Barkenheggs Biest

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Gestern war ich zurück in Barkenhegg, dem Ort meiner Kindheit. Ich schlenderte durch die Straßen und unterschiedliche Bilder stiegen in mir auf. Erinnerungen an Feuerwehrumzüge, die zu runden Jubliläen durch alle Straßen des Ortes führten, vorneweg immer der Spielmannszug, gefolgt von den Kameraden der Feuerwehr und schließlich den Mitgliedern des Sportvereins, alle je nach zurückgelegter Strecke und genossenen Erfrischungen leidlich im Gleichschritt.
Plaudernd und lachend und winkend.
Feuerwehrmützen, auf deren Lackschirmen sich die Sonne spiegelte. Kleine Sträußchen mit roten und weißen Nelken, die herumgeschwenkt wurden. Nicht zu vergessen die feuchten Küsse angeheiterter Gesichter, wenn man zu dicht am Rinnstein stand und einen Korn, für Kinder eine Fanta, oder ein Sträußchen zu vergeben hatte.
Unwillkürlich folgte ich weiter dem Marschweg vieler Feuerwehrfeste und stieg hinab ins Unterdorf.
Hier, zwischen den hohen Backsteinmauern der Gehöfte schien die Temperatur zu sinken. Die Stallungen für Kühe und Schweine waren nicht selten fünfzehn Meter hoch aus rotem Stein gemauert, denn auf den Zwischenböden lagerte zu jeder Zeit Heu und Stroh, manchmal auch alte Eggen oder Dreschflegel, für die selbst in den Siebzigern keine Verwendung mehr bestand.
Am Fuße einer dieser hohen Mauern erblickte ich einen Mauersockel, der sich zum Ende hin verjüngte und dort kaum mehr 10 cm maß.
Auf ihm hatten wir Kinder auf dem Rückweg von mancher Schulstunde „Abgrund“ gespielt : Jedes Kind mußte den schmaler werdenden Pfad bezwingen, sorgsam die Hände auf das Mauerwerk gelegt und auf der schmal zulaufenden Steinrinne balancierend bis zu deren Ende. Wer große Füße oder eine schlechten Gleichgewichtssinn hatte, sich also nicht halten konnte und abstürzte, war „tot“.
Ich wandte den Blick herum und sah auf die Mauer der kleinen Kapelle, die restauriert aus fröhlichen Butzenfenstern schaute. Der Kapellenverein hatte wirklich Sagenhaftes geleistet, das komplette Areal gerodet und bepflanzt und die Kapelle von Grund auf sanieren lassen.
Frisch gekärchert, mit neuem Ziegeldach schien sie nur darauf zu warten, dass man das schmiedeeiserne Tor öffnete und den kleinen Kapellenhof mit dem Katzenkopfpflaster in Richtung Kirchenpforte beschritt.
Früher war der Anblick allerdings ein anderer gewesen : noch vor dreißig Jahren ragte das Bauwerk düster und verfallen vor einem auf. Das rostige Tor war mit pfeilscharfen Spitzen versehen und mit einem Vorhängeschloß gesichert. Wer von uns Kindern im Dunkeln hier vorbeimusste, auf dem Heimweg von der Sporthalle im Winter oder vom Spielen, wenn man die Zeit vergessen hatte, der rannte das kurze Stück am Kirchhof entlang. Man startete direkt am Hühnergehege des angrenzenden Bauernhofes, der neben der Kapellenpforte lag und spurtete atemlos bis zum Ende des Kapellengrundstücks.
Der Grund dafür: der Kapellenplatz stand etwas erhöht zur Straße, die brüchige Mauer fing erst in Sichthöhe an, und die Toten aus der Kapellengruft konnten darum einfach hinter der Mauer sitzen und auf Opfer warten.

