Blutige Heilige Nacht - 20. Zucker fürs Crème brulée

ahorn

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Klappentext
Zum 1. Band


Herbert Tamban

Im Zeichen des Labrys
Quid pro quo



Zucker fürs Crème brulée

Beim Haftrichter

Die Stille in Lothar Gabels Amtszimmer erfasste Herbert. Er hätte eine Stecknadel fallen gehörte, wenn eine gefallen wäre. Er musterte das Gesicht des Haftrichters, der mit starrer Miene Dokumente studierte.
Weiterhin sein Gesicht dem Richter zugewandt, hatte Herbert eher Augen für eine Dame. Rechts von Gabel saß sie und blickte, dies erspähte er, ihn an. Ihr Aussehen ergötzte ihn. Ihr Teint war ohne Makel. Geschuldet war dieser mit Sicherheit der Kosmetikindustrie, denn vollends vermochte sie nicht ihr Alter zu verbergen. Ein Umstand, welchem Herbert nicht abgeneigt war. Eine gewisse Reife schätzte er an Frauen. Ihr kupferrotes welliges, hochgestecktes Haar unterstrich ihre Anmut.
Herbert stellte sich vor, wie sie mit überschlagenen Beinen, das Obere lockend, wippend vor ihm saß. Ihren Diktatblock auf dem Schoß, ihren Dutt öffnete. Sie ihre Mähne schüttelte, bis die Spitzen ihrer Haare auf ihrem Dekolleté zur Ruhe kamen. Ihm, Herbert den Weg wissen. Sie ihre Hornbrille, die ihr wahrlich nicht stand, abnahm und sogleich den oberen Knopf ihrer Kostümjacke öffnete.
Mit einem Lachen zerschnitt Gabel die Stille, ebenso wie Herberts Traum. Herbert wandte sein Gesicht nach links, beobachtete wie von Stetten seine Stirn runzelte.
Gabel drehte sich nach rechts, tippte die Protokollantin an, welche aus ihrer Lethargie erwachte.
»Herr von Stetten, in der Aussage von Frau Ferigart lese ich nicht ein Wort darüber, dass sie behauptet, Herr Tamban hätte sie vergewaltigt, daher weise ich ihren Haftantrag zurück.«
Von Stetten streckte sich. »Herr Vorsitzender! Die Aussage von Frau Tamara Seibot, sowie derren Onkel sind eindeutig.«
»Waren die Personen bei der angeblichen Vergewaltigung zugegen?«
»Sicherlich! Sie können bezeugen, dass Herr Tamban mit heruntergelassener Hose auf der nackten Frau Ferigart lag. Die Aussage liegt ihnen vor.«
Gabel nahm die Dokumente erneut auf. »Nur, Herr von Stetten davon lese ich nichts in der Zeugenaussage des angeblichen Opfers und«, er tippte auf die Papiere, »der Bericht ist sehr detailgetreu. Frau Ferigart berichtet, dass Herr Tamban ihr behilflich war, ein Staubkorn aus ihrem Auge zu fischen.«
Herbert war über Monikas Aussage einerseits erleichtert, anderseits verwunderte ihn diese. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass sie sich von ihm abgewandt hatte, obgleich der Zorn ihr gegenüber bereits verebbt war. Weshalb hatte sie ihm die Kopfnuss ausgeteilt? Der ersten Fetzen seiner Erinnerung war der feste Griff seiner uniformierten Kollegen, sodann der Geruch des Streifenwagens.
Er hatte sich einen Plan bereitgelegt, um zuerst von Stetten den Sieg zu überlassen, dann zurückzuschlagen. Wie beglückt er war, als er Lothar erblickte. Sein alter Kumpel konnte von Stetten noch weniger ausstehen als er.
»Die stecken unter einer Decke!«
Von Stettens von Zorn getriebener Satz brachte Herbert wieder ins Geschehen.

»Herr Oberstaatsanwalt jetzt überspannen Sie den Bogen. Erst behaupten Sie, Herr Tamban hätte Frau Ferigart vergewaltigt und jetzt, dass diese das Gericht an der Nase herumführen.«
»Ablenkung!«, wetterte von Stetten. Er wandte sich Herbert zu.
»Herr Herbert Tamban, ich nehme Sie unter dem Verdacht des Mordes fest.«
Herbert bekam seinen Mund nicht mehr zu. Er hob seine Schulter und sah seinen Freund Lothar mit einem fragenden Gesichtsausdruck an.
»Bitte! Soweit mir bekannt ist, weilt Frau Ferigart unter den Lebenden«, sprach Gabel dies aus, was Herbert dachte.
Mit einer sachlichen Stimmlage stellte von Stetten fest: »Am Mord von Veronica Gruber und Hindrik Schuster«.
»Wer sind diese?«
»Zwei Leichen, die wir am heilgen Abend aufgefunden haben«, erklärte Herbert.
Der Schwenk von von Stetten verwirrte Herbert, obgleich er es ihm in seiner Verzweiflung zutraute jeden, der nicht schnell genug verschwand, zu verdächtigen. Immerhin war Kalle wieder auf freien Fuß. Die Information hatte ihm Carlo zugeflüstert, bevor er ihn zu Lothar führte.
»Die Beweise sind unumstößlich.«
Lothar neigte sich von Stetten zu. »Welche Beweise Herr Oberstaatsanwalt?«
Von Stetten öffnete seine Aktentasche, zeerte eine Plastiktüte heraus, in der sich ein weißes Stück Stoff befand und legte jene auf den Amtstisch.
Gabel runzelte seine Stirn. »Was ist das?«
»Beweisstück A1. Eine Strumpfhose!«
Sein Gesicht Herbert zugewandt, erfasste Lothar die Tüte. »Das seh ich!«
»Diese Strumpfhose fanden wir am Tatort.«
»Und?«
»Auf dem Sofa.«
»Irre!«
»Mit eindeutigen Genspuren von Herrn Tamban.«
Herberts Gedanken überschlugen sich. Dass dies ein Kleidungsstück der Toten war, schloss er aus, denn diese war nackt, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Monika hatte sich ihrer Strumpfhose entledigt, jedoch nach seiner Erkenntnis trug diese an jenem Tag eine transparent Hautfarbene. Er konnte sich zwar nicht direkt daran erinnern, aber Maltes Foto sowie die Feststellung der Baumständer, dass diese das Muster von Monikas Slip kommentiert hatte, ließen einzig diesen Schluss zu. Dass ein genetischer Fingerabdruck von ihm auf dem Stoff existierte, bezweifelte Herbert nicht. Derart dumm oder dreist war nicht einmal von Stetten. An die einzige weiße Strumpfhose, an die sich Herbert entsann, war die der Baumständer. Herbert zwirbelte seinen Schnauzbart. Sie trug keine. Er hatte jener ihren Slip über ihre Beine gezerrte - über ihre weiß bestrumpften Beine. Somit trug sie Strümpfe. Herberts Verwirrung war komplett. Da half alleinig Angriff.

»Die Strumpfhose ist von Frau Ferigart.«
»Was erzählen sie für einen Blödsinn«, konterte von Stetten.
»Frau Ferigart hat sich am Tatort entkleidet. Nachstellung der Tat. Sie verstehen!«
»Merkwürdige Polizeiarbeit, aber Ihnen wäre es zuzutrauen.«
Gabel nahm die Dokumente erneut auf, studierte diese und schmunzelte. »Herr Tamban sagt die Wahrheit. Frau Ferigart hat es niedergeschrieben.«
Von Stetten schüttelte seinen Kopf. »Und wie kommen DNA-Spuren, genauer gesagt Blutspuren, von Frau Gruber auf das Beinkleid?«
Zu Herberts Glück war von Stetten schier ein dummer Staatsanwalt. »Wo haben Sie das von Ihnen als Beweisstück vorgelegte Artefakt gefunden?«
»Auf der Couch, dies habe ich bereits erklärt.«
Herbert wandte sich Lothar zu. »Die Couch war mit Blut der Toten besprenkelt.«
»Kontaminiert?«, spekulierte Gruber.
»Sicherlich!«, bestätigte Tamban.
Dies war mehr als unwahrscheinlich, da ihr Blut geronnen war, aber von Stettens zerknirschter Gesichtsausdruck verriet Herbert, inwieweit er die Erklärung schluckte.


»Sicherlich ich werde es veranlassen, inwieweit die Strumpfhose der Frau Ferigart gehört.« Von Stetten öffnete ein weiteres Mal seine Aktentasche.
Herbert runzelte seine Stirn. Es war zwar Weihnachten, Zeit der Geschenke, jedoch nach dem Weihnachtsmann sah von Stetten nicht aus. Dieser zerrte eine zweite Plastiktüte aus seiner Tasche.
Lothar kniff sein linkes Auge zu. »Ein Messer!«
»Nicht irgendeinen Messer, ein Tranchiermesser«, unterstrich von Stetten, »das Tatmesser. Wir haben eindeutig Fingerabdrücke von Herrn Tamban festgestellt.«
Gabel nickte. »Herr Tamban war am Tatort. Es gehört zwar nicht zur normalen Arbeit, kann dennoch passieren«, dabei starrte er Herbert an, »dass ein Kriminalbeamter unbeabsichtigt seine Fingerabdrücke hinterlässt.«
Von Stetten griente. »Sicherlich, wenn die leitenden Beamten unvorsichtig sind, aber die Fingerabdrücke vind unter dem Blut.« Der Oberstaatsanwalt wandte sich Herbert zu. Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. Er hatte keine Ahnung, wie seine Abdrücke auf dem Messergriff kamen.
Lothar Gabel lehnte sich vor. »Haben sie eine Erklärung?«
Herbert zwirbelte weiterhin seinen Schnauzer.
»Sicherlich!«, kopierte Herbert von Stetten. »Das Haus war uns bekannt.« Seine Aussage war nicht gelogen. Vor mehreren Jahren hatten Magda und er ein Nachbarhaus besichtigt, welches Magda kaufen wollte.
Lothar runzelte zuerst seine Stirn, dann flog ein Lächeln über sein Gesicht. »Dienstlich?«
Herbert schwieg. Von Stettens Mimik erstarrte.
Dann schwang er seinen Kopf. »In diesen dienstlichen Zusammenhang haben sie zufälligerweise das Tatwerkzeug berührt?«
Herbert schwieg weiterhin.
»Es gibt für alles eine Erklärung«, antwortete Lothar für ihn.
Die rechte Hand zur Faust geballt, lief von Stetten rot an. »Haftbefehl!«
»Abgelehnt«, gab ihm Lothar zu verstehen.
»Begründung?«
»Herr Tamban hat kein Motiv. Kannten sie das Mordopfer?«
»Nein!«
Gabel lehnte sich zurück. »Es besteht keinerlei Fluch oder Verdunkelungsgefahr.« An von Stetten gewandt. »Dies hält sie in keiner Weise davon ab, weitere Ermittlungen gegen Herr Tamban einzuleiten.«
Von Stetten stopfte die Beweise in seine Aktentasche, stand auf und stampfte ohne ein Wort des Grußes aus dem Amtszimmer.

