Beschissene Adventszeit in der Nervenheilanstalt

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Roger Izzy

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Da sass ich nun wieder, drei Wochen vor Weihnachten. Das Fest der Liebe und Vorfreude auf die Niederkunft Jesu Christi. Ja, sicher. Meine Vorfreude auf die Ankunft der Notfallpsychiater in meiner heiligen Stätte der Verdammten.
Mit denen hatte ich nicht gerechnet. Ich war wieder unterwegs gewesen, aber nicht lange. Ich wurde alt. Das gab mir irgendwie zu denken.

Ich war zuhause. Nicht immer allein. An einem Abend waren drei Frauen bei mir. Es war ja bald Weihnachten. Die Zahl Drei: Nicht die drei heiligen Könige aus dem Abendland kamen mit ihren Geschenken vorbei. Nein, es waren wie gesagt drei Weiber, aber ohne Geschenke.
(Vielleicht waren sie nicht alle am gleichen Abend bei mir...)
Mary putzte, Betty kochte und Carolina versuchte, mir einen zu blasen.
Ich brach aber die Übung ab. Das weiss ich noch. Ich war zu besoffen. An mehr erinnere ich mich leider nicht.
Ich war in einem erbärmlichen Zustand und telefonierte jeden Tag mit meiner geschätzten Psychiaterin und anderen lustigen Leuten, denen ich immer wieder den gleichen Scheiss erzählte.

Es kam, wie es kommen musste.
Es klingelte an der Türe. Vor mir stand ein junger Kerl mit einem Notfallkoffer. Der Notfallpsychiater.
„Kommen Sie bitte rein“, sagte ich.
„Danke, Sie wissen, warum ich hier bin?“
„Ich kanns mir denken. Einen Drink gefällig?“
„Ein Tee wäre ganz schön.“
„Ja, sicher.“ Da sassen wir nun. Draussen schneite es. Ich rauchte, soff weiter und rezitierte meine Gedichte. Er hörte zu.
„Nun, ich denke, Ihr Zustand ist noch nicht so dramatisch. Trinken Sie weniger und rufen Sie morgen Ihre Psychiaterin an.“
„Das mache ich.“ Ich las ihm dann noch zwei Kurzerzählungen vor. Er fand sie ziemlich schräg, aber durchaus inspirierend. Wir verabschiedeten uns.
„Schöne Weihnachten. Schönen Gruß nach Hause.“

Einen Tag später stand der zweite Notfallpsychiater auf der Matte. Er telefonierte der Ambulanz. Sie kam. Die Sanitäter halfen mir einzusteigen.
„Wie geht es Ihnen? Wir fahren ins Spital.“
„Ich habe eine CD dabei“, sagte ich. „ Oasis live at Wembley. Würden Sie die CD abspielen?“
„Das dürfen wir im Ambulanzwagen nicht.“
„Schade.“ An mehr erinnere ich mich nicht. Doch! Ich lag für ein paar Stunden mit einer Infusion im Spital und wurde danach mit der Ambulanz in die Psychiatrie gefahren. Bevor ich von den Psychiatrieschwestern herzlich empfangen und auf die Station gebracht wurde, durfte ich noch eine Zigarette rauchen. Es schneite immer noch.
Oh Du fröhliche, dachte ich, wie schön ist die Adventszeit! Ich denke an Euch, auch wenn ich jetzt mal für eine Weile den geschmückten Tannenbaum von innen auf der geschlossenen Akutstation anschauen muss. Der Weihnachtsmann ist hoffentlich auch wieder hier. Zur Weihnachtszeit wird er immer besoffen in die Klinik eingewiesen. Er hat die Schnauze voll. Sein Sack wird auch immer schwerer, wie die Last des Lebens. Vielleicht teile ich mit ihm das Zimmer.
Ich lachte innerlich und zündete mir nochmals eine Zigarette an.

Zwei Pflegefachfrauen der Klinik führten mich auf die Station. Ich hatte noch 2,7 Promille in der Birne.
„Sie müssen den Entzug in der Isolierzelle machen. Es ist wegen der anderen Patienten. Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun. Es ist nun mal so.“
„Hä? Nun ja, gehen wirs an. Ich weiss, was mich erwartet.“
Ich legte mich aufs Bett und wartete auf die somatischen Entzugssymptome wie Zittern und neuromuskuläre Krämpfe in den Beinen und im Arsch. Die somatischen Entzugserscheinungen empfinde ich als harmlos. Nicht der Rede und des Jammerns wert. Die psychischen sind weitaus schlimmer. Man hat das Gedankenkreisen. In meinem Fall sind es immer dieselben: Ich sehe mich vor meinem inneren Auge, wie ich in einer Bar saufe und den Weibern im Fumoir mit einem Lächeln ihre Muschis reibe. Zuhause gehts dann weiter mit Saufen und Reiben, allein oder in weiblicher Gesellschaft...

