Bin ohne Kraft und Zuversicht. Sage mir, ich sollte mir eingestehen, dass ich überfordert bin. Doch selbst das scheint mich zu überfordern.

"Es wird alles gut!" sage ich meinem kleinen inneren Kind und nehme es in den Arm.
"Leg Deinen Kopf auf meine Schulter und ruh dich ein wenig aus", sage ich ihm.

Auch ich sollte mich ausruhen. Der Weg ist noch lang.

(15.06.2025)




Vorschlag

Schiefe oder viel zu große Nase,
Busen ist zu groß, zu klein,
fettes Doppelkinn und Segelohren –
Katastrophe, Höllenpein!

Weißt Du was, ich will Dir gerne helfen!
Und zwar gleich, so gut ich kann!
Darum biet ich dir aus ganzem Herzen
meinen Krebs zum Tauschen an.

(29.06.2025)




sumpfland

so als steckte ich fest
in meinem inneren sumpf
schaffe keinen schritt mehr
fehlende kraft
schwindende hoffnung unter meinen füssen

bin wie blind vom vorwärtskämpfen
sehe nicht
die kleinen fortschritte

verständnislose vollpfosten
sprechen vom fehlenden tritt in den arsch
plustern sich auf mit lösungsstrategien
schlagen mit ihrem rat auf mich ein
ohne zu schauen was ich wirklich brauche

unsicherheit bei anderen
meiden mich in meinem sumpf
ertragen vielleicht ihre hilflosigkeit nicht
haben vielleicht bilder und gedanken im kopf
die sie abschrecken
ohne einfach mal zu fragen wie es mir geht

kämpfe gegen selbstmitleid und selbstaufgabe
die letzten kraftreserven fürs überleben
hoffnung wie letzte wassertropfen gegen das verdursten

und dann du und du und du
steht mutmachend am rande des sumpfes
verurteilt nicht
ratschlagt nicht
tretet mich nicht voran

ihr bleibt
seid einfach nur da
hört zu
macht mut
werft mir rettungsleinen zu
bleibt auch wenn ich sie nicht greifen kann
bleibt auch wenn ich eure hilfe nicht annehmen kann
ihr seid meine hoffnungs-tropfen
DANKE

(24.07.2025)




Zuspruch

Ein wenig Mut würd' ich dir gerne geben
und außerdem noch etwas Zuversicht.
Für deinen weit'ren Weg ein kleines Licht,
das dich zurückbegleitet hin zum Leben.

Denn deine Welt geriet aus ihren Bahnen.
Das Schicksal hat dich einfach überrollt.
An dir lag's nicht, du hast es nicht gewollt.
Dir wird's zu viel, kannst keinen Ausweg planen.

So viele Kämpfe hast du schon bestritten,
spürst nun das nahe Ende deiner Kraft.

Halt ein, um neue Energie zu tanken,
sowie den Stärken, die du hast, zu danken!
Plan deinen weit'ren Weg mit kleinen Schritten.
Und denk daran: Du hast schon viel geschafft!


(31.07.2025)




durchhalten


funktionieren
im überlebensmodus
tiefpunkte
laden zum verweilen ein

keine energie
verharren im nichts
einfach nur aushalten

funktionieren
im überlebensmodus

(23.09.2025)




Fisch und Meeresfrüchte mochte ich noch nie

Nein, das Leben ist kein Ponyhof. Aber auch kein Restaurantbesuch. Man kann sich eben nicht immer aussuchen, was einem serviert wird. Der Einfluss auf das, was das Schicksal uns vorsetzt, ist eher gering. Manche Suppe – egal, ob vorgesetzt oder selbst eingebrockt – muss man auslöffeln, ob man will oder nicht. Natürlich kann man sich weigern, doch dann sind die weiteren Konsequenzen oft noch unangenehmer.

