Bewährung für Karla

BEWÄHRUNG FÜR KARLA

Hat mein Gewissen doch viel tausend Zungen
Und jede Zunge bringt verschied‘nes Zeugnis
SHAKESPEARE, Richard III.

1
Wenn ich Karla tatsächlich an jenem Vormittag getötet hätte – sie also für alle Zeiten unwiderruflich tot wäre –, so würde ich, denke ich, körperlich, geistig und seelisch irgendwann und irgendwie mit dem Leben hinter Gittern zu Recht kommen (und vielleicht sogar darüber hinaus).
Für Karla und mich lief es jedoch lediglich auf versuchten Totschlag hinaus, was ihr einen Aufenthalt in Krankenhaus und Rehaklinik einbrachte, sowie einen zeitweiligen Gehstock und eine bleibende steife Hüfte nebst einem seelischem Trauma, wie ihr Anwalt und ein Gutachter ergriffen anführten – und mir diese Zelle, in der ich noch neunhundertzweiundachtzig Tage von einer knapp sechsjährigen Strafe abzusitzen habe. Dass der Staatsanwalt eingangs von Mordversuch sprach – ein Terminus, den es zu meinem Glück im Strafrecht nicht gibt –, ließ meine Verteidigung, Körperverletzung im Affekt, allerdings, nicht nur im Lichte der Beweislage – es gab sogar einen Zeugen, eine Nachbarin, die beobachtete, wie ich Karla vom Balkon schubste –, wenig glaubhaft und dazu wohl reichlich abgeschmackt erscheinen, obwohl ich eine gezielte Tötungsabsicht guten Gewissens leugnen konnte. Ich wusste damals ja selbst nicht, was ich vorhatte oder erwartete, als ich sie hinunterstieß. Ich hatte mir nichts überlegt, wollte ihr, soweit ich mich erinnere, nichts heimzahlen oder mich für etwas rächen. Ich war lediglich traurig und genervt, und ich glaube, ich wollte einfach nur, dass sie aufhörte mir zu erklären, warum es mit uns nichts werden würde.
Ich erinnere mich, flüchtig sogar daran gedacht zu haben, mich vom Balkon zu stürzen, aber der einzige Sinn, den ich darin entdecken konnte, war, dass sie sich derart um mich sorgen und Mitleid mit mir haben müsste, und mir war durchaus bewusst, dass es selbst dafür zu spät war und dies nichts ändern würde. Obendrein fürchtete ich, mich zum Narren zu machen, auch weil ich bestimmt nicht vorhatte, mich ernsthaft zu verletzen – ein Beinbruch ist nicht die Welt; ich würde mich natürlich beim Aufprall abrollen –, und mein gezierter, effektheischender Sicherheitssprung auf den Rasen seitlich unterhalb des Balkons lächerlich erscheinen würde. Schließlich war es nur das Fundament des dritten Stocks eines durchschnittlichen Wohnhauses, also etwa maximal fünf Meter; eine Höhe, die zum Beispiel im Schwimmbad nur ein paar Angsthasen abschreckt.
Natürlich hätte ich einen würdevollen Abgang inszenieren und einfach verschwinden können, aber ich war deprimiert und verzweifelt und frustriert und apathisch in einem. In einem Moment war mir buchstäblich alles egal, meine wie ihre Zukunft, und im nächsten Moment wusste ich, dass ich es nicht würde ertragen können, wenn sie unmissverständlich und endgültig aussprach, dass sie mich sowieso nicht liebt und nie lieben könnte. Oder von ihrem aktuellen Gefährten schwärmt, der ihr uneigennützig zu multiplen Orgasmen verhilft, Akkordeon spielt, liebenswürdig, hilfsbereit, sensibel, klug und sogar in Neuseeland gewesen ist und dort Kultur sowie Sprache der Maori studiert hat (soweit ihm sein Engagement für chinesische Kräuterheilkunde und Kynologie Zeit gelassen hat) –, was jeden Augenblick geschehen musste. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich daran, sie vorsorglich-freundschaftlich in die Arme zu nehmen, was sie kaum hätte verhindern können (und wohl auch nicht versucht hätte, entspräche es doch nicht ihrer Art), denn wenn man sich erst einmal berührt – wer weiß, was alles geschehen kann, was dann geschehen wäre? Zärtlichkeit – wie ganz allgemein Körperlichkeit – macht meiner Erfahrung nach etwas mit den Menschen, vermag die gegebenen Umstände zu verändern, zum Guten wie Schlechten.
Ich vermochte mir nur das Schlechteste vorzustellen, und dann ging alles ganz schnell. Sie hatte mir gerade verärgert den Rücken zugewandt und sich über das Balkongeländer gebeugt, als ich ihr einen Schubs gab und sie in gerader Linie auf den Beton der Terrasse knapp neben dem Saum des Rasens stürzte. (Einzelheiten wie den Ort ihrer Landung erfuhr ich allerdings erst bei meiner Vernehmung durch die Polizei.) Noch während Karla fiel, hatte ich mich schon abgewandt und Sekunden später die Wohnung verlassen. Ich erinnere mich weder daran, sie schreien noch ihren Aufprall gehört zu haben. Bis ich mich am frühen Nachmittag desselben Tages auf der örtlichen Polizeiwache gemeldet hatte, herrschte in meinem Kopf, in meinem Gemüt eine verwirrende, unbekannte, jedoch nicht unangenehme Leere. Ich verbrachte die Zeit auf einer Bank in einer Grünanlage nahe Karlas Wohnung, und ich hatte das seltsame Gefühl, mich dabei zu beobachten, wie ich dort saß. Ich fragte mich belustigt (jedoch ohne Interesse an einer Antwort), wem wohl diese Sinne gehörten, die ungerührt ihren Dienst versahen. Wohl spürte ich die Sonne auf meinem Gesicht, aber sie wärmte mich nicht. Ich sah die Umgegend mit den Augen eines Kurzsichtigen, der seine Brille vergessen hat. Ich habe geraucht, aber ich schmeckte nichts. Mein Gehör registrierte Geräusche, ohne diese bestimmten Lauten zuzuordnen. Meine Gedanken wirbelten durcheinander, ohne die Synapsen in Anspruch zu nehmen, als gehörten sie zu jemand, dessen Existenz mir gleichgültig ist. Irgendwann musste ich pinkeln, und dennoch hätte ich ewig ausharren können.
Da saß ich und hatte alles hinter mir, was in der gegenwärtigen Realität von Bedeutung schien, und weder beklagte noch vermisste ich etwas. Ich war ein anderer geworden – Hyde hatte Jekyll schließlich verdrängt (wiewohl ich mich nicht für unansehnlich und böse wie jener halte) –, und Karla war ebenso Teil einer neuen, anderen Realität geworden, in welcher ich mich sogar vorsichtig darauf freute, sie wiederzusehen. –

