Blinde Hühner

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Die erste Liebe war wie alle danach. Und nicht, wie Olga damals dachte, ein Irrweg, an den sie sich später voller Scham erinnern würde. Es war auch nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende, das immer schon da war. Etwas Sexuelles, viel zu mächtig, als dass sie es hätte kontrollieren können.

Die Leute mochten Sehat nicht besonders. Oder es war nicht, dass sie ihn nicht mochten, er war nur einer dieser 15-Jährigen, die nicht viel zu bieten haben. Zu dick, zu schüchtern, zu kindisch. Was Sehat über einen dachte oder sagte, hatte keine Bedeutung. Für die hübsche Olga aber war er der Junge, von dem sie nachts träumte.

Die Frage war, wie sie es anstellen sollte.

Olga ist nicht wild, sie ist brav, aber auf eine Art, die andere interessiert. Sie spricht mit den Jungs aus ihrer Schule, aber ohne irgendeinen Unterton. Dass sie keine Signale empfangen, kann nicht bedeuten, dass sie nicht da sind, glauben die Jungs und täuschen sich. Auch mit den Mädchen hat Olga keine Probleme, mit den Lehrern schon gar nicht, sie hat unspektakulär gute Noten, die Schule ist ein träger Fluss. Olga weiß, dass dennoch etwas nicht stimmt. Sie findet die Süßen nicht süß und die Frechen nicht aufregend. Keine Bilder von Popstars an der Wand, das alles ist ein großer Blödsinn, die ultraglatten, glänzenden, nackten Oberkörper haben keine Macht über sie. Der stolze Blick der anderen Mädchen, wenn sie in Clubs Alkohol trinken und vielleicht irgendwelche Sachen nehmen, ist ihr zuwider. Wenn die Jungs in Bushido-Sprache mit ihnen sprechen, tun sie so, als machte ihnen das nichts aus, was nicht stimmt, natürlich nicht und zum Glück nicht. Wie Mädchen aussehen, die ständig über Jungs nachdenken: so mochte Olga nicht aussehen.

Olga hatte das Gefühl, die anderen befänden sich in einer Art Gefängnis. Sichteingeschränkte Hühner, stolzierende Gockel. Blind für sich selbst, weil sie sich nur mit den Augen der anderen sahen.

Die Schönheit der Jugend und ihre Dummheit. Das ist so, aber das muss nicht so sein, dachte Olga. Ihr war vollkommen bewusst, wie schön ihr junger Körper war, das Rosige, Frische, Aufblühende, Unverbrauchte. Sie berauschte sich nicht daran, sie stellte es nicht aus, aber sie verstand es. Genauso wie die Tatsache, dass das, was sie jetzt tat, ihr späteres Leben bestimmen würde. Dass alles eine Bedeutung hatte und nichts umsonst war. Jedes Buch, das sie las, jede Klavierstunde, die sie absolvierte, jede Reise, die sie unternahm, jede Verzweiflung, der sie sich hingab, war eine Investition in die Zukunft.

Aber es gab keine Verzweiflung. Und es gab kein Verlangen. Aber dann passierte die Sache mit Sehat.

Sie wusste, wo er wohnt, und bald hatte sie Glück. Sehat war alleine auf dem Sportplatz und spielte Basketball. Seine Bewegungen wie in Zeitlupe, ein großes Spiel in seinem Kopf, nach einem Freiwurf, der saß, schaute er verträumt ins nicht vorhandene Publikum und sah Olga.

„He, Sehat!“

Seine braunen, kräftigen Beine, sein kleiner Bauch, sein rundes Gesicht. Wie Olga den verträumten Jungen auf dem Basketballfeld beobachtete, hatte sie das Gefühl, eine Entdeckung zu machen und etwas zu sehen, was den anderen verborgen blieb. Als sie ihm ein Zeichen gab, lief er, den Ball unterm Arm, auf sie zu.

„Wollen wir uns ein bisschen unterhalten, da drüben, auf der Bank?“

„Ja, klar. Okay.“

Kein Arg in seinem Blick, aber Olga war klar, dass Sehat sich darauf vorbereitete, gedemütigt zu werden.

„Was war das für ein Spiel?“

„Wie? Nur so, ich habe ein bisschen gespielt, nur für mich. Bisschen Würfe trainiert.“

„Nee, das war irgendein wichtiges Spiel. Ich hab’s genau gesehen.“

Es war in Ordnung, wenn die Menschen zu Bösartigkeiten neigen, aber das bedeutete nicht, dass er sich dem aussetzen musste. Als Sehat mit einem Lächeln aufstehen und sich verabschieden wollte, legte Olga ihre Hand auf sein nacktes Knie.

