Besuch der Tochter

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Shallow

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Gleis drei. Viertel nach fünf. ICE 1157. Mehr stand nicht in der Nachricht. Der Zug kommt tatsächlich pünktlich. Rudloff steht am Bahnsteig und beobachtet die aussteigenden Menschen. Klappernde Rollkoffer werden an ihm vorbeigeschoben, der rote Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr dreht seine Runden. Die Zugtüren schließen, er wartet, bis der Zug abfährt. Sie ist nicht gekommen. Kann sie auch nicht. Wie soll das gehen, er hat keine Tochter. Der Bahnsteig leert sich. Zwei Männer stehen weiter hinten, warten in ihren dunklen Mänteln auf etwas. Sie wirken verloren, deplatziert, so wie er. Dabei ist der Zug längst weg. Rudloff dreht sich um, die Rolltreppe funktioniert nicht, fluchend nimmt er die Stufen.
Auf dem Rückweg bleibt er vor einem Laden stehen. Er hat es geschafft, ein paar Tage nicht zu trinken. Jetzt ist es egal, er kauft zwei Flaschen. Die eine trinkt er auf dem Weg zum Auto, die andere auch. Er steigt ein und hasst sich. Sich und die Welt. Gleichzeitig überkommt ihn ein Gefühl der Erleichterung. Er hat es versucht. Hat nicht geklappt. Unwichtig. Alles andere läuft nach Plan. Er muss lachen, wie ging das noch? Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht? Im Theater war er schon seit Jahren nicht mehr, Theater hat er im Leben ausreichend. Und auch auf den Straßen gibt es genug davon, Weihnachtsbeleuchtung, Tannenbäume, das ganze Programm. Die Stadt in klebrige Watte gepackt, im Weihnachtswahn, rote Mützen, weiße Bärte, Spekulatius und Schokolade. Im Radio dudelt „White Christmas“, er schaltet es aus. Festliche Stimmung will sich bei ihm nicht einstellen, die Kündigung kam vor zwei Wochen. Einfach so, ohne Vorwarnung, mit freundlichen Grüßen und der Erwähnung einer Abfindung, vorausgesetzt, der letzte Auftrag wird ausgeführt. Was denken die sich? Soll er sich mit 56 an die Kasse von Aldi setzen? Der Verkehr ist zähflüssig, er hupt, als ein Typ im Weihnachtsmannkostüm vor ihm über die Straße läuft. Lauter Irre unterwegs, Alkohol ist auch alle. Plan A ist: Nach Hause fahren und warten. Auf seinem Klingelschild steht der Name "M. Vogelsberg", in ordentlicher Schrift, so wie die der anderen Mieter. Er hat einen kleinen Weihnachtsbaum an das Fenster gestellt, sodass er von außen gut sichtbar ist. Ein paar Kugeln aus dem Baumarkt drangehängt, Lichterkette drumgewickelt, fertig. Natürlich nicht für seine Tochter, die es nicht gibt. Nur zur Tarnung. So ist eben der Plan. Aber er entscheidet sich gegen Plan A. An einer Ampel biegt er nach rechts ab.

