High Heels und Hundehaare
Der Regen hatte auf mich gewartet.
Ich bin mir sicher, dass er das getan hatte. Er hatte meinen Ankunftstermin im meteorologischen Kalender Englands markiert, mit dem Titel „Bella Ashworth, 34, kommt heute in St. Crow's an". Nicht das höfliche Nieselwetter, das man auf Postkarten sieht. Das andere. Das horizontale.
Ich saß in meinem Auto, parkte vor einem Gebäude, das laut Erbschaftsdokument mein neues Zuhause war, und trank den letzten Espresso aus meinem Thermobecher. Er war kalt. Er war seit Swindon kalt. Ich hatte ihn trotzdem getrunken, weil kalter Espresso immer noch Espresso ist und weil ich in den nächsten zwölf Monaten offenbar auf Dinge angewiesen sein würde, die mich an die Zivilisation erinnerten.
Vor mir ein Pub namens „The Rusty Anchor".
Ich hatte schon in London Fotos von ihm gesehen. Der Anwalt – ein kleiner Mann namens Pemberton, der so aussah, als hätte er selbst schon bessere Zeiten erlebt, hatte mir ein Kuvert mit Unterlagen und Schlüsseln geschickt, darunter drei Bilder des Pubs. Auf den Fotos hatte er ausgesehen wie charmant verwittert. Wie ein Ort mit Geschichte. Wie etwas aus einem dieser Romane, die man am Flughafen kauft und nie zu Ende liest.
In der Realität sah er aus wie ein Gebäude, das irgendwann aufgehört hatte, sich zu bemühen, und seitdem sehr gut damit fuhr.
Die Fassade war aus grauem Stein, dunkel vom Regen. Die Fenster waren klein, beschlagen, und eines im Obergeschoss hatte einen Riss, der mit einem Streifen Klebeband repariert worden war. Das Schild über der Tür hing schief. Der Buchstabe „C" in „Anchor" fehlte. Ich beschloss, das als Metapher nicht weiterzudenken.
Ich trank den letzten Schluck kalten Espresso.
Dann stieg ich aus.
Der Regen in St. Crow's ist kein gewöhnlicher Regen. Er ist eine zielgerichtete, horizontale Flüssigkeit, die es darauf abgesehen hat, jede einzelne Faser meiner Kaschmirjacke zu ruinieren. Mein Koffer hakte an einem losen Pflasterstein. Ich zerrte. Der Pflasterstein gab nach. Ich nicht. In der anderen Hand hielt ich einen Schlüssel, der aussah, als hätte man ihn seit der Krönung von Queen Victoria nicht mehr geputzt.
Es waren noch fünf Meter zur Eingangstür. Ich legte sie in dem Tempo zurück, das man anlegt, wenn man weiß, dass es sinnlos ist zu rennen, aber die Würde es verbietet, zu schlendern.
„Das ist nur eine Phase, Bella", murmelte ich mir selbst zu, während das Wasser von meiner Nasenspitze tropfte. Mein Herz pochte gegen meine Rippen – eine Mischung aus Trauer um Arthur und der nackten Panik vor dem, was mich hinter dieser Tür erwartete. „Ein Jahr. Zwölf Monate. Dann verkaufst du diesen Steinhaufen und kehrst zurück in die Zivilisation, wo man Kaffee aus Bohnen trinkt und nicht aus Instant-Pulver."
Es war nicht abgeschlossen.
Ich stieß die schwere Eichentür auf. Sie gab ein Geräusch von sich, das zwischen dem Ächzen eines gefolterten Geistes und dem Quietschen einer rostigen Guillotine lag. Im Inneren roch es nach altem Holz, abgestandenem Bier und – ich schnupperte skeptisch – etwas, das verdächtig nach ranzigen Käse-Zwiebel-Chips roch.
Ich stolperte in den dunklen Flur und blieb abrupt stehen. Dort bot sich mir ein Bild des Jammers: Meine Umzugskartons, die die Spedition heute Morgen pflichtbewusst geliefert hatte, stapelten sich wie eine instabile Festung an den Wänden. Und mitten in der einzigen Lücke, die den Weg in den Schankraum freigab, lag er. Ich starrte auf den Hund. Der Hund starrte zurück. Er sah aus wie ein explodiertes gelbes Sofakissen und blockierte den Durchgang so effektiv wie eine Straßensperre der Polizei. Er machte keinerlei Anstalten, sich auch nur einen Millimeter zu rühren. Er sah nicht so aus, als würde er sich in diesem Jahrzehnt noch einmal bewegen.
