Stefan hielt einen Kugelschreiber in der Hand und blickte auf die leere Seite seines Notizbuchs. In der Klinik hatte man ihnen gesagt, es sei hilfreich, ein Tagebuch zu führen und seine Gedanken aufzuschreiben. Dadurch ließen sie sich einordnen und verloren so einen Teil ihrer Macht. So hieß es jedenfalls. Stefan begann zu schreiben:
„Seit fast zwei Wochen ist es unerträglich heiß. Es fühlt sich langsam an wie ein Gefängnis. Die Tage vergehen einfach so, ohne Gliederung. Ich bin schon dankbar dafür, wenn ich auf die Toilette muss. Dann habe ich kurz etwas Sinnvolles zu tun. Und es sind wie kleine Markierungen in der Zeit. Ich bin traurig darüber, dass ich für so etwas dankbar bin.“
Stefan warf einen Blick aus dem Fenster. Am Himmel standen jetzt einige Wolken. Würde es heute noch ein Gewitter geben? Hoffentlich! Der kleine Ventilator vor ihm produzierte ein angenehm gleichmäßiges Geräusch. Er schloss die Augen und konzentrierte sich nur auf dieses Geräusch. Er wurde angenehm müde. Der gleichmäßige Ton wurde nur für einen Augenblick unterbrochen, wenn der Ventilator die Richtung wechselte. Stefan merkte, wie seine Gedanken ins unlogisch-assoziative abdrifteten.
„Wolken sehen vielleicht ganz anders aus, wenn gerade niemand hinschaut. Wolken bestehen aus so vielen Tröpfchen, dass sie eigentlich gar keine Tröpfchen mehr enthalten. Bei einem Gewitter sterben die Wolken. Dann ist der Himmel ganz leer.“
Ein Knackgeräusch weckte ihn auf. Der Ventilator hatte seinen Geist aufgegeben.
Stefan streckte sich. Er wollte gerade sein Notizbuch zuklappen und von seinem Stuhl aufstehen, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Unter den Worten, die er vorher aufgeschrieben hatte, stand jetzt noch etwas:
„Die Frau ist jung. Sie schaut in den Spiegel. Sie sieht sich selbst, aber. Schokoladeneis liegt auf der Erde. Eine Ameise kommt. Dann sind es zehntausend Ameisen. Es wimmelt und kriecht. Die Küste ist friedlich. Die Fichte auf der Klippe regt sich nicht. Jetzt zieht vom Meer ein Nebel auf. Bald wird etwas zu Ende sein.“
Er starrte auf die Sätze.
„Was zum Teufel??“
Hatte er das aufgeschrieben, ganz ohne es zu merken? Konnte so etwas passieren? Vermutlich schon. Aber das, was er geschrieben hatte, ergab keinen Sinn. Er hatte nicht im Entferntesten an solche Sachen gedacht wie Ameisen oder eine Küste.
Er schlug das dünne Buch schnell zu und legte es in seine Schreibtischschublade. Dann ging er runter in die Küche, um sich ein Bier zu holen und versuchte dabei, an etwas anderes zu denken.
Am nächsten Tag war es noch genau so heiß. Stefan lag nur in Unterhose auf dem Sofa und versuchte dabei, ausreichend Wasser zu trinken. Er las sich alte WhatsApp Nachrichten nochmal durch. Von Vincent, von Andrea, von seiner Mutter. Irgendwann legte er das Handy beiseite und las in einem Buch. Aber er konnte sich nicht darauf konzentrieren. Schließlich griff er wieder nach seinem Handy und las die Nachrichten zwischen ihm und seinem Sohn Markus. Vielleicht war es gar nicht so schlimm gewesen, was er geschrieben hatte? Er hatte die Worte nicht mehr klar in Erinnerung. Er scrollte weit zurück, bis er zum Mai 2023 kam. Hier war es. Sein Sohn hatte um 2:35 Uhr geschrieben „Bist du manchmal noch stolz auf mich, Papa?“. Er war wahrscheinlich betrunken gewesen, als er das geschrieben hatte. Stefan hatte ihm geantwortet „Natürlich bin ich stolz. Aber du warst so ein außergewöhnliches Kind, dass ich zwangsläufig auch etwas enttäuscht war, als du dann erwachsen wurdest.“
Markus hatte darauf nie geantwortet und sie hatten auch nie darüber gesprochen. Das Schlimmste war, dass Stefan eigentlich nur den ersten Satz seiner Nachricht ehrlich gemeint hatte. Er wusste nicht mehr, warum er den Rest auch noch geschrieben hatte. Sein Handy vibrierte. Jemand hatte ihm ein Bild geschickt. Arik. Das Bild zeigte Stefan, wie er letztes Jahr in der Klinik auf einer Bank gesessen hatte. Es war sehr gut getroffen.