„Das glaubst du doch selber nicht !“ warf ich Sanne entgegen. „Tote hinter der Mauer- sowas gibt’s doch gar nicht.“
„Wir wohnen schon länger im Unterdorf und meine Uroma sagt auch, dass es stimmt.“
Sanne schmiss ihre Zöpfe zurück.
„Deshalb ist die Kapelle doch verfallen, weil sich auch die Erwachsenen nicht hineintrauen. Die Tür ist immer verschlossen.“
Und nach einem bedeutungsvollen Schweigen : „… Aber die Gruft ist auf.“
Ich starrte mit offenem Mund. „Welche Gruft?“ flüsterte ich.
„Natürlich die Gruft derer von Heeden. Die Familie hat doch ihren Gutshof im Nachbarort. Ursprünglich stammten sie aber aus Barkenhegg und erkauften sich das kirchliche Recht, in der Kapelle begraben zu werden.“
„Ist das wahr?“
Der Gedanke ließ mich frösteln.
„Naja, begraben stimmt auch nicht ganz,“ plauderte Sanne weiter, „sie liegen in den Nischen im Gewölbe. Das hat mein Opa erzählt und der kennt den Totengräber.“
Ihre Logik war wirklich entnervend.
Ich überlegte, wie die auf diese Art Beigesetzten wohl über die Jahrhunderte aussehen mochten, eingefallene Gesichter in teuren altmodischen Anzügen mit auf der Brust gekreuzten Armen und vertrockneten Nelken in den gefalteten Händen.
„Willst du sie sehen?“
Ich zuckte zusammen.
„Spinnst du? Wir können da doch nicht einfach reingehen!“
‚Und die Totenruhe stören‘, vollendete ich den Satz in Gedanken.
„Sei keine Memme!“ Sanne blickte mich herausfordernd an.
„Andi war schon drin und er sagt, sowas trauen sich eh nur Jungs.“ Sannes Nachbarsjunge war ein kleiner unterernährter Angeber, mit dreckigen Händen, laufender Nase und schmutzigblondem Schopf und immer für eine ‚Mutprobe’, wie er es nannte, zu haben.
„Los komm schon, am Freitag übernachtest du doch eh bei mir, und meine Eltern sind eingeladen. Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir her. Was meinst du? Oder traust du dich nicht?“
„Klar trau ich mich. Kann ja nicht so schlimm sein, wenn Andi schon drin war.“
„Also abgemacht und geschworen.“ Sanne formte mit ihren Fingern ein V und spuckte hindurch. Ich tat es ihr gleich und dachte an große Hände, die aus der Dunkelheit schossen und mich packten.

Der Freitagabend kam. Die Schumanns hatten sich verabschiedet und uns gemahnt, keine Dummheiten zu machen, um etwa elf Uhr wären sie zurück. Sicher hätte es ihren Kegelabend sehr verkürzt, wenn sie von unserem Plan gewusst hätten.
Sanne zog ihren schwarzen Kapuzenpulli über und angelte Vaters Taschenlampe vom Küchenbord.
„Los geht’s“, sagte sie, und ich glaubte ein leichtes Zittern in ihrer Stimme auszumachen. Wir gingen stumm über das Kopfsteinpflaster. Die Gasse zur Kapelle lag im Dunkeln, die einzige Laterne hier war eine alte Funzel, die nur gelblich trübes Licht warf. Niemand war zu sehen, was daran liegen mochte, daß die Kapelle zur einen Seite von einem Stall, zur anderen von Pferdekoppeln begrenzt wurde.
Stören würde uns hier niemand.
Helfen auch nicht.

