Auto oder Bahn

Bommel

Mitglied
Sich morgens aus dem Bett zu quälen stellt für sich gesehen für manche Menschen schon eine Schwierigkeit dar. Die Uhrzeit erinnert an erzieherische Maßnahmen, die Temperaturen außerhalb des Bettes über der Decke scheinen dem Gefrierpunkt nah zu sein. Wer allerdings nicht mit dem berühmten goldenen Löffel in seiner Kehrseite geboren ist, hat wünschenswerterweise einen Arbeitgeber. Der hat zumeist Öffnungszeiten, die mit ausschlafen nichts zu tun haben. In meinem Fall kann ich mir morgens regelmäßig die Frage stellen – fahre ich mit dem Auto oder mit der Bahn in die Innenstadt?

Damit fängt der eigentliche Stress an. Entscheide ich mich morgens für das Auto, wäge ich ab, wie lange ich wohl für die ungefähr fünfunddreißig Kilometer zur Dienststelle brauche. Über die Bundesstraße brauche ich gute vierzig Minuten. Wunderbar, mein Blick geht zum Wecker, der mir in großen leuchtenden roten Ziffern anzeigt, wie spät es ist. Während ich also meine Augen wieder schließe, rechne ich mir auf die Sekunde genau aus, wie lange ich mich noch in meine Decke kuscheln und das Schnarchen meines Partners genießen kann. Auf die Sekunde deshalb, weil morgens einfach jede Sekunde zählt. Eine Minute sind sechzig Sekunden, viel zu wertvoll, sie noch weiterhin in dieser Wärme zu verbringen als seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Die Strecke ist schnell zu schaffen, ich habe also noch gute tausendachthundert Sekunden Zeit, meinen Körper in der waagerechten zu behalten.
Während meine Augen die Außenwelt wieder ausgeschlossen haben und mein Geist sich denkt, super, is dunkel, weiterschlafen, bohrt sich ein weiterer Gedanke sehr hartnäckig und mit scharfen Kanten in mein Bewusstsein. Habe ich den Berufsverkehr mit berechnet? Meine eben noch in weiter Ferne liegende Aufstehzeit rückt mit einem Mal ganz nah, reduziert sich auf vergleichsweise null, wandert fast in den Minusbereich. Mit einem Ruck öffnen sich meine Augen, ich atme tief ein. Okay, aufstehen.
Genervt von der Tatsache, dass ich nun doch weit früher aufstehen muss als mein Kopf gebraucht hätte, im heutigen Tag anzukommen, begebe ich mich also schleichend in Richtung Badezimmer. Mein Spiegelbild macht deutlich, dass ich alles andere als ausgeschlafen bin. Wer kam eigentlich auf die Idee, den Spiegel taktisch so anzubringen, dass man sich entgegen läuft, egal um welche Uhrzeit? Ich gehe die Fremde im Spiegel ignorierend am Spiegel vorbei. Während ich da nun sitze, die immens kalte Klobrille an meinen Beinen spürend, schließe ich noch mal kurz die Augen. Wann habe ich eigentlich den Punkt verpasst, an dem ich mich zur Adoption einer Millionärsfamilie freigeben hätte können? Diesen Gedanken nicht weiter spinnend erledige ich den Rest der Morgentoilette und gehe nun festeren Schrittes wieder in mein Zimmer, aus dem mir ein lautes Grunzen entgegen schallt. Toll, nun muss ich zu allem Übel auch noch leise sein, weil mein liebster Gatte heute seinen freien Tag hat. Im Dunkeln, um den Liebsten auch bloß nicht zu wecken, greife ich nach meiner Hose und einem Oberteil. Zum Glück habe ich noch etwas Wäsche unten im Wäschekorb, da lässt sich bestimmt das ein oder andere Utensil finden. Manchmal ist Langsamkeit von Vorteil. Das Oberteil tausche ich dann doch noch mal aus, ich gehe ungern im Hemd meines Mannes ins Büro.
Von diesen Eindrücken geprägt und mit meiner Frühstücksdose sowie einer Flasche Wasser bewaffnet, steige ich wenige Minuten später in mein Auto und trete mit Kampfgeist den nervenaufreibenden Weg zur Arbeit an.
Nach bereits sieben Kilometern werde ich unsanft ausgebremst. Vor mir ein Ungetüm an LKW, der schier endlos lange Anhänger ragt vor mir auf. Ich bremse also von meinen hundert km/h (in der siebziger Zone, natürlich) runter auf knapp siebzig km/h. Neunundsechzig um genau zu sein. Darf der so schnell fahren? Die Vorstellung, der Fahrer des Monsters vor mir würde sich ausgerechnet heute früh an seine Vorschriften halten, berauscht mich nicht unbedingt, also versuche ich dankbar zu sein, dass er zumindest zehn km/h schneller fährt als erlaubt. Da ich natürlich auch eine vollkommen ausgeglichene Teilnehmerin des Straßenverkehrs bin, unterdrücke ich jede Form von Tourette und schleiche hinter diesem Ungetüm von Fahrzeug hinterher. An meiner hinteren Stoßstange kleben mittlerweile weitere fünfzehn Autos, die sich in einer schlangengleichen Bewegung hinter uns angesammelt haben. Ganz vorne der Lastkraftwagenfahrer, direkt dahinter ich in meinem SUV – wir beide kontrollieren das Biest hinter uns, bilden eine Symbiose, halten die exakte Geschwindigkeit, die Digitaluhr in meinem Augenwinkel ist unerbittlich, die Minuten scheinen schneller zu vergehen als ich fahren kann. Hatte ich erwähnt, was für eine ruhige, ausgeglichene Autofahrerin ich bin? Ich passe mich also völlig der Situation an, folge jeder Bewegung meines Vordermannes, lasse mich treiben, da sehe ich etwas im Augenwinkel. Endlich. Die Fahrbahn wird zweispurig und ich kann endlich überholen, vorbei schießen an diesem verfickten LKW und seiner Trantütigkeit, an diesem Morgen im Schritttempo über die Bundesstraße zu fahren. Ich setze den Blinker, mache pflichtschuldigst und verantwortungsbewusst meinen Schulterblick und – sehe die Schlange, die ich eben grade noch im Würgegriff der einspurigen Bahn gehalten habe, einer nach dem anderen an mir vorbei ziehen. Mein Blinker blinkt, ich gucke immer wieder über meine Schulter. Hat dieses Biest denn gar kein Ende? Ein Blick in den Rückspiegel offenbart mir die schreckliche Wahrheit. Die Schlange ist gewachsen auf dreißig Autos. Panik überkommt mich, ich nehme den Fuß vom Gas, da ich mit meiner Front schon fast am LKW klebte und lasse mich etwas zurück fallen. Als ich gerade wieder nach links über meine Schulter blicken möchte, erspähen meine Augen die bittere Wahrheit am rechten Fahrbahnrand. Die Fahrbahn wird in genau vierhundert Metern wieder einspurig und hinter mir sind noch immer fünf Autos. Da mit den zwei Spuren auch hundert km/h erlaubt waren, hat sich auch mein LKW auf fünfundachtzig km/h beschleunigt. Als ich denke, ich kann es noch schaffen, ziehen weitere zwei Autos an uns vorbei, die zweihundert-Meter-Marke haben wir längst passiert.
