Begegnung am Kreuzmast

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Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Begegnung am Kreuzmast
(für Hagen))


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dümpelten noch etliche andere Großsegler entlang der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen wird die alljährliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollen angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen früh heißt es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hat der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und Kombüse herrichten, die Toiletten putzen und natürlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig Mühe. Und nun hing sie glänzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schruppte ich ihr die dunkelgrünen Schuppen blank. Für das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. Für die ansehnlichen Brüste benutzte ich eine Bürste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches Lächeln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
Gemütlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lächelte zurück.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem Käpt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel verträgt, drückte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche Spaziergänger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmännisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
Geschäftigkeit vortäuschend, schlenderte ich über das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die Nagelbänke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich über eine Pütz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange würde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef für morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitägigen Gehirnwäsche-Seminars werden.
Für morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da würde wieder Mal sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Inhalt all der sensiblen Seminar-Geschädigten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus Meer – gehoben mit der Pütz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen, und ich wusste, was zu tun sei. Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der Nähe des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. Während ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spürte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergründen – und da sah ich ihn. Ein Mann – etwa in meinem Alter, also die Fünfzig schon überschritten. Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestützt, verharrte er in ähnlicher Pose wie Lord Nelsen auf seiner Säule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntäglich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinärer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffällig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lässig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere Hälfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht, auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte Künstler an? Denn für einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen habe ich nichts an der Mütze. Die gehören meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzen.
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im Rücken ein kratziges „Ähähm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „Ähähm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „Für Sie mag sie doof klingen, aber…“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgültig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnädig reagieren würde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genügend Rettungsboote mitführen oder ob wir unser Kielschwein regelmäßig füttern.
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnädig zurück. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee sowas ham wir nich“, ächzte ich, während ich mich nach dem Spieker bückte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lüftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetze und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder näher und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklärte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemüht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annähernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemännischen Begriffe angelesen haben, um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glänzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann müssen Sie ein Stück die Warnow abwärts gehen. Ganz in der Nähe liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie…“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte würde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rührte sich nichts. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spürbar zunehmendem Interesse auf die Hände schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein Lämmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. Wütend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“. Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine veränderte Miene nicht entgangen sein, denn er lüpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der Nähe ansehen?“
Ich weiß bis heute noch nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe wirklich keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
Während die Nervensäge mit unsicheren Schritten über die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt würde er mir sogar aus unmittelbarer Nähe auf die Hände starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
Während ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befühlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches Lächeln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwürdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hämischste Grinsen zu dem ich fähig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstäblich ein und ich fing an, Rumfässer zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hätte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hätte. Aber während er sich mit der Leine abmühte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zählen zu dürfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zählt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft über die Segelstellung.“
Und dann erklärte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halben Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das änderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge präsentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flüsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flüsterte es zurück.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter Gedächtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen Händen starrte und immer wieder den Kopf schüttelte, da konnte er einem schon wieder leid tun. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspürte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht veränderte sich schlagartig – so, als wäre er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kühles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem Häublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den, ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, über denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den Polsterbänken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor dem vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
Während ich das Bier zapfte, sah ich wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. Vergnügt betrachtete er das Bier, das ich ihm rüber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? Wär ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr Gequäke von einer Musik-App, anstatt eine Münze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsächlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du… haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hätte.
Anstatt zu antworten, nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex! Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein Rätsel. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darüber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und während ich ihm mit der Linken das gefüllte Glas rüber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fühlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu müssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge träumt, die einem Begriffe vermittelt, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert. Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsächlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzählt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurück. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berührt, das auch mich jahrelang beschäftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemanden darüber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die Eindrücke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurück liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen Phänomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, während ich mit dem Wischlappen eine Bierpfütze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche Träume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr überzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herüber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie geträumt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die Träume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. Später habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um Gegenstände, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren Träumen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein Höllenlärm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte… und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren… und… an der Stelle wachte ich regelmäßig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drückte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine Geräusche. Es ist, als stünde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrücken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerüttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwärts noch zurück.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives Gespräch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurückzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll über den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzählen, worüber ich bislang mit noch niemanden gesprochen hatte. Doch ich fühlte, da saß mir jemand gegenüber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, während ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzählte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische Küste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzählte und unter anderem von der Felseninsel Mont Saint Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwärmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als ich allein durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kaum mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses Gefühl. In Paris war es mir ähnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetüchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgedienter Segelschiffer muss man sich so etwas angesehen haben.
Minuten später stand ich an Deck dieses Schiffes, ließ den Blick an den Masten auf- und abgleiten, strich mit der Hand über das Schanzkleid und bewunderte die verwirrende Vielfalt der Takelage. Über einen Niedergang tauchte ich in das, im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als würden sie darauf warten, dass die Freiwache herein käme, um ihre sicherlich nicht üppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die Hängematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit Rücksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese Reibgeräusche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beängstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem Lärm umgeben. Ein fürchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwährenden Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr, dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich über die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spät!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der Geschützführer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die Bordwände sich berührten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herüber, fanden Halt und drüben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein Geräusch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die Mündung eines gegnerischen Geschützes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun würde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den Geschützführer brüllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre Revolutionäre nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la republique!“ stürmte der Hüne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fürchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder Säbel. Die Engländer, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukämpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenüber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drüben die noch intakten Wanten besetzt und überschütteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. Währen ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte, stellte ich fest, dass die Engländer rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein würden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die Hälfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse überschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
Unwillkürlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefähr zwei Dutzend Männer als Verstärkung heran führte.
Mit dem Ruf: „Allons enfant de la patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurückweichenden Geschützbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch für einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kämpfen, ist ein Bajonettkämpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formatieren kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten Milchbärte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins Getümmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer über, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rückwärts über Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jämmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfüllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschädigt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen, wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. Allmählich drängten sie die Soldaten zurück.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurückweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem Säbelhieb den Schädel zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rückwärts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden Händen und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung geführter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annähernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und führte seinen Säbel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wäre. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich über Teile einer zerschossenen Nagelbank und stürzte rücklings zu Boden. Zwischen den Trümmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der Säbelspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
Unwillkürlich blickte ich in das junge Gesicht über mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark überholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustützen, währenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der Säbel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hängen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und wusste, dass nur sie mich von meiner grässlichen Angst befreien konnte. Und sei es um den Preis des Lebens.
Doch da hörte ich einen spitzen Aufschrei und sah gleichzeitig den Säbel zu Boden fallen. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich an den Verwundeten heran, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen Säbel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grässliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krächzte ich und spürte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu überwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspürte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hängenden Seil ein Stück ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. Während ich mit aller Kraft bemüht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig später: „An die Geschütze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die Backbordgeschütze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurückgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt mit einem Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten Stückpforten des Dreideckers.
Und dann brüllten sie los, die Achtzehn- und Sechsunddreißigpfünder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es über mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wüteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bücken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein Weiterkämpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und… ein furchtbarer Schlag in den Rücken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrüllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen Schulterblättern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fähig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten Engländer lag, bekam ich noch mit. Ich fühlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den Lärm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die Hände reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spürte nur, wie der bohrende Schmerz im Rücken nachließ. Mit einem Mal fühlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glücklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hüllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und Fühlen hörten auf.
Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser Wasserwüste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich über ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck meines zerschossenen Schiffes entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem Rücken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgültig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen müssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfärben. Einem schwachen Grün folgte ein kräftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fühlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhüllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir übrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten Intensität und dann… eine warme kräftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rüttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht.“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen, öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen Holzbänke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht über mir ein halbes Dutzend Hängematten.
Was für ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur geträumt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem früheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darüber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzähle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein Kopfschütteln, kein ungläubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hätte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer Bestätigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner, das Bierglas umschließenden Hände weiß wurden. Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. Während er das Gefäß hart auf die Theke zurück setzte und sich mit dem Handrücken über Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. Würde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herüber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen Messinggehäuse erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natürlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was für ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
Während er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttäuscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn über das Deck bis zur Gangway. Gern hätte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, während er über die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den Häusern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Harald seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestützt, verwandelte er sich für Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginären Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Begegnung am Kreuzmast