„Na toll", sagte ich und ließ meinen Koffer los, der mit einem nassen Platsch im Staub landete. „Hör zu, Barnaby. Ich bin Bella. Deine neue... Mitbewohnerin."
Er würdigte mich keines Blickes, fixierte nur meine mit Schlamm verkrusteten Gucci-Loafer mit einer Mischung aus Mitleid und tiefer Verachtung.
Ich atmete tief ein, spürte den Staub in meiner Lunge und versuchte, so autoritär zu klingen, wie ich es früher gegenüber meinen Praktikanten in London getan hatte. Ich verschränkte die Arme vor der nassen Jacke.
„Pass auf, Barnaby. Ich bin keine Hundeperson. Ich bin eine Espresso-Person. Ich besitze Kleidung, die mehr kostet als dein Jahresvorrat an Kauknochen. Also wäre es für uns beide besser, wenn wir uns von Anfang an verstehen: Ich bin die Chefin, du bist der Mitbewohner mit dem Haarausfall."
Barnaby hob nur eine Augenbraue – und ja, ich war mir in diesem Moment absolut sicher, dass er das konnte. Er stieß einen tiefen, gelangweilten Seufzer aus, der so viel bedeutete wie: ‚Rede du nur, Schätzchen, ich bin hier derjenige mit dem unbefristeten Mietvertrag.'
„Hörst du mir überhaupt zu?", herrschte ich ihn an. „Beweg dein flauschiges Hinterteil. Ich muss an diese Kartons!"
Dann legte er seinen Kopf langsam wieder auf seine Pfoten und schloss die Augen. Er unternahm nicht den geringsten Versuch, mir zu gefallen oder auch nur mit dem Schwanz zu wedeln. Er lag da und wartete, während ich in der Enge des Flurs zwischen feuchter Pappe und einem desinteressierten Retriever festsaß.
Ein brennendes Gefühl stieg in mir auf – eine Mischung aus Wut und der plötzlichen Sehnsucht nach meinem sterilen, hundefreien Büro in Mayfair. Arthur hatte mir vieles über seinen „treuen Gefährten" erzählt. Er hatte gesagt, Barnaby sei die Seele des Pubs. Er hatte jedoch vergessen zu erwähnen, dass diese Seele ein ignoranter Snob war, der mich behandelte, als wäre ich die ungeliebte Aushilfe, die erst gelernt hatte, ein Bier unfallfrei zu zapfen.
„Du denkst wohl, du hast das Sagen, was?", zischte ich und trat vorsichtig über seine Rute hinweg, wobei ich fast das Gleichgewicht verlor.
Barnaby öffnete ein Auge, sah mir hinterher, wie ich über einen Karton mit der Aufschrift ‚Küche/Zerbrechlich' stolperte, und gab ein kurzes, trockenes Schnauben von sich. Es klang verdächtig nach einem Lachen.
„Das war nicht witzig!", rief ich über die Schulter und humpelte in den Schankraum.
Ich wollte gerade meinen Koffer endgültig in die Ecke pfeffern, als mein Blick auf eine kleine Nische hinter der massiven Eingangstür fiel. Neben Barnaby stand eine leere Schüssel aus blauem Steinzeug. Daneben lag ein zerkautes Seil-Spielzeug, das aussah, als hätte es einen schweren Herbst hinter sich – oder als wäre es von einem sehr frustrierten Bagger überrollt worden.
An der Wand lehnte ein handgeschriebenes Schild, das Pemberton, der Testamentsvollstrecker, offenbar hinterlassen hatte. Die Handschrift war zackig und wirkte fast wie eine Warnung:
„Barnaby frisst um 17 Uhr. Käse nur als Belohnung. Nicht verhandeln."
Ich sah auf meine Uhr. 16:58 Uhr.
„Nicht verhandeln?", murmelte ich und sah zu Barnaby hinunter.
„Glaub mir, Kumpel, ich habe mit Londoner Caterern verhandelt, die ihre eigene Mutter für eine Trüffel-Lieferung verkauft hätten. Ein Hund stellt für mich kein diplomatisches Problem dar."