Ich rechne mir meine Chancen aus, innerhalb von fünfzig Metern mit einem Tempo von vierundachtzig km/h an dem Lastkraftwagen vor mit seinen achtzehn Metern Länge vorbei zu kommen, ohne dabei in den Gegenverkehr zu schießen und gebe mich geschlagen. Ich bremse ab, schere wieder hinter dem Kopf der nun sehr klein gewordenen Schlange ein und passe mich wieder auf seine neunundsechzig km/h an. In vier Kilometern kommt die nächste Chance, gewiss.
Dieses Spiel wiederholt sich natürlich in der nächsten zweispurigen Phase der Bundesstraße. Mein Tourettesyndrom bahnt sich seinen Weg, während ein Fahrzeug nach dem anderem an uns vorbei fährt und meine Digitaluhr mir in roten Ziffern anzeigt, dass ich es nur noch pünktlich schaffe, wenn ich jetzt meine Flügel ausbreite und über alle hinweg fliege. Die Ausstattung habe ich bei meinem Auto aber nicht. Also singe ich mittlerweile laut Lieder aus dem Radio mit um nicht noch mehr Beleidigungen auszustoßen.
Als ich es endlich vorbei geschafft habe (die Tatsache ignorierend, dass LKW´s die Regale in meinen Supermärkten füllen und ich ihn einfach nur hasse in diesem Moment), fahre ich direkt auf den ersten Ort zu, der auf meinem Weg in die große Stadt liegt. Ca. zweihundert Meter nach dem Ortsschild befindet sich ein Geschwindigkeitsblitzer und ich frage mich zum wiederholten Male, wie viel Steuergelder hier eigentlich verschwendet werden, ein solches Teil an dieser Stelle zu platzieren, es regelmäßig zu warten und instand zu halten – denn blitzen kann das Teil definitiv niemals. Alle Autos, die vorab an mir und meinem LKW vorbei gezogen waren zuzüglich der Autos, die von den Seitenstraßen noch auf die Bundesstraße gekommen waren – stehen jetzt in diesem Ort und warten auf die nächste Grünphase. Es geht vorwärts, in großen Schritten, mit fünf km/h. Ich atme tief durch und schwöre mir, am nächsten Tag mit der Bahn in die Stadt zu fahren. Diesen Schwur wiederhole ich in den nächsten dreißig Minuten immer wieder, das vorwärts kommen wird durch immer mehr Autos – haben die alle kein Zuhause oder wenigstens andere Anfangsarbeitszeiten? – gefühlt, immer langsamer. Nachdem der Ort endlich durchfahren ist, wartet die nächste Hürde, der nächste Ort, die nächsten Ampeln auf mich. Nur auf mich natürlich. Denn alle anderen können ja fahren, kaum nähere ich mich Kreuzung, schaltet die Ampel auf Rot.
Aber auch diese Hürde meistere ich ohne große Beleidigungen und fahre weiter. Auf die Kreisel zu, die direkt vor der Stadt sind und mich beschleicht das Gefühl, dass alle, wirklich alle den gleichen Arbeitsweg haben wie ich. Es geht nur im Schritttempo voran, ich weiß inzwischen mit Sicherheit, dass ich zu spät kommen werde.
Morgen fahre ich Bahn.
Am nächsten Morgen stelle ich meinen Wecker auf die exakt gleiche Zeit wie am Vortag. Denn die Bahn hat ihre festen Zeiten und nimmt selten Rücksicht auf meine Wohlfühlaufstehzeit. Der gleiche Prozess wie am Tag zuvor beginnt, nur plötzlich fällt mein Blick auf die Uhr in der Küche und mir bleibt der Schluck Kaffee im Hals hängen. Mit Schwung stelle ich die Tasse ab, ich muss ja los. Anrufen, dass ich später komme und der Zugführer bitte fünf Minuten auf mich warten soll, klappt bekanntlich nicht.
Also schnappe ich mir schnell meine Flasche Wasser, das Brot schaffe ich nicht mehr einzupacken, zum Glück haben wir eine Kantine mit leckeren Pappbrötchen. Der Weg zum Bahnhof ist genauso nervenaufreibend wie die gestrige Fahrt zur Arbeit, allerdings schneller vorbei. Der Zug fährt ja so, dass ich pünktlich im Hauptbahnhof ankomme und genug Zeit habe, zur Arbeit zu gehen. Die Außentemperatur von minus zwei Grad ignoriere ich geflissentlich. Mild belächle ich die Autofahrer, die an mir vorbei ziehen, in der sicheren Gewissheit, gleich sehr gemütlich in der Bahn zu sitzen und mich auf Schienen in die Stadt zu begeben.
Der erste Rückschlag trifft mich auf dem riesigen Parkplatz vom Bahnhof. Wieso in aller Welt ist der so voll um diese Uhrzeit? Ach stimmt ja, alle fangen zur gleichen Zeit an zu arbeiten wie ich und einige sind schon vorher auf die Idee gekommen, dass Autofahren keine Alternative darstellt. Es dauert nur kurz, bis sich mein Schock gelegt hat und ich finde einen Parkplatz, der gefühlt drei Kilometer vom Bahnsteig entfernt liegt, parke mein Ungetüm von SUV auf einen Parkplatz ein. Beim Öffnen der Tür fällt mir auf, dass ich zu nah an meinem Nachbarn stehe. Also wieder das Auto an, vor, zurück, noch mal vor, wieder zurück. Ja, jetzt passt es. Beim Aussteigen fällt mir die Uhrzeit ins Auge und ich stelle fest, dass ich noch – was, ich habe nur noch vier Minuten, die drei Kilometer zurück zum Bahnsteig zu laufen und eine Fahrkarte zu ziehen? Sprungartig schnellt mein Puls in die Höhe, ich greife meine Tasche, knalle die Tür und fange mit meinem Sprint die Strecke zum Bahngleis an. Nach fünfzehn Sekunden habe ich ihn erreicht. Wow, waren vielleicht doch nicht ganz drei Kilometer.
Der Bahnsteig ist voll mit Menschen, die sich taktisch immer so hinstellen, dass man mit Sicherheit nicht einfach an ihnen vorbei zum Ticketautomaten gehen kann. Im Slalom laufe ich also nun um die weiteren Fahrgäste herum, krame derweil in meiner Tasche und suche verzweifelt meine Geldbörse. Dabei fällt mir ein, hab ich mein Handy eingepackt? Während ich nun also mit der einen Hand in meinem schwarzen Loch, besser bekannt als Handtasche, wühle und die Geldbörse versuche zu ertasten, greife ich mit der anderen Hand in meine Jackentasche. Leere kommt mir entgegen. Okay, dann die Hosentasche.
Meine Bemühungen werden durch im Weg stehende Mitwartende Menschen auf dem Bahngleis erschwert, da ich verzweifelt versuche, meine unkontrolliert aussehenden Bewegungen so zu steuern, nicht nebenbei noch jemanden auf die Gleise zu schubsen.