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dümpelten noch etliche andere Großsegler an der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen wird die alljährliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollen angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen früh heißt es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hat der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und Kombüse herrichten, die Toiletten putzen und natürlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig Mühe. Und nun hing sie glänzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schruppte ich ihr die dunkelgrünen Schuppen blank. Für das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. Für die ansehnlichen Brüste benutzte ich eine Bürste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches Lächeln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
Gemütlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lächelte zurück.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem Käpt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel verträgt, drückte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche Spaziergänger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmännisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
Geschäftigkeit vortäuschend, schlenderte ich über das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die Nagelbänke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich über eine Pütz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange würde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef für morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitägigen Gehirnwäsche-Seminars werden.
Für morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da würde wieder Mal sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Mageninhalt all der sensiblen Seminar-Geschädigten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus Meer – gehoben mit der Pütz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen, und ich wusste, was zu tun sei. Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der Nähe des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. Während ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spürte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergründen – und da sah ich ihn. Ein Mann – etwa in meinem Alter, also die Fünfzig schon überschritten. Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestützt, verharrte er in ähnlicher Pose wie Lord Nelsen auf seiner Säule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntäglich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinärer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffällig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lässig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere Hälfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht, auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte Künstler an? Denn für einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen habe ich nichts an der Mütze. Die gehören meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzen.
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im Rücken ein kratziges „Ähähm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „Ähähm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „Für Sie mag sie doof klingen, aber…“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgültig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnädig reagieren würde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genügend Rettungsboote mitführen oder ob wir unser Kielschwein regelmäßig füttern.
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnädig zurück. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee sowas ham wir nich“, ächzte ich, während ich mich nach dem Spieker bückte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lüftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetze und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder näher und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklärte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemüht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annähernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemännischen Begriffe angelesen haben, um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glänzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann müssen Sie ein Stück die Warnow abwärts gehen. Ganz in der Nähe liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie…“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte würde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rührte sich nichts. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spürbar zunehmendem Interesse auf die Hände schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein Lämmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. Wütend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“. Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine veränderte Miene nicht entgangen sein, denn er lüpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der Nähe ansehen?“
Ich weiß bis heute noch nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe wirklich keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
Während die Nervensäge mit unsicheren Schritten über die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt würde er mir sogar aus unmittelbarer Nähe auf die Hände starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
Während ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befühlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches Lächeln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwürdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hämischste Grinsen zu dem ich fähig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstäblich ein und ich fing an, Rumfässer zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hätte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hätte. Aber während er sich mit der Leine abmühte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zählen zu dürfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zählt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft über die Segelstellung.“
Und dann erklärte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halben Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das änderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge präsentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flüsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flüsterte es zurück.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter Gedächtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen Händen starrte und immer wieder den Kopf schüttelte, da konnte er einem schon wieder leid tun. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspürte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht veränderte sich schlagartig – so, als wäre er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kühles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem Häublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den, ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, über denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den Polsterbänken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor dem vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
Während ich das Bier zapfte, sah ich wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. Vergnügt betrachtete er das Bier, das ich ihm rüber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? Wär ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr Gequäke von einer Musik-App, anstatt eine Münze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsächlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du… haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hätte.
Anstatt zu antworten, nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex! Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein Rätsel. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darüber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und während ich ihm mit der Linken das gefüllte Glas rüber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fühlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu müssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge träumt, die einem Begriffe vermitteln, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert. Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsächlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzählt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurück. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berührt, das auch mich jahrelang beschäftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemanden darüber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die Eindrücke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurück liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen Phänomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, während ich mit dem Wischlappen eine Bierpfütze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche Träume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr überzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herüber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie geträumt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die Träume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. Später habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um Gegenstände, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren Träumen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein Höllenlärm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte… und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren… und… an der Stelle wachte ich regelmäßig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drückte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine Geräusche. Es ist, als stünde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrücken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerüttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwärts noch zurück.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives Gespräch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurückzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll über den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzählen, worüber ich bislang mit noch niemanden gesprochen hatte. Doch ich fühlte, da saß mir jemand gegenüber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, während ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzählte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische Küste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzählte und unter anderem von der Felseninsel Mont Saint Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwärmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als ich allein durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kam mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses Gefühl. In Paris war es mir ähnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetüchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgedienter Segelschiffer muss man sich so etwas angesehen haben.
Minuten später stand ich an Deck dieses Schiffes, ließ den Blick an den Masten auf- und abgleiten, strich mit der Hand über das Schanzkleid und bewunderte die verwirrende Vielfalt der Takelage. Über einen Niedergang tauchte ich in das, im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als würden sie darauf warten, dass die Freiwache herein käme, um ihre sicherlich nicht üppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die Hängematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit Rücksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese Reibgeräusche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beängstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem Lärm umgeben. Ein fürchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwährenden Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr, dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich über die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spät!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der Geschützführer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die Bordwände sich berührten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herüber, fanden Halt und drüben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein Geräusch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die Mündung eines gegnerischen Geschützes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun würde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den Geschützführer brüllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre Revolutionäre nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la republique!“ stürmte der Hüne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fürchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder Säbel. Die Engländer, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukämpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenüber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drüben die noch intakten Wanten besetzt und überschütteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. Währen ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte, stellte ich fest, dass die Engländer rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein würden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine, aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die Hälfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse überschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
Unwillkürlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefähr zwei Dutzend Männer als Verstärkung heran führte.
Mit dem Ruf: „Allons enfant de la patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurückweichenden Geschützbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch für einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kämpfen, ist ein Bajonettkämpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formatieren kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten Milchbärte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins Getümmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer über, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rückwärts über Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jämmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfüllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschädigt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen, wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. Allmählich drängten sie die Soldaten zurück.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurückweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem Säbelhieb den Schädel zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rückwärts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden Händen und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung geführter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annähernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und führte seinen Säbel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wäre. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich über Teile einer zerschossenen Nagelbank und stürzte rücklings zu Boden. Zwischen den Trümmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der Säbelspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
Unwillkürlich blickte ich in das junge Gesicht über mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark überholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustützen, währenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der Säbel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hängen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und wusste, dass nur sie mich von meiner grässlichen Angst befreien konnte. Und sei es um den Preis des Lebens.
hörte gleichzeitig den Säbel zu Boden poltern. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich an den Verwundeten heran, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen Säbel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grässliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krächzte ich und spürte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu überwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspürte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hängenden Seil ein Stück ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. Während ich mit aller Kraft bemüht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig später: „An die Geschütze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die Backbordgeschütze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurückgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt im Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten Stückpforten des Dreideckers.
Und dann brüllten sie los, die Achtzehn- und Sechsunddreißigpfünder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es über mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wüteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bücken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein Weiterkämpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und… ein furchtbarer Schlag in den Rücken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrüllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen Schulterblättern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fähig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten Engländer lag, bekam ich noch mit. Ich fühlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den Lärm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die Hände reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spürte nur, wie der bohrende Schmerz im Rücken nachließ. Mit einem Mal fühlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glücklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hüllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und Fühlen hörten auf.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser Wasserwüste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich über ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck der zerschossenen Fregatte entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem Rücken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgültig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen müssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfärben. Einem schwachen Grün folgte ein kräftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fühlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhüllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir übrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten Intensität und dann… eine warme kräftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rüttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht.“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen, öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen Holzbänke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht über mir ein halbes Dutzend Hängematten.
Was für ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur geträumt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem früheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darüber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzähle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein Kopfschütteln, kein ungläubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hätte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer Bestätigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner, das Bierglas umschließenden Hände weiß wurden. Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. Während er das Gefäß hart auf die Theke zurück setzte und sich mit dem Handrücken über Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. Würde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herüber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen Messinggehäuse erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natürlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was für ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
Während er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttäuscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn über das Deck bis zur Gangway. Gern hätte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, während er über die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den Häusern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Hajo seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestützt, verwandelte er sich für Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginären Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“
 