Schon solange ich zurückdenken kann, mag ich keinen Fisch essen. Als ich etwa drei Jahre alt war, wollte mich meine Mutter dazu zwingen. Wir standen in der Küche, in der sie gerade das Mittagessen kochte. Es gab – genau – Fisch. Sie schob mir trotz meines Protestes eine kleine Löffelspitze davon in den Mund. Ich brüllte und schrie wie am Spieß. Daraufhin wurde ich zur Strafe ins Schlafzimmer meiner Eltern eingesperrt. Dort kotzte ich dann ausgiebig vor die Tür. Seitdem musste ich keinen Fisch mehr essen. Bis heute kann man mich mit Fisch und Meeresfrüchten jagen.

Und ausgerechnet mir hat das Leben jetzt Krebs serviert. Es ist eine Krebssuppe, die ich für den Rest meines Lebens auslöffeln darf. Nein, es schmeckt mir weiterhin nicht. Eine Krebsin wäre mir deutlich lieber gewesen. Krebsinnen sollen nämlich besonders gut zu Stieren wie mir passen – also astrologisch gesehen. Andererseits war ich vor Jahren schon mal mit solch einer zusammen. Hat aber auch nicht so gemundet und hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Doch jetzt schweife ich ab.

An den Geschmack dieser Suppe werde ich mich wohl oder übel irgendwie gewöhnen müssen. Verhungern ist keine Option. Aber das bedeutet ja nicht, dass ich ab jetzt gar nichts anderes mehr essen darf. Es wird sich sicherlich der eine oder andere leckere Snack finden. Gleichzeitig schaue ich mich auch nach Kräutern und Gewürzen um, mit denen ich diesen üblen Geschmack etwas abmildern kann. Außerdem treffe ich mich regelmäßig mit ein paar anderen Kerlen, die vor dem gleichen Fraß sitzen. Da tauscht man sich hin und wieder auch mal über hilfreiche Mittelchen zur Geschmacksverbesserung aus. Maggi hilft allerdings nicht, das hab' ich schon ausprobiert.

(06.10.2025)



Ja doch

Du sagst, ich soll die Ruhe bewahren.
Du sagst, ich soll nicht immer vom Schlimmsten ausgehen.
Du sagst, ich soll positiv denken.
Du sagst, ich soll nicht auf die schlechten Statistiken sehen.
Du sagst, ich soll optimistisch bleiben.
Du sagst, ich soll im Hier und Jetzt leben.

Ja doch - ich denke bereits oft positiv und bin meistens optimistisch. Auch arbeite ich sehr daran, im Hier und Jetzt zu leben.

Doch kannst Du jetzt bitte mal still sein. Ich habe Angst, fühl mich überfordert, bin am Ende meiner Kraft - und zwar genau im Hier und Jetzt. Etwas Mitgefühl und Verständnis würden mir gerade mehr helfen, als irgendwelche Durchhalteparolen und Aufmunterungsversuche.

(29.11.2025)




miteinander reden

ich würde gerne weiter mit euch offen reden
erzählen was mich grade quält
mein herz ein stück entlasten
indem ich mich ein wenig öffne
auch wenn ihr manches nicht versteht

auch wenn ihr manches nicht versteht
so nehmt es trotzdem bitte ernst
spielt nicht herunter was ich sage
denn das tut unbeschreiblich weh

ich würde gerne weiter mit euch offen reden
doch weiß ich manchmal nicht
wie lang ich das noch schaff

(07.01.2026)




rauswurf


aus dem leben gerissen
in ein anderes geworfen
niemand hat mich gefragt
abschied, trauer, neustart zugleich
zu viel für meine seele
klammere mich fest an vertrautem das blieb
ich will nicht
und
ich will aber
funktionieren hier nicht
muss meinen willen der realität anpassen
ich will aber nicht
ich will in mein altes leben zurück

aus dem leben gerissen
in ein neues geworfen
der neustart fällt schwer
kein fulminanter blitzstart
vielmehr ein unsicheres vorwärtstasten

ein neues leben ein neuer weg
und niemand hat mich gefragt
und ich muss den weg nun gehen
und ich trage die verantwortung
denn wie ich ihn gehe liegt nur an mir