Er sah sich das Foto lange an. Irgendetwas daran kam ihm sonderbar vor. Das Bild war fast zu gut getroffen. Als hätte da jemand versucht, ihn zu zeichnen, und die Zeichnung so charakteristisch wie möglich zu machen. „Bullshit!“, dachte er und legte das Handy weg.
Am Samstagnachmittag war Stefan unterwegs auf der Königsstraße. Er hatte keine Besorgungen zu machen und kein bestimmtes Ziel vor Augen, aber er kam gerne hierher, einfach um unter Menschen zu sein.
Er betrachtete die vorbeilaufenden Gesichter. Niemand beachtete ihn.
Eine Gruppe Jugendlicher lief an ihm vorbei. Sie lachten und einer der Jungen sagte zu einem anderen: „Ob du behindert bist?“
Sie trugen alle diese glänzenden, schwarzen Plastikjacken. Stefan wusste nicht, wie sie genannt wurden.
Links von ihm lag ein Obdachloser gegen die Türe eines geschlossenen Einkaufsladens gelehnt. Aus Versehen bekam er Blickkontakt zu ihm.
„Ja, ja, ja“, machte der Obdachlose und lachte.
Stefan lief weiter und bekam ein „Arschlecker!“ hinterhergerufen.
„Manchen geht’s noch schlechter als mir“, dachte er. Aber er empfand das nicht als Trost. Eher als eine Drohung. Kurz vor dem Schlossplatz hatte ein junger Mann eine Staffelei aufgestellt und machte Zeichnungen von den Passanten. Er verlangte zehn Euro dafür.
Einige Leute standen um ihn herum. Der Maler hatte die ältere Dame gut getroffen, die er gerade zu zeichnen versuchte. Das fiel wohl auch anderen auf, denn nach und nach gesellten sich mehr Menschen um den Zeichner herum. Als er mit seinem Werk fertig war, klatschten alle.
Der Mann lächelte nicht. Er reichte der Dame ihr Bild, erhielt dabei seine Bezahlung plus ordentlich Trinkgeld und richtete sofort seine Zeichenutensilien wieder zusammen, um für den nächsten Kunden bereit zu sein, den er auch sofort fand. Es war ein dünner, mittelalter Mann mit feinen Gesichtszügen. „Muss schwer sein, den richtig zu treffen“, dachte Stefan. Doch die Hand des Malers glitt rasch und wie von allein über das Papier und nach gut fünf Minuten war er fertig. Das Ergebnis war beeindruckend. Die Leute brachen in lautes Klatschen aus, einige sogar in Jubelrufe. Nun blieben fast alle Passanten stehen, um zu erfahren, was hier vor sich ging, dass eine solche Begeisterung auslöste. Der Maler zeichnete noch zwei weitere Menschen mit derselben beeindruckenden Kompetenz. Aber Stefan fühlte sich immer unwohler. Die Zeichnungen waren fantastisch. Aber die Menschen auf ihnen wirkten nicht wie echte Menschen. Sie wirkten wie die Idee eines Menschen. Sein Herz klopfte heftig. Überall standen sie jetzt dicht gedrängt um ihn herum. Er wurde ab und zu leicht angerempelt.
„Wie Ameisen auf einer Pfütze Fanta“, dachte er unwillkürlich.
Der Zeichner hatte auch sein nächstes Bild unter allgemeiner Begeisterung fertiggestellt.
Da rief er plötzlich: „Sie! Der junge Mann da!“
Die Menge rückte etwas von ihm ab.
„Ihr Gesicht eignet sich perfekt für eine Zeichnung.“
Stefan fühlte nackte Angst in sich aufsteigen.