Languedoc

Mitglied
Hallo Ralph,


Mont[blue]-[/blue]Saint[blue]-[/blue]Michel (Bindestriche)
Vive la r[blue]é[/blue]publique!
Allons enfant[blue]s[/blue] de la [blue]P[/blue]atrie

- muss ich einfach anmerken
als Languedoc
;)
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Begegnung am Kreuzmast


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dümpelten noch etliche andere Großsegler an der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen wird die alljährliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollen angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen früh heißt es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hat der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und Kombüse herrichten, die Toiletten putzen und natürlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig Mühe. Und nun hing sie glänzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schruppte ich ihr die dunkelgrünen Schuppen blank. Für das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. Für die ansehnlichen Brüste benutzte ich eine Bürste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches Lächeln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
Gemütlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lächelte zurück.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem Käpt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel verträgt, drückte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche Spaziergänger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmännisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
Geschäftigkeit vortäuschend, schlenderte ich über das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die Nagelbänke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich über eine Pütz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange würde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef für morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitägigen Gehirnwäsche-Seminars werden.
Für morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da würde wieder Mal sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Mageninhalt all der sensiblen Seminar-Geschädigten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus Meer – gehoben mit der Pütz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen, und ich wusste, was zu tun sei. Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der Nähe des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. Während ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spürte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergründen – und da sah ich ihn. Ein Mann – etwa in meinem Alter, also die Fünfzig schon überschritten. Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestützt, verharrte er in ähnlicher Pose wie Lord Nelsen auf seiner Säule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntäglich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinärer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffällig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lässig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere Hälfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht, auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte Künstler an? Denn für einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen habe ich nichts an der Mütze. Die gehören meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzen.
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im Rücken ein kratziges „Ähähm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „Ähähm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „Für Sie mag sie doof klingen, aber…“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgültig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnädig reagieren würde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genügend Rettungsboote mitführen oder ob wir unser Kielschwein regelmäßig füttern.
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnädig zurück. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee sowas ham wir nich“, ächzte ich, während ich mich nach dem Spieker bückte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lüftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetze und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder näher und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklärte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemüht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annähernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemännischen Begriffe angelesen haben, um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glänzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann müssen Sie ein Stück die Warnow abwärts gehen. Ganz in der Nähe liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie…“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte würde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rührte sich nichts. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spürbar zunehmendem Interesse auf die Hände schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein Lämmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. Wütend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“. Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine veränderte Miene nicht entgangen sein, denn er lüpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der Nähe ansehen?“
Ich weiß bis heute noch nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe wirklich keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
Während die Nervensäge mit unsicheren Schritten über die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt würde er mir sogar aus unmittelbarer Nähe auf die Hände starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
Während ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befühlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches Lächeln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwürdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hämischste Grinsen zu dem ich fähig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstäblich ein und ich fing an, Rumfässer zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hätte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hätte. Aber während er sich mit der Leine abmühte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zählen zu dürfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zählt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft über die Segelstellung.“
Und dann erklärte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halben Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das änderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge präsentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flüsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flüsterte es zurück.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter Gedächtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen Händen starrte und immer wieder den Kopf schüttelte, da konnte er einem schon wieder leid tun. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspürte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht veränderte sich schlagartig – so, als wäre er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kühles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem Häublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den, ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, über denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den Polsterbänken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor dem vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
Während ich das Bier zapfte, sah ich wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. Vergnügt betrachtete er das Bier, das ich ihm rüber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? Wär ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr Gequäke von einer Musik-App, anstatt eine Münze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsächlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du… haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hätte.
Anstatt zu antworten, nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex! Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein Rätsel. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darüber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und während ich ihm mit der Linken das gefüllte Glas rüber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fühlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu müssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge träumt, die einem Begriffe vermitteln, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert. Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsächlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzählt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurück. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berührt, das auch mich jahrelang beschäftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemanden darüber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die Eindrücke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurück liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen Phänomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, während ich mit dem Wischlappen eine Bierpfütze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche Träume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr überzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herüber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie geträumt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die Träume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. Später habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um Gegenstände, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren Träumen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein Höllenlärm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte… und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren… und… an der Stelle wachte ich regelmäßig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drückte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine Geräusche. Es ist, als stünde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrücken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerüttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwärts noch zurück.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives Gespräch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurückzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll über den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzählen, worüber ich bislang mit noch niemanden gesprochen hatte. Doch ich fühlte, da saß mir jemand gegenüber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, während ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzählte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische Küste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzählte und unter anderem von der Felseninsel Mont-Saint-Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwärmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als ich allein durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kam mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses Gefühl. In Paris war es mir ähnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetüchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgedienter Segelschiffer muss man sich so etwas angesehen haben.
Minuten später stand ich an Deck dieses Schiffes, ließ den Blick an den Masten auf- und abgleiten, strich mit der Hand über das Schanzkleid und bewunderte die verwirrende Vielfalt der Takelage. Über einen Niedergang tauchte ich in das, im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als würden sie darauf warten, dass die Freiwache herein käme, um ihre sicherlich nicht üppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die Hängematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit Rücksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese Reibgeräusche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beängstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem Lärm umgeben. Ein fürchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwährenden Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr, dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich über die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spät!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der Geschützführer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die Bordwände sich berührten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herüber, fanden Halt und drüben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein Geräusch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die Mündung eines gegnerischen Geschützes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun würde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den Geschützführer brüllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre Revolutionäre nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la république!“ stürmte der Hüne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fürchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder Säbel. Die Engländer, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukämpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenüber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drüben die noch intakten Wanten besetzt und überschütteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. Währen ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte, stellte ich fest, dass die Engländer rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein würden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine, aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die Hälfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse überschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
Unwillkürlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefähr zwei Dutzend Männer als Verstärkung heran führte.
Mit dem Ruf: „Allons enfants de la Patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurückweichenden Geschützbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch für einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kämpfen, ist ein Bajonettkämpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formatieren kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten Milchbärte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins Getümmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer über, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rückwärts über Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jämmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfüllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschädigt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen, wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. Allmählich drängten sie die Soldaten zurück.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurückweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem Säbelhieb den Schädel zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rückwärts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden Händen und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung geführter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annähernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und führte seinen Säbel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wäre. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich über Teile einer zerschossenen Nagelbank und stürzte rücklings zu Boden. Zwischen den Trümmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der Säbelspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
Unwillkürlich blickte ich in das junge Gesicht über mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark überholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustützen, währenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der Säbel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hängen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und wusste, dass nur sie mich von meiner grässlichen Angst befreien konnte. Und sei es um den Preis des Lebens.
hörte gleichzeitig den Säbel zu Boden poltern. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich an den Verwundeten heran, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen Säbel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grässliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krächzte ich und spürte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu überwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspürte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hängenden Seil ein Stück ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. Während ich mit aller Kraft bemüht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig später: „An die Geschütze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die Backbordgeschütze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurückgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt im Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten Stückpforten des Dreideckers.
Und dann brüllten sie los, die Achtzehn- und Sechsunddreißigpfünder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es über mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wüteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bücken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein Weiterkämpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und… ein furchtbarer Schlag in den Rücken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrüllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen Schulterblättern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fähig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten Engländer lag, bekam ich noch mit. Ich fühlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den Lärm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die Hände reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spürte nur, wie der bohrende Schmerz im Rücken nachließ. Mit einem Mal fühlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glücklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hüllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und Fühlen hörten auf.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser Wasserwüste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich über ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck der zerschossenen Fregatte entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem Rücken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgültig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen müssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfärben. Einem schwachen Grün folgte ein kräftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fühlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhüllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir übrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten Intensität und dann… eine warme kräftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rüttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht.“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen, öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen Holzbänke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht über mir ein halbes Dutzend Hängematten.
Was für ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur geträumt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem früheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darüber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzähle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein Kopfschütteln, kein ungläubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hätte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer Bestätigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner, das Bierglas umschließenden Hände weiß wurden. Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. Während er das Gefäß hart auf die Theke zurück setzte und sich mit dem Handrücken über Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. Würde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herüber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen Messinggehäuse erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natürlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was für ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
Während er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttäuscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn über das Deck bis zur Gangway. Gern hätte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, während er über die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den Häusern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Hajo seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestützt, verwandelte er sich für Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginären Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Languedoc,

vielen Dank für deine kleine Rückmeldung. Das mit den Bindestrichen ist mir peinlich. Dass die Republik über ein halbes Dach verfügt, hätte ich wissen müssen. Und dass bei den Franzosen ihr Vaterland ganz groß geschrieben wird... Aber nun weiß ich es. Habs repariert.