Rudloff geht durch die Schranke an der Security vorbei. Ohne Ausweis, den haben sie ihm abgenommen, aber er kennt die Wachleute. Ein Nicken zur Begrüßung, dann ist er durch. Das Büro ist im dritten Stock. Er wartet vor dem Fahrstuhl, der Mann an der Rezeption ist neu, Rudloff fühlt seinen Blick im Rücken. Als der Fahrstuhl das Erdgeschoß erreicht, ertönt der vertraute Gong. Die Schiebetür öffnet sich, er drückt die Taste und starrt sich im Spiegel an. So sieht also einer aus, der hier nicht mehr hergehört. Grauer Mantel, Rollkragenpullover, Tränensäcke unter den Augen. Vermutlich sieht er aus wie die beiden Typen am Bahnsteig, die er vorhin beobachtet hat. Immerhin passt seine Haarfarbe zum Mantel. Er tritt aus dem Aufzug. Sein ehemaliges Büro ist unverschlossen. Er hat es ausgeräumt, schon letzten Monat. Der leere Schreibtisch steht noch, das Regal ebenfalls, die Wände sind kahl. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Nichts erinnert mehr an ihn, außer der Palme in der Ecke. Anfangs war sie so klein, dass sie auf dem Tisch stand. Er musste sie mehrmals umtopfen, nun steht sie in der Ecke am Fenster und hat fast seine Größe. Er hebt die Pflanze samt Ballen an, greift nach dem, was darunter liegt und steckt es in die linke Manteltasche, in der rechten ist ein Loch. Als er sich umdreht, steht ein Mann auf der Türschwelle, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Was tun Sie hier, Rudloff?“
„Nach meiner Palme sehen.“
„Wie sind Sie hier reingekommen?“, fragt sein Chef.
„Durch die Tür, Hartmann.“
„Werden Sie mal nicht pampig, ihre Anwesenheit ist weder erlaubt, noch erwünscht! Sie bringen das ganze Projekt in Gefahr, verdammt! An Ihrer Stelle würde ich den Rückweg antreten, sonst hilft der Sicherheitsdienst nach!“
„Glauben Sie, der kann Ihnen noch helfen?“ Er greift in die Manteltasche.
Hartmann geht einen Schritt zurück. „Machen Sie keinen Scheiß, Mann!“
Rudloff zieht die Flasche heraus und schraubt sie auf. Nimmt einen Schluck. Die Flasche verschwindet wieder im Mantel.
„Dachte schon, Sie hätten die Seiten gewechselt“, sagt Hartmann und entspannt sich.
„Will ich eigentlich nicht, wenn Sie die Kündigung zurücknehmen“, sagt Rudloff.
„Wollen Sie mir drohen? Sie unterschreiben gerade Ihr Todesurteil! Ihre Abfindung finde ich viel zu großzügig, wenn Sie mich fragen. Bringen Sie es zu Ende, wie auch immer! Und hören Sie mit dem Saufen auf! Sie sind ein unkalkulierbarer Alkoholiker! Ich habe Ihnen jahrelang den Arsch gerettet. Irgendwann ist Schluss! Muss ich den Sicherheitsdienst bemühen? Sie haben vermutlich sowieso alles versaut.“
„Es sind jämmerliche Amateure“, sagt Rudloff.
„Natürlich!“, sagt Hartmann. „Wissen Sie noch, worum es geht? In welcher Welt leben Sie eigentlich?“
„In der realen, in einer Wohnung mit fremdem Namensschild, einem verkrüppelten Tannenbaum und ohne Tochter. Als Lockvogel für irgendwelche Leute, die sich für einen Astrophysiker interessieren.“
„Es ist nicht irgendein Physiker und die Idee mit dem Abholen ihrer Tochter am Bahnhof kommt von mir. Der echte Professor Vogelsberg hat übrigens wirklich eine Tochter, mit der es Probleme gibt. Wir wollten eine Spur legen und sie wurde hoffentlich angenommen.“
„Sie hätten wenigstens eine hübsche Dame in den Zug setzen können.“
„Gab keine Notwendigkeit. Wenn die Tochter nicht kommt, hat das was Vertrauenswürdiges, richtig aus dem Leben gegriffen. Kauft jeder. Hat so eine tragische Komponente, gerade jetzt und bei Ihnen. Ziemlich genialer Einfall. Wir konnten denen ja nicht einfach ihre Adresse mitteilen, da wären die misstrauisch geworden. Sie sollten sie nicht zu lange warten lassen!“
"Und warum ich?"
Hartmann sieht ihn an ohne die Miene zu verziehen. "Sie sind verzichtbar, falls etwas schiefläuft."
Rudloff nimmt einen weiteren Schluck und behält die Flasche in der Hand. Wortlos geht er zum Aufzug ohne Hartmann anzusehen. Draußen auf dem Vorplatz steht ein riesiger funkelnder Weihnachtsbaum. Hier. Das war ihm vorhin gar nicht aufgefallen. Er wird nachlässig, vielleicht trinkt er wirklich zu viel.

