Besuchstag

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ketelwald

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Er schrieb die letzte Zeile noch zuende, stellte den Computer aus, trank den letzten Schluck des Weinglases leer, gab der Katze eine Handvoll Futter und begab sich in Richtung Schlafzimmer.

Die Einstieg in die Geschichte gefiel ihm schon ziemlich gut, aber wie könnte es weiter gehen? Das junge Mädchen aus seiner Geschichte, das in einem Kinderheim lebte, sollte ein bisschen frech, aber sympathisch wirken. Während er die Zähne putzte, überlegte er, wie das Weihnachtsfest für ein solches Kind aussehen könnte. Welche Geschenke würde es wohl bekommen, würde es sich unter seinen Freunden und den Erziehern tatsächlich wie in einer Familie fühlen? Er war noch unschlüssig, ihm fehlte auch die eigene Erfahrung, sich eine solche Situation vorstellen zu können.

Müde sank er ins Bett und ließ sich nach ein paar kurzen Gedanken über die Geschichte in einen traumlosen Schlaf fallen. Am nächsten Morgen wachte er mit dem Gefühl auf, dass irgendetwas anders war als am vorherigen Abend. Er lief in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine an, stellte Geschirr und Besteck für sich auf den Tisch und schlenderte ins Wohnzimmer, um dort sein abgelegtes Handy zu holen.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Er war nicht alleine in seiner Wohnung. Auf der Couch lag ein etwa 12-jähriges, ziemlich kleingewachsenes Mädchen mit kurzen, schwarzen Haaren und schlief. Die Terrassentür war nicht verriegelt. Sollte erst das gestern in seinen Gedanken über die Geschichte tatsächlich vergessen und dieser kleine Streuner eine willkommene Gelegenheit gefunden haben, gemütlich zu nächtigen? Ziemlich mutig von ihr… Instinktiv schaute er sich erstmal im Zimmer im, wo offensichtlich nichts zu fehlen schien. Selbst sein Handy lag noch unberührt an der Stelle, wo er es gestern Abend liegen gelassen hatte.

Er war komplett unschlüssig, wie er mit dieser skurrilen Situation umgehen sollte. Zunächst beschränkte er sich darauf, den Kopf zu schütteln, das Mädchen schlafen zu lassen und sich zunächst wie üblich seinem Kaffee und den Schlagzeilen des Morgens im IPad zu widmen. Die Dinge würden sich auch an diesem Morgen so entwickeln, wie sie sich entwickeln sollten. Während er gerade den letzten Schluck Heißgetränk aus dem Kaffeepott zu sich nahm, hörte er Geräusche aus Richtung Wohnzimmer. Und kurz darauf stand auch schon das Mädchen mit verschlafenem Blick im Türrahmen.

„Hallo…?

„Hallo.“

„Schön dich kennenzulernen. Aber wenn Du jetzt die Güte hättest… mir zu verraten was Du hier tust?“

„Ich dachte ich lebe jetzt hier. Deshalb bin ich da.“

„Du dachtest WAS? Dass Du hier lebst…?“

Er verstummte und war kurz sprachlos. Eine solche Dreistigkeit war ihm bislang noch nicht untergekommen.

„Genau. Schließlich hast Du mich erfunden. Also dachte ich, dürfte auch hier leben.“ Das Mädchen schaute ihn an. „Verstehst Du? Deine Geschichte… über das Mädchen?“

„Woher weißt Du davon? Ach so… Du hast also in meinem Computer gelesen. Ich verstehe.“

„Nein. Habe ich nicht. Du hast mich erfunden, und hier bin ich. Sag mir, wie ich Weihnachten feiern werde…“

Damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Sollte das tatsächlich möglich sein? Oder welchen Streich spielte ihm seine Phantasie hier? Es wäre ja ein Leichtes herauszufinden, ob sie die Geschichte tatsächlich aus seinem Rechner gelesen hatte. Er klappte das Gerät auf und überprüfte, und die Überraschung ließ ihn ins Stuhlpolster sinken: Seit gestern Abend hatte keiner den Rechner mehr angeschaltet. Er hatte tatsächlich Besuch von seiner Phantasiefigur erhalten.

„Und, was ist jetzt mit meiner Frage? Wie werde ich Weihnachten feiern?“

Darauf konnte es eigentlich nur eine Antwort aufgrund der ungewöhnlichen Situation geben. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich so etwas schon immer einmal ausgemalt: Weihnachten mit einem eigenen Kind. Jetzt und unverhofft würde es Wirklichkeit werden.

