Bin ich verrückt?

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Knubbell

Mitglied
Ich denke nicht, dass es viel über mich zu erzählen gibt. Ich bin ein durchschnittlicher Typ, eher ruhig und langweilig. Ich habe keine abenteuerlichen Hobbys. Keine gefährlichen Liebschaften. Bin weder Doppelagent noch Actionheld. Ganz im Gegenteil. Mein größtes Glück finde ich, wenn niemand um mich herum ist.


Im mittleren Alter angekommen, frage ich mich, ob etwas schiefgelaufen ist in meinem Leben.
Habe ich falsche Entscheidungen getroffen? Ich denke nicht. Denn ich bin der Überzeugung, dass alles so kommt, wie es kommen soll. Und so kam es auch immer. Denn hätte ich mir nicht den Tod einiger lieben Menschen gewünscht, hätte ich ich einige wichtige Personen nie getroffen.
Also lag es dann in meiner Art? Vielleicht in Kombination mit meiner Erziehung und dem Umfeld?


Dazu muss ich sagen, dass ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten einen eigenen Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt und dementsprechend viel um die Ohren. Also haben sie mich gleich nach der Geburt ausquartiert. Ich bin damit ein „Flaschenkind“. So nannte es meine Therapeutin immer, wenn sie über Kinder referierte, die infolge der pränatalen Diagnostik ohne Mutterwärme am Busen auskommen mussten.

Aber da ist noch mehr. Meine Mutter berichtete, dass ich sehr ruhig war. Ein ungewöhnlich stilles Kind. War ich von Geburt an beschädigt? Umtausch ausgeschlossen. Ich meine okay, was gibt es für Eltern besseres als ein ruhiges Kind. Wer Kinder hat, versteht vielleicht, wie ungemein entspannend nur fünf Minute Ruhe sein können. Aber hier stimmte doch etwas nicht.
Ich wuchs also in behüteten Verhältnissen bei den Großeltern mütterlicherseits auf. Geliebt, aber unterfordert. Keine gleichaltrigen Spielkameraden. Meine große Schwester ist zu meiner Mutter gezogen, als diese sich kurze Zeit später scheiden lies. Überhaupt war die Scheidung schon eigenartig.

Wie ich später erfuhr, war mein Vater Alkoholiker. Er soll wohl des öfteren seinen Arbeitstag in der Kneipe gegenüber verbracht haben, statt mitzuarbeiten. Großzügig, ausschweifend und barfuß. Dieser Zustand, und auch, dass es eine Haushälterin gab, die sich anfangs um uns Kinder und den mit im neugebauten Haus befindlichen Großvater väterlicherseits kümmerte, sorgte für Zündstoff. Bis hin zu der Szene als mein Vater eines Tages mit dem Jagdgewehr vor ihr stand. Passiert ist nichts. Außer dem Streit, der zur Scheidung und zur Entzugsklinik führte.
Selbst erinnere ich mich nur an den Richter des Amtsgerichts. Er lud mich in ein Nebenzimmer ein und überließ mir die Wahl, wo ich zukünftig wohnen möchte. Da muss ich so um die sechs Jahre alt gewesen sein, denn ich weiß noch, dass die Entscheidung auch dazu führte, dass ich auf eine bestimmte Schule gehen musste. Keine freie Schulwahl damals. Wieso der Richter mir, diesem kleinen Jungen, die Entscheidung überließ, weiß ich nicht. Auch nicht, ob ich es wirklich entschieden habe oder die Juristen einfach gewürfelt haben.

