Ich geh‘ kaputt, gehste mit?
Ich gebe es nur ungern zu, aber meine Karriere als Schriftsteller begann Ende der 70er Jahre mit dem Verfassen von Sponti-Sprüchen. Wir waren fünf Abiturienten aus dem gleichen Jahrgang, studierten in der gleichen Stadt und pflegten unsere Freundschaft aus der Schulzeit durch regelmäßige Treffen bei Bier, Unternehmungslust und Übermut. Anfangs verbrachten wir die Abende mit Karten- und Flipperspielen, aber je mehr Zeit ins Land ging, desto intensiver beschäftigten wir uns mit dem Verfassen von Texten, dem Zeitgeist entsprechend, zunächst mit dem Ausdenken von Kalauern und Sponti-Sprüchen; später mit Gedichten, Kurzgeschichten und Erzählungen. Das Ergebnis war die Gründung einer literarischen Runde mit dem spaßigen Titel „Gewürzautoren“ in Anspielung auf Würzburg, wo wir studierten.
Nach nur sechs Monaten hatten sich weitere zwölf Hobbyautoren zu uns gesellt, meistens Ruheständler beiderlei Geschlechts und Leute, die sonst nichts zu tun hatten. Sie waren ausnahmslos belesen und gebildet, was der Sache insgesamt gut tat, denn wir Jüngeren lernten viel von ihnen. Die Begeisterung fürs Schreiben wuchs und wuchs. Wir trafen uns nun regelmäßig einmal im Monat. An diesen Treffen wurden die von uns verfassten Werke gänzlich oder auszugsweise vorgelesen und anschließend diskutiert. Ich war so fasziniert davon und sprudelte über vor Ideen, so dass ich entschied, mit dem Schreiben zusätzliches Geld zu verdienen.
Hier will ich abkürzen: Nach drei Jahren hatte ich bei einem Verlag zwei Kurzromane veröffentlicht und den Auftrag für einen dritten erhalten. Das hob mich automatisch auf eine professionelle Ebene, und ich wurde – vereinfacht ausgedrückt – der Star der Autorenrunde, was für mich ein riesiges Problem mit sich brachte: Welcher Text auch immer in unserem Kreis vorgelesen und kommentiert wurde, ich stand stets im Mittelpunkt der Diskussion, vor allem, wenn neue Mitglieder oder Gäste ihre Werke vorlasen. Dabei tat ich mich regelmäßig sehr schwer, denn ich bin ein grottenschlechter Zuhörer. Das hat mit der Art, wie ich arbeite, zu tun: Ich brauche einen Text auf Papier, mache mir schon beim Lesen Gedanken über Geschichte, Struktur und Sprache, überlege, blättere zurück, lese weiter, und wenn ich durch bin, kann es sein, dass ich wichtige Passagen ein weiteres Mal lese. Kurz: Ich arbeite streng analytisch. Wer eine solche Arbeitsweise gewohnt ist, hat automatisch Probleme, Vorgetragenes, insbesondere verschachtelte Sätze, komplett aufzunehmen. Ich höre eine gute Formulierung oder einen besonders treffenden Satz, und schon bleiben meine Gedanken hängen und schweifen ab. Und während ich überlege, verliere ich den Anschluss. Wenn ich hinterher an der Diskussion um Inhalt und Form teilnehmen muss und nach diesem und jenem gefragt werde, bleibt mir nichts anderes übrig, als in die Kiste der Allgemeinplätze zu greifen: „Das ist ein klassischer Konflikt, den sie gut bearbeitet haben“ oder „Sie führen den Zuhörer mitten ins Geschehen. Sehr gut und spannend“ oder „Sehr schöner erster Satz; ein perfekter Einstieg mitten ins Geschehen“ oder , oder, oder. Was ich noch erwähnen muss: Wir siezten damals die Älteren und die Gäste.