Barnaby öffnete ein Auge. Er bewegte sich nicht, aber seine Nasenflügel bebten. Punkt 17:00 Uhr stieß er ein kurzes, forderndes Wuff aus. Es war kein Bellen, es war ein Befehl.
„Schon gut, schon gut!", sagte ich und hastete in die Küche, die ich bisher nur kurz gestreift hatte. Dort stand ein Sack mit der Aufschrift ‚Royal Canin – Für den anspruchsvollen Hund'.
Ich schüttete eine großzügige Portion in seine Schüssel. Das trockene Klappern der Pellets auf dem Steinzeug klang in der Stille des Pubs wie ein Trommelwirbel. Ich stellte die Schüssel mit einem triumphierenden Lächeln vor ihn hin.
„Bitte sehr. Dinner is served."
Barnaby erhob sich langsam. Er schlenderte zur Schüssel, senkte die Nase, schnupperte genau eine Sekunde lang – und sah mich dann an. Sein Blick war pures Entsetzen. Es war der Blick eines Restaurantkritikers, dem man gerade eine Tiefkühlpizza als handgemachte Pasta verkauft hatte.
Er sah die Schüssel an. Er sah mich an. Und dann tat er etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Er schob die Schüssel mit der Schnauze so energisch von sich weg, dass sie gegen einen meiner Umzugskartons knallte.
„Was? Ist es zu trocken? Zu gesund?", fragte ich fassungslos.
Barnaby starrte mich weiterhin erwartungsvoll an. Dann wandte er seinen Blick zu einer kleinen Porzellan-Untertasse, die einsam auf dem untersten Regal hinter dem Tresen stand. Er tippte mit der Pfote einmal kurz gegen das Holz des Regals.
„Vergiss es", sagte ich und stemmte die Hände in die Hüften. „Pemberton hat gesagt: Nicht verhandeln. Das da in der Schüssel ist Spitzenfutter. Es enthält Vitamine, Herr Barnaby. Dinge, die gut für dein Fell sind."
Er antwortete, indem er sich demonstrativ mit dem Rücken zu mir und dem Futter hinsetzte. Er starrte die Wand an, als wäre sie das Interessanteste auf der Welt.
„Das ist ein Hungerstreik, oder?", rief ich, während meine Stimme eine Oktave höher rutschte. „Wir kennen uns seit zehn Minuten und du versuchst mich bereits emotional zu erpressen!"
Stille.
Ich sah nochmals auf das Schild an der Wand. „Nicht verhandeln".
Dann sah ich auf den Hund, der aussah wie eine Statue der absoluten Sturheit. In diesem Moment begriff ich, dass Arthur mir nicht nur einen Pub und einen Hund hinterlassen hatte. Er hatte mir einen Krieger hinterlassen, der seine Schlachten mit passivem Widerstand und einem unerschütterlichen Glauben an Porzellan-Untertassen schlug.
Ich seufzte, griff nach der Untertasse und suchte in den Vorräten nach der Tüte mit den Chips. Das Jahr hatte noch nicht einmal richtig angefangen, und ich hatte die erste Verhandlung bereits krachend verloren.
Jetzt schaute ich mich in der Küche um.
Die Küche war groß. Größer als meine gesamte Londoner Wohnung, was ich ihr nicht verzieh.
Die Decke hing tief, die Balken dunkel und so oft überstrichen, dass die Farbe in dicken Schichten saß wie Jahresringe – jede Generation hatte hier einfach drübergemalt und gehofft, das würde reichen. Das Fenster über der Spüle ging auf den Hinterhof hinaus. Draußen regnete es immer noch. Das Glas war dünn, so dünn, dass ich den Regen nicht nur hörte, ich spürte ihn.
Und dann sah ich sie. Auf der Arbeitsplatte, zwischen einem Messerblock und einem Topflappen in Form eines Fuchses:
eine Dose Instant-Kaffee.
Braune Dose, weißer Deckel. Die Sorte, die man kauft, wenn man aufgehört hat, an sich selbst zu glauben.
Ich stand lange vor der Dose und starrte sie an.
Dann hielt ich Ausschau nach einer Espressomaschine. Nichts.
Nur die Dose.
Ich sah sie an. Sie sah mich an. Einer von uns beiden würde dieses Jahr nicht überleben.