»Frau Liesemeier sie können gehen.«
Die Protokollantin erhob sich, grüßte und verschwand.
Lothar sah ihr nach, erfasste Monikas Aussage und schmunzelte. »Da hast du dir eine sehr engagierte Mitarbeiterin geangelt.«
Herbert fasste an seine Brust. »Die Liesemeier ist aber auch nicht ohne.«
»Herbert! Außerdem ist sie vergeben.«
»Meinst, sie ist in festen Händen.«
»Die Ferigrat?«
»Wir haben nichts miteinander.«
»Na ja, wenn ich ihre Aussage lese?«
»Sie ist meine Mitarbeiterin.«
»Frau Liesemeier meine.«
»Hast du ihre Telefonnummer?«
»Herbert!«
Er zuckte mit den Achseln »Ich meine …«
»Ich glaube, du hast andere Probleme.«
»Stetten?«
»Der hat es auf dich abgesehen. Weswegen?«
»Er ist ein Arsch.«
»Mit dem wirst du fertig. Ich mein«, Lothar tippte auf Monikas Aussage, »damit.«
Herbert schmunzelte.
»Herbert. Von Freund zu Freund, das gibt Ärger. Wenn Maxima die Aussage liest, dann springt sie im Kreis. Das gibt ein Dissi.«
»Wäre nicht mein erstes Disziplinarverfahren.«
»Wie gerne wäre ich dabei gewesen?«
»Wobei?«
Lothar nahm die Papiere auf. »Herr Tamban zog das rote Bandeaukleid an und forderte mich auf, mit ihm essen zu gehen«, las er ihm vor. »Was ist ein Bandeaukleid?«
»Woher soll ich das wissen. Bin ich eine Frau? Für einen Tag hättest du mich Einsperren können.«
»Weswegen?«
»Theater!«
»Theater?«
»Ottfried hat ein neues Stück und heute Abend ist Premiere.«



Besinnliches Theater

Oh, du mein kleiner Freund. Nicht größer als eine Walnuss dein Leib am Bauch giftgrün der Rücken schillernd wie der Regenbogen, wie verzehre ich mich nach dir. Du gibst mir meine Freiheit wieder. Sie werden kommen. Werden mich holen. Durch deiner hilf mich mit den Füßen voraus Bergen. Mein Freund. Oh du mein Freund. Wir zwei haben bereits meine Gattin befreit. Wie lieblich, wie glücklich sie da lag. Es erquickt mich gar noch heut, oh du mein Freund. Kletter auf meine Handfläche, damit ich dich lecken kann. Dein Schleim auf deinem Rücken wird mich beglücken, sodass ich den Schmerz nicht spür. So hier mein lieber Freund, ich öffne für dich meine Haut. Keinen Schmerz empfinde ich, betäubt von deiner Gabe. Ich hör sie. Ich höre Schritte im Treppenhaus, lass uns eilen. Mit schwindendem Geist drück ich, entzücken deinen Rücken auf meine Wunde. Oh ja! Komm, mit letzter Kraft entlasse ich dich in dein Reich. Meine Knie werden weich. Ich werde mich setzen, genieße, oh hör, jenes Schlagen an meiner Türe, welch gedämpft meine Sinne erreicht. Der letzte Hinweis in diesen meinem Leben, bevor ich für immerfort für all Zeit die Augen schließe.

Applaus, der Klang wie das Brechen der Wellen am Atlantik erweckte Herbert aus seiner Lethargie. Er hatte wie immer Ottfrieds Machwerk im Halbschlaf genossen. Magda hatte ihn längst vorm letzten Vorhang verlassen. So war er allein im Saal. Abgesehen von dem begeisterten Publikum. Er stand auf, machte sich auf den Weg hinter die Kulissen, um Ottfried zu loben, obgleich dieser ahnte, dass er, Herbert das Stück einzig umnachtet genossen hatte.

Herbert preschte sich seinen Weg durch das Getümmel. Obwohl er bei dem Schauspiel einzig einen Darsteller gesehen hatte, verwunderte es ihn, wie viele Menschen daran beteiligt gewesen waren. Welch ein Sinn Ottfried darin fand, diesen einsamen Mann in ein Weihnachtsmannkostüm zu stecken, dass eine Erfrischungsgetränkefirma in die Welt gesetzt hatte, entsagte ihm. Ottfried halt. Sich nach Magda und Ottfried umsehend, lief ihm eine am Gesicht, Armen sowie Beinen kalkig getünchte Person entgegen.
»Herbert wie war ich?«
Er musterte die Gestalt, die den Saum ihres Nachthemdes hob und sich verneigte.
»Herbert!«
Ein Gespenst hatte er beim Stück nicht erblickt, jedenfalls nicht in der Zeit, in welcher er wach war.
»Nun!«
Er glotzte ihr ins Gesicht.
»Else?«
»Und?«
»Was und?«
»Wie war ich als Leiche?« Else trat an ihn heran und schlang ihren Arm um seine Taille. »Du als Fachmann.«
In dem Stück kam eine Tote vor. Die Gattin. Er war aber der Ansicht gewesen, dass diese eine Puppe war, denn sie hat sich weder bewegt noch gar gesprochen.
»Perfekt! Hast du Magda gesehen?«
Else deutete in einen abseitigen Bereich. »Magda, Ottfried und Benedikt sind hinten. Manöverkritik du verstehst.« Sie zuckte mit dem Kopf. »Ich komme gleich dazu, muss vorher, du verstehst, wenn man so lange liegt.« Else löste die Umklammerung, schritt vor. Er sah ihr nach und zupfte an seinem Schnauzer, als er ihre Flügel erblickte. Else wandte sich um und kehrte zurück. »Du Herbert sind diese Frösche wirklich so giftig? Du als Fachmann.«
»Welche Frösche?«
Sie drohte mit ihrem Zeigefinger. »Herbert hast wieder ein Nickerchen gemacht. Diese Pfeilfrösche?«
»Du meinst Pfeilgiftfrösche.«
»Von mir aus auch die. Und?«
Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. »Ich hatte zwar bisher niemanden, welcher durch sie verstorben ist, aber ihr Gift ist tödlich.«
Else lehnte sich zu ihm vor, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und blinzelte ihn an. »Wir sehen uns gleich.«

Herbert schlug sich an die Stirn. »Halt wart!«
»Willst du mitkommen? Wir zwei vereint.«
»Nein. Sag Magda sie soll mit Ottfried nach Hause fahren, ich komm später! Sag ihr, ich muss arbeiten!«
Sie zog ihre linke Schulter herauf. »Herbert! Immer beschäftigt.«
Er winkte ihr nach, zerrte eilends sein Handy aus seiner Sakkoinnentasche, wählte die Kurzwahl und presste das Telefon an sein Ohr.



Allein mit ihr

Es gab Wesen, welche Herbert nie verstand. Frauen! Dabei ging er davon aus, dass Monika anderes tickte. Er betrachtete seine goldene Armbanduhr, zuckte mit den Achseln, schlüpfte aus seinen Halbschuhen, warf sich auf das Bett und starrte auf die angelehnte Zimmertür.
Das Licht im Treppenhaus flackerte, bis ein Lichtstrahl in sein Zimmer fiel. Zuerst huschte ein Schatten durch den Lichtkegel, dann schwang der Türflügel auf.
„Monika, da bist du endlich.“
„Wieso?“
Sie schritt, nachdem sie die Tür geschlossen hatte, auf ihn zu und zog dabei ihre Turnschuhe aus.
„Was ist an in einer halben Stunde falsch zu verstehen?“
Monika zerrte sich ihren Pullover vom Körper, öffnete ihre Jeans und schlang sich aus dieser. „In! Beginn eines Zeitraumes.“
„Was machst du da überhaupt?“
„Wonach sieht es aus? Ihr Männer habt es da einfacher. Hose runter und gut.“
„Kannst du an etwas anders denken?“
„Ja!“
Monika war ein Wesen. Die Situation war, wenn er diese von außen betrachte, missverständlich. Er lag auf einem Hotelzimmerbett.
„Du bist beurlaubt“, erklärte Monika, dabei fasste sie an ihren Slip. „Rücke zur Seite, dann können wir gleich anfangen.“
Herberts Hormonspiegel stieg. Einen Moment überlegte er, ob er das Gespräch mit ihr verschob. „Jetzt hör auf! Du brauchst dich nicht auszuziehen.“
„Du weißt, das mag ich nicht.“
„Was?“
„Ich blass dir keinen.“
Herbert rückte zur Seite, sodass er einen Sicherheitsabstand zu ihr aufbaute. „Setz dich! Was sollte eigentlich die Kopfnuss? Mein Schädel dröhnt noch immer.“
„Tat es weh?“
„Dumme Frage.“
„War aber notwendig.“
„Notwendig?“
„Du bist ein Mann.“
„Danke für die Information.“
„Ihr Kerle habt in gewissen Situationen“, sie kicherte, „eine Reaktionsgeschwindigkeit wie eine Schildkröte. Zu deinem Glück hattest du noch deine Unterhose an.“
Herbert konnte sich nicht daran erinnern, wie weit ihre Intimität bereits fortgeschritten war. Bei der Vorstellung die Seibot war bei einem Akt zugegeben, welcher ihr nichts anging, rann ein Schauer über seinen Rücken. Monika schien seine Gedanken zu lesen.
„Du kamst zu deinem Spaß“, schmetterte sie ihm entgegen, worauf sie sich abwandte und ihre Arme verschränkte.
„Was hatte die Seibot überhaupt in deiner Wohnung zu schaffen, und wie ist sie hereingekommen?“
„Mit ihrem Schlüssel.“
„Die Seibot hat einen Schlüssel zu deiner Wohnung?“
„Klar! Sie wohnt bei mir.“
„Danke für die Information. Dass du mir immer alles Verheimlichen musst. Erst sagst du mir nicht, dass du Polizistin bist und jetzt …“

Herbert hatte Monika im Urlaub kennengelernt. Eigentlich wollte er nicht verreisen, aber Magda hatte ihn genötigt. Ein paar Tage ausspannen und die Sonne des Mittelmeeres genießen, legte sie ihm nahe. Dabei hasste Herbert dieses Klima, hasste es genauso wie die langatmigen Berichte von Ottfried, wenn dieser versuchte Herbert die antike Kultur der Griechen nahezulegen. Es war für ein Drama.
Am zweiten Tag schleppte Herbert seinen verschwitzten Körper zum Hotelpool. Magda saß mit einem kühlen Getränk an der Bar und Ottfried plante ihre erste Tour. Für Ottfried hatte er, Herbert keinen Blick übrig, sondern mehr für die vollbusige Blondine, welche in einem knappen Bikini an Magdas rechter Seite weilte.
Bereits beim Abendessen nach ihrer Anreise hatte er die Schönheit bewundert und seine Begeisterung Magda mitgeteilt.
Ottfried und Magda brachen auf, worauf er sich dem Körper der Schönen zuwandte. Der Rest des Urlaubes war für ihn gerettet.
Erst nachdem Maxima ihn Monika als neue Mitarbeiterin vorgestellt hatte, stellte er fest, dass das Schicksal es nicht mit ihm gut gemeint hatte. Monika versprach ihm, den gemeinsamen Urlaub zu streichen, und ihre Beziehung auf das Dienstliche zu reduzieren. Eine Absprache, welche ihm wahrlich nicht geglückt war.