Nochmal Danke.

Gruß Ralph
 

Languedoc

Mitglied
De rien, cher Ralph,
... und am Allergrößten schreiben sie ihre Muttersprache, die Franzosen,
weiß Languedoc
(die keine Französin, aber mit peinlichen Schnitzern in der französischen Sprache bestens vertraut ist)
 

Hagen

Mitglied
Begegnung am Kreuzmast

Hallo Ralph,

Für diesen grandiosen Text möchte ich mich an dieser Stelle bedanken.
Die Formulierungen zeugen von einer Sachkenntnis, die nicht durch die heilige Schrift, die da heißt ‚Wikipedia‘ zu erlangen ist.
Der Anfang scheint etwas zu holpern, bei genauem Lesen, sowie einem schönen, großen Bier mit einem Häublein Schaum oberdrauf und einem Griff an der Seite, ist er aber unabdingbar.
Es ist dem Autoren gelungen, den Leser mit genialem Stil bei der Stange zu halten, um ihn den Rest atemlos verschlingen zu lassen; - und es ist ein langer Rest, den das Häublein auf dem Bier nicht überlebt, ohne das Bier zu trinken.
Das will bei mir schon was heißen!

Viele liebe Grüße
yours Hagen


_______________
Ich höre, und vergesse.
Ich sehe, und erinnere.
Ich schreibe, und verstehe.

(Sehr frei nach Konfuzius)
 
O

orlando

Gast
Hallo Ralph,
gefällt mir sehr. Und es kommt alles vor, was auch ein Lyrikerherz erfreuen könnte: Liebe, Revolution, Tod und Geheimnis.
Vor allem Letzteres hast du elegant verpackt und durch die seemännische Fachsprache gleichsam aus seiner Parallelwelt in die Realität gehoben.
Der Leserin bleibt nur ein leiser Zweifel, ebenso wie den Protagonisten.
Kurzum: gelungen!
Eine winzige Ungereimtheit ist mir aufgefallen, die Lydias Schönheit abträglich ist. Statt:
Während er [strike]das Gefäß hart auf die Theke zurück setzte und [/strike]sich mit dem Handrücken über Lippen und Bart wischte
Kein Mensch nennt ein Bierglas ein Gefäß, nicht einmal der amtlich bestellte Gralsritter. ;)
Damit hat es sich aber schon.

Dir einen herzlichen Dank für die unterhaltsame Zeit, die du mir an diesem schauerlichen Herbsttag beschert hast
orlando
 

Zeder

Administrator
Teammitglied
Hallo Ralph,

sehr sehr schön erzählt! Ich freue mich auch, dass Hagen so positiv auf deinen Hinweis reagiert hat. SO gefällt mir die Lupe richtig gut!

Anbei ein paar Korrekturvorschläge, die alle in (Klammern) gesetzt sind. Ich konnte das hiesige farbige Tool bei diesem langen Text leider nicht nutzen.