Wir zogen uns nacheinander an den Pfeilspitzen der Pforte hinauf und sprangen in den Kapellenhof. Hier war es finsterer als in der Gasse, doch konnte man noch einige Schritt weit sehen. Es herrschte undurchdringliche Stille. Kein Vogel sang. Der Eingang zur Gruft befand sich auf der Rückseite der Kapelle und wir bahnten uns einen Weg durch Gestrüpp und Efeuranken.
Dann standen wir vor zwei dunklen Torbögen mit Eisenringen.
Eine der Pforten war nur angelehnt und man konnte die steinernen Stufen hinab mehr erahnen als sehen.
„Wollen wir das wirklich machen?“ flüsterte Sanne. „Sieht düster aus da unten.“
Ich griff nach einem Eisenring und die Scharniere knarrten dumpf in den Angeln.
„Jetzt sind wir hier, jetzt machen wir’s auch,“ flüsterte ich zurück und setzte den ersten Fuß auf die Stufe. Sanne folgte mir tastend. Wir erreichten den Treppenabsatz und standen in fast völliger Dunkelheit.
Sanne schirmte ihre Taschenlampe mit ihrem T-Shirt ab und knipste sie an. Wir trauten uns das erst jetzt, im Schutz des Gemäuers. Der Schein der Lampe hätte von draußen gesehen werden können.
Viele Treppenstufen führten in die Tiefe und wir tappten voran, die Hände fest am rostigen Handlauf. Unten angekommen, blickten wir uns um. Das Gewölbe war niedrig, Spinnenweben hingen von der Decke. Der Raum war leer.
„Wo sind sie?“, wisperte ich.
„Nicht hier“, raunte Sanne, „da gegenüber ist der Eingang.“
Ich folgte ihrem Nicken mit den Augen und sah am Ende der Kammer einen Türbogen. Die Gewölbekammer wurde leidlich vom Schein der Taschenlampe erhellt. Was dahinter lag, erreichte der Schein der Lampe nicht.
Langsam um uns spähend bewegten wir uns auf die Öffnung zu. Meine Knie wurden mit jedem Schritt weicher. Dies war keine gute Idee gewesen, nein, gar keine gute. Niemand konnte uns hier unten hören, geschweige denn...
Mein Gedanke brach ab. Ein Kratzen drang aus dem Raum jenseits des Türbogens. Meine Bewegung gefror. Sanne stand stocksteif, ihre Augen waren tellerrund. Ihr Kopf drehte sich wie auf einem rostigen Gelenk zu mir.
Da!
Schon wieder.
Das Kratzen bewegte sich langsam auf uns zu. Klick-krrrr, klick-krrr. Gleich würde der Lichtkegel es erfassen. Es musste groß sein. Große Krallen haben. Oben schlug das hölzerne Tor in einem Luftzug in den Angeln. Das Geräusch brachte mich in die Wirklichkeit zurück.
„Lauf!“ schrie ich. Ich wirbelte herum und rannte durch den Raum. Die Stufen schienen weit weg zu sein. Neben mir keuchte Sanne. Wir erreichten die Stufen und hetzen hinauf, rannten, ohne uns umzusehen, durch das Gestrüpp bis zum Tor. Ein Sprung, ich klammerte mich an die Pfeilspitzen, schwang ein Bein über, ließ mich fallen. Neben mir plumpste Sanne auf den Asphalt.
„Was war das? Mein Gott, was war das?“ stammelte sie.
„Ich … ich weiß nicht.“ Ich war den Tränen nah.
„Egal, lass uns abhauen.“ Sanne stand auf und zog mich auf die Füße. Wir rannten wie von Furien gehetzt die Gasse hinunter und stolperten vor ihre Haustür.
„Kein Wort davon, zu niemandem!“ sagte Sanne atemlos.
„Abgemacht und drauf geschworen.“ Wir spreizten feierlich Zeige- und Ringfinger und spuckten hindurch.



Kurzmeldung aus dem Barkenhegger Kurier, 3.9.1986 :
Bei Renovierungsarbeiten an der örtlichen Kapelle wurden im Vorraum zur Krypta Fußspuren am Boden entdeckt. Weitere, tatzenförmige Abdrücke konnten nicht mit Sicherheit zugeordnet werden. „Es muss sich um ein größeres Tier gehandelt haben. Bei der Durchsuchung der Krypta wurde allerdings kein Lebewesen entdeckt. Um weiteren groben Unfug zu vermeiden,“ so ein Polizeisprecher, „ wurde der Torbogen zur Krypta vermauert.“
 

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