Ausgeliefert

EmmGee

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An jenem grauen Dienstag im November bog ich in die Zielstraße ein, und noch bevor ich den Motor abschaltete, löste sich ein Mann aus dem Hauseingang der Nummer vier und kam auf meinen Wagen zu, als hinge sein Leben an dem einen Paket, das ich ihm zu bringen hatte.

Er hatte seit dem Morgen gewartet, das sah man ihm an. Und zwar nicht so, wie Menschen in Hauseingängen stehen, wenn sie einfach nur eine Zigarette rauchen oder auf etwas oder jemanden warten. Sondern so, wie jemand steht, dem das stundenlange Warten in den Knochen hängt. Die eine Hand hatte er tief in der Tasche einer für diese Jahreszeit zu dünnen Jacke vergraben, in der anderen glomm eine Zigarette, an der er im Sekundentakt zog, ohne den Rauch recht wahrzunehmen. Er war bei mir, noch ehe ich die Tür ganz geöffnet hatte.

»Ist es dabei?« Seine Stimme überschlug sich, brüchig, atemlos. Das war keine der beiläufigen Fragen, mit denen ungeduldige Kunden mich täglich empfingen. »Berg. Elias Berg. Ich warte seit heute früh. Die App sagt, es ist unterwegs. Es ist bei Ihnen im Wagen.«

Ich sagte, was ich in solchen Fällen immer sage, dass ich gleich nachsehe. Ich stieg nach hinten in den Laderaum, an genau die Stelle, an der die Sendung nach meiner morgendlichen Sortierung liegen musste, und griff ins Leere. Ich griff ein zweites Mal. Der erste Griff ins Leere ist in diesem Beruf so alltäglich wie das Atmen und heißt meist nur, dass ein Paket verrutscht ist. Ich räumte um, hob Kartons an, leuchtete mit der im Scanner integrierten Taschenlampe in die Ecken, las Aufkleber. All die kleinen, mit jeder Sekunde hektischer werdenden Bewegungen, die ein Mensch vollzieht, wenn die Wirklichkeit sich weigert, mit dem übereinzustimmen, was er zu wissen glaubt. Meine Nackenhaare sträubten sich. So wie sie sich sträuben, wenn einem der Chef über die Schulter blickt und man sich beobachtet fühlt. Ich warf einen verstohlenen Blick hinter mich. Er war bis an die Ladekante herangetreten und fixierte mich mit seinem Blick wie eine Raubkatze ihre auserkorene Beute. Mit jedem ergebnislosen Griff hörte ich hinter mir den Atem schneller gehen und immer nervöser werdende Züge an einer Zigarette.

Die Sendung an Elias Berg war nicht verrutscht. Sie war nicht unter ein anderes Paket geraten, nicht in die falsche Fachreihe gefallen. Sie war schlicht nicht in meinem Wagen. Und das war unmöglich, denn um sieben Uhr neunzehn an diesem Morgen hatte ich das rote Leuchten des Scannerlasers über den Barcode gezogen.

Um zu verstehen, warum ich in diesem Laderaum stand, als hätte sich der Boden unter mir verschoben, muss man wissen, was ein Scanner für einen Mann wie mich bedeutet. Ein kleines, robustes Gerät, an den Kanten längst blank gegriffen, das ich vom ersten bis zum letzten Halt aus dem Hüftholster ziehe und nutze. Neben meinem Lieferwagen, das wichtigste Werkzeug, welches über alles Buch führte. Dies mit der stillen, unbestechlichen Genauigkeit eines Beichtvaters, der nie etwas vergisst. Es wusste jede Sekunde, wo ich war und wie weit ich hinter meinem Soll lag. Was unweigerlich fast immer der Fall war. Vor allem aber wusste es, was ich geladen hatte. Jede Sendung, die morgens im Depot in meinen Wagen wanderte, wurde zuvor gescannt; ein kurzes, zufriedenes Piepen, und es war amtlich. Das Paket und alles, was mit diesem geschieht, ging bis zur Zustellung und dem damit verbundenen erneuten Scans und gegebenenfalls einer Unterschrift, in meine Verantwortung über. Der Scanner log nicht. Er konnte gar nicht lügen. Er war das eine Ding in meinem Arbeitsleben, auf das ich mich blind verließ, verlässlicher als auf mein eigenes Gedächtnis. Und nun behauptete dieses Ding, ein Karton sei an Bord, den es nicht gab.

Ich fuhr nicht direkt für den großen Konzern, dessen Farben ich Tag für Tag durch die Stadt bewegte und dessen Logo jedes Kind aus dem Gedächtnis zeichnen kann, ehe es zu schreiben lernt. Ich fuhr für einen Subunternehmer, der wiederum für eine Firma fuhr, die im Namen des Konzerns die Zustellung organisierte; zwischen mir und dem Namen auf der Sendungsbestätigung lagen zwei Firmen und drei Verträge. Ein Bauwerk aus Zuständigkeiten, so sorgfältig errichtet, dass am Ende niemand mehr die Verantwortung trug, wenn etwas schieflief. Bezahlt wurde ich nicht nach Stunden, als hätte meine Lebenszeit etwa einen Wert. Sondern nach der Anzahl der zugestellten Sendungen, wie ein Akkordarbeiter. Um am Monatsende auf eine Summe zu kommen, von der sich eine Wohnung halten und ein Kind ernähren ließ, brauchte ich an einem gewöhnlichen Tag zwischen hundertsechzig und zweihundert erfolgreiche Zustellungen. Gepresst in die Stunden, in denen man Menschen an ihren Türen überhaupt antrifft. Das ließ für jeden von ihnen kaum zwei Minuten. Zwei Minuten für das Klingeln, das Warten, das Treppensteigen, die Unterschrift, das Weiter. Und das auch nur unter der Voraussetzung, dass alles glatt lief und die Empfänger auch zuhause waren. Denn war das nicht der Fall, verschoben sich, ob des Mehraufwands, alle weiteren Zustellungen nach hinten.

