Blickwinkel

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Tula

Mitglied
Blickwinkel

im Dunkeln erkenne ich dich sofort:
jeden Winkel, jeden Bogen, jede Mündung der
so oft erforschten Küste, tausend Male automatisch
eingescannt, verarbeitet, gespeichert und dann
mancherorten abgerufen bis aufs
Wiedersehen

bei Licht besehen kenne ich dich kaum:
ich tauche plaudernd in dich ein, tief in dein seelisches
Geschlinge über unsichtbarem Grund wo irgendwo
ein Fuder Truhen ohne Schlüssel meinen
Namen ruft

schließlich sagst du mir, du glaubst – an Amor:
Phos(ph)en – ph-neutral gerächte Spiegelungen (blendend!)
kippeln Kuppeln oder kuppeln Sinn und quer-
Gekipptes im täglichen Wandel deiner
Jahreszeiten

natürlich sage ich: natürlich, ich verstehe dich
und habe mich verloren längst im Wirrwarr deiner
Gänge ohne Wände hinter denen du beharrlich
auf mich lauerst bis du endlich wieder

nach mir greifst
 
Zuletzt bearbeitet:
Das ist schön, Tula,
da kann ich dir mit Vergnügen die fünf Sterne zurükgeben! So sollten Gedichte sein, die zur Sehnsucht verführen, die über Meeresböden streichen, die Rätselhaftes im Kopf zurücklassen. Vorhin habe ich eine Sendung über den 95jährigen Theodorakis gehört, zu deinem Gedicht wäre ihm Musik eingefallen!
Von Nacht zu Nacht
Joe
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Tula,

ein ausgezeichnetes Gedicht!
Es lässt dem Leser alle Freiheiten. Es könnte nämlich einen Ort, aber auch eine Person beschrieben.

Liebe Grüße
Manfred
 

Mimi

Mitglied
¡ me encantó! ....
lieber Tula, ¡ esto es precioso!...
wow... es klingt beim Lesen so wunderbar und jedes Wort rauscht durch meine Ohren...
die dritte Zeile ist für mich klanglich hervorragend zusammengefasst und und dem fügt sich eine sehr sehnsüchtige Schlusszeile hinzu... sehr emotionsgetragene, sinnliche Zeilen...

¡excelente!...

immer gerne mehr davon...

es grüßt dich
Mimi
 

Tula

Mitglied
Hallo Joe

Zum Gedicht darf ich eigentlich nicht so viel sagen, das Herumdeuteln macht sonst alles kaputt. Nun gut, es geht in der Tat um die ‚Un(be)greifbarkeit‘ des Inneren, der Seele usw. des anderen Menschen. Wir begreifen uns nicht einmal selbst und bilden uns ein, den anderen (ob Partner, Freund oder Feind) zu (er)kennen. Und unterliegen in diesem Spiel nicht selten, der andere greift nach uns, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst werden.

Das war zumindest der Ausgangspunkt, darauf zogen ein paar sprachliche Kipp-Bilder durch meine Windungen, was mich endlich zum Titel führte.

ein dankender Gruß zurück „von Nacht zu Nacht“ - diese ist noch jung :)


Tula
 

Tula

Mitglied
Hallo Manfred

in der Tat ging es um den Menschen wie oben erwähnt, wobei sich der Text dann geographischen Bezügen bedient. Hauptsache, der Leser verliert sich lesend darin :)

LG
Tula
 

Tula

Mitglied
Hola Mimi
De hecho, al escribir, había pensado en un momento en la Mezquita de Córdoba!

im Wirrwarr deiner Gänge ohne Wände …

Und die Erforschung der Küsten birgt natürlich vielerlei aufregende Abenteuer :)

Muchas gracias!

Tula
 

Tula

Mitglied
Hallo Eis ohne Vergangenheit

Danke schön! Über diese Stelle hatte ich mich selbst auch gefreut :)

Taufrische Grüße

Tula
 
Hallo Tula

Ich habe es als Beschreibung des Gedächtnis gelesen. Einer nicht unbedeutende Insel im inneren Ozean.
Das hier:

kippeln Kuppeln oder kuppeln Sinn und quer-
Gekipptes im täglichen Wandel deiner
Jahreszeiten

ist sprachlich fantastisch!

Und das hier:
im Wirrwarr deiner
Gänge ohne Wände
ist inhaltlich fantastisch! Sich im Wirrwarr von etwas unendlich offenem zu verlaufen, ist sowohl paradox als auch nachvollziehbar. Ungefähr so, wie man sich in der absoluten labyrinthischen Monotonie einer Wüste verlaufen kann, viel besser als in einem Ecken-Labyrinth.



L.G
Patrick
 

Tula

Mitglied
Hallo Patrick

Danke auch dir für deinen Kommentar. Mir fiel nun noch ein:

Sich im Wirrwarr von etwas unendlich offenem zu verlaufen, ist sowohl paradox als auch nachvollziehbar. Ungefähr so, wie man sich in der absoluten labyrinthischen Monotonie einer Wüste verlaufen kann, viel besser als in einem Ecken-Labyrinth.

steht eigentlich für das Leben schlechthin!

Und weil das Gedicht in erster Linie dem Leser gehört: der inhaltliche Bezug zum Gedächtnis (oder gar: Bewusstsein) hat etwas. Mein erster Titel war "Konturen" und diese träfen in ihrer Unschärfe gut diese alternative Deutungsvariante.

LG
Tula
 

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