Lieber Gruß von Zeder

---
Begegnung am Kreuzmast


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dümpelten noch etliche andere Großsegler an der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen wird (würde) die alljährliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollen (sollten) angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen früh heißt (hieß) es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hat (hatte) der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und Kombüse herrichten, die Toiletten putzen und natürlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig Mühe. Und nun hing sie glänzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schruppte (schrubbte) ich ihr die dunkelgrünen Schuppen blank. Für das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. Für die ansehnlichen Brüste benutzte ich eine Bürste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches Lächeln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
Gemütlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lächelte zurück.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem Käpt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel verträgt, drückte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche Spaziergänger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmännisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
Geschäftigkeit vortäuschend, (kein Komma) schlenderte ich über das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die Nagelbänke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich über eine Pütz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange würde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef für morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitägigen Gehirnwäsche-Seminars werden. (Kein Absatz)
Für morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da würde wieder Mal (mal) sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Mageninhalt all der sensiblen Seminar-Geschädigten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus (dem) Meer – gehoben mit der Pütz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen, (kein Komma) und ich wusste, was zu tun sei (war). Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der Nähe des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. Während ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spürte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergründen – und da sah ich ihn. Ein (Einen) Mann – etwa in meinem Alter, also die Fünfzig schon überschritten (besser: also jenseits der Fünfzig). Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestützt, verharrte er in ähnlicher Pose wie Lord Nelsen (Nelson) auf seiner Säule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntäglich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinärer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffällig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lässig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere Hälfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht, (kein Komma) auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte Künstler an? Denn für einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen habe (hatte) ich nichts an der Mütze. Die gehören (gehörten) meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzen. (kotzten)
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im Rücken ein kratziges „Ähähm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „Ähähm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „Für Sie mag sie doof klingen, aber…“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgültig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnädig reagieren würde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genügend Rettungsboote mitführen (mitführten) oder ob wir unser Kielschwein regelmäßig füttern.(fütterten)
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnädig zurück. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee (Komma) sowas ham wir nich“, ächzte ich, während ich mich nach dem Spieker bückte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lüftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetze (aufsetzte) und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder näher und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklärte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemüht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annähernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemännischen Begriffe angelesen haben (hatten), um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glänzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann müssen Sie ein Stück die Warnow abwärts gehen. Ganz in der Nähe liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie…“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte würde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rührte sich nichts. Aus (Aber aus) den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spürbar zunehmendem Interesse auf die Hände schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein Lämmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. Wütend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. (Das ist zu viel des Guten – das versteht kein Mensch mehr!) Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“. (Neue Zeile) Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine veränderte Miene nicht entgangen sein, denn er lüpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der Nähe ansehen?“
Ich weiß bis heute noch (bis heute noch - streichen) nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe wirklich (wirklich – streichen) keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
Während die Nervensäge mit unsicheren Schritten über die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt würde er mir sogar aus unmittelbarer Nähe auf die Hände starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
Während ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befühlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches Lächeln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwürdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hämischste Grinsen (Komma) zu dem ich fähig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstäblich ein und ich fing an, Rumfässer zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hätte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hätte. Aber während er sich mit der Leine abmühte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zählen zu dürfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zählt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft über die Segelstellung.“
Und dann erklärte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halben (halbem) Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das änderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge präsentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flüsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flüsterte es zurück.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter Gedächtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen Händen starrte und immer wieder den Kopf schüttelte, da konnte er einem schon wieder leid tun. (leidtun) Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspürte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht veränderte sich schlagartig – so, als wäre er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kühles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem Häublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den, (kein Komma) ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, über denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den Polsterbänken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor dem (den) vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
Während ich das Bier zapfte, sah ich (Komma) wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. Vergnügt betrachtete er das Bier, das ich ihm rüber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? Wär ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr Gequäke von einer Musik-App, anstatt (statt) eine Münze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsächlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du… haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hätte.
Anstatt (Statt) zu antworten, (kein Komma) nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex! (Neue Zeile) Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein Rätsel. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darüber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und während ich ihm mit der Linken das gefüllte Glas rüber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fühlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja (Komma) in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu müssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der (Er) blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge träumt, die einem Begriffe vermitteln, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert (worden). Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsächlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzählt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurück. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berührt, das auch mich jahrelang beschäftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemanden (jemandem) darüber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die Eindrücke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurück liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog (zog) nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen Phänomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, während ich mit dem Wischlappen eine Bierpfütze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche Träume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr überzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herüber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie geträumt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die Träume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. Später habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um Gegenstände, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren Träumen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein Höllenlärm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte… und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren… und… an der Stelle wachte ich regelmäßig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drückte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine Geräusche. Es ist, als stünde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrücken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerüttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwärts noch zurück.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives Gespräch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurückzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll über den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzählen, worüber ich bislang mit noch niemanden (niemandem) gesprochen hatte. Doch ich fühlte, da saß mir jemand gegenüber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, während ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzählte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische Küste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzählte und unter anderem von der Felseninsel Mont-Saint-Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwärmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als ich allein (Da du am Schluss von deinen Kameraden gefunden wirst, solltest du hier einen Hinweis anbringen, dass sie von deinem Ausflug wussten – wie sollten sie dich sonst finden können?) durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kam mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses Gefühl. In Paris war es mir ähnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetüchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgedienter Segelschiffer muss man sich (ich mir) so etwas angesehen haben.