Über die Jahre wurde das alles sehr ermüdend, und ich wäre schon längst ausgestiegen, wollte aber die Freundschaft zu meinen vier Kumpels nicht aufgeben. Wir waren inzwischen alle verheiratet, und wenn wir uns nicht zur Teilnahme an diesen Meetings gezwungen hätten, hätten wir uns irgendwann aus den Augen verloren, was keiner von uns wollte.
*
Die Texte mancher Gäste sträubten oft unser damals noch dichtes Haar und bewiesen lediglich die Lust des Autors, etwas zu Papier zu bringen; ich rede hier bewusst nicht von Talent. Ich erinnere mich an eine etwa vierzigjährige Frau, die uns mit ihrer ersten Geschichte überraschte. Der erste Abschnitt handelte von einem Hund, der ausgebüxt war, und der Trauer eines Kindes über den Verlust. Es bat seine Mutter inständig und minutenlang, nach dem Tier zu suchen. Während sie diesen unspektakuläre Einstieg vortrug, fielen mir die Augen zu. Nicht dass ich eingeschlafen wäre, nein, Gott bewahre. Ich döste, war ein bisschen weggetreten und befand mich gedanklich irgendwo anders und nicht mehr unter den Zuhörern. Wie ich später erfuhr, kontaktierte die Mutter des Kindes tatsächlich die Nachbarn, um nach dem Hund zu fragen. In dem Text hieß es: Nach nur wenigen Minuten erreichte sie die Mühle und betätigte den mittelalterlichen Türklopfer aus massivem Eisen. Die schwere Eichentür öffnete sich nach mehrmaligem Klopfen, und der Müller mit seiner mehlbestaubten Schürze trat heraus.
„Hallo Franz“, begrüßte ihn die Frau. „Schön, dass man sich mal wieder sieht. Wie geht es dir?“
Sie wissen, was jetzt kommt? Ich heiße ebenfalls Franz, und ich weiß nicht, was da im meinem Kopf etwas ausgelöst hat, aber ich antwortete – immer noch mit geschlossenen Augen und dösend: „Oh, mir geht’s gut. Warum fragst du?“
Die Anwesenden teilten sich blitzschnell in zwei Lager. Die eine Hälfte kicherte und feixte, die andere echauffierte sich. Ich hatte Mühe, die Wellen zu glätten und den Frieden wiederherzustellen.
Ich zog die Konsequenz aus dem Vorfall und nahm bei den Lesungen nicht mehr vorn bei meinen Freunden Platz, sondern in der letzten Reihe. Und wenn ein Text weniger interessant war, stand ich unbemerkt auf und begab mich an die kleine Bar, die für uns in einem Nebenzimmer eingerichtet war.
Obwohl jeder wusste, dass ich anwesend war, blieb ich unentdeckt. Allerdings nur für zwei oder drei Veranstaltungen. Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Einige Autoren sahen in einem Kontakt an der Bar eine optimale Möglichkeit, mich in ein persönliches Gespräch zu verwickeln, und sahen in mir wohl einen privaten Berater.
„Gestatten Sie, dass ich mich für einen Moment zu Ihnen setze?“ Und schon saß der etwa gleichaltrige Mann neben mir. „Ich habe da eine Geschichte im Kopf, und ich hätte gern Ihre Meinung dazu gehört. Also: Das Wetter sorgt für eine düstere Stimmung. Die schwarzen Wolken hängen tief und sind bedrückend, es regnet und ein Sturm beginnt zu wüten. Stellen Sie sich eine Würstchenbude vor. Sie steht in einem kleinen Industriegebiet, wo eine Autowerkstatt, ein Elektrobastler, das Atelier einer jungen Künstlerin und ein Gebrauchtwarenhändler angesiedelt sind. Die Würstchenverkäuferin heißt Dorle, eigentlich Dorothea, ist hübsch, charmant und schlagfertig. Natürlich gehört sie nicht in dieses Milieu, aber sie kann nicht weg wegen ihrer kranken Mutter, und außerdem hat sie eine große Liebe, die ebenfalls an diesen Ort gebunden ist. Der Mann braucht die Einnahmen aus der Würst…“
„Was soll das eigentlich mal werden, wenn’s fertig ist?“, fragte ich gereizt.