In zwei Minuten erfährt man nichts über einen Menschen, nicht, ob er einsam ist, nicht, ob er krank ist, nicht, ob er gerade das Schlimmste seines Lebens durchlebt. Lange hielt ich das für eine Gnade. Wer nichts weiß, muss sich keine Gedanken machen, und wer sich keine Gedanken macht, kommt schneller durch seine Tour. Nicht, dass mich die Leben der Empfänger überhaupt interessierten. Aber man geriet ab und an schon in die Verlegenheit, darüber nachzudenken, was hinter den vielen geschlossenen Türen, vor welchen man wartet, bis einem geöffnet wird, so vor sich geht. In den meisten Fällen verfliegt der Gedanke sofort mit dem dumpfen saugenden Geräusch einer sich öffnenden Tür. Manchmal, wenn einem zum Beispiel Gerüche, durch den aus der Wohnung ausströmenden Luftstoß, in die Nase steigen, hält man noch ein wenig an diesen Gedanken fest, bevor einen die Realität mit ihren kalten Händen packt und wieder ins hier und jetzt zurückzieht. Spätestens im Lieferwagen aber hat man alle Gedanken an die vielen Lebensläufe, die man eventuell mit seiner Zustellung verändert hat, vergessen.

Hinter jeder Paketnummer, die morgens über das Band läuft, steht ein Mensch, der wartet, und in jedem Karton, so unscheinbar er ist, liegt ein Stück von diesem Menschen. In meinen Paketen lagen wahrscheinlich Dinge wie Geburtstagsgeschenke und Mahnbescheide, Medikamente und Liebesbriefe, Windeln und Grabkerzen, die Asche verstorbener Haustiere und die ersten Schuhe ungeborener Kinder. Von außen sah alles gleich aus: ein brauner Karton, ein Streifen Klebeband, ein Aufkleber mit einem Strichcode. In all den Jahren habe ich mehrere Hunderttausend solcher Sendungen befördert, und fragte man mich unter Eid, was in einer einzigen davon gelegen hat, ich könnte es nicht beschwören. Bei keiner der Sendungen. Das ist das erste und älteste Gesetz eines Gewerbes, das nur funktioniert, solange niemand hinsieht: Man fährt, man trägt und man fragt nicht.

An diesem Dienstag jedoch, fragte ich zum ersten Mal.

Für einen Fall wie diesen gibt es ein Verfahren, ersonnen mit der einzigen Absicht, den Vorgang so rasch und geräuschlos wie möglich aus der Welt zu schaffen. Man meldet die Fehlmenge. Man setzt im Gerät den Status „nicht zustellbar", was genau besehen eine kleine Lüge ist, denn zustellbar wäre die Sendung ja, hätte ich sie nur dabei. Und dann fährt man weiter. Das ist der ganze Trick. Ich hatte diesen Handgriff schon Dutzende Male getan, ohne mir etwas dabei zu denken, und mein Daumen lag bereits über der Schaltfläche. Ich hätte nur zu drücken brauchen und der automatische Prozess, welcher darin endete, dass Empfänger über Email, SMS oder eine App mitgeteilt bekommen, dass die Sendung heute nicht zustellbar sei, würde in Gang gebracht. Da beugte der Mann sich so nah zu mir heran, dass ich den kalten Rauch an seiner Jacke roch.

»Bitte.« Er sagte es so leise, dass ich mich noch tiefer zu ihm hinunterbeugen musste. »Sagen Sie mir nicht, dass es nicht da ist. Es muss heute kommen. Wenn es heute nicht kommt, stirbt mein Bruder.«

Mein Daumen lag über der Schaltfläche. Er lag da und rührte sich nicht. Zwei Worte im Gerät, und die Alltagsroutine hätte mich wieder umhüllt wie eine warme Decke im Winter vor einem Kaminfeuer.

Elias zündete sich mit zitternden Händen eine neue Zigarette an der alten an. Sein Gesicht war blassfahl, mit tief dunklen Augenringen und von einem Dreitagebart überzogen, und über den aufsteigenden Rauch sah er mich an. Hilfesuchend, wie ein Mensch, der keine Karten mehr in der Hand hält, aber der Ausgang des Spiels über den Rest seines Lebens bestimmt, da er alle seine Habseligkeiten gesetzt hat. Ich kannte diesen Blick. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich selbst auf diese Weise an einer Tür gestanden hatte, ohne Geld und ohne Ausweg. Anderen ausgeliefert, die über mich entschieden, da ich bis über beide Ohren verschuldet war und kein Einkommen hatte, mit welchem ich diese Schuld hätte begleichen können. So etwas vergisst man nicht.

»Was ist drin?«

Es rutschte mir heraus, bevor ich auch nur darüber nachdenken konnte. Die eine Frage, die man in meinem Beruf nie stellt. Über sein Gesicht ging etwas, das ich für einen Wimpernschlag lang nicht deuten konnte. Er hatte darauf gewartet, dass ich das Falsche fragte statt des Richtigen. Nicht: Wer sind Sie. Nicht: Was haben Sie getan.

»Das kann ich nicht sagen.«

Er sagte nicht: Das weiß ich nicht. Sondern, das kann ich nicht sagen. Ich hörte den Unterschied und schob ihn beiseite, wie man an einem geschäftigen vollen Tag hundert kleine Dinge beiseiteschiebt, die gerade nicht ins Konzept passen.

Er griff in die Jacke und zog ein Telefon heraus, ein altes. Das Glas quer über das Display gesprungen. Mit dem Daumen wischte er, bis ein Foto auftauchte. Zwei Jungen vor einem Gartenzaun, der eine vielleicht zwölf, der andere jünger, beide in Trikots, die ihnen zu groß waren. »Das ist Jakob.« Sein Finger lag auf dem Kleineren, und seine Stimme wurde weich, wie sie es vorher nicht gewesen war. »Mein Bruder. Er hat außer mir niemanden mehr. Bis Mitternacht bleibt Zeit, danach ist es zu spät für ihn.«

Ich sah auf das Bild, weil man auf ein Bild sieht, das man einem hinhält, nickte und sah Elias wieder an. Zwei Jungen, ein Zaun, ein Sommer, der lange her war. Was daran nicht stimmte, entging mir zu diesem Zeitpunkt. Denn ein Mann, der seit Stunden im Regen steht und um das Leben seines Bruders bittet, lässt einem keinen Raum, ein Foto genau zu prüfen oder darüber nachzudenken.

In diesem Moment setzte das Gefühl ein, das ich seit Jahren zu vermeiden suchte. Mitgefühl. Es kostet meist einfach unnötige Zeit, die man nicht hat. Aber inzwischen waren die zwei Minuten ohnehin vorüber und zudem war klar, dass ich meine Tour nicht schaffen würde. Also spielte es keine Rolle mehr.