Minuten später stand ich an Deck dieses Schiffes, ließ den Blick an den Masten auf- und abgleiten, strich mit der Hand über das Schanzkleid und bewunderte die verwirrende Vielfalt der Takelage. Über einen Niedergang tauchte ich in das, (kein Komma) im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als würden sie darauf warten, dass die Freiwache herein käme, um ihre sicherlich nicht üppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die Hängematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit Rücksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese Reibgeräusche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beängstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem Lärm umgeben. Ein fürchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwährenden (fortwährendem) Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr (merkte) , dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich über die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spät!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der Geschützführer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die Bordwände sich berührten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herüber, fanden Halt und drüben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein Geräusch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die Mündung eines gegnerischen Geschützes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun würde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den Geschützführer brüllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre Revolutionäre nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la république!“ stürmte der Hüne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fürchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder Säbel. Die Engländer, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukämpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenüber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drüben die noch intakten Wanten besetzt und überschütteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. Währen (Während) ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte (versuchte), stellte ich fest, dass die Engländer rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein würden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine, aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die Hälfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse überschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
Unwillkürlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefähr zwei Dutzend Männer als Verstärkung heran führte.
Mit dem Ruf: „Allons enfants de la Patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurückweichenden Geschützbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber (sie) besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch für einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kämpfen, ist ein Bajonettkämpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formatieren (formieren) kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten Milchbärte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins Getümmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer über, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rückwärts über Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jämmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfüllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschädigt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen, (kein Komma) wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. Allmählich drängten sie die Soldaten zurück.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurückweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem Säbelhieb den Schädel zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rückwärts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden Händen und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung geführter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annähernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und führte seinen Säbel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wäre. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich über Teile einer zerschossenen Nagelbank und stürzte rücklings zu Boden. Zwischen den Trümmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der Säbelspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
Unwillkürlich blickte ich in das junge Gesicht über mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark überholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustützen, währenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der Säbel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hängen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und wusste, dass nur sie mich von meiner grässlichen Angst befreien konnte. Und sei es um den Preis des Lebens. (hier stimmt was nicht)
hörte gleichzeitig den Säbel zu Boden poltern. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich an den (zu dem) Verwundeten heran, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen Säbel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grässliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krächzte ich und spürte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu überwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspürte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hängenden Seil ein Stück ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. Während ich mit aller Kraft bemüht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig später: „An die Geschütze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die Backbordgeschütze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurückgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt im Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten Stückpforten des Dreideckers.
Und dann brüllten sie los, die Achtzehn- und Sechsunddreißigpfünder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es über mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wüteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bücken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein Weiterkämpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und… ein furchtbarer Schlag in den Rücken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrüllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen Schulterblättern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fähig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten Engländer lag, bekam ich noch mit. Ich fühlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den Lärm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die Hände reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spürte nur, wie der bohrende Schmerz im Rücken nachließ. Mit einem Mal fühlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glücklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hüllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und Fühlen hörten auf.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser Wasserwüste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich über ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck der zerschossenen Fregatte entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem Rücken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgültig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen müssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfärben. Einem schwachen Grün folgte ein kräftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fühlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhüllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir übrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten Intensität und dann… eine warme kräftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rüttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht. (Auch hier wäre ein Hinweis sinnvoll, wieso deine Kameraden darauf kamen, dich auf dem Schiff zu suchen – du warst ja nur in der Stadt unterwegs)“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen, (kein Komma) öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen Holzbänke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht über mir ein halbes Dutzend Hängematten.
Was für ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur geträumt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem früheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darüber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzähle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein Kopfschütteln, kein ungläubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hätte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer Bestätigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner, (kein Komma) das Bierglas umschließenden Hände weiß wurden (waren). Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. Während er das Gefäß hart auf die Theke zurück setzte und sich mit dem Handrücken über Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. Würde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herüber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen Messinggehäuse erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natürlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was für ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
Während er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttäuscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn über das Deck bis zur Gangway. Gern hätte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, während er über die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den Häusern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Hajo seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestützt, verwandelte er sich für Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte (er) mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginären Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Hagen,