„Nein, mich nicht!“, rief er und lief davon. Erst nach hundert Metern drehte er sich noch mal nach der Gruppe um. Sie sahen jetzt wirklich aus wie eine Ameisenkolonie. Stefan merkte, dass er Durchfall bekommen würde und suchte hektisch nach einer Toilette in der Nähe.
Es war Sonntag. An diesem Wochenende wollte er sein Haus gründlich entrümpeln. Er fing mit der kleinen Kammer direkt unter dem Dach an. Sie war so niedrig, dass er sich nur gebückt bewegen konnte. In den Wänden steckte wahrscheinlich Asbest. Er packte Bücher, alte Klassenarbeiten seines Sohnes und einen Haufen unvollständiger Brettspiele in einen Korb und schüttete das ganze Zeug erstmal im Nebenzimmer zu einem Berg zusammen. Bei einem in Kinderschrift beschriebenen Blatt hielt er inne. Er konnte das Gedicht immer noch auswendig, das Markus damals mit nur neun Jahren geschrieben hatte. Das konnte er auf keinen Fall wegwerfen. Er nahm sich einen Schreibblock und einen Kugelschreiber und schrieb das Gedicht aus dem Gedächtnis auf. Er blickte auf das Geschriebene. Es war nicht seine Handschrift. Er zerknüllte das Blatt und warf es in den Mülleimer. Auf einmal fühlte er sich bedrückt und wollte mit der Entrümpelung erst einmal nicht weitermachen. Er griff nach einer Schachtel Monopoly. Wie oft hatte er das früher mit Markus zusammen gespielt. Er nahm die beiden Würfel in die Hände und drückte sie ganz fest. Dabei dachte er: „Es tut mir alles so leid.“
Dann folgte er einem plötzlichen Impuls.
„Ich wette, ich bekomme zwei Vieren.“
Er ließ die Würfel auf den Boden rollen.
Zwei Vieren.
Er nahm die Würfel wieder in die Hand und dachte: „Eine Eins und eine Fünf.“
Er würfelte.
Eins und Fünf.
Er blickte die Würfel auf dem Boden eine Weile verwundert an, dann nahm er sie wieder und dachte sich, etwas nervös: „Zwei Sechsen.“
Sechs. Sechs.
Er zögerte und griff dann erneut nach den Würfeln. „Eins und Sechs“, dachte er.
Er hielt die Würfel ein paar Sekunden unschlüssig in den Händen, dann legte er sie ganz vorsichtig zurück in die Schachtel, so dass sie jetzt auf „drei“ und „vier“ lagen. Er schloss den Deckel des Spiels und lief hinunter ins Erdgeschoss.
Am nächsten Vormittag war der Himmel bewölkt. Stefan saß auf dem Sofa und schaute sich seinen Lieblingsfilm an. Er konnte ihn schon auswendig. Irgendwann bemerkte er, dass das Licht im Wohnzimmer irgendwie anders geworden war. Er schaute aus dem Fenster. Da draußen hing Nebel in der Luft.
Er öffnete die Wohnzimmertür und ging auf die Terrasse hinaus. Die Feuchtigkeit und Kühle des Nebels drang durch seinen Pulli. Er ging wieder rein und setzte sich vor den Fernseher. Aber der Nebel draußen wurde immer dichter. Er konnte die Hecken seines Gartens nicht mehr sehen. Da draußen begann nach zwei Metern das Nichts. Der Nebel kroch durch die Ritzen ins Haus hinein. Stefan machte die Lichter an und verschloss alle Rollläden im Haus.
Er saß im Garten, die Sonne schien, aber es war nicht heiß. Er holte die Packung Camel aus seiner Hose und zog eine der dünnen Zigaretten heraus. Er legte sich die Zigarette in den Mund und tat für ein paar Sekunden nichts weiter. Dann holte er ein Feuerzeug heraus und zündete sie an. Er sog den Rauch tief in seine Lunge. „Es ist herrlich!“, dachte er. „Warum habe ich nur je damit aufgehört?“
Am Abend öffnete er WhatsApp und scrollte durch seine Kontakte, bis er „Rhiannon“ fand. Er schrieb:
„Meine liebe Ryan. Ich wollte dir nur sagen, dass ich während der ganzen Zeit in der Klinik in dich verliebt war. Durch dich habe ich mich wieder wirklich am Leben gefühlt. Auch wenn danach alles wieder normal wurde, ist etwas davon in mir übrig geblieben. Und das vergesse ich dir niemals.“
Nachdem er die Nachricht abgeschickt hatte, blockierte er Rhiannon.
