Bis morgen

Eowyn

Mitglied
Mein Blick war auf ihr regloses Gesicht gerichtet. Die Augen geschlossen, unbewegt. Haselnussbraunes Haar ergoss sich über das klinisch weiße Kissen. Ihre Haut war bleich, wie alles in diesem Zimmer
Die Arme lagen sauber zu beiden Seiten ihres Körpers, der sich schmal unter der Decke abzeichnete. Wüsste ich es nicht besser, könnte man annehmen, sie schliefe nur.
Aber das tat sie nicht. Niemand schlief so lang. Vielleicht Dornröschen. Aber nicht Elianna.
Auch wenn ich sie früher immer liebevoll Dornröschen nannte. Weil sie eine Langschläferin war, die kaum wach zu kriegen war. Der Gedanke trieb mir Tränen in die Augen. Hastig fuhr ich mir mit dem Handrücken übers Gesicht.
Ich hatte mir geschworen, nicht zu weinen. Nicht hier, bei ihr.
Die Ärzte sagten, sie könne vielleicht etwas mitbekommen, was um sie herum passierte. Elianna sollte wissen, dass ich in ihrer Nähe glücklich war. Sie sollte mich nicht weinen hören.
Als die Krankenschwester eine Stunde später kam und die Besuchszeit für beendet erklärte, nahm ich meine Jacke, die über der Stuhllehne hing. Ich trat an das Bett heran, beugte mich über Elianna und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Bis morgen“, flüsterte ich ihr zu, als fürchtete ich, sie aufzuwecken.
Welch seltsame Ironie.
Ich wandte mich um und verließ das Zimmer. Lief den langen Gang entlang, der mich mit seinen weißen Wänden und dem ätzenden Geruch nach Desinfektionsmittel ersticken wollte. Lief die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend und verließ das Gebäude. Ich warf keinen Blick zurück auf das Krankenhaus. Warum auch? Ich würde es morgen wieder sehen, wenn ich zurückkam
So, wie ich es seit nunmehr zwei Jahren tat.

Wir führten wieder einmal die gleiche, endlose Diskussion, die uns mittlerweile seit Wochen begleitete. Das Thema: Heirat.
Ginge es nach Elianna, wäre die Sache gar nicht mehr zur Sprache gekommen.
„Warum soll ich einen Vertrag unterzeichnen?“, fuhr sie auf, nachdem ich das Thema vorsichtig angeschnitten hatte. „Liebe ist bedingungslos und sollte nicht mit einer Unterschrift besiegelt werden. Reicht es dir nicht, dass ich mein restliches Leben an deiner Seite verbringen möchte? Traust du den Worten nicht, die ich dir als Versprechen gebe?“
Ich gab ein Murren von mir. „Darum geht es doch gar nicht. Ich finde nur, dass eine Heirat etwas Schönes ist. Tradition. Ein Ritual, dass uns auch in der Gesellschaft verbindet. Es ist der einzige Wunsch, den ich hege, neben der Tatsache, dass ich niemals von deiner Seite weichen möchte!“
Sie seufzte und verdrehte die Augen. Wie jedes Mal, wenn ich meine Argumente zu dem Thema darlegte.
„Bedeutet es dir denn so viel?“
Ich horchte auf. Dieser Satz war mir neu.
Langsam blickte ich von meinem Teller hoch, suchte in ihren Augen nach Schalk, der mir verriet, dass sie sich nur einen Spaß erlaubte.
Doch ich fand nichts, dass auch nur annähernd darauf hinwies. Ihr Blick war ernst, so wie sie nur dann schaute, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab.
„Du bedeutest mir mehr, als jedes Gelöbnis vor einem Standesbeamten!“
„Ach Christian!“ Sie stieß erneut einen tiefen Seufzer aus. „Ich bin einverstanden!“
Meine Augen wurden von Sekunde zu Sekunde größer, während der Sinn ihrer Worte sich noch in meinem Verstand zu entfalten versuchte.
„Ist das dein Ernst?“, stieß ich lauter hervor als beabsichtigt.
Die Leute an den Nebentischen blickten auf. Nicht wenige warfen mir einen unwirschen Blick zu. Da mein Geburtstag war, hatten wir uns zu diesem Anlass eines der teureren Restaurants ausgesucht. Mehr Sterne bedeuteten gleichzeitig auch mehr Ruhe, mehr Diskretion.
„Du meinst das wirklich ernst?“, hakte ich nach, diesmal um einiges leiser.
Mit einem breiten Lächeln nickte sie.
In dem Moment war mir völlig egal, was die anderen Leute von mir denken mochten. Ich sprang von meinem Stuhl auf, riss sie ebenfalls auf die Füße und umschlang sie in einer stürmischen Umarmung.
Sie hatte mir das größte Geschenk gemacht, dass ich mir nur vorstellen konnte.
„Ich liebe dich, Elianna!“