Die Pflegerinnen waren sehr nett. Sie gaben mir Mineralwasser und etwas zu essen. Rauchen durfte ich in ihrer Anwesenheit auch. Sie öffneten das Fenster der Isolierzelle. Durch das Eisengitter paffte ich genüsslich meine Zigarettenrauch, wohl wissend, dass ich in guten Händen war. Ach, wie rührend!
Als ich, rektal gemessen, nur noch 1 Promille in der Ritze hatte, gaben sie mir Valium. Sie zeigten mir mein Zimmer. Ich teilte das Dreierzimmer mit einem Patienten aus der Romandie mit einem Burnout und einem Mazedonier, der unter Parkinson litt. Dazu gesellte sich meine komplexe, aber durchaus sympathische Person mit ihren Mehrfachdiagnosen.
Eine Pflegerin telefonierte meiner Familie und informierte sie über meine Hospitalisation. Ich möchte an dieser Stelle meiner Mutter nochmals herzlich danken, dass sie mir Kleider, Seife, Zahnpaste, Kohle und Zigaretten gebracht hat. Alles, was man halt so braucht für einen längeren Aufenthalt in der Klapse oder auf Mallorca…
Im Aufenthaltsraum lernte ich die anderen Patienten kennen. Nun ja, wenigstens diejenigen, die nicht die meiste Zeit wegen Selbst- oder Fremdgefährdung in ihren Isolierzellen waren.

In der Klinik gibt‘s nicht viel zu tun. Der Alltag ist ziemlich langweilig. Die Animation ist sehr dürftig. Das ist aber auch gut so. Die meisten Patienten liegen im Bett oder rauchen im Aufenthaltsraum vor sich hin und gehen sich gegenseitig auf den Sack.
Ich schreibe gerne in der Klapsmühle. Irgendwo in einer Ecke. Was soll ich sonst machen? Den anderen Idioten auch auf den Sack gehen?
Die lyrischen Texte habe ich in der Klinik geschrieben. Sie sind den Frauen im Milieu gewidmet. Schliesst aber andere Frauen natürlich nicht aus:

„See girls without their shoes, giving head to rotten blokes in their lonely beds, still smiling for a second, helping the blind to see, where everybody rolls.“

„All the shadows and the pain, coming to you, my regrets being cruxified when fall has fallen, tell me, how it feels, bleeding with me into god‘s resurrection.“

„My rosaries behind the curchyard, her scary look of despair, her fate in grave, no hope of repair.“


Dem Herrn und mir gewidmet:

„Heaven‘s bright, so sweet delight, for me at dawn, will be my fate at shiny night.“

„It‘s me, the haunted one, kind of love, my misery above, sparkling waves of raging seas, my bleeding tears, in god‘s bosom of no tears.“

„Le destin qui se bouge vers l‘étérnité, en mourant au chemin du milieu, don‘t je fais ma vie, attendant la félicité au ciel du dieu.“


Peter war Lehrer. Ich redete nicht viel mit ihm. Meistens war er am Husten, Kotzen und Rauchen. Er kotzte Blut.
„Weisst Du, ich arbeitete nur zwanzig Monate als Lehrer. In den Weihnachtsferien ging ich mal mit meiner Alten nach Paris. Wir waren an Sylvester dort. Wir tranken Sekt und stiessen miteinander auf das neue Jahr an und natürlich auf unsere Liebe… Nach drei Gläsern explodierte meine Birne“, erzählte er mir.
„Deine Birne war wie eine Sylvesterrakete. Schöne Metapher!“, sagte ich. Er lächelte.
Er hatte eine Leberzirrhose.
Es gibt drei Stadien einer Leberzirrhose nach Child Pough:
1. Stadium: Eine Fettleber. Beginnende Leberzirrhose.
2. Stadium: Fortschreitende Leberzirrhose.
3. Stadium: Leberzirrhose. Das Fettgewebe der Leber ist vernarbt. Gelbfärbung des Gesichts. Hepatitis. Bilirubinwerte sind im Arsch. Todesgeweiht.
Dieser Exkurs muss sein. Ich weiss nicht viel. Die somatischen Folgeschäden des Saufens sind mir aber bewusst. Die neurologischen und psychischen Folgeschäden sind auch beschissen. Mehr gibt‘s dazu nicht zu sagen, ausser vielleicht: Sauft nicht, wenn ihr es nicht vertragt!
Peters Leber war im Endstadium.

