Baumgeschichten

AaronCaelis

Mitglied
Aurora Borealis
2000.01.11, geschrieben innerhalb von 3 Stunden


Du stehst auf der Lichtung. Eigentlich ist es gar keine Lichtung, mehr eine größere freie Fläche. Du denkst, im Sommer könnte das eine schöne große Wiese sein, mit vielfältiger Blütenpracht, sogar hier, so weit im Norden. Du atmest flach, denn jeder tiefe Atemzug schmerzt. Du atmest ein und du fühlst die stechende Kälte in deiner Brust. Du atmest aus und siehst, wie die Feuchtigkeit der ausgeatmeten Luft zu Reif wird. Du musst die Augen senken um es zu sehen, so schnell geschieht das. Du lässt die Kälte deine Lunge füllen und bläst die Luft kraftvoll aus. Wie eine Wolke Wasserdampf sieht das aus, doch es ist schnell wieder vorbei. Du denkst an eine heiße, dampfende Tasse Tee... Ach, wie sehr ähneln sich doch die Zustände! Der eine aus Hitze, der andere aus Kälte geboren. Du hast den Eindruck, du wärest in Gedanken etwas sehr Wichtigem ganz nahe gekommen, aber schon ist der Moment vorbei, die Idee verflüchtigt, wie die Wärme deines Atems.

Du stehst auf der Lichtung. Schneeschuhe wären gut, denkst du, aber sie würden nicht sehr nützlich sein, der Neuschnee ist locker, noch hat er sich nicht gesetzt. Er ist fast wie Pulver, ganz fein und trocken. Kleine Schneeflocken und nicht so nass wie die zu Hause. Flockig und leicht sieht die Schneedecke aus, doch birgt sie tödliche Gefahr, du weißt es, denn du hast es erlebt. Aber das ist schon so lange her... Egal, die Naturgesetze dürften sich mittlerweile nicht geändert haben, nur deine Erinnerungen vielleicht, die sind verblasst. Nun, du hast auch ohne Schneeschuhe die Lichtung leicht erreicht. Obwohl, so leicht war es nicht, denn der Schnee ist tief. Einen halben Meter vielleicht, oder auch mehr. Du bist das Laufen auf Schnee nicht gewohnt, jetzt hast du sogar den Beweis dafür. Dir ist heiß, aber du widerstehst dem Drang, deine dicke Pelzjacke zu öffnen. Du weißt sehr wohl, was Unterkühlung ist...

Du stehst auf der Lichtung und das Tuch, das du vor deinen Mund getan hast, ist nass. Aber nur innen, außen ist es Eis. Ja, es ist sehr kalt. Vorhin ist ein Schweißtropfen, der sich unter deiner Mütze hervorgewagt hat, auf deiner Stirn gefroren. Das war ganz eigenartig und du hast gespürt, wie es geschah. Das war fast so, als wenn deine nasse Haut trocknet. Wie das klingt! denkst du amüsiert und kurz erinnerst du dich an die Geschichte mit dem Kürschner, die du als Kind einmal gelesen hattest. Du blickst zurück auf deine Spur im Schnee. Sie führt aus dem Wald heraus, bis hierher. Keine besonders schöne oder regelmäßige Spur, aber das ist dir nicht so wichtig. Du bist hier, das alleine zählt. Du blickst wieder nach vorne und freust dich auf das kommende Ereignis.

Du stehst auf der Lichtung und wartest. Wie lange es wohl noch dauern wird? fragst du dich. Ja ja, Ungeduld war schon immer ein Problem und nicht nur deines. Du vertreibst dir die Zeit und betrachtest den Wald, der dich umgibt. Er besteht aus Nadelbäumen, aber du weißt nicht, was für eine Sorte Bäume das ist. Fichten vielleicht, oder Tannen? Nordlandtannen, so wie dein alljährlicher Tannenbaum. Aber der ist im Vergleich zu diesen Bäumen geradezu winzig. Du kannst Höhen über drei Metern nicht so gut schätzen, aber du denkst, diese Bäume sind bestimmt zehn Meter hoch, höchstwahrscheinlich noch höher. Zwanzig Meter vielleicht? Es bleibt beim Raten und so wichtig ist es nun auch wieder nicht, denkst du schon wieder. Du betrachtest die Bäume, ihre mächtigen, kerzengeraden Stämme, ihre Äste, stark gebeugt von der Schneelast. Den ganzen Weg hierher hast du befürchtet, der Schnee könnte von einem der Bäume fallen und dich unter sich begraben. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Du bist unter dem drohenden Weiß vorbeigestapft und nicht ein einziges mal rieselte Schnee auf dich herab. Der Wind ist auf meiner Seite, denkst du, denn er ist heute Abend nicht da. Du kannst dir denken, was der Wind mit diesen Zweigen und Ästen so alles anstellen könnte, wenn er sich blicken ließe, und mit dem Schnee darauf. Und du weißt genau, was ein kalter scharfer Wind bedeutet. Damals, auf dem Schiff, da war es gar nicht so kalt, aber der Wind! Der Wind... Oben in den Bergen ist es genauso, aber daran möchtest du jetzt lieber nicht denken. Eigentlich mag ich den Wind, denkst du, aber ich bin froh, dass er heute zu Hause geblieben ist. Es gibt sehr wenig kleine Bäume hier, bemerkst du und nur wenig Unterholz. Ob dies wohl eine angelegte Monokultur ist? Davon weißt du nichts, aber du kannst dir denken, dass die Arbeit hier wohl sehr hart sein muss.

