aus der deckung ( tanka )

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G

Gelöschtes Mitglied 21884

Gast
Im oberen Stollen versteckt sich ein interessanter Widerspruch: Zum Ufer hin steigt nämlich die Sonne (optisch!) beim Untergehen! Hätte man daraus nicht ein schönes Abendhaiku dichten können?

Allgemein gesagt wirkt das Tanka verrätselt und überladen, man findet keinen rechten Zugang ... nässe auf marmor, gänsehaut, spüre ...

Ich selber schreibe Tanka gerne als Mini-story, Episode u.ä. mit einer überraschenden Wendung - aber das ist natürlich immer Geschmackssache.


Béla
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Mimi

Mitglied
Die Überschrift oder der Titel dieses Textes,
ist schon ein wenig "richtungsweisend"...

Ja, die "nässe auf marmor"
hier trifft ein direkter Ausdruck auf was?
eine Metapher??
oder ein direkter Ausdruck trifft auf einen ebenso direkt gemeinten Ausdruck???...
Ist "marmor" hier als Nominalmetapher gemeint oder aus dem Sinnbereich??
Ich denke da an die Frauengestalten bei den Bildern von Botticelli... dieser unterkühlten aber dennoch sehr faszinierenden Erotik.
Aber vielleicht ist es zu viel vom Leser verlangt, eine mögliche Metapher hier zu erkennen und ihre gedankenleitende Wirkung zu durchschauen... vielleicht ...

Die letzten beiden Zeilen konkretisieren die Sichtweise im oberen Stollen:

un observador oder auch un admirador,
(bitte nicht an Gomringers "avenidas" denken! obwohl ich nichts von diesem aggressiven Verbotswahn gegen diese Art von Poesie halte, zeugt er doch von einer recht unsäglichen Einfalt im Umgang mit diesem Gedicht) der also "aus der deckung" beobachtet und bewundert .
( wen oder was dürfte, glaube ich, jetzt etwas klarer sein )

Verrätselt?? Vielleicht!
Überladen?? Hmmm... naja ...

Grüße
Mimi
 
"am flussufer senkt"

flussufer - die griechisch anmutende metapher für zeit. nein styx mal außen vorgelassen. überhaupt ... fassen wir es japanisch! fluss ist notwendig eine metapher für das werden und vergehen, die zeit schlechthin. das ufer des flusses, deutet den festen stand an, den wir menschen beim verfließen der zeit baruchen. aber ...

"sich die novembersonne"

... erstmal ist es die sonne, die "am" flussufer in erscheinung tritt. nicht irgendwie, sie macht durch ihr licht das geschehen der nächsten zeile erst sichtbar...
ich denke, das ist auch vorerst ihre funktion!

"über nässe auf marmor"

eine erotische metapher. der perfekte marmorkörper, ein gott, eine göttin, oder zumindest ein david. die nässe als erotische metapher zu erklären, kann ich mir sicher sparen :D aber das lässt vermuten, das es sich um einen weiblichen körper handelt.

ihre gänsehaut spüre
ich trotz der ferne

die sonne ändert ihre funktion, wird spanner und wahrscheinlich liebhaber zugleich ... vielleicht ra? irgend ein strahlegott, ein sonnenzeus dem der marmorschwan schwer zu lasten der vernunft geht ... ;)

das gedicht ist aber im wesentlichen eine naturbetrachtung. und hier kommt wieder die "zeit" des ersten verses im spiel. ein gedicht, um die ewig sich-zu-sich-selber verführende, jetzt personifizierte natur. na ja, so lese ich es zumindest ...

l.g
patrick
 

Walther

Mitglied
am flussufer senkt
sich die novembersonne
über nässe auf marmor

ihre gänsehaut spüre
ich trotz der ferne
Hi Mimi,
das haiku geht ok. die beiden folgeverse passen nicht. sie dichten der sonne menschliches an, und das siehst du in diesem bild nicht, das fügst du hinzu und schließt damit die offenheit des texts. die aber ist konstuierend für diese art der poesie. der leser interpretiert - der autor beobachtet und ist durchscheinend.
lg W.
 

Mondnein

Mitglied
Ach so, ja Mimi,

es soll ja ein Tanka sein.

Ich las es ganz naiv, direkt, ohne symbolische "Tiefen", zumal die "Gänsehaut" ein unmittelbarer sinnlicher Reiz ist. Wie auch die "Nässe auf Marmor" mich an einen bösen Sturz erinnert, Einschlag der Realität in den poetischen Binnenfilm.

Die anthropomorphe Personofizierung der Sonne fiel mir auf, und sie gehört gewiß nicht in ein japanisches Kurzgedicht, aber sie ist originell, überraschend, und eben sinnlich-reizvoll, wie es sonst für reimlose Kurzgedichte substantiell, ja unverzichtbar ist.

grusz, hansz
 

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