Blattschuss

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klausKuckuck

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Blattschuss
Gotthard Brenner ist ein Nerd. Von Beruf Spieleprogrammierer, der unter dem Namen Schmorazze arbeitet. An einem Frühlingsabend steht er am hochgeklappten Fenster seiner Dachbodenkammer und guckt, von der Dämmerung eingehüllt, hinüber zum geöffneten Küchenfester der Nachbarn. Dort hantiert Frau Hohlmeier am Herd, deckt den Tisch, ruft «Abendbrot!»
Franz, ihr Mann, kommt und setzt sich an den Tisch. Frau Hohlmeier ruft: «Kalli, was ist denn!»
Sohn Kalli kommt und lümmelt sich dazu. Ein Frühlingsabend wie jeder andere.
Gotthard Brenner klopft die Szene auf Inspiration ab (so nennt er es, wenn er Ideen für neue Spiele sammelt). Plötzlich, mit einem Rückwärtsruck, geht er in Schießstellung – eine Pantomime – visiert den Küchentisch der Hohlmeiers an, justiert das Zielfernrohr und drückt ab. «Blattschuss!» murmelt er. Seine Fantasie zeigt ihm ein Bild, auf dem Frau Hohlmeier samt der Spiegeleierpfanne, die sie vom Herd genommen hatte, elfenhaft in sich zusammensinkt. Gotthard wiederholt die Pantomime: Und Vater Hohlmeier wird von der Wucht eines Geschosses zu Boden gehauen. Kalli kommt ins Bild.
Nach einer Weile geht Gotthard Brenner nach unten, lässt die gerade eingefangenen Bilder noch einmal an sich vorbeiziehen und setzt sich im Arbeitszimmer vor seinen Rechner. Aus den Impressionen entsteht ein Spiel, dem Gotthard den Titel gibt: Reih‘um.
Gotthard Brenners Spiele gehören unter den Kampfsportvirtuals (so der Branchenjargon) zu den marktbeherrschenden Innovationen. Im Vergleich zu herkömmlicher Action-Software sind sie etwas Besonderes: Man kann sie nachprogrammieren. Jedes Kind kann das. Gotthard, der Erfinder, gibt die Anzahl der Spielfiguren vor, sie sind gesichtslos und kommen in neutral gehaltener Unterwäsche in die Szene. Der Spieler zieht ihnen virtuell zum Beispiel mittelalterliche Ritterhosen über, oder er entscheidet sich für wadenenge Cowboy-Jeans, je nach Epoche. Und abschließend – unter Brenner-Fans als «der Hammer!» gehandelt – drückt der Spieler seinen Figuren selbstfotografierte Handy-Gesichter auf, die sich sekundenschnell in die gesichtslosen Figuren einpassen. Unter solchen Umständen ist einmal in einer schwäbischen Kleinstadt eine fünfköpfige Kneipenrunde zu Tode gekommen. Virtuell.
Ein paar Wochen später, am Abend seines dreizehnten Geburtstages, darf Kalli länger aufbleiben. Von Opa Berthold hat er sich das Computerspiel Reih‘um gewünscht, und der Opa hat es, liebevoll eingepackt, zu den anderen Geschenken auf den Geburtstagstisch gelegt. Während des Abendessens denkt Kalli sich einen Einbrecher aus, den er bis zur vierten Spielebene verfolgen will, um ihn auf Ebene fünf beim Spiegeleierbraten zu erschießen. Dem Einbrecher will er das Gesicht des Nachbarn Brenner aufdrücken, weil er den nicht leiden kann. Nach dem Abendessen nimmt Kalli die Verfolgung auf.
Irgendwann kommt Vater Hohlmeier ins Kinderzimmer. «Zeit zum Schlafen … was spielst du denn da, Kalli? Das ist doch … ist das nicht …?»
«Der doofe Brenner von drüben.»
«Aber du kannst den doch nicht einfach …»
«Du hast es selber gesagt, Papa: Der mit seinem Verbrechergesicht!»
«Visage … aber so hab‘ ich das nicht gemeint … das … das sagt man als Erwachsener so daher …»
«Ein Schuss ist noch frei, Papa, wenn du willst!»
 
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Aniella

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Hallo @klausKuckuck,

da hast du gleich den nächsten Treffer abgeliefert - wieder genau auf den Punkt, wie der Titel schon verrät. Hätte für mich auch in der Humor-Abteilung landen drüfen, auch wenn es etwas an Galgenhumor erinnert.
Gern gelesen!

LG Aniella
 



 
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