„Warte, sorry, es tut mir leid. Ich habe es nicht so gemeint, sondern anders.“

„Ist schon okay, kein Problem. Ich werfe noch ein paar Bälle, dann wollte ich ohnehin gehen.“

„Ja, aber wäre gut, wenn mit mir zusammen.“

Olga hatte immer noch ihre Hand auf seinem Knie, was für beide eine ziemliche Sensation darstellte, auch wenn sie aufpassten, sich nichts anmerken zu lassen. Sehat kämpfte mit sich, aber die Sehnsucht, dass Olga nichts gegen ihn im Schilde führte, dass sie das erste Mädchen war, das sich für ihn interessierte, dass also gerade etwas völlig Unerwartetes geschah, war so stark, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Und Olga? Sie schaute auf Sehats Turnschuhe, in denen für einen Jungen erstaunlich kleine Füße steckten, weil sie ihm nicht länger ins Gesicht sehen konnte. Sie war sich nicht sicher gewesen, was passieren würde, wenn sie mit ihm reden würde, statt ihn nur von der Ferne zu beobachten oder an ihn zu denken. Und jetzt war es: die reine Sympathie. Es war bereits jetzt so, wie es sein sollte, es würde nie schöner sein können, als es jetzt war. Aber damit es so blieb, wie es jetzt war, mussten sie reden, sich kennenlernen, küssen, Zeit miteinander verbringen. Die Aufgabe der nächsten Stunden, Tage und Wochen bestand darin, das, was sie hatten, nicht zu zerstören.

Es gelang besser, als Olga zu hoffen gewagt hatte. Es war von Anfang an: kein Kampf. Mit dem Beginn ihrer Liebe endete der Horror der Jugend.

Zwei unfassbar lange Jahre lang: kein Kampf, sich zu behaupten, bin ich cool, bin ich es nicht, die Aufgabe der jungen Leute besteht darin, Stärke zu zeigen, den richtigen Freund/die richtige Freundin zu haben, das richtige Auftreten, die richtigen Verbindungen, den richtigen Blick. Vielleicht ist das gut so, aber für Olga und Sehat war es das pure Glück, dass es bei ihnen anders war. Olga hatte keine Angst, Sehat zu verlieren, und umgekehrt verhielt es sich genauso.

Dabei: Der türkischdeutsche Junge in Shorts und T-Shirt auf dem Bett, das war ja gar nichts, was irgendetwas bedeutet hätte, aber dank Olga eben doch. Sie fummelte an ihm herum, wow, deine Ohren, sie küsste die Innenseiten seiner Oberschenkel, war entzückt von seinen nackten Füßen und seiner Haut, weich und braun von Natur, er hatte etwas, was die deutschen Bleichgesichter sich erst mühsam zulegen mussten, im Solarium und mit irgendwelchen Cremes, was für Olga den Gipfel der Lächerlichkeit darstellte. Sie verbrachte ganze Nachmittage in Sehats Kinderzimmer, null Stress, auch nach Monaten fand es Olga noch ungewöhnlich und speziell, so ihre Zeit zu verbringen, in einem Zimmer aus einer fremden Welt (dieses ganze Zeug, Basketballsachen, Nippes aus der Türkei, gebrauchte Kleidungsstücke am Boden), dazu ein Junge, dessen gutmütiges, rundes Jungengesicht eine überwältigend tiefe Zufriedenheit ausstrahlte, was, wie unergründlich schön, einzig und allein an ihr lag, an Olga. Im Grunde, so empfand sie es, hatte sie Sehat tatsächlich gerettet, die schöne Olga und der dicke Sehat, die ersten Tage hatten alle über sie gespottet, aber das waren die letzten Ausläufer der Demütigungen für Sehat. Sehat konnte sein Glück kaum fassen und genoss es ohne Triumph.

Olga fragte sich, wie sein Leben ohne sie aussehen würde und ob er sich seine kindliche Freundlichkeit in diesem Fall hätte bewahren können. Sie stellte sich vor, wie er jeden Tag onanierte und sich in seiner Einsamkeit in irgendwelchen Fantasien verlor, die seine Seele verwüsteten.

