Beate B.

Randnotiz

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Ich öffne mein Handy am Morgen. Signal. Ich weiß, dass ich das nicht tun soll, nicht am Morgen. Ich erwarte keine Nachricht. Ihr Name blitzt auf: Beate B. Eine Sprachnachricht. Ich erschrecke, schließe die App wieder.
Erst eine Stunde später nehme ich das Handy erneut. Die Nachricht ist noch da. Zwei Minuten fünfunddreißig. Ich drücke auf Play.

Das letzte Mal. Vor einem Jahr. Januar. Wir sitzen in dem Café in Pasing, in dem wir uns immer getroffen haben. Riesige Lampen in Goldgelb und Dunkelgrün, die knapp über den Tischen enden. Vor mir ein Glas Wasser mit Sprudel. Vor Beate ein Cappuccino, auch im Glas, mit Strohhalm. Sie besteht darauf, ihren Cappuccino durch einen Strohhalm zu trinken.
Dieses Mal ist es friedlich zwischen uns. Das letzte Mal hatten wir gestritten.
“Ich bin so froh, dass das nicht zwischen uns steht”, sagt sie. „Wirklich nicht?“
Zum dritten Mal heute. “Ich will nicht, dass das zwischen uns steht.”
Wir reden über Politik. Über die Ukraine, den Krieg, der damals fast drei Jahre andauert. Über Russland und wie es Desinformation in Deutschland verbreitet. Da sind wir uns einig. Beate leitet die Europäische Akademie, ihre Aufgabe ist es, die EU zu erklären. Russland, das ist die Bedrohung dieser Zeit. Mein Thema als Journalistin ist Russland und die Ukraine. Zu diesem Thema gibt es keinen Streit zwischen uns.
Beate nimmt ihr Glas, ihre Hände schmal und porzellanweiß, führt den Strohhalm zum Mund. Ihre Fingernägel sind rosa lackiert. Das Jackett hat exakt dieselbe Farbe wie die Fingernägel. Der Rock ist eine Nuance dunkler. Die Schuhe braun, passend zu beiden Farbtönen. Ihr Bob sitzt perfekt, der Pony akkurat geschnitten.
Und dennoch denke ich mir auch dieses Mal wieder, dass irgendetwas an ihr nicht stimmig ist.