»Ich verspreche nichts«, sagte ich. »Aber ich sehe nach, wo es geblieben ist. Wenn ich es finde, sorge ich dafür, dass es zu Ihnen kommt. Mehr kann ich nicht tun.«

Seine Gesichtszüge schienen sich ein wenig zu entspannen und während er einen weiteren tiefen Zug seiner Zigarette inhalierte und wieder ausblies, nickte Elias mehrmals schnell, wortlos und kaum wahrnehmbar und trat zurück in den Hauseingang, als fürchtete er, mit nur einem falschen Wort oder Geste wieder alles einzureißen.

Ich setzte mich hinters Steuer und ließ den Motor aus. Im Rückspiegel stand er reglos im Eingang der Nummer vier, den Blick auf meinen Wagen geheftet, als hinge an dessen Stillstand etwas, das sich mit Worten nicht sagen ließ. Es war eines dieser hohen, schmalen Häuser, denen man ansieht, dass sie einmal eine bürgerliche Würde besessen haben; der Stuck über den Fenstern war teils abgeschlagen und hatte offene Wunden aus nacktem Mauerwerk hinterlassen, aus denen sich der Regen in dunklen Schlieren nach unten zog, als weine das Haus in aller Stille vor sich hin, weil Vandalen dessen Fassade mit Graffiti verschandelt hatten.

Zehn Jahre lang war jeder Empfänger für mich eine Nummer gewesen, ein Name auf einem Aufkleber, ein Haken im Gerät. Nichts weiter. Jetzt hatte ein Fremder ein Gesicht bekommen, mehr war nicht geschehen. Aber ein Gesicht genügt offenbar, um einen ganzen Tag aus den Angeln zu hebeln.

Ich nahm den Scanner und rief die Sendung noch einmal auf. Sieben Uhr neunzehn. Geladen. An Bord. Zwischen dem Depot und dieser Straße lagen keine drei Stunden Arbeitszeit und keine zwanzig Kilometer, und in dieser Zeit war ein Karton, den ich heute Morgen noch in Händen gehalten hatte, aus einem verschlossenen Wagen verschwunden, zu dem niemand außer mir Zutritt hatte. Ich suchte nach einer harmlosen Erklärung und fand keine. Man muss wissen, dass in unserem Gewerbe noch eine andere wichtige Regel gilt. Sobald man das Fahrzeug verlässt, muss es rundherum verschlossen sein. An diese Regel halte ich mich, seit mir in meiner Anfangszeit, während eines Stopps, Pakete von der Ladefläche gestohlen wurden. Zum Glück handelte es sich nur um Testdiebe, die bei dem Unternehmen, für welches ich fahre, genau zu diesem Zweck angestellt wurden. Dennoch, der Schock saß entsprechend tief und somit hatte diese Aktion genau den Effekt erreicht, den sie erreichen sollte. Ab da, schloss ich, wann immer ich das Fahrzeug verließ, alle Türen ab, was dank Zentralverriegelung noch dazu extrem einfach ist.

Ich rief im Depot an. Sonja nahm so ab, wie sie immer abnahm. Mit einem Seufzen, das vor dem ersten Wort schon unmissverständlich klar machte, dass sie im Stress war und keine Zeit für Kinkerlitzchen hatte.

»Was ist, Nowak?«, schnaufte sie entnervt ins Telefon. Disponenten haben die Nummern der Diensthandys gespeichert, weshalb sie natürlich wusste, wer gerade anrief.

Ohne lange Umschweife nannte ich ihr die Nummer und sagte, das Paket sei als geladen gescannt und liege nicht im Wagen. Ich hörte das Klappern ihrer Tastatur, dann hörte das Klappern abrupt auf. Ein Klick der Maus, gepaart mit einem tiefen Atmer drang durch das Telefon.

»Steht auf geladen. Sieben Uhr neunzehn. Dein Scan.«

»Ich weiß, dass es mein Scan ist. Ich frage, wo es ist.«

»Was fragst du mich das? Du hast es gescannt. Ich nehme an, dass du es dann auch verladen hast. Wenn es auf geladen steht und nicht im Wagen liegt, setzt du es wie immer auf nicht zustellbar und fährst weiter. Du kennst das Verfahren. Ich bin mir sicher, dass du das schon mal gemacht hast.«, erwiderte sie ironisch. Eine Pause, in der sie im Hintergrund einen anderen Fahrer anblaffte, er solle die Rampe frei machen. Dann, wieder an mich: »Seit wann interessierst du dich denn überhaupt so sehr für eine Sendung?«, frug sie mit einem gewissen Unterton.

Darauf hatte ich keine Antwort, die für sie ohne weiteren Kontext Sinn ergab. Ich murmelte etwas von einem Kunden, der Druck mache. Sonja lachte kurz und ohne Freude auf.

»Es machen immer welche Druck. Seit wann arbeitest du hier, gestern?« Und dann verlor ihre Stimme den Spott und wurde leiser, bekam einen Ton, den ich in zehn Jahren nicht von ihr gehört hatte. Fast schon flüsternd, sagte sie: »Lass die Finger davon, Marek. So ein Paket ist keins, für das man sich groß interessieren sollte. Drück es ab und mach weiter.«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine gar nichts. Hör einfach auf mich. Ich hab jetzt zu tun. Ciao.« Und sie legte auf.

Ich blieb sitzen, das Telefon noch am Ohr, und hörte das Tuten. Sonja hatte mich in all den Jahren angetrieben, angeschnauzt, aber wenn ich Mist baute, auch schon häufig gedeckt. Geraten, die Finger von etwas zu lassen, hatte sie mir nie. Diesen Satz sagt man nicht über ein verlegtes Paket. Man sagt ihn über eines, von dem man mehr weiß, als man am Telefon loswerden möchte oder kann. Ich überlegte kurz, das mit ihr persönlich zu klären. Verwarf den Gedanken aber wieder. Dazu war keine Zeit.

Vorn, im Hauseingang, stand immer noch Elias. Ich legte das Telefon weg, startete den Motor und fuhr an. Erst an der Kreuzung merkte ich, dass ich nicht in Richtung meiner nächsten Stopps abgebogen war, sondern in die andere, zurück zum Depot.

Das Depot lag am Rand eines Gewerbegebiets, zwischen einer Reifenhandlung und einer Halle, in der schon lange niemand mehr etwas herstellte. Um diese Zeit war der Hof fast leer. Die Frühschicht war längst auf Tour, die Spätschicht kam erst am Nachmittag. Ich setzte den Wagen rückwärts an die Rampe, dorthin, wo er am Morgen gestanden hatte, und blieb einen Augenblick hinter dem Lenkrad sitzen. Ich wollte den Ablauf gedanklich nochmal revue passieren lassen.