Karla – die zum Erstaunen (wie zur Erleichterung) unserer Seite nicht als Nebenklägerin auftrat – sah entzückend aus während des Prozesses. Sie trug rechtsseitig vom Spann des Fußes bis zur Taille ein Gipskorsett (nebst einer Ledermanschette am rechten Unterarm), was weder ihrer Schönheit noch ihrer erotischen Ausstrahlung einen Abbruch tat, zumal sie im Gesicht keine Verletzungen davongetragen hatte. Dazu funkelte sie mich mehrmals mit einer seltsamen Mischung aus Zorn, Geringschätzung und Verwunderung (respektive Ratlosigkeit) an, sodass mir törichterweise ganz warm ums Herz wurde
Trotz der zweifelhaften Eingangsstrategie meines Anwalts (die mir, ehrlich gesagt, ein wenig peinlich war), entschied das Gericht auf einen minderschweren Fall versuchten Totschlags und begründete diese Milde hauptsächlich damit, dass ich mich umgehend selbst gestellt und meine Tat (wenigstens in groben Zügen) zugegeben und bereut hatte. Mein Anwalt war immerhin kompetent und flexibel genug gewesen, um im Verlauf des ersten Verhandlungstages die Andeutung von Verständnis seitens des Richters zu erschnuppern und seine Strategie dahingehend zu ändern (bzw. darauf abzustellen). So benutzte er jede Gelegenheit, um auf meine Gewissensbisse, Einsicht und Reue hinzuweisen, und vollends in seinem Element erschien er bei der Schilderung meiner so ernsthaften, aufrichtigen wie verzweifelten Liebe zu Karla, die mein Urteilsvermögen deutlich eingeschränkt und mich derart zu einer solch unerklärlichen, meinem Charakter eindeutig fremden Aktion getrieben hatte (was mir – so hoffte ich, schließlich ging und geht es um Liebe, gegen die man, so sie einen überfällt, nichts machen kann! – sogar einen Pluspunkt bei Karla eingebracht haben müsste). Jedenfalls tat mir nicht nur die gefühlsbetonte Schilderung meines Charakters und meiner amourösen Probleme und Verwirrungen wohl, sondern ich hielt mir schließlich meine umgehende Reue und die Bereitschaft zur Busse sogar zugute.
Die Wahrheit jedoch ist, dass ich noch immer keine Ahnung habe, warum ich mich gestellt hatte. (Ich kann nicht einmal verlässlich die Handlungen meiner Jekyll-Seite nachvollziehen; wie sollte ich da Hyde erklären? Andererseits: Welcher Leser hätte nicht Verständnis für jenen Doktor Jekyll ob seiner unschuldigen Besessenheit haben mögen, und Mitleid in Anbetracht seines Schicksals?) Es mag wohl wahr sein, dass ich Karla nicht verletzen wollte, aber von einem aufrichtigen Schuldbewusstsein war (und bin) ich so weit entfernt wie Karla von meinem Bett. –