Der Besuch. Es ist November. Es ist kalt. Beate steht vor meiner Tür, ihr schmaler, kleiner Körper verschwindet in dem teuren, karamellfarbenen Kaschmirmantel. Der Gürtel um ihre Taille scheint sich nicht so eng schnallen zu lassen, dass er ihren Körper berühren kann. Ich hänge den weichen Mantel in die Garderobe, streiche über das glatte, kalte Kaschmir.
Beate kommt zu mir in meine frisch renovierte Wohnung. Weiße Wände, hellrosaStühle mit Kordbezug, ein Bild an der Wand, ein großer leerer Raum, alter Parkettboden, frisch abgeschliffen. Ich bin stolz.
Mit der Bahn, mit den Öffentlichen sei sie gekommen, erzählt sie. Erst mit der U-Bahn und dann mit dem Bus, dann sei sie gegangen. Sie habe es genossen unter all den normalen Menschen. Habe beobachtet, wie sie verhielten. Der Busfahrer habe sie ganz erstaunt angelächelt, als sie ihn gefragt habe, wie es ihm gehe.
Beate nimmt an dem Tisch Platz, der ganz nah am vorhanglosen Fenster steht. Ich habe ihr meinen Lieblingsstuhl angeboten, mit Blick auf den Garten.
Auf den Tisch legt sie ein kleines Geschenk, eingepackt in pinkes Geschenkpapier. Ich öffne es. Darin ist eine kleine Kerze in einem grauen Ständer. Ein Kärtchen ist darin eingeklemmt. „Lagerfeuer To Go.“ Ich spüre ihren Blick auf meinem Gesicht, wie sie mein erstauntes Auflachen beobachtet. Dann legt sie ein zweites kleines Päckchen auf die Holzplatte meines kleinen Küchentisches. „Elektrischer Milchaufschäumer“, „Tchibo“ lese ich. "Dann kann ich immer, wenn ich bei dir bin, meine Milch aufschäumen." Von ihren zehn mitgebrachten Strohhalmen verbraucht sie an diesem Nachmittag nur einen.
An diesem Tag erzählt sie mir davon, dass sie früher nicht so sehr auf ihre Kleidung geachtet hat wie jetzt. Dass sie früher eine andere war. Sie fährt durch ihren glatt geföhnten Bob, wie immer perfekt gerade. Die mittelblond gefärbten Haare rahmen ihr porzellanfarbenes Gesicht ein. Ich sehe den hellen Schimmer vom Puder auf der Haut. Er hat sich leicht in die Falten um ihre Augen abgesetzt. Nicht auf der glatten Stirn. Beate ist genau 10 Jahre älter als ich. Kurze Haare habe sie früher gehabt, erzählt sie. Ganz kurz, dunkel. Wenn sie aus dem Haus gegangen sei, da habe sie gehofft, dass keiner sie anschaue. Und deshalb genieße sie es jetzt so, all ihre Kleider, all ihre Farben, all ihre Kombinationen. Jeden Morgen stehe sie auf und wähle mit Bedacht den Rock passend zur Bluse, passend zu den Schuhen, passend zum Make-up. Ihr Kleid heute hat ein Karomuster. Hellgelb und so karamellbraun wie der Mantel und die hochhackigen Stiefel.
Wir reden darüber, dass wir Angst haben davor, dass Donald Trump bald wieder gewählt wird. Wir fragen uns, wie wir es überstehen sollen, wenn Friedrich Merz Bundeskanzler im neuen Jahr wird. Beate zeigt mir die leichten Narben in ihren Augenlidern. Auf jeder Seite 7 kleine Punkte mit Nadeln, habe die Kosmetikerin dort hinein gestochen. Straffung, Verjüngung. „Für mich sind das Experimente, ich will wissen, wie mein Körper reagiert.“
Als sie nach drei Stunden geht, fängt es an zu dämmern. Die Luft riecht nach Winterkälte. Ich sehe Beate nach, wie sie sich von meiner Haustür entfernt, höre das Klack Klack, der Absätze auf dem Stein. Noch, als ich schon wieder nach oben gegangen bin, mich kurz auf Stuhl setze, der noch warm ist von Beate, glaube ich das Klack, Klack zu hören.
Ich stehe auf, nehme den Milchaufschäumer, den sie benutzt hat, um ihren Milchschaum aufzuschäumen. Hier bei mir. Ich reinige ihn und packe ihn wieder sorgfältig in die Plastikfolie und in die Originalverpackung zurück. Kurze denke ich darüber nach, ob die Frau an der Kasse bei Tchibo ihn so auch ohne Kassenbeleg zurücknehme würde. Habe ich es da schon geahnt?

