Baut keinen Nonsens in eure Geschichte ein!

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Chekhov's Gun
Wir haben noch nie davon gehört, aber wir kennen sie alle, ohne es zu wissen. Die Rede ist von dieser einen auffälligen Winchester 73, die in Gold eingerahmt an der belanglosen Wand des belanglosen Lokals hängt, die unser Protagonist eben betreten hat. Wir haben noch keinen Schimmer, was es mit diesem Gewehr auf sich hat, doch wir wissen, dass es noch relevant sein wird. Andernfalls würde es dort nicht hängen und der Autor hätte es nicht erwähnt.
Chekhov's Gun ist hierbei als Proxy (=Stellvertretung) zu sehen. Der betreffende Gegenstand muss keine Waffe sein, sondern kann als alles Mögliche in Erscheinung treten, z.B. als Schlüssel oder als Whiskey-Glas. Das Prinzip ist jedoch das Gleiche. Dadurch, dass der Gegenstand erwähnt wurde, wird er noch relevant werden. Oder anders gesagt: wenn der Gegenstand keine Relevanz hat, sollte er auch nicht erwähnt werden.
Quelle: https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/ChekhovsGun

Dieses einfache Prinzip findet vor allem in Krimis gerne Anwendung. Die meisten Autoren machen sich nämlich eben diese Denkweise ihrer Leser zu Nutze. Wenn ich weiß, dass meine Leser in allem, was ich in meiner Geschichte erwähne, einen wichtigen Hinweis zur Lösung des großen Rätsels vermuten, dann kann ich auch bewusst falsche Hinweise streuen um den Leser auf falsche Fährten zu locken. Z.B. kann der Protagonist nach einer Kneipenschlägerei auf dem Tresen der Bar ein Glas Whiskey, einen Knopf und einen Schlüssel finden. Als aufmerksamer Leser würde mir vermutlich zuerst der Schlüssel im Gedächtnis bleiben. Vielleicht würde ich auch vermuten, dass der Whiskey in dem Glas vergiftet war. An den Knopf als relevanten Gegenstand würde ich allerdings nicht denken, zumal der wohl nur in dem Gerangel von einem Hemd abgerissen wurde.


Der Genius des Masashi Kishimoto
Diesen Namen hat vermutlich noch niemand von euch gehört. Masashi Kishimoto ist ein sogenannter Mangaka, ein japanischer Comic (Manga)-Autor. Was ihr aber vielleicht schon einmal gehört oder gelesen habt ist der Titel seines bekanntesten Werkes: „Naruto“. Ich will keine Werbung für den Manga oder Anime machen, daher werde ich auf den weitestgehend nicht eingehen. Worum es mir geht ist die Art und Weise, wie Kishimoto seine Geschichte schreibt.
Ein paar von euch wissen vielleicht, dass es sich bei Naruto um eine sogenannte Endlos-Geschichte handelt. Das heißt, die Geschichte hat kein richtiges Ziel und ist in verschiedene Einzelgeschichten eingeteilt, die im Gesamten eine fortlaufende Handlung ergeben. Das ist etwa vergleichbar mit einer Bücherreiche, deren einzelne Bücher zwar in sich abgeschlossen sind, gesamt gesehen aber eine fortlaufende Handlung erzählen. Bei Mangas wird i.d.R. jede Woche ein neues Kapitel von etwa 20 Comic-Seiten in einem Magazin in Japan veröffentlicht. Da die Geschichte mit nun 700 Kapiteln á 20 Seiten endlich ein Ende gefunden hat, kann sich wohl jeder selbst ein Bild davon machen, wie lang solch eine Geschichte gehen kann. Und genau das wirft ein großes Problem für den Autor auf. Denn eine solch lange Geschichte ist unmöglich am Stück durchzuplanen. Die Geschichte beginnt mit einer Teilgeschichte und führt dann zur nächsten und dann zur übernächsten. Das bedeutet, dass viele Plotstränge noch gar nicht ausgedacht sind und man noch nicht weiß, wohin es die Charaktere als nächstes verschlägt. Gleichzeitig wird es schwer für den Autor etwas wirklich gravierendes an der Geschichte zu verändern, wie z.B. durch den Tod eines Charakters, aber auch durch Plot-Twists und -Turns. Man ist als Autor in seinen Möglichkeiten stark limitiert und das macht das Schreiben nicht einfacher.
Doch Masashi Kishimoto hat dafür eine einfache Lösung gefunden, die so simpel ist, dass sie schon wieder genial ist. Der Trick dabei ist, in seiner Geschichte Sandkörner zu verstreuen auf die man später im Bedarfsfall zurückgreifen kann. So kann man die o.g. Waffe bspw. beiläufig erwähnen und sich später einen Plot dazu ausdenken. Wenn man dann einen Charakter hat, von dem man als Autor noch unschlüssig ist, was man mit ihm anfangen soll, kann man sich auf eben diese Waffe beziehen und daraus eine Nebengeschichte spinnen. Kishimoto hat das in seinen Geschichten sogar so weit perfektioniert, dass er es sogar geschafft hat, offensichtliche Bösewichte zu Guten umzuschreiben und es auch noch so aussehen zu lassen, als wäre dieser Twist von langer Hand geplant gewesen.
Ich denke, dass dieser kleine Trick auch für kürzere Geschichten durchaus nützlich ist, falls man sich mal in eine Ecke geschrieben haben sollte, aus der man keinen Ausweg weiß.