Direkt danach rief er Markus an.
Das Freizeichen kam zwei Mal.
„Ja?“
„Markus, hier ist Papa“
Eine kurze Stille.
„Oh, wie geht es dir denn?“
„Es geht mir gut“
„Das freut mich. Hör mal, ich wollte gerade...“
Stefan umklammerte das Handy fester:
„Markus, ich bin unendlich stolz auf dich. Das war ich immer und heute erst recht“
Eine längere Stille.
„Danke Papa. Ist alles OK bei dir?“
„Alles ist genau richtig. Markus, ich hab dich so lieb! Ich kann’s dir nicht sagen, wie lieb ich dich hab.“
Er hörte Markus durch den Hörer schwer atmen.
„Papa, brauchst du etwas? Soll jemand kommen?“
„Es ging mir noch nie so gut. Ich wollte dir das nur sagen. Ich wünsch dir für immer das Allerbeste. Du bist mein Licht.“
Dann legte Stefan einfach auf.
Am nächsten Mittag lag Stefan auf einer Liege auf der Terrasse. Er lag schon seit zwei Stunden hier. Er tat gar nichts. Er las nicht, schaute nicht aufs Handy, er dachte noch nicht mal an irgendwas. Er wartete nur. Irgendwo in der Nachbarschaft bellte ein Hund.
Dann sah er, wie sich etwas vor die Sonne schob und sich ein Schatten ausbreitete. Innerhalb von zehn Minuten war es stockdunkel, wie in der Nacht. Aber es waren keine Sterne am Himmel und auch nicht der Mond. Nur schwarze Leere. Dann auf einen Schlag sah er abertausende von Sternschnuppen vom Himmel stürzen. Ihr Lichtstreif blendete ihn und er musste sich die Hand vor die Augen halten. Dann begann ein Dröhnen in der Luft, das immer lauter wurde. Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört.
Er wusste, nun kam das Ende von Allem.
Er fühlte gar keine Angst.
„Seit fast zwei Wochen ist es unerträglich heiß. Es fühlt sich langsam an wie ein Gefängnis. Die Tage vergehen einfach so, ohne Gliederung. Ich bin schon dankbar dafür, wenn ich auf die Toilette muss. Dann habe ich kurz etwas Sinnvolles zu tun. Und es sind wie kleine Markierungen in der Zeit. Ich bin traurig darüber, dass ich für so etwas dankbar bin.“
Stefan warf einen Blick aus dem Fenster. Am Himmel standen jetzt einige Wolken. Würde es heute noch ein Gewitter geben? Hoffentlich! Der kleine Ventilator vor ihm produzierte ein angenehm gleichmäßiges Geräusch. Er schloss die Augen und konzentrierte sich nur auf dieses Geräusch. Er wurde angenehm müde. Der gleichmäßige Ton wurde nur für einen Augenblick unterbrochen, wenn der Ventilator die Richtung wechselte. Stefan merkte, wie seine Gedanken ins unlogisch-assoziative abdrifteten.
„Wolken sehen vielleicht ganz anders aus, wenn gerade niemand hinschaut. Wolken bestehen aus so vielen Tröpfchen, dass sie eigentlich gar keine Tröpfchen mehr enthalten. Bei einem Gewitter sterben die Wolken. Dann ist der Himmel ganz leer.“
Ein Knackgeräusch weckte ihn auf. Der Ventilator hatte seinen Geist aufgegeben.
Stefan streckte sich. Er wollte gerade sein Notizbuch zuklappen und von seinem Stuhl aufstehen, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Unter den Worten, die er vorher aufgeschrieben hatte, stand jetzt noch etwas:
„Die Frau ist jung. Sie schaut in den Spiegel. Sie sieht sich selbst, aber. Schokoladeneis liegt auf der Erde. Eine Ameise kommt. Dann sind es zehntausend Ameisen. Es wimmelt und kriecht. Die Küste ist friedlich. Die Fichte auf der Klippe regt sich nicht. Jetzt zieht vom Meer ein Nebel auf. Bald wird etwas zu Ende sein.“
Er starrte auf die Sätze.