„Wie ist die Anhörung gelaufen?“ Monika beugte sich vor. „Positiv! Sonst wärst du nicht hier.“
„Danke für deine ausführliche Aussage. Musstest du, unbedingt alles haarklein aufschreiben?“
„Eine Aussage muss vollständig und wahrheitsgetreu sein.“
„Ach! Bei dem entscheidenden Teil lügst du.“
„Niemand ist verpflichtete, etwas auszusagen, was ihn selbst belastet.“
„Es ist mir neu, dass einvernehmlicher Sex verboten ist.“
„Maximillian ist dein Anwalt.“
„Was hat dieser milchgesichtige Advokat mit deiner Aussage zu schaffen?“
„Mit wem glaubst du, war ich in Griechenland im Urlaub.“
„Nee! Sag nicht, dieser Mundlos ist …“
„War! Er ist nett, aber irgendwie krank.“
„Krank?“
„Nur, weil ich mich am ersten Abend mit dem Barkeeper unterhalten habe, ist Maximillian abgereist.“
Herbert runzelte seine Stirn.
„Okay! Wir waren nackt und lagen im Bett.“ Sie schmunzelte. „Dabei hatte ich Maximillian angeboten mitzumachen.“
„Monika!“
„Urlaub!“

Herberts Kenntnisse als Ermittler, sagten ihm sofort, dass sie log. Warum konnte er nicht ergründen? Inwieweit sie Täter oder die Waffe war, entsagte ihm gleichfalls. Jedenfalls war dieser Mundlos vom Typ wollen und nicht dürfen. Monika hatte ihm vielleicht Hoffnungen unterbreitet, jedoch nicht mehr. Zumindest klang bei ihr durch, dass der Zufall weniger Verantwortung trug, als es sich Herbert zuvor gedacht hatte.
Er strich von Stetten aus dem Kreis derer, die ihm ans Leder wollten. Nicht, dass er ihn aus dem Umfeld der Leichen verbannte. Dort war irgendetwas, jedoch hatte er es kaum auf ihn, Herbert, abgesehen.
Ottfried, Maxima und Magda verschworen sich in Herberts Überlegungen zu einer Gemeinschaft, obgleich er eher davon ausging, dass Magda eine Unwissende war.

Er kam auf eine Idee, wie er herausbekäme wer mit wem.
„Besitzt du eine weiße Bluse?“
Monika hob ihre Schultern. „Ja!“
„Einen rosa Rock?“
Sie schüttelte sich. „Ganz bestimmt nicht.“
„Hast du den Slip noch, welchen du am heilgen Abend getragen hast.“
„Wenn ich wüsste welcher es war bestimmt. Ich schmeiße keine Sachen weg, die in Ordnung sind.“
Herbert beschrieb ihr die Unterhose, worauf sie nickte.
„Eine hautfarbene sowie eine weiße Strumpfhose?“
„Was soll der Käse?“ Sie wandte ihn ihre Schulter zu, schielte jedoch zu ihm. „Oh! Ein neues Spiel?“
„Kannst du immer nur an das eine denken? Ja oder nein!“
„Ja oder nein was?“
„Die Strumpfhosen.“
„Du weißt, dass ich Strumpfhosen nur überziehe, wenn es unbedingt nötig ist.“ Sie grinste. „Bitte streichen. Wenn es die Konvention, die Etikette verlangt.“
„Dies ist keine Antwort.“
„Wie war die Frage?“
Monika lachte.
„Eine hautfarbene sowie eine weiße Strumpfhose?“
„Das Erste möglicherweise. Das Zweite mit Sicherheit nicht.“
„Besorge dir die Sachen.“
„Dann?“
„Kommt später.“

Herbert schaute auf seine Armbanduhr. Die Zeit verrann. Er war einerseits müde und anderseits ... Außerdem wartete Astrid bestimmt nicht nur mit einem kühlen Blonden auf ihn. Er hatte ihr versprochen, nach dem Theater bei ihr vorbeizuschneien. Sie waren zwar kein Paar, aber Magda fand sie nett und dieses war für ihn mit ausschlaggebend.
Er blickte Monika an. Von der Figur präferierte er zwar Monika, welche gleichfalls Magda in ihr Herz geschlossen hatte, jedoch sie blieb, was sie war, seine Mitarbeiterin. Den Ausrutscher in ihrem Bett verbuchte er in der Kategorie Missgeschicke.
„Monika, gehe morgen früh am besten vorm Aufstehen zur Gerichtsmedizin. Suche Professor Nicholas Vöhringer auf, bestell einen Gruß von mir, aber lache nicht, wenn du ihn ansiehst. Er kann das nicht leiden.“
„Wieso hat er eine riesige Warze auf der Stirn? Was soll ich bei ihm.“
„Bitte ihn, dass er sich ein weiteres Mal unserer Leichen annimmt. Na ja. Für ihn wäre es das erste Mal. Ich glaube nicht, dass er für zwei poppige Messerstichopfer seinen Elfenbeinturm verlassen hat.“
„Die sind doch bereits durch. Hast den Bericht nicht gelesen.“
„Wenn du ihn genau gelesen hättest, wäre es dir aufgefallen.“
„Was?“
„Dass bloß die Stichverletzungen und die Verstümmelung beschrieben waren. Dafür brauche ich keine Mediziner. Die hatten kein Bock.“
„Wonach soll dein Prof schauen?“
„Gifte, Betäubungsmittel. Denke nach, zwei Leichen ein Mörder.“
„Habe ich mir auch gedacht.“
„Wenn du damit fertig bist, spurtest du zur Technik, fragst dich zu Josef Naß durch.“
Monika griente. „Soll ich ihm einen Gruß bestellen?“
Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. „Ne. Bevor du zum Vöhringer düst, kommst du bei mir vorbei, obwohl ich es dir verboten habe. Du sagst Magda, sie solle dir eine Flasche für Josef geben. Josef sagst du, er solle alle Beweisstücke, die er vom Fall hat, auf übereinstimmende DNA Spuren untersuchen. Vielleicht gehst du im ein wenig zur Hand.“

Monika rückte an ihn heran. „Apropos zur Hand gehen. Magda hat mich gebeten, ihr zur Hand zu gehen.“ Ihre Finger krochen über seinen Bauch. „Hat sie dir erzählt, dass sie bei einer Kochshow auftreten will?“ Sie kicherte. „Sicherlich! Ihr seid ja verheiratet. Ich soll ihr morgen helfen.“
„Das geht nicht. Es ist besser, wenn wir uns nicht treffen.“
„Du musst ja nicht dabei sein.“
Herbert zupfte an seinen Schnauzer. „Ich habe da eine Idee.“
Er hatte den Satz kaum beendet, da bemerkte er, dass sein Hormonspiegel stieg. Ein Blick hinab erklärte seine Freude. Monikas Hand hatte sich in seine Hose Einlass geschaffen. Er dachte an Astrid, welche auf ihn wartete.
Hatte sie ihm nicht gesagt, er könne vorbeikommen. Prinzipiell nahm er es mit dem Konjunktiv nie genau.
In seiner Hose regte sich es. Was waren Prinzipien? Er wandte sein Gesicht Monika zu, kam dem Reiz ihres Mundes nach und küsste sie. In letzter Konsequenz war sie zurzeit nicht seine Mitarbeiterin, Maxima hatte ihn beurlaubt.



Crème brulée

„Schade, Herr Tamban“, Dünnbier räusperte, „Herbert, dass Magda uns verlassen musste. Ihre Golubtsi und ihre Piroschki einfach nur zum Dahinschmelzen.“
„Du kennst dich mit russischer Küche aus. Meins ist es eher nicht, mir zu deftig, aber meine Magda bringt den richtigen Pfiff hinein.“
„Ich bin zwar kein praktizierender Jude, trotzdem trifft man sich.“
„Koscher ist Magdas Küche wahrlich nicht.“
„Ich sagte gerade, dies spielt für mich keine Rolle. Aber die Juden aus Russland zaubern schon eine russische Küche, die Koscher ist.“
„Ich werde Magda den Dank überreichen.“
„Dass sie vorm Essen aufbrechen musste.“
„Ihr Freund Ottfried ist krank, mit dem Magen. Er leidet gerne. Ist halt Künstler.“
„Zumindest ist deine Tochter an deiner Seite.“
Elsa kicherte.
Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. War diese Anspielung von Dünnbier ihm gegenüber eine Beleidigung, oder eher eine Schmeichelattacke, die Elsa galt.
Elsa erfasste Herberts Hand. „Wir sind ein Paar.“
„Oh, Elsa entschuldige bitte.“
Sie zwinkerte Herbert zu. „So lange sind wir noch nicht zusammen.“
Herbert zwirbelte erneut seinen Schnauzer, diesmal nervös. Was erzählte sie? Gut, er war scharf auf sie, hatte sie jedoch einzig aus dem Grund eingeladen, damit er mit Mike und Monika nicht allein war.
Mike zeigte erst auf Elsa, sodann auf ihn. „Was sagt Magda dazu?“
Für Herbert ging Mike mit seiner Frage ein wenig zu weit.
„Magda hat ihren Ottfried“, antwortete Elsa für ihn und streichelte sein Knie. „Die beiden führen eine offene Ehe.“
Woher wusste sie das? Frauen und ihr Küchenklatsch. Magda hatte ihr beim Kochen bestimmt ihre ganze Lebensgeschichte getratscht. Klar. Er hatte Magda nicht erzählt, dass er wieder etwas mit Monika angefangen hatte, dafür Elsa eingeladen. Somit stand für Magda fest, wer seine neue Affäre war. Elsa konnte kochen. Damit war Elsa aus Magdas Sicht die Passende.