Sie hatte Sehat gerettet, aber er hatte auch sie gerettet. Olga führte genau das Leben, das sie führen wollte.

Und doch war klar, dass die Sache nicht gut ausgehen konnte. Immer, wenn sie ihn voller Liebe ansah oder in seinen Armen lag, stellte Olga sich vor, wie es sein wird, wenn sie ihn verlässt.

Wenn Sehat immer gefestigter und ausgeglichener wurde, traf auf Olga das Gegenteil zu. Nicht, dass sie litt oder verzweifelt war, im Gegenteil; Olga befand sich in einem Zustand der Konzentration, sie fühlte sich als eine Kriegerin des Guten, asketisch und rein, you gonna do the right thing, Olga berauschte sich daran, nichts Dummes zu tun, keine blöden Verliebtheiten, kein Liebeskummer, keine Kämpfe gegen ihre Eltern, die so gut wie gar keine Rolle spielten in ihrem Leben. Gegen irgendetwas zu kämpfen oder Stunden mit Shoppen oder dem Nachdenken über irgendwelche Produkte zuzubringen, war für sie Zeitvergeudung. Es war einfach, darauf zu verzichten, ohne in irgendwelche Probleme zu geraten. Sich so anzuziehen und so auszusehen, dass die anderen keinen Grund hatten, sie anzugreifen, war einfach.

Was aber blieb, waren die Dämonen. Olga musste tun, was sie von ihr verlangten.

Ein paar Tage nach ihrem 17. Geburtstag begann sie, regelmäßig nach Köln zu fahren, dort den Abend zu verbringen und mit dem letzten Zug, der kurz vor Mitternacht ging, zurück nach Hause zu fahren. Sehat war besorgt, gab sich aber mit Olgas Antwort zufrieden: „Ich muss etwas erledigen, ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber wenn es vorbei ist, wird es so sein, als wäre nie etwas gewesen.“

Olga war stets die einzige junge Frau ohne Begleitung, sie saß immer am Tresen und sprach nie jemanden an. Es passierte selten, dass jemand zudringlich wurde, und wenn, wies sie ihn in die Schranken. Es dauerte, bis der Richtige kam. Als sie ihn fragte, ob man noch zu ihm gehen wolle, wusste er es nicht.

„Dir kommt das komisch vor.“

„Ja, komisch.“

Keine Prostituierte, sie hoffte, das sah man. Was aber dann?

„Wir müssen nicht, es war nur so ein Gedanke.“

„Aber warum? Bist du ein sehr schönes Mädchen und hast du bestimmt einen Freund.“

„Aber der versteht mich nicht.“

Christos lacht, „ja, vielleicht. Bist du ein bisschen komisch.“ Aber nett und sympathisch. Er schüttelt den Kopf und zahlt.

In der Wohnung ein paar Straßen weiter ist alles in Ordnung, schön fremd und ganz in Olgas Sinn. In Christos’ kleinem Badezimmer ist Olga eine komplette Fehlbesetzung. Sehr gut ihr junges Gesicht im Spiegel, sehr gut die bunten Handtücher (lauter Dinge jenseits von dem, was sie sich jemals kaufen würde), sie berührt sich zwischen den Beinen, sie hat ein bisschen Alkohol getrunken, aber weniger, als der Grieche denkt. Sie fühlt sich komplett verloren und denkt daran, dass sie genau das will, in ihren Fantasien war es immer genau so, eine junge Frau verloren in der Wohnung eines fremden Mannes. Als er sie küsst, oder eigentlich sie ihn, hat sie für einen Moment den Wunsch, es abzubrechen, Christos eine zu scheuern oder ihm vor die Füße zu kotzen, doch auch damit hat Olga gerechnet. Man stellt sich die seltsamsten Dinge vor und weiß, dass das alles nur in der Vorstellung existiert. Aber dann ist die Realität genau so, wie man es sich vorgestellt hat.

Wie wichtig ist Sex, extrem wichtig. Nicht der Sex an sich, sondern die Tatsache, ihn zu haben.