Nun habe ich etwas über die Hälfte meiner Strafe abgesessen, und die lebendige Karla bereitet mir stündlich mehr Kummer, als es die tote vermutlich getan hätte. Die Erklärung, die ich mir hierfür zurechtgelegt habe, erscheint mir so schlüssig wie nützlich: Eine tote Karla würde mich letztendlich zum Helden einer so unvermeidbaren wie klassischen Tragödie befördern, sowie Karla in eine Heilige, einem Engel verwandeln und zu dem unerlässlichen Opfer der Liebe machen – denn eine große, leidenschaftliche, einmalige Liebe verlangte zu allen Zeiten nach einem Opfer, oder nicht? Sie und ich würden als eine zeitgemäße Variation von Werther und Lotte erscheinen (wahlweise Anna Karenina und Wronski, Valmot und die Tourvel, Tristan und Isolde, Pip und Estella, Frollo und Esmeralda, Cyrano und Roxanne, Rick und Ilsa, Romeo und Julia) – und damit ließe es sich leben, sogar hinter Gittern, wenn man die Frau denn nicht (mehr) bekommen kann! Aber Karla lebt und ich muss – trotz aller törichten Hoffnungen und Träume – davon ausgehen, dass mein Verhalten ihr gegenüber sie nicht zwangsläufig doch noch irgendwann und irgendwie in meine Arme sinken lässt.
Sie hat bislang keinen meiner Briefe beantwortet – ich weiß nicht einmal, ob sie diese erhalten hat –, und meine seltenen Besucher können (oder wollen) mir nichts über sie berichten. Ich frage mich ernsthaft, ob diese Zeilen etwas daran ändern werden, aber ich habe eben nichts anderes zu tun. Allerdings ist das Gefängnis für mich kein Ort künstlerischer und/oder philosophischer Inspiration – ich vergleiche mich nicht mit einem Villon, Cervantes oder gar Oscar Wilde (eine De profundis oder Apologia entsprächen weder meinem Jekyll- noch meinem Hyde-Charakter) –, und meine tiefgründigsten Gedanken drehen sich für gewöhnlich darum, solche weitgehend zu vermeiden.

