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eintagsfliegen ergrauen vor der fensterscheibe
hinterlassen unsichtbare kreisspuren
übergangslos gleiten mauersegler
steil auf und ab ins übergangslose

schleier verhängen das endlosblau
zwei verlassene flugbahnen verlieren
sich in meinen fernwehen und ängsten
vor ungesehenen gefangenschaften

der späte frühling verdunkelt vorsommerlich
das hellgrün der zerschrammten alleebäume
im luftkampf vertreiben drei krähen einen bussard
und verfolgen meine allzu friedlichen gedanken

erst in der feuchten abendluft werde ich
noch einen längeren spaziergang wagen
 
X

xxandros

Gast
lieber karl


die leichtigkeit und die aufgeschlossene schlichtheit, die unbefangenheit und die gleichzeitige fülle von lyrisch-philosophischen metaphern nehmen einen ganz mit und man gleitet, wie das gedicht selbst durche eine unbestimmte zeit, durch etwas unbestimmtes hindurch:
eintagsfliegen ergrauen vor der fensterscheibe
hinterlassen unsichtbare kreisspuren
übergangslos gleiten mauersegler
steil auf und ab ins übergangslose
trunken, und weit ab von jeder komplexität wird ein naturgebundener geist offenbar, der mit einer so dichten sprache sich erklärt, dass einem dabei bange werden kann:
schleier verhängen das endlosblau
zwei verlassene flugbahnen verlieren
sich in meinen fernwehen und ängsten
vor ungesehenen gefangenschaften
es wird hier ein epischer atem kristallisiert, der nach sich selber sucht:
der späte frühling verdunkelt vorsommerlich
das hellgrün der zerschrammten alleebäume
im luftkampf vertreiben drei krähen einen bussard
und verfolgen meine allzu friedlichen gedanken
eine "neue" zerbrechlichkeit lässt sich erahnen, die lyrische aussage mündet wohl darin, mit dem anspruch, dichtung müsse weder sprachtheorie oder geschichtlich-politische bedingungen oder sogar seinen eigenen schaffensprozess reflektieren:

denn es wird plötzlich "alles" ein stück weit zurückgenommen und das gedicht befreit sich mit einer so einfachen handlung, dass wir einen gewinn davon verspüren:
erst in der feuchten abendluft werde ich
noch einen längeren spaziergang wagen
das gedicht lebt nur so von bildlichen, einprägsamen und metaphernreichen beschreibungen eines inneren zustandes, der sich zunehmend verdunkelt, zu dem seelengespräch eines lyrischen ichs, der sich mit dem bescheidenen vorgang eines spazierganges von dieser aufkommenden dunkelheit befreit.

ein gedicht für alle, die die zeichen zu erkennen vermögen.

ich sah ein stück weit in meine eigene seele.

ich bin befangen, ich bin bewegt.

vielen dank für dieses erlebnis.

lg xx
 
Lieber xxandros,
und ich bin bewegt von Deinem ausführlichen und einfühlsamen Kommentar. Herzlichen Dank dafür.
Gruß
Karl
 

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