Wie ich nun war – und heute noch bin – ging ich den Weg des geringsten Widerstandes. Wochentags in der Schulzeit bei Oma und Opa. Wochenends und in den Ferien zu meinem Vater, nachdem dieser geheilt aus der Klinik entlassen wurde.
Perfekt. Zu meiner Mutter wollte ich nicht. Diese hatte einige Zeit später neu geheiratet. Dort tobte das Familienleben. Und das wollte ich nicht. Familie bedeutet Kompromisse und Pflichten. Vor allem diese ständigen Termine und Pflichten im Haushalt. Nein, danke.
Bei meiner Oma musste ich das nicht. Diese kleine, rundliche Frau im letzten Drittel ihres Lebens, mit Nachkriegsschürze gekleidet, sorgte für mein Wohlbefinden. Morgens Kakao. Mittags nach der Schule pünktlich gesundes Essen auf dem Tisch. Dann Mittagsstunde bis 15 Uhr. Hausaufgaben. Freizeit. 18 Uhr Abendbrot. Fernsehen bis zur Tagesschau. Falls ein Fußballspiel gezeigt wurde auch mal etwas länger. Dann Bettzeit und morgens um 6 Uhr wieder pünktlich geweckt. Alltagstrott unter der Woche.
Die Freiheit begann Freitags um 12 Uhr. Schulschluß. Rauf auf's Rad und drei Kilometer zum Papa geradelt. Dort erstmal Fernsehen bis zum Fußballtraining gegen 16 Uhr. Essen gab es Abends. Meistens Raclette. Ja, das mache ich gerne. Auch heute noch. Nur Fleisch mit Käse in der Einen und Bohnen mit Käse in der anderen Pfanne. Dabei: Fernsehen.

Regeln? Gab es nicht. Mein Vater erfüllte mir jeden Wunsch. Allerdings nicht finanzieller Natur. Aufgrund der Freiheit war das auch nicht nötig. Die schönsten Erinnerungen habe ich ohnehin an die Momente, welche kein Geld kosteten. Spaziergänge, wo jeder von uns an einer Seite des Weges lief und wir vierblättrige Kleeblätter sammelten. Ohne über Stunden ein einzige Wort zu reden. Oder wie er mir immer Material mitbrachte damit ich meine Brettspiele bauen konnte. Einmal hatte er hunderte kleiner Röhrchen von Vitamintabletten und Überraschungseiern besorgt, damit ich eine Auslosung eines Europapokals nachspielen konnte. Das dann wieder ganz für mich. Trotzdem. Einer der schönsten Momente.
Auch wurde er nie böse. Nicht einmal, als ich ein Fenster zu Bruch schoss. Trotz mehrmaliger Aufforderung hier nicht zu spielen. Bei Oma hätte ich eins mit dem Kochlöffel bekommen. Ich möchte nicht daran denken, was bei meiner Mutter los gewesen wäre. Dort war ich einmal zu Besuch. Nach dem Essen gingen wir mit dem Hund spazieren. Als ich, trotz Bitte dies zu unterlassen, kleine Steine durch die Gegend kickte, setzte es leichte Schläge auf den Hinterkopf.

Zuerst starben beide Großväter. Der Eine hatte Krebs, der Andere fiel im hohen Alter vom Rad. Da ist es vorbei, dachte ich. Mehr nicht. Doch. Bei diesen und dem Tod meines Vaters dachte ich in der Kirche darüber nach, was die Menschen denken und was ich erben werde. Das war wichtig für mich. Ich wollte mir ein paar Sachen kaufen. Und all diesen hier anwesenden Menschen ging es doch auch nur um den Totenschmaus, oder? Ich habe keinen von ihnen vorher je gesehen und auch danach nicht mehr.


Nun mag das alles prägend für ein Kind sein. Trotzdem glaube ich, dass dort noch mehr ist. Etwas verankertes. Von Geburt an. Mein Tipp ist Autismus.

Warum? Nun, wenn ich mir meine Verhaltensweisen und Ansprüche ansehe, erkenne ich wenig Gemeinsamkeiten mit normalen Menschen.
Ich mag keine Menschen um mich haben. Zwar war ich in langen Beziehungen, mehrere Jahre verheiratet und bin auch Vater zweier Töchter, jedoch wohl nicht aus Liebe, sondern mehr weil es die Gesellschaft gern so mag und es mir eine Art Sicherheit gab.
Ich liebe meine Kinder. Aber ich weiß gar nicht was Liebe ist. Jedenfalls ist es nicht die Art Liebe, die ich aus Filmen oder von anderen Familien kenne. Mehr so der Sinn des Lebens. Ich liebe sie, weil sie mir das Gefühl geben, etwas Gutes erreicht zu haben.
Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich nicht das Bedürfnis habe, sie – oder auch andere Menschen – öfter zu sehen.