Rudloff parkt vor seinem Haus, steigt aus und geht langsam außen herum. Der Weihnachtsbaum ist durch das Fenster gut zu sehen, er hat die Lichterkette angelassen. Im Flur sind es nur ein paar Stufen, der Tesastreifen unten an der Wohnungstür klebt noch, es ist keiner da. Tür aufschließen, wieder zudrücken, Licht an, Kühlschrank auf. Alles drin, Gin, Bier, Wein. Er braucht jetzt einen Gin Tonic. Zwei Eiswürfel gleiten in das Glas, das leise Klirren des Eises, das Gluckern des Gins und das Rauschen des Tonicwaters hat etwas Erotisches. Er nimmt das kalte Glas, presst etwas Limettensaft hinein und hält es gegen die Stirn. Er setzt sich in den Sessel mit dem Rücken zum Weihnachtsbaum. Der wird morgen sowieso entsorgt. Mit allem anderen. Er hasst dieses Weihnachtsgedöns, diese Symbole für, ja, was? Nächstenliebe, Familienglück, Religiosität? Gott im Himmel, an den glaubt er auch nicht. Rudloff sitzt dort, den Mantel nicht ausgezogen, und nimmt einen kleinen Schluck. In der rechten Seitentasche ist unten ein Loch geschnitten, die P30 ist keine zwanzig Zentimeter lang, aber der Schalldämpfer macht die Sache länger. Er schmeckt die leichte Bitterkeit, den erfrischenden Limettengeschmack, spürt die Schwere des Glases, das im Licht funkelt. So wunderschön. Er wartet.
Nach dem dritten Gin ist ein leichtes Schaben zu hören. Er hat nicht verriegelt, die Tür soll unbeschädigt bleiben. Ein paar Sekunden später stehen zwei Männer vor ihm, einer von ihnen zielt mit einer Waffe auf ihn.
„So, Freundchen!“, sagt der mit der Waffe, Rudloff schießt sofort. Der erste Schuss trifft den Mann in den Bauch, der zweite in die Brust. Keine Schutzwesten. Der Mann taumelt rückwärts, lässt die Waffe fallen, versucht etwas zu sagen und stürzt auf den Boden. Die Arme greifen nach etwas, was nicht da ist, roter Schaum blubbert vor seinen Lippen, die Beine treten ins Leere. Er bäumt sich auf, den Rücken durchgedrückt, ein Schwall Blut spritzt aus seinem Mund, dann sackt er in sich zusammen. Der andere Mann starrt entsetzt auf seinen Kollegen, hält die Hände vors Gesicht, wendet Rudloff den Blick zu.
„Jämmerliche Amateure!“, sagt Rudloff und greift sich das Glas mit dem Gin. Schwenkt es, die Eiswürfel klirren leicht.
Der Mann kommt auf ihn zu, die Hände bittend gefaltet. „Wir wollten nicht …“
„Noch einen Schritt und du liegst neben dem da“, sagt Rudloff und zeigt auf den Toten.
Der Mann bleibt stehen. Geht auf die Knie. Schluchzt.
Rudloff nimmt einen Schluck.
„Geh zurück!“, sagt er. „Du bist auf meinem Teppich. Wenn ich dich erschießen muss, saust du mir alles voll!“
Der Mann kriecht zurück, weint.
„Wir machen es einfach“, sagt Rudloff. „Auftraggeber, dein Name, der Name deines Kollegen, fünf Sekunden.“
„Bitte!“, windet sich der Mann. „Sie sind doch Professor, haben eine Tochter, Sie müssen ein Herz haben!“
„Seh ich aus wie ein Professor? Es gibt keine Tochter und ein Herz schon gar nicht!“, sagt Rudloff. „Ihr habt meinen Account gehackt und geglaubt, dass ich das nicht merke? Termin am Bahnhof, um Töchterchen abzuholen, den ganzen Scheiß habt ihr gekauft? Zwei Sekunden!“
