backen oder nicht backen

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HerbertH

Mitglied
ich sehe dir zu wie du
mit runden bewegungen
voller kraft den leicht
klebrigen teig knetest und formst
bis er sich fast von selbst
in die form schmiegt

könnte ich doch auch nur
einmal dich weich kneten
nicht für den backofen
in hitze aber doch und
zum glühen bis deine augen
funkeln und glitzern

doch ach mir fehlt die rechte
hefe oder andres wunder pulver
das treibt und gärt bis es
erblühen lässt die verlockende fülle
deines lachens das mich heftiger
atmen lässt

doch wehe wenn zug den teig
in sich zusammen sinken lässt
wohl weil ich die zu und andere
taten gar zu ungenau abgewogen
hatte für deine köstliche
knospung und du so spröde

ungebacken bliebst
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Bernd,

Freut mich, dass dieses kleine Stilmittel Dir gefällt. So richtig erfahren bin ich im Zeug ma noch nicht.

Es gibt aber noch ein zweites Zeugma,
"backen oder nicht backen", allerdings ist es nicht so offensichtlich.

Liebe Grüße

Herbert
 
Lieber Herbert,
schöner Text zum Schmunzeln. Gefällt mir sehr. Ich würde allerdings die erste Strophe weglassen. Schließlich ist es ein Liebes- und kein Bäckerei-Gedicht.
Herzliche Grüße
Karl
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Karl,

danke für Deinen lobenden Kommentar.

Die erste Strophe bringt Lesende auf die sinnliche Spur, die möchte ich ungern streichen. Immerhin bringt sie das LyrI durch das Schauen auf die folgenden Assoziationen.

Vielleicht gibt es ja noch andere Meinungen dazu?

Herzliche Grüße

Herbert
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Herbert,

das ist ja mal was ganz Apartes, Backen und Liebe auf einen Nenner zu bringen. Es ist Dir gut geglückt.

Besonders gefällt mir das Rätseln des Lyris, was es da wohl falsch gemacht haben könnte, genauso haben könnte,
denn die Hoffnung schwebt auch am Schluss weiter über den Backkünsten.

Gefällt mir gut.

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Herbert,
dein Gedicht spricht mich sehr an.
Einige Änderungen könnte ich mir vorstellen.
In Zeile 7 empfinde ich eine Häufung von "Füllwörtern".
Insgesamt taucht "doch" zu oft auf.
Die erste Strophe - und dann dieser Übergang von der stillen Beobachtung zur Begehrlichkeit, das finde ich grandios!

lg wüstenrose

ich sehe dir zu wie du
mit runden bewegungen
voller kraft den leicht
klebrigen teig knetest und formst
bis er sich fast von selbst
in die form schmiegt

[blue]o könnte auch ich[/blue]
einmal dich weich kneten
nicht für den backofen
[blue]wohl aber in hitze und[/blue]
zum glühen bis deine augen
funkeln und glitzern

doch ach mir fehlt die rechte
hefe oder andres wunder pulver
das treibt und gärt bis es
erblühen lässt die verlockende fülle
deines lachens das mich heftiger
atmen lässt

[blue]wehe es lässt zug den teig
in sich zusammen sinken[/blue]
[strike]wohl[/strike] weil ich die zu und andere
taten [blue]mutmaßlich[/blue] ungenau abgewogen
hatte für deine köstliche
knospung und du so spröde

ungebacken bliebst
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Wüstenrose,

danke für das Lob und Deine Vorschläge.

Die "doch"s hatte ich als Stilmittel gedacht. So, wie einen durchgängigen beat in der Musik, oder auch als eine Art Refrain:
"doch wehe" - "doch ach" - "doch auch nur", in umgekehrter Reihenfolge hier genannt.

Ausserdem empfinde ich diese "Füllwörter" als sehr wichtig für den Leserhythmus und auch für die Stimmung ... In gewisser Weise bereiten sie die letzte Zeile vor. Ich schwanke also sehr, ob ich Deinem Vorschlag hier folgen soll, tendiere derzeit eher nicht dazu.

"weil ich die zu und andere taten mutmaßlich ungenau abgewogen
hatte" - ich weiß nicht, wie andere das empfinden. Für mich passt das nicht so recht. "wohl weil ich die zu und andere
taten gar zu ungenau abgewogen hatte" hat etwas Betuliches, das zum Backen und zu Backen passt. Ausserdem ist "gar" für das Backen ein gar wichtiges Wort ;)

Durch Deinen Kommentar hast Du mir mein Gedicht näher gebracht. Danke auch dafür.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Mary,

"Liebe geht durch den Magen" weiss schon der Volksmund.
"köstlich" passt sehr gut zu diesem Gedicht...

Vielen Dank dafür und für die schöne Wertung!