Es war schon immer so, dass mir Menschen sagten: „Hey, lass' uns mal wieder treffen. Wir haben uns so lange nicht gesehen.“ Ich dachte dann: „Okay, aber wir haben uns doch letztes Jahr schon getroffen. Gibt doch nix neues zu erzählen.“
Dieses ganze Treffen und Smalltalk interessiert mich nicht im geringsten. Ich brauche Niemanden, der mir etwas übers Wetter oder Breaking-News erzählt, die ich schon gelesen habe. Hat eine Information keinen Mehrwert für mich, ist sie Zeitverschwendung!
Manche mögen das einfach Egoismus nennen. Ich denke, es ist eine Kombination aus Effizient, Energie sparen und angeborenem Defekt.


Ich stelle mir daher oft die Frage: „Bin ich verrückt?“ Bin ich gar gefährlich?

Der Druck von außerhalb hat über die Jahre zugenommen. Freunde und Familie brauchten lange um mit meiner Art der Distanz zurechtzukommen. Wenn ich mich mal sechs Monate nicht melde, dann ist das für mich, als würde sich jemand Vorgestern gemeldet haben.
Jedenfalls resultierten daraus weitere Probleme. Die Scheidung habe ich ja kurz erwähnt. Auch die Besuche meiner Töchter. Aber auch in der Arbeitswelt stoße ich auf Probleme. Meine Arbeitsweise mit meiner eigenen Art der Priorisierung stößt allenthalben auf Kopfschütteln. So kann man das nicht angehen. Das hat keine Struktur. Wieso machen Sie keine Pausen?

Ich verstehe was die Menschen sagen. Aber ich kann es nicht deuten. Und schon gar nicht umsetzen. Warum soll ich mir mit etwas Zeit lassen und gar Pausen einstreuen, wenn ich eine Arbeit, für die Andere acht Stunden brauchen, in zwei Stunden erledigen kann?
Warum muss ich nach sechs Stunden eine Pause machen, wenn ich doch durcharbeiten könnte? Dann gehe ich lieber früher. Warum ist seine Struktur besser als meine Art der Organisation? Wir kommen beide ans Ziel. Und ich meistens schneller.

Das Zusammenfallen aller dieser Ereignisse löste dann eine Krise aus. Nach einem Infekt entwickelte ich eine Angst vor alltäglichen ansteckenden Krankheiten, die mich immer mehr in Panikattacken trieb und über Jahre anhalten sollte. Es folgten Arztbesuche noch und nöcher. Doch alle meinten nur, dass ich eine depressive Episode habe und eventuell etwas auslaugt sei. Also ab in die Therapien.
Zum Glück gibt es diese Therapien. Vielen Menschen werden sie hilfreich sein. Auch mir haben sie in der Anfangszeit geholfen. Die Tagesklinik war ein guter Ort um sich zu erholen und einen anderen Blickwinkel zu erhalten. Darauf folgte eine Reha und eine ambulante Therapie. Doch irgendwie wollten die Therapieansätze nicht in meinen Kopf. Er wehrte sich dagegen. Nahm keine Informationen mehr auf, was ich aber darauf zurückführe, dass sich die Informationen wiederholen. Und das ist, wie ich oben bereits beschrieb, ein No-Go. Kein Mehrwert = Unnütz.
Infolge immer gleicher Diagnosen und Therapien fing ich an mich selbst zu verletzen. Ich zog mich auch noch weiter zurück. War noch öfter und länger krankgeschrieben. Und ich quälte Tiere. Oder malte mir aus, wie ich etwas oder jemanden verletzen könnte.