Deshalb! Deshalb (und nicht, weil sie sich danach sehnte, mit einem Mann zu schlafen) hat Olga sich so vorbereitet, wie sie sich vorbereitet hat, also bestimmte Sextools gekauft und benutzt (kein Jungfrauensex, kein Blut auf dem Laken, kein großer Einschnitt im Leben). Deshalb hat sie mit Sehat zwar nicht geschlafen, aber ihm regelmäßig einen geblasen. Was gut war und kein Opfer, außerdem interessant, superinteressant. Olga war fasziniert davon, was für eine absolut große Sache es für einen Mann oder einen Jungen ist, einen geblasen zu bekommen. Beim ersten Mal dachte Olga, Sehat übertreibt, um ihr zu zeigen, wie sehr er zu schätzen weiß, was sie tut. Aber das war es nicht, Männer sind tatsächlich verrückt danach, ihren Schwanz im Mund einer Frau zu haben und sich das ganz genau anzuschauen. Mit der Zeit konnte auch Olga nicht genug davon bekommen. Sehat einen zu blasen kickte sie aus Raum und Zeit: dass etwas so Banales (Lutschen) eine so große Wirkung hatte. Das (schöne) Ding in ihrer Hand/ihrem Mund und die Explosion in seinem Kopf.

Warum dann nicht mit Sehat? Es war nicht ihre Entscheidung. Olga konnte nicht sagen, ab wann sie es gewusst hatte, ihr Gefühl war: schon immer. Der erste Mann, der mit ihr schlief, musste ein älterer Mann sein, und es musste ein Fremder sein. Wenn sie darüber nachdachte, fand sie es schrecklich, also dachte sie nicht darüber nach. Ihre Vorstellung war: Ich bringe es hinter mich. Und danach ist es vorbei. Oder es ist nicht vorbei. Der Sache aus dem Weg zu gehen, war keine Option; darüber machte Olga sich keine Illusionen.

Als Christos mit ihr schläft, ist es tatsächlich schön. Etwas schräg, sehr einsam, aber schön.

Als es vorbei war, war es vorbei. Und zwar mit Sehat.

Christos war der Beginn eines Lebens, das sie hasste und sie fertig zu machen drohte. Ich laufe sehenden Auges in mein Unglück, sagte sie zu sich selbst, und zu den Eltern sagte sie, dass sie am nächsten Tag nach Hamburg fährt, zu Mutters Schwester, ihrer Tante. Kein Geschrei, kein fliegenden Teller, Olga war 17, bald 18, es war ihre Entscheidung. Die Eltern schüttelten den Kopf und ließen sie ziehen.

Was als Nächstes kam, war nackt zu sein in der Gegenwart älterer Männer. Es war wie eine Sucht, nackt auf dem Sofa, nackt auf dem Weg zur Küche, um sich etwas zum Trinken zu holen. Ein schöner Körper und der ihres Liebhabers, dessen Leben so so viel reicher, tiefer, länger und komplexer war als das ihre. Jedes Miteinander war von Beginn an im Endstadium, immer kurz davor, vorbei zu sein. Gehen, wenn es am schönsten ist! Jede Anstrengung, damit diese Nacht besonders schön ist, um dann zu gehen. Wenn sie die Männer Monate später sieht, zufällig auf der Straße oder abgepasst vor ihrem Haus, ohne sich zu zeigen, ist es das pure Glück. Alles ein komplettes Wunder: Der Mann, bevor sie zusammen sind (aber sie ihn schon im Visier hat), die Zeit zusammen und die Zeit danach. Umso länger die Liste, desto reicher ihr Leben.

Es war kein Spiel, aber es hatte Regeln. Die wichtigste war, dass das Leben neben den Liebschaften funktionieren musste. Und das konnte nicht heißen, bei der Tante zu wohnen. Nach drei Wochen zog sie für sechs Wochen zu ihrem ersten Hamburger. Der war seit ein paar Monaten geschieden, was man der Wohnung sofort ansah, alle Kleinigkeiten, auf die es ankommt, waren nicht in Ordnung. Staub da, wo er ihn nicht sieht, jeder andere aber schon. Anfang 50 und irgendwie schon am Ende. Er machte Pläne, was einem, wenn man über 30 Jahre jünger ist, komplett sinnlos vorkommt. Was für Pläne? Du bist 50!

Noch wichtiger als eine eigene Wohnung oder eine Wohnung bei einem Fremden war, das eine Jahr bis zum Abitur konzentriert zu sein und keine Fehler zu machen. Neu auf einer Schule ist kein Problem, wenn man kein Problem daraus macht. Die Noten waren wie reife Früchte, die man pflückt, Aushilfsjobs waren leicht zu kriegen. Olga lebte nie auf Kosten ihrer Liebhaber, aber sie überlegte sich bei jedem einzelnen Fall, ob es möglich wäre, was es fast immer war. Das große Abenteuer, ein junges Mädchen in der Stadt, kam ihr vor wie ein Leben in Sicherheit.