Handy ist in der letzten Hosentasche, die noch möglich gewesen wäre. Klasse. Ich habe den Ticketautomaten erreicht, ein kurzer aber sehr gezielter Blick auf die Uhrzeit verrät mir, dass ich noch genau zwei Minuten Zeit habe, die Karte zu ziehen. Mit der Geldbörse im Anschlag, bereit zu bezahlen stehe ich nun vor dem völlig digitalisierten Automaten und bin erst Mal überfordert mit der Anzeige. Die Hälfte ist nämlich nicht zu erkennen, beschlagen vom Morgentau, der sich in die defekte Anzeige geschlichen hat. Zum Glück ist es nicht das erste Mal, dass ich ein solches Gerät bediene und es dauert nicht lange, da fordert mich die Anzeige auf, zu bezahlen. Auch das ist schnell abgehakt, denn ich kämpfe nicht mehr mit diesem dämlichen Apparat, indem ich versuche, ihm klar zu machen, dass er meine Scheinzahlung zu akzeptieren hat und er mir in stoischer Ruhe meine Scheine immer wieder ausspuckt. Ich nutze gleich die Kartenzahlung. Eine Minute noch, ich sehe nach, ob ich die Lok schon sehen kann. Noch nichts in Sicht. Der Gedanke, dass der Zug heute zum Glück ein bis zwei Minuten später kommt, ist beruhigend. Schließlich sitze ich ja gleich in der warmen Bahn und kann mich entspannen. Nur wenige Sekunden später halte ich mein Ticket in der Hand und entwerte es im Fahrkartenentwerter (was für ein Name für ein Gerät, was einen Stempel mit Uhrzeit und Datum auf dein grade erworbenes Ticket knallt). Ich drehe mich um, sehe vor mir die Masse Menschen, an denen ich mich grade schon vorbei gekämpft habe und trete den gleichen Weg zurück wieder an. Wieder im Slalom und im Eiltempo zurück am Bahnsteig, da das Einsteigen weiter hinten in der Bahn praktischer für das spätere Aussteigen am Bahnhof ist. Ist ja nicht so, dass ich zum ersten Mal Bahn fahre.
Während ich nun also an meine bevorzugte Stelle zum einsteigen versuche zu flitzen, knackt die Lautsprecheranzeige. Klasse, grade rechtzeitig fertig geworden, ich lächle in mich hinein. Wozu früher am Bahnhof sein? Geht doch auch auf den letzten Drücker.
Moment Mal, was hat die mechanische Stimme grade gesagt? Der Zug, mein Zug hat zehn Minuten Verspätung? Ich eile weiter, versuche die Antwort auf meine unausgesprochene Frage in den Mienen meiner Umgebung zu finden. Die Mimik jedes Einzelnen spricht für sich und ich merke, wie ich in mich zusammen falle. Die ganze Hektik umsonst, die Wartezeit hat auf mich gewartet. So wie jede rote Ampel auf mich zu warten scheint, meint auch hier mein persönlicher kleiner Teufel, es wäre langweilig ohne gelangweilt, übermüdet und völlig gestresst auf den Zug zu warten, gleich einsteigen zu können.
Ich reihe mich also ein in die wartenden Personen um mich herum, mein Platz ist schon gut gefüllt mit potentiellen Sitzplatzwegschnappern. Jetzt also taktisch so hinstellen, dass niemand vor mir in die Bahn kann, wenn sie kommt, aber nicht so nah an den Bahnsteigrand, dass der Luftzug der einfahrenden Bahn mich in ihren Bann reißt und ich am Schluss auf den Gleisen liege.
Nach genau zehn Minuten Verspätung kündigt die Stimme die Einfahrt meiner Bahn an. Ich kann meine Füße kaum noch spüren, die Kälte und Feuchtigkeit hat sich in alle Poren geschlichen. Mit insgesamt zwölf Minuten Verspätung (wo wäre ich jetzt eigentlich mit dem Auto schon?) hält die Bahn endlich vor mir, wie gewünscht auch mit der Eingangstür direkt da, wo ich sie hin haben wollte. Ich grinse, schnelle nach vorne, mein Arm bewegt sich und ich wundere mich, warum alle anderen um mich herum nach rechts und links weg laufen, zu den anderen Türen eilen. Ja genau, hier komme ich, seht und lernt, hier steige ich ein und finde meinen Sitzplatz. Triumphierend möchte ich den Knopf betätigen, der die Tür vor mir öffnet. Erst dann erspähe ich die roten riesigen Zettel direkt vor meinen Augen, die mir mitteilen, dass diese Tür defekt ist. Das darf nicht wahr sein. Hektisch blicke ich von rechts nach links, der Bahnsteig ist fast leer, alle anderen Passagiere sind bereits eingestiegen, die Türen der Bahn blinken alle rot, geben ein Leucht- und Lautsignal ab, dass sie bereit sind, wieder geschlossen zu werden, niemand will mehr einsteigen. Entnervt laufe ich nach rechts zur nächsten Tür und drücke panisch den Knopf, zischend öffnen sich die Schiebetüren und ich kann endlich einsteigen. Mein Sitzplatz? Belegt. Klar.
Ich sehe mich um, suche nach einer Sitzmöglichkeit. Pustekuchen. Ich sehe Unmengen an Menschen, die mit sturen Blicken nach unten schauen, wahlweise auf ihr Buch, die Zeitung, ein Tablet oder ihr Smartphone, andere schlafen mit offenen Mündern. Alles ist vertreten. Nur keine Sitzmöglichkeit. Okay, dann halt die nächsten siebenundzwanzig Minuten stehen. Ich halte mich also fest und versuche die Tatsache zu ignorieren, dass der Haltegriff an diesem Tag und auch an vielen anderen Tagen von vielen verschiedenen Menschen benutzt wird. Ich spüre, wie die Bakterien und Viren sich in meine Haut fressen, wie gefährliche Krankheiten in mein Innerstes vordringen und sehe mein Leben an mir vorbei ziehen. Angeekelt von meiner eigenen Vorstellung ziehe ich meine Hand zurück, wische sie imaginär an meiner Jacke ab und versuche, mein Gleichgewicht zu halten. Soviel zu meiner entspannten Zugfahrt, ich verabschiede mich von meinem Wunsch, für die nächsten fünfzehn Minuten meinen Kopf nach hinten zu lehnen und die Augen schließen zu können. Stattdessen stehe ich schwankend, festhalten ist ja keine Option, zwischen weiteren Menschen, die allesamt genauso genervt aussehen wie ich. Ich versuche an den riesigen Männern, den kleineren Frauen und den anderen genervten Mitreisenden vorbei zu schauen, raus, auf nichts Bestimmtes blicken. Der Blick wird durch die draußen herrschende Dunkelheit gestört, mich blitzt mein Spiegelbild an. Müde, genervt und schwankend stehe ich da, versuche mein Dasein zu erörtern und treffe eine Entscheidung.
Morgen fahre ich mit dem Auto zur Arbeit.
Eventuell… vor meinen Augen blitzt ein LKW auf.
 