(14.01.2026)




zu viel

manchmal wird einem alles zu viel
manchmal ist einem alles zu viel
manchmal darf einem alles zu viel werden
manchmal darf einem alles zu viel sein

manchmal möchte man alles hinschmeißen
manchmal möchte man aufgeben
manchmal darf man alles hinschmeißen
manchmal darf man aufgeben

manchmal weiß man nicht mehr weiter
manchmal möchte man einfach losheulen
manchmal darf man nicht mehr weiterwissen
manchmal darf man einfach losheulen

manchmal darf man schwach sein

und das alles ohne wenn und aber
ohne durchhalteparolen und ratschläge
und ohne irgendwelche klugen sprüche
dass man einmal mehr aufstehen muss als man hinfiel und so
und auch ohne jegliche ansprüche an sich selbst

manchmal wird einem einfach alles zu viel

(19.01.2026)




rückkehr nicht ausgeschlossen

er kann wiederkommen der krebs
statistisch belegt und doch vage
verbindliche aussagen entpuppen sich als ausnahmen
im einzelfall kommt alles ganz anders

die schlange auf die ich starre
könnte auch ein morscher ast sein
den der sturm ins trockene laub warf.

mein sturm ist vorüber
seine dunklen wolken ziehen weiter zum horizont
oder etwa nicht
dreht vielleicht der wind

er kann wiederkommen der krebs
der ast kann eine schlange sein
und der sturm kann zurückkehren

all das ist möglich

doch werde ich nicht
in erstarrung darauf warten

(13.02.2026)




Gebremste Freude

Untersuchungen, Bestrahlung und Reha habe ich hinter mir. Der erste Schreck wegen der Diagnose hat sich gelegt. Und ich bin auf einem guten Weg, meine Erkrankung und die Folgen der Behandlung sowie die Nebenwirkungen der Medikamente für mich anzunehmen.

Insofern geht es mir recht gut. Auch sagt man mir, dass ich gut aussehe und entspannt wirke. Eigentlich sollte ich mich doch darüber freuen. Aber so richtig will mir das nicht gelingen. Geht es mir also gar nicht so gut, wie ich denke? Denke ich vielleicht nur, dass es mir gut geht? Oder will ich, dass es mir gut geht, weil ich denke, dass es mir eigentlich gut gehen sollte?

Bin ziemlich verunsichert. Und manchmal fühlt es sich wie ein Schlag in die Fresse an, wenn mir jemand sagt, ich solle mich doch freuen, dass ich all das geschafft habe, was hinter mir liegt, und stolz auf mich sein.
Gleichzeitig weiß ich, dass dieser Mensch, der das zu mir sagt, durchaus Recht hat. Aber ich kann mich trotzdem nicht so richtig freuen. Ist es die Erschöpfung? Vielleicht braucht meine Seele noch mehr Zeit – viel mehr Zeit, als ich dachte. Zeit, um meine Wunden zu lecken. Zeit, um zu trauern. Zeit, um das zu verarbeiten, was ich hinter mir habe. Vielleicht brauche ich mehr Zeit, als ich es mir eingestehen will.

Ja, einerseits geht es mir gut. Aber nicht gut genug, um mich zu feiern, zu freuen oder stolz auf mich zu sein. Meine Seele braucht wohl noch mehr Zeit und Geduld. – Und sie braucht mich, um sie zu schützen und ihr die Zeit zu geben, die sie braucht, um zu heilen.

(26.02.2026)




der blick des todes


ich schaue dem tod nicht in die augen
auch wenn er mich anstarrt
ich spüre dass er lauert und wartet
er will dass ich ihn näherdenke als er ist

ich schaue dem tod nicht in die augen
bei jedem meiner schritte könnte er mich erlegen
egal wo ich gerade bin
egal ob krank oder gesund
irgendwann wird er mich kriegen
doch nicht jetzt

ich schaue dem tod nicht in die augen
auch wenn er mich anstarrt
dies starren macht angst
und kann erstarren lassen
doch ich schaue dem tod nicht in die augen
und erfreue mich am lächeln des lebens


(11.04.2026)




kopf so voll
kein gedankenkarussell
keine gedankenachterbahn
sondern gedankenstürme
oder sogar gedankenknäuel
alles ineinander verheddert
keine ordnung
sortierversuche unerträglich mühsam
kopf so voll
lähmend
erschöpft
der gordische knoten dagegen ein kinderspiel
außerdem keine kraft zum schwertschlag
weiß nicht was ich will
weiß nicht weiter
kopf so voll