Elsa stand auf. „Ich hol dann den Nachttisch.“
Er sah zu ihr auf. „Ich helfe dir.“
Sie strich durch sein Haar. „Das ist Frauensache.“
„Aber Monika und Mike sind unsere Gäste.“
Für Herbert war Kochen Frauenkram, jedoch hatte er etwas anders vor. Daher begleitete er sie.
In der Küche angekommen, schlang sie ihm ihre Arme um den Hals und küsste ihn. „Hauptsache die verschwinden gleich.“
„Wie?“
Sie strich über seine Brust, erfasste sodann seine Hand und legte diese an ihr Gesäß.
„Herbert du hättest mich einfach direkt fragen können, ob …“
„Ob?“
„Fühl mal.“
Er strich über den Rock ihres Minikleides.
„Richtig!“
Elsa zog den Saum so weit herauf, bis er nackte Haut spürte.
„Du trägst keinen Slip.“
„Den Vorwand mit dem Essen hättest du dir sparen können. Ich war bereits, als ich dich das erste Mal sah, scharf auf dich. Wie wäre es? Nimm mich!“
Herbert hatte nichts dagegen, wenn Frauen die Initiative ergriffen. Jedoch stand dies seinem Plan ein wenig im Wege.
„In der Küche?“
„Warum nicht“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Wir haben Gäste.“
Sie umschlang erneut seinen Hals. „Noch besser.“
Herbert drehte sich aus der Umklammerung. „Später!“
„Spielverderber!“
Er stellte den Zucker und den Brenner neben die Nachspeise. „Flambiere die Crème brûlée. Ich hol uns noch eine Flasche Wein.“

Während Elsa den Brenner ergriff, verschwand er durch die Tür, die die Küche mit der Garage verband. Er verließ die Garage durch die rückwärtige Tür, schlich ums Haus herum, pirschte zur Terrassentür und linste durchs Glas.
Sein Verdacht bestätigte sich. Monikas Verhältnis zu Mike war mehr als ein Kumpelhaftes. Sie küssten sich.
Er hatte genug gesehen. Allerdings wie vermochte er, seine Erkenntnis auszunutzen. In welcher Hinsicht er Monika nicht vollumfänglich Vertrauen konnte, war ihm klar, jedoch ein Kuss war kein Beweis dafür, dass sie sexuell aktiv waren.
Herbert schlich zurück in die Küche. Die Indizien, welche er gesammelt hatte, verfestigten sich. Mike hatte es auf seinen Posten abgesehen und Monika war ihm bewusst, oder unbewusst dabei behilflich. Sie besaß einen hervorragenden Draht zu Maxima, dieses hatte er bereits herausbekommen.
Er strich endgültig Magda aus der Verschwörung, stellte dafür Tamara an die Seite von Mike und Monika. Die Abneigung, die sie gegen ihn hegte, sowie, dass sie bei Monika wohnte, begründeten diesen Verdacht. Es war für ihn offensichtlich. Sie wusste von der Liaison.
Damit kam sie nicht zufällig heim, als er mit Monika schlief. Bloß eins verwunderte ihn. Warum gab sie nicht zu Protokoll, dass er sie vergewaltigt hätte? Es wäre zwar gelogen, jedoch in ihrem Interesse gewesen.
Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. Genau dieses beabsichtigten sie. Durch Monikas Aussage bewies sie, dass sie auf seiner Seite weilte. Sie wollten ihn in Sicherheit wiegen. Weshalb? Es gab für ihn einzig eine Erklärung. Das Finale stand ihm noch bevor, jedoch er würde sich darauf gut vorbereiten.
„Herbert hast du den Wein erst gekeltert?“
„Nur den besten für unsere Gäste.“ Er umfasste Elsas Gesäß und deutete auf die Crème brulée. „Knackig die Kruste.“


„Elsa, das Rezept musst du mir verraten.“
„Gerne Monika. Wir könnten uns ja einmal verabreden.“
„Warum nicht? Dann lassen wir die Männer einfach daheim. Herbert kannst du mir zeigen, wo bei dir, na ja?“
Monika folgte Herbert und nachdem dieser ihr, obwohl sie es wusste, wo das Gästebad war, dieses gezeigt hatte, stieß sie ihn in dasselbe.
„Was hast du mit dieser Elsa?“
„Ich! Nichts! Ich kenne sie nicht einmal. Bist du etwa eifersüchtig?“
Wenn er nicht derart erschrocken gewesen wäre, hätte Herbert gelacht. Sie flirtete mit dem Mike herum, mehr vermochte er nicht zu beweisen, und schmetterte ihm zugleich Vorwürfe entgegen, welche zwar noch nicht von ihr ausgesprochen waren, dennoch vom ihm ergründbar.
„Ich mag sie nicht. Sie ist falsch.“
„Und verheiratet.“
„Sage ich doch. Falsch.“
„Kümmer dich nicht um Elsa, sorge dich eher darum, dass deine Akte mit dem neuen Foto bestückt wird.“
„Glaubst du wirklich, dass jemand hinter meiner Ermittlungsakte her ist?“
„Wenn du mir endlich sagen würdest, gegen wen du privat ermittelst, könnte ich dir helfen.“
„Privat heißt privat, geht dich nichts an. Klar!“
„Zumindest hast du wunderschöne Fotos von von Stetten. Allein diese brächten ihn in Bredouille. Wenn er dann mit der Baum-Ständer“, Herbert schmunzelte, „auf einem Foto so ganz nahe.“
„Das nennt man Beweisfälschung.“
„Bitte. Was für Beweise? Ist eine private Akte ein Beweis? Die Interpretation macht es zu dem, was es ist.“ Herbert strich über ihren Busen. „Nebenbei rosa steht dir. Jetzt lass uns zu den anderen zurückgehen, sonst glauben sie noch wir hätten etwas miteinander.“
„Geh vor!“
„Warum?“
Monika lüfte den Rock ihres Kleides, schob ihren Slip nebst Strumpfhose herab und setzte sich auf die Toilette. „Weshalb wohl?“

„Herbert, Elsa, danke für den schönen Abend und grüßt Magda von mir.“
Elsa drängte sich an Herbert vorbei, erfasste als wäre es eher beiläufig Mikes Arm und wisperte: „Können wir gerne wiederholen.“
Monika erschien im Flur, ging auf die drei zu, schnappte sich ihre Winterjacke und drängelte sich zwischen Elsa und Mike. „Mike, nimmst du mich mit. Meine Wohnung liegt auf deinem Weg, dann brauche ich mir, kein eigenes Taxi zu nehmen.“
Ohne eine Antwort von Mike abzuwarten, schlang sich Monika ihren Schall um den Hals, setzte sich eine Pudelmütze auf und steckte ihre Hände in Wollhandschuhe.
Herbert zerrte sie zur Seite. „Ich muss dir noch was mitgeben.“
Elsa und Mike starrten ihn missgünstig an.
„Dienstlich!“
Monika folgte ihm in den Keller, in sein Arbeitszimmer.
„Was gibt es noch?“
Herbert zog eine Schublade seines Schreibtisches auf, schnappte sich ein Handy und reichte ihr dieses.
Astrid hatte für ihn die zwei Handys erworben. Nachdem Monika am Vorabend eingeschlafen war, hatte er sich auf den Weg zu ihr gemacht. Er wollte sie nicht enttäuschen. Die leeren Bierflaschen auf ihrem Sofatisch zeigten ihm sofort, dass sie bereits vorgeglüht hatte. Dieses kam ihm entgegen, denn nach den Übungen mit Monika, gelang es ihm sicherlich nicht mehr, Astrid, das zu geben, was sie von ihm verlangte. Sie leerten gemeinsam ihre Bierreserven, kuschelten, gingen dann zu Bett.
Am Morgen lud er sie zum Abendessen ein. Sie lehnte ab, da ihr Mann nach Hause käme. Ihr Mann war Fernfahrer. Dafür begleitet sie Herbert zum Telefonladen. Danach rief Herbert Benno an und überzeugte ihn, dass er unbedingt Elsas Telefonnummer bräuchte.
„Was soll ich damit?“
„Prepaid! Damit wir in Verbindung bleiben. Apropos Verbindung, was haben Vöhringer und Naß herausgefunden.“
Monika übernahm das Telefon und hielt es an ihr Ohr. „Ich rufe dich an.“
„Die Nummer von meinen ist eingespeichert“, erklärte er ihr, bevor sie sein Arbeitszimmer verließen.

Mike wedelte mit seinen Armen, als sie wieder zur geöffneten Haustür schritten.
„Monika unser Taxi wartet!“
Herbert verabschiedete sich mit Handschlag. Elsa dagegen, Monika mit einem Kuss auf die Wange, und Mike, der sein Gesicht ihr zuwandte, mit einem Kuss auf den Mund.
Herbert schaute den beiden nach, wie sie sein Grundstück verließen, wobei sich Elsa an ihn schmiegte.
„Wie halltet ihr Frauen das nur aus?“
„Ohne Männer wäre das Leben langweilig.“
„Das meine ich nicht.“
„Was denn dann?“
„Na ja, oben eingepackt wie ein Pudel und“, er senkte den Blick, zupfte an seiner Hose, „untenherum halb nackt?“
„Und.“
„Es ist schweinekalt.“
Elsa umschlang seinen Hals und küsste ihn. „Wir Frauen leiden gern, wenn wir euch Männer bezirzen wollen.“
Er gab ihr einen innigen Kuss. „Du bist brillant.“
„Wie?“
Das war es. Monika hatte keine Affäre mit Mike. Noch nicht. Sie hatte es erst darauf angelegt. Monika, soweit kannte er sie, war nicht von der Art Frauen, die sich wie ein Paradepferd zurechtmachten. Sie sagte einfach, was sie wollte. Wenn sie bereits eine Liaison mit Mike hätte, weshalb schlüpfte sie in ein aufreizendes Minikleid? Ihre Worte, die sie ihm am Tatort, nachdem er ihr die Strumpfpackung im Schlafzimmer gezeigt hatte, erklangen ihm erneut.
Männer! Ihr habt keinen Schimmer. Ich für mein Teil, schlüpfe in Strümpfe, damit ich sexy aussehen, aber blickdichte Strumpfhosen im Winter, sodass ich nicht friere …
Er rannte in sein Arbeitszimmer, schnappte sich sein Prepaid-Handy und schaltet es an, sogleich stellte er fest, dass er eine Textnachricht erhalten hatte.
Parkhaus.
Dieses einzige Wort, verriet ihm, was sie vorhatte.