ahorn

Mitglied
Hallo Bommel,

kurzes Kommentar ;)

Sich morgens aus dem Bett zu quälen KOMMA stellt KOMMA für sich gesehen KOMMA für manche Menschen schon eine Schwierigkeit dar. Die Uhrzeit erinnert an erzieherische Maßnahmen [Strike], [/Strike] PUNKT Die Temperaturen außerhalb [Strike] des Bettes über der Decke[/Strike] der Bettdecke scheinen dem Gefrierpunkt nah zu sein. "Zeilenumbruch"
Wer allerdings nicht mit dem berühmten goldenen Löffel in seiner Kehrseite geboren ist, hat wünschenswerterweise einen Arbeitgeber[Strike]. [/Strike] KOMMA der [Strike] hat zumeist[/Strike] Öffnungszeiten anbietet, die mit dem Ausschlafen nichts zu tun haben. In meinem Fall kann ich mir morgens regelmäßig die Frage stellen – fahre ich mit dem Auto oder mit der Bahn in die Innenstadt?
Liebe Grüße
Ahorn
 

Bommel

Mitglied
Hallo Ahorn,

danke für Deine Anmerkung. Eigentlich hab ich den Teil absichtlich so geschrieben, aber ich bin über meinen Schatten gesprungen und ändere das :) :)

Ich hoffe, du konntest den Rest des Textes lesen ;)

LG Anja
 

Bommel

Mitglied
Hallo Ahorn,

nachdem ich das Kapitel bzw. Deine Anmerkungen nun durch mehrere Rechtschreibprüfprogramme habe laufen lassen, habe ich festgestellt, dass ich keine Fehler gemacht habe. Der erste Satz ist OHNE Komma richtig.