(17.04.2026)




panische zeiten


hab mich gegen die panik entschieden
doch leichter gesagt als getan
muss mich oft daran erinnern
selbst dann klappt es nicht immer

bitte manchmal das universum um hilfe

richte mich immer wieder aufs hier und jetzt aus
es gibt so viel schönes zu entdecken
sage ich mir jedenfalls immer wieder
eine melodie, ein lächeln, ein wolkenspiel
und noch so vieles mehr
pläne machen und träumen
rausgehen und etwas unternehmen
freunde treffen oder ganz banal vor der glotze abhängen

wahrhaft leben
den tod besiegen kann ich eh nicht

doch manchmal ist das alles nur rationale kacke
während mir zum heulen ist
und ich mit meiner kraft am ende bin
aber ich habe mich gegen die panik entschieden
und erinnere mich immer wieder daran

aber nicht du
es nervt wenn andere mich daran erinnern
und tut sogar weh
manchmal muss ich mich der panik hingeben
aufgestaute gefühle austoben
mich gehen lassen
um mich dann selber wieder einzufangen
und mich daran zu erinnern
dass ich mich gegen die panik entschieden habe


(19.04.2026)




Jahrestag

Es ist der 24.04.2026. Heute vor einem Jahr kam der Anruf, der mein Leben grundlegend veränderte. Gleich morgens. Ich war am Abend zuvor gerade erst von einem Kurzurlaub über die Ostertage zurückgekommen. Mein Bruder und ich hatten uns bei unserer Schwester im Saarland getroffen.
Es war ein schönes Geschwistertreffen gewesen. Allerdings war bei mir erst wenige Tage zuvor die Biopsie wegen des Krebsverdachts durchgeführt worden. Das Ergebnis stand noch nicht fest. Diese Ungewissheit lies mich natürlich nicht komplett kalt. Trotzdem konnte ich unser Beisammensein genießen.

Doch dann, heute vor einem Jahr, kam dieser Anruf. Gleich morgens. Ich schlief noch. Das Krankenhaus meldete sich. Der Befund von der Biopsie lag nun vor. Der Verdacht hatte sich bestätigt. Ich habe Prostatakrebs. Eine eher aggressive Variante. Daher wäre eine OP unumgänglich. Nicht von heute auf morgen. Sie sollte aber möglichst innerhalb der nächsten 30 Tage stattfinden. Zuvor wären noch einige Untersuchungen notwendig. Man empfahl mir, gleich Termine für die OP und das hierfür notwendige Vorgespräch zu vereinbaren, was ich dann auch tat.

Obwohl ich durch den Anruf aus dem Schlaf gerissen worden war, sprang mein Hirn sofort in den Notfallmodus über. Mein Glück, denn aufgrund meiner Depression, wegen der ich seit Jahren in Behandlung bin, wäre auch eine Art Schockstarre aufgrund von Überforderung möglich gewesen.

