Bis dahin

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Im September beginnen wir,
die Tage zu zählen,
die wir im Juli
einfach verbraucht haben.

Wir sitzen draußen.
Die Wärme reicht noch
für bloße Arme.

Wir sprachen oft von später,
bis unsere Stimmen
alt geworden sind.

Seltsam, wie lange ein Leben
vorläufig bleiben kann.
Wie man darin wohnt,
ohne auszupacken.

Über den Dächern
sammeln sich
die Schwalben.
Ihr Aufbruch kennt
kein Später.

Du fragst,
was ich noch vorhabe.

Zum ersten Mal
höre ich
den Satz
bis zum Ende.

Über uns löst sich der Schwarm.
Ich habe nicht gewusst,
dass ich mir unter Zukunft
immer vorgestellt habe,
noch einmal anfangen zu dürfen.
 

trivial

Mitglied
Liebe Chandrika,

mir gefällt Dein Gedicht sehr.
Ich verstand es erst als Mahnung oder als Klage, dann zunehmend als das Konstatieren einer Tatsache und nicht als Klage über ein persönliches Versagen. Eine Bestandsaufnahme des (Mensch-)Seins.

Selbst wenn wir an die Zukunft denken, konstruieren wir sie aus einer bereinigten Vergangenheit – und betrachten dadurch zugleich unsere Vergangenheit neu. Oder, wie Kierkegaard schrieb:

„Das Leben kann nur rückwärts verstanden, aber es muss vorwärts gelebt werden.“

Der Mensch kann nicht rein im Moment leben – Sein ist Zeitlichkeit. Der Moment wird immer im Verhältnis zu dem verstanden, was war und was sein könnte.

Ist es nicht die Tragik des menschlichen Bewusstseins? Wir können unser Leben immer nur jetzt leben, aber wir können es immer nur in der Zeit verstehen. Es gibt kein verpasstes Leben. Das Leben selbst ist der verpasste Moment. Bedeutung entsteht erst durch zeitliche Relation.

Und vielleicht suchen wir deshalb den Moment in dem, was uns begleitet, was uns gleicht und sich uns zugleich entzieht. Wie Rilke schrieb:

"Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene. Nur unsre Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang."

Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Rufus
 
Lieber Rufus,

was für eine aufmerksame und gedankenreiche Annäherung an mein Gedicht! Besonders deine Bewegung hin zur Bestandsaufnahme des Menschseins entspricht sehr dem Raum, in dem ich „Bis dahin“ sehe. Es geht mir weniger um ein persönliches Versagen als um eine grundsätzliche Unmöglichkeit: Wir müssen vorwärts leben, während uns die Bedeutung des Gelebten immer erst später erreicht. Kierkegaard hatte ja sooooo recht!!!

Dein Gedanke von der „bereinigten Vergangenheit“ führt das Gedicht für mich noch weiter. Erinnerung ist kein unveränderliches Archiv. Wir ordnen das Vergangene aus der Gegenwart heraus neu und entwerfen aus dieser bearbeiteten Fassung unsere Zukunft. So verschiebt sich auch das „Bis dahin“ fortwährend – wie ein Horizont, den wir sehen, aber nie betreten.

Dein Satz „Es gibt kein verpasstes Leben. Das Leben selbst ist der verpasste Moment“ bleibt besonders bei mir. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik: Sobald wir einen Moment verstehen, ist er bereits zu etwas Vergangenem geworden.

Auch die Verbindung zu Rilkes „Offenem“ empfinde ich als sehr stimmig. Wir suchen den unmittelbaren Augenblick und umstellen ihn dabei mit Erinnerung, Erwartung und Bedeutung, bis er uns schon wieder entglitten ist.

Danke für diese intensive Lektüre und dafür, dass du dem Gedicht einen so weiten Denkraum eröffnet hast.

Liebe Grüße
Chandrika P.S. Danke an alle, denen das Gedicht auch gefallen hat!
 

Perry

Mitglied
Hallo Chandrika,
der Herbst lädt uns mit zunehmenden Alter immer intensiver ein über unser letztes Ziel nachzudenken.
Im Gegensatz zu den Zugvögeln müssen wir unsere Reise aber allein antreten.
Die Gunst den Lebensweg bis zum natürlichen Ende zu gehen ist nicht jedem gegönnt,
sodass wir die Zeit nutzen sollten Gewesenes in Bleibendes für unsere Nachfolgenden zu packen,
um leichter den Flug zum letzen Quartier antreten zu können.
Gern in der der Herbstsonne gesessen und mitphilosophiert!
LG
Perry
 
Lieber Perry,

deine Gedanken haben mich berührt. Vielleicht müssen wir die letzte Reise tatsächlich allein antreten – doch bis dahin können wir einander begleiten, Erinnerungen teilen und etwas Bleibendes hinterlassen.

Sehr gern sitze ich mit dir in der Herbstsonne und philosophiere über das Gewesene, das Kommende und alles, was dazwischen noch auf uns wartet.

Liebe Grüße
Chandrika
 



 
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