„Wir wollten nur ihre Computer und den Laptop“, sagt der Mann. „Ich heiße Vincent, Vincent Dürrenmatt.“
„Haha“, sagt Rudloff. „Das ist jetzt wenigstens originell. Willst du mich verarschen?“
„Sagen alle, ich kann nichts dafür!“, sagt der Mann.
„Kennst du das? Flieh, die Glocke dröhnt, die Glocke des Verrats. Oder so ähnlich. Ich weiß das noch, haben wir mal aufgeführt in der Theater-AG, als ich jung war, ich war der Pfarrer.“
„Wovon reden Sie?“
„Wer hat euch beauftragt?“, fragt Rudloff.
„Fünfhundert Euro“, sagt der Mann. „Mehr weiß ich nicht.“
„Geh etwas zurück!“, sagt Rudloff.
Der Mann kriecht nach hinten, den Kopf leicht gebeugt.
Rudloff schießt ihm in den Hinterkopf. Der Mann kippt nach vorne, Rudloff stößt ihn mit dem Fuß zurück. Der Teppich hat nichts abbekommen. Er durchsucht die Toten, deren Taschen sind leer. Erwartungsgemäß.
Er ruft Hartmann an.
„Und?“, fragt der.
„Für mich ist Feierabend“, sagt Rudloff.
"Haben Sie was erfahren können?"
"Nein, es waren nur Handlanger."
"Verdammt, Sie versoffener Idiot! Ich brauche Informationen, keine Leichen! Wie viele?“
„Zwei.“
„Ich schicke jemanden“, sagt Hartmann.
Eine Weile bleibt es still. Rudloff weiß, dass sie längst unterwegs sind. Oder schon da sind. Vermutlich letzteres.
„Schicken Sie meine Tochter!“, sagt er. „So, wie sie gewesen wäre.“
Wieder gibt es eine Pause.
„Keine Tricks?“, fragt Hartmann.
„Ich warte hier“, sagt Rudloff.
„Weil wir uns seit Jahrzehnten kennen und bald Weihnachten ist. Hätte so nicht kommen müssen!", sagt Hartmann.
„Danke!“, sagt Rudloff.
Er geht zum Kühlschrank. Eis, Gin, Tonic, Limettensaft, er hält das Glas ins Licht. Als es zwanzig Minuten später klingelt, drückt er den Summer und bleibt in der Tür stehen. Eine hübsche Blondine kommt die Stufen herauf.
„Darf ich?“, fragt sie.
Er macht eine einladende Geste und tritt zur Seite.
„Meine Tochter ist immer willkommen. Möchten Sie vielleicht einen Gin?“, fragt er.
„Ich trinke nicht“, sagt sie und sieht sich in der Wohnung um. Steigt über die beiden Toten.
Er zuckt mit den Schultern. „Keine Zeit zum Aufräumen.“
„Wenigstens ist der Teppich sauber“, sagt sie und legt ihren Mantel über einen Stuhl. Enge Jeans mit breitem Gürtel, Rollkragenpullover, braune Stiefel, Lederhandtasche. Die legt sie nicht ab. Weiß der Teufel, wo Hartmann diese Frau angeheuert hat.
„Ich darf noch austrinken?“, fragt er.
Sie nickt und streicht die Haare nach hinten.
„So kurz vor Weihnachten schlage ich wenige Wünsche aus“, sagt sie.
„Darf ich fragen, wie Sie heißen? Ich werde es vermutlich nicht verraten können.“
„Maria“, sagt sie.
„Und weiter?“
„Rudloff.“
Einen Augenblick stutzt er, sieht sie an. Wenn sie lächelt, ist sie noch hübscher. Auch er muss lächeln, fast möchte er den Hut ziehen vor ihr und Hartmann. Er setzt sich auf den Sessel vor dem Baum.
„Da ist es nicht gut“, sagt sie. „Sie wissen schon, der Teppich!“
„Ja“, sagt Rudloff und steht auf.
 