„Eine Krimigeschichte“, antwortete er. „Das ist die Intro.“ Er zog die Augenbrauen hoch und zwang seine Stirn in Falten, um mir zu zeigen, dass er auf heftige Kritik vorbereitet war.
„Dann streichen Sie das alles und fangen Sie mit der Handlung an“, riet ich ihm. „Und beschränken Sie sich auf das Wesentliche.“ Er schaut mich an, als hätte ich ihm seine Zukunft vermasselt. „Und noch ein guter Tipp“, fügte ich hinzu. „Beginnen Sie eine Kurzgeschichte nie mit dem Wetter oder der Landschaft. Eine Krimi-Geschichte schon gar nicht.“
Es braucht immer eine gute Portion Geschick und Geduld, sich aus solchen Sachen herauszuwinden. Das Problem in so einem Club ist, dass man immer höflich sein muss. Ich fand schließlich meine Methode, die darin bestand, immer öfter auf tiefer gehende Begründungen zu verzchten. Es erwies sich als die bessere Strategie, auf die bittere Wahrheit als schlagendes Argument zu setzen. Solch unsensibles Vorgehen entspricht nicht meinem Naturell, aber ich tröstete mich damit, dass die Wahrheit ehrlich sei und die Fragenden davon schließlich am meisten profitierten.
Ein junger Mann von etwa 25 Jahren kam auf mich zu und bat mich, seinen Romanentwurf zu begutachten. Elsie und John, Lilly und Marc und Leona und Robby. Drei unterschiedliche Pärchen, die zueinander finden. Elsie verknallt sich in Marc, John in Leona und Lilly in Robby. Jeder will’s mit den anderen treiben, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie alle lieben den Sex und kosten ihn in allen Variationen aus, aber letztlich will jeder bei seinem Partner bleiben. Lilly und Robby sind die Wildesten von allen, na ja, jetzt kommen die vielen Beschreibungen, wie sie auf dem Küchentisch … in diese oder jener Stellung … zu dritt oder zu viert … , und damit die Sache nicht langweilig wird …
Ich unterbreche ihn. „Was soll das mal werden?“
„Ein Erotikroman, kommt man da nicht gleich drauf? Ich dachte, das wäre klar!?“
„Das wird kein Erotikroman, junger Mann, was Sie da planen, ist ein Porno.“
„Echt jetzt? Ja ist das nicht dasselbe? Und wie mache ich daraus einen Erotikroman?
„Indem Sie die Handlung auf die emotionelle Ebene heben. Der Sex ist – wenn überhaupt -nur ein Vehikel für die Emotionen.“
„Hört sich sehr kompliziert an.“
„Ist es auch. Kein Genre ist schwieriger zu schreiben“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Versuchen Sie es mit etwas Leichterem.“
*
Nicht alle, die mich ansprechen, haben solch konfuse Ideen. Vieles ist im Ansatz durchaus brauchbar, und man könnte daraus etwas Lesenswertes entwickeln, aber ich kann nicht groß weiterhelfen, weil ich, wie eingangs gesagt, ein zu schlechter Zuhörer bin. Je ausführlicher man mir einen Inhalt vorträgt, desto größer werden meine Aufmerksamkeitslücken, und irgendwann muss ich auch die ernsthafteste Debatte abbrechen, weil mir vielleicht ein paar essentielle Daten verlorengegangen sind. Es liegt an meiner analytischen … na ja, das sagte ich schon.
Künftig werde ich mich von der Bar fernhalten und mich wieder in die erste Reihe zu meinen Freunden setzen. Da muss ich dem Vorleser wenigstens nicht in die Augen sehen und auf konkrete Fragen antworten. Neben mir wird dann wieder die Kiste mit den Allgemeinplätzen stehen („gut entwickelte Geschichte“ etc.), und jeder der Anwesenden wird wissen, dass ich unehrlich bin.