Wie oft sitzen wir beide zusammen im Café in diesem halben Jahr? Insgesamt bestimmt zehnmal. Nicht weniger, aber auch nicht öfter. Meistens im Cotidano in Pasing unter den goldenen Lampen, manchmal auch im Café Kosmos auf harten Holzstühlen im Zentrum von München.
Einmal kommt Beate an, ein helllila Kleid zu weiß-lila Stiefeletten mit einer Perlenkette um den Hals. Sie legt mir ein schweres Buch vor die Nase. Liv Strömquist. "Du musst sie sehen." Sie blättert das Buch auf und zeigt mir die Comics. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, Comics zu lesen. Mich lächelt eine bunte Marge Simpson an, die ein Bier in der Hand hält und rülpst. "Homer, bring mir noch ein Bier", steht in der Sprechblase. Homer Simpson steht mit der kleinen Tochter in der Hand da. Eine Küchenschürze um die erschlankte Hüfte. In seiner Sprechblase steht: „Schatz, ich hole dir sofort ein Bier. Ich hätte selbst daran denken können. Verzeih.“ In seiner Denkblase steht: "Ich muss meine dicke, rülpsende Frau lieben, ich muss meine dicke, rülpsende Frau lieben." Ich spüre, wie Beate mein Lächeln beobachtet.
Wir erzählen uns gegenseitig, was wir mit alten weißen Männern erleben. Beate beschreibt, wie sie als Leiterin der Europaakademie behandelt wird, wenn sie in CSU-Runden etwas zu Putin oder der EU erklärt. Die anzüglichen Blicke, wie sie diese wegschiebt mit klaren Argumenten und einer kühlen Sprache. Über Jahre haben sie das trainiert. Ganz nebenbei erwähnt sie diese Details. Der dicke CSU-Vorsitzende, der sich um den Europaausschuss kümmert, der frisst wie ein Schwein. Soße tropft aus seinen Mundwinkeln, erst nach quälend langen Minuten wischt er sich diese ab. Wir müssen beide lachen.
Ich gestehe Beate, dass ich öffentliche Auftritte wie bei unserem Kennenlernen hasse, dass ich TV-Schalten fürchte, aber dass ich das alles mache, weil ich nicht will, dass ich als Frau meinen Platz räume und ihn einem Mann gebe. Ich versichere ihr und mir, dass ich verstanden habe, dass wir mutig sein müssen.
Wir reden auch über unsere kleinen Absonderlichkeiten. Ich erzähle Beate, dass ich nie Salz esse und dass ich eine Freundin wieder ausgeladen habe, weil ich keine Lust hatte, für sie zu kochen. Ich erzähle ihr, wie sehr ich die Stille liebe und dass ich auf Geschäftsreisen immer eine Ausrede erfinde, um nicht mit den Kollegen Abendessen zu müssen. Ich gestehe ihr, dass ich essende Menschen abscheulich anzusehen finde.
Beate erzählt mir, dass sie ebenso nicht gerne kocht, noch nicht einmal für ihre Kinder. Sie erzählt mir von ihrem Marlene-Bett, ein Bett, das man ausklappen kann. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sobald ihre Kinder bei ihrem Ex-Mann sind, klappt sie das Bett aus, richtet auf einem kleinen Tablett Käse her und Pralinen und auch ein Glas Sekt. Dann schaltet sie den Fernseher ein. Dabei isst sie abwechselnd Käse, Pralinen und trinkt einen Schluck Sekt. Ich betrachte dabei ihren schmalen Körper, der noch dünner ist als mein eigener.
Einmal komme ich nach Hause und schreibe in mein Tagebuch: "Mit Beate vergeht die Zeit wie im Flug. Ich mag sie gerne. Ich spüre immer wieder, wie gut mir soziale Kontakte tun, auch wenn ich keine Lust dazu habe."
Und noch ein paar Mal schreibe ich in mein Tagebuch über Beate. Insgesamt vielleicht fünfmal. Nicht weniger, aber auch nicht öfter. Ende Oktober notiere ich es zum ersten Mal: "Mit Beate war es wie immer schön. Sie hat sicher eine dunkle und schwierige Seite. Es liegt in ihren Andeutungen. Wenn sie sagt, dass es ihr länger nicht gut ging. Wenn sie eindringlich sagt, dass sie mich sehen will. Wie sie es ausspricht: 'Du willst mich schon sehen, oder? Ich will nicht, dass wir uns so lange nicht mehr sehen!' Der Unterton ihrer Stimme. Fühle mich dennoch geschmeichelt. Vielleicht ist das Ganze einfach spannend.“

