Auszug aus dem Buchprojekt - Menschen verstehen, bevor wir für sie handeln

wondering

Mitglied
Ein langsamer Abschied

Wenn ich die Post aus dem Briefkasten nehme, ist das auch nach fast 20 Jahren Berufsbetreuung noch keine Routine geworden. Es ist jeden Tag immer noch ein wenig aufregend, vor allem, wenn der Briefkasten gut gefüllt ist. Dabei begrüße ich, dass neuerdings montags in meiner Straße nicht mehr zugestellt wird. Zwar habe ich mir selbst irgendwann einmal zur Auflage gemacht, die Post zuerst im Büro auf den Schreibtisch zu legen, samstags den Briefkasten gar nicht zu leeren und keinesfalls auf dem Weg nach draußen den Briefkasten in Augenschein zu nehmen. Es gelingt mir selten alles drei. Manchmal lasse ich alle Vorgaben aus. Allein meine Tagesform bestimmt die Gangart.
Post vom Amtsgericht macht mich bis heute nervös. Ich gebe es zu. Es gibt bis heute keinen Grund, womit ich dieses Verhalten erklären könnte. Ich habe entschieden, es nicht erklären zu wollen. Es ist halt so.

Anfang Juli 2019 habe ich einen solchen Umschlag vom Amtsgericht im Briefkasten. Für gewöhnlich öffne ich diese Post zuerst. So auch an diesem Tag. Ich finde darin neben einem Betreuungsbeschluss auch gleich die Bestallungsurkunde für Herrn F., Jahrgang 1937. Das ist ungewöhnlich. Zwischen der Zustellung der beiden Urkunden liegen sonst zumindest einige Tage, die mir Zeit zum Einfinden in die Betreuungssache verschaffen. Merkwürdig ist auch, dass ich den Namen der zu betreuenden Person bislang weder gehört noch irgendwo gelesen habe. Der zuständige Richter ist sich seiner Sache offenbar so sicher, dass er mir die Betreuung ohne jede Rückfrage überträgt.
Natürlich überlege ich zuerst, ob ich etwas verpasst oder übersehen habe. Ich finde aber nichts, weder auf dem Schreibtisch, noch im Gedächtnis. Mein Anruf bei der Betreuungsbehörde bringt mich auch nicht weiter.
Während ich noch überlege, wie ich heute noch an Infos komme, klingelt mein Telefon. Es ist eine Tochter von Herrn F. Sie freut sich über die Verbindung und möchte mich treffen. Wir verabreden uns in der Wohnung ihres Vaters.

Ich stehe vor der Haustüre des Mehrfamilienhauses, wohlwissend, dass ich schon zur Betreuerin bestellt bin. Was mich wohl erwartet? Ich begrenze meine Fantasie und betätige die Klingel. Es summt und ich trete ein. Ich treffe eine Frau etwa meines Alters. Ihr offenes Lächeln wirkt erleichtert. Sie bittet mich hinein und führt mich in ein gemütliches Wohnzimmer. Ich sehe zuerst sehr viele Bücher, dann einen Herrn, der in einem großen Sessel sitzt und sich aufzustehen bemüht als er mich sieht.
„Guten Tag, Herr F., bleiben Sie doch sitzen.“, sage ich und trete auf ihn zu. Doch er steht mühsam auf und kommt mir einen Schritt entgegen. Ich bekomme einen angedeuteten Handkuss mit den Worten:
„Guten Tag Frau Sonnberg. Sie wurden mir bereits angekündigt. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
Dann bietet er mir den Platz auf dem Sofa an und lässt sich selbst wieder nieder. Die letzten Zentimeter fällt er mehr in den Sessel, als dass er sich setzt. Die Tochter nimmt auf der Fensterbank Platz, die an den großen Balkon grenzt. Wir bilden ein Dreieck.