Seitdem ist viel geschehen:
  • Weitere Untersuchungen z.T. mit dem Spritzen von Kontrastmitteln.
  • Entdeckung der Metastasen.
  • Weitere Arztgespräche.
  • Wechsel zu einer Klinik, die besonders renommiert ist, wenn es um Erkrankungen der Prostata geht.
  • Mitteilung, dass der Krebs nicht mehr heilbar ist, sich aber stoppen lässt und ich daher trotzdem alt werden kann.
  • Empfehlung, doch nicht zu operieren und stattdessen den Krebs und die Metastasen umfangreich zu bestrahlen.
  • Dringende Empfehlung, vor einer endgültigen Entscheidung über das weitere Vorgehen noch eine zusätzliche Untersuchung durchzuführen. Der Haken: Die Untersuchung ist teuer (rund 2000,00 €) und wird oft nicht von der Krankenkasse bezahlt.
  • Zum Glück keine Chemotherapie.
  • OP-Termin absagen.
  • Mir wird es zu viel, nebenbei noch weiter zu arbeiten. Lasse mich krankschreiben.
  • Termin für die zusätzliche Untersuchung abmachen. Ich werde sie auf jeden Fall durchführen lassen und das Geld ggf. selber zahlen. Da ich den Antrag auf Kostenübernahme vor der Untersuchung gestellt habe, verfällt mein Anspruch nicht, falls die Kasse doch übernehmen sollte.
  • Einrichtung eines E-Mailverteilers, über den ich anteilnehmende Verwandte, Freunde und Bekannte über den Verlauf meiner Erkrankung und Behandlung informiere. Mir war schnell klar, dass ich oft auch meine Ruhe haben möchte. Durch den Verteiler konnte ich weitgehend dafür sorgen, dass nicht zu viele Anrufe und Nachfragen aufliefen – außerdem musste ich so auch nicht immer wieder das Gleiche erzählen.
  • Suchen und Finden einer Selbsthilfegruppe. Von dort die Beruhigung, dass der Prostatakrebs sehr langsam wächst. Ganz wichtig: Diese immer wieder erfolgenden Hinweise, dass ich Zeit habe, und dass der Prostatakrebs kein Todesurteil ist.
  • Suche nach psychoonkologischer Unterstützung. Ich bekam relativ schnell einen Termin, so dass die Gespräche zeitnah beginnen konnten. Es ist keine Therapie. Die Gespräche finden alle 3-4 Wochen statt.
  • Aufsuchen einer Krebs-Beratungsstelle, um weitere Informationen zu bekommen.
  • Antrag auf Anerkennung einer Schwerbehinderung.
  • Beitritt zu einem Sozialverband, der auch kostenlose Beratung im Sozialrecht macht.
  • Gedanken und erste Entwürfe zur Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.
  • Wechsel zu einem anderen Urologen mit Spezialisierung auf onkologische Erkrankungen.
  • Verzögerung des weiteren Zeitplans um vier Wochen, weil das Gerät defekt ist, das für die zusätzliche Untersuchung benötigt wird.
  • Wieder Beruhigung durch die Selbsthilfegruppe, dass diese Verzögerung zwar belastet aber sonst dadurch keine zusätzliche Gefährdung entsteht.
  • Dann endlich Durchführung der Untersuchung. Zum Glück keine weiteren kritische Befunde.
  • Mitteilung des Krankenhauses, dass ich bestimmte Medikamente für den Rest meines Lebens nehmen muss. Aufklärung über die Nebenwirkungen der Behandlung. Risiko, dass sich meine Lebensqualität deutlich verschlechtern kann.
  • Beginn der eigentlichen medikamentösen Behandlung verzögert sich, da mein Urologe in den Urlaub geht. Kein Problem, ich kann das Medikament, dass ich zur Vorbereitung der eigentlichen Behandlung nehmen soll, etwas länger einnehmen.
  • Während des Urlaubs meines Arztes fahre ich selber für zwei Wochen in den Urlaub – Kraft tanken, für das, was noch auf mich zukommt.
  • Noch mehr Untersuchungen und Arztgespräche.
  • Krankenkasse lehnt die Kostenübernahme für die Untersuchung ab. Sozialberatung empfiehlt Widerspruch. Ich besorge eine weitere Stellungnahme über die Notwendigkeit dieser Untersuchung – und muss an die Menschen denken, die diese Kosten nicht vorstrecken können.
  • Schwerbehinderung wird anerkannt, Grad der Behinderung ist 90 (Klugscheißerei am Rande: Es heißt "Grad der Behinderung" und nicht "Prozent")
  • Knochendichtemessung, da die Medikamente u.a. das Risiko auf Osteoporose erhöhen. Aktuell sehr gutes Ergebnis. Untersuchung muss ich selber zahlen. Laut Orthopäden sollte ich diese Untersuchung alle zwei Jahre machen.
  • Anfang Oktober 2025: Beginn mit der Bestrahlung. 8,5 Wochen jeden Tag außer am Wochenende und an Feiertagen. Die Krankenkasse hat hierfür Taxifahrten genehmigt. Wichtig bei der Bestrahlung: Volle Blase bei leerem Darm – dies hinzubekommen ist ein täglicher Stressfaktor (selbst, als ich eine gewisse Routine hierfür entwickelt habe).
  • Widerspruch auf Kostenübernahme für die zusätzliche Untersuchung wird abgelehnt, eine Klage hat aus Sicht der Sozialberatung keine Erfolgsaussichten.
  • Wegen seit Jahren anhaltenden Problemen mit dem Kehlkopf eine logopädische Behandlung begonnen.
  • Die Selbsthilfegruppe ist weiterhin hilfreich. Es wird aber auch deutlich, dass Prostatakrebs viele "Gesichter" hat. Bei manchen schlägt die Behandlung an, bei anderen nicht. Unterschiedlich starke Belastung durch die Nebenwirkungen und Spätfolgen der Bestrahlung, OP und Medikation.
  • Untersuchung (röntgen) des Kiefers. Falls ich doch schon ein Medikament zur Vorbeugung von Osteoporose einnehmen soll, darf es im Kiefer keine Entzündungsherde geben.
  • Ende November: Abschluss der Bestrahlung. Zum Glück wenige Nebenwirkungen. Allerdings wirkt die Bestrahlung weiter. Noch innerhalb der nächsten 5 Jahre kann es zu Spätfolgen kommen.
  • 3 Wochen Anschlussheilbehandlung (AHB) im Januar in Boltenhagen (AHB ist eine besondere Art der Reha).
  • Beginn von T-Rena (= Kraftsport im Anschluss an die AHB). Da durch die Medikamente u.a. der Muskelaufbau eingeschränkt wird und sich das Osteoporose-Risiko deutlich erhöht, werde ich für den Rest meines Lebens Sport machen müssen (als Sportmuffel wahrlich kein Vergnügen für mich).
  • Verdacht auf Hautkrebs. Kleine OP, um Gewebeprobe zu entnehmen. Zum Glück ist alles im grünen Bereich.
  • Laut Urologen sollte ich die Knochendichtemessung 6 Monate nach Beginn der medikamentösen Behandlung noch einmal machen. Dies widerspricht der Aussage des Orthopäden. Wir einigen uns darauf, dass ich diese Untersuchung jährlich statt alle zwei Jahre mache. Von der prophylaktischen Medikation zur Verhinderung von Osteoporose wird aufgrund des guten Ergebnisses bei der Knochendichtemessung erstmal abgesehen.
  • Nach vier Monaten plötzlich die ersten Spätfolgen der Bestrahlung (Darmprobleme).
  • Neue Untersuchungen und Medikamente.
  • Zeitgleich der Beginn der beruflichen Wiedereingliederung. Die Rückkehr ins Arbeitsleben ist schwerer als ich dachte. Doch die wirklich tollen Kolleginnen und Kollegen (inkl. Chef) unterstützen so gut sie können.
  • Unsicherheit ob ich die berufliche Wiedereingliederung wegen der Spätfolgen gleich wieder abbrechen muss
  • Situation auf der Arbeit hat sich in dem Jahr meiner Abwesenheit deutlich verschlechtert. Noch mehr Fälle (schon vor meinem Ausfall war die Arbeit kaum zu schaffen). Keine weiteren Stellen. Zusätzliche Anforderungen bei der Bearbeitung, durch die alles länger dauert. Aufgrund eines Updates sehen die Masken, in denen wir arbeiten, komplett anders aus. Muss mich auch hier neu einarbeiten.
  • Die Medikamente wegen der Spätfolgen wirken allmählich.
  • Gedanken über vorzeitige Rente: Kann aufgrund der Schwerbehinderung 2 Jahre früher abschlagsfrei in Rente gehen. Das wäre im März 2028. Sollte ich ein Jahr früher gehen, läge der Abschlag bei 3,6% und würde sich monatlich um 0,3% verringern.
  • Termin bei der Rentenberatung. Fehlende Nachweise suchen und nachreichen.
  • Die Stimmung auf der Arbeit ist angespannt. Bin weiter in der Wiedereingliederung. Seit 4 Wochen immer wieder technische Probleme, so dass ich nur eingeschränkt arbeiten kann und sich somit mein Wiedereingliederungsprozess verzögert. Merke, wie mich allein das schon total nervt. Will Wiedereingliederung aber nicht abbrechen.
  • Die Entscheidung ist gefallen: Spätestens im Frühjahr 2027 werde ich in Rente gehen.
  • Das BEM-Gespräch steht noch aus (BEM=Betriebliches Eingliederungsmanagement). Hab mich entschieden, die wöchentliche Arbeitszeit so zu reduzieren, dass ich eine 4-Tage-Woche habe.