„Was zum Teufel??“
Hatte er das aufgeschrieben, ganz ohne es zu merken? Konnte so etwas passieren? Vermutlich schon. Aber das, was er geschrieben hatte, ergab keinen Sinn. Er hatte nicht im Entferntesten an solche Sachen gedacht wie Ameisen oder eine Küste.
Er schlug das dünne Buch schnell zu und legte es in seine Schreibtischschublade. Dann ging er runter in die Küche, um sich ein Bier zu holen und versuchte dabei, an etwas anderes zu denken.
Am nächsten Tag war es noch genau so heiß. Stefan lag nur in Unterhose auf dem Sofa und versuchte dabei, ausreichend Wasser zu trinken. Er las sich alte WhatsApp Nachrichten nochmal durch. Von Vincent, von Andrea, von seiner Mutter. Irgendwann legte er das Handy beiseite und las in einem Buch. Aber er konnte sich nicht darauf konzentrieren. Schließlich griff er wieder nach seinem Handy und las die Nachrichten zwischen ihm und seinem Sohn Markus. Vielleicht war es gar nicht so schlimm gewesen, was er geschrieben hatte? Er hatte die Worte nicht mehr klar in Erinnerung. Er scrollte weit zurück, bis er zum Mai 2023 kam. Hier war es. Sein Sohn hatte um 2:35 Uhr geschrieben „Bist du manchmal noch stolz auf mich, Papa?“. Er war wahrscheinlich betrunken gewesen, als er das geschrieben hatte. Stefan hatte ihm geantwortet „Natürlich bin ich stolz. Aber du warst so ein außergewöhnliches Kind, dass ich zwangsläufig auch etwas enttäuscht war, als du dann erwachsen wurdest.“
Markus hatte darauf nie geantwortet und sie hatten auch nie darüber gesprochen. Das Schlimmste war, dass Stefan eigentlich nur den ersten Satz seiner Nachricht ehrlich gemeint hatte. Er wusste nicht mehr, warum er den Rest auch noch geschrieben hatte. Sein Handy vibrierte. Jemand hatte ihm ein Bild geschickt. Arik. Das Bild zeigte Stefan, wie er letztes Jahr in der Klinik auf einer Bank gesessen hatte. Es war sehr gut getroffen.
Er sah sich das Foto lange an. Irgendetwas daran kam ihm sonderbar vor. Das Bild war fast zu gut getroffen. Als hätte da jemand versucht, ihn zu zeichnen, und die Zeichnung so charakteristisch wie möglich zu machen. „Bullshit!“, dachte er und legte das Handy weg.
Am Samstagnachmittag war Stefan unterwegs auf der Königsstraße. Er hatte keine Besorgungen zu machen und kein bestimmtes Ziel vor Augen, aber er kam gerne hierher, einfach um unter Menschen zu sein.
Er betrachtete die vorbeilaufenden Gesichter. Niemand beachtete ihn.
Eine Gruppe Jugendlicher lief an ihm vorbei. Sie lachten und einer der Jungen sagte zu einem anderen: „Ob du behindert bist?“
Sie trugen alle diese glänzenden, schwarzen Plastikjacken. Stefan wusste nicht, wie sie genannt wurden.
Links von ihm lag ein Obdachloser gegen die Türe eines geschlossenen Einkaufsladens gelehnt. Aus Versehen bekam er Blickkontakt zu ihm.
„Ja, ja, ja“, machte der Obdachlose und lachte.
Stefan lief weiter und bekam ein „Arschlecker!“ hinterhergerufen.
„Manchen geht’s noch schlechter als mir“, dachte er. Aber er empfand das nicht als Trost. Eher als eine Drohung. Kurz vor dem Schlossplatz hatte ein junger Mann eine Staffelei aufgestellt und machte Zeichnungen von den Passanten. Er verlangte zehn Euro dafür.