Karl war jung. Er ballerte sich mit Drogen und Alkohol in den Vorhof des Nirvanas. Er trug eine Windel.
„Ich heisse Karl. Der Besitzer meiner Wohnung ist jetzt bei der Polizei und gibt zu Protokoll, ich sei ein ehrbarer Bürger. Ich war mit Ralf in Thailand. In Pattaya haben wir drei Wochen Drogen konsumiert. Im Hotel habe ich mir von einem schwulen Thai einen blasen lassen. In einer halben Stunde gibt‘s eine Zigarette. Ich lege mich jetzt noch eine halbe Stunde hin.“
Das war sein Text, seine Litanei. Den ganzen Tag.
Ich mochte ihn. Er war kaputt, aber stets freundlich und irgendwo geistig und seelisch in seiner Psychose hängengeblieben und dem Wahn verfallen.

Heinz war manisch. Monopolar. Er wurde mit der KAPO auf die Station gebracht.
„Die Bullen waren zu sechst, als sie das Haus stürmten,“ erzählte er. „Meine Mutter hat die Polizei gerufen.“
„Was war denn los?“, fragte ich.
„Keine Ahnung. Meine Mutter sollte man einsperren.“
Wir haben seine Mutter auf der Station kennengelernt. Sie war liebenswürdig. Heinz war es nicht.
Er tickte immer wieder aus und bedrohte das Personal. Das sollte man eigentlich unterlassen... Er wurde eines Abends von den Pflegern nach verbalen Attacken und Drohungen zu Boden gedrückt und auf den Rollstuhl gefesselt in die Isolierzelle gebracht. Die Notfallärztin hatte ihn vorher noch mit einer Valiumspritze ruhiggestellt.

Es war jetzt ruhig auf der Station. Schön.
Dann ging der Alarm wieder los. Das war Alltag. Mich hat‘s nicht gestört.

Heinz kam am nächsten Tag wieder raus. Er entschuldigte sich bei uns.
„Hör mir zu, Heinz,“ sagte ich zu ihm. „Du hast ja einen fürsorglichen Freiheitsentzug (FFE). Wenn Du vor Weihnachten wieder nach Hause gehen möchtest, dann versuch, Dich zu benehmen.“ Ich erklärte ihm die Sachlage. „Einen FFE geht man sachlich und schriftlich an. Dazu gehört auch, dass man sich auf der Station an die Regeln hält und die nötige akute Medikation zulässt. Rehabilitiere Dich. Zeig dem Personal und uns, dass Du auch anders kannst. Du magst zwar für viele ein Arsch sein, aber kein Vollarsch.“ Er nickte.
Am Abend schloss er sich im Badezimmer ein, drehte die Wasserhähne auf und flutete einen Teil des Traktes. Er kam wieder in die Isolierzelle.
„Warum?“, fragte ich ihn am Morgen danach.
„Es passte irgendwie,“ antwortete er.
Am Abend fragte ich nochmals: „Warum?“ Ich wusste, dass er manisch war.
„Weelm sgjetj klk,“ murmelte er. Die Ärzte hatten ihn mit 800mg Quetiapin und 12mg Lorazepamum sediert, einem Antipsychotikum und Benzodiazepin mitsamt alle ihren Wirkstoffen. Er sagte nicht mehr viel…
Vielleicht ist er immer noch dort.
Na dann, ich wünsche Dir gutes Gelingen und Frohe Festtage!