Und durchgehend immer wieder:
  • Papierkram ohne Ende (Anträge, Fragebögen, Bescheide u.v.m.) – gleich zwei neue Ordner angeschafft.
  • Termine vereinbaren (Warteschleifen am Telefon, online keine freien Termine - daher persönliche Vorsprachen, Wartezeiten auf freie Termine)
  • Daran arbeiten, die Krankheit und die Nebenwirkungen für mich anzunehmen.
  • Immer mal wieder Aussagen von verschiedenen Ärzten, die voneinander abweichen oder sich sogar widersprechen.
  • Mich in Zuversicht üben.
  • Unsicherheit, Trauer, Wut, Überforderung, Erschöpfung.
  • Erstaunlich selten Angst. Und wenn Angst, dann eher vor der Überforderung und den Nebenwirkungen der Behandlung, als vor dem Sterben.
  • Bin oft wie im Tunnel und "arbeite" die einzelnen Punkte ab.
  • Unterstützung durch meine beiden Geschwister, die nicht in Hamburg wohnen.
  • Unterstützung durch Freunde.
  • Die Erfahrung machen zu dürfen, welch großartige Freunde ich habe.
  • Ausflüge und Treffen mit Freunden.
  • Kleine Ruhepausen schaffen (Essen gehen, Spaziergänge machen, Konzerte usw.).
  • Nachsicht mit mir üben, wenn ich nicht so belastbar, konzentrationsfähig und ausdauernd bin. Fällt mir sehr schwer.
  • Nachsicht mit mir üben, wenn ich reizbarer und ungeduldiger als sonst bin. Ebenfalls kein einfacher "Job" für mich.
  • Meine Erwartungen und Ansprüche an mich selber senken – zumindest vorrübergehend bis ich mich stabilisiert habe. Fällt mir extrem schwer.
  • Arzttermine wegen anderer gesundheitlicher "Baustellen".
  • Und natürlich durchgehend der normale Single-Alltag (Wohnung, Wäsche, Einkauf usw.).