Abend. Eine WhatsApp von Beate. Darin ein Link. Ich öffne ihn. Svenja Flaßpöhler, eine bekannte Philosophin. Der Artikel ist von 2018. Es geht um die MeToo-Debatte.
Ich bin müde nach dem langen Tag. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Dann lese ich diesen Satz:
"Situationen laufen so, wie sie laufen, Frauen sind erstaunlich reaktionsarm in den Situationen, und hinterher wird dann also ein Tweet abgesetzt – #metoo – der dann über die Öffentlichkeit gespielt wird."
Eine große Wut sammelt sich in meinem Bauch. Ich atme tief durch. Gehe ins Bett. In drei Tagen werde ich Beate sehen.
Das Café in Pasing. Es geht um Rammstein. Um Till Lindemann und die Vorwürfe: Frauen aus der Front Row sollen hinter die Bühne geführt worden sein. Dort zu Sex genötigt worden sein, mit oder ohne Betäubung.
Ich kann nicht anders, ich muss sofort darauf zu sprechen kommen. Auf den von ihr geschickten Artikel.
"Beate, das ist Täter-Opfer-Umkehr. Die Frauen sind nicht Täterinnen, weil sie sich nicht gewehrt haben."
"Aber die Frauen hatten doch Spielraum", sagt Beate. "Sie hätten nicht in die Front Row gehen müssen. Sie hätten gewusst, was passiert, wenn sie mit dieser Agentin mitgehen. Sie hätten sich wehren können."
Beate war selbst auf einem Rammstein-Konzerten in München gewesen, kurz nach den Vorwürfen.
"Das ist doch die Struktur, das ist das Patriarchat. Das ist das perverse System, das wir als Frauen ändern müssen. Wir müssen zusammenhalten."
Ich bin leidenschaftlicher, hitziger als je zuvor. Ich will, dass Beate meinen Punkt versteht. Vielleicht auch, weil sie Dr. Beate B. ist. Ich möchte nicht nachgeben.
Ich beobachte, wie ihr porzellanartiges Gesicht hinter dem Make-up noch blasser wird, wie ihre hellen Augen einen erschrockenen Glanz bekommen, den ich zuvor noch nie gesehen habe. Wie sie in dem Moment fast noch ein bisschen mehr zu einem Mädchen wird, zu einem puppenhaften Mädchen wird, obwohl sie zehn Jahre älter ist als ich.
Später sagt sie: "Ich hatte immer wieder Frauen, die gegen mich gearbeitet haben in meiner Karriere."
Sie bestellt ihre Latte Macchiato mit Strohhalm, wir wechseln das Thema.
Als ich an diesem Abend nach Hause komme, habe ich eine Sprachnachricht von ihr auf WhatsApp. Ich höre Unsicherheit in ihrer Stimme.
"Ich hoffe, dass du mich jetzt nicht als eine dieser Flaßpöhler-Frauen siehst. Dann würde ich mich von dir falsch gesehen fühlen.“
Sie verspricht mir, dass sie ab jetzt öfter an die Täter-Opfer-Umkehr denken wird, dass sie das tun muss. Und immer wieder sagt sie "unser Streit". Sie beschwört unseren Streit und betont, dass er unsere Freundschaft stärker machen werde, dass er zeige, dass unsere Freundschaft wirklich bestehen würde. Dass es ein Beweis sei, wie gern sie mich habe, weil sie sich in einem Streit so öffnen könne, sagen könne, was sie wirklich denke.
Ich lege an diesem Abend das Handy weg. Antworte ihr erst am nächsten Morgen. Ich schreibe ihr, dass alles gut sei, dass sie sich keine Sorgen machen brauche.
Und in dem Moment denke ich das auch.

