Phil Trepal
Mitglied
Ich sitze hier schon ganze zehn Minuten!
Sie fuchtelt ständig an ihrer Brille herum. Nimmt sie ab, setzt sie auf. Justiert, schiebt.
Ich kann sehen, wie auf dem Nasenstrich schon ein Höcker auf den ständigen Reiz reagiert hat und ihr Profil ungünstig abstraft. Von der linken Seite – im Lichteinfall vom Fenster her – gipfelt er markant. Ihr Nasenrücken erst linear geführt und recht gerade– vielleicht sogar ansehnlich – es hängt von der Perspektive ab! Aber dann ein unüblicher Spike. Ein Ausschlag nach oben. Es passt nicht.
Ich bin schockiert von der Selbstverständlichkeit, mit der sie jetzt still durch ihren Therapiekatalog blättert und eine Skizze heraussucht - ohne etwas zu sagen. Meine Augen an ihrer rechten Hand. Sie leckt mit breiter Zunge an einem Finger um das Blatt zu fixieren und lässt die Folie neben sich fallen. Dann gibt sie das Blatt ganz selbstverständlich an mich weiter.
Ein Bild. Ein breiter Weg, der rechts und links abfällt. Links Abgrund, rechts Sumpf. Ein Schema also.
Das habe ich jetzt verstanden!
„Sehen Sie sich da irgendwo?“
Sofort tendiere ich nach ganz links – extrem links. Da, wo der steile Abhang den Rand des Blattes markiert. Deshalb bin ich ja hier.
Es war ja zu viel für mich!
Ich schaue auf meinen Finger, ob da nicht irgendwas hängt von ihrer Zunge oder ob am Rand des Blattes jetzt etwas feucht eingefärbt ist, hoffentlich nicht etwas von ihrem Frühstück!
Es ist ja gerade mal 8.15! Und das ist meine erste Therapiestunde!
Und kurz bin ich schockiert, irgendwie. Ich hatte mich ja vorbereitet, hatte mit etwas Elitärem gerechnet. Und ich habe ganz genau darauf geachtet, ordentlich gekleidet zu sein. Hab sogar die Pappe für das Haar weggelassen, auch wenn ich die fliegende Mähne so hasse. Aber sie trägt Jeans - unten fransig und ein weißes Flanellhemd.
Sie nippt am Tee und schluckt sehr laut und lange. Fast eineinhalb Sekunden. Hört sich an, als kämpfe sie mit einem Pfropfen oder so.
„Wie weit sind Sie da schon?“ Sie räuspert sich.
Das weiß ich nicht! Wirklich nicht! Ich kann es nicht genau sagen. Soll ich es prozentual beschreiben oder falle ich schon ganz links aus dem Blatt heraus? So würde ich es sagen. So fühle ich mich! Ja!
„Tendieren Sie sich zu irgendeiner Richtung“? Sind Sie vielleicht schon mit einem Bein drin?“
Nein, aber mein linkes Bein beginnt gerade einzuschlafen. Oder vielleicht doch, irgendwie!
Ich bin froh, dass sie nicht an der Tasse leckt und dann schäme ich mich sofort für diesen Gedanken.
Jetzt schlucke ich. Ich meine, sie hat mich ja aufgenommen – trotz der ellenlangen Warteliste. Oder ist es, weil ich privat versichert bin? Dann fragt sie, ob ich Kaffee will, aber ich sehe nirgends eine Kaffeemaschine! Nur Plastik neben ihr und hinter mir und um uns herum. Die Blumen, alle üppig und synthetisch. Zucchinigrüne Stile im Topf oder Camouflage und ockerfarbene Brösel auf den blitzweißen Fliesen, die da schon lange liegen müssen. Staub auf den Gummiblättern, nicht frisch. Dann ein beigefarbener Teppichläufer mit braunen Rastern, der einrichtungstechnisch sehr schlecht den Raum aufteilt und nichts mit Dekoration zu tun hat. Es passt nicht!
Naja, Ich stehe also am Abgrund. Sehr informativ. Das weiß ich jetzt! Nach ganzen zehn Minuten!
Ja mein Bein ist drin, aber richtig! Immerhin sind es noch 30 Minuten, bis ich das Blatt zur Seite legen kann. Immerhin weiß ich jetzt, dass mein linkes Bein im Abgrund steckt. Das habe ich jetzt verstanden!