Ich war müde und abgeschlagen, als ich aus dem Wagen stieg. Das gewaltige Gebäude, das einem Ungetüm gleich vor mir aufragte, starrte mich mit seinen leuchtenden Augen an, bereit jeden zu verschlingen.
Elianna hatte es verschlungen, ich entkam ihm jeden Tag aufs Neue. Was gäbe ich, wäre es nur umgekehrt.
Schweren Schrittes trat ich durch die Drehtür in den Eingangsbereich des Krankenhauses.
Es herrschte geschäftiges Treiben. Am Empfang standen einige Leute, die sich vermutlich nach den Zimmernummern Verwandter oder Freunde erkundigten. Eine junge Frau hielt einen Blumenstrauß in der einen, an die andere Hand klammerte sich ein kleines Kind, vermutlich ihr Sohn. Sie sagte etwas zu ihm und der Junge begann breit zu grinsen.
Ich wandte den Blick ab, lief zum Aufzug hinüber und drückte die Taste. Wartete, dass der Metallkasten auf meiner Etage anhielt und mich einließ.
Der Arzt hatte mir gesagt, ich solle Elianna bei meinen Besuchen etwas erzählen. Aus meinem Leben. Meinem Alltag. Etwas, das mich bewegte. Aber ich wusste nichts, was auch nur annähernd für sie interessant sein könnte. Es passierte nichts.
Meine Tage waren leer ohne sie, unerfüllt. Ein tristes Grau, das mich allgegenwärtig umgab und alle Farben ringsum verblassen ließ. Selbst der blaue Himmel hatte seine Schönheit verloren. Seit Elianna hier lag, schien für mich keine Sonne mehr.
Ich betrat die Intensivstation, lief den langen, weißen Flur entlang, vorbei an geschlossenen Türen, hinter denen der Tod, einem Damoklesschwert gleich, über den Menschen schwebte.
Vor ihrer Zimmertür blieb ich stehen, hob die Hand und klopfte an. Wie immer bekam ich keine Antwort, nur trostloses Schweigen folgte.
Ich drückte die Klinke hinab und trat ein, schloss die Tür sacht hinter mir.
„Ich bin wieder da.“
Ich setzte mich auf den Stuhl, der neben dem Bett platziert war. Sah sie einfach nur an.
Mein Dornröschen.
Aber ich war kein Prinz und egal, wie oft ich ihr Gesicht küssen würde, nichts brachte sie zu mir zurück.
Die Zeit floss dahin, während ich bei ihr war, einige Seiten aus ihrem Lieblingsbuch vorlas und sie betrachtete. Meine Augen konnten sich nicht an ihr sattsehen. Als hätte ich Angst, sie könnte verschwinden, wenn ich nur einmal blinzelte.
Jeden Tag, wenn ich nach Hause fuhr, fürchtete ich einen Anruf aus dem Krankenhaus. Dass sie aufgewacht und ich nicht bei ihr war.
Ich fürchtete ihn und sehnte diesen Augenblick gleichzeitig herbei. Natürlich kannte ich die Bedenken der Ärzte. Die Chance, dass sie mich jemals wieder mit ihren Scherzen aufziehen würde, war verschwindend gering. Und das Risiko, dass sie, selbst wenn sie eines Tages erwachte, erhebliche Gehirnschäden davontragen würde, war mir ebenso bekannt.
Mein Blick wanderte zu dem Foto auf ihrem Nachttisch. Es zeigte uns beide. Auf unserer Hochzeit. Knapp über zwei Jahre war es nun her, dass wir uns das „Ja-Wort“ gegeben hatten.
Vier Wochen danach hatte sie den Unfall, der sie schon wieder von meiner Seite riss.
Das Schicksal war nicht fair. In dem einen Augenblick erfüllte es die tiefsten Wünsche, nur um einem kurz darauf wieder alles zu nehmen, was von Bedeutung war.