Himbeereis oder Distel

Herbert bedauerte in diesen Minuten all seine Kollegen, die stundenlang ausharrten, um Verdächtige zu beschatten. Sein Ding war es nie gewesen. Seine Aufgabe bestand darin, Einsätze zu leiten, um dann an seinem gemütlichen Schreibtisch alle Erkenntnisse zu sammeln, seine Schlussfolgerungen zu ziehen.
Hätte er sich nur Handschuhe mitgenommen? Er hatte das Gefühl, dass das Metall seines Fotoapparates sich allmählich mit seiner Haut vereinigte. Herbert schmunzelte. Welche? Außer einem Paar, die Wintersportbegeisterte zum Skifahren anzog, besaß er keine, und Magdas feine Damenhandschuhe passten ihm bestimmt nicht.
Er legte den Fotoapparat auf der Betonmauer des Parkhauses ab und hauchte in seine Hände. Das gute Stück war zwar nicht seines, jedoch war er in dieser Situation froh darüber, dass er es besaß. Er hatte es vergessen, verschlampt. Bei seinen Wechsel von Braunschweig nach Hannover hätte er den Fotoapparat zurückgeben sollen.
Er legte das Teleobjektiv wieder an, linste durch den Sucher und fixierte das hell erleuchtete Fenster im Dachgeschoss des Hauses gegenüber.
Als er in Monikas Wohnung war, fiel es ihm zu fort auf. Das Parkhaus war zwar weit genug von ihrem Fenster ab, jedoch, dies bestätigte sie ihm damals, war es für Spanner möglich, in ihre Wohnung zu glotzen. Viel mehr, als eine Person sah gewiss niemand, dennoch wären nach seiner Auffassung Vorhänge oder Jalousien angebracht. Monika nahm es eher mit Humor. Einen Humor, den Elsa nicht mit ihr teilte. Diese hatte sich nach wenigen Minuten, mit der Begründung, ihr wäre kalt, schmollend in seinen Wagen verkrochen. Dabei trug sie einen bodenlangen Pelzmantel, Pelzmütze, einen Schal, Handschuh und kniehohe Stiefel. Sogar eine Unterhose hatte sie sich vor der Abfahrt übergestreift, obwohl nach seinem Geschmack Unterhose eher übertrieben war. Das Ding, er war immer verwundert darüber, wie Frauen dieses aushielten, bestand einzig aus einem mickrigen Stück Stoff und zwei Bändern. Vielleicht war diese spärliche Bekleidung ihres Intimbereichs der Grund ihrer Verkühlung. Wenn er sich vorstellte, sein blankes Gesäß wäre derart ungeschützt, dann fröstelte es ihm schon bei dem Gedanken.
Dabei wollte sie unbedient mitkommen. Er hatte ihr immerhin angeboten, die Zeit bis zu seiner Rückkehrt zu nutzen, um die Küche auf Vordermann zu bringen. Oder, zumindest abzuwaschen.

Herbert zweifelte langsam daran, ob hinter Monikas Kurzmitteilung etwas Reelles stand, oder sie ihn einzig foppen wollte. Vielleicht lag sie in ihrem warmen, kuscheligen Bett und las ein Buch. Oder? Der Gedanken löste bei ihm Zorn aus, war sie nur in ihre Wohnung gespurtet, hatte das Licht angeschaltet, um dann eine Nacht mit Mike in einem Hotel zu verbringen. Dass dieser sie mit nach Hause genommen hatte, schloss er aus.
Wie er von Mike wusste, bewohnter er ein möbliertes Zimmer in der Wohnung einer Tante seiner Frau. Dort Damenbesuch zu erwarten für ihn, Herbert, eher unwahrscheinlich.
Wenn dem so war, dann war Monika gemeiner, als er dachte. Nicht allein, dass sie eine Nacht mit diesem Dünnbier verbrachte. Zu allem Überfluss hielt Monika ihn damit von seinen Vorhaben, welches Monikas glich, ab.
Von seiner aufkommenden Wut getrieben, war er gerade dabei, die Observation abzubrechen, als er glaubte, einen Schatten in Monikas Zimmer wahrzunehmen. Er zögerte. Ein Haarschopf lugte über ihren Fenstersims hervor, dann blickte er in ihr Gesicht. Sie richtete sich weiter auf. Er sah ihren Oberkörper, stierte durch den Sucher auf ihre prallen Brüste. Monika bewegte ihren Oberkörper auf und ab.
Was sie tat, erahnte er nur. Denn ihre Hände sah er nicht. Vielleicht trieb ihre Lektüre sie. Sie ging immer offen mit ihren Gelüsten um, hatte nie ein Problem damit zu masturbieren, während er die Sportschau sah. Erst nachdem er ihre Finger erblickte wie diese zuerst über ihren Körper, sodann durch ihre Haare strichen, dafür zwei weiter Hände ihre Brüste liebkosten, war ihm klar, dass sie nicht allein war.
Kurz überlegte er, ob er Fotos schießen sollte. Er entschied sich jedoch dafür, einen Film zu drehen.
Wer ihre Brüste knetete, blieb ihm verborgen. Es waren Hände eines Mannes. Dies stand für ihn fest. Monika lehnte sich zurück, stützte sich ab, schwang ihren Oberkörper. Die Männerhände verließen sein Blickfeld. Wo sie sich befanden, war ihm plausibel. Die Physik, ihr Schwerpunkt verrieten ihm, dass der Mann sie an ihrer Taille hielt.
Ob es Mike war, mit dem sich vergnügte, konnte er nicht sehen. Immerhin bestand die Option, dass ein anderer unter ihr lag.
Gefühle kamen in ihm auf, die er nicht kannte. Wahrlich nicht der Anblick einer Frau beim Geschlechtsakt trieb seine Gedanken fort. Er war beruflich oft genötigt, sich Pornos anzusehen. Oftmals saßen ihm die Frauen später vis-à-vis.
Jedoch in diesem Fall lag es anders. Monika war nicht irgendeine Frau und das verwunderte ihn. Anstatt in Zorn, in Wut darüber auszubrechen, sie zu hassen oder ihrem Sexpartner ein Messer in den Rücken zu treiben, genoss er es. Ihre Anmut, ihre Grazie verzückte ihn, obgleich er ihr oft dabei zugesehen hatte. Jedoch nicht aus der Ferne, sondern als der Mann, der unter ihr lag.
Trotz des Abstands roch er ihr Parfüm. Ihr Duft und der schneidige, kalte Wind, der in Böen sein Gesicht marterte, erinnerte ihn an Himbeereis mit Schokolade.
Gleichsam wie diese Speise schmolz Monika dahin.
Nachdem sie ihren immer wilder werdenden Tanz mit einem kurzen Erstarren vollendet hatte, brach sie zusammen und verschwand aus seinem Blick.
Sollte dies es gewesen sein? Dass sie einen Orgasmus gehabt hatte, stand für ihn fest. Jedoch, wo war für ihn der Beweis mit wem?
Er wartete. Nichts geschah. Wie lange sollte er ausharren? Bis zum Morgen, wenn der Typ das Haus verließ? Die Kälte fraß sich in seine Füße.

Wiederum wollte er abbrechen, da sah er ihn. Er vermochte direkt in sein Gesicht zu sehen. Es war Mike. Dieser schwang nach kurzen verweilen seinen Körper vor und zurück. Wie er Monika beglückte, stand für ihn fest. Es fehlte jedoch das entscheidende Bild. Die Gesichter der beiden nacheinander bewiesen nichts. Ob Monika seine Logik vernahm, oder einzig von Mike getrieben, war egal. Das Ergebnis zählte. Jedenfalls erblickte er ihr Anglist. Sie hob ihren Körper, streckte ihm förmlich ihr Gesicht entgegen.
Er glaubte ein Zwinkern, von ihr zu vernehmen, dabei war es, dies war folgerichtiger, einzig ihre Ekstase. Denn er vermochte sie zu beobachten, nicht sie ihn. Abgesehen davon, dass sie in ihrem Zustand sowieso die Welt um sich herum nicht wahrnahm.
Mike stieß immer heftiger zu. Es war für Herbert der Zeitpunkt gekommen seine Observation abzubrechen. Monika dabei zuzusehen, wie sie es mit einem andern trieb war eins, jedoch Mike zu filmen, wie dieser seinen Höhepunkt erlebte, etwas anders.

Nachdem er seinen Fotoapparat auf die Rückbank gelegt und sich auf seinem Fahrersitz bequem gemacht hatte, streichelte er ihr Knie. „Jetzt fahren wir nach Hause und machen uns einen gemütlichen Abend.“
Else schob seine Finger von ihrem Bein, fletschte ihre Zähne und bellte ihm in einer Tonlage an, die alles andere als nach Romantik klang: „Fahr endlich los! Ich brauche ein heißes Bad.“
Bei ihren Worten keimte in ihm wieder die Szene auf, in der Monika dahingeschmolzen war. Monika war sicherlich eher Typ Kumpel, dennoch hatte sie tief in ihrem Innern eine Zärtlichkeit, von der sich Elsa ein Stück abschneiden konnte. Wie sie verkrampft, mit mürrischem Gesichtsausdruck, neben ihm saß, erinnerte er sie eher an eine Distel als an Himbeereis mit Schokolade.
„Ich habe keine Badewanne“, gab er ihr zu verstehen und startete den Motor.
„Dann fahren wir zu mir.“
„Zu dir? Dein Mann?“
„Bin geschieden.“
Herbert setzte rückwärts aus der Parklücke, schaute sich um, folgte sodann den Hinweisschildern, die ihn zur Ausfahrt führten.
„Dein Ehering?“
„Damit mich nicht irgendwelche Typen anquatschen.“
Die Atmosphäre war frostig. Ein guter Roter, ein Bad und, davon war er überzeugt, Elsa taue nicht allein an den Füßen auf.
„Wohin?“
„Fahr erst einmal Richtung Hauptbahnhof, dann gebe ich dir Bescheid.“
Herbert setzte den Blinker. Egal, wie der Abend weiter verlief, er hatte etwas gegen Mike in der Hand.
Außerdem hatte er ein prekäres Verhältnis hinter sich gelassen. Vorgesetzter und gleichzeitig Geliebter war sogar für ihn alles andere als erquickend. Monika sollte den Lohn ihrer Aufopferung genießen. Mike würde früh genug erkennen, auf welch ein Spiel mit dem Feuer er sich eingelassen hatte.
Ob Elsas Smartphone sie benachrichtigt oder sie aus Gewohnheit dieses aus ihrer Handtasche genommen hatte, konnte er nicht wahrnehmen. Sie beschäftigte sich mit diesem Ding. Kurz vorm Hauptbahnhof sprach sie ihn an. „Halt an!“
„Weshalb?“
„Ich nehme ein Taxi?“
„Warum?“
„Meine Sache.“
Er kam ihren Wunsch nach und sie stieg aus. Nicht einmal einen Abschiedsgruß gab sie ihm. Ohne sich zu ihm umzusehen, stöckelte sie auf die wartenden Taxis zu.
Er nahm die Fahrt wieder auf und eine Wehmut übermannte ihn. Eine Wehmut, die er nicht kannte. Hatte er einen Fehler gemacht? Weswegen hatte er derart lange ausgeharrt, bis er sie vor Fenster erblickte? An der nächsten Kreuzung wendete er, machte sich auf den Heimweg. Frauen zu lieben, war eins, sie zu verstehen, etwas anders.



Von ihr besessen

Herbert ging in Richtung Dezernat. Sein Wagen war nicht angesprungen und Magda brauchte ihren. Daher hatte er sich entschlossen, den Nahverkehr zu nutzen. Bus und Bahn zu fahren hatte etwas. Man hatte Zeit, Muße.

