bitte kein Gewitter

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manuuu

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bitte kein Gewitter


Sicher und geborgen. Die Worte gingen ihm durch den Kopf, immer und immer wieder. Ich fühle mich sicher und geborgen. Er hatte den Satz auf einem Seminar gehört, ein Vortragender hatte allen Teilnehmern den Satz eingetrichtert, vor Drucksituationen durch den Kopf gehen lassen und aussprechen, mehrere Male. Durch den Kopf gehen lassen ließ er sich den Satz seit Wochen, seit ein paar Tagen sprach er ihn wann es nur ging immer wieder aus. Dabei spürte er schon gar nichts mehr, fühlte sich nicht sicher, auch nicht geborgen, er hatte Angst. Morgen sollte er sein Projekt vorstellen, die Ergebnisse fünf Jahre langer Forschung, jeden Tag hatte er daran gearbeitet, kein Urlaub, keine Ferien. Das Projekt ist dein Leben hatte seine Freundin Marie mal gesagt, ein paar Tage bevor sie ihn verlassen hatte. Er vermisste sie, oft dachte er an sie, ein paar Mal hatte er sie noch angerufen, doch sie ging nicht ran. Antwortete nur kurz, ausweichend. Auch heute dachte er an sie, aber er rief sie nicht an, auch wenn er unbedingt jemanden zum Reden brauchte.

Es regnete. Seit Tagen regnete es, vielleicht seit Wochen schon, er wusste es nicht. Er erinnerte sich noch an einen schönen Tag, mit Marie, letztes Jahr im Sommer. Seit sie ihn verlassen hatte, seit er das Zeitgefühl verloren hatte, regnete es. Solange es nicht gewitterte, ist alles gut, sagte er sich. Gewitter machten ihm noch mehr Angst. Auf dem Weg nach Hause erinnerte er sich an ein Lied, dass er und Marie immer zusammen gehört hatte, when you love someone. Das letzte Mal Musik hören war auch schon wieder lange her.

Alles war jetzt auf dieses Projekt ausgerichtet. Die letzten Vorbereitungen für morgen waren abgeschlossen, zusammen mit seinem Kollegen Thomas war er vorhin ein letztes Mal ins Büro gefahren. Dann gingen sie die Präsentation durch, alles stimmte, alles lief perfekt, so war es gut. Doch es musste auch morgen klappen. Morgen würde der Vorstand da sein, morgen würde sich entscheiden, ob er und Thomas für das Projekt ausgezeichnet werden würden, es ging um eine Menge Geld, es musste einfach klappen. Fünf Jahre Arbeit mussten dafür ausreichen.

Als er nass in seiner Wohnung ankam, dachte er an all die Dinge, die er haben könnte, wenn er die Auszeichnung bekommen würde. Er dachte an ein Auto, an eine neue Wohnung, ein Haus oder an die stilvollen Kleider, die er manchmal in Schaufenstern sah, die er bald haben könnte. Er dachte an die vielen Reisen, die er früher immer unbedingt unternehmen wollte, aber nie unternommen hatte, er könnte endlich reisen. Und er dachte an Marie. Tränen liefen ihm über das Gesicht, wieso kam sie nicht zu ihm zurück, worauf sollte er sich denn noch freuen, ohne Marie und ohne sonst jemanden? Er musste wohl allein reisen.

Doch vorher noch musste er die Präsentation hinter sich bringen, er durfte nicht noch länger daran denken, an morgen und die Zeit danach. Entspannung fiel ihm schwer, er holte eine Fertigpizza aus dem Eisfach und schob sie in den Ofen, er versuchte fernzusehen, fand kein gutes Programm, schaute jede Minute auf die Uhr, vergaß die Pizza trotzdem, sie verkohlte, er aß gar nichts mehr. Draußen regnete es noch immer, hoffentlich gewitterte es nur nicht, bitte nicht, bitte kein Gewitter. Als es dunkel wurde, bekam er noch eine Nachricht von Thomas, bis morgen, schrieb er, und geh bald schlafen. Dann klingelte es an der Tür, es war der Nachbar, der ein Paket angenommen hatte und es ihm vorbeibrachte. Wir haben gesehen wie Sie nach Hause gekommen sind, sonst arbeiten Sie ja immer so viel und morgen fliegen wir als Familie alle zusammen in den Urlaub. Reisen. Wir freuen uns alle so. Er sah ihm nach wie er die Treppe hinunterging, von weitem hörte er ein Kind lachen, sie würden in den Urlaub fliegen, reisen, zusammen. Der Vater sah glücklich aus.


Dann legte er sich ins Bett, neun Stunden Schlaf würden genügen, auch wenn er Angst vor dem Schlaf hatte, oft hatte er Albträume. Er durfte nicht an morgen denken. Sicher und geborgen. Um einzuschlafen, versuchte er sich vorzustellen, wie er ein neues Leben nach dem Projekt starten würde, er träumte von dem vielen Geld und davon, wie viel er spenden könnte. Er träumte von der Natur, die er noch sehen wollte, von der Altstadt in Salvador in Brasilien, von den Nationalparks in Südafrika und der Terra-Cotta-Armee-Ausstellung in China. All das wollte er mit Marie besuchen, vielleicht könnte er sie ja doch noch einmal anrufen, Dann träumte er von morgen und davon, was Marie ihm sagen würde, wenn sie jetzt da wäre, viel Glück vielleicht, oder endlich ist es soweit oder ich denk an Dich. Ich denk an Dich, Marie. Im Halbschlaf hörte er den Regen und wie der Nachbar die Mülltonnen vor das Tor schob, es hörte sich von weitem wie ein kleiner Donner an, wie ein Gewitter, das sich langsam nähert.
 

Willibald

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Gut geschriebene Prosaskizze mit interner Fokalisation, ohne auf Standardmittel zurückgreifen zu müssen, wie überstrapazierte Erlebte Rede und ähnliches. Trotz Prätritum und 3. Person läuft der Psychograph ab und wir sind im Erlebensraum des Protagonisten. Geschickte Lauerstellung des Bedrohungsschemas ohne explizite Katastrophe.
Greetse
 

 
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