Da ich meiner Meinung nach recht Gefühlslos bin, fürchtete ich auch keine Konsequenzen, hatte kein schlechtes Gewissen dabei. Ich funktioniere da anders. Treffe ich auf einen Menschen, bin ich absolut neutral. Andere sagen, dass ich desinteressiert wirke. Rückwirkend betrachtet stimmt das auch. Denn noch hat derjenige ja noch nichts wertvolles beigetragen.
Entwickelt sich dann doch eine gewisse Chemie, so ändert sich mein Verhalten. Ich beginne die Menschen zu spiegeln. Lacht mein Gegenüber, so lache ich auch. Ich weiß nicht warum. Hat er einen Witz gemacht? Er lacht. Ich sollte das wohl auch tun. Regt sich jemand über etwas auf, tue ich das dann auch. Muss ja richtig sein.
Im Grunde spiele ich aber nur mit. Rein Gefühlstechnisch löst das alles gar nichts in mir aus. Nada. Nichts. Niente. Man könnte auch ein Bild von mir dahin stellen. Es hätte dieselbe Aussage wie ich mich fühle.

Das führt dann auch zu den Konsequenzen meines Handelns. Meine Art lässt die Leute Abstand nehmen. Und so sitze ich nun hier und schreibe an Jemanden, den ich nicht kenne. Den ich vermutlich auch nicht kennenlernen möchte. Es sei denn, er oder sie hat mir etwas zu bieten, dass mich weiterbringt.
 
G

Gelöschtes Mitglied 21405

Gast
Hallo Knubbel,
deine ersten beiden Sätze: "Ich denke nicht, dass es viel über mich zu erzählen gibt. Ich bin ein durchschnittlicher Typ, eher ruhig und langweilig. " widerlegst du in den anschließenden Ausführungen. Du bist alles, nur nicht langweilig oder durchschnittlich!! Nun weiß ich nicht, ist das Geschriebene ein Abriss deiner Lebensgeschichte? Wenn ja, dann bewundere ich deinen Mut, dies hier öffentlich zu machen!
Es ist sauschwer einen Rat zu geben. Vielleicht der: Autobiographisches Schreiben, oder einfach nur schreiben, schreiben, schreiben!
Ich erkenne einiges in dem was du schreibst wieder. Meine Kindheit verlief ebenfalls nicht normgerecht!! Ganz und gar nicht! Ich denke, dass es in diesem Forum einigen so gehen wird, und der ein oder andere Schreiben als Therapie ansieht. Mögen mich manche Lügen strafen. Ich kann nur versichern, dass schreiben hilft. Versuche alles etwas detaillierter zu schreiben. Nicht als Bericht, sondern als Erzählung! Versinke in Deiner Erinnerung und schreiben es auf.
Ich hoffe nicht zu aufdringlich gewesen zu sein. Bin auch kein Psychologe!
Ich bin dir übrigens dankbar für die tolle Vertonung von "Der Wecker und der Schläfer!" Einfach super. Wir hatten viel Spaß!
LG Orlando
 

Knubbell

Mitglied
Guten Morgen Orlando,

danke für deine Worte!

Jein. Ich schreibe grundsätzlich fiktiv. Aber ich denke auch, dass jeder seine Erfahrungen einfliessen lässt. Ich habe jedenfalls oft gehört, dass man einen Teil seines Lebens nimmt und diesen dann dramatisiert.
Auch schreibe ich sehr gerne in einer Tagebuchform. Das wirkt dann oft so, als hätte ich es erlebt.
Aber danke für deine Anteilnahme. Meine Kindheit empfand ich als schön, wenn auch rückwirkend wohl als nicht optimal. Mit dem Text wollte ich eher ausdrücken, dass der Protagonist durch sein Umfeld und fremde Entscheidungen, etwas abgestumpft und seltsam geworden ist. Erste längere Schreibversuche :)
 

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