Marie-Louise war Französin. Lieblich anzuschauen. Oder soll ich sagen, sie war geil? Sie war beides. Sie war ziemlich frech.
„Ihr seid alle Arschlöcher!“ Jeden Tag dieselbe Leier.
„Kommst Du mit mir duschen?“, fragte sie mich den ganzen beschissenen Tag. Ich ging aber nicht darauf ein. Sie trug ein weites Nachthemd und darunter nur ihr Höschen.
„Ich gehe jetzt ins Zimmer und mache mit meinem Freund Video-Sex“, zwinkerte sie mir am Abend zu. Ich glaube, ihre Muschi war ganz schön heiß.
Auch sie hatte einen FFE und war schon seit Wochen in der Klapse, aber nicht immer auf der gleichen Station. Es gelang ihr immer wieder auszureissen. Das soll ihr mal jemand nachmachen. Respekt.
Ich denke, sie verbrachte Weihnachten in der Klinik. Vielleicht ist sie immer noch dort wie die meisten Patienten und reibt sich ihre geile Möse im Zimmer oder unter der Dusche oder fickt mit einem anderen Patienten oder mit einem Pfleger…

Ludmilla war schizophren. Die meisten Patienten hatten Angst vor ihr. Sie schrie umher, jammerte und fuchtelte mit ihren Händen den ganzen Tag.
„Sie brüllt nicht euch an,“ beruhigte ich die anderen Patienten. „Es mag wohl bedrohlich aussehen, ist es aber nicht. Sie schreit ihre inneren Dämonen an. Begegnet ihr mit einem freundlichen Lächeln. Das wird ihr helfen.“ Schön, dass ich zugegen war...

Dann war da noch eine Araberin. Zwei Polizisten und drei Pfleger schleppten die Mulattin auf die Station. Sie riss sich immer wieder los und zimmerte schliesslich einem Pfleger ihre Faust ins Gesicht. Was für ein trauriges Schauspiel!
Nun, ich rauchte noch eine Zigarette, liess aus Mitleid einen Furz und ging schlafen.
Am nächsten Tag war sie im Aufenthaltszimmer. Sie trug ein weites Kleid. Sie lächelte und stellte sich vor. „Meine Name ist Aisha.“
„Hallo, freut mich, willkommen auf der seeligen Station der Geistigarmen,“ sagte ich. „Schön, dass Du da bist.“

Jeton war Mazedonier. Er litt an Parkinson. Die Pfleger brachten ihn eines Abends in mein Zimmer. Er hatte fünf Tage bei Heinz im Zimmer verbracht. Wir erinnern uns, der Monopolare.
Ich holte ihm eine Flasche Mineralwasser und setzte mich neben ihn. Er begann zu weinen, sagte, er wolle nicht mehr zu Heinz ins Zimmer. Das verstand ich gut. Ich gab den Pflegern zu verstehen, sie sollten ihn doch bei mir im Zimmer lassen. Er sei hier in guten Händen.
Das haben sie auch gemacht.
Wir unterhielten uns jeden Tag über das Leben im Allgemeinen und sein Leiden. Ich half ihm jeden Morgen in den Rollstuhl, um scheissen zu gehen.
Er erhielt jeden Tag Besuch von seiner Grossfamilie. Er stellte mich seinem Clan vor. Sie reichten mir alle die Hand und bedankten sich für meine fürsorgliche Hilfe.
Ich denke, ich gehörte nun dazu… Er versicherte mir, dass ich ihm jederzeit telefonieren könne, wenn ich draussen mal was brauchen sollte.
Schön. Danke.
Seine Frau und seine Schwester brachten ihm jeden Vormittag Essen. Mazedonische Spezialitäten. Er lud mich ein. Wir assen zusammen in unserem Zimmer. Es fehlte eigentlich nur noch der Bauchtanz einer üppigen Mazedonierin.
Eines Tages wurde er in die REHA verlegt. Wir verabschiedeten uns herzlich. Ich dankte ihm und seiner Familie für die gemeinsamen beseelten Tage und für Speis und Trank.
Fünf Minuten später ging wieder der Alarm los…

Eines Abends brachten die Polizei und die Pfleger einen dicken, stämmigen und bärtigen Mann auf die Abteilung. Den Weihnachtsmann.
„Ho, Ho, Ho, vom Walde komm ich her!“
Ja, ja, eher von der Langstrasse her. Du, alter, geiler Sack!
Er hatte ziemlich getankt und hatte Schlagseite. Sie liessen ihn im Aufenthaltszimmer noch eine Zigarette rauchen und brachten ihn wenig später in die Isolierzelle. Dort blieb er einige Tage. Sie brachten ihm Essen und Mineralwasser oder gingen zu viert rein, um ihn mit einer Valiuminjektion ruhig zu stellen und seine eingeschissenen Hosen zu wechseln.
Der Weihnachtsmann, wie ihn nur wenige kennen:
Valium in der Birne und Dünnschiss in der Hose.
 

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