2
Ich habe etliche Geschichten geschrieben, sowohl im Gefängnis wie auch vorher, wahre wie erfundene, doch alle handelten auf die eine oder andere Art von Karla, ob sie erkennbar die Protagonistin ist, unter einem anderen Namen auftritt, etwa als Anagramm oder Inkognito, lediglich am Rande erscheint oder gar nicht.
Das Schreiben jedoch fällt mir von Tag zu Tag schwerer, im Zuge dessen es für mich zunehmend an seiner ursprünglichen praktischen wie gefühlsmäßigen Bedeutung verliert. Noch vor ein paar Wochen habe ich jede freie Minute genutzt, um derart die Gedanken an Karla wach zu halten, und nun habe ich seit beinahe einer Woche nichts mehr zu Papier gebracht. Überwiegend zum reinen Zeitvertreib mutiert, lege ich immer längere Pausen ein, in denen ich mich pflichtschuldig zu erinnern versuche, warum ich meinte, diese Geschichte (oder überhaupt eine) unbedingt niederschreiben zu müssen. Ein Grund mag darin gelegen haben, dass jede auch noch so unbedeutende oder sinnfreie Ablenkung vom Gefängnisalltag zu begrüßen ist; ein anderer liegt auf der Hand: Ich bekomme Karla nicht aus meinem Kopf (und schon gar nicht aus meinem Herzen), wozu auch eine Fotografie von ihr beiträgt, die ich in meiner Zelle aufbewahre (von der noch zu reden sein wird).
Karla und ich waren ja doch auf eine Art befreundet gewesen – allerdings keine richtigen Freunde im Wortsinn; so etwas gibt es meiner Erfahrung nach zwischen Mann und Frau nicht –, und der Grund, warum wir, selbst in friedlicheren Tagen, selten miteinander über unser gegenseitiges Verhältnis redeten (uns nicht einmal schrieben), war nicht der, dass wir einander gar nichts Bedeutsames zu sagen gehabt hätten. Wir hatten einige gemeinsame Interessen und Ansichten, einen ähnlichen, wenn auch situationsabhängigen Humor, und ich will schon glauben, dass sie mich als Mensch grundsätzlich mochte (meine Jekyll-Seite; den Hyde kannte sie ja noch nicht). Was musste sie wohl nach meinem Übergriff und der anschließenden Gerichtsverhandlung von mir halten? Ob sie mich heute überhaupt noch erkennen würde? (Seit der Gerichtsverhandlung habe ich etliche Kilo, graue Haare und mir einen Vollbart sowie einen undurchdringlichen, wahlweise ausdruckslosen Gesichtsausdruck zugelegt.) Und was um alles in der Welt hatte sie zuvor, in friedlicheren Tagen, tatsächlich von mir gehalten? War ihr überhaupt jemals klar, dass (und wie verzweifelt) ich sie liebte? Nun, da mir diese Frage durch den Kopf schießt, wird mir gleichzeitig bewusst, dass sie rhetorischer Natur ist, unüberlegt, naiv und sogar ein wenig heuchlerisch, denn meiner Erfahrung (bzw. Ansicht) nach weiß selbst die oberflächlichste Frau immer und in jeder Lage, wenn ein Mann auf sie steht, ganz besonders, wenn er aufrichtig in sie verliebt ist, ob ihr dies gefällt (respektive schmeichelt) oder nicht. Aber derartige ketzerische Stimmen belästigten schon gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft meine Synapsen, und sie wurden zur Dauerberieselung, als ich mich hoffnungslos in Karla verliebte und im Zuge dessen völlig verrückt nach ihr war.
Kaum glaubte ich einmal – angesichts ihres verdrießlichen sexuellen Desinteresses –, über sie hinweg zu sein, suchte ich umgehend selbst nach den winzigsten, unwahrscheinlichsten Zeichen dafür, dass sie sich doch etwas aus mir macht! (Ein Verliebter findet nun einmal immer und überall Indizien dafür, dass er trotz allem wiedergeliebt wird.)
Sie blickt mich sekundenlang direkt an, lächelt mir dabei sogar (aufmunternd?) zu!
Sie hat mit mir gesprochen, mich aus heiterem Himmel um Rat gefragt!
Mich zur Begrüßung umarmt, und dabei auf die Wange geküsst (einmal sogar auf den Mundwinkel)! Erkundigt sich nach mir und lässt mich ausdrücklich grüßen, als ich nicht auf einer Feier erschienen war!
Was immer sie gerade sagt und tut (oder nicht sagt und nicht tut); was für Kleidung bzw. Makeup sie trägt (oder nicht trägt); welche Farbe ihre Haare diese Woche haben, hochgesteckt, zerzaust oder lang herabhängend – was könnte ein gutes Omen sein, was eher (offensichtlich, bestimmt, auf jeden Fall) ein schlechtes?
Dann wiederum ertrinke ich in Indizien dafür, dass allein schon die Annahme, sie könnte in mich verliebt sein, lediglich auf dem Wunschdenken eines verliebten, alternden, verzweifelten, gelegentlich unzurechnungsfähigen Narren beruht. Aber natürlich lassen sich Indizien – wie Indizien dies eben an sich haben – auch gegenteilig, eben anders interpretieren, nicht wahr?
Vielleicht ist sie der Liebe gegenüber ebenso misstrauisch, unsicher und gehemmt wie ich?
Traut sich nicht recht, sich zu erklären, über Liebe und Sex auch nur oberflächlich zu reden?
Hält sich nicht für attraktiv, für liebenswert (genug)?
Befürchtet, nicht wiedergeliebt zu werden (ganz wie ich dies in schlaflosen, trunkenen Nächten in einem fort tue)?
Hat Angst vor dem ersten, unwiderruflichen Schritt, Angst vor einer Enttäuschung, Angst vor dem Scheitern?
Daraus kann nichts werden, sagt man sich fatalistisch, weil erstens und zweitens und drittens usw. Was, wenn ihre (scheinbare, gespielte) Gleichgültigkeit, ihr Zögern (?), ihre Vorsicht lediglich der (unberechtigten?) Furcht vor einer schwierigen, unmöglichen, als irgendwie ungehörig empfundenen Liebe entspringen?
Was, wenn – ach ja, was wenn!
Manchmal, während ich mich mit dem Schreiben plagte, kamen mir Zweifel, ob meine Verliebtheit überhaupt einem echten, aufrichtigen, selbstlosen Gefühl entsprang. Mir war sogar durch den Kopf geschossen, dass ich möglicherweise meine Liebe zu Karla nur erfunden haben könnte, zum Beispiel um meinem zunehmend bedeutungslos gewordenen Leben nochmals einen Sinn zu verleihen, es aufzuwerten, um mir das letzte Lebensdrittel so aufregend wie noch irgend möglich zu gestalten. Ich will nicht behaupten, dass ich ein überwiegend zufriedener oder gar glücklicher Mensch war, bevor ich Karla traf, aber im Großen und Ganzen fühlte ich mich nicht unwohl in meiner Haut – man kann nicht vermissen, was man nie hatte. Ich wusste jedenfalls, was ich zu denken und zu tun hatte, und ich tat es. Aber seit ich Karla kenne, treiben sich gleichermaßen Schmerz wie Apathie in mir herum wie arbeits- und obdachlose Säufer in den schon früh am Morgen geöffneten Kneipen meiner Heimatsstadt, und ich zähle so gleichgültig wie angespannt die Tage, bis ich entlassen werde, und ich suche nach Worten (und einem Plan), um zu beschreiben, wie die Sache mit Karla und mir weitergehen könnte.