„Herr F., Sie wissen sicher, warum ich Sie besuche, oder? Ich möchte mich Ihnen vorstellen. Ich bin Ihre rechtliche Betreuerin und möchte schauen, was ich für Sie tun kann, damit es Ihnen gut geht.“
„Ja“, sagt er, „die Kinder haben dafür keine Zeit. Das habe ich verstanden. Und meine Frau ist ja weg. Sie wohnt jetzt in einer anderen Stadt. Sie ist selbst krank und muss sich um sich selbst kümmern. Ich freue mich, Sie sind mir sympathisch.“, schließt er und faltet die Hände über dem Bauch. Er wartet. Das spüre ich. Er weiß nicht, welche Rolle ich spielen werde. Aber das weiß ich bislang auch nicht so genau.
Wir geraten in einen kleinen Plausch über dies und das. Ich frage ihn nach seinem früheren Beruf. Er war Prokurist in einer großen Firma. Dann erzählt er von seinen sechs Kindern. Sie sind alle erwachsen. Der jüngste Sohn ist 28 Jahre alt. Er lebt noch bei seiner Mutter, hat Schwierigkeiten mit der Welt und sich.
Herr F. vergisst das vierte Kind. Die Tochter korrigiert ihn. Er umschifft die Lücke im Gedächtnis elegant und plaudert weiter über dies und das. Als er müde und schläfrig wird, machen wir eine kleine Pause. Ich gehe mit der Tochter auf den Balkon. Sie erzählt mir, was ich noch nicht weiß. Sie ist die Einzige, die in der Nähe lebt. Aber sie hat neben den jungen Zwillingen noch zwei weitere Kinder und einen Job. Die Geschwister leben alle weiter weg, sogar in Italien und den USA. Der Vater kann sich nicht mehr alleine versorgen. Letzens ist er im Bad gestürzt und war wochenlang im Krankenhaus. Die Geschwister sind sich einig, dass der Vater in einem Heim besser aufgehoben ist. Er liebt Gesellschaft. Die kann ihm daheim keiner geben. Die Tochter hat einen Platz in einer Senioren-Wohngemeinschaft in Aussicht. Aber sie kann sich nicht um die Details kümmern. Deshalb soll ich jetzt übernehmen. Es eilt, sonst ist der Platz weg.

Jetzt fügt sich das Bild zusammen. Der Platz in der Senioren-WG darf nicht verloren gehen. Die Wohnung muss aufgelöst werden. Die Kinder brauchen Unterstützung. Und Herr F. braucht jemanden, der all das organisiert, ohne ihn dabei aus den Augen zu verlieren.
Der Kontakt zu der Tochter, die ich persönlich kennengelernt habe, bleibt erhalten. Mit dem Sohn in Italien kann ich per E-Mail korrespondieren. Bald nach dem ersten Treffen, ist die Wohnung aufgelöst. Herr F. ein Einzelzimmer in der WG. Es hat einen großen Balkon. Er ist Selbstzahler. Die Überweisungen tätige ich.
Beim Umzug haben noch zwei weitere Kinder geholfen. Sie sind extra angereist. Ich komme abends kurz dazu und bestaune das gemütlich eingerichtete Zimmer. Der Sessel durfte mit, ein paar der Bücher auch.
„Wie gefällt es Ihnen, Herr F.?“, frage ich ihn und mache eine extra breite Geste durch das ganze Zimmer.
„Ich glaube, ich war hier schonmal“, antwortet er und faltet die Hände über dem Bauch.
Noch am Abend reisen alle wieder ab.

Herr F. lebt sich gut ein in der WG. Er genießt seine Rolle als einziger Mann unter zehn weiteren Bewohnerinnen. Die Damen von der Hauswirtschaft sind angetan von seinem Charme und Witz. Er überschüttet sie mit Komplimenten. Die Hausgemeinschaft ist zufrieden.
Eines Tages ruft mich die Tochter aus der Nähe an und sagt mir, dass ihre Mutter verstorben ist. Sie weint und bittet mich, ob ich ihrem Vater das sagen kann. Sie nennt mir Datum und Uhrzeit der Beisetzung und bittet mich außerdem, ihren Vater zu begleiten.
Ich hole tief Luft, um ihr zu sagen, dass das nicht Aufgabe von rechtlicher Betreuung sei. Es atmet mich aus und ich sage: „Ja, wir kommen.“
Man, ich bin selber Tochter eines Vaters und Schwester von zwei weiteren Kindern. Wie kann man da „nein“ sagen? ‚Das muss ich üben‘, denke ich mir und bereite alles für die Begleitung vor.