Unser Kennenlernen. "Wir müssen uns unbedingt wiedersehen."
Dr. Beate B. lächelt mich an. Trotz ihrer hochhackigen Schuhe ist sie ungefähr einen Kopf kleiner als ich.
Eine Stunde zuvor. Wir sitzen auf der Bühne, im großen Saal. Es riecht nach Pubertät. Dieser Geruch, wenn viele warme Körper mit Zahnspangen im Mund in einem Raum sitzen, kichern, lachen und eigentlich gar nicht zuhören wollen. Ungefähr 400 16-Jährige. Vor der Europawahl sollen wir ihnen Europa erklären.
Ich sitze auf dem linken Stuhl, Reporterin, Leiterin des bekannten TV-Auslandsmagazins, wie immer in Jeans, in einem grauen Hemd, wie immer fast ungeschminkt. Einen Hauch Kajal, etwas Lippenstift, mehr nie. Auf dem rechten Stuhl Dr. Beate B., die Leiterin der Europaakademie. Ihr Make-up sitzt perfekt, ihre Haut porzellanweiß. Die hochhackigen Schuhe sind mir gleich als erstes aufgefallen, als wir uns vor einer halben Stunde kennengelernt haben. Zehn Zentimeter hochhackige Stiefel, Overknee-Stiefel aus beigem Leder. Sie enden kurz unter dem kurzen Rock. Aus der Zeit gefallen, denke ich kurz.
Gerade sind wir beim Thema Migration. Wir sprechen über die Forderungen der CSU, der Grünen und der AfD. Sichere Herkunftsstaaten, Abschiebungen. Ein Jugendlicher meldet sich, ohne Zahnspange, dafür mit einem Haarreif. "Was sind denn sichere Herkunftsstaaten?"
Die Moderatorin reicht das Mikrofon an mich. Ich weiß es nicht:
"Also, sichere Herkunftsstaaten..."
Ich höre die tiefe, angenehme, dunkle Stimme von Dr. Beate B. die mir beispringt:
"Sichere Herkunftsstaaten, diese Frage kann man kaum beantworten. Jedes Land hat da eine eigene Definition. Deutschland definiert zum Beispiel Albanien, Bosnien-Herzegowina oder Georgien als sichere Herkunftsstaaten und noch einige andere. Aber schon in Österreich sind das wieder ganz andere Länder. Das ist ja ein Grund für das ganze Chaos."
Ich bin ihrer Stimme dankbar. Diese warme, ehrliche Stimme, die gar nicht zu ihrem puppenhaften, künstlichen Äußeren zu passen scheint.
Nach der Stunde stehen wir vor zwei leeren Stühlen. Die Jugendlichen sind längst nach draußen gegangen, um zu rauchen und TikTok-Videos anzuschauen.
Beate fragt mich nach meinen Aufenthalten in Kiew, wie es mir da ging, als ich vor Ort war, wie ich mit der Gefahr umgehe. Ich frage sie, was sie genau bei der Europaakademie macht. Ich denke, sie will zusammenarbeiten. Russland, die EU, vielleicht ein Interview mit ihr als Expertin.
Und dann schaut sie mich an und sagt: "Zwischen uns matcht es."
Ich nicke.