Es tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde, aber nachdem ich den Begriff „grandioser Text“ las, hatte ich erst mal ein paar Tage zu tun, um mir die überhitzten Ohren zu kühlen.

Ja – der holprige Anfang. Mit dem schlage ich mich gedanklich immer noch rum. Die Nadel war vielleicht doch ein wenig zu heiß, mit dem ich diese Geschichte gestrickt habe. Sollte halt schnell gehen.

Aber bezüglich Überarbeitung warte ich einfach mal die Weihnachtszeit ab. Die ist immer so komplett stressfrei, seit sich andere Leute um den Weihnachtsbaum kümmern.

Jedenfalls bin ich froh, dass dir diese Erzählung gefallen hat. Und das gibt mir Auftrieb, um mich auf dieser (historischen) Strecke vielleicht ein wenig mehr zu betätigen. Nochmals vielen Dank und viele Grüße

Von Ralph.
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo orlando,

vielen Dank für deinen Kommentar, über den ich mich wirklich sehr gefreut habe. Allein der Umstand, dass sich eine Fast-Bestseller-Lyrikerin ein solches Textmonster vornimmt und kommentiert, macht mich schon ein wenig stolz.

Aber allein der Satz „ …herzlichen Dank für die unterhaltsame Zeit, die du mir an diesem schauerlichen Herbsttag beschert hast“ war der Auslöser, um den Zeiger meines Stimmungsbarometers in diesem Moment ganz nach oben zu katapultieren. Ich glaube, es gibt für einen Autoren kaum Schöneres, als einem (können auch gern viele sein) Leser zu begegnen, der sich nicht nur „nicht gelangweilt“ sondern sogar gut unterhalten fühlt.

Ach – da wäre ja noch dieses ominöse Gefäß. Glaub mir – glücklich war ich damit von Anfang an nicht, aber ich wollte die ständige Wiederholung von „Glas“ oder „Bierglas“ möglichst umgehen. Und du hast mir dann vor Augen gehalten: „Es geht auch ohne.“ (So sind'se, die Lyriker - immer am Kürzen. Ok. Davon verstehnse halt was) Du hast Recht. Soll Herr Prot sich doch Mund und Bart wischen – ist doch egal, ob er das Gefäß vorher hart aufgesetzt hat oder nicht.

Nochmals herzlichen Dank und einen fröhlichen Gruß von
Ralph
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Begegnung am Kreuzmast