Am Morgen war alles gewesen wie immer. Der Wagen an der Rampe, die Hecktüren offen, ich zog die Sendungen vom Band, scannte sie und sortierte sie in die Fächer. Danach war ich wie immer in die Kantine gegangen, hatte einen Kaffee getrunken, während ich die Tour nochmal im Scanner durchging. Zwanzig Minuten, vielleicht fünfundzwanzig. Der Wagen stand in dieser Zeit offen auf dem Hof, unverschlossen, wie alle Wagen. Weil nie jemand einen Grund gehabt hatte, sie zu verschließen. Das Gelände des Depots ist umzäunt und Videoüberwacht. Zwanzig Minuten, in denen jeder, der über den Hof ging, in den Laderaum hätte greifen und eine Sendung herausnehmen können. Allerdings konnten nur Leute über den Hof gehen, die auch eine Zugangsberechtigung zum Gelände hatten.

Ich stieg aus und ging zu der Stelle, an der ich am Morgen gestanden hatte. Auf dem nassen Beton sah man die üblichen Spuren eines Depots, Ölflecken, zertretene Kippen, einen Kabelbinder. Nichts, was mir etwas verraten hätte. Und doch wusste ich es jetzt mit einer Sicherheit, die mir die Nackenhaare aufstellte: Die Sendung an Elias Berg hatte während meiner Tour den Wagen nie verlassen, weil man sie herausgenommen hatte, noch bevor ich losfuhr. Ein Paket verschwindet nicht aus einem fahrenden oder verschlossenen Lieferwagen. Es verschwindet, während der Fahrer Kaffee trinkt und das Fahrzeug unbeobachtet, und vor allem unverschlossen ist. Aber über jeder Rampe hängt eine Videokamera. Nicht nur um zu sehen, wer sich rund um die Fahrzeuge aufhält, sondern auch, um von der Dispo aus sehen zu können, welche Tore gerade belegt sind.

»Sie sollten nicht hier sein.«

Die Stimme kam von der Seite der Ausfahrt, ruhig, beinahe freundlich, und ich erschrak mehr über ihre Ruhe als über die Worte. Der Mann stand im Schatten der Halle, wo ich ihn nicht bemerkt hatte, und trat nun einen Schritt ins Licht. Er war in allem das Gegenteil von Elias Berg. Wo Elias fahrig gewesen war und ausgezehrt, war dieser Mann ordentlich bis in die Fingerspitzen. Ein dunkler Mantel, sauber, jedoch nicht neu. Die Schläfen grau, das Gesicht glatt rasiert. Er hatte die Hände in den Manteltaschen und die Haltung eines Menschen, der es nicht nötig hat, sich zu beeilen, weil die Zeit ohnehin für ihn arbeitet. Nichts an ihm war bedrohlich, und gerade das war es, was mir das Atmen schwer machte.

»Wir kennen uns nicht«, sagte ich, etwas leiser und ängstlicher als ich beabsichtigt hatte.

»Nein. Aber ich kenne Ihren Vormittag.« Er referierte mit monotoner Stimme minutiös über meinen bisherigen Tag, wie ein Universitätsprofessor vor dem Hörsaal, ohne auch nur einmal nachdenken oder unterbrechen zu müssen. »Sie haben um neun Uhr dreiundzwanzig vor der Nummer vier gehalten. Circa fünf Minuten lang und somit länger als nötig. Sie haben währenddessen mit Herrn Berg gesprochen und danach im Depot angerufen und Fragen zu einer Sendung gestellt, die Sie längst auf nicht zustellbar hätten setzen sollen. Und jetzt stehen Sie hier auf diesem Hof und suchen etwas, das nicht mehr zu finden ist. Sie sind ein gründlicher Mann, Herr Nowak. Das ist selten geworden. Nur ist Ihre Gründlichkeit hier fehl am Platz. Zumindest in Bezug auf Ihre Absichten. Nämlich das Paket ordnungsgemäß zuzustellen.«

Dass er meinen Namen kannte, überraschte mich schon nicht mehr. Er schien alles zu wissen. Er erzählte mir das alles mit einer Sicherheit, die keine Zweifel offen ließ. Ich musste beobachtet worden sein. Vielleicht sogar von ihm selbst. Wie sonst sollte er all diese Dinge wissen?

»Wo ist das Paket?«, fragte ich.

»Es ist Ihnen aus der Hand genommen worden, und das war ein Gefallen, auch wenn Sie das im Moment vielleicht nicht so sehen. Fahren Sie Ihre Tour zu Ende und vergessen Sie sowohl die Sendung, die Adresse und vor allem Herrn Berg.«

»Herr Berg wartet seit heute früh vor seiner Haustür auf das Paket. Er sagt, sein Bruder stirbt, wenn es nicht kommt.«

Zum ersten Mal bewegte sich etwas in seinem Gesicht, wenn auch kaum. Es wurde nicht härter. Es wurde nur um einen Grad kälter, bestimmter.

»Es gibt keinen Bruder, Herr Nowak«, sagte er mit fester, fast schon wütender Stimme.

Ich schwieg. Er nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Es schien, dass ein Mann mit seinem Charisma, mit einer bestimmten Erwartungshaltung aufwartete, die in aller Regel auch erfüllt wurde.

»Sie haben ihn, was, fünf Minuten lang gesehen, und nun glauben Sie, Sie wüssten, was Sie gesehen haben?! Einen verzweifelten Menschen, ein Foto, einen sterbenden Bruder. Es ist eine gute Geschichte, und sie ist genau dazu erdacht worden, um Männer wie Sie am Weiterfahren zu hindern.« Er trat einen Schritt näher. »Aber fragen Sie sich bitte Folgendes, Herr Nowak. Warum steht ein Mann, dessen Bruder im Sterben liegt, seit dem Morgen rauchend vor einer Haustür, statt an einem Krankenbett? Und woher weiß dieser, dass genau um Mitternacht jemand stirbt? So genau kann das niemand wissen, außer er hat sie selbst festgesetzt.«

»Sie scheinen allerdings sehr viel zu wissen, Herr…?«, versuchte ich mit einschüchternder Stimme nach seinem Namen zu fischen. Was mir wohl nicht sonderlich gut gelang, da er es einfach überspielte.