Ich gebe es nur ungern zu, aber meine Karriere als Schriftsteller begann Ende der 70er Jahre mit dem Verfassen von Sponti-Sprüchen. Wir waren fünf Abiturienten aus dem gleichen Jahrgang, studierten in der gleichen Stadt und pflegten unsere Freundschaft aus der Schulzeit durch regelmäßige Treffen bei Bier, Unternehmungslust und Übermut. Anfangs verbrachten wir die Abende mit Karten- und Flipperspielen, aber je mehr Zeit ins Land ging, desto intensiver beschäftigten wir uns mit dem Verfassen von Texten, dem Zeitgeist entsprechend, zunächst mit dem Ausdenken von Kalauern und Sponti-Sprüchen; später mit Gedichten, Kurzgeschichten und Erzählungen. Das Ergebnis war die Gründung einer literarischen Runde mit dem spaßigen Titel „Gewürzautoren“ in Anspielung auf Würzburg, wo wir studierten.
Nach nur sechs Monaten hatten sich weitere zwölf Hobbyautoren zu uns gesellt, meistens Ruheständler beiderlei Geschlechts und Leute, die sonst nichts zu tun hatten. Sie waren ausnahmslos belesen und gebildet, was der Sache insgesamt gut tat, denn wir Jüngeren lernten viel von ihnen. Die Begeisterung fürs Schreiben wuchs und wuchs. Wir trafen uns nun regelmäßig einmal im Monat. An diesen Treffen wurden die von uns verfassten Werke gänzlich oder auszugsweise vorgelesen und anschließend diskutiert. Ich war so fasziniert davon und sprudelte über vor Ideen, so dass ich entschied, mit dem Schreiben zusätzliches Geld zu verdienen.
Hier will ich abkürzen: Nach drei Jahren hatte ich bei einem Verlag zwei Kurzromane veröffentlicht und den Auftrag für einen dritten erhalten. Das hob mich automatisch auf eine professionelle Ebene, und ich wurde – vereinfacht ausgedrückt – der Star der Autorenrunde, was für mich ein riesiges Problem mit sich brachte: Welcher Text auch immer in unserem Kreis vorgelesen und kommentiert wurde, ich stand stets im Mittelpunkt der Diskussion, vor allem, wenn neue Mitglieder oder Gäste ihre Werke vorlasen. Dabei tat ich mich regelmäßig sehr schwer, denn ich bin ein grottenschlechter Zuhörer. Das hat mit der Art, wie ich arbeite, zu tun: Ich brauche einen Text auf Papier, mache mir schon beim Lesen Gedanken über Geschichte, Struktur und Sprache, überlege, blättere zurück, lese weiter, und wenn ich durch bin, kann es sein, dass ich wichtige Passagen ein weiteres Mal lese. Kurz: Ich arbeite streng analytisch. Wer eine solche Arbeitsweise gewohnt ist, hat automatisch Probleme, Vorgetragenes, insbesondere verschachtelte Sätze, komplett aufzunehmen. Ich höre eine gute Formulierung oder einen besonders treffenden Satz, und schon bleiben meine Gedanken hängen und schweifen ab. Und während ich überlege, verliere ich den Anschluss. Wenn ich hinterher an der Diskussion um Inhalt und Form teilnehmen muss und nach diesem und jenem gefragt werde, bleibt mir nichts anderes übrig, als in die Kiste der Allgemeinplätze zu greifen: „Das ist ein klassischer Konflikt, den sie gut bearbeitet haben“ oder „Sie führen den Zuhörer mitten ins Geschehen. Sehr gut und spannend“ oder „Sehr schöner erster Satz; ein perfekter Einstieg mitten ins Geschehen“ oder , oder, oder. Was ich noch erwähnen muss: Wir siezten damals die Älteren und die Gäste.