„Wir müssen noch die Fotos sortieren und an unsere Eltern schicken!“
Eliannas Worte rissen mich aus meinen Gedanken und ich wandte meinen Blick für einen Moment von der Straße ab.
„Was?“, erwiderte ich verwirrt, richtete allerdings sogleich meine Aufmerksamkeit zurück auf den Verkehr.
„Die Fotos von der Hochzeit und den Flitterwochen. Du weißt schon. Wir könnten doch ein Fotobuch für unsere Eltern machen. Darüber würden sie sich bestimmt freuen. Und es wäre gleichzeitig ein tolles Dankeschön für ihre Hilfe im Vorfeld.“
„Das klingt doch super!“
Ich wechselte die Spur und überholte den LKW, bevor er zu einem Elefantenrennen ansetzen konnte. Nieselregen setzte ein und ich schaltete die Scheibenwischer an.
„Hast du mir gerade überhaupt zugehört?“
„Klar! Du willst ein Fotobuch für unsere Eltern machen!“
Ich wechselte zurück auf die rechte Spur und stellte den Tempomat auf 160. Die Straße vor mir war relativ frei. Es war Sonntag früh, um diese Zeit waren eher wenige Leute unterwegs.
„Nicht ich!“, fuhr sie empört auf. „Wir, Christian!“
Ist doch das Gleiche! Aber ich sprach den Gedanken nicht aus, sondern schaltete die Scheibenwischer um einige Stufen höher, als die Intensität des Regens wuchs und Tropfen in der Größe von Tischtennisbällen gegen die Scheiben klatschten.
„Es ist immer das Gleiche! Warum muss ich mich um alles kümmern?“
„Das musst du doch gar nicht!“, rief ich zurück, um das laute Trommeln auf das Autodach zu übertönen.
Warum musste sie ausgerechnet jetzt damit anfangen?
„Entschuldige, Elianna. Ich war gerade abgelenkt. Natürlich machen wir das zusammen!“
„Ich liebe dich, Christian.“
Eliannas Hand legte sich auf meine Schulter und aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie sie sich zu mir herüberbeugte.
Sie hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

Das Beatmungsgerät gab ein leises Zischen von sich, nur hörbar in der unwirklichen Stille, die uns beide umgab. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in regelmäßigen Abständen, aufgepumpt durch die Maschine, die sie am Leben hielt.
Ich nahm Eliannas Hand sanft in meine, fuhr mit meinem Daumen über ihren Handrücken. Es tat noch immer weh, sie so zu sehen. Man konnte sich an vieles gewöhnen, aber nicht an einen solchen Anblick. Er war erschreckend, jedes Mal aufs Neue.
Mein Blick strich über ihr Gesicht, die Wangenknochen, die sich deutlich unter ihrer fahlen Haut abzeichneten. Sie war schon früher dünn gewesen, aber nicht so schmal. Ich vermisste das Rosa ihrer Wangen, das auftauchte, wann immer sie verlegen wurde. Am meisten jedoch fehlte mir der Anblick ihrer braunen Augen, in denen kleine, grüne Sprenkel zu sehen waren, wenn man ganz genau hinsah.
Während ich sie noch betrachtete, zuckten mit einem Mal die Finger ihrer linken Hand unter meiner Berührung. Überrascht starrte ich auf ihre Finger hinab. Langsam setzte ich mich auf, wagte nicht, mich von ihr abzuwenden.