Liebe Grüße

Herbert
 

wüstenrose

Mitglied
Lieber Herbert,
das hatte ich jetzt gar nicht erwartet, dass du die "dochs" bewusst so zahlreich platziert hast. Mir scheint, ich kann diesem Stilmittel nicht so recht was abgewinnen, aber es würde mich auch interessieren, wie andere Leser das empfinden.
Für meinen Vorschlag in Abschnitt 4 will ich keine Lanze brechen, denn da habe ich selbst kein klares Gefühl dafür, wie es am besten rüber kommt.
Dagegen spüre ich deutlich, dass mir mein Vorschlag für Abschnitt 2 tatsächlich besser gefällt als die bisherige Version. Warum? Dieses "könnte ich doch auch nur" wirkt auf mich irgendwie gehemmt, gespreizt, unaufrichtig. Ich finde, das aufkeimende Verlangen darf hier schon ein bisschen unverblümter daherkommen, weil es doch sowieso ein unheimlich taktvolles, liebes und nettes Verlangen ist: er will ihr ein Funkeln, ein Glitzern, ein Lachen schenken. Was für ein schönes Geschenk! - der Wunsch zu schenken, zu beglücken sollte zunächst von ganzem Herzen kommen, das "doch auch nur" bringt für meine Ohren bereits an dieser Stelle ein Hadern und einen Zweifel ins Spiel, dem ja weiter unten sowieso Rechnung getragen wird. Aber hier, vertieft in das perfekte Zusammenspiel, das den Knetvorgang steuert, stehen dem empfindsamen Betrachter eine gehörige Portion Lust und Trotz gut zu Gesicht. Er möchte auf dieser Welle, die er bewundernd anstarrt, mitreiten, er will sich ihr anvertrauen, spürt Hingabe.
Dann soll er das ruhig mal sagen.

lg wüstenrose
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Wüstenrose,

langsam glaube ich besser zu verstehen, worin der Grund für die unterschiedlichen Versionen liegt: Wenn ich es richtig erfasst habe, sind es in Deiner und meiner Version unterschiedliche Charaktere des LyrI. Deine LyrI ist zupackend und trotzig, mein LyrI ist ein eher zurückhaltendes Wesen, jemand, der eher hintergründig und bedächtig daherkommt... Daher denken wir uns andere Wörter und Formulierungen aus, die zu den Bildern unserer Vorstellungen passen.

Wenn das so stimmt, habe ich gerade eine Menge über Lyrik und ihre Rezeption gelernt.

Ich denke darüber gerne noch weiter nach :)

Liebe Grüße

Herbert
 

wüstenrose

Mitglied
Lieber Herbert,
selbstverständlich gestehe ich dir deine Version zu, du bist hier im Zweifesfalle (als der Autor) der Chef in der Wortküche.

Trotzdem (und weil ich das Thema sehr spannend finde) will ich nochmal schildern, was genau mein Leseerlebnis war.
Mein LyrI ist ein absolut zurückhaltendes, hintergründiges und bedächtiges Wesen. Es ist ein zweifelndes, in Verstrickungen gefangenes Wesen. Aber es ist auch eines, das manchmal ausbrechen will und manchmal spürt, dass es jenseits aller Bedächtigkeit auch (eher ungelebte) Anteile in sich trägt, die da heißen: Mut, Entschlossenheit, Direktheit.
Was hat das mit deinem Gedicht zu tun?
Schauen wir uns die Bäckerin an:
ich sehe dir zu wie du
mit runden bewegungen
voller kraft den leicht
klebrigen teig knetest und formst
bis er sich fast von selbst
in die form schmiegt
Sie geht ganz auf in ihrem Tun und ihr Ziel erreicht sie "fast von selbst". Indem sie bäckt, erzählt sie von den ungelebten Anteilen.
Wäre dein Gedicht eine Kletterroute, so würde ich sagen: Die Leerzeile zwischen Strophe 1 und Strophe 2 ist die Schlüsselstelle des Gedichts.
Hier die entschlossene, kraftvolle Bäckerin, dort der bedächtige, zögerliche Beobachter.
Wir wissen und akzeptieren, dass der Bedächtige am Ende nicht aus seiner Haut kann; er ist, wie er ist.
Aber hier, in der Leerzeile zwischen den beiden Strophen, öffnet sich das Momentum der Freiheit, alles ist möglich, nichts ist entschieden.
Und genau diese noch nicht gefüllte Stelle ist es, die mich an deinem Gedicht am allermeisten fasziniert. Und diese offene Stelle würde ich einfach noch ein bisschen auskosten wollen, ehe sie sich schließt. Ich würde in Zeile 7 die Gewichte auf der Wortwaage so platzieren, dass zunächst noch offen bleibt, wie die Waage sich im weiteren Verlauf senkt.
Oder, auf die Gefahr hin, dass ich mich allmählich in luftigen Theorien versteige: diese Zeile muss beidem gerecht werden: der kräftigen Anmut der Kuchenbäckerin und der Bedächtigkeit des Beobachters; die beiden unterschiedlichen Temperamente streben nach Berührung.

lg wüstenrose
 

Label

Mitglied
Lieber Herbert
es gefällt mir gut wie du ausdrucksstark, mittels der Gedankengänge des LyrI einen sensiblen und zurückhaltenden Charakter zeichnest.
Die überraschenden aber überzeugenden Analogien gestalten eine einfühlbare Atmosphäre.
Schön!

Lieber Gruß
Label
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Wüstenrose, spannend, in der Tat, diese Diskussion. Ich bin jetzt für einige Zeit unterwegs ohne Garantie auf Internetzugriff. Ich werde wohl erst danach "richtig" antworten können, leider.
Liebe Grüße Herbert
 

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