Einige Leute standen um ihn herum. Der Maler hatte die ältere Dame gut getroffen, die er gerade zu zeichnen versuchte. Das fiel wohl auch anderen auf, denn nach und nach gesellten sich mehr Menschen um den Zeichner herum. Als er mit seinem Werk fertig war, klatschten alle.
Der Mann lächelte nicht. Er reichte der Dame ihr Bild, erhielt dabei seine Bezahlung plus ordentlich Trinkgeld und richtete sofort seine Zeichenutensilien wieder zusammen, um für den nächsten Kunden bereit zu sein, den er auch sofort fand. Es war ein dünner, mittelalter Mann mit feinen Gesichtszügen. „Muss schwer sein, den richtig zu treffen“, dachte Stefan. Doch die Hand des Malers glitt rasch und wie von allein über das Papier und nach gut fünf Minuten war er fertig. Das Ergebnis war beeindruckend. Die Leute brachen in lautes Klatschen aus, einige sogar in Jubelrufe. Nun blieben fast alle Passanten stehen, um zu erfahren, was hier vor sich ging, dass eine solche Begeisterung auslöste. Der Maler zeichnete noch zwei weitere Menschen mit derselben beeindruckenden Kompetenz. Aber Stefan fühlte sich immer unwohler. Die Zeichnungen waren fantastisch. Aber die Menschen auf ihnen wirkten nicht wie echte Menschen. Sie wirkten wie die Idee eines Menschen. Sein Herz klopfte heftig. Überall standen sie jetzt dicht gedrängt um ihn herum. Er wurde ab und zu leicht angerempelt.
„Wie Ameisen auf einer Pfütze Fanta“, dachte er unwillkürlich.
Der Zeichner hatte auch sein nächstes Bild unter allgemeiner Begeisterung fertiggestellt.
Da rief er plötzlich: „Sie! Der junge Mann da!“
Die Menge rückte etwas von ihm ab.
„Ihr Gesicht eignet sich perfekt für eine Zeichnung.“
Stefan fühlte nackte Angst in sich aufsteigen.
„Nein, mich nicht!“, rief er und lief davon. Erst nach hundert Metern drehte er sich noch mal nach der Gruppe um. Sie sahen jetzt wirklich aus wie eine Ameisenkolonie. Stefan merkte, dass er Durchfall bekommen würde und suchte hektisch nach einer Toilette in der Nähe.
Es war Sonntag. An diesem Wochenende wollte er sein Haus gründlich entrümpeln. Er fing mit der kleinen Kammer direkt unter dem Dach an. Sie war so niedrig, dass er sich nur gebückt bewegen konnte. In den Wänden steckte wahrscheinlich Asbest. Er packte Bücher, alte Klassenarbeiten seines Sohnes und einen Haufen unvollständiger Brettspiele in einen Korb und schüttete das ganze Zeug erstmal im Nebenzimmer zu einem Berg zusammen. Bei einem in Kinderschrift beschriebenen Blatt hielt er inne. Er konnte das Gedicht immer noch auswendig, das Markus damals mit nur neun Jahren geschrieben hatte. Das konnte er auf keinen Fall wegwerfen. Er nahm sich einen Schreibblock und einen Kugelschreiber und schrieb das Gedicht aus dem Gedächtnis auf. Er blickte auf das Geschriebene. Es war nicht seine Handschrift. Er zerknüllte das Blatt und warf es in den Mülleimer. Auf einmal fühlte er sich bedrückt und wollte mit der Entrümpelung erst einmal nicht weitermachen. Er griff nach einer Schachtel Monopoly. Wie oft hatte er das früher mit Markus zusammen gespielt. Er nahm die beiden Würfel in die Hände und drückte sie ganz fest. Dabei dachte er: „Es tut mir alles so leid.“
Dann folgte er einem plötzlichen Impuls.
„Ich wette, ich bekomme zwei Vieren.“
Er ließ die Würfel auf den Boden rollen.
Zwei Vieren.
Er nahm die Würfel wieder in die Hand und dachte: „Eine Eins und eine Fünf.“
Er würfelte.
Eins und Fünf.
Er blickte die Würfel auf dem Boden eine Weile verwundert an, dann nahm er sie wieder und dachte sich, etwas nervös: „Zwei Sechsen.“
Sechs. Sechs.
Er zögerte und griff dann erneut nach den Würfeln. „Eins und Sechs“, dachte er.