3
Neulich besuchte mich mein Anwalt, um mich über die Möglichkeiten und Bedingungen eines Straferlasses zu informieren. In der Hauptsache ging es um die Aussetzung meiner Reststrafe zur Bewährung auf Grund guter Führung und einer entsprechend günstigen Sozialprognose. Wenn ich es recht verstanden habe, so kommt in meinem Fall ein Straferlass nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe in Frage – eine Abweichung davon sieht das Gesetz lediglich bei einer maximal zweijährigen Erststrafe vor –, also frühestens in etwa einem Jahr.
Um, wie er sagte, vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein, sollte er einen entsprechenden Antrag einreichen, befragte mich mein Anwalt nach etwaigen Disziplinlosigkeiten oder Gehorsamsverweigerungen meinerseits dem Gefängnispersonal gegenüber, was ich glaubte, guten Gewissens verneinen zu können. Dann kam er auf meine Sozialprognose zu sprechen, die zumindest im Hinblick auf meinen in fünf Jahren anstehenden Eintritt ins gesetzliche Rentenalter günstig ausfallen sollte (unter Berücksichtigung meines bereits erworbenen Rechts auf eine Vorruhestandsregelung), ich also dem Sozialstaat wohl nicht über Gebühr auf der Tasche liegen würde. Eine vorübergehende Unterkunft zu finden sollte ebenso kein Problem darstellen.
Was allerdings ein Problem darstelle, sei meine Verbindung zu Karla. Eine wichtige Voraussetzung für einen Straferlass sei nämlich die gerichtliche Einschätzung, ob ich weiterhin eine Gefahr, eine Bedrohung für die Gesellschaft allgemein oder für eine Einzelperson im Besonderen darstelle. Aus den ihm vorliegenden Akten gehe hervor, dass ich ihr aus dem Gefängnis etliche Briefe geschrieben habe, also nach wie vor eindeutig den Kontakt zu ihr suche. Natürlich läge (bislang) keine gerichtliche Anordnung vor, die mir dies untersagt; jedoch wird das Gericht respektive der Bewährungsausschuss dieses mein Verhalten aller Voraussicht nach als Risiko vordringlich für Karla einstufen, worauf ebenso der eine oder andere auf Karla verweisende Gegenstand, der sich in meiner Zelle befindet (und im Übrigen unbedingt verschwinden müsse!), hindeute. Um also einen möglichen von mir angestrebten Strafnachlass nicht zu gefährden, gebe er mir den dringenden Rat, meine Kontaktversuche mit Karla nicht nur unverzüglich abzubrechen, sondern während der Anhörung betreffs einer Bewährung meine zwischenzeitliche Läuterung nachdrücklich zu betonen sowie unbedingt darauf zu beharren, dass meine Briefe an Karla lediglich dazu dienten, mich bei ihr ob meines Fehlverhaltens zu entschuldigen.
Mir war bewusst, dass mein Anwalt, als er die Gegenstände in meiner Zelle erwähnte – einen etwa Handgroßen Teddybär, eine Tasse mit einem aufgedruckten Frauenporträt von Modigliani sowie ein von Karla als Geschenk signiertes Buch (Schopenhauer, Die Kunst, glücklich zu sein; so offensichtlich ein Fingerzeig, dass ich mich nach wie vor wundere, seinem Sinn und Zweck nie ernsthaft nachgegangen zu sein) –, vor allem auf die Fotografie von Karla anspielte, die sich in einem Glasrahmen auf dem Tisch in meiner Zelle befindet, wiewohl ich keine Ahnung habe, wie er davon Kenntnis erhalten haben konnte. Was die Sache mit den Briefen sowie meine Läuterung betrifft, so sehe ich darin keine Schwierigkeiten; dem Rat meines Anwalts zu folgen kostet mich nichts. Ob ich allerdings dazu im Stande sein werde, mich Karlas Foto zu entledigen – das einzige, dass ich von ihr noch besitze; dessen Anblick und Beschreibung mich zu poetischen Höhenflügen drängt –, ist eine andere Sache. Es war mir nämlich immer eines der liebsten – wenn nicht das liebste (sehe ich einmal von jenen ab, auf denen sie im Bikini posiert) –, auch weil es nicht gestellt wirkt: Ein zufälliger Schnappschuss, den ich, unbemerkt von ihr, ungeschickt und eher aus Versehen mit dem Smartphone gemacht habe.