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Anders Tell

Mitglied
Hallo Shallow,

»Dann mach noch einen zweiten Plan,
geh'n tun sie beide nicht«

Eine spannende Geschichte und sehr dicht gewirkt. Die Theaterleidenschaft des Helden hat mich sehr für ihn eingenommen. So im Kontrast zu seiner Arbeit. Dass der Besuch der Tochter eine Falle ist, finde ich überzeugend. Fettes Lob.

Anders
 

petrasmiles

Mitglied
Perfekt geschrieben, und doch irgendwie aus der Zeit gefallen. Die (eigene) Welt muss friedlich und überschaubar sein, um diesen hard boiled Kitzel genießen zu können - mir zumindest geht das so.

Liebe Grüße
Petra
 

Shallow

Mitglied
Hallo Ihr Beiden @petrasmiles und @Anders Tell,

vielen Dank für das Lob, Anders Tell, hat mich sehr gefreut!

Perfekt geschrieben, und doch irgendwie aus der Zeit gefallen.

Ja, liebe Petra, ich verstehe, was du meinst - zumindest ein bisschen. Die Geschichte als artifizielle Reminiszenz zu beschreiben, klingt vermutlich ziemlich hochgestochen, aber ich habe an Krimis/Detektivgeschichten der 80er gedacht, der Protagonist fertig und am Ende, desillusioniert, meist dem Alkohol zugeneigt, so diese Atmosphäre. Hard boiled vielleicht wegen der Schuss-Szene, aber auch wegen der Haltung, mit der er den eigenen Tod akzeptiert und sogar gestaltet. Das ist old-fashioned, ich gebe dir recht. Aber eigentlich wollte ich das so wiedergeben, mit dem Fokus auf Unterhaltung und vor allem dem Einfangen dieser Atmosphäre, einen tieferen Sinn als den geschilderten gibt es nicht.

Die (eigene) Welt muss friedlich und überschaubar sein, um diesen hard boiled Kitzel genießen zu können

Das habe ich nicht so ganz verstanden, diesen Zusammenhang. Aber du schreibst, dass du es so empfindest, und das ist dann selbstverständlich richtig. Aber für mich schwingt da etwas mit, als könnte man in heutiger Zeit usw.? Wenn es so gemeint ist, würde ich vehement widersprechen wollen. Für political correctness in dieser Geschichte bin ich eher nicht zu haben. Grundsätzlich darf und muss gerade auch in schwierigen Zeiten Unterhaltung und Ablenkung erlaubt sein. Möglicherweise habe ich dich aber in diesem Punkt missverstanden.
Jedenfalls danke ich dir sehr fürs Beschäftigen und deine Gedanken!

Euch beiden eine entspannte Vorweihnachtszeit wünscht

Shallow
 
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petrasmiles

Mitglied
Liebe(r) Shallow,

nein, nein, mir ging es nicht um political correctness. Eher um das 'Gemüt' (oder mein Gemüt :) )
Wenn ich so angespannt bin wie eigentlich jetzt seit Jahren, dann kann ich mich an solchen Geschichten nicht erfreuen. Und wenn man bedenkt, welchen Zulauf Krimis haben, dass immer mehr Formate erfunden und die bestehenden ausgewalzt werden, dann spricht das für einen generellen Zuspruch - aber nicht bei mir, obwohl ich eigentlich eine 'Krimitante' bin.
Ich 'lese' solche Geschichten immer mit einem sozialen Auge und da bietet dieses Dunkelland 'Geheimdienste' keine Überraschungen und alle Protagonisten Deiner Geschichte haben ja auch ihre Seele schon verkauft. Das waren eher die 'goldenen' 007 Zeiten, als man vielleicht sogar neugierig darauf war, wie es 'da wohl so zugeht', obwohl es 'so' sicherlich nie zuging.
Ich stimme Dir aus vollem Herzen zu, dass Unterhaltung und Ablenkung ein legitimes Bedürfnis sind, das auch ich befriedige, allerdings eher bei Geschichten mit Selbstironie und Augenzwinkern.

Liebe Grüße
Petra
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Die etwas andere Weihnachtsgeschichte ... sehr gelungen und von daher gerne empfohlen!

Das waren eher die 'goldenen' 007 Zeiten, als man vielleicht sogar neugierig darauf war, wie es 'da wohl so zugeht', obwohl es 'so' sicherlich nie zuging.
Das Prinzip 007 beruht doch darauf, dass er so "gut" ist, obwohl auch er Menschen tötet. Aber er ist trotzdem gut, weil die anderen noch viel böser sind. Das hat sich seit Dr. No nicht geändert. Nur mehr Spektakel inzwischen.