Er war ein Idiot. Magda hatte es ihm berichtet, wobei berichten, eher nicht ihrem Naturell entsprach. Vollgelabert hatte sie ihn, obgleich sein Gehirn nach mehreren Flaschen Rotwein, eher Stille verlangte.
Als er am Nachmittag, bewaffnet mit einem elendig langen Einkaufszettel auf Tour war, war Monika bei ihm zu Hause. Dies war ihm bekannt, immerhin hatte Magda die Fotos geschossen, auf den Monika in rosa Rock und weißer Bluse posierte. Jedoch wusste er nicht, bis zu dem Zeitpunkt, an den es Magda im erzählte, was Monika trug. Jeans sowie Pullover.
Magda hatte sie animiert, sich umzuziehen. Der Grund für ihn im Nachhinein plausible. Denn Elsa schlug, um Magda zur Hand zu gehen, aufgetakelt bei ihnen auf. Damit stand für ihn fest, wer für Monika das Ziel ihrer Begierde war. Erst nachdem er ihr kein Zeichen gegeben hatte, dass er nichts mit Elsa im Sinn hatte, schwang sie um, suchte sich ein neues Ziel.
Die Kurznachricht auf seinem Prepaid-Handy war somit keine Einladung, sondern der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl gewesen. In ihre Wohnung zu stürmen, diesen Mike von ihr zu zerrten, hatte sie von ihm verlangt.
Er zwirbelte seinen Schnauzer. Der Drops war gelutscht. Er gönnte ihr zwar nicht mehr die Freuden mit diesem Dünnbier, jedoch gestaltete sich damit ihre Zweisamkeit gelassener. Er war ihr Chef, nicht mehr, nicht weniger. Ein Tatbestand, der ihm seinen Rapport bei Maxima erleichterte.
Angerufen hatte sie ihn, einen Termin aufs Auge gedrückt. Er nahm es gelassen. Dass Einzige was ihn wurmte, war, weshalb ihn sein Kumpel Joos, der kurz danach auf dem Festnetz anrief, zur Schnecke machte. Erzürnt warf dieser ihm entgegen, weshalb er nicht an sein Handy ginge. Dabei hatte er keinen Anruf von ihm erhalten. Der alte Knabe war entweder nicht in der Lage sich eine Telefonnummer zu merken oder hatte ihn schlichtweg vergessen. Dennoch übermittelte Joos ihm für ihn hilfreiche Informationen.
Das Dezernat war für ihn gerade in Sichtweite, da hielt ein BMW neben ihm.

Er öffnete die Beifahrertür und warf sich ohne die Fahrerin, um Erlaubnis zu fragen, auf den Beifahrersitz.
Monika grinste. „Morgenspaziergang?“ Dann lehnte sie sich zu ihm hinüber und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Sie wedelte mit ihrer Hand vor ihrer Nase. „Nicht zum Stich gekommen?“
„Wie meinst du das?“
„Gezecht hast du bestimmt nicht, nachdem du mit ihr gevögelt hast. Wie rattig sie war, wärst du sicherlich nicht mehr dazu in der Lage gewesen.“
„Du bist vulgär.“
„Direkt.“ Monika öffnete ihr Handschuhfach, fischte eine Packung Kaugummis aus jenem heraus und reichte ihm dieses. „Du stinkst.“
Er steckte sich ein Kaugummi in den Mund, kaute und zischte: „Mit dem Dünnbier hattest du sicherlich leichtes Spiel.“
Ihre Augen geschlossen, leckte sie über ihre Lippen, glitt mit den Fingern ihrer Rechten über ihre blickdichte Strumpfhose, schob mit der Linken den Saum ihres Faltenrocks an ihren Bauch, befingerte ihren Schritt und schmachtete: „Die ganze Nacht haben wir durchgevögelt.“
Herbert zog seinen Kopf zurück. Langsam kannte er sie, aber dass sie es ihm direkt an den Schädel warf, entsetzte sogar ihn.
Sie schlug gegen seine Schläfe. „Quatsch. Gearbeitet habe ich. Ich habe mir die ganze Nacht Gedanken über den Fall gemacht.“
Er schluckte. Mit dieser Lüge stellte er sie erneut in die Gruppe derer, die ihm ans Leder wollten. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Und?“
„Was und?“
„Was hast du ergründet? Welche Erkenntnis hast du erlangt? Was empfangen?“ Er starrte auf ihren Schritt, konnte die Spitze nicht lassen. „Was mitgenommen?“
Monika zerrte den Saum ihres Rockes über ihre Knie, als hätte sie seine Anspielung bemerkt. „Ungereimtheiten?“ Sie wandte ihr Gesicht, wie ein ertapptes Schulmädchen, von ihm ab. „Ich bin gerade auf dem Weg ins Büro. Will die Akten nochmals durchgehen, dann …“ Sie umfasste das Lenkrad. „Du?“
„Wie ich?“
„Soll ich dich mitnehmen oder gehst du die letzten Meter zu Fuß?“
„Dann?“
Sie spitzte zuerst ihre Lippen, dann wandte sie sich wie ein Aal und flüsterte: „Zum Tatort.“
Er hatte zwar einen Termin mit Maxima, jedoch kannte sie ihn, wusste, dass er meist zu spät aufschlug. Und ob er einen großen oder sehr großen Anschiss sich abholte, war ihm egal. Jedenfalls für ihn allemal hinnehmbarer, als dass Monika allein am Tatort herumschnüffelte. Vielleicht dort irgendetwas platzierte, was ihn noch mehr belastete.
„Ich komme mit.“
„Du bist beurlaubt.“
Herbert öffnete seine Jacke, klopfte auf das Halfter seiner Dienstwaffe und zischte: „Nicht suspendiert.“
Noch nicht, dachte er sich. Er schmunzelte. Es erschien ihm, dass er seine Waffe meistens nur an den Tagen trug, an denen er sie abgeben musste. Für ihn war es sowieso lächerlich, warum er überhaupt eine Waffe besaß. Als ob ein Schreibtischtäter wie er irgendwann mal in die Verlegenheit kam diese, mit Ausnahme auf dem Schießstand, zu benutzen. Er hasste Waffen, war der Auffassung, dass diese eher zum Wettrüsten beitrugen, als Schutz zu geben. Vorschrift war Vorschrift. Wer kontrollierte seine ungeladene Waffe? Er besaß viel zu viel Angst. Ein Schuss könnte sich ungewollt lösen und zu allem Verdruss jemand treffen oder gar schlimmer, ihn selbst verletzen.
„Fahr los aber zack.“
In der nächsten Sekunde bereute er sein letztes Wort.

Erst nachdem er kein Reifenquietschen, kein Motorengeräusch, mehr vernahm, wagte er, seine Augen zu öffnen. Er konzentrierte sich auf seinen Magen, bis dieser ihm signalisierte, dass jener wieder im Normalmodus lief.
Er atmete tief durch und gurgelte. „Was willst du am Tatort?“
Monika verschränkte ihre Arme. „Was wissen wir von dieser Gruber? Sagst du nicht, dass das Opfer zum Täter führt.“
Herbert konnte sich zwar nicht entsinnen, ob er dieses Monika erzählt hatte, jedoch gehörte es zu seiner Strategie, einen Täter zu überführen. Erstrecht in den Fällen in dem der Täter nicht bekannt war. Das Opfer sowie ein Motiv brachten ihn zumindest dem Täter näher.
„Das Haus haben wir bereits auf den Kopf gestellt, dort ist nichts. Es wäre eher angebracht, ihre Wohnung am Aegi unter die Lupe zu nehmen.“
„Sind die Kollegen dran. Was machte sie hier?“
„Wir wissen nicht einmal, ob sie hier überhaupt wohnte“, gab er zu bedenken.
„Gewohnt hat.“
„Witzig.“
Monika schmunzelte. „Es ist das Haus ihres Mannes.“
„Das weißt du?“
„Ich war nicht untätig. Die Frage ist, was sie hier gemacht hat?“
„Nachdem, was wir vorgefunden haben wohl eindeutig.“
Ihre Augenbrauen zusammengezogen, legte sie ihre Hand auf sein Knie. „Herbert. Wenn ich“, sie räusperte sich, „Prostituierte wäre, würde ich in einer spießigen Reihenhaussiedlung meinem Gewerbe nachgehen? Da haben die Wände Ohren.“

Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. Er musste ihr recht geben. Wenn er sich vorstellte, Magda würde für Geld ihre Beine spreizten, dann wüssten seine Nachbarn dieses, bevor er es erfuhr.
„Was hast du vor?“
Sie wandte ihren Kopf. „Einen Rundgang in der Nachbarschaft.“
„Haben die Kollegen von der Streife bestimmt schon erledigt.“
„Haben sie.“
„Also.“
„Wonach haben sie gefragt?“
Die Frage beantworte sich für ihn von selbst. Sie hatten sich nur danach erkundigt, ob den Nachbarn am Tattag etwas aufgefallen war, ob sie etwas gesehen oder gehört hätten.

Monika griff nach hinten, holte eine von ihren Papiertüten hervor und stellte diese auf seinen Schoß ab. Dann zog sie sich ihren Rollkragenpullover, ihr T-Shirt und zuletzt ihr Unterhemd über ihren Kopf, bis sie mit blankem Oberkörper neben ihm saß. Während ihre prallen Brüste ihn entzückten, er sich über ihre Verhalten wunderte, gleichzeitig hoffte, dass niemand sie entdeckte, fischte sie ein mit Spitze besetzten Büstenhalter aus der Tüte heraus. Sie legte diesen sich um, als wäre es das Normalste von der Welt, derartige Kleidungsstücke in einem Kraftfahrzeug, zudem im Winter, sich umzulegen.
Nachdem sie ihre Brüste gerichtet hatte, entnahm sie ein leichtes, durchscheinendes Seidentop und schlüpfte aus ihren Turnschuhen. Sodann streifte sie sich das Top über, ergriff ein paar Pumps, stellte diese auf den Boden und steckte ihre zarten Füße hinein. Sprachlos, den Sinn ihres Unterfangens zu ergründen, starrte er sie an. Sich zu ihm hinüberlehnend entnahm sie ihrem Handschuhfach einen Lippenstift, bemalte anmutig, ausgiebig, als wollte sie zu einem Rendezvous, ihre Lippen, warf jenen sodann auf die Mittelkonsole.
Sie griff erneut hinter sich und brachte eine Lederjacke sowie eine Handtasche zum Vorschein und legte diese Sachen auf seinen Schoß. Nachdem sie ihren Pferdeschwanz gelöst, ihre Haare aufgeschüttelt hatte, schnappte sie sich die Jacke, die Tasche und stieg aus.

Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. Monika war anders, anders als alle Frauen, die er jemals begehrt hatte. Dies tat er. Er gestand sich ein, dass er ihr verfallen war, dabei spielte sie mit ihm. Anders konnte er ihr Verhalten ihm gegenüber nicht erklären. Sie spann ihn ein, vernebelte seinen Verstand.
Monika zog sich die Jacke über, welche gerade mal ihre Taille berührte, legte den Riemen ihrer Handtasche über ihre Schulter und beugte sich herab, bis er vermochte, ihr in ihren Ausschnitt zu blicken.
„Willst du in meiner Karre übernachten?“
Er stieg aus.
Sie deutete auf die Reihenhauszeile, in der sich das Haus der Gruber befand. „Ich horche mich hier um und du nimmst dir die zweite Reihe vor.“
Er runzelte seine Stirn. „Wer ist der Chef?“
„Du bist beurlaubt.“
Sie verriegelte ihren BMW, richtete nochmals ihr Dekolleté und flanierte wie eine Bordsteinschwalbe, welche ihren Dienst antrat, auf die Häuser zu.

Herbert stand vor der dritten Eingangstür. Seinen Dienstausweis parat, drückte er auf den Taster der Türklingel und erwartete von den Bewohnern die gleiche lapidare Antwort, wie von denen zuvor. Sie hätten nichts gesehen, den Kollegen alles erzählt.
Eine Dame, er schätzte sie eine Dekade älter, als er es selbst war, öffnete.
„Kriminaloberrat Herbert Tamban“, stellte er sich vor, hielt dabei seinen Dienstausweis der Frau unter die Nase, „ich hätte ein paar Fragen“, er wandte sich um und erkannte die Forte, durch die er am ersten Weihnachtstag geschritten war, „zum Einbruch bei der Frau Gruber“, er lehnte sich zurück, erfasste nochmals den Klingelknopf, „Frau Huth.“
Sie verdeckte ihren Mund. „Ach wie schrecklich, habe ich schon gehört. Hoffentlich ist Frau Gruber wohlauf, wenn ich mich vorstelle bei mir, oh-Gott-oh- Gott. Kommen Sie herein. Sie holen sich noch den Tod sie armer in ihrer dünnen Jacke. Haben Sie keinen Mantel.“
Herbert setzte seinen Fuß ins Haus.
„Aber bitte Schuhe aus. Ich habe gerade frisch gewischt und gebohnert.“
Das Bukett der Parkettwichse drang in seine Nase und erinnerte ihn sogleich an das Haus seiner Großeltern. Seine Großmutter pflegte, samstäglich die Treppen sowie die Dielen zu bohnern. Seitdem hatte er diesen Geruch nicht mehr wahrgenommen. Daher revidierte er das von ihm geschätzte alter der Dame, schlug zwanzig Jahre drauf und zog, wie verlangt seine Schuhe aus. Woraufhin Frau Huth ihm ein Paar Filzpantoffel reichte, in die er schlüpfte, während sie gleich einer Putzfrau, deren Kollegin zwei Geschosse höher reinigte, zurief, dass sie Bohnerwachs benötigte: „Hilmer wir haben Besuch.“



Akt mit Grüner Tee

Als Herbert das Wohnzimmer betrat, traf ihn zweimal der Schlag. Der Erste betraf den Einrichtungsstil. Seit Langem hatte er kein Wohnzimmer mehr betreten, welches im Neckermann-Barock eingerichtet, dessen Besucher quälte. Alles war vorhanden: Fransensofa. Olivgrün, samt zwei dazu gehörende Sessel. Schrankwand. Eiche-Rustikal, mit Ornamenten, welche eher einem antiken Theater zustanden. Der obligatorische röhrende Hirsch über dem Sofa an der Wand, die mit einer Textiltapete beklebt war, rundete das Ensemble ab. Zu allem Überfluss klebten an der Decke Holzkassetten, gleichfalls wie der Schrank aus Eiche-Rustikal, und verliehen dem Ambiente einen grausigen Schick, der eher zu einer Geisterbahn passte, als zu einem Wohnzimmer. Zumindest gesellte sich das Interieur zum Bohnerwachs.
Jedoch was ihm einen härteren Schlag als dieses für ihn abschreckende Beispiele von gutem Geschmack, verpasste, war die in sich zusammengesunkene Gestalt, die ihren hageren Körper in einen Hausmantel versteckte.
Herbert hätte bereits bei seinem Namen hellhörig werden müssen. Nein, zusammen hätte er fahren müssen. Es gab Namen im Leben eines Menschen, welche sich einprägten, für immer sich fest verwurzelten.
In jenem Moment als er den Alten von Angesicht zu Angesicht stand, kamen all die Qualen, die Herbert unter ihm erlitten hatte, wieder zum Vorschein und er mutierte zum Pennäler. Denn niemand anders als sein Lateinpauker saß im Sessel.
„Der Herr von der Polizei möchte wissen, ob wir am Heiligen Abend etwas von dem Einbruch bei der Frau Gruber mitbekommen haben. Dabei hatte ich seinen Kollegen schon gesagt, dass wir bei den Enkelkindern waren. Kaffee Herr Polizist?“
„Tee“, erklangen aus dem Mund des Alten.
An Huth schien die Zeit, zumindest am Geist, unverzerrt vorangeschritten zu sein. Denn wie er dieses eine Wort betonte, verlieh Herberts Gehirnwindungen eine Aktivität, welche er selten bei sich vernahm. Kasus, Numerus sowie Genus umschlangen das Wort Tee, bis sein Gehirn brannte. Er zitterte. Wie zur Schulzeit den Mund geöffnet, starrte er seinen Lehrer an, um irgendetwas, was ihm bekannt war, heraus zu plappern. „Kriminaloberrat Herbert Tamban.“
„Die arme Frau Gruber, Hauptsache ihr geht es gut. So eine nette, höfliche Frau. Schwarz oder Grün Herr Oberpolizist?“
„Grün“, antworte Herr Huth für Herbert.
„Dann setze ich Mal Wasser auf“, gab Frau Huth zum Besten, trollte sich aus dem Wohnzimmer, während der Herr des Hauses aufstand und seine Konversation vorsetzte. „Komm!“
Herberts Körper bebte, wobei seine Neuronen ihm Ablativ, Befehlsform, zweite Person zuriefen, flugs sein Intellekt ihm verriet, dass Huth gleichsam, wie er diesen, ihn wiedererkannte.
„Geh vor! Treppe hoch bis zum Ende.“
Während Huth an ihm vorbeischlich, murmelte er: „Bulle bist du geworden. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Schade.“

Wenngleich Herberts Zwischenhirn von ihm verlangte, die Flucht anzutreten, folgte er wie ein eingeschüchterter Schuljunge den Befehl. Er eilte ins Treppenhaus, erklomm die Stufen. Ölgemälde an den Wänden begrüßten ihn. Gemälde auf denen antiken Landschaften oder Bergpanoramas verewigt waren. Ihre Perfektion, ihre Detailtreue hätte sicherlich jeden unwissenden Betrachter in ihren Bann geschlagen, jedoch für ihn waren sie, wie das Wohnzimmer, seelenlos.
Diese Pedanterie zeigte im sogleich auf, wer der Schöpfer der Werke war. Denn nicht allein im Lateinunterricht quälte ihn damals Huth, sondern zu seinem Verdruss in der Lehre der Kunst.
Herbert hatte ihn nie als Kunstlehrer genossen, die Vorstellung wie er ihm sogar die Note in diesem Fach versemmelt hätte, ein Graus für ihn. Dennoch hatte Huth ihn unter seine Fittiche genommen, ihm im Begabtenkurs die Segnungen der passenden Perspektive, der Farbenlehre sowie des rechten Pinselstrichs eingetrichtert. Seelenlos, technisch.
In seiner Wut stieß Herbert die letzte obere Tür auf und fiel, obwohl er den Dachboden gar nicht betreten hatte, von seinem Glauben ab. Als betrete er das Labor von Dr. Hyde empfing ihn eine andere Welt. Einzig mit dem Unterschied, dass er nicht erschrak, nicht die Abgründe einer kranken Seele erblickte, ganz im Gegenteil. All die Düsternis, Tristes des Hauses verschwand für ihn in einen Hort des Lichtes.
Die Farbenpracht einer an der ihm gegenüberliegenden Giebelseite stehenden, mannshohen Leinwand zeigte ihm die Schaffenskraft, eines sich die Seele herauftreibenden Künstlers. Das Licht der Sonne fiel durch ein die gesamte Dachfläche überspannendes Atelierfenster auf eine Staffelei, auf dem ein unfertiges Gemälde ruhte. Auf seinen Meister wartete.
Er ging zu ihm, betrachtete es. Ein Akt, welcher nicht allein die Anmut, die Eleganz des Models darbot, sondern gleichfalls die Sehnsüchte, das Herz seines Betrachters mitnahm. Ein Werk, welches dem genialen Strich der Zeichnung Liegender Akt mit Draperie von Gustav Klimt nahe stand, gar gepaart mit der Farbigkeit von Dali, diese übertrumpfte.
„Erregt es dich?“
Herbert fuhr herum, blickte ins Gesicht von Huth, der ihn angrinste.
Er hatte nie den Alten grinsen, gar lachen gesehen, war immer der Ansicht gewesen, dass Humor ein Wesenszug war, den dieser Pauker nicht besaß. „Die Farben, die Lebendigkeit, als würde sie gleich …“
Huth trat näher an ihn heran, legte seinen Arm um Herberts Schultern und flüsterte: „Einen Orgasmus haben. Darum geht es jedoch nicht, sondern um ihre Anmut, wie sie in ihrer Lust versunken, die Welt um sich herum vergisst, mit sich selbst im Reinen ist.“
„Es ist noch nicht fertig.“
Huth streckte seinen Arm aus, hielt seine zitternde Hand an Herbert Gesicht. „Deswegen bist du hier in meinem Reich. Das Schicksal hat dich zu mir geführt.“
Herbert war es sofort bewusst, dass seinem alten Lehrer dies widerfahren war, was eine Vielzahl von großen Malern widerfuhr. Er konnte den Pinsel nicht mehr führen. Deshalb die riesige Leinwand an der Giebelwand. Deshalb die groben Striche, wie mit einem Quast gezogenen.
„Wer ist sie?“
Huth zuckte mit seinen Schultern. „Keine Ahnung.“
„Sie wissen nicht, wen sie gemalt haben?“
„Eine von vielen.“
„Eine?“
Huth wandte sich um, starrte aus dem zweiten Atelierfenster, das gleichfalls wie das erste fast die gesamte Dachfläche ausfüllte. Herbert folgte seinem Blick, und was er sah, verblüffte ihn. Er erblickte das Reihenhaus der Gruber und vermochte, restlos den Garten einzusehen.
Bevor er erfasste, was er dachte, hörte er Huths Stimme.
„Studentinnen wie man munkelt. Ich kümmre mich nicht um das Gelaber der Nachbarn.“
„Studentinnen?“
„Die Gruber hat ihr Haus an Studentinnen vermietet. Hübsche Dinger. Wenn die Tage länger wurden, sonnten sie sich, wie der Herr sie geschaffen hatte im Garten.“
„Und ..?“
„Auch dieses. Außer mir kann niemand in den Garten schauen. Vielleicht genossen sie es, wenn ich sie beobachtete.“
„Sie sprechen in der Vergangenheit.“
„Seit knapp einem Jahr sind sie verschwunden.“
„Seitdem wohnte die Frau Gruber allein?“
„Ob sie in ihrem Haus wohnte, möchte ich nicht beschwören, jedoch eine Frau wohnte“, Huth streckte seinen faltigen, mageren Hals bis seine Nase fast das Glas des Atelierfensters berührte, „zumindest zeitweise dort.“ Er wandte sich Herbert zu. „Gesonnt hat sie sich nicht.“
Herberts Neugier wuchs. „Wie sah sie aus?“
„Normal. Keine Charakterzüge. Nichts, was mich inspirierte. Warte.“ Er schlich zur Ateliertür, wandte sich nach rechts und mit einem Stöhnen, welches einem Bullen beim Akt nahe stand, kniete er sich nieder.