Ich sollte stolz auf mich sein, dass ich all das geleistet habe. Doch das gelingt mir nicht. Vielleicht bin ich dafür zu erschöpft – oder meine Depression sabotiert dies.

Heute vor einem Jahr kam der Anruf, der mein Leben grundlegend veränderte. Morgen habe ich Geburtstag. Zwei Gedenktage, die ich noch irgendwie unter einen Hut kriegen muss.

(24.04.2026)
 
Meinen Respekt und meine guten Wünsche, geschätzter Kollege anbas.

Von der umfangreichen Textsammlung habe ich natürlich erst einen kleinen Teil durchgelesen, also nur Kostproben genommen. Sie haben mich alle stark beeindruckt, da sind immer wieder großartig empfundene und so auch formulierte Stellen darunter. Ich werde mir in den nächsten Wochen alle Einzeltexte nach und nach vornehmen. Allerdings sind sie angesichts dieser (Passions-)Entstehungsgeschichte wohl eher nicht für übliche Textarbeitskommentare geeignet (abgesehen davon, dass meine Kompetenz in Sachen Lyrik nicht sehr hoch ist). Man ist geneigt, sich aufs Herausstellen solcher Passagen zu beschränken, die einen besonders berührt haben. Bei mir war es z.B. die Stelle, an der der Autor-Patient sich zu dem eigenen inneren Ich wie zu einem zu umsorgenden Kind verhält ("Erschöpft").

Nochmals alles Gute für die Zukunft. auch fürs weitere Berufsleben.

Arno Abendschön
 



 
Oben Unten