Der 11. Februar verändert mein Leben komplett. Ich stehe im Woolworth, als ich es erfahre. Ich lese eine Signalnachricht von meiner Mutter. Da steht: Prostata oder Blasenkarzinom. Karzinom hat sie falsch geschrieben, mit zwei R und einem N am Ende.
Am 13. Februar schickt mir Beate eine Nachricht. Wieder Signal. Sie schickt mir ein Foto, ein Selfie von sich. Sie hat plötzlich dunkelbraune Haare. Das Hellblond ist zu einem Dunkelbraun geworden. Der Farbton meiner Haare. Der Bob ist wieder glatt geföhnt, das Gesicht wie immer porzellanweiß. Sie schreibt, dass sie sich sehr freut, wenn wir uns am Sonntag sehen. Ob wir zusammen das TV-Duell anschauen können.
Ich sehe das Bild und schließe Signal wieder.
Erst am 15. Februar, zwei Tage später, öffne ich Signal. Ich bin auf dem Weg zur Münchner Sicherheitskonferenz. Ich werde dort arbeiten, egal was gerade passiert ist. Meine Eltern wollen, dass ich dort arbeite. Meine Mutter und auch mein Vater, mit dem ich noch kein einziges Wort sprechen konnte, seitdem er von dieser Diagnose erfahren hat. Und ich selbst weiß nichts anderes zu tun, als zu arbeiten.
Am 15. Februar muss ich Drehs abbrechen, weil ich so weinen muss. Der Exilrusse, den wir interviewen, schaut mich ganz erstaunt an, als ich schluchze und weine und in einen der Seitengänge verschwinde. Ich weine hemmungslos, um mich herum lauter Menschen. Mein Co-Autor dreht ohne mich weiter, streicht mir immer wieder über die Schultern, die sich schütteln vor Weinkrämpfen. Ich kenne das nicht, dass ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.
An diesem Nachmittag, als ich keine Träne mehr habe, öffne ich Signal, sehe das Bild von Beate und drücke den Playknopf, um ihr zu antworten. Ich sage ihr, dass mein Vater eine Diagnose bekommen hat, dass wir nicht wissen, wie es weitergeht, dass ich nicht weiß, wann ich ihn sehen kann, dass ich jederzeit bereit sein muss, zu ihm nach Hause zu fahren.
Ungefähr eine halbe Stunde später blinkt das Zeichen bei Signal auf. Plus eins. Plus eine neue Nachricht.
Beate schickt mir eine Sprachnachricht.
"Ach, das tut mir aber sehr leid. Ich hatte auch einen stressigen Tag. Die Kollegin, die mich so nervt, die ist wirklich so schwierig. Ich habe jetzt richtig Kopfschmerzen."
In diesem Moment schalte ich die Sprachnachricht einfach ab.
Danach haben Beate und ich uns nie wieder gesehen. Sie hat mir geschrieben. Sie hat mich gefragt, wie es mir geht, wie es meinem Vater geht, wie sie mir helfen kann, wie sie mir eine Freundin sein kann. Ich überfliege ihre Nachrichten, die im Abstand von zunächst Wochen und dann Monaten kommen, bevor ich antworte. Immer gleich: „Meine Priorität ist gerade eine andere. Ich bitte dich, das zu respektieren. All meine Zeit neben der Arbeit brauche ich jetzt für meine Familie."
Dann kommen keine Nachrichten mehr. Als ich einen Newsletter von der Europakademie bekomme, rund 7 Monate später, schreibe ich folgende Zeilen am Abend in mein Tagebuch: „Ich fühle mich fast befreit von Beate, obwohl ich sie mochte. Ich kann mir diese Treffen nicht mehr vorstellen."


Jetzt. Ich nehme das Handy wieder zur Hand. Noch einmal höre ich mir die Sprachnachricht von Beate an. Ich drücke den Play-Knopf und will schon anfangen zu sprechen. Dann lasse ich ihn wieder los.
Bevor ich Beate diese Nachricht schicke, will ich mir sicher sein. Ich scrolle nach oben in den Februar, zum 11., zum 13. Ich finde ihr Selfie vom 13. Februar, höre mir noch einmal ihre Nachricht an. Ich spüre wieder diese Wut, dieses Unverständnis.
Dann höre ich meine Nachricht an, die ich ihr davor geschickt habe. Ich höre meine Stimme. Sie klingt locker, leicht, fast fröhlich, fast so, als ob ich lächle, während ich sage, dass mein Vater eine Diagnose bekommen hat, dass wir nichts wissen, dass ich nicht versprechen kann, wann wir uns wiedersehen können. Der Inhalt stimmt, aber die Stimme meiner Botschaft, sie ist falsch.
Ich scrolle zurück nach unten. Ich schaue auf das Blau der Nachricht von heute Morgen. Dann drücke ich den Play-Knopf.
 