»Herr Nowak«, flüsterte der Schattenmann in einem Tonfall, wie man ihn bei kleinen Kindern anwendet, wenn sie nicht verstehen wollen, so sehr man es ihnen auch zu erklären versucht. »Sie haben keine Ahnung, worauf Sie im Begriff sind, sich einzulassen. Ich verstehe Ihr Mitgefühl. Das tue ich wirklich. Aber lassen Sie mich Ihnen versichern. Es ist hier fehl am Platze. Halten Sie sich bitte an die Anweisung Ihrer Disponentin, Frau Brandt.«

Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. Im Grunde hatte der Schattenmann vollkommen Recht. Ich sollte mich nicht die Bohne um anderer Leute Angelegenheiten kümmern. Und doch sah ich Elias Berg wieder vor mir, wie er seit dem Morgen vor der Nummer vier ausharrte, Stunde um Stunde, und nicht von der Stelle wich. So etwas spielt man nicht, sagte ich mir. Ich beschloss, mir das nicht ausreden zu lassen.

Der Mann zog eine Hand aus der Tasche. Ich zuckte kurz zusammen, schon bereit mich zu verteidigen, aber es war nur eine Visitenkarte. Weiß, ohne Namen, ohne Firma, allein eine Telefonnummer darauf. Er hielt sie mir hin. »Falls Sie es durch Zufall doch noch finden. Sie rufen an, und Sie sind die Sache los. Ganz einfach. Ich würde sogar so weit gehen und Ihnen für Ihre Umstände einen kleinen Bonus von, sagen wir, dreihundert Euro zukommen zu lassen. Eine Situation, in welcher Sie gleich doppelter Gewinner sind«, erklärte er mir in ruhigem aber bestimmten Ton.

Ich nahm die Karte nicht. »Sie wissen also offenbar selbst nicht, wo es ist.«

Etwas an seiner Ruhe bekam einen Riss, kaum sichtbar, wie ein Haarriss in einer Scheibe. Er ließ die Karte sinken und sah mich einen Moment an, als schätze er ab, wie viel Mühe ich ihm noch machen würde, als überlege er seinen nächsten Schritt.

»Finden Sie es und stellen es zu«, sagte er leise, »…und Sie werden sich wünschen, Sie hätten nie danach gesucht.« Dann drehte er sich um und ging zum Ausgang. Ohne Eile, als befände er sich auf einem sonntäglichen Spaziergang durch den Park. Bis er hinter den Büschen neben dem Ausgang verschwand.

Ich blieb allein auf dem Hof und versuchte meinen viel zu schnellen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Über mir summte eine Leuchtstoffröhre, die tagsüber nicht wusste, dass sie brannte. Irgendwo tickte ein Motor, der abkühlte. Und langsam begriff ich, dass es das Paket noch gab. Zwei Männer wollten es, der eine vor seiner Tür, der andere hier im Schatten, und keiner von beiden hatte es. Nur ich hatte es an diesem Morgen zuletzt in der Hand gehalten, ohne zu wissen, was ich da hielt oder wer es versendet hatte.

Wer über den Hof hätte gehen können, während ich heute Morgen meinen Kaffee trank, passte auf eine sehr überschaubare Liste. Um diese Zeit waren es immer dieselben. Die Fahrer der Frühschicht, jeder mit seiner eigenen Hetze. Zwei Rangierer. Und die Aushilfen, die im Akkord die Rollcontainer von der Entladung zu den Rampen schoben, junge Aushilfen meistens, die ein paar Wochen blieben und wieder verschwanden, ehe man ihre Namen behielt. Oft kamen sie von Zeitarbeitsunternehmen, da der Job kein besonders beliebter war und die Fluktuation dem entsprechend hoch.

Ich beschloss, nicht auf den Schattenmann zu hören und drückte auf dem Diensthandy die Kurzwahltaste der Dispo. Die Suche wird ein Ende haben. Ich meine, was soll schon passieren? Ein Mann erhält ein Paket, das ohnehin zu ihm gebracht werden sollte. Wenn Sonja nichts weiß, dann niemand.

»Sonja, meine allerbeste Disponentin«, versuchte ich mich scherzhaft einzuschmeicheln. »Was willst du wieder, Marek? Du solltest auf Tour sein. Du bist ohnehin schon hinterher. Ich sehe aber, du stehst auf dem Hof«, blaffte sie mich an. Ich konnte den strafenden Blick durch ihre zu Schlitzen zusammengepressten Augen förmlich durchs Telefon hören.

»Nochmal wegen des Pakets«, setzte ich an, als Sonja Brandt mich unterbrach, mit einem Ton, den ich von ihr in dieser Form nicht kannte. »Nowak, lass es einfach bleiben! Es gibt keine Sendung. Ich habe sie bereits von deiner Tour runter genommen. Also kein Problem mehr für Dich. Sei einfach ein braver Zusteller und fahr nur deine Tour zu Ende, OK?!«

»Eben hat mich ein Mann angesprochen. Er meinte, ich solle nicht nach dem Paket suchen. Jetzt deine Reaktion. Was ist hier los? Wie hängst du da mit drin?«, wollte ich wissen.

»Ich hänge nirgends drin, Marek. Zumindest nichts Aufregendes. Ich bessere sozusagen mein Gehalt etwas auf. Das tut niemandem weh und fällt nicht auf. Ich bekomme eine Paketnummer. Ich lasse das Paket jemandem zukommen und bekomme dafür ein paar Euro. Mehr nicht. Nun mach bitte deine Arbeit, bevor dich die Führungsriege auf dem Hof sieht und wir in Teufels Küche kommen.«

Ich spürte, dass es hier kein Weiterkommen gab, und verabschiedete mich von Sonja, als ich aus dem Augenwinkel jemanden sah, der mir eben schon mal aufgefallen war.

Da stand er noch. Am hinteren Ende des Hofs, bei den leeren Gitterboxen, gegenüber des Tors mit der Nummer drei. Der schmale junge Mann, vielleicht Anfang zwanzig, lehnte an der Wand und rauchte. Ich kannte ihn vom Sehen. Er trug immer diese Wollmütze, die er auch drinnen nicht abnahm, die Finger in fingerlosen Handschuhen wie man sie auch zum Fahrrad fahren trug. Er hatte mir im Sommer einmal mit einer Sendung geholfen, dabei aber kaum ein Wort gesagt. Die einzige Person auf der schmalen Liste von Leuten, die zu bestimmten Zeiten auf dem Hof rumlaufen können und die ich, bevor ich in die Kantine ging, in der Nähe meines Fahrzeugs sah. Ich steuerte direkt auf ihn zu. Als er mich kommen sah, richtete er sich auf und blickte kurz zur Ausfahrt. So, wie ein Tier den Fluchtweg sucht, ehe es weiß, ob es ihn braucht.