Sie sitzt leicht nach vorne geneigt – bis hoch zur Taille von der Tischplatte verdeckt, die Augen nach unten auf jene gerichtet – am Esstisch ihrer Wohnung; hinter sich eine Art hellbrauner afrikanischer oder indianischer Wandteppich, vor sich einen Teller gefüllt mit Nudeln und (soweit ich mich erinnere) vegetarischen Maultaschen, darüber ein Messer mit rotem Griff liegt. Ihre linke Hand ruht augenscheinlich auf ihrem Schenkel, die andere baumelt lose an einer Seite herab. Der sichtbare Teil ihres Körpers ist mit einem wollenen (möglicherweise selbst gestrickten) Pullover mit Rundkragen bekleidet, dessen präzise Farbe – irgendetwas zwischen grau und beige – sich einer Benennung entzieht. Um den Hals trägt sie einen daumengroßen, rundlichen, silbernen Anhänger an einer ebensolchen Kette, die ungefähr eine Handbreit unterhalb der Brüste endet. (Ein Wort zu ihren Brüsten: Nicht einmal der keinesfalls eng anliegende Pullover vermag deren erstaunliche Größe und verführerische Form zu verbergen, die jedem geistig wie körperlich gesunden männlichen Wesen zwischen – sagen wir einmal – dreizehn und achtzig das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen muss.) Ihre Haare sind hinter das Ohr gestreift – das Foto zeigt lediglich eine Seite des Kopfes –, an dem ein heller, ziemlich kleiner, kugelförmiger Ohrring baumelt. Die Haare, auf Schulterlänge gekürzt, zeigen an den Ausläufern die blonden Überreste einer von mir damals zurückhaltend kommentierten Färbeaktion; der Rest ist das gewohnte Dunkelbraun. Ihre Miene spiegelt einen Augenblick der Ruhe, der Einkehr, eventuell der Nachdenklichkeit wider. Der Eindruck, dass ihr Gesicht nicht – oder nicht sichtbar – geschminkt ist, mag an der mangelnden Schärfe der Fotografie liegen. Ihre rechte Gesichtshälfte, der hervortretende Wangenmuskel sowie die Stellung des Munds verraten dem aufmerksamen Betrachter, dass sie gerade etwas kaut, ohne dass deswegen ihre Züge ihrer feinen, harmonischen, so liebenswürdigen wie -werten Proportionen beraubt werden.
Und es scheinen mir gerade diese vom prosaischen Kauen der Nahrung geprägten Züge zu sein – diese Momentaufnahme –, welche die wahre Karla zeigen, die atmende, essende, schöne, sinnliche, nachdenkliche, in sich ruhende, greifbare, alltägliche Karla, die einen Hyde wahrlich nicht verdient hat und die nichts dafür kann, dass sie ebenso die Schönheits- und Liebesikone meiner erfinderischen, sehnsüchtigen, besessenen, rücksichtslosen Jekyll-Träume war, ist und bleibt, die mich – zu so viel Einsicht werde ich mich wohl durchringen müssen – letztendlich in diese Zelle gebracht haben.
Wie dem auch sei: Mein Anwalt hat sich für die übernächste Woche angekündigt, und er wird Antworten von mir erwarten. Gewiss, alttestamentarisch aufgeladene Worte wie Läuterung und Bewährung hören sich gut an, erwecken Hoffnungen und Assoziationen verschiedenster (dualistischer) Art – das sophistische Wortspiel Bewährung für Karla entzückt mich geradezu! –, aber hier und heute weiß ich tatsächlich noch nicht, was ich ihm sagen werde. Vielleicht sollte ich zuerst einmal wieder ernsthaft mit dem Schreiben beginnen, es zumindest so wichtig für mein Befinden nehmen, wie ich es früher einmal tat. So wie ich es sehe, sitzen wir alle unsere Zeit ab; also keine große Sache, denn so richtig lange dauern nur der Tod – und nicht erwiderte Liebe.