Hallo Randnotiz,
hat mich nachdenklich gemacht. Superbedrückende Geschichte. Eine Freundschaft, die nie angefangen hat. Erinnert mich an vieles von mir selber. Bei den beiden Freundinnen läuft es einfach nicht. Alles bleibt förmlich, obwohl sie sich Mühe geben alle beide. Der gute Wille ist da. Mit Freundschaft ist es vielleicht auch wie mit Liebe. Irgendwas Unbewusstes ist da im Spiel. Das man nicht steuern kann. Entweder es geht, oder es geht nicht.

Die Band, die Du erwähnst. Das ging mir auch sehr nahe, da sie aus dem Osten sind. Ich kenne manche Mitglieder schon aus Ostberlin, mehr vom Sehen, aus dem Franken. Drei davon sind wahrscheinlich Täter. Mir kam es schon komisch vor, dass der eine, dem ein Haus gehört, einfach die Miete für das Café unten um fünfzig Prozent erhöht hatte. Die Frau musste aufgeben. Er war mal Punk und hat von der Hand in den Mund gelebt. Seh Dir mal "flüstern&schreien" an. Und was ist jetzt mit ihm? Und gegen ebendiesen gehen ja auch die Hauptvorwürfe.

Nochmal zur Freundschaft. Es ist schon merkwürdig, dass sich immer nur Frauen anfreunden, die in der selben Situation sind, sozial wie beruflich. Entweder beide liiert oder beide solo, entweder in ungesicherten Verhältnissen oder abgefedert. Sie wollen wohl nichts falsch machen. Bei Männern ist das etwas anders. Die wollen einfach leben und denken sich, man kann nicht ins Wasser gehen, ohne nass zu werden. Außerdem sind sie in der richtigen Annahme, dass ein weiter Bekanntenkreis nur von Nutzen sein kann. Viele hätten vielleicht nie ein Buch drucken können oder eine Ausstellung organisieren können, wenn sie nicht hunderttausend Leute gekannt hätten. Diese Connections fehlen uns.

Mal was Lustiges. Hat mich doch mal eine Freundin von außerhalb besucht, als ich gerade pleite war. Kurz vor Zahltag. Sie musste mir zwei Bier und ne Bockwurst ausgeben, im besetzten Haus. Vielleicht insgesamt fünf Euro. Das hat sie so schockiert, dass sie sich nie wieder blicken gelassen hat. Peinlich. Wir Frauen sind zu Geiz erzogen. Champagner für alle ist nicht unser Ding. Mich würde mal interessiert haben, was Beate gemacht hätte, wenn ihre Wahlfreundin in ernsthafte Schwierigkeiten gekommen wäre.
Das mit dem Vater ist mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Ich finde auch genial, wie Du beschrieben hast, wie die Beiden immer vor ihrem Latte sitzen. Irgendwie wollen sie Bindung aber irgendwie auch nicht.Gruß Frieda
 

Randnotiz

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Hallo Randnotiz,
hat mich nachdenklich gemacht. Superbedrückende Geschichte. Eine Freundschaft, die nie angefangen hat. Erinnert mich an vieles von mir selber. Bei den beiden Freundinnen läuft es einfach nicht. Alles bleibt förmlich, obwohl sie sich Mühe geben alle beide. Der gute Wille ist da. Mit Freundschaft ist es vielleicht auch wie mit Liebe. Irgendwas Unbewusstes ist da im Spiel. Das man nicht steuern kann. Entweder es geht, oder es geht nicht.

Die Band, die Du erwähnst. Das ging mir auch sehr nahe, da sie aus dem Osten sind. Ich kenne manche Mitglieder schon aus Ostberlin, mehr vom Sehen, aus dem Franken. Drei davon sind wahrscheinlich Täter. Mir kam es schon komisch vor, dass der eine, dem ein Haus gehört, einfach die Miete für das Café unten um fünfzig Prozent erhöht hatte. Die Frau musste aufgeben. Er war mal Punk und hat von der Hand in den Mund gelebt. Seh Dir mal "flüstern&schreien" an. Und was ist jetzt mit ihm? Und gegen ebendiesen gehen ja auch die Hauptvorwürfe.