Barnaby saß in der Zwischenzeit neben mir und sah ebenfalls auf die Dose, vermutlich aus anderen Gründen.
„Das", sagte ich, „wird das erste sein, das sich ändert."
Aufgeben war keine Option. Mit der Dose in der Hand ging ich in den Schankraum. Irgendwo hier musste ein Wasserkocher zu finden sein. Doch die Durchsuchung des Tresenbereichs blieb ohne Ergebnis. Zwischen Scotch-Flaschen und alten Bierdeckeln fehlte von einem Kocher jegliche Spur. Stattdessen kam ein verbeulter Espressokocher zum Vorschein – eine jener achteckigen Bialettis, die aussahen, als hätten sie bereits den Ersten Weltkrieg miterlebt. Klein, silbern und völlig abgenutzt wirkte sie wie ein Relikt aus den Neunzigern, das auf jemanden wartete, der ihre altmodische Mechanik noch verstand. Die Dose Instant-Kaffee landete mit einem hohlen Klacken direkt daneben auf dem Tresen. Beide schwiegen.
Nach umständlichem Hantieren mit dem widerspenstigen Gewinde landete das Instantpulver löffelweise in dem kleinen Metallsieb.
Barnaby sah mir dabei zu mit dem Ausdruck eines Mannes, der einen Fehler kommen sieht, aber beschlossen hat, nichts zu sagen.
Das Ergebnis meiner Gewaltaktion war eine kleine, dampfende Tasse mit einer Flüssigkeit, die mit Espresso ungefähr so viel gemeinsam hatte wie St. Crow's mit London. Technisch Kaffee. Spirituell eine Beleidigung. Ich trank ihn bis auf den letzten Tropfen.
„Kein Wort", sagte ich zu Barnaby.
Er sah demonstrativ zur Seite.
Ich trug die Tasse zurück in die Küche und setzte mich an den Tisch.
Erst jetzt bemerkte ich Arthurs Brief.
Pemberton hatte den Brief auf dem Küchentisch hinterlassen. Daneben: ein weiterer Schlüsselbund und eine Liste mit Barnabys Eigenheiten. Drei Seiten. Handgeschrieben. Ich überflog sie. Die meisten Punkte konnte ich mir denken. Punkt sieben nicht.
„Barnaby öffnet Kühlschränke."
Ich sah zum Kühlschrank. Dann zum Hund. Barnaby sah zum Kühlschrank. Ich schob einen Stuhl davor. Punkt dreizehn ließ mich länger innehalten als alle anderen.
„Barnaby erinnert sich an alles. Unterschätzen Sie das nicht." Wieder schauten wir beide uns eindringlich an. Ein Hund, dachte ich. Es ist nur ein Hund. Ich legte die Liste hin und nahm Arthurs Brief. Er war kurz. Keine Erklärungen, keine Entschuldigungen, Arthur Whitmore hatte nicht viel Wert auf Umschweife gelegt.
„Liebe Bella,
Du kennst mich nicht. Ich kenne dich kaum – nur durch das, was deine Mutter mir über die Jahre erzählt hat, und durch das, was ich selbst beobachtet habe, als du als Kind manchmal mitgekommen bist. Du warst das Mädchen, das immer wissen wollte, wie die Dinge funktionieren. Das hat sich, soweit ich weiß, nicht geändert.
The Rusty Anchor braucht jemanden, der wissen will, wie die Dinge funktionieren. Und Barnaby braucht jemanden, der nicht aufgibt, wenn er es schwierig macht. Er macht es immer schwierig. Das ist keine Warnung. Das ist eine Beschreibung.
Ein Jahr. Danach gehört dir beides – wenn du bleibst.
Ich hoffe, du bleibst.
Arthur"
Ich legte den Brief hin.
Barnaby hatte seinen Kopf auf meine Knie gelegt. Ich weiß nicht, wann das passiert war. Er sah mich an, nicht mit dem arroganten Blick von vorhin, sondern mit etwas anderem.
Ich saß in einer fremden Küche, in einem fremden Pub, in einem Dorf, dessen Namen ich vor drei Wochen nicht kannte, und trank Instant-Kaffee aus einer Tasse mit einem Anker drauf.
„Na gut", sagte ich zu Barnaby. Er blinzelte.
„Ein Jahr."
Er legte seinen Kopf schwerer auf mein Knie. Als wäre das beschlossene Sache. Draußen regnete es weiter.