Herbert gesellte sich zu seinem Lehrmeister und erkannte, obwohl die Kohlestriche mehr als grob waren das Geschöpf, die Gestalt. Ein nacktes Wesen, stützte sich auf einer Fensterbank ab, starrte ihn an. All die Schmach, welche er von jenem erfahren hatte, quoll mit Macht in ihm herauf. Welch Geschlecht es besaß, ließ sich für den Betrachter nicht ergründen. Ihr kurzes Haar, ihr einerseits kantiges, anderseits liebliches Gesicht gaukelten dem Publikum einen Jüngling sowie eine Frau vor, obwohl jener die Bögen auf ihrem Oberkörper es eher hin zum Weibe wähnte. Jedoch konnte dieses gleichfalls dem Geiste des Malers entsprungen sein, denn einer Pracht entsprachen diese Rundungen nicht. Huth bezeichnete es als keine Charakterzüge, Malte dieses Arrangement als keinen Hingucker. Wieder mal vereinten sich für Herbert Baumständer und Florence zu ein und derselben Person.
Huth zog sich an Herberts Schulter herauf und stöhnte eher, als dass er es sprach: „Quid pro quo.“
Herbert richtete sich auf. „Wie meinen Sie dies?“
„Wie ich es sage.“ Huth zog seine Oberlippe herauf und zischte. Ob seine Aktion eine Anspielung auf Antony Hopkin alias Hannibal Lecter war, oder der Schmerz eher aus seinen Gebeinen kam, spielte für Herbert keine Rolle. „Ich habe etwas, nachdem du verlangst, und ich will dafür eine Gegenleistung. Meine Knochen, meine Muskeln sind alt, jedoch“, er tippte sich an seine Schläfe, „mein Geist ist scharf.“ Er schmunzelte. „Einbruch? Das Polizeiaufgebot, Absperrungen und zu allem Überfluss erscheint ein Kriminaloberrat, um sich in der Nachbarschaft umzuhören.“ Huth schnüffelte wie ein Hund, welcher eine Fährte aufnahm. „Das riecht nach Mord.“

Herbert starrte ihn an. „Was wissen Sie?“
„Was hast du zu bieten?“
Herbert zwirbelte seinen Schnauzer.
Huth zuckte mit seinen Schultern. „Sie lügt.“
„Wer?“
„Meine Holde. Sie war nicht bei den Enkelkindern, sind nicht einmal die ihrigen. Sie hatte ihre Migräne.“
„Ich verstehe Sie nicht?“
„Ich habe nichts dagegen, wenn es sie zu anderen Männern hinzieht. Sie ist fast dreißig Jahre jünger. Schau nicht so verdutzt, komm in mein Alter. Es gibt einen Zeitpunkt im Leben eines Mannes, da bringt das Pinkeln mehr Freude.“ Er drohte. „Jedoch, wenn ich eins hasse, dies ist dir bekannt, dann sind das Lügen. Meine Augen, meine Ohren sind die eines Jünglings. Ich höre sie nachts, wenn sie in ihrem Schlafzimmer ihren Gelüsten nachgeht. Jedoch“, seine zitternde Hand wies auf die Ateliertür, „nie sah ich einen Mann ihr Schlafzimmer betreten oder verlassen.“
„Soll ich etwa Beamte abstellen, die ihr Haus observieren?“
„Rede keinen Schwachsinn. Ans Leder will sich mir, mich ins Grab bringen, das Letzte nehmen, was mir verblieben ist.“ Er wandte seinen Kopf und grummelte: „Die Kunst, die sie als obszön bezeichnet“, dabei griff er in eine Manteltasche, zog einen Flakon aus dieser. „Überprüfe, was sie mir gibt.“
Herbert zuckte zurück.
„Du zauderst? Willst du mich etwa in Beugehaft nehmen? Mich alten Mann. Vergiss es. Mache dich lieber an die Arbeit, dann erhältst du deinen Lohn.“
„Warum ..?“
„Bitte. Ich bin Gentleman. Nie käme ich auf den Gedanken, einer Dame bei ihrer Lust zu stören. Los, ab mit dir.“



Gerührt und nicht geschüttelt

Mit jedem Schritt, mit jedem Meter, den Herbert zwischen sich und dem Haus von Huth entschwand, wisch der Schock aus seinen Gliedern.
Als er an Monikas BMW ankam, stand diese ihre Arme vor ihrer Brust verschränkt an jenem und starrte, derart machte es für ihn den Anschein, gelangweilt zum Himmel hinauf. Nach seiner Annahme hielt sie sich dort schon länger auf, denn sie hatte sich bereits umgezogen. Dadurch wirkte sie auf ihn nicht mehr wie eine Bordsteinschwalbe. Ein Zustand, welcher ihn erleichterte.

Monika blies eine Strähne von ihrer Stirn. „Kaffeetrinken gewesen?“
Die Wörter Tee und grün tummelten sich bereits auf seiner Zunge, da entschloss er sich, diese herunterzuspülen. Denn er hatte weder jenes Getränk genossen, noch wollte er sich verplappern. Eine Gegenfrage somit für ihn das beste Mittel, um erst gar nicht in die Defensive zu geraten. „Irgendetwas Brauchbares herausgefunden?“
„Steig ein!“
Nachdem Monika sich auf den Fahrersitz gesessen hatte, stieg Herbert zu ihr in den Wagen. „Und?“
„Die Gruber hat ihr Haus an Studentinnen vermietet“, teilte sie ihm mit, wobei sie das Wort Studentinnen in einer Weise betonte, als wären diese Außerirdische.
Herbert zeigte ihr einen Vogel. „Studentinnen die sich in heißen Dessous rekeln?“
Denn diese hatten sie am Tatort in einem der Schlafzimmer in einem Kleiderschrank vorgefunden. Vorgefunden war eher untertrieben. Monika hatte sie ihm vorgeführt. Noch in der Nacht, es war die Heilige Nacht, nachdem er diese Christ Baum-Ständer verhört, sie ihm einen geblasen hatte, inspizierte er mit Monika das Haus der Gruber.

Zwei Schlafzimmer erkundeten sie im Obergeschoss. Das eine penibel gereinigt. Der Kleiderschrank gefüllt mit neuer sehr eleganter, dieses im wahrsten Sinn des Wortes, Frauengarderobe.
Magda war, wie sie sich selbst titulierte Rocktyp. Sie sagte ihm immer, solang sie ihre Beine zeigen könnte, würde sie dieses tun. Allerdings schlüpfte auch sie, wie jede Frau, in Hosen, zog sich diese über, wenn der Anlass es ihr gebot, oder sie einfach dazu Lust hatte. Jedoch, jenes verwunderte ihn, fand er außer Unterhosen, sogar diese waren ungebraucht, neu, keine einzige Hose vor. Entweder war die Dame, welche das Zimmer bewohnt, exzentrisch, verschwenderisch, oder jemand anderes hatte die Sachen in den Schrank verwahrt.
Ein Mann. Ein Mann wie er, der keinerlei Ahnung hatte, was eine Frau begehrte, ohne zu zögern, irgendetwas erwarb, dass seine Erwartung entsprach. War dieses eine Frau in Schlabberlook? Gut, er hätte etwas mit Pfiff gewählt, aber über Geschmack ließ sich vortrefflich streiten.
Eine Person hatte er bereits im Blick. Von Stetten. Piefig, miefig, bieder. Allein der Beweis fällte ihn, dass dieser es war.
Das zweite Zimmer stand im Kontrast zum Ersten. Dieses bezog sich nicht allein auf den Inhalt der Kleiderschränke.
Das ganze Interieur erinnerte ihn eher an ein Bordellzimmer, als an eine Stätte, in welcher Frau allein ihre Nachtruhe genoss.
Dass diese angeblichen Studentinnen, obwohl diese, wie Huth im erzählt hatte, eher freizügig waren, der Prostitution in diesem Haus nachgingen, schloss er bereits aus. Es blieb eine andere Option.

„Pornos.“
Er zwirbelte seinen Schnauzer. Die Synchronisation ihrer Gedanken verblüfften ihn. „Bitte?“
„Pornos“, wiederholte Monika.
„Ohne Männer.“
„Herbert?“
Die abfällige Tonlage, wie sie seinen Namen aussprach, erzürnten ihn. Als hätte er keinen Schimmer davon, dass auch Frauen miteinander Sex hatten. Ganz im Gegenteil. Wenn er sich derartig Streifen ansah, dieses natürlich nur dienstlich, dann lieber jene ohne Männer. Männer, zumindest in diesen Filmen, andere Vergleiche besaß er nicht, unterwarfen die Frauen, machten sie zu Sexsklavinnen. Er hatte sogar den Eindruck, als vergewaltigten jene diese. Bloß welche Frau gab sich dieser Gewalt freiwillig hin.
Wenn er manchmal einen seiner Geschlechtsgenossen zuhörte, dann hätte er davon ausgehen können, jede. Er kannte keine. Bei diesem Gedanken sah er Monika an, erinnerte sich daran, wie sie mit Mike schlief und grübelte darüber nach, ob er sich irrte.
Ein für ihn abscheuliche Sichtweise keimte in ihn auf, welchen er ohne Beweis angewidert verwarf.

Monikas Stimme riss ihn aus seiner Trübsal.
„Er hat mir aber gesagt, dass seit einem halben Jahr nur eine Frau bei der Gruber wohnte.“
„Wer er?“
„Hörst du mir nicht zu?“
Herbert war dermaßen in seinen Gedanken versunken, dass er nichts von dem vernahm, was sie gesagt hatte. Er versuchte, seine Unaufmerksamkeit herunterzuspielen.
„Ich hatte den Namen nicht verstanden.“
