Besoffen (Sonett)

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Walther

Mitglied
Besoffen


Du gibst mir von dem Brot den Rand, die Krume:
Ich beiße in sie voller Angst und Hunger!
So wie ich in den dunklen Ecken lunger,
Im tiefsten Schatten vor dem Glanz der Blume,

Die du mir bist, die liebste meiner Strafen.
Du siehst mich deinen Schritten folgend bürsten,
Weil mich selbst deiner Füße Düfte dürsten,
Wo sie des schweren Teppichs Wolle trafen.

Ich bin gefallen und verfallen zu gefallen:
Den Honig pinsle ich in feinste Härchen,
Die silbrig Deine Oberlippe zieren.

In Deines Näschens Löcher darf ich stieren:
Sie sind längst dieses zarte Liebespärchen,
Von dem ich mir vor dir nicht trau zu lallen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo, Walther, das Gedicht ist sowohl inhaltlich als auch formal interessant.

So gibt es einen völlig scharfen Kontrast zwischen (meist) erhabenem Sprachstil und der eigentlichen dramatischen Situation.

In "So wie ich in den dunklen Ecken lunger," wird sie auch sprachlich angedeutet, konvergiert fast, enthält mit "lunger" eine umgangssprachliche Form, die zugleich auf das Elend hinweist.
Ungewöhnliche Metaphern, die das ganze leicht surreal werden lassen in der Anbetung der Geliebten.

Die "vornehme" allgemeine Sprache weist zugleich auf tiefen Fall und Verzweiflung hin, die der Situation innewohnt.

Ob nun "Besoffen" ein Gefühl, eine Metapher oder ein Zustand ist, für jede dieser Interpretationen ändert sich das Gedicht. Das zeigt, wie wichtig der Titel ist.

So wird das Sextett zur Vision, zum Traum, zum Albtraum gar.

Das beginnt damit, dass der Erzähler aus der Form fällt, statt 5 Hebungen hat "Ich bin gefallen und verfallen zu gefallen:" deren 6, das Torkeln, die Benommenheit andeutend. Hier gerät das Werk aus dem Takt. "Ich fiel und bin verfallen zu gefallen" würde sich normal einordnen, die aktuelle Zeile aber bildet einen Symmetriebruch, der zeigt, was folgt ist Vision, hervorgerufen durch Krankheit, Rausch, Elend oder Alkohol, eine Fata Morgana der Sinne.
 

Walther

Mitglied
Hi Bernd,

schön, daß du diesen sonettversuch dir angeschaut hast. in der tat ist die sechshebigkeit in s3v1 programm. sie ist ein trauermarsch.

die vergeblichkeit des anhimmelns ist unendlich. sie kleidet sich in trauer und selbstmitleid, das sarkastisch-zynische züge annehmen kann. das sonett eignet sich dafür, das tragische tragend aufzudecken.

vielen dank und lieber gruß

W.
 

Walther

Mitglied
Hi Mondnein,

das mit den strafen, das ist so ein vermaledeite sache. sträflich eben.

danke und lieber gruß

W.
 

Walther

Mitglied
Hi Marie-Luise,

du hast vermutet, daß ich "Kruste" mit "Krume" verwechselt haben könnte, nehme ich mal an. das hätte passieren können, die wörter sind sehr ähnlich.

die krume ist deshalb so spannend, da man das wort ja auch für pflanzerde setzen kann.

danke, daß du reingelesen hast. deine kommentare sind mir immer lieb und wert, auch wenn sie mal nicht schmeichelhaft ausfallen. ich habe schon viele wertvolle hinweise von dir erhalten!

meine sonette wird es 2016 als buch geben, und zwar in der schreibschrift nach Duden. :)

lg w.
 

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