Bewusst sein

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juliawa

Mitglied
Getrennt von der Welt durch Geburt,
als einzige Verbindung das Gehirn, ein Ventil, das nur durchlässt, was unseren Vorfahren zum Überleben genutzt hat.
Getrennt von den Menschen durch Geburt
als einzige Verbindung die Sprache, ein Werkzeug, das nur audrücken kann, was auch einen Namen hat
aber ab und zu bricht wie ein Sonnenstrahl durch eine Wolkendecke, die Welt als Ganzes in uns.
 

Mondnein

Mitglied
Es ist eine Eigenart philosophischer Sentenzen, liebe iuliawa,

daß die Vernunft immer gleich den Gegengedanken bildet.

Getrennt von der Welt durch Geburt,
Durch die Öffnung der Sinne, der Lunge und der Kommunikation wird der Säugling weniger von der Welt getrennt, als vielmehr mit ihr auseinandergesetzt.

als einzige Verbindung das Gehirn, ein Ventil, das nur durchlässt, was unseren Vorfahren zum Überleben genutzt hat.
Das stimmt nicht. Die Beweisgänge der vier Antinomien in Kants Kritik der reinen Vernunft zum Bleistift haben keinem unserer Vorfahren zum Überleben genutzt. Und das Lesen Deines Gedichts ist auch nicht an einer Wahrnehmungsschwelle gescheitert.

Getrennt von den Menschen durch Geburt
als einzige Verbindung die Sprache, ein Werkzeug, das nur audrücken kann, was auch einen Namen hat
Der einzige Name, der in diesem Brief hier genannt worden ist, war der von Kant. Alle anderen Sätze, Satzteile, Wörter und Silben sind im grammatisch-logischen Gefüge der Allgemeinbegriffe und ihrer sinntransparenten Denkbarkeit zuhause.
Sprache ist ein Werkzeug (naja, eigentlich eher das Brettspiel des Aions, siehe Heraklit "ho aiôn estin pais paizôn pesseuiôn"), das alles ausdrücken kann, was die Allgemeinbriffe hergeben. Sogar so abstrakte Strukturen wie "Identität", "Verbindung", "dao kei dao, fei chang dao" (Laotse), die Ellipse der Kopula "ist" in Deinen Prädikatsnominalsätzen - also sogar das scheinbar Ungesagte aber Mitgedachte - wird ausgedrückt, sogar von Dir selbst hier.

aber ab und zu bricht wie ein Sonnenstrahl durch eine Wolkendecke, die Welt als Ganzes in uns.
Ich verstehe das als eben diesen Gegengedanken, den Deine vorherigen Sätze nun als Pointe evoziert haben.
Ein wenig schief ist das schon noch: Selten bricht gleich die ganze Welt durch unsere Wahrnehmung. Sonst müßte das Wahrnehmen und das empfangende Gemüt sich gleich selbst mitverdauen. Denn ohne das Subjekt eröffnet sich keine Ganzheit.

Das Ganze ist ohne Filterung nur schwer erträglich.

grusz, hansz
 

juliawa

Mitglied
Hallo hansz,

danke für deine Antwort !

Durch die Öffnung der Sinne, der Lunge und der Kommunikation wird der Säugling weniger von der Welt getrennt, als vielmehr mit ihr auseinandergesetzt.
Du hast recht, ich hätte lieber schreiben sollen getrennt seit der Geburt. Ich wollte damit nicht implizieren, dass der Mensch vor der Geburt nicht von der Welt getrennt war. Wenn man nicht an eine Seele glaubt, war der Mensch vor der Geburt einfach nicht existent.
Nach der Geburt wird er zwar mit der Welt auseinandergesetzt, aber immer nur mit gefilterter Wahrnehmung.

Das stimmt nicht. Die Beweisgänge der vier Antinomien in Kants Kritik der reinen Vernunft zum Bleistift haben keinem unserer Vorfahren zum Überleben genutzt. Und das Lesen Deines Gedichts ist auch nicht an einer Wahrnehmungsschwelle gescheitert.
Ich muss zugeben, dass ich 'Kritik der reinen Vernunft' nicht gelesen habe, deswegen kann ich dir hier keine sinnvolle Antwort geben. Aber auch Kants Gehirn ist durch die Evolution geformt, und der 'Sinn' der Evolution ist nicht Erkenntnis, sondern Überleben.

Ich verstehe das als eben diesen Gegengedanken, den Deine vorherigen Sätze nun als Pointe evoziert haben.
Ein wenig schief ist das schon noch: Selten bricht gleich die ganze Welt durch unsere Wahrnehmung. Sonst müßte das Wahrnehmen und das empfangende Gemüt sich gleich selbst mitverdauen. Denn ohne das Subjekt eröffnet sich keine Ganzheit.

Das Ganze ist ohne Filterung nur schwer erträglich.
Die Bedingung dafür, dass die "Welt als Ganzes hereinbricht" ist der kurzfristige Verlust des Subjekts, also die Ichauflösung.

LG
juliawa
 

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