»Warte kurz, ich muss dich was fragen«, sagte ich. »Und ich mach dir keinen Ärger. Versprochen«

Er zog an der Zigarette, sah mich unglaubwürdig an und schwieg.

»Heute früh, mein Wagen, der an der Dreier-Rampe. Da hat jemand was raus geholt, während ich in der Kantine war. Eine Sendung. Weißt du was davon?« Ich ließ das stehen und sah ihn an. Man muss die Leute nicht fragen, ob sie etwas getan haben. Man muss es nur andeuten und ihnen ins Gesicht sehen; der Rest steht dort geschrieben.

»Weiß ich nichts von.« Er schnippte die Kippe in eine Pfütze. »Ich schiebe Container. Was an den Wagen passiert, ist nicht mein Ding.« Er wollte an mir vorbei zur Halle, das Kinn vorgeschoben, die Schultern hochgezogen, und ich hatte nichts in der Hand, um ihn zu halten, kein Recht, keine Drohung, nur einen Vormittag, der nicht mehr aufging. Zwar versuchte er seine Unsicherheit zu überspielen, aber das leichte Zittern in seiner Stimme und der Fluchtdrang verrieten mir einfach, dass da mehr sein musste.

»Ich bin nicht von der Firma«, sagte ich in seinen Rücken. »Ich will dir nichts. Es wartet ein Mann darauf, und der hat sonst niemanden. Sag mir nur, wo es hin ist und wir haben nie miteinander gesprochen.«

Er blieb stehen. Eine ganze Weile stand er nur da, mit dem Rücken zu mir, und ich spürte förmlich, wie es in ihm arbeitete. Dann drehte er sich um. Er war noch eine Spur blasser als zuvor, und die Hand, mit der er die nächste Zigarette aus der Schachtel klaubte, zitterte, kaum merklich, aber ich stand nah genug.

»Du hast mit Sonja geredet?«
»Ja, ich weiß Bescheid«, log ich ihn an.

»Ich hab nichts geklaut«, sagte er schnell. »Ich schwöre. Ich hab es nur weggetragen, so wie Sonja mir gesagt hat. Es wäre eine schnelle Nummer und ich kann das Geld echt gebrauchen. Ich hab mir nicht viel dabei gedacht. Am Ende ist es nichts weiter als eine Arbeitsanweisung aus der Dispo gewesen.«

Es kam dann aus ihm heraus, in Stücken. Es schien fast eine Erleichterung zu sein, als trüge er diese Last den ganzen Morgen auf seinen Schultern und wäre endlich froh, etwas davon an jemand anderen abgeben zu können. Sonja hätte ihm am Morgen über Funk eine Paketnummer gegeben. Den Karton sollte er aus meinem Auto nehmen und einem Mann an der Ausfahrt bringen. Er würde fünfzig Euro dafür bekommen, die sie in seinen Spint schieben würde. Es schien ihm einfach genug und es würden ohnehin täglich irgendwelche Pakete verschwinden, da käme es auf ein weiteres nicht an. »Leicht verdiente Kohle«, wie er sagte.

»Und hast du gefragt, was drin ist?«

Er sah mich an, als wäre ich dem Wahnsinn anheim gefallen. »Wieso sollte ich fragen? Ich habe Geld dafür bekommen, dass ich eben nichts frage.«

Ich hätte lachen können, wenn mir danach gewesen wäre. Da stand er und sagte mir in einem Satz das ganze Gesetz auf, nach dem ich zehn Jahre lang gelebt hatte. Man fährt, man trägt und man fragt nicht. Er wusste so wenig wie ich, was er da durch seine Hände hatte gehen lassen, und es war ihm so gleichgültig, wie es mir gleichgültig gewesen war, tausendmal, an tausend Türen. Der einzige Unterschied zwischen uns war, dass ich an diesem einen Tag zufällig hinsah.

»Und dann?«, fragte ich. »Hast du den Karton zur Ausfahrt gebracht?«

Er schüttelte den Kopf, und für einen Moment sah er aus wie ein Kind mit schokoladenverschmiertem Mund, das man nach der Tafel Schokolade fragt, die eben noch auf dem Tisch lag.

»Ich hab es rausgeholt. Aber dann hab ich kalte Füße gekriegt. Der Typ, wie der da an der Ausfahrt stand und gewartet hat, einfach unheimlich. Mir ist das nicht geheuer gewesen. Ich habe genug Filme gesehen um zu wissen, dass der nichts Gutes im Sinn hatte. Ich wollte das Ding nicht mehr in der Hand haben. Vielleicht waren da Drogen oder sonst was drin. Damit will ich nichts zu tun haben.« Er nahm einen tiefen Zug und zeigte mit der anderen Hand in Richtung der Hallenecke. »Ich hab es hinter die alte Salzkiste geschoben, am Zaun, und bin abgehauen. Glaub nicht, dass er mich gesehen hat. Hab ihn nach einer Weile nicht mehr gesehen. Bis eben, als du mit ihm gesprochen hast. Darum hab ich mich hier her verkrümelt. Hab eh gleich Feierabend und heute ist mein letzter Tag hier.«

Also hatte der Mann im Mantel wahrscheinlich den ganzen Morgen auf etwas gewartet, das nie zu ihm kam. Auf den Hof selbst konnte er nicht; ein Fremder im Mantel, der zwischen den Wagen herumsucht, wäre binnen Minuten aufgefallen, selbst wenn er durch die Sicherheitsschleuse gekommen wäre. Männer wie er fallen nicht gern auf. Die Ausfahrt konnte er im Blick behalten, mehr nicht. Er hatte alles in der Hand gehabt, Sonja, das Geld, den genauen Platz, und stand doch mit leeren Händen da, weil der Junge im letzten Moment beschlossen hatte, lieber wegzulaufen. So wenig hält die ganze Ordnung offenbar zusammen. Eben wie ein Kartenhaus, aus dem man eine Karte entfernte.