Gruß DS
 

Anders Tell

Mitglied
Liebe Petra,
ich glaube, Du tust dem Text etwas unrecht. Das ist kein lupenreiner Hardboiled, weil zwischen den Zeilen manches geschieht, was in einem Agententhriller niemals vorkäme. Der Protagonist, so lese ich es, ist kein typisierter Geheimdienstler. Er ist Trinker und ausgebrannt. Er muss um seinen Job fürchten. Dann erfahren wir von seiner Theaterleidenschaft. Ein normaler Mensch, mit Schwächen und Neigungen. Das eben im Kontrast zu seinen eiskalten Morden.
Aber selbst wenn es ein Reisser reinsten Wassers wäre, würde mich persönlich der Abgleich mit der Realität beim Lesen wenig stören. Es ist ja Unterhaltung und fiktiv. Mich stören eher diese aktuellen Krimis, in denen man über 600 Seiten in tausend Nebenhandlungen mehr über das Privatleben des Ermittlers erfährt, als dass es mit der eigentlichen Krimihandlung mal voran geht. Ich glaube, die Autoren kochen alle nach demselben Rezeptbuch.
Ich gestehe zudem, dass ich in einer Phase völlig schuldfrei Actionkitsch wie Allister McLean gelesen habe.
Anders
 

rubber sole

Mitglied
Hallo Shallow,

gefällt mir, dieser Text - besonders die präzisen Details im Stil eines 'Noir-Krimis': Bahnhof, Büro, Gin-Ritual. Das offene Ende mit Maria Rudloff passt als mystisch-ironischer Akzent gut in die Geschichte.

Gruß von rubber sole
 

Shallow

Mitglied
Hallo @petrasmiles, hallo @DocSchneider,

Ich 'lese' solche Geschichten immer mit einem sozialen Auge

... und das soziale Auge ist auch immer ein Kompass, das spricht unbedingt für dich!

und alle Protagonisten Deiner Geschichte haben ja auch ihre Seele schon verkauft.

Das haben sie tatsächlich, und in dieser Geschichte soll das auch so sein. Den Einwand von @DocSchneider, dass Hochglanz 007-Agenten mit dieser Geschichte nichts zu tun haben, möchte ich aber gern unterstreichen. (Bei dieser Gelegenheit darf ich mich herzlich für die Empfehlung bedanken, die mich ausgesprochen gefreut hat!) Aber vielleicht kommt auch mal eine story mit Selbstironie und Augenzwinkern.

Vorweihnachtliche Grüße sendet

Shallow
 

Shallow

Mitglied
Das ist kein lupenreiner Hardboiled, weil zwischen den Zeilen manches geschieht, was in einem Agententhriller niemals vorkäme. Der Protagonist, so lese ich es, ist kein typisierter Geheimdienstler. Er ist Trinker und ausgebrannt. Er muss um seinen Job fürchten. Dann erfahren wir von seiner Theaterleidenschaft. Ein normaler Mensch, mit Schwächen und Neigungen. Das eben im Kontrast zu seinen eiskalten Morden.

Vielen Dank auch für deine Einschätzung, @Anders Tell, ich selbst verorte die Geschichte jedenfalls nicht im 007-Milieu, völlig richtig, beabsichtigt war eher die Richtung, die @rubber sole so schön formuliert:

gefällt mir, dieser Text - besonders die präzisen Details im Stil eines 'Noir-Krimis': Bahnhof, Büro, Gin-Ritual. Das offene Ende mit Maria Rudloff passt als mystisch-ironischer Akzent gut in die Geschichte.

Das habe ich zumindest versucht, mit einem Touch von der Übertreibung eines Tarantino oder den Coen Brothers, also an bestimmten Stellen am Rand des Trashigen. Es gibt eine Szene in dem Film "No country for old men": Der Killer knallt einen anderen Killer ab und prüft seine Schuhsohlen, ob da Blut dran ist. In der Schluss-Szene führt er ein Gespräch mit einer Frau, man weiß nicht, was dort passiert ist, aber als er vor die Tür tritt, prüft er seine Sohlen. Das erklärt (zumindest aus meiner Sicht) die Szene. Ich habe versucht, etwas in die Richtung mit dem Teppich in die story zu übertragen. Es ist ja vieles unklar, aber das Ende sollte deutlich sein.

