Seit ich hier bei euch Lupen aktiv bin - meist natürlich nur als Leser - bewegt mich immer wieder dir Frage, was ist denn eigentlich diese "experimentelle Lyrik"? Was zeichnet sie aus?
Oft lese ich in dem Bereich Texte, die ich gar nicht experimentell empfinde. Recht unrhythmisch vielleicht, nicht zumn Schulgedichteaufsagen geeignet, weil ohne innerem Singsang, okay. Aber experimentell? Oft habe ich den Eindruck, dass der Autor/ die Autorin sich nach der Niederschrift der lyrischen Gedanken unsicher war, was das nun ist ... Also: Experimentell! Passt doch zur Not immer - oder? "Experimentell" als Schutzbehauptung für alles, womit ich mir nicht sicher bin, ob ich es als Gedicht der Öffentlichkeit anbieten kann.
Nun kann man wohl aber eine Textform, die sich am dadaistischen Schreiben und Sprechen orientiert, kaum noch als experimentell bezeichnen. Dada ist circa hundert Jahre alt, und immer wieder haben Lyriker*innen sich von Dada ermutigen lassen, von den geraden Wegen formalistischer Dichtung abzuweichen - und den verrückten, wilden Formen eine weitere Idee hinzuzufügen, und damit irgendwie aus dem scheinbar Absurden wieder eine Form werden lassen.
Heute Morgen, noch im Bett, noch im Halbschlaf, ist mir Folgendes durch den Kopf gegangen:
das acht
…………………………….um acht
………………….erwacht
…………………..gedacht
………………….Fracht
………………. gebracht
…………….entfacht
……………………….sacht
…………………………..Schlacht
…………………..krach
………………………….Macht
……………………………………..gemacht
…………………..gelacht
Ihr ahnt nicht, wie froh mich das gemacht hat. Ich hatte das zufriedene Gefühl - hoffentlich darf ich sagen "die Erkenntnis", das ist, zumindest für mich, ein experimentelles Gedicht, UND, vielleicht das Wichtigste, man kann davon problemlos Regeln ableiten, die so eine Form frei variierbar machen und sogar ausbaufähig.
Regel: Wenig formulieren, viel Freiraum für Leser-Fantasie bieten.
Regel: Minimum an Worten/ Silben je Zeile.
Regel: Alles zueinander gereimt.
Variante: Statt einer Reimsilbe zwei oder mehr.
Variante: Zeilenandeutung nach klassischen Formen wählen, zum Beispiel als Sonett.
Nein, ich glaube nicht, dass dieses Experiment heute von mir erfunden wurde. Sicher gab es schon andere, die auf diese Idee kamen. Trotzdem bin ich glücklich damit, dem Begriff "experimentell" heute für mich beispielhaft einen klaren Inhalt geben konnte.
Widerspruch, Gegenrede, Ergänzungen, Beschimpfungen, Zustimmung u.ä. sind gern gesehen.
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