Olga studierte Biologie und hatte mit 20 das Gefühl, bedrohlich älter zu werden. Und dieses Gefühl wurde jedes Jahr schlimmer, Mitte 20 versetzte das Gefühl, dass es bald zu spät sein würde, Olga in Panik.

Und dann traf sie Sehat zufällig wieder. Nach sieben Jahren, in denen sie komplett null Kontakt hatte. Olga saß auf einer Parkbank an der Alster und Sehat setzte sich neben sie.

„Wow, da bist du ja endlich.“

Sie schaltete sofort auf „kein Stress“ und hoffte, dass er mitspielte. Alle Funktionen auf ruhig, konzentriert, vertraut, das Herzklopfen und die Aufregung nur innen, nichts davon nach außen, nicht witzig sein, nicht wie vom Donner gerührt, nicht feierlich, nicht peinlich berührt, nicht hilflos, nicht panisch, nicht euphorisch. So wie früher: Das Leben ist Performance, aber nicht zwischen ihnen beiden.

„Ich frage mich, wie du aussiehst. Das ist das erste, was ich klären will.“

Also schaute sie ihn an.

„Wow, das ist immer noch so wie früher: Ich schaue nichts so gerne an wie dich.“

Sieben Jahre älter, das ist total interessant. Das gleiche Gesicht, der gleiche Körper, der gleiche Mensch, nur eben in einem fortgeschrittenen Stadium. Was das Leben mit uns macht, das ist absolut berührend. Wir sind alle Opfer.

„Offen gesagt finde ich, dass du heute besser aussiehst als früher, Sehat. Oder noch besser. Toll, wie du es geschafft hast, das Unschuldige in deinem Blick zu konservieren.“

„Und du, wie geht es dir?“

„Furchtbar. Wow, jetzt wo ich es ausspreche, merke ich, dass es stimmt. Es geht mir absolut furchtbar. Habe ich vorher gar nicht so genau gewusst. Jetzt weiß ich es.“

Sehat sieht, dass Olga wirklich getroffen ist. Es geht ihr schlecht, seit Jahren schon, aber sie lebte ihr Leben so sehr wie ein Footballspieler, dass sie das gar nicht so richtig bemerkte, man macht einen Schritt nach dem anderen, man sieht die Hindernisse und geht auf sie zu, man bekommt einen Schlag auf die Fresse und geht weiter, es ist eine natürliche Bewegung, man schreitet voran und tut, was man glaubt tun zu müssen.

„Ja, absolut scheiße. Ich schlafe dauernd mit irgendwelchen älteren Männern. Es ist jedesmal geil und einen Tag später ist es immer so, als wäre es nicht passiert. Ich gebe mich komplett hin, konzertierter als ich kann man nicht Sex haben, ich ficke bei vollem Bewusstsein, aber ich schaffe es nicht, dass irgendetwas bleibt.“

Sehat komplett freundlich.

„Wie das klingt, ficken im vollem Bewusstsein.“

„Es ist ja nicht nur der Sex, sondern alles, was damit zu tun hat. Ich bin wie eine Maschine, die ständig die auf mich bezogenen Lebensäußerungen dieser Männer seelisch verarbeitet. Oder wie ein Regisseur, der ständig etwas inszeniert, was am Ende beim Zuschauer, also mir, das Gefühl von Nähe erzeugt. Ich schätze, das klingt alles ziemlich hysterisch.“

„Etwas.“

„Und das auch: Wenn ich sehe, wie ich lebe, empfinde ich das als absolut deprimierend. Aber das Problem ist, wenn ich in irgendeinem Spiegel an der Decke oder am Schrank sehe, wie ein dicker 60-Jähriger in mich eindringt, finde ich das überhaupt nicht abstoßend, sondern tatsächlich erregend. Ich fürchte, das ist wirklich genau das, was ich will. Obwohl es mich nicht glücklich macht. Ich will es wirklich. Das ist das Programm, das in mir abläuft. Es ist nichts, was ich irgendwie ändern könnte. Ich kann es nicht einmal wollen, verstehst du? Weil das ja bedeuten würde, dass ich jemand anderes sein möchte, was ja komplett idiotisch wäre. Ich bin in eine verdammte Falle geraten, die von Anfang an da war. Die in mir einprogrammiert ist. Eine absolute Scheiße.“

