Berlin 2018: Betteln extrem

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In diesen Tagen ist es in Berlin entweder trocken-kalt oder nass-kalt. Die Temperaturen pendeln meist um den Gefrierpunkt. Umso mehr fällt in der U 6 jetzt ein hochsommerlich gekleideter junger Mann auf. Er trägt kurze Shorts – die Knie nackt – und ein T-Shirt, dessen rechte Hälfte er über die Schulter hochgezogen hat. So präsentiert er seinen von massiven Brandverletzungen entstellten Rücken und den entmuskelten Stummel seines rechten Armes. Die Gliedmaße ist oberhalb des Ellenbogengelenks amputiert – der junge Orientale, Syrer oder Iraker vermutlich, könnte das Opfer einer Bombenexplosion sein.

Obwohl hochgewachsen, geht er gebückt und schlurfend durch die ganze U-Bahn, fortwährend bettelnd. Die neueren durchgehenden Züge erleichtern ihm das Vorankommen. Bei den älteren Wagen hat er Mühe, auf den Stationen rechtzeitig von einem in den anderen umzusteigen. Wenn es in der Stoßzeit schnell gehen muss und viele Fahrgäste gleichzeitig aus- oder einsteigen, läuft er Gefahr, als Letzter in der sich schließenden Tür eingeklemmt zu werden.

Er spricht keinen an, man weiß nicht, welche Sprache er spricht. Er weist nur kurz seinen Armstummel und die massiven, flächendeckenden Narben am Rücken vor. Obwohl er mit den Mitteln des Schocks arbeitet, scheint ihm nicht öfter gegeben zu werden als dem durchschnittlichen Bettler. Sein Anblick ist allzu schockierend. Wer ihn angesehen hat, wird ihn gerade deshalb nicht vergessen, wird noch lange grübeln – über eine Welt aus den Fugen. Was tun angesichts dieses Elends, das uns buchstäblich auf den Leib gerückt ist?
 

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