Über die Jahre wurde das alles sehr ermüdend, und ich wäre schon längst ausgestiegen, wollte aber die Freundschaft zu meinen vier Kumpels nicht aufgeben. Wir waren inzwischen alle verheiratet, und wenn wir uns nicht zur Teilnahme an diesen Meetings gezwungen hätten, hätten wir uns irgendwann aus den Augen verloren, was keiner von uns wollte.
*
Die Texte mancher Gäste sträubten oft unser damals noch dichtes Haar und bewiesen lediglich die Lust des Autors, etwas zu Papier zu bringen; ich rede hier bewusst nicht von Talent. Ich erinnere mich an eine etwa vierzigjährige Frau, die uns mit ihrer ersten Geschichte überraschte. Der erste Abschnitt handelte von einem Hund, der ausgebüxt war, und der Trauer eines Kindes über den Verlust. Es bat seine Mutter inständig und minutenlang, nach dem Tier zu suchen. Während sie diesen unspektakuläre Einstieg vortrug, fielen mir die Augen zu. Nicht dass ich eingeschlafen wäre, nein, Gott bewahre. Ich döste, war ein bisschen weggetreten und befand mich gedanklich irgendwo anders und nicht mehr unter den Zuhörern. Wie ich später erfuhr, kontaktierte die Mutter des Kindes tatsächlich die Nachbarn, um nach dem Hund zu fragen. In dem Text hieß es: Nach nur wenigen Minuten erreichte sie die Mühle und betätigte den mittelalterlichen Türklopfer aus massivem Eisen. Die schwere Eichentür öffnete sich nach mehrmaligem Klopfen, und der Müller mit seiner mehlbestaubten Schürze trat heraus.
„Hallo Franz“, begrüßte ihn die Frau. „Schön, dass man sich mal wieder sieht. Wie geht es dir?“
Sie wissen, was jetzt kommt? Ich heiße ebenfalls Franz, und ich weiß nicht, was da im meinem Kopf etwas ausgelöst hat, aber ich antwortete – immer noch mit geschlossenen Augen und dösend: „Oh, mir geht’s gut. Warum fragst du?“
Die Anwesenden teilten sich blitzschnell in zwei Lager. Die eine Hälfte kicherte und feixte, die andere echauffierte sich. Ich hatte Mühe, die Wellen zu glätten und den Frieden wiederherzustellen.
Ich zog die Konsequenz aus dem Vorfall und nahm bei den Lesungen nicht mehr vorn bei meinen Freunden Platz, sondern in der letzten Reihe. Und wenn ein Text weniger interessant war, stand ich unbemerkt auf und begab mich an die kleine Bar, die für uns in einem Nebenzimmer eingerichtet war.
Obwohl jeder wusste, dass ich anwesend war, blieb ich unentdeckt. Allerdings nur für zwei oder drei Veranstaltungen. Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Einige Autoren sahen in einem Kontakt an der Bar eine optimale Möglichkeit, mich in ein persönliches Gespräch zu verwickeln, und sahen in mir wohl einen privaten Berater.
„Gestatten Sie, dass ich mich für einen Moment zu Ihnen setze?“ Und schon saß der etwa gleichaltrige Mann neben mir. „Ich habe da eine Geschichte im Kopf, und ich hätte gern Ihre Meinung dazu gehört. Also: Das Wetter sorgt für eine düstere Stimmung. Die schwarzen Wolken hängen tief und sind bedrückend, es regnet und ein Sturm beginnt zu wüten. Stellen Sie sich eine Würstchenbude vor. Sie steht in einem kleinen Industriegebiet, wo eine Autowerkstatt, ein Elektrobastler, das Atelier einer jungen Künstlerin und ein Gebrauchtwarenhändler angesiedelt sind. Die Würstchenverkäuferin heißt Dorle, eigentlich Dorothea, ist hübsch, charmant und schlagfertig. Natürlich gehört sie nicht in dieses Milieu, aber sie kann nicht weg wegen ihrer kranken Mutter, und außerdem hat sie eine große Liebe, die ebenfalls an diesen Ort gebunden ist. Der Mann braucht die Einnahmen aus der Würst…“
„Was soll das eigentlich mal werden, wenn’s fertig ist?“, fragte ich gereizt.