Den Rest lasse ich tatsächlich doch so. Der Text ist absichtlich überspitzt geschrieben und soll durch kurze Sätze einprägsamer wirken.

Ganz lieben Dank dennoch für Deine Rückmeldung!

LG Anja
 

Bommel

Mitglied
Sich morgens aus dem Bett zu quälen stellt für sich gesehen für manche Menschen schon eine Schwierigkeit dar. Die Uhrzeit erinnert an erzieherische Maßnahmen, die Temperaturen außerhalb der Bettdecke scheinen dem Gefrierpunkt nah zu sein. Wer allerdings nicht mit dem berühmten goldenen Löffel in seiner Kehrseite geboren ist, hat wünschenswerterweise einen Arbeitgeber. Der hat zumeist Öffnungszeiten, die mit ausschlafen nichts zu tun haben. In meinem Fall kann ich mir morgens regelmäßig die Frage stellen – fahre ich mit dem Auto oder mit der Bahn in die Innenstadt?

Damit fängt der eigentliche Stress an. Entscheide ich mich morgens für das Auto, wäge ich ab, wie lange ich wohl für die ungefähr fünfunddreißig Kilometer zur Dienststelle brauche. Über die Bundesstraße brauche ich gute vierzig Minuten. Wunderbar, mein Blick geht zum Wecker, der mir in großen leuchtenden roten Ziffern anzeigt, wie spät es ist. Während ich also meine Augen wieder schließe, rechne ich mir auf die Sekunde genau aus, wie lange ich mich noch in meine Decke kuscheln und das Schnarchen meines Partners genießen kann. Auf die Sekunde deshalb, weil morgens einfach jede Sekunde zählt. Eine Minute sind sechzig Sekunden, viel zu wertvoll, sie noch weiterhin in dieser Wärme zu verbringen als seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Die Strecke ist schnell zu schaffen, ich habe also noch gute tausendachthundert Sekunden Zeit, meinen Körper in der waagerechten zu behalten.
Während meine Augen die Außenwelt wieder ausgeschlossen haben und mein Geist sich denkt, super, is dunkel, weiterschlafen, bohrt sich ein weiterer Gedanke sehr hartnäckig und mit scharfen Kanten in mein Bewusstsein. Habe ich den Berufsverkehr mit berechnet? Meine eben noch in weiter Ferne liegende Aufstehzeit rückt mit einem Mal ganz nah, reduziert sich auf vergleichsweise null, wandert fast in den Minusbereich. Mit einem Ruck öffnen sich meine Augen, ich atme tief ein. Okay, aufstehen.
Genervt von der Tatsache, dass ich nun doch weit früher aufstehen muss als mein Kopf gebraucht hätte, im heutigen Tag anzukommen, begebe ich mich also schleichend in Richtung Badezimmer. Mein Spiegelbild macht deutlich, dass ich alles andere als ausgeschlafen bin. Wer kam eigentlich auf die Idee, den Spiegel taktisch so anzubringen, dass man sich entgegen läuft, egal um welche Uhrzeit? Ich gehe die Fremde im Spiegel ignorierend am Spiegel vorbei. Während ich da nun sitze, die immens kalte Klobrille an meinen Beinen spürend, schließe ich noch mal kurz die Augen. Wann habe ich eigentlich den Punkt verpasst, an dem ich mich zur Adoption einer Millionärsfamilie freigeben hätte können? Diesen Gedanken nicht weiter spinnend erledige ich den Rest der Morgentoilette und gehe nun festeren Schrittes wieder in mein Zimmer, aus dem mir ein lautes Grunzen entgegen schallt. Toll, nun muss ich zu allem Übel auch noch leise sein, weil mein liebster Gatte heute seinen freien Tag hat. Im Dunkeln, um den Liebsten auch bloß nicht zu wecken, greife ich nach meiner Hose und einem Oberteil. Zum Glück habe ich noch etwas Wäsche unten im Wäschekorb, da lässt sich bestimmt das ein oder andere Utensil finden. Manchmal ist Langsamkeit von Vorteil. Das Oberteil tausche ich dann doch noch mal aus, ich gehe ungern im Hemd meines Mannes ins Büro.
Von diesen Eindrücken geprägt und mit meiner Frühstücksdose sowie einer Flasche Wasser bewaffnet, steige ich wenige Minuten später in mein Auto und trete mit Kampfgeist den nervenaufreibenden Weg zur Arbeit an.
Nach bereits sieben Kilometern werde ich unsanft ausgebremst. Vor mir ein Ungetüm an LKW, der schier endlos lange Anhänger ragt vor mir auf. Ich bremse also von meinen hundert km/h (in der siebziger Zone, natürlich) runter auf knapp siebzig km/h. Neunundsechzig um genau zu sein. Darf der so schnell fahren? Die Vorstellung, der Fahrer des Monsters vor mir würde sich ausgerechnet heute früh an seine Vorschriften halten, berauscht mich nicht unbedingt, also versuche ich dankbar zu sein, dass er zumindest zehn km/h schneller fährt als erlaubt. Da ich natürlich auch eine vollkommen ausgeglichene Teilnehmerin des Straßenverkehrs bin, unterdrücke ich jede Form von Tourette und schleiche hinter diesem Ungetüm von Fahrzeug hinterher. An meiner hinteren Stoßstange kleben mittlerweile weitere fünfzehn Autos, die sich in einer schlangengleichen Bewegung hinter uns angesammelt haben. Ganz vorne