Der schmale Grad zwischen Genialität und Nonsens
Soweit so gut, doch auch dieses Schwert hat zwei Schneiden. Ich habe bereits zu anfangs erwähnt, dass Dinge, die nicht relevant sind, nicht in die Geschichte gehören. Diese Aussage steht offenkundig in ziemlichem Kontrast zu dem, was ich sonst geschrieben habe. Trotzdem stehe ich zu dieser Aussage und das hat einen einfachen Grund. Viele Autoren von Büchern und Filmen, vor allem aus dem Fantasy-Genre neigen leider dazu sich in Nebengeschichten zu verlieren. Ich bin mir darüber im Klaren, dass viele große Geschichten von ihren Details leben, welche die Welt erst richtig handfest machen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Harry Potter-Bände. Das gesamten Bücher sind, so toll ich sie auch finde, von kleinen Dingen durchzogen, die am Ende des Tages leider nirgendwohin führen. Wir haben viele magische Besonderheiten, wie die verzauberte Decke in der große Halle von Hogwarts, Geister, Quidditsch, Schokoladenfrösche, usw. Das ist alles nett und macht die Bücherreihe irgendwie zu etwas besonderem. Ich für meinen Teil finde aber, das ist viel zu viel Schnickschnack. Besonders die Quidditsch-Spiele haben einfach keine richtige Relevanz, besonders in den späteren Bänden. Die Spiele könnten bis auf ein oder zwei komplett gestrichen werden. Und auch wenn ich selbst beim Lesen mitgefiebert habe, kosten sie letztlich nur Zeit und Nerven, wenn man sich das Spiel zum x-ten Mal durchlesen muss.
Das heißt aber nicht, dass man solche Feinheiten beim Schreiben gänzlich weglassen soll. Der Punkt um den es mir geht ist, dass man es einfach nicht übertreiben soll und die Nebengeschichten jeweils eine Relevanz für die Hauptgeschichte haben sollte. Ich für meinen Teil kenne kaum Nervigeres als mehrere Seiten oder gar Kapitel irgend einem Nonsens zu folgen, der am Ende des Tages einfach fallen gelassen wird. Wenn es für die Geschichte relevant ist, dann baut es ein. Wenn nicht, dann lasst es bitte weg oder haltet es zumindest in Maßen.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Man muss, wenn man so eine Endlos-Reihe vorhat, nichts gezielt einstreuen - in jeder Geschichte, auch in sehr dicht gewebten, gibt es Elemente, die man für neue Geschichte benutzen kann.
 
Da gebe ich dir recht. In einer halbwegs gut geschriebenen Geschichte sollte es mehr als genug Material geben, auf das man zurück greifen kann. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass das oftmals doch schwieriger ist, als man denkt, vor allem, wenn man kein so geübter bzw. erfahrener Schreiber. Ich denke, jeder, der schon ein oder mehrere Geschichten geschrieben hat, war auch schon einmal in der Situation, in der man sich in eine Ecke geschrieben hat und nicht mehr genau weiß, wie man da wieder raus kommt. Und ich finde, da kann ein beiläufig auf Seite 43 erwähnter Schlüssel oder ein Notizblatt durchaus hilfreich sein, auf das man in solch einem Fall zurückgreifen und auf diesem eine Nebengeschichte aufbauen kann. Besonders, wenn Teile der Geschichte bereits veröffentlicht wurden und nur noch durch einen Retcon zu ändern wären.
 

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