„Eine Krimigeschichte“, antwortete er. „Das ist die Intro.“ Er zog die Augenbrauen hoch und zwang seine Stirn in Falten, um mir zu zeigen, dass er auf heftige Kritik vorbereitet war.
„Dann streichen Sie das alles und fangen Sie mit der Handlung an“, riet ich ihm. „Und beschränken Sie sich auf das Wesentliche.“ Er schaut mich an, als hätte ich ihm seine Zukunft vermasselt. „Und noch ein guter Tipp“, fügte ich hinzu. „Beginnen Sie eine Kurzgeschichte nie mit dem Wetter oder der Landschaft. Eine Krimi-Geschichte schon gar nicht.“
Es braucht immer eine gute Portion Geschick und Geduld, sich aus solchen Sachen herauszuwinden. Das Problem in so einem Club ist, dass man immer höflich sein muss. Ich fand schließlich meine Methode, die darin bestand, immer öfter auf tiefer gehende Begründungen zu verzchten. Es erwies sich als die bessere Strategie, auf die bittere Wahrheit als schlagendes Argument zu setzen. Solch unsensibles Vorgehen entspricht nicht meinem Naturell, aber ich tröstete mich damit, dass die Wahrheit ehrlich sei und die Fragenden davon schließlich am meisten profitierten.
Ein junger Mann von etwa 25 Jahren kam auf mich zu und bat mich, seinen Romanentwurf zu begutachten. Elsie und John, Lilly und Marc und Leona und Robby. Drei unterschiedliche Pärchen, die zueinander finden. Elsie verknallt sich in Marc, John in Leona und Lilly in Robby. Jeder will’s mit den anderen treiben, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie alle lieben den Sex und kosten ihn in allen Variationen aus, aber letztlich will jeder bei seinem Partner bleiben. Lilly und Robby sind die Wildesten von allen, na ja, jetzt kommen die vielen Beschreibungen, wie sie auf dem Küchentisch … in diese oder jener Stellung … zu dritt oder zu viert … , und damit die Sache nicht langweilig wird …
Ich unterbreche ihn. „Was soll das mal werden?“
„Ein Erotikroman, kommt man da nicht gleich drauf? Ich dachte, das wäre klar!?“
„Das wird kein Erotikroman, junger Mann, was Sie da planen, ist ein Porno.“
„Echt jetzt? Ja ist das nicht dasselbe? Und wie mache ich daraus einen Erotikroman?
„Indem Sie die Handlung auf die emotionelle Ebene heben. Der Sex ist – wenn überhaupt -nur ein Vehikel für die Emotionen.“
„Hört sich sehr kompliziert an.“
„Ist es auch. Kein Genre ist schwieriger zu schreiben“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Versuchen Sie es mit etwas Leichterem.“
*
Nicht alle, die mich ansprechen, haben solch konfuse Ideen. Vieles ist im Ansatz durchaus brauchbar, und man könnte daraus etwas Lesenswertes entwickeln, aber ich kann nicht groß weiterhelfen, weil ich, wie eingangs gesagt, ein zu schlechter Zuhörer bin. Je ausführlicher man mir einen Inhalt vorträgt, desto größer werden meine Aufmerksamkeitslücken, und irgendwann muss ich auch die ernsthafteste Debatte abbrechen, weil mir vielleicht ein paar essentielle Daten verlorengegangen sind. Es liegt an meiner analytischen … na ja, das sagte ich schon.
Künftig werde ich mich von der Bar fernhalten und mich wieder in die erste Reihe zu meinen Freunden setzen. Da muss ich dem Vorleser wenigstens nicht in die Augen sehen und auf konkrete Fragen antworten. Neben mir wird dann wieder die Kiste mit den Allgemeinplätzen stehen („gut entwickelte Geschichte“ etc.), und jeder der Anwesenden wird wissen, dass ich unehrlich bin.