Bleiben

12.11.25, 22:04

"CHARLIE?!" Plötzlich rennt sie auf mich zu. Ich spüre die Kälte schon längst nicht mehr. Nein das ist gelogen. Sie tut scheiße weh. Wie tausend Nadeln piekt sie am ganzen Körper. Ich will mich nicht bewegen, aber ich starre sie an. "Charlie, was tust du da…? Ach du scheiße. Scheiße! SCHEIßE!!!" Sie reißt mir das Messer aus der Hand. Ich wehre mich nicht. Sie erstarrt. Überfordert. Wir wissen beide nicht, was wir jetzt tun sollten. Unschlüssig sieht sie mich an. Dann schiebt sie mein T-Shirt ein Stück weiter hoch. Es hat sich inzwischen vollgesaugt. Sie zieht scharf die Luft ein und greift nach meiner Hand. "Du bist eiskalt.", stellt sie fest, als wäre das das schlimmste an der gesamten Situation. Meine Augen folgen ihren Bewegungen mühevoll. Wahrscheinlich bin ich längst zu Eis erstarrt. Das war ja auch das Ziel. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das mit dem Messer so schwer sein würde. Erfrieren klang mir dann halt einfacher. Aber so leicht macht Nadine es mir nicht. Sie zieht ihre dicke Jacke aus und hüllt mich darin ein, ungeachtet dessen, dass dort immer noch mein blutverschmierter Bauch liegt. Ich sehe Atemwölkchen von uns beiden im Mondlicht ziehen. Wenn ich nur auch so ziehen könnte. Ich bin wie ein kalter Luftzug. Nicht mehr. Luft im endlosen Nichts.

12.11.25, 22:39

Grelles Licht scheint mir in die Augen. Es wackelt. Irgendwer hält meine Hand und es ist warm hier drin. Ein Rettungswagen. Nadines Jacke habe ich nicht mehr an. Ein Gesicht beugt sich über meines. "Kannst du mir sagen, wie du heißt?" Ich kann. Aber ich will nicht. Ich will nicht heißen und nicht sein. Aber ich bin. Wegen Nadine. Nadine… Jetzt wird sie mich bestimmt nur noch mit Mitleid betrachten. Jemanden so gestörtes kann man nicht mögen. Meine Hand wird leicht gedrückt. Ich schaue zur Seite. Nadine. Sie hat geweint. Wenn ich doch auch nur einmal Weinen könnte. Um irgendetwas schönes. Aus Liebe oder so. Keine Ahnung. Ich habe lange nicht geweint. Es wäre so befreiend.

14.11.25, 10:27

Ich sage jetzt natürlich auf keinen Fall die Wahrheit, auch wenn ich mir eingestehen muss, dass die Medikamente ein bisschen wirken. "Nein." Natürlich habe ich noch Gedanken. Aber ich muss hier raus und deshalb muss ich diese Lüge wiederholen. "Das ist gut. Aber sage uns bitte sofort, wenn sie wiederkommen. Es ist immer jemand da, der dir helfen kann." Ich hasse es hier. Ich bin kein Alkoholiker der in die geschlossene Anstalt gehört. Und auch nicht geistig eingeschränkt so wie diese Katja. Ich bin doch total normal. Wer will schon leben. Mal ehrlich, wir finden es doch alle scheiße hier. "Bewegungstherapie!" Mit einem Mal laufen alle auf den Hof. Stumm folge ich ihnen und nehme auf einem Hocker Platz. "Also schön, wir werfen jetzt den Ball unserem Nachbarn zu. Reihum. Los geht's." Katja klatscht in die Hände woraufhin der alte Herr Peters den Ball erschrocken fallen lässt. Der mittelalten Säufer, der sich immer so ausländerfeindlich äußert, schüttelt den Kopf. "So einen Kinderkram mach ich doch nicht mit." Er hat wohl nicht kapiert, dass man hier nur wieder rauskommt, wenn man mitspielt.
 



 
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