Der Regen hatte auf mich gewartet.
Ich bin mir sicher, dass er das getan hatte. Er hatte meinen Ankunftstermin im meteorologischen Kalender Englands markiert, mit dem Titel „Bella Ashworth, 34, kommt heute in St. Crow's an". Nicht das höfliche Nieselwetter, das man auf Postkarten sieht. Das andere. Das horizontale.
Ich saß in meinem Auto, parkte vor einem Gebäude, das laut Erbschaftsdokument mein neues Zuhause war, und trank den letzten Espresso aus meinem Thermobecher. Er war kalt. Er war seit Swindon kalt. Ich hatte ihn trotzdem getrunken, weil kalter Espresso immer noch Espresso ist und weil ich in den nächsten zwölf Monaten offenbar auf Dinge angewiesen sein würde, die mich an die Zivilisation erinnerten.
Vor mir ein Pub namens „The Rusty Anchor".
Ich hatte schon in London Fotos von ihm gesehen. Der Anwalt – ein kleiner Mann namens Pemberton, der so aussah, als hätte er selbst schon bessere Zeiten erlebt, hatte mir ein Kuvert mit Unterlagen und Schlüsseln geschickt, darunter drei Bilder des Pubs. Auf den Fotos hatte er ausgesehen wie charmant verwittert. Wie ein Ort mit Geschichte. Wie etwas aus einem dieser Romane, die man am Flughafen kauft und nie zu Ende liest.
In der Realität sah er aus wie ein Gebäude, das irgendwann aufgehört hatte, sich zu bemühen, und seitdem sehr gut damit fuhr.
Die Fassade war aus grauem Stein, dunkel vom Regen. Die Fenster waren klein, beschlagen, und eines im Obergeschoss hatte einen Riss, der mit einem Streifen Klebeband repariert worden war. Das Schild über der Tür hing schief. Der Buchstabe „C" in „Anchor" fehlte. Ich beschloss, das als Metapher nicht weiterzudenken.
Ich trank den letzten Schluck kalten Espresso.
Dann stieg ich aus.
Der Regen in St. Crow's ist kein gewöhnlicher Regen. Er ist eine zielgerichtete, horizontale Flüssigkeit, die es darauf abgesehen hat, jede einzelne Faser meiner Kaschmirjacke zu ruinieren. Mein Koffer hakte an einem losen Pflasterstein. Ich zerrte. Der Pflasterstein gab nach. Ich nicht. In der anderen Hand hielt ich einen Schlüssel, der aussah, als hätte man ihn seit der Krönung von Queen Victoria nicht mehr geputzt.
Es waren noch fünf Meter zur Eingangstür. Ich legte sie in dem Tempo zurück, das man anlegt, wenn man weiß, dass es sinnlos ist zu rennen, aber die Würde es verbietet, zu schlendern.
„Das ist nur eine Phase, Bella", murmelte ich mir selbst zu, während das Wasser von meiner Nasenspitze tropfte. Mein Herz pochte gegen meine Rippen – eine Mischung aus Trauer um Arthur und der nackten Panik vor dem, was mich hinter dieser Tür erwartete. „Ein Jahr. Zwölf Monate. Dann verkaufst du diesen Steinhaufen und kehrst zurück in die Zivilisation, wo man Kaffee aus Bohnen trinkt und nicht aus Instant-Pulver."
Es war nicht abgeschlossen.
Ich stieß die schwere Eichentür auf. Sie gab ein Geräusch von sich, das zwischen dem Ächzen eines gefolterten Geistes und dem Quietschen einer rostigen Guillotine lag. Im Inneren roch es nach altem Holz, abgestandenem Bier und – ich schnupperte skeptisch – etwas, das verdächtig nach ranzigen Käse-Zwiebel-Chips roch.
Ich stolperte in den dunklen Flur und blieb abrupt stehen. Dort bot sich mir ein Bild des Jammers: Meine Umzugskartons, die die Spedition heute Morgen pflichtbewusst geliefert hatte, stapelten sich wie eine instabile Festung an den Wänden. Und mitten in der einzigen Lücke, die den Weg in den Schankraum freigab, lag er. Ich starrte auf den Hund. Der Hund starrte zurück. Er sah aus wie ein explodiertes gelbes Sofakissen und blockierte den Durchgang so effektiv wie eine Straßensperre der Polizei. Er machte keinerlei Anstalten, sich auch nur einen Millimeter zu rühren. Er sah nicht so aus, als würde er sich in diesem Jahrzehnt noch einmal bewegen.