© 2019

 

onivido

Mitglied
Schade, dass ich kein Literaturkritiker bin. Ich koennte dann einen Kommentar schreiben, wie ihn diese sehr gute Geschichte verdient.
Gruesse///Onivido
 

ahorn

Mitglied
ch koennte dann einen Kommentar schreiben, wie ihn diese sehr gute Geschichte verdient.
Wenn man sie lesen könnte. :oops:
Die ganzen Klammern, kursiven Textstücke und Gedankenstriche, welche vielleicht für den Autor einen Sinn ergeben, lassen den Leser eher über den Text hoppeln, als diesen zu lesen, gar zu genießen.
Exzentrik ist wunderbar, gegen den Strom schwimmen für jeden Schriftsteller nicht nur interessant, sondern gleichfalls förderlich, jedoch zu viel des Guten, kann eine Geschichte töten.
Los rann! Anstatt mit optischen Elementen punkten zu wollen, versuche es mit Worten. ;)

Gruß
Ahorn
 
Nun, ich denke nicht, dass die Geschichte (oder ihr Autor) "gegen den Strom schwimmen",
und exzentrisch scheint mir lediglich der Ich-Erzähler zu sein, den ich ganz gut zu kennen glaube...
Im Gegenteil: Ich halte es für eine ausgesprochen traditionelle Erzählung - aber dies zu beurteilen hängt natürlich auch davon ab, was man sonst so liest...
Nix für ungut!
Gerold
 

ahorn

Mitglied
Schmunzel.
Versuche den Text mal als Hörbuch.
Beispiel:
Assoziationen verschiedenster (dualistischer) Art – das sophistische Wortspiel Bewährung für Karla entzückt mich geradezu! –,
Der Vorleser:
Assoziationen verschiedenster runde Klammer auf dualistischer runde Klammer zu. LANGE PAUSE das sophistische Wortspiel BETONEN Bewährung für Karla OHNE BETONEN entzückt mich geradezu. o_O

Oder:
Assoziationen verschiedenster, genauer dualistischer Art, sodass mich das sophistische Wortspiel: Bewährung für Karla, geradezu entzückte.
Der Vorleser:
Assoziationen verschiedenster KURZE PAUSE genauer dualistischer Art KURZE PAUSE BETONTES s OHNE BETONEN odass mich das sophistische Wortspiel PAUSE Bewährung für Karla KLEINE PAUSE geradezu entzückt

Das Beispiel habe ich gewählt, da es hinten steht. ;)

Ein Text, welchen man nicht vorlesen kann, ist eher ein Sachbuch.

Gruß
Ahorn
 

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