„Elianna?“, fragte ich vorsichtig.
Mein Blick glitt abermals zu ihrem regungslosen Gesicht. Sie schlief noch immer, ihre Züge ausdruckslos. Ungläubig sah ich sie an. Mein Verstand wollte einfach nicht begreifen, was ich soeben gespürt hatte.
Hastig griff ich mit meiner freien, linken Hand nach dem Alarmknopf und drückte ihn.
Die Intensität des Regens war mittlerweile so stark, dass selbst der Scheibenwischer nicht mehr hinterherkam. Die Streifen auf der Fahrbahn verschwanden unter dem sintflutartigen Regenguss.
„Kannst du nicht etwas langsamer fahren?“, meinte Elianna besorgt.
Ich verkniff mir ein Murren und tat, worum sie mich bat. Ein greller Blitz zuckte vor uns über den Himmel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag.
Ich bemerkte, wie Elianna neben mir erschrocken zusammenfuhr.
Beruhigend legte ich ihr eine Hand auf den Oberschenkel. Ich wusste, dass sie sich vor Gewittern fürchtete.
Das Auto schien mittlerweile mehr auf der Fahrbahn zu schwimmen, als dass die Reifen tatsächlich Grip hatten.
Ein weiterer Blitz tauchte die Dämmerung in grelles Licht. Die Fahrbahn unter uns veränderte sich, als wir eine Brücke passierten. Ein heftiger Windstoß drückte gegen die Beifahrerseite und zwang mich, entgegen zu lenken.
„Ich hoffe, das Wetter dort unten ist besser. Ich bin nicht auf Regen eingestellt“, murmelte Elianna neben mir.
Ihre Worte entlockten mir ein Grinsen. Sicherlich hatte sie nur ihre hochhackigen Schuhe eingepackt.
Wir ließen die Brücke hinter uns. Zu beiden Seiten der Autobahn zeichneten sich Bäume hinter den Regenschlieren ab. Als die Intensität der Schauer etwas abnahm, reduzierte ich das Intervall der Scheibenwischer, stellte dafür den Tempomat wieder hoch.
„Das Wetter wird schon passen. Siehst du? Der Regen lässt nach, je weiter wir in den Süden kommen!“
Erneut durchbrach ein Blitz die bedrohlich dunklen Wolken. Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
„Vorsicht!“
Eliannas Schrei ging in einem krachenden Donnerschlag unter, doch ich sah im gleichen Augenblick, was sie meinte.
Direkt vor uns auf der Fahrbahn stand mit einem Mal ein Reh. In rasender Geschwindigkeit kam es immer näher auf uns zu.
Erschrocken stieg ich auf die Bremse, doch die Reifen griffen nicht richtig auf der nassen Fahrbahn. Ein lauter Schrei erklang, dann krachte der Wagen gegen das Tier. Mein Körper wurde gegen den Sicherheitsgurt geschleudert, gleichzeitig explodierte etwas vor meinem Kopf und nahm mir die Sicht, ehe ich vollständig von Schwärze umhüllt wurde.

Schritte wurden laut, dann die Tür geöffnet. Eine der Schwestern kam herein und lief zum Bett herüber.
Ich bemerkte es nur aus dem Augenwinkel, wollte Elianna nicht aus dem Blick lassen.
„Ihre Finger haben sich bewegt“, brachte ich hervor.
Geschäftig lief die Schwester um mich herum, prüfte Anzeigen auf den Monitoren, die für mich völlig unleserlich waren.
„Ich kann keine Veränderung erkennen.“
Die Schwester blieb neben mir stehen und ich riss den Blick von Elianna los. Ein paar mitfühlende Augen trafen mich.
„Es tut mir sehr leid.“
„Ich habe es mir nicht eingebildet!“, stieß ich hervor, Verzweiflung drohte mir den Atem zu rauben. Ich war mir ganz sicher, dass sich ihre Finger unter meinen bewegt hatten.
„Ich glaube Ihnen! Durch den Hirnschaden kann es zu willkürlichen Muskelzuckungen kommen. Das ist nicht so ungewöhnlich nach einem Schädelhirntrauma.“
Ich nickte langsam, blickte zurück zu Elianna. Eine Muskelzuckung. Aber eigentlich wusste ich auch, dass es keine wirkliche Hoffnung gab.
Ob sie wohl etwas mitbekam?
Einerseits hoffte ich es, so oft, wie ich sie besuchte, ihr erzählte, wie sehr ich sie liebte. Andererseits betete ich, dass sie überhaupt nichts hörte.
Wie grausam musste es für sie sein, wenn sie nur daliegen konnte, zum Schweigen verdammt, ihre Seele eingesperrt in einem bewegungslosen Käfig. Einem Körper, der ihr nicht gehorchen wollte.
„Es ist spät. Ich denke, es ist besser, wenn Sie allmählich gehen! Die Besuchszeiten enden ohnehin in Kürze.“
Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass die Schwester noch immer neben mir stand. Ich erhob mich von dem Stuhl und beugte mich über Elianna. Hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor ich mich wieder aufrichtete.
„Bis morgen.“
Keine der beiden Frauen antwortete mir. Die eine, weil sie es nicht konnte, die andere, weil sie wusste, dass sie nicht gemeint war.
Welch grausame Ironie das Leben spielte.
Ich wandte mich um und verließ das Zimmer.
 

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