„Bei mir! Auf geht´s, wenn wir etwas Ordentliches auf dem Teller haben wollen, gibt es noch viel zu tun.“

Das verblüffte Kind hinter sich her kommandierend steuerte er sein Auto an und damit den nächsten Supermarkt, wo er alles ohne Rücksicht auf den Preis in den Einkaufswagen türmte, was er schon immer einmal essen wollte. Das leichte Erschrecken ob des an der Kasse angezeigten Betrags schluckte er souverän herunter – besondere Situationen erforderten eben besondere Maßnahmen. Auch einen Weihnachtsbaum, wenn auch einen eher kleinen, konnte er auf dem Rückweg noch erstehen.

Während er die teuren Leckereien in den Kühlschrank verräumte, wies er seine Weihnachtsüberraschung an, auf dem IPad nach Rezepten zu suchen, die auch ein nur mäßig begabter Koch in den verbleibenden Stunden auf den Tisch bekommen könnte. Er freute sich unheimlich auf das gemeinsame Kochen, auch wenn ihm dazu vermutlich jegliches Talent fehlen würde.

Während er mit dem Organisieren des Kühlschranks beschäftigt war, lief ihm plötzlich ein heißer Schauer den Rücken hinunter: Geschenk! Er hatte natürlich keines. Da hieß es dringend Zeit gewinnen…

„Übrigens, falls Du darüber nachdenken solltest: eine Bescherung mit Weihnachtsgeschenk für Dich gibt es nach guter Tradition in Amerika erst morgen früh. Du wirst also Geduld haben müssen.“

Das Mädchen grinste und zeigte stolz einige Rezeptvorschläge. Beide diskutierten, entschieden sich schließlich für ein Weihnachtsmenü und gingen ans Schälen, Schneiden und Rühren, Kochen, Braten und Dünsten und natürlich gemeinsam Musik hören und Lachen. Selten hatte er letzten Stunden vor dem heiligen Abend so sehr genossen wie in diesem Jahr, vielleicht nicht einmal in seiner eigenen Kindheit…

Als das Essen aufgetischt war, ließ er einen Sektkorken knallen und begann zwei Gläser zu füllen. Das Mädchen sah ihn etwas schräg an und plötzlich musste er grinsen. „Einen Schluck verträgst Du auch schon, oder? So ein Tag wird nicht so schnell wieder kommen…“

Eineinhalb Stunden später sanken beide zufrieden und satt auf das Sofa und lauschten der angenehmen Stimme eines Vorlesers, der die Weihnachtsgeschichte von Dickens in das vom geschmückten Tannenbaum erleuchtete Zimmer ausbreitete, während dem Mädchen langsam aber sich die Augen begannen zuzufallen.

Er deckte sie zu und begann über das Geschenk nachzudenken. Besorgen ließ sich jetzt natürlich nichts mehr, also blieben nicht viele Möglichkeiten übrig. Sein Blick fiel auf den eigenen Bücherschrank, wo sich auch mehrere Ausgaben seines letzten Buches befanden: „Das geschenkte Glück“. Eine Sammlung von kurzen Geschichten zum Thema Schenken und Glück. Wenn das kein Zeichen war… Schnell war ein Exemplar des Buches mit ein paar Zeilen als Widmung in Geschenkpapier eingeschlagen, mit Schleifchen verziert und unter den Baum gelegt. Zeit, endlich auch das Bett aufzusuchen. Noch lange zogen die Erlebnisse des Tages durch seine Gedanken und zauberten ihm ein breites Lächeln auf das Gesicht. Was für ein Tag, was für ein Erlebnis!

Am nächsten Morgen erwachte er wieder mit einem seltsamen Gefühl und lief sofort zum Wohnzimmer, wo er wie angewurzelt stehen blieb. Dort lag kein Mädchen mehr auf dem Sofa, aber das Geschenk unter dem Baum fehlte. Es war wieder alles wie vorher, und doch war alles ganz anders. Vielleicht war es nur ein Traum gewesen, aber dieses Erlebnis, diesen besonderen Weihnachtstag würde ihm niemand mehr nehmen können. Nie hatte er ein schöneres Geschenk bekommen.
 

hein

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Hallo ketelwald,

die Überschrift passt nach meiner Ansicht nicht ganz. Vielleicht nur "Besuch"?

Ansonsten gerne gelesen.

LG
hein
 

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