Ich danke euch für eure Zeit, die besten Wünsche aus Berlin sendet

Shallow
 
Der Protagonist, so lese ich es, ist kein typisierter Geheimdienstler. Er ist Trinker und ausgebrannt. Er muss um seinen Job fürchten.
Dass der Protagonist ein Trinker ist und um seinen Job fürchten muss, ist dermaßen originell, dass dieses Thema gefühlt in jedem zweiten Krimi vorkommt, ob im Fernsehen oder als Buch.

Ich finde, die Geschichte bietet so gar keine Überraschungen.
 

Anders Tell

Mitglied
Silberne Delfine

Shallow hat ja oben erkennen lassen, dass er persifliert hat und natürlich kommt einem da das meiste bekannt vor. Wie in dem Film »Dead don't wear plaid«, in dem sogar Originalszenen eingebaut wurden.

Die Originalität liegt hier nicht in den Figuren oder Plot.

Anders
 

Shallow

Mitglied
Hallo @SilberneDelfine,

das kann man absolut so sehen. Ich hatte gehofft, dass die Art des Erzählens ganz unterhaltsam sein könnte, und ganz ohne Überraschungen ist der Text vielleicht denn doch nicht mit dem Ende. Aber ich bin kein wirklicher Krimi/Thriller-Profi und vielleicht wird jeder zweite so geschrieben.
Dass Wiedererkennungsmerkmale vorkommen, @Anders Tell hat es bereits erwähnt, ist gewollt.

An Euch beide weihnachtliche Grüße sendet

Shallow
 
Hallo Shallow,

ich lese am liebsten Krimis und kenne viele. :). Es ist daher schwer, mich zu überraschen.
Berühmte Krimi-Autoren schreiben auch nicht immer nur gute Bücher. Manchmal denke ich auch über deren Geschichten, das hätte man sich besser ausdenken können.

Weihnachtliche Grüße zurück

SilberneDelfine
 

Shallow

Mitglied
Hallo @Silberne Delfine,

ich muss jetzt doch nochmal nachfragen - wie gesagt, ich bin kein Thriller-Spezialist, da weißt du mehr - aber ein paar habe ich vor dem Verfassen denn doch gelesen: Winkelmann "Das Haus der Mädchen" (naja), Jo Nesbo "Der Schneemann" (unterhaltsam und recht spannend, fand ich), Sebastian Fitzek (angefangen, aber nicht zu Ende gelesen): Ich habe versucht, einen leicht skurrilen Touch reinzubringen, den haben die alle aus meiner Sicht nicht. Gibt es da etwas, was dir einfällt? Könntest du mir da was empfehlen? Mir fällt vielleicht Castle Freeman ein, "Männer mit Erfahrung" mit wahnsinnig witzigen Dialogen, aber der läuft nicht unter Krimi/Thriller, glaube ich zumindest. Wenn du was auf Tasche hast, let me know! Bin sehr interessiert!

Besten Gruß aus Berlin sendet

Shallow
 
ich muss jetzt doch nochmal nachfragen - wie gesagt, ich bin kein Thriller-Spezialist, da weißt du mehr - aber ein paar habe ich vor dem Verfassen denn doch gelesen: Winkelmann "Das Haus der Mädchen" (naja), Jo Nesbo "Der Schneemann" (unterhaltsam und recht spannend, fand ich), Sebastian Fitzek (angefangen, aber nicht zu Ende gelesen): Ich habe versucht, einen leicht skurrilen Touch reinzubringen, den haben die alle aus meiner Sicht nicht. Gibt es da etwas, was dir einfällt? Könntest du mir da was empfehlen?
Hallo Shallow,

ich wollte dir eine Mail schreiben, das funktioniert aber nicht, weil du kein Feld mit „Unterhaltung beginnen" hast, wo ich draufklicken könnte. Du kannst das bei mir anklicken (einfach „Hallo" schreiben reicht). dann schreibe ich dir zurück.

LG SilberneDelfine
 



 
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