„Na toll", sagte ich und ließ meinen Koffer los, der mit einem nassen Platsch im Staub landete. „Hör zu, Barnaby. Ich bin Bella. Deine neue... Mitbewohnerin."
Er würdigte mich keines Blickes, fixierte nur meine mit Schlamm verkrusteten Gucci-Loafer mit einer Mischung aus Mitleid und tiefer Verachtung.
Ich atmete tief ein, spürte den Staub in meiner Lunge und versuchte, so autoritär zu klingen, wie ich es früher gegenüber meinen Praktikanten in London getan hatte. Ich verschränkte die Arme vor der nassen Jacke.
„Pass auf, Barnaby. Ich bin keine Hundeperson. Ich bin eine Espresso-Person. Ich besitze Kleidung, die mehr kostet als dein Jahresvorrat an Kauknochen. Also wäre es für uns beide besser, wenn wir uns von Anfang an verstehen: Ich bin die Chefin, du bist der Mitbewohner mit dem Haarausfall."
Barnaby hob nur eine Augenbraue – und ja, ich war mir in diesem Moment absolut sicher, dass er das konnte. Er stieß einen tiefen, gelangweilten Seufzer aus, der so viel bedeutete wie: ‚Rede du nur, Schätzchen, ich bin hier derjenige mit dem unbefristeten Mietvertrag.'
„Hörst du mir überhaupt zu?", herrschte ich ihn an. „Beweg dein flauschiges Hinterteil. Ich muss an diese Kartons!"
Dann legte er seinen Kopf langsam wieder auf seine Pfoten und schloss die Augen. Er unternahm nicht den geringsten Versuch, mir zu gefallen oder auch nur mit dem Schwanz zu wedeln. Er lag da und wartete, während ich in der Enge des Flurs zwischen feuchter Pappe und einem desinteressierten Retriever festsaß.
Ein brennendes Gefühl stieg in mir auf – eine Mischung aus Wut und der plötzlichen Sehnsucht nach meinem sterilen, hundefreien Büro in Mayfair. Arthur hatte mir vieles über seinen „treuen Gefährten" erzählt. Er hatte gesagt, Barnaby sei die Seele des Pubs. Er hatte jedoch vergessen zu erwähnen, dass diese Seele ein ignoranter Snob war, der mich behandelte, als wäre ich die ungeliebte Aushilfe, die erst gelernt hatte, ein Bier unfallfrei zu zapfen.
„Du denkst wohl, du hast das Sagen, was?", zischte ich und trat vorsichtig über seine Rute hinweg, wobei ich fast das Gleichgewicht verlor.
Barnaby öffnete ein Auge, sah mir hinterher, wie ich über einen Karton mit der Aufschrift ‚Küche/Zerbrechlich' stolperte, und gab ein kurzes, trockenes Schnauben von sich. Es klang verdächtig nach einem Lachen.
„Das war nicht witzig!", rief ich über die Schulter und humpelte in den Schankraum.
Ich wollte gerade meinen Koffer endgültig in die Ecke pfeffern, als mein Blick auf eine kleine Nische hinter der massiven Eingangstür fiel. Neben Barnaby stand eine leere Schüssel aus blauem Steinzeug. Daneben lag ein zerkautes Seil-Spielzeug, das aussah, als hätte es einen schweren Herbst hinter sich – oder als wäre es von einem sehr frustrierten Bagger überrollt worden.
An der Wand lehnte ein handgeschriebenes Schild, das Pemberton, der Testamentsvollstrecker, offenbar hinterlassen hatte. Die Handschrift war zackig und wirkte fast wie eine Warnung:
„Barnaby frisst um 17 Uhr. Käse nur als Belohnung. Nicht verhandeln."
Ich sah auf meine Uhr. 16:58 Uhr.
„Nicht verhandeln?", murmelte ich und sah zu Barnaby hinunter.
„Glaub mir, Kumpel, ich habe mit Londoner Caterern verhandelt, die ihre eigene Mutter für eine Trüffel-Lieferung verkauft hätten. Ein Hund stellt für mich kein diplomatisches Problem dar."