Sie fuchtelt ständig an ihrer Brille herum. Nimmt sie ab, setzt sie auf. Justiert, schiebt.
Ich kann sehen, wie auf dem Nasenstrich schon ein Höcker auf den ständigen Reiz reagiert hat und ihr Profil ungünstig abstraft. Von der linken Seite – im Lichteinfall vom Fenster her – gipfelt er markant. Ihr Nasenrücken erst linear geführt und recht gerade– vielleicht sogar ansehnlich – es hängt von der Perspektive ab! Aber dann ein unüblicher Spike. Ein Ausschlag nach oben. Es passt nicht.
Ich bin schockiert von der Selbstverständlichkeit, mit der sie jetzt still durch ihren Therapiekatalog blättert und eine Skizze heraussucht - ohne etwas zu sagen. Meine Augen an ihrer rechten Hand. Sie leckt mit breiter Zunge an einem Finger um das Blatt zu fixieren und lässt die Folie neben sich fallen. Dann gibt sie das Blatt ganz selbstverständlich an mich weiter.
Ein Bild. Ein breiter Weg, der rechts und links abfällt. Links Abgrund, rechts Sumpf. Ein Schema also.
Das habe ich jetzt verstanden!
„Sehen Sie sich da irgendwo?“
Sofort tendiere ich nach ganz links – extrem links. Da, wo der steile Abhang den Rand des Blattes markiert. Deshalb bin ich ja hier.
Es war ja zu viel für mich!
Ich schaue auf meinen Finger, ob da nicht irgendwas hängt von ihrer Zunge oder ob am Rand des Blattes jetzt etwas feucht eingefärbt ist, hoffentlich nicht etwas von ihrem Frühstück!
Es ist ja gerade mal 8.15! Und das ist meine erste Therapiestunde!
Und kurz bin ich schockiert, irgendwie. Ich hatte mich ja vorbereitet, hatte mit etwas Elitärem gerechnet. Und ich habe ganz genau darauf geachtet, ordentlich gekleidet zu sein. Hab sogar die Pappe für das Haar weggelassen, auch wenn ich die fliegende Mähne so hasse. Aber sie trägt Jeans - unten fransig und ein weißes Flanellhemd.
Sie nippt am Tee und schluckt sehr laut und lange. Fast eineinhalb Sekunden. Hört sich an, als kämpfe sie mit einem Pfropfen oder so.
„Wie weit sind Sie da schon?“ Sie räuspert sich.
Das weiß ich nicht! Wirklich nicht! Ich kann es nicht genau sagen. Soll ich es prozentual beschreiben oder falle ich schon ganz links aus dem Blatt heraus? So würde ich es sagen. So fühle ich mich! Ja!
„Tendieren Sie sich zu irgendeiner Richtung“? Sind Sie vielleicht schon mit einem Bein drin?“
Nein, aber mein linkes Bein beginnt gerade einzuschlafen. Oder vielleicht doch, irgendwie!
Ich bin froh, dass sie nicht an der Tasse leckt und dann schäme ich mich sofort für diesen Gedanken.
Jetzt schlucke ich. Ich meine, sie hat mich ja aufgenommen – trotz der ellenlangen Warteliste. Oder ist es, weil ich privat versichert bin? Dann fragt sie, ob ich Kaffee will, aber ich sehe nirgends eine Kaffeemaschine! Nur Plastik neben ihr und hinter mir und um uns herum. Die Blumen, alle üppig und synthetisch. Zucchinigrüne Stile im Topf oder Camouflage und ockerfarbene Brösel auf den blitzweißen Fliesen, die da schon lange liegen müssen. Staub auf den Gummiblättern, nicht frisch. Dann ein beigefarbener Teppichläufer mit braunen Rastern, der einrichtungstechnisch sehr schlecht den Raum aufteilt und nichts mit Dekoration zu tun hat. Es passt nicht!
Naja, Ich stehe also am Abgrund. Sehr informativ. Das weiß ich jetzt! Nach ganzen zehn Minuten!
Ja mein Bein ist drin, aber richtig! Immerhin sind es noch 30 Minuten, bis ich das Blatt zur Seite legen kann. Immerhin weiß ich jetzt, dass mein linkes Bein im Abgrund steckt. Das habe ich jetzt verstanden!
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