Du stehst auf der Lichtung und lässt deine Gedanken schweifen. Du betrachtest den Himmel, siehst die unzähligen Sterne. In der Stadt hat man diesen Anblick nicht, auch nicht an klaren Tagen... Die Zeit vergeht und du wartest auf das Ereignis. Trotz der guten Isolierung fühlst du, dass du langsam abzukühlen beginnst. Schon werden deine Füße kalt und dein Gesicht scheint bar jeden Gefühls zu sein. Aber noch geht es und du wartest, weitgehend reglos dastehend, wie schon die ganze Zeit davor. Wie es wohl sein mag? Du hast schon viel von dem Ereignis gehört und es auch im Fernsehen schon gesehen, aber erlebt hast du es noch nicht. Du freust dich und langsam dämmert dir, dass du vielleicht besser getan hättest, jemanden mitzunehmen, um deine Freude zu teilen. Aber du wolltest es ja allein für dich erleben und so stehst du jetzt auch alleine hier. Du atmest tief ein und seufzt und das Stechen in deiner Brust erinnert dich wieder an die Kälte.

Du stehst auf der Lichtung und plötzlich wird dir bewusst, wie leise es hier ist. Nein, leise ist nicht das richtige Wort. Absolute, totale Stille, das ist es! Du strengst auf einmal dein Gehör an, versuchst ein Geräusch auszumachen, etwas herauszufiltern, einen vertrauten Laut zu vernehmen. Nichts. So etwas hast du noch nie erlebt. Dein ganzes Leben warst du von einem nie nachlassenden Lärmpegel umgeben, von anderen Menschen und vielfältigen Geräuschen. Du hast gelernt sie zu ignorieren, die Geräusche und die Menschen auch. Doch hier nützen dir deine Filter gar nichts. Du lässt sie fallen, plötzlich sind sie weg, so, als wären sie nie dagewesen. Und dann hörst du es! Auf einmal ist die Lautlosigkeit „an“, sie umfasst dich, sie durchdringt jede Faser deines Seins, sie ist in dir, sie umgibt dich, omnipräsent und absolut. Du bist überwältigt. Einem solchen Ansturm zu widerstehen, das hast du nie gelernt. Panik kommt in dir auf, du bekommst Angst, wie selten zuvor in deinem Leben, du willst weg, fort, weg, nach Hause, weg, weg, weg!!! Das ist schlimmer als die Finsternis, schlimmer als Kälte, schlimmer als Hunger, schlimmer als... Da! Ein Geräusch! Oder nicht? Nein! Doch! Da war es noch einmal! Und wieder! Und wieder! Was ist das, wo kommt das her; ein Pochen? Ja, ein rhythmisches Pochen: To-tak, to-tak, to-tak, to-tak... Du bist nicht allein, das Gefühl der Ohnmacht weicht von dir, noch bevor du dir deines Zustands so richtig bewusst geworden bist. Deine Sinne funktionieren wieder, wie du es gewohnt bist und langsam denkst du wieder klar. To-tak, to-tak, to-tak, dein Herz schlägt noch schnell; vorhin hat es gerast und dein Blut rauscht in deinen Ohren. Du ziehst den rechten Handschuh aus und betastest dein Gesicht. Es ist heiß, es glüht. Und du spürst, wie dir der Schweiß den Rücken herunterläuft, ganz langsam die Wirbelsäule entlang. Es ist überstanden!, denkst du, während du umständlich den Handschuh wieder anziehst. Es fällt dir auf, dass du die ganze Zeit über kein Wort gesagt hast und sogar in den Augenblicken des Schreckens hast du keinen Schrei ausgestoßen. Du verstehst das nicht, aber das ist schon in Ordnung so, denkst du. Du hörst-fühlst nun dein Herz nicht mehr schlagen und es ist so still wie zuvor. Aber das macht dir jetzt nichts mehr aus, du hast es überstanden. Andachtsvoll lauscht du den Lauten der Stille und sie klingen wunderbar in deinen Ohren. Jetzt weißt du, wieso du alleine hierher gekommen bist. Langsam erfasst dich ein Gefühl der tiefsten Zufriedenheit. Es ist nicht das Gefühl des Glücklich-Seins, es geht viel weiter, darüber hinaus. Und tiefer. Und du stehst nur da und lächelst. Du bist satt, voll, befriedigt, nichts begehrst du mehr, was du nicht schon hast und es ist GUT.
Du stehst auf der Lichtung und du blickst nach vorne, über die Bäume hinweg. Aber nur kurz, obwohl nun zu sehen ist, worauf du die ganze Zeit gewartet hast: Das Ereignis ist endlich eingetreten. Doch du drehst dich um und du gehst zum Waldrand und blickst nicht zurück.

EPILOG
An der Hütte angekommen warten sie schon gespannt auf dich. „Und, hast du es gesehen?“, „Wie war es?“, „Hast du es gefilmt?“ bestürmen sie dich. Du blickst auf und schaust sie der Reihe nach an. Und dann lächelst du.

Und am Firmament, weit oben im Norden, über dem mächtigen Nadelwald, da erstrahlt in den herrlichsten Farben die Aurora Borealis.
 

 
Oben Unten