der Lastkraftwagenfahrer, direkt dahinter ich in meinem SUV – wir beide kontrollieren das Biest hinter uns, bilden eine Symbiose, halten die exakte Geschwindigkeit, die Digitaluhr in meinem Augenwinkel ist unerbittlich, die Minuten scheinen schneller zu vergehen als ich fahren kann. Hatte ich erwähnt, was für eine ruhige, ausgeglichene Autofahrerin ich bin? Ich passe mich also völlig der Situation an, folge jeder Bewegung meines Vordermannes, lasse mich treiben, da sehe ich etwas im Augenwinkel. Endlich. Die Fahrbahn wird zweispurig und ich kann endlich überholen, vorbei schießen an diesem verfickten LKW und seiner Trantütigkeit, an diesem Morgen im Schritttempo über die Bundesstraße zu fahren. Ich setze den Blinker, mache pflichtschuldigst und verantwortungsbewusst meinen Schulterblick und – sehe die Schlange, die ich eben grade noch im Würgegriff der einspurigen Bahn gehalten habe, einer nach dem anderen an mir vorbei ziehen. Mein Blinker blinkt, ich gucke immer wieder über meine Schulter. Hat dieses Biest denn gar kein Ende? Ein Blick in den Rückspiegel offenbart mir die schreckliche Wahrheit. Die Schlange ist gewachsen auf dreißig Autos. Panik überkommt mich, ich nehme den Fuß vom Gas, da ich mit meiner Front schon fast am LKW klebte und lasse mich etwas zurück fallen. Als ich gerade wieder nach links über meine Schulter blicken möchte, erspähen meine Augen die bittere Wahrheit am rechten Fahrbahnrand. Die Fahrbahn wird in genau vierhundert Metern wieder einspurig und hinter mir sind noch immer fünf Autos. Da mit den zwei Spuren auch hundert km/h erlaubt waren, hat sich auch mein LKW auf fünfundachtzig km/h beschleunigt. Als ich denke, ich kann es noch schaffen, ziehen weitere zwei Autos an uns vorbei, die zweihundert-Meter-Marke haben wir längst passiert.
Ich rechne mir meine Chancen aus, innerhalb von fünfzig Metern mit einem Tempo von vierundachtzig km/h an dem Lastkraftwagen vor mit seinen achtzehn Metern Länge vorbei zu kommen, ohne dabei in den Gegenverkehr zu schießen und gebe mich geschlagen. Ich bremse ab, schere wieder hinter dem Kopf der nun sehr klein gewordenen Schlange ein und passe mich wieder auf seine neunundsechzig km/h an. In vier Kilometern kommt die nächste Chance, gewiss.
Dieses Spiel wiederholt sich natürlich in der nächsten zweispurigen Phase der Bundesstraße. Mein Tourettesyndrom bahnt sich seinen Weg, während ein Fahrzeug nach dem anderem an uns vorbei fährt und meine Digitaluhr mir in roten Ziffern anzeigt, dass ich es nur noch pünktlich schaffe, wenn ich jetzt meine Flügel ausbreite und über alle hinweg fliege. Die Ausstattung habe ich bei meinem Auto aber nicht. Also singe ich mittlerweile laut Lieder aus dem Radio mit um nicht noch mehr Beleidigungen auszustoßen.
Als ich es endlich vorbei geschafft habe (die Tatsache ignorierend, dass LKW´s die Regale in meinen Supermärkten füllen und ich ihn einfach nur hasse in diesem Moment), fahre ich direkt auf den ersten Ort zu, der auf meinem Weg in die große Stadt liegt. Ca. zweihundert Meter nach dem Ortsschild befindet sich ein Geschwindigkeitsblitzer und ich frage mich zum wiederholten Male, wie viel Steuergelder hier eigentlich verschwendet werden, ein solches Teil an dieser Stelle zu platzieren, es regelmäßig zu warten und instand zu halten – denn blitzen kann das Teil definitiv niemals. Alle Autos, die vorab an mir und meinem LKW vorbei gezogen waren zuzüglich der Autos, die von den Seitenstraßen noch auf die Bundesstraße gekommen waren – stehen jetzt in diesem Ort und warten auf die nächste Grünphase. Es geht vorwärts, in großen Schritten, mit fünf km/h. Ich atme tief durch und schwöre mir, am nächsten Tag mit der Bahn in die Stadt zu fahren. Diesen Schwur wiederhole ich in den nächsten dreißig Minuten immer wieder, das vorwärts kommen wird durch immer mehr Autos – haben die alle kein Zuhause oder wenigstens andere Anfangsarbeitszeiten? – gefühlt, immer langsamer. Nachdem der Ort endlich durchfahren ist, wartet die nächste Hürde, der nächste Ort, die nächsten Ampeln auf mich. Nur auf mich natürlich. Denn alle anderen können ja fahren, kaum nähere ich mich Kreuzung, schaltet die Ampel auf Rot.
Aber auch diese Hürde meistere ich ohne große Beleidigungen und fahre weiter. Auf die Kreisel zu, die direkt vor der Stadt sind und mich beschleicht das Gefühl, dass alle, wirklich alle den gleichen Arbeitsweg haben wie ich. Es geht nur im Schritttempo voran, ich weiß inzwischen mit Sicherheit, dass ich zu spät kommen werde.
Morgen fahre ich Bahn.