„Nein, nein, das stimmt nicht. Ich meine, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber ich weiß, dass es nicht stimmt. Du hättest damals nicht abhauen dürfen, das war der Fehler.“

„Zu spät.“

„Nein, gar nicht. Wir müssen uns nur etwas überlegen.“

„Liebst du mich noch?“

„Und wie! Absolut. Ich will dir helfen, unbedingt. So sehr, dass es mich ganz verrückt macht. Und ich weiß, dass es absolut möglich ist, weil dein Problem gar nicht so groß ist. Überhaupt nicht. Man muss nur irgendwie den richtigen Blick darauf finden, dann wird es sofort klein.“

„Klein und handlich, genau.“

„Das meine ich wirklich.“

„Ja, ich auch. Wirklich.“

Olga fühlte eine Welle der Dankbarkeit aus ihrem Inneren heranrauschen, die überwältigend war. Das ist ein Wunder once in a lifetime, dachte sie, dass es einen Menschen gibt, der einem unbedingt helfen will. Dem das unendlich wichtig ist, ein Herzenswunsch, den ihn schier zerreißt. Der die Schwäche des anderen nicht automatisch als eigene Stärke empfindet. So etwas gibt es, aber es ist die absolute Ausnahme. Und wenn es einem passiert, hat man die Pflicht, es nicht auszunutzen. Sondern den Spieß sofort umzudrehen und dem anderen alles zu geben, was man irgendwie geben kann.

Sie verbrachten die nächsten drei Tage zusammen in Hamburg. Sehat hatte inzwischen eine Frau, und es war klar, dass er sie nicht verlassen würde, obwohl beide spürten, dass das, was sie zusammen haben konnten, sie mit keinem anderen Menschen würden haben können. Zusammen waren sie auf Tauchstation, die Welt um sie herum war schön und ihrer ganzen Aufmerksamkeit wert, aber sie war auch fremd und etwas, mit dem sie im Grunde nichts zu tun hatten. Die Welt da draußen gab ihnen Futter für ihr Leben zu zweit, aber ohne den jeweils anderen war es kein Ort, an dem sie hätten glücklich werden können.

Oder doch. Am Ende der drei Tage hatten Olga und Sehat das Gefühl, dass ihre Probleme auf Miniformat geschrumpft waren. Nachdem Olga sich lange genug in ihr Unglück hineingesteigert hatte, hatte sie es jetzt satt.

Die nächsten Jahre waren okay. Olga beendete ihr Biologiestudium, fand einen guten Job und lebte mit einem Mann zusammen, der als Controller in einem Konsumgüterkonzern arbeitete. Wenn das ihr Schicksal war, war es nichts, worunter sie hätte leiden können, ohne sich dabei lächerlich vorzukommen.

Sehat blieb, wo er war, seine Frau bekam zwei Kinder. Wenn Leute sagen, er sei zu gutmütig und im Beruf zu wenig ehrgeizig, freute er sich darüber, so früh in seinem Leben verstanden zu haben, was für eine unglaubliche Befreiung darin liegen konnte, gutmütig zu sein und sich im Job darauf zu beschränken, eine solide Arbeit abzuliefern.

Alle zwei Wochen telefonierten Olga und Sehat, die Gefahr, sich ein zweites Mal aus den Augen zu verlieren, ging gegen null.
 
Hallo Jürgen,
erstaunliche Geschichte. Man erwartet anfangs ja eigentlich einen ganz anderen Ausgang, und dann nach der Wendung erst recht.
Aber die Essenz ist freilich, dass man zwar mit dem Strom schwimmen kann, deshalb aber nicht auf jede Modeerscheinung oder so aufspringen muss, um auch noch aufzufallen. Unauffällig bleiben ist auch eher mein Credo. Das macht das Leben leichter, wenn man sich auf seine Stärken konzentriert und nicht damit in den Kampf zieht, um andere auszustechen.
So, und das ist bei Olga und Sehat unverkennbar, erkennt man wahre Freunde.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 
Hallo Jürgen,
gern geschehen. Es gibt Menschen, die flüchten sich in eine Obsession, um ihr Leben zu meistern, gehen auch ganz offen damit um, wenn sie das Gefühl haben, der Gegenüber versteht es. Das sind dann die wahren Freunde, die ich meinte. Auch wir Schreiber haben doch eine Obsession - nicht so halbseiden, wie bei Olga, aber...
In diesem Sinne.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

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