Bei Nacht

4,50 Stern(e) 2 Bewertungen

HerbertH

Mitglied
Bei Nacht

ein Licht schwappt aus dem Glas
rinnt feist den Bürgersteig entlang
fällt auf selbst auf dem steinern Nass
es rollt ein Wagener ein Fass
darüber - wem nur wem wird bang

im Dunkeln - schimmern keine Zähne
kein Blitzen sieht man in der Pfütze
am Lampenpfahl steht die Hyäne
sie schüttelt ihre Nackenmähne
und dient samt Pfahl dem Kerl als Stütze

ein Aas ists den sie keuchend wittert
sie selbst ein Aas mit nassem Fell
in dem sie in der Kälte zittert
die Schnauze kraust sich ist zerknittert
sie heult durchs Goldne Gässchen grell

der jungen Frau ins Ohr - welch Grauen
ergreift sie - Angst wird ihr zum Zwang
nach vorn und hinten dauernd schauen
ob Zähne lauern - bei den Frauen
lockt Sicherheit - doch ihr ist bang
 

Tula

Mitglied
Moin Herbert

Freut mich, dich mal wieder in der gereimten Rubrik zu lesen, lohnt sich auf jeden Fall, das Gedicht bringt die beabsichtigte Stimmung schön herüber.
Inhaltlich eine Frage: ich lese 3 Personen: den Kerl, der sich an Pfahl und Hyäne klammert, und die Frau, die ängstlich vorbeiläuft. Ich frage wegen S3 und der ersten beiden Zeilen. 'sie selbst ein Aas' bezieht sich auf die Hyäne, wobei dann 'sie' sowohl für die eine als auch für die andere Frau benutzt wird. Vielleicht ist es ja die Hyäne selbst, die Angst hat. Kann man verstehen.

LG
Tula
 

Mondnein

Mitglied
"Mein Apfelsaft schwappt gelb ins Glas usw.", lieber HerbertH,

klingt wie eine Resonanz zu Deiner ersten Zeile, die ja durchaus einen rätselhaften Einstieg macht. Der die Neugier weckt.

Zunächst könnte ja das vom Faß überrollte Licht gemeint sein, aber dann ist die beängstigte Gestalt doch eine Frau, die bei anderen Frauen Sicherheit sucht. Wie schon Tula beschrieben hat.

grusz, hansz

Und ja, dieses "Rilkesche" Metrum. Es klingt gut, weil es den Kreuzreim umgeht, indem es ihn (gegen die erste Reimerwartung) zu einem umarmenden erweitert. Eine ideale Strophenform.
 

HerbertH

Mitglied
Hi Tula,

Rilke hat mich dazu angestachelt, denn er bildet oft längere Sätze aus Versen oder Halbversen, aufgetrennt durch Gedankenstriche - und bricht so die Hervorhebung der Reime auf. Es entsteht eigentlich ein frei lesbarer Text, trotz der strengen Eingaltung der Form. Das fasziniert mich.

Die Idee, dass die Hyäne die sie mit der Angst ist, ist sehr originell.
Das passt gut zu der ausgefallenen Szenerie einer im Prager Stadtbild auftauchenden Hyäne.

LG

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Hansz,

das Glas ist hier schon ein Vorgriff auf die Strassenlaterne, das eigentlich Auffällige ist dann das schwappen, zu dem der Apfelsaft ein andres Glas braucht... :)

Die Rilke Strophe ist interessant, und ich frage mich, ob es die als Feste Form - genormt :D - wohl gibt. Ich glaube mich zu erinnern, dass er sie selbst schon variierte....

Liebe Grüße

Herbert
 

Oben Unten