Die alte Salzkiste stand am hinteren Zaun, dort, wo im Winter das Streugut lagerte und wo im Sommer niemand etwas zu schaffen hatte, weil außer dieser Kiste im Grunde nichts zu finden war. Ein rostiger Kasten, mannshoch, der Deckel schief. Ich ging um ihn herum, und im ersten Moment war da nichts, nur nasses Laub, eine zerdrückte Getränkedose, der Maschendraht mit dem dichten Busch dahinter. Mir wurde heiß und kalt zugleich; wenn es hier nicht mehr lag, dann hatte es längst ein anderer, und ich stand am Ende einer Spur, die ins Leere führte. Dann sah ich in den schmalen Spalt zwischen Kiste und Zaun, und dort, halb hinabgerutscht, klemmte der Karton.

Ich erkannte ihn, obwohl dieser Karton so wie jeder andere aussieht. Mittelgroß, nicht schwer, kein Aufkleber für Zerbrechliches. Der Strichcode, den ich am Morgen um sieben Uhr neunzehn gescannt hatte. Die Adresse mit der Nummer vier. Elias Berg.

Ich zog ihn heraus und stellte ihn vor mich auf den nassen Beton und rührte ihn dann eine ganze Weile nicht mehr an. Hinter mir war der Hof still. Der Mann im Mantel war fort, der Junge schien sich rauchend in den Feierabend zu machen und ging auf den Eingang der Halle mit den Sozialräumen zu. Nichts war zu hören außer der Wind der sich in den Blättern des Busches fing.

Ich hätte umkehren können. Ich hätte den Karton liegen lassen, in die Kantine gehen, im Gerät „nicht zustellbar" setzen und den Tag zufallen lassen können wie eine Tür. Niemand hätte je erfahren, dass ich hier gestanden hatte. Es wäre das Vernünftige gewesen, und es wäre das Leichte gewesen, und beides zugleich ist selten.

Ich bückte mich und hob den Karton auf. Er war leichter, als ich ihn in Erinnerung hatte, und in ihm bewegte sich nichts, kein Rutschen, kein Klirren, nichts, was mir verraten hätte, was ich da trug. Zwei Männer wollten ihn. Ein Bruder hing an ihm, oder auch nicht. Und ich, der ich in zehn Jahren nie hatte wissen wollen, was ich trage, trug ihn nun mit voller Absicht zu meinem Wagen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich mit aller Kraft versuchte, dem Drang zu widerstehen, den Karton einfach zu öffnen und hineinzusehen. Was war so wichtig, dass ein Menschenleben davon abhängen könnte? War es etwas, das verdirbt und ab Mitternacht nicht mehr zu gebrauchen war? Früher hatte ich einmal bei einem Kurierdienst gearbeitet, welcher Medikamente für eine spezielle Chemotherapie transportierte, die aus mehreren Komponenten bestand und einmal zusammengemischt, nur für eine bestimmte Zeit verabreicht werden konnte. Danach war sie unbrauchbar und Hunderte von Euro verschwendet. War es eventuell so etwas, das ich an Elias Berg liefern musste? Aber diese Medikamente wurden nur von speziellen Kurieren transportiert, niemals von normalen Paketzustellern und schon gar nicht an Privatleute, sondern nur an die Arztpraxen, die berechtigt waren, diese Art von Medikamenten zu verabreichen.

Ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, mein Versprechen einzulösen und fuhr zurück in die Straße mit der Nummer vier, den Karton auf dem Beifahrersitz, angeschnallt, was lächerlich war und was ich trotzdem tat. Unter keinen Umständen wollte ich die Sendung nochmals verlieren.

Unterwegs ging mir nach, was der Mann im Mantel gesagt hatte. Es gibt keinen Bruder. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht fuhr ich einem Betrüger die Ware ins Haus, und der sterbende Jakob war nichts als ein Bild auf einem gesprungenen Display, ausgesucht, weil es genau das auslöste, was es bei mir ausgelöst hatte. Ich konnte es nicht wissen. Ich hatte an diesem Tag herausgefunden, wo ein Paket gewesen und wie es dorthin gekommen war, aber das Einzige, worauf es ankam, nämlich ob dieser Mann die Wahrheit sagte, stand auf keinem Aufkleber. Was aber, wenn er die Wahrheit sagte und eines dieser Krebsmedikamente in der Kiste war?

Was mir blieb, war das, was ich mit eigenen Augen gesehen hatte. Die zitternden Hände. Das fahle Gesicht über dem Zigarettenrauch. Ein Mensch kann eine Geschichte erfinden, dachte ich, aber die Angst, mit der er sie erzählt, erfindet er nicht. Vielleicht war das naiv. Ich beschloss, lieber naiv zu sein als der Mann, der einen anderen sterben lässt, weil er zu klug war, um ihm zu glauben.

Als ich wieder ankam war etwa eine Stunde vergangen. Er stand noch da. Natürlich stand er noch da. Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt, als hielte ihn der Streifen Beton, auf dem er stand, mit magischer Kraft fest, damit er nicht wegkam, ehe ich zurück war. Als er den Wagen sah, kam er diesmal nicht auf mich zu. Er blieb stehen, und seine Hände begannen an der Jacke zu fummeln, an den Ärmeln, am Reißverschluss. Seine Augen wurden größer und größer und er tippelte von einem Bein auf das andere, als hätte er eine volle Blase, aber keine Toilette in der Nähe.

Ich stieg aus, ging um den Wagen, öffnete die Beifahrertür und nahm den Karton heraus. Sein Blick blieb daran hängen, und ich sah etwas, das ich vorher nicht gesehen hatte. Es war nicht nur Erleichterung. Für den Bruchteil eines Herzschlags, ehe die Erleichterung kam, war da etwas anderes, Kühleres, das den Karton abschätzte, wie ein Inspektor bei einer Lebensmittelkontrolle im Restaurant mit geschärftem Blick alles zu erfassen versucht. Dann war es fort, und was blieb, war das Gesicht eines Menschen, dem man das Leben zurückgibt.

»Sie haben es«, sagte er. Es war kaum ein Flüstern mit einer fast schon kindlichen Freude, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

»Ich habe es.« Ich hielt ihm den Karton hin und zog ihn, ich weiß nicht warum, im letzten Moment einen halben Zentimeter zurück. »Was auch drin ist. Ich will es nicht wissen. Aber sagen Sie mir, dass ich das Richtige tue.«

Er sah mich an, und diesmal wich er nicht aus. »Sie tun das Richtige«, sagte er. Und dann, leiser: »Und dennoch werden Sie es bereuen. Beides ist wahr.«

Ich gab ihm den Karton.