Am nächsten Morgen stelle ich meinen Wecker auf die exakt gleiche Zeit wie am Vortag. Denn die Bahn hat ihre festen Zeiten und nimmt selten Rücksicht auf meine Wohlfühlaufstehzeit. Der gleiche Prozess wie am Tag zuvor beginnt, nur plötzlich fällt mein Blick auf die Uhr in der Küche und mir bleibt der Schluck Kaffee im Hals hängen. Mit Schwung stelle ich die Tasse ab, ich muss ja los. Anrufen, dass ich später komme und der Zugführer bitte fünf Minuten auf mich warten soll, klappt bekanntlich nicht.
Also schnappe ich mir schnell meine Flasche Wasser, das Brot schaffe ich nicht mehr einzupacken, zum Glück haben wir eine Kantine mit leckeren Pappbrötchen. Der Weg zum Bahnhof ist genauso nervenaufreibend wie die gestrige Fahrt zur Arbeit, allerdings schneller vorbei. Der Zug fährt ja so, dass ich pünktlich im Hauptbahnhof ankomme und genug Zeit habe, zur Arbeit zu gehen. Die Außentemperatur von minus zwei Grad ignoriere ich geflissentlich. Mild belächle ich die Autofahrer, die an mir vorbei ziehen, in der sicheren Gewissheit, gleich sehr gemütlich in der Bahn zu sitzen und mich auf Schienen in die Stadt zu begeben.
Der erste Rückschlag trifft mich auf dem riesigen Parkplatz vom Bahnhof. Wieso in aller Welt ist der so voll um diese Uhrzeit? Ach stimmt ja, alle fangen zur gleichen Zeit an zu arbeiten wie ich und einige sind schon vorher auf die Idee gekommen, dass Autofahren keine Alternative darstellt. Es dauert nur kurz, bis sich mein Schock gelegt hat und ich finde einen Parkplatz, der gefühlt drei Kilometer vom Bahnsteig entfernt liegt, parke mein Ungetüm von SUV auf einen Parkplatz ein. Beim Öffnen der Tür fällt mir auf, dass ich zu nah an meinem Nachbarn stehe. Also wieder das Auto an, vor, zurück, noch mal vor, wieder zurück. Ja, jetzt passt es. Beim Aussteigen fällt mir die Uhrzeit ins Auge und ich stelle fest, dass ich noch – was, ich habe nur noch vier Minuten, die drei Kilometer zurück zum Bahnsteig zu laufen und eine Fahrkarte zu ziehen? Sprungartig schnellt mein Puls in die Höhe, ich greife meine Tasche, knalle die Tür und fange mit meinem Sprint die Strecke zum Bahngleis an. Nach fünfzehn Sekunden habe ich ihn erreicht. Wow, waren vielleicht doch nicht ganz drei Kilometer.
Der Bahnsteig ist voll mit Menschen, die sich taktisch immer so hinstellen, dass man mit Sicherheit nicht einfach an ihnen vorbei zum Ticketautomaten gehen kann. Im Slalom laufe ich also nun um die weiteren Fahrgäste herum, krame derweil in meiner Tasche und suche verzweifelt meine Geldbörse. Dabei fällt mir ein, hab ich mein Handy eingepackt? Während ich nun also mit der einen Hand in meinem schwarzen Loch, besser bekannt als Handtasche, wühle und die Geldbörse versuche zu ertasten, greife ich mit der anderen Hand in meine Jackentasche. Leere kommt mir entgegen. Okay, dann die Hosentasche.
Meine Bemühungen werden durch im Weg stehende Mitwartende Menschen auf dem Bahngleis erschwert, da ich verzweifelt versuche, meine unkontrolliert aussehenden Bewegungen so zu steuern, nicht nebenbei noch jemanden auf die Gleise zu schubsen.
Handy ist in der letzten Hosentasche, die noch möglich gewesen wäre. Klasse. Ich habe den Ticketautomaten erreicht, ein kurzer aber sehr gezielter Blick auf die Uhrzeit verrät mir, dass ich noch genau zwei Minuten Zeit habe, die Karte zu ziehen. Mit der Geldbörse im Anschlag, bereit zu bezahlen stehe ich nun vor dem völlig digitalisierten Automaten und bin erst Mal überfordert mit der Anzeige. Die Hälfte ist nämlich nicht zu erkennen, beschlagen vom Morgentau, der sich in die defekte Anzeige geschlichen hat. Zum Glück ist es nicht das erste Mal, dass ich ein solches Gerät bediene und es dauert nicht lange, da fordert mich die Anzeige auf, zu bezahlen. Auch das ist schnell abgehakt, denn ich kämpfe nicht mehr mit diesem dämlichen Apparat, indem ich versuche, ihm klar zu machen, dass er meine Scheinzahlung zu akzeptieren hat und er mir in stoischer Ruhe meine Scheine immer wieder ausspuckt. Ich nutze gleich die Kartenzahlung. Eine Minute noch, ich sehe nach, ob ich die Lok schon sehen kann. Noch nichts in Sicht. Der Gedanke, dass der Zug heute zum Glück ein bis zwei Minuten später kommt, ist beruhigend. Schließlich sitze ich ja gleich in der warmen Bahn und kann mich entspannen. Nur wenige Sekunden später halte ich mein Ticket in der Hand und entwerte es im Fahrkartenentwerter (was für ein Name für ein Gerät, was einen Stempel mit Uhrzeit und Datum auf dein grade erworbenes Ticket knallt). Ich drehe mich um, sehe vor mir die Masse Menschen, an denen ich mich grade schon vorbei gekämpft habe und trete den gleichen Weg zurück wieder an. Wieder im Slalom und im Eiltempo zurück am Bahnsteig, da das Einsteigen weiter hinten in der Bahn praktischer für das spätere Aussteigen am Bahnhof ist. Ist ja nicht so, dass ich zum ersten Mal Bahn fahre.