Nochmal zur Freundschaft. Es ist schon merkwürdig, dass sich immer nur Frauen anfreunden, die in der selben Situation sind, sozial wie beruflich. Entweder beide liiert oder beide solo, entweder in ungesicherten Verhältnissen oder abgefedert. Sie wollen wohl nichts falsch machen. Bei Männern ist das etwas anders. Die wollen einfach leben und denken sich, man kann nicht ins Wasser gehen, ohne nass zu werden. Außerdem sind sie in der richtigen Annahme, dass ein weiter Bekanntenkreis nur von Nutzen sein kann. Viele hätten vielleicht nie ein Buch drucken können oder eine Ausstellung organisieren können, wenn sie nicht hunderttausend Leute gekannt hätten. Diese Connections fehlen uns.

Mal was Lustiges. Hat mich doch mal eine Freundin von außerhalb besucht, als ich gerade pleite war. Kurz vor Zahltag. Sie musste mir zwei Bier und ne Bockwurst ausgeben, im besetzten Haus. Vielleicht insgesamt fünf Euro. Das hat sie so schockiert, dass sie sich nie wieder blicken gelassen hat. Peinlich. Wir Frauen sind zu Geiz erzogen. Champagner für alle ist nicht unser Ding. Mich würde mal interessiert haben, was Beate gemacht hätte, wenn ihre Wahlfreundin in ernsthafte Schwierigkeiten gekommen wäre.
Das mit dem Vater ist mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Ich finde auch genial, wie Du beschrieben hast, wie die Beiden immer vor ihrem Latte sitzen. Irgendwie wollen sie Bindung aber irgendwie auch nicht.Gruß Frieda

Liebe Frieda,
vielen Dank für deinen ausführlichen und nachdenklichen Kommentar! Es freut mich sehr, dass die Geschichte bei dir so viel ausgelöst hat.
Du hast den Kern der Geschichte wirklich gut erfasst – dieses Unbewusste, das du beschreibst, bei dem man einfach nicht steuern kann, ob es funktioniert oder nicht. Genau das wollte ich zeigen: zwei Menschen, die sich wirklich Mühe geben, aber es passt einfach nicht. Wie du sagst, wie bei der Liebe auch.
Was die Band angeht: Krass, dass du die Leute persönlich kennst! Diese Transformation von Punk zu Vermieter, der die Miete um fünfzig Prozent erhöht – das ist schon bitter. “flüstern&schreien” kenne ich, ein wichtiger Film. Es ist erschreckend, wie sich Menschen verändern können.
Deine Beobachtung zu den Frauenfreundschaften finde ich sehr interessant. Das mit dem “gleichen Level” stimmt schon oft. Männer gehen da tatsächlich pragmatischer ran. Diese Connections, die du beschreibst, fehlen uns wirklich häufig.
Deine Anekdote mit der Freundin und der Bockwurst ist gleichzeitig lustig und traurig. Wegen fünf Euro den Kontakt abbrechen? Das sagt viel aus. Und ja, die Frage, was Beate in einer echten Krise gemacht hätte, ist berechtigt – wahrscheinlich nichts Gutes.
Zum Vater: Die Geschichte ist tatsächlich genauso passiert, auch das mit meinem Vater. Ich verstehe, dass es konstruiert wirken kann, aber manchmal ist die Realität seltsamer als Fiktion.
Die Latte-Szenen – danke! Genau dieses Bild wollte ich: zwei Menschen, die rituell zusammenkommen, aber eigentlich aneinander vorbeileben.
Liebe Grüße
Randnotiz
 



 
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