Ausgleichende Gerechtigkeit

WackyWorld

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Also ich muss gleich sagen: Am Anfang war ich noch kein Experte für künstliche Intelligenz. Meine Mutter hat mal im Streit gesagt, ich wäre auch kein Experte in menschlicher Intelligenz. Aber da war sie wütend und betrunken. Ich hätte sie auch nicht um elf Uhr auf der Arbeit besuchen sollen. Da hat sie meistens schon die Thermoskanne Wodka leer. Deshalb habe ich ihr das auch nicht übel genommen.

Ich habe früher als Rausschmeißer in einem Bordell gearbeitet. Das klingt jetzt vielleicht ungewöhnlich, aber eigentlich war das eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre. Besonders wegen der Gäste. Da kamen nämlich öfter alte Oberstudienräte vorbei. Dieselben Fieslinge, die mich damals vom Gymnasium geschmissen haben. Gut, ich hatte die Gymnasialempfehlung gefälscht. Ich hatte ja fast nur Fünfen. Aber das war damals noch die Orientierungsstufe, und ich war auch öfter bekifft im Unterricht. Wie willst du da Topnoten schreiben?

Und außerdem lief damals ja schon mein Business. In jeder Pause hatte ich Kunden. Teilweise sogar aus der Grundschule. Warum? Weil ich immer korrekte Kurse gemacht habe und auch mehr besorgen konnte als die anderen. Ein Drittklässler wollte einmal Kokain probieren und hat gefragt, ob ich ihm das besorgen kann. Habe ich gemacht. Jetzt denkst du vielleicht: Wie kann man so ein Arsch sein und einem Kind Koks verkaufen? Aber so war das ja gar nicht. Ich habe das Zeug so derbe gestreckt, da war vielleicht eine Line echtes Zeug drin und der Rest war Waschpulver. Ich habe also schon darauf geachtet, dass da nichts passiert. Wäre ja auch wirtschaftlicher Unsinn gewesen. Wenn der Junge gerade anfängt, ein guter Kunde zu werden, riskiert man doch nicht seine Gesundheit.

Aber zurück zu den Oberstudienräten. Früher hatte ich eine richtige Mordwut auf diese Leute. Heute nicht mehr. Seit wir miteinander Geschäfte machen, läuft das eigentlich ganz gut. Nur einer hat einmal nicht bezahlt. Da habe ich dann ein Video von der Whirlpoolnacht an seine Frau geschickt. Ja, wir haben überall versteckte Kameras. Aus Sicherheitsgründen. Man muss ja im Notfall reagieren können. Notfall heißt zum Beispiel: Wenn irgendein Staatsanwalt eine Razzia machen will. Wir haben nämlich auch Staatsanwälte als Kunden. Und dann muss man sich natürlich schützen.

Aber wir waren ja bei KI. Mit Computern hatte ich damals noch nichts zu tun. Es gab sogar Wochen, da habe ich den Rechner nicht einmal eingeschaltet bekommen. Einmal wollte ich schon einen Handwerker rufen, bis ich gemerkt habe, dass der Stecker nicht drin war. Seitdem weiß ich: Strom ist wichtig.

Dann habe ich ein Wochenendseminar gemacht. Chief AI Officer. Der Seminarleiter war sehr offen. Er hat mich gleich gefragt, ob ich wirklich etwas über künstliche Intelligenz lernen will oder ob ich nur das Zertifikat haben möchte. Ich habe gesagt: das Zertifikat. Daraufhin sind wir saufen gegangen und am nächsten Tag hatte ich eins. Seitdem bin ich Chief AI Officer.

Ich gebe auch offen zu: Im Moment kann ich davon noch nicht leben. Hauptsächlich, weil ich noch nicht genau weiß, wie man an richtig gute Kunden kommt. Bei LinkedIn habe ich mir dazu Rat geholt. Da gibt es so einen Vertriebler, der ein Buch geschrieben hat. Irgendwas mit: Wenn man nicht zwanzigmal beim Kunden klingelt, hat man seinen Job vertingelt. Oder so ähnlich. Der Mann war übrigens selbst ein Kunde von mir, damals noch aus meiner Schulzeit. Sehr netter Mensch.

Jedenfalls hat er mir empfohlen, diese In-Mails zu verschicken. So heißen die wohl. Das habe ich dann gemacht. Ich habe einfach Dauerfeuer gegeben. In einer Woche habe ich über fünfhundert von diesen Nachrichten verschickt. Und wenn ein Kunde durch war, also alle fünfhundert raus waren an ihn, habe ich mir den nächsten ins Visier genommen. Antworten habe ich zwar keine bekommen, zumindest nicht sofort. Jetzt könnte ich es wegen der LinkedIn-Sperre ohnehin nicht mehr prüfen, aber ich denke, da wird schon einiges Positives dabei gewesen sein.

Ich muss auch ehrlich sagen: Von der Grundsicherung kann ich eigentlich ganz gut leben. Mein kompletter Alkohol ist bezahlt. Danach bleibt zwar meistens nicht mehr viel übrig, aber über den Monat komme ich locker. Man muss allerdings dazu sagen, dass ich eine Mietminderung zu hundert Prozent laufen habe. Wegen Kakerlakenbefall. Heutzutage ist das ja kein Problem mehr. Man kann mit diesen Tools sehr realistische Bilder generieren. Die sahen total echt aus. Der Vermieter hat das sofort geglaubt.

Gut, vielleicht ist das nicht die feine Art. Aber man muss auch sehen: Der Mann hat damals weder meinen Umzug bezahlt noch etwas zu meiner Einweihungsparty beigesteuert. Und die war wirklich teuer. Ich hatte sechzehn Prostituierte eingeladen. Fünfzehn sind allerdings sofort wieder gegangen, was ich bis heute nicht verstehe. Die eine, die geblieben ist, hat dann einfach das Fünfzehnfache verlangt. Ich habe später den Vermieter darauf angesprochen. Der hat nur gelacht. Und das finde ich ehrlich gesagt auch nicht besonders korrekt.