Während ich nun also an meine bevorzugte Stelle zum einsteigen versuche zu flitzen, knackt die Lautsprecheranzeige. Klasse, grade rechtzeitig fertig geworden, ich lächle in mich hinein. Wozu früher am Bahnhof sein? Geht doch auch auf den letzten Drücker.
Moment Mal, was hat die mechanische Stimme grade gesagt? Der Zug, mein Zug hat zehn Minuten Verspätung? Ich eile weiter, versuche die Antwort auf meine unausgesprochene Frage in den Mienen meiner Umgebung zu finden. Die Mimik jedes Einzelnen spricht für sich und ich merke, wie ich in mich zusammen falle. Die ganze Hektik umsonst, die Wartezeit hat auf mich gewartet. So wie jede rote Ampel auf mich zu warten scheint, meint auch hier mein persönlicher kleiner Teufel, es wäre langweilig ohne gelangweilt, übermüdet und völlig gestresst auf den Zug zu warten, gleich einsteigen zu können.
Ich reihe mich also ein in die wartenden Personen um mich herum, mein Platz ist schon gut gefüllt mit potentiellen Sitzplatzwegschnappern. Jetzt also taktisch so hinstellen, dass niemand vor mir in die Bahn kann, wenn sie kommt, aber nicht so nah an den Bahnsteigrand, dass der Luftzug der einfahrenden Bahn mich in ihren Bann reißt und ich am Schluss auf den Gleisen liege.
Nach genau zehn Minuten Verspätung kündigt die Stimme die Einfahrt meiner Bahn an. Ich kann meine Füße kaum noch spüren, die Kälte und Feuchtigkeit hat sich in alle Poren geschlichen. Mit insgesamt zwölf Minuten Verspätung (wo wäre ich jetzt eigentlich mit dem Auto schon?) hält die Bahn endlich vor mir, wie gewünscht auch mit der Eingangstür direkt da, wo ich sie hin haben wollte. Ich grinse, schnelle nach vorne, mein Arm bewegt sich und ich wundere mich, warum alle anderen um mich herum nach rechts und links weg laufen, zu den anderen Türen eilen. Ja genau, hier komme ich, seht und lernt, hier steige ich ein und finde meinen Sitzplatz. Triumphierend möchte ich den Knopf betätigen, der die Tür vor mir öffnet. Erst dann erspähe ich die roten riesigen Zettel direkt vor meinen Augen, die mir mitteilen, dass diese Tür defekt ist. Das darf nicht wahr sein. Hektisch blicke ich von rechts nach links, der Bahnsteig ist fast leer, alle anderen Passagiere sind bereits eingestiegen, die Türen der Bahn blinken alle rot, geben ein Leucht- und Lautsignal ab, dass sie bereit sind, wieder geschlossen zu werden, niemand will mehr einsteigen. Entnervt laufe ich nach rechts zur nächsten Tür und drücke panisch den Knopf, zischend öffnen sich die Schiebetüren und ich kann endlich einsteigen. Mein Sitzplatz? Belegt. Klar.
Ich sehe mich um, suche nach einer Sitzmöglichkeit. Pustekuchen. Ich sehe Unmengen an Menschen, die mit sturen Blicken nach unten schauen, wahlweise auf ihr Buch, die Zeitung, ein Tablet oder ihr Smartphone, andere schlafen mit offenen Mündern. Alles ist vertreten. Nur keine Sitzmöglichkeit. Okay, dann halt die nächsten siebenundzwanzig Minuten stehen. Ich halte mich also fest und versuche die Tatsache zu ignorieren, dass der Haltegriff an diesem Tag und auch an vielen anderen Tagen von vielen verschiedenen Menschen benutzt wird. Ich spüre, wie die Bakterien und Viren sich in meine Haut fressen, wie gefährliche Krankheiten in mein Innerstes vordringen und sehe mein Leben an mir vorbei ziehen. Angeekelt von meiner eigenen Vorstellung ziehe ich meine Hand zurück, wische sie imaginär an meiner Jacke ab und versuche, mein Gleichgewicht zu halten. Soviel zu meiner entspannten Zugfahrt, ich verabschiede mich von meinem Wunsch, für die nächsten fünfzehn Minuten meinen Kopf nach hinten zu lehnen und die Augen schließen zu können. Stattdessen stehe ich schwankend, festhalten ist ja keine Option, zwischen weiteren Menschen, die allesamt genauso genervt aussehen wie ich. Ich versuche an den riesigen Männern, den kleineren Frauen und den anderen genervten Mitreisenden vorbei zu schauen, raus, auf nichts Bestimmtes blicken. Der Blick wird durch die draußen herrschende Dunkelheit gestört, mich blitzt mein Spiegelbild an. Müde, genervt und schwankend stehe ich da, versuche mein Dasein zu erörtern und treffe eine Entscheidung.
Morgen fahre ich mit dem Auto zur Arbeit.
Eventuell… vor meinen Augen blitzt ein LKW auf.
 

ahorn

Mitglied
Hallo Bommel,
mit KOMMA nicht falsch ;).
Lies es mit und ohne Komma, du wirst einen Unterschied bemerken. (Meine Empfindung)
Logik des Punktes nach Maßnahmen:
Beide Sätze sind unterschiedliche Gedanken - Semikolon gegebenenfalls.
Komma hinter Arbeitgeber - Relativsatz.

Liebe Grüße
Ahorn
 

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