Bahnhöfe haben keine Namen

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Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Sie gleichen Abschieden, die nur Gefühle kennen.
Mein Platz ist am Bahnsteig 7, auf dieser Bank, die einer Litfasssäule des Lebens gleicht.
Hier sitze ich und füttere Tauben. Zwischendrin kerbe ich Gedanken in die Bank.
„Bitte schreibe mir“ oder auch: „Kannst du dich an mich erinnern?
Ich bin der dunkelhaarige Junge aus der Disko“
Ich fülle Hoffnungen mit Buchstaben. Denke mir Geschichten dazu.
Morgen wird sie hier sitzen und diese Worte lesen: „Kannst du dich an mich erinnern?“
Ihre Gedanken werden zurückschweifen …
“Da war doch dieser hübsche schwarzhaarige Junge, der mich ständig anlächelte“.
Hoffnungen sind wie Blüten.
Ob die Tauben wohl von der Freiheit träumen? Nur träumen, zu feige zum großen Flug.
Ich kam schon mal bis München. Dann verließ mich der Mut. Rom sollte es werden.
Rom und ein neues Leben. Es wurde ein Rückfahrticket.
Wenn du einmal umgekehrt bist, packst du´s nicht mehr. Dann bleibst du,
und das Wort „Sehnsucht“ erhält eine neue Dimension.
Hier auf dem namenlosen Bahnhof trifft man all die Feiglinge.
Die, die nie den Zug genommen oder verpasst haben.
Willy, der Bettler, der seinen Verstand versoff und von morgens bis abends durch die Halle läuft.
„Ich bin de Willy, ich bin de Willy. Haste mal `en Euro. Ich bin de Willy, de Willy.“
Seine Liebe hat damals den Zug genommen. Konnte seinen Suff nicht mehr ertragen.
Er kommt täglich und inspiziert alle ankommenden Züge. Hofft immer noch.
Wie ein Wiesel hüpft er zwischen Bahnsteigen und Halle hin und her.
In seinem Gang ähnelt er ein wenig dem Glöckner von Nôtre Dame.
Deswegen nennen wir ihn Quasimodo. Meine Tauben mögen ihn nicht.
Er ist ihnen zu wild und wuselig, stört ihre Mutlosigkeit.
Dann ist da noch die alte Helen. Die lungert immer in der Stehkneipe rum.
Legt für ein Glas Bier ihre Titte auf den Tresen…und für noch eins kannste damit spielen.
Sie ist unsre Lady Dracula. Hat oben nur noch ihre Schneidezähne im Mund …
...lispelt sich einen ab. Wenn die richtig voll ist und in Fahrt kommt … aber Hallo!
Dann läuft die Helen schon mal durch den Bahnhof und macht fremde Männer an.
„He, Alter! Für ´nen Fuffi mach ich es dir“, öffnet ihren Mund, und zeigt ihnen das,
was sie erwartet.
Wir lachen uns ´nen Ast, wenn wir in die ängstlichen Gesichter der „Möchte-gern-und-doch-keinen-Mut-Freier schauen.
Helens Alter hat ihr die Zähne aus dem Maul geschlagen.
Sie hatte nicht rechtzeitig aufgehört zu weinen. Wegen der Totgeburt und den ewigen Vorwürfen.
„Du bist schuld. Bist einfach zu blöd für alles. Als der Krebs ihr eine Brust nahm, schmiss er sie raus.
„Siehst aus wie ´en Zombie“, hatte er gesagt. Zombie und Dracula … sie verstand und ging.
Klaus hat vor einer Woche beschlossen zu gehen. Er nahm den ersten Zug am Morgen.
Man fand seine Reste zwischen den Gleisen verteilt …
Er hatte immer betont, dass er seine Tochter nicht missbraucht habe.
Sie habe es ihm aus Wut angetan. „Vielleicht war ich wirklich zu streng mit ihr.
Aber deswegen darf man doch seinen Vater nicht so in den Dreck ziehen!“
Mir steht kein Urteil zu. Wer weiß schon, kennt die Geschichten?
Eine Bild-Zeitung weht über den Boden.
Hinterlässt Spuren von nacktem Fleisch, Nachrichten und Lügen zwischen den Gleisen und Kippen.
Nachts treffen wir uns in der alten Lagerhalle. Die Neuen und die Alten.
Erzählen uns Lügen und Wahrheiten. Keiner kann sie unterscheiden. Spielt auch keine Rolle.
Die meisten Geschichten lesen wir in den Gesichtern der Menschen auf den Bahnsteigen.
Daraus modellieren wir uns eine Welt.
Letztens fragte mich ein Milchgesicht, was mich hierher getrieben hätte.
Ich schaute ihn an und schwieg.
Am Morgen ritzte ich ein paar Gedanken in meine Bank.
 
Zuletzt bearbeitet:

petrasmiles

Mitglied
Lieber Otto,

es wird immer Menschen geben, für die ist die Hochglanzbroschüre des Lebens die Wirklichkeit und alle anderen, die da nicht mithalten können, sind einfach Abschaum. Selbst Schuld aufgrund akuter Charakterschwäche oder vom lieben Gott eben in dieses Lager platziert worden, gleichviel. Durch die Jahrhunderte und immer wieder neu.
Und darum lesen ich solche Geschichten so gerne, die erden. Die wissend machen, dass das wahre Leben mindestens ebensosehr am Bahnhof stattfindet wie in der Beletage, ja vielleicht sogar von da nach dort führte.

Ein starker Text!

Liebe Grüße
Petra
 

Shallow

Mitglied
Hallo @Otto Lenk,

eine kurze Geschichte über die, die aus dem Raster gefallen sind. Mit einem Hauch Melancholie hast du eine Atmosphäre eingefangen, die mich sehr angesprochen hat.

Erzählen uns Lügen und Wahrheiten

So ist das wohl, und vielleicht gilt das für alle? Schöne Geschichte, die berührt.

Besten Gruß von

Shallow
 



 
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