Und da habe ich dann auch mein erstes Agentensystem eingerichtet. Man muss nämlich verstehen: Es gibt Chatbots und es gibt Agenten. Agenten sind Programme, die miteinander reden. Mit den Sachen im Computer. Viele Leute glauben ja, im Fernseher wohnen keine Mainzelmännchen. Aber im Computer müssen irgendwo Leute sitzen, sonst würde das alles gar nicht funktionieren.

Also habe ich dem Agenten gesagt, er soll mein Tinder-Profil optimieren. Er soll einfach schauen, was er auf meinem Rechner findet, und daraus ein schönes Profil machen. Gute Sachen rein. Schlechte Sachen weg. Zum Beispiel meine Haftstrafe. Fünf Jahre. Das ist wirklich nicht viel. Im Rückblick fühlt sich das eher wie ein längerer Dienstag an. Das hing auch nur mit einer Scheune zusammen und ein paar Hanfpflanzen. Und mit meinen Pornoheften. Davon hatte ich ziemlich viele. Sehr viele. Der Dachboden ist irgendwann eingestürzt, aber das muss ja wirklich nicht bei Tinder stehen.

Mein erstes Profil hatte ein Freund von mir gemacht. Der kann Photoshop. Der hat Bilder gemacht, auf denen ich aussehe wie Brad Pitt. Im echten Leben habe ich starkes Übergewicht, aber ich habe einen sehr starken Mundgeruch. Dadurch halten die Leute automatisch Abstand. Das ist praktisch.

Die Anfragen kamen also rein. Aber irgendetwas fühlte sich komisch an. Ich dachte mir: Wenn die mich treffen und merken, dass ich nicht Brad Pitt bin, könnte das zu Irritationen führen. Dabei habe ich wirklich gute innere Werte. Ich habe jahrelang meiner Großmutter beim Einkaufen geholfen. Ich habe ihre Taschen getragen. Bis zu mir nach Hause. Oma hatte viel Geld und wirklich gute Sachen im Einkaufszentrum. Sie konnte ja trotzdem frei laufen.

Also habe ich dem Agenten gesagt, er soll vielleicht lieber alte Fotos nehmen. Klassenfotos aus der zweiten oder dritten Klasse. Gerade von der dritten Klasse habe ich extrem viele, weil ich die mehrfach wiederholt habe. Am Ende hatte ich sogar schon Bart. Das sah für die Mädels ziemlich erwachsen aus.

Der Agent hat stattdessen meine Fahndungsbilder genommen. Das fand ich übertrieben. Ich habe niemanden umgebracht, das möchte ich klarstellen.

Aber jedenfalls hat sich daraufhin eine Frau gemeldet. Sie fand mein Profil sehr sympathisch, weil wir so viele Gemeinsamkeiten haben. Sie hat nämlich – anders als ich – tatsächlich mehrere Menschen zerlegt. Eine Serienmörderin. Es gibt ja nicht viele davon.

Jetzt bin ich etwas unsicher. Einerseits hat der Agent Mist gebaut. Andererseits kann sie ja nichts dafür. Sie mag mich offenbar so, wie ich bin. Das finde ich eigentlich ganz schön. Ich habe ihr deshalb meine Adresse gegeben. Sie hat auch gleich gefragt, ob meine Nachbarn nachts etwas hören würden und ob bei mir öfter eingebrochen wird.

Die anderen Frauen, die ich hatte, haben meistens nur rumgejammert. „Größter Fehler meines Lebens“, haben sie gesagt. Oder: „Ich dachte, du hättest Geld, du hast ja nur Schulden.“ Ja klar hatte ich Schulden. Das bleibt nicht aus, wenn man im Casino mal einen schlechten Tag hat. Dann lässt man halt ein bisschen was auf dem Deckel. Das ist doch völlig normal. Außerdem hatte ich noch ein paar Bußgelder offen.

Eine Exfreundin hat mir das einmal vorgeworfen. Dabei kannte sie die Geschichte gar nicht richtig. Ich wusste ja selbst nicht einmal, warum ich dieses Bußgeld überhaupt bezahlen sollte. Ich bin ja nicht zu schnell gefahren oder so. Ich stand nur in einer Feuerwehreinfahrt. Da habe ich gerade ein Handyspiel gespielt, und da ging es um richtig viel Geld. Wäre ich da sofort losgefahren, wäre ich die ganzen 5 Euro Wetteinsatz losgeworden. Außerdem habe ich in dem Haus noch nie gesehen, dass irgendwo etwas gebrannt hätte. Und selbst wenn, die Feuerwehr braucht doch sowieso fünf oder zehn Minuten.

Die haben mich dann irgendwann aus dem Auto gezogen. Danach musste ich Bußgeld bezahlen. Wenn meine Ex gewusst hätte, dass das eigentlich nur so eine Kleinigkeit war, hätte sie bestimmt nicht so rumgemeckert.


Moment.

Es klingelt gerade.

Ich mache mal auf.

Ach so.

Das ist sie. Meine Irmgard. Wobei wenn ich ganz ehrlich bin sie hat auch schon mal anderen Namen als Vornamen gesagt.

Ist das draußen echt so kalt, dass man eine Gesichtsmaske und Handschuhe tragen muss? Na ja. Ich werde erst einmal Gentleman sein.


„Hallo Irmgard. Ich freue mich total, dass du hier bist. Soll ich dir die Kettensäge abnehmen?“
 



 
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