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dümpelten noch etliche andere Großsegler an der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen würde die alljährliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollten angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen früh hießt es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hatte der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und Kombüse herrichten, die Toiletten putzen und natürlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig Mühe. Und nun hing sie glänzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schrubbte ich ihr die dunkelgrünen Schuppen blank. Für das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. Für die ansehnlichen Brüste benutzte ich eine Bürste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches Lächeln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
Gemütlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lächelte zurück.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem Käpt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel verträgt, drückte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche Spaziergänger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmännisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
Geschäftigkeit vortäuschend schlenderte ich über das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die Nagelbänke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich über eine Pütz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange würde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef für morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitägigen Gehirnwäsche-Seminars werden. Für morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da würde wieder mal sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Mageninhalt all der sensiblen Seminar-Geschädigten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus dem Meer – gehoben mit der Pütz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen und ich wusste, was zu tun war. Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der Nähe des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. Während ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spürte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergründen – und da sah ich ihn. Einen Mann – etwa in meinem Alter, also jenseits der Fünfzig. Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestützt, verharrte er in ähnlicher Pose wie Lord Nelson auf seiner Säule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntäglich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinärer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffällig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lässig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere Hälfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte Künstler an? Denn für einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen hatte ich nichts an der Mütze. Die gehörten meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzten.
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im Rücken ein kratziges „Ähähm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „Ähähm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „Für Sie mag sie doof klingen, aber…“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgültig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnädig reagieren würde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genügend Rettungsboote mitführten oder ob wir unser Kielschwein regelmäßig fütterten.
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnädig zurück. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee, sowas ham wir nich“, ächzte ich, während ich mich nach dem Spieker bückte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lüftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetzte und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder näher und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklärte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemüht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annähernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemännischen Begriffe angelesen hatten, um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glänzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann müssen Sie ein Stück die Warnow abwärts gehen. Ganz in der Nähe liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie…“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte würde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rührte sich nichts. Aber aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spürbar zunehmendem Interesse auf die Hände schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein Lämmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. Wütend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“.
Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine veränderte Miene nicht entgangen sein, denn er lüpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der Nähe ansehen?“
Ich weiß nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
Während die Nervensäge mit unsicheren Schritten über die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt würde er mir sogar aus unmittelbarer Nähe auf die Hände starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
Während ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befühlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches Lächeln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwürdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hämischste Grinsen zu dem ich fähig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstäblich ein und ich fing an, Rumfässer zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hätte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hätte. Aber während er sich mit der Leine abmühte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zählen zu dürfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zählt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft über die Segelstellung.“
Und dann erklärte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halbem Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das änderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge präsentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flüsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flüsterte es zurück.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter Gedächtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen Händen starrte und immer wieder den Kopf schüttelte, da konnte er einem schon wieder leidtun. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspürte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht veränderte sich schlagartig – so, als wäre er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kühles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem Häublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, über denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den Polsterbänken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor den vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
Während ich das Bier zapfte, sah ich, wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. Vergnügt betrachtete er das Bier, das ich ihm rüber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? Wär ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr Gequäke von einer Musik-App, statt eine Münze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsächlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du… haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hätte.
Statt zu antworten nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex!
Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein Rätsel. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darüber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und während ich ihm mit der Linken das gefüllte Glas rüber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fühlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja, in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu müssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge träumt, die einem Begriffe vermitteln, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert worden. Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsächlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzählt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurück. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berührt, das auch mich jahrelang beschäftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die Eindrücke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurück liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen Phänomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, während ich mit dem Wischlappen eine Bierpfütze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche Träume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr überzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herüber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie geträumt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die Träume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. Später habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um Gegenstände, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren Träumen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein Höllenlärm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte… und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren… und… an der Stelle wachte ich regelmäßig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drückte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine Geräusche. Es ist, als stünde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrücken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerüttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwärts noch zurück.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives Gespräch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurückzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll über den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzählen, worüber ich bislang mit noch niemandem gesprochen hatte. Doch ich fühlte, da saß mir jemand gegenüber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, während ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzählte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische Küste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzählte und unter anderem von der Felseninsel Mont-Saint-Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwärmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als gemeinsam mit unserer Crew durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kam mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses Gefühl. In Paris war es mir ähnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetüchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgediente Segelschiffer mussten wir uns das unbedingt ansehen.
Minuten später standen wir an Deck dieses Schiffes, ließen unsere Blicke an den Masten auf- und abgleiten, strichen mit der Hand über das Schanzkleid und bewunderten die verwirrende Vielfalt der Takelage. Während die anderen noch fachsimpelten, stieg ich über einen Niedergang in das im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als würden sie darauf warten, dass die Freiwache herein käme, um ihre sicherlich nicht üppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die Hängematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit Rücksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese Reibgeräusche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beängstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem Lärm umgeben. Ein fürchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwährendem Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr, dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich über die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spät!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der Geschützführer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die Bordwände sich berührten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herüber, fanden Halt und drüben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein Geräusch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die Mündung eines gegnerischen Geschützes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun würde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den Geschützführer brüllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre Revolutionäre nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la république!“ stürmte der Hüne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fürchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder Säbel. Die Engländer, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukämpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenüber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drüben die noch intakten Wanten besetzt und überschütteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. Während ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte, stellte ich fest, dass die Engländer rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein würden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine, aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die Hälfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse überschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
Unwillkürlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefähr zwei Dutzend Männer als Verstärkung heran führte.
Mit dem Ruf: „Allons enfants de la Patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurückweichenden Geschützbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber sie besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch für einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kämpfen, ist ein Bajonettkämpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formieren kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten Milchbärte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins Getümmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer über, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rückwärts über Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jämmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfüllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschädigt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. Allmählich drängten sie die Soldaten zurück.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurückweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem Säbelhieb den Schädel zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rückwärts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden Händen und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung geführter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annähernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und führte seinen Säbel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wäre. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich über Teile einer zerschossenen Nagelbank und stürzte rücklings zu Boden. Zwischen den Trümmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der Säbelspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
Unwillkürlich blickte ich in das junge Gesicht über mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark überholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustützen, währenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der Säbel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hängen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und keuchte vor Angst.
Plötzlich ein spitzer Schrei und gleichzeitig hörte ich den Säbel zu Boden poltern. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich zu dem Verwundeten, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen Säbel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grässliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krächzte ich und spürte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu überwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspürte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hängenden Seil ein Stück ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. Während ich mit aller Kraft bemüht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig später: „An die Geschütze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die Backbordgeschütze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurückgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt im Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten Stückpforten des Dreideckers.
Und dann brüllten sie los, die Achtzehn- und Sechsunddreißigpfünder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es über mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wüteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bücken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein Weiterkämpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und… ein furchtbarer Schlag in den Rücken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrüllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen Schulterblättern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fähig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten Engländer lag, bekam ich noch mit. Ich fühlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den Lärm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die Hände reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spürte nur, wie der bohrende Schmerz im Rücken nachließ. Mit einem Mal fühlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glücklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hüllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und Fühlen hörten auf.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser Wasserwüste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich über ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck der zerschossenen Fregatte entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem Rücken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgültig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen müssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfärben. Einem schwachen Grün folgte ein kräftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fühlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhüllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir übrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten Intensität und dann… eine warme kräftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rüttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht.“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen Holzbänke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht über mir ein halbes Dutzend Hängematten.
Was für ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur geträumt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem früheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darüber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzähle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein Kopfschütteln, kein ungläubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hätte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer Bestätigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner das Bierglas umschließenden Hände weiß waren. Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. Während er das Gefäß hart auf die Theke zurück setzte und sich mit dem Handrücken über Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. Würde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herüber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen Messinggehäuse erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natürlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was für ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
Während er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttäuscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn über das Deck bis zur Gangway. Gern hätte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, während er über die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den Häusern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Hajo seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestützt, verwandelte er sich für Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte er mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginären Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Zeder,

jetzt komme ich endlich dazu, dir für deine anerkennenden Worte zu danken.
Aber wie überrascht war ich, als ich mir den von dir durchgesehenen Text zu Gemüte führte. Wow. Da hast du ja Schwerstarbeit geleistet und ein komplettes Korrektorat bzw. Lektorat abgeliefert. Vor allem dafür meinen herzlichen Dank.
Ich weiß, wie viel Zeit so etwas braucht.

Heute habe ich es endlich geschafft, all die vielen Stellen nahezu Eins zu Eins zu ändern. (Etliche der hervorgehobenen Fehler sind mir schon ein wenig peinlich. Ich hoffe, der Herr Nels[red]o[/red]n hat sich angesichts meiner Schreibweise nicht im Grab herum gedreht. Und der Lydia schruppe ich auch nie mehr die Schubben.)

Nochmals - großes Dankeschön und

liebe Grüße von Ralph.
 

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