Als ich Herrn F. besuche, um ihm zu sagen, was passiert ist, freut er sich erst einmal, mich zu sehen. Er sitzt auf der Terrasse der WG und trinkt seinen Kaffee mit sechs weiteren Bewohnerinnen. Er folgt mir gern, als ich ihn in sein Zimmer bitte. Die Nachricht trifft ihn weniger hart, als ich erwartet habe. Ich frage mich, ob er verstanden hat, was ich ihm gesagt habe. Ich wiederhole meine Nachricht: „Herr F., Ihre Frau ist verstorben. Die Krankheit war leider stärker. Sicher geht es ihr gut, wo sie jetzt ist. Ich möchte übermorgen gerne mit Ihnen zur Beerdigung gehen. Wäre das für Sie in Ordnung?“
„Übermorgen?“, fragt er, „ja, das müsste gehen.“ Dann sinkt er in sich zusammen. Ich halte seine Hand.

Zwei Tage später hole ich ihn ab und wir fahren zum Friedhof. In der Kapelle sind alle Kinder und Enkel schon da. Der dunkle Anzug passt Herrn F. nicht mehr so richtig. Er hat abgenommen. Ich begleite Herrn F. zu den Angehörigen in die erste Reihe und ziehe mich nach weiter hinten zurück.
Beim Leichenschmaus taut Herr F. auf. Er freut sich über die Runde. Sitzt zwischen den Kindern und Enkeln und erfindet Geschichten zu allen. Dass sie erfunden sind, erfahre ich zwischendurch.
Der Tag ist irgendwann geschafft und Herr F. kehrt in die WG zurück.

Einige Zeit später bekomme ich einen Anruf aus der WG. Herr F. musste mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Er war unerklärlich unruhig und klagte über Luftnot.
Vom behandelnden Arzt auf Station erfahre ich, dass der Herzrhythmus durcheinandergeraten ist und er Wasser in der Lunge hat. Er bleibt eine Weile zur Beobachtung stationär und wird medikamentös eingestellt.
Als ich ihn im Krankenhaus besuche, bin ich mir nicht sicher, ob er mich erkannt hat. Er ist schläfrig. Ich wünsche ihm alles Gute und gehe wieder. Ich weiß ihn gut versorgt. Später im Büro schreibe ich den Sachstandsbericht für das Gericht. Danach informiere ich die Kinder.
Ein Woche später ist Herr F. zurück in der WG. Der Pflegedienst vom Haus ruft mich an und berichtet, dass Herr F. nicht mehr so gerne am Geschehen teilnimmt. Sie müssen ihn zum Essen im Gemeinschaftsraum abholen. Sonst kam er von selbst. Ich fahre hin, um mir selbst ein Bild zu machen.
Herr F. hat jetzt ein Pflegebett. Es wirkt sehr prominent im Zimmer. Heute bin ich mir sicher, dass er mich nicht erkannt hat.
Ein langes Wochenende steht bevor. Die Familie hat beschlossen, dies in der Region zusammen zu verbringen. Sie wollen den Vater und das Grab der Mutter besuchen und zusammen essen gehen. Sechs Kinder, vier Ehepartner und sechs Enkel. Ich bin auch eingeladen und überlege länger, ob es der rechtlichen Betreuerin zusteht, die Einladung anzunehmen. Am Ende meiner Überlegungen frage ich mich, ob ich Lust und Zeit habe und ich sage zu.
Der Tag ist familiär geprägt. Es werden Anekdoten ausgetauscht, ein paar alte Auseinandersetzungen begraben und neue entfacht. Es ist bunt, manchmal laut und um Herrn F. herum leise. Er sitzt mittendrin und scheint keine Eigenschaften mehr zu haben. Ich bin einfach nur froh, dass so viele um ihn herum da sind.

Es dauert noch zwei Jahre und einige Noteinsätze, dann schläft er ein. Für immer.
Bei der Beerdigung bin ich dabei. Alle Kinder sind gekommen. Zum Abschied schenken mir die Enkel ein selbst gemaltes Bild mit Blümchen und Bäumen. Darauf steht: Sie sind die Beste.

Was mich Herr F. gelehrt hat, ist, dass Demenz nicht nur Erinnerungen verändert. Sie verändert Beziehungen. Die Familie war bis zuletzt da. Doch nach und nach verlor sie den Menschen, den sie ihr Leben lang gekannt hatte. Abschied beginnt bei Demenz lange vor dem Tod.
 



 
Oben Unten