Er nahm ihn mit beiden Händen, wie man ein schlafendes Kind aufnimmt, und einen Moment lang stand er nur da und hielt ihn. Dann, ich hatte nicht damit gerechnet, riss er mit dem Daumen das Klebeband an der Stirnseite auf und schlug eine Lasche zurück, gerade so weit, dass er hineinsehen konnte. Ich stand einen Schritt entfernt und sah nicht, was er sah. Ich sah nur sein Gesicht.

Ich habe in meinem Leben viele Gesichter an vielen Türen gesehen. Ich habe Menschen weinen sehen vor Glück und vor Kummer, ich habe die Freude über ein Geschenk gesehen und die Erlösung über eine Nachricht, auf die einer lange gewartet hatte. Was über das Gesicht dieses Mannes ging, als er in den Karton sah, war nichts davon und alles zugleich. Es war, als strahle ein Licht heraus, von unten, aus dem Karton. Ein Schein, den es an diesem grauen Mittag nicht geben konnte und den ich dennoch auf seinen Zügen liegen sah. Seine Augen wurden weit. Sein Mund öffnete sich, ohne dass ein Wort kam. Für einen Atemzug war alles aus diesem Gesicht gewischt, die Müdigkeit, die Angst, das Elend der letzten Stunden, und was blieb, war so nackt und so hell, dass ich den Blick abwenden musste.

Dann klappte er die Lasche zu.

Als er mich wieder ansah, war der Schein fort. Das Gesicht war nur noch ein müdes, unrasiertes Gesicht, eines, das ich am nächsten Tag auf der Straße nicht wiedererkannt hätte.

»Danke«, sagte er. Nichts weiter. Kein Wort von Jakob. Kein Wort davon, dass er nun aufbrechen müsse, zu einem Krankenbett, zu einem Bruder, zu irgendwem. Er drehte sich um, den Karton fest an die Brust gedrückt, stieg die drei Stufen zur Haustür hinauf und verschwand im Dunkel des Flurs, und die schwere Tür fiel hinter ihm ins Schloss, mit einem Laut, der in der stillen Straße nachhallte.

Ich blieb auf dem Gehweg stehen, die Hände leer. Irgendwo über mir, im dritten oder vierten Stock, ging in keinem Fenster ein Licht an. Ich weiß nicht, worauf ich gewartet hatte. Auf einen Krankenwagen vielleicht, auf eilige Schritte, auf irgendein Zeichen, dass es irgendwo einen Bruder gab, dem nun geholfen wurde. Es kam nichts. Es kam nur der Wind die Straße herauf und trieb ein nasses Blatt über den Asphalt. Nach einer Weile stieg ich wieder in meinen Wagen und fuhr die Tour zu Ende, die ich, jedenfalls im System, nie unterbrochen hatte.

Ich habe die Straße mit der Nummer vier später noch einmal aufgesucht. Es war nicht meine Tour, ich hatte dort nichts abzugeben; ich fuhr an einem freien Nachmittag hin, weil es mich nicht losließ. Das Haus stand da wie zuvor, mit seinen offenen Wunden aus nacktem Mauerwerk und den dunklen Schlieren, die der Regen darüber zog. Ich drückte wahllos auf einen Klingelknopf, weil ich den Namen Berg nicht finden konnte. Es öffnete eine alte Frau, die allerdings nie von einem Elias Berg gehört hatte. Es war, als hätte er nie dort gewohnt. Als hätte ich mir den Mann und seine zitternden Hände und den Karton nur vorgestellt.

Ein Einziges habe ich gefunden. Ich hätte den Namen des Bruders längst vergessen sollen, aber ich konnte nicht, und irgendwann, in einer dieser Nächte, in denen der Schlaf partout nicht eintreten will, habe ich ihn gesucht. Jakob Berg. Es gibt viele, die so heißen. Aber einer von ihnen war ein Junge, der vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist, keine zehn Jahre alt, in genau der Stadt, in der ich meine Pakete austrage. Da erst verstand ich, was an dem Foto nicht gestimmt hatte. Es war uralt gewesen, zwei Kinder vor einem Zaun in einem Sommer, der lange zurücklag, und einen erwachsenen Jakob hatte er mir nicht gezeigt. Ob es derselbe Junge war, der mich von dem gesprungenen Display aus angesehen hatte, im zu großen Trikot, weiß ich nicht, und ich werde es nicht mehr herausfinden. Ich weiß nur, dass ein Kind mit diesem Namen einmal gelebt hat und lange tot ist.

Vielleicht hat der Schattenmann also recht gehabt. Vielleicht habe ich einem Betrüger die Ware ins Haus getragen und mir dabei eingebildet, ein anständiger Mensch zu sein. Und vielleicht war es ganz anders, als ich es mir zurechtlege, und ich tue einem Verzweifelten unrecht, indem ich ihn im Nachhinein zum Lügner mache, nur weil ich die Wahrheit nicht ertrage, dass ich sie nie erfahren werde. Vielleicht war da ein Bruder, der nicht mehr zu retten war, lange ehe ich an jene Tür kam, und die Angst, die ich gesehen habe, galt einem, den keine Lieferung der Welt zurückbringt. Ich habe aufgehört, die Möglichkeiten auseinanderhalten zu wollen.

Was in dem Karton lag, weiß ich bis heute nicht. Ich habe den Schein gesehen, den er auf ein Gesicht warf, ich habe gesehen, was er aus einem gebrochenen Menschen für die Länge eines Atemzugs gemacht hat, und mehr werde ich nie wissen. Manchmal denke ich, das ist die gerechte Strafe für einen, der ein Leben lang nicht hat wissen wollen, was er trägt: dass er das eine Mal, das ihn nicht mehr loslässt, erst recht nichts weiß.

Ich liefere keine Pakete mehr aus. Das habe ich aufgeben müssen; was ich an jenem Dienstag gesehen habe, ließ sich nicht mehr einfach aus dem Wagen tragen. Nun stehe ich hier, vor meinem Hauseingang der Nummer achtzehn, in der Kälte, Ende November, an einem regnerischen Tag. In der einen Hand eine Zigarette, an der ich nervös im Sekundentakt ziehe, ohne den Rauch wirklich wahrzunehmen. Die andere Hand in einer für diese Jahreszeit viel zu dünnen Jacke vergraben und ich warte auf das Zustellfahrzeug der Firma, für welche ich einmal gefahren bin. Ich weiß nicht, was in dem Paket sein wird. Ich habe es nicht bestellt. Ich weiß nur, dass mein Leben daran hängt. Also frage ich nicht weiter.
 



 
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