Er hielt die Würfel ein paar Sekunden unschlüssig in den Händen, dann legte er sie ganz vorsichtig zurück in die Schachtel, so dass sie jetzt auf „drei“ und „vier“ lagen. Er schloss den Deckel des Spiels und lief hinunter ins Erdgeschoss.
Am nächsten Vormittag war der Himmel bewölkt. Stefan saß auf dem Sofa und schaute sich seinen Lieblingsfilm an. Er konnte ihn schon auswendig. Irgendwann bemerkte er, dass das Licht im Wohnzimmer irgendwie anders geworden war. Er schaute aus dem Fenster. Da draußen hing Nebel in der Luft.
Er öffnete die Wohnzimmertür und ging auf die Terrasse hinaus. Die Feuchtigkeit und Kühle des Nebels drang durch seinen Pulli. Er ging wieder rein und setzte sich vor den Fernseher. Aber der Nebel draußen wurde immer dichter. Er konnte die Hecken seines Gartens nicht mehr sehen. Da draußen begann nach zwei Metern das Nichts. Der Nebel kroch durch die Ritzen ins Haus hinein. Stefan machte die Lichter an und verschloss alle Rollläden im Haus.
Er saß im Garten, die Sonne schien, aber es war nicht heiß. Er holte die Packung Camel aus seiner Hose und zog eine der dünnen Zigaretten heraus. Er legte sich die Zigarette in den Mund und tat für ein paar Sekunden nichts weiter. Dann holte er ein Feuerzeug heraus und zündete sie an. Er sog den Rauch tief in seine Lunge. „Es ist herrlich!“, dachte er. „Warum habe ich nur je damit aufgehört?“
Am Abend öffnete er WhatsApp und scrollte durch seine Kontakte, bis er „Rhiannon“ fand. Er schrieb:
„Meine liebe Ryan. Ich wollte dir nur sagen, dass ich während der ganzen Zeit in der Klinik in dich verliebt war. Durch dich habe ich mich wieder wirklich am Leben gefühlt. Auch wenn danach alles wieder normal wurde, ist etwas davon in mir übrig geblieben. Und das vergesse ich dir niemals.“
Nachdem er die Nachricht abgeschickt hatte, blockierte er Rhiannon.
Direkt danach rief er Markus an.
Das Freizeichen kam zwei Mal.
„Ja?“
„Markus, hier ist Papa“
Eine kurze Stille.
„Oh, wie geht es dir denn?“
„Es geht mir gut“
„Das freut mich. Hör mal, ich wollte gerade...“
Stefan umklammerte das Handy fester:
„Markus, ich bin unendlich stolz auf dich. Das war ich immer und heute erst recht“
Eine längere Stille.
„Danke Papa. Ist alles OK bei dir?“
„Alles ist genau richtig. Markus, ich hab dich so lieb! Ich kann’s dir nicht sagen, wie lieb ich dich hab.“
Er hörte Markus durch den Hörer schwer atmen.
„Papa, brauchst du etwas? Soll jemand kommen?“
„Es ging mir noch nie so gut. Ich wollte dir das nur sagen. Ich wünsch dir für immer das Allerbeste. Du bist mein Licht.“
Dann legte Stefan einfach auf.
Am nächsten Mittag lag Stefan auf einer Liege auf der Terrasse. Er lag schon seit zwei Stunden hier. Er tat gar nichts. Er las nicht, schaute nicht aufs Handy, er dachte noch nicht mal an irgendwas. Er wartete nur. Irgendwo in der Nachbarschaft bellte ein Hund.
Dann sah er, wie sich etwas vor die Sonne schob und sich ein Schatten ausbreitete. Innerhalb von zehn Minuten war es stockdunkel, wie in der Nacht. Aber es waren keine Sterne am Himmel und auch nicht der Mond. Nur schwarze Leere. Dann auf einen Schlag sah er abertausende von Sternschnuppen vom Himmel stürzen. Ihr Lichtstreif blendete ihn und er musste sich die Hand vor die Augen halten. Dann begann ein Dröhnen in der Luft, das immer lauter wurde. Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört.
Er wusste, nun kam das Ende von Allem.
Er fühlte gar keine Angst.