Barnaby öffnete ein Auge. Er bewegte sich nicht, aber seine Nasenflügel bebten. Punkt 17:00 Uhr stieß er ein kurzes, forderndes Wuff aus. Es war kein Bellen, es war ein Befehl.
„Schon gut, schon gut!", sagte ich und hastete in die Küche, die ich bisher nur kurz gestreift hatte. Dort stand ein Sack mit der Aufschrift ‚Royal Canin – Für den anspruchsvollen Hund'.
Ich schüttete eine großzügige Portion in seine Schüssel. Das trockene Klappern der Pellets auf dem Steinzeug klang in der Stille des Pubs wie ein Trommelwirbel. Ich stellte die Schüssel mit einem triumphierenden Lächeln vor ihn hin.
„Bitte sehr. Dinner is served."
Barnaby erhob sich langsam. Er schlenderte zur Schüssel, senkte die Nase, schnupperte genau eine Sekunde lang – und sah mich dann an. Sein Blick war pures Entsetzen. Es war der Blick eines Restaurantkritikers, dem man gerade eine Tiefkühlpizza als handgemachte Pasta verkauft hatte.
Er sah die Schüssel an. Er sah mich an. Und dann tat er etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Er schob die Schüssel mit der Schnauze so energisch von sich weg, dass sie gegen einen meiner Umzugskartons knallte.
„Was? Ist es zu trocken? Zu gesund?", fragte ich fassungslos.
Barnaby starrte mich weiterhin erwartungsvoll an. Dann wandte er seinen Blick zu einer kleinen Porzellan-Untertasse, die einsam auf dem untersten Regal hinter dem Tresen stand. Er tippte mit der Pfote einmal kurz gegen das Holz des Regals.
„Vergiss es", sagte ich und stemmte die Hände in die Hüften. „Pemberton hat gesagt: Nicht verhandeln. Das da in der Schüssel ist Spitzenfutter. Es enthält Vitamine, Herr Barnaby. Dinge, die gut für dein Fell sind."
Er antwortete, indem er sich demonstrativ mit dem Rücken zu mir und dem Futter hinsetzte. Er starrte die Wand an, als wäre sie das Interessanteste auf der Welt.
„Das ist ein Hungerstreik, oder?", rief ich, während meine Stimme eine Oktave höher rutschte. „Wir kennen uns seit zehn Minuten und du versuchst mich bereits emotional zu erpressen!"
Stille.
Ich sah nochmals auf das Schild an der Wand. „Nicht verhandeln".
Dann sah ich auf den Hund, der aussah wie eine Statue der absoluten Sturheit. In diesem Moment begriff ich, dass Arthur mir nicht nur einen Pub und einen Hund hinterlassen hatte. Er hatte mir einen Krieger hinterlassen, der seine Schlachten mit passivem Widerstand und einem unerschütterlichen Glauben an Porzellan-Untertassen schlug.
Ich seufzte, griff nach der Untertasse und suchte in den Vorräten nach der Tüte mit den Chips. Das Jahr hatte noch nicht einmal richtig angefangen, und ich hatte die erste Verhandlung bereits krachend verloren.
Jetzt schaute ich mich in der Küche um.
Die Küche war groß. Größer als meine gesamte Londoner Wohnung, was ich ihr nicht verzieh.
Die Decke hing tief, die Balken dunkel und so oft überstrichen, dass die Farbe in dicken Schichten saß wie Jahresringe – jede Generation hatte hier einfach drübergemalt und gehofft, das würde reichen. Das Fenster über der Spüle ging auf den Hinterhof hinaus. Draußen regnete es immer noch. Das Glas war dünn, so dünn, dass ich den Regen nicht nur hörte, ich spürte ihn.
Und dann sah ich sie. Auf der Arbeitsplatte, zwischen einem Messerblock und einem Topflappen in Form eines Fuchses:
eine Dose Instant-Kaffee.
Braune Dose, weißer Deckel. Die Sorte, die man kauft, wenn man aufgehört hat, an sich selbst zu glauben.
Ich stand lange vor der Dose und starrte sie an.
Dann hielt ich Ausschau nach einer Espressomaschine. Nichts.
Nur die Dose.
Ich sah sie an. Sie sah mich an. Einer von uns beiden würde dieses Jahr nicht überleben.
Barnaby saß in der Zwischenzeit neben mir und sah ebenfalls auf die Dose, vermutlich aus anderen Gründen.
„Das", sagte ich, „wird das erste sein, das sich ändert."
Aufgeben war keine Option. Mit der Dose in der Hand ging ich in den Schankraum. Irgendwo hier musste ein Wasserkocher zu finden sein. Doch die Durchsuchung des Tresenbereichs blieb ohne Ergebnis. Zwischen Scotch-Flaschen und alten Bierdeckeln fehlte von einem Kocher jegliche Spur. Stattdessen kam ein verbeulter Espressokocher zum Vorschein – eine jener achteckigen Bialettis, die aussahen, als hätten sie bereits den Ersten Weltkrieg miterlebt. Klein, silbern und völlig abgenutzt wirkte sie wie ein Relikt aus den Neunzigern, das auf jemanden wartete, der ihre altmodische Mechanik noch verstand. Die Dose Instant-Kaffee landete mit einem hohlen Klacken direkt daneben auf dem Tresen. Beide schwiegen.
Nach umständlichem Hantieren mit dem widerspenstigen Gewinde landete das Instantpulver löffelweise in dem kleinen Metallsieb.
Barnaby sah mir dabei zu mit dem Ausdruck eines Mannes, der einen Fehler kommen sieht, aber beschlossen hat, nichts zu sagen.
Das Ergebnis meiner Gewaltaktion war eine kleine, dampfende Tasse mit einer Flüssigkeit, die mit Espresso ungefähr so viel gemeinsam hatte wie St. Crow's mit London. Technisch Kaffee. Spirituell eine Beleidigung. Ich trank ihn bis auf den letzten Tropfen.
„Kein Wort", sagte ich zu Barnaby.
Er sah demonstrativ zur Seite.
Ich trug die Tasse zurück in die Küche und setzte mich an den Tisch.
Erst jetzt bemerkte ich Arthurs Brief.
Pemberton hatte den Brief auf dem Küchentisch hinterlassen. Daneben: ein weiterer Schlüsselbund und eine Liste mit Barnabys Eigenheiten. Drei Seiten. Handgeschrieben. Ich überflog sie. Die meisten Punkte konnte ich mir denken. Punkt sieben nicht.
„Barnaby öffnet Kühlschränke."
Ich sah zum Kühlschrank. Dann zum Hund. Barnaby sah zum Kühlschrank. Ich schob einen Stuhl davor. Punkt dreizehn ließ mich länger innehalten als alle anderen.
„Barnaby erinnert sich an alles. Unterschätzen Sie das nicht." Wieder schauten wir beide uns eindringlich an. Ein Hund, dachte ich. Es ist nur ein Hund. Ich legte die Liste hin und nahm Arthurs Brief. Er war kurz. Keine Erklärungen, keine Entschuldigungen, Arthur Whitmore hatte nicht viel Wert auf Umschweife gelegt.
„Liebe Bella,
Du kennst mich nicht. Ich kenne dich kaum – nur durch das, was deine Mutter mir über die Jahre erzählt hat, und durch das, was ich selbst beobachtet habe, als du als Kind manchmal mitgekommen bist. Du warst das Mädchen, das immer wissen wollte, wie die Dinge funktionieren. Das hat sich, soweit ich weiß, nicht geändert.
The Rusty Anchor braucht jemanden, der wissen will, wie die Dinge funktionieren. Und Barnaby braucht jemanden, der nicht aufgibt, wenn er es schwierig macht. Er macht es immer schwierig. Das ist keine Warnung. Das ist eine Beschreibung.
Ein Jahr. Danach gehört dir beides – wenn du bleibst.
Ich hoffe, du bleibst.
Arthur"
Ich legte den Brief hin.
Barnaby hatte seinen Kopf auf meine Knie gelegt. Ich weiß nicht, wann das passiert war. Er sah mich an, nicht mit dem arroganten Blick von vorhin, sondern mit etwas anderem.
Ich saß in einer fremden Küche, in einem fremden Pub, in einem Dorf, dessen Namen ich vor drei Wochen nicht kannte, und trank Instant-Kaffee aus einer Tasse mit einem Anker drauf.
„Na gut", sagte ich zu Barnaby. Er blinzelte.
„Ein Jahr."
Er legte seinen Kopf schwerer auf mein Knie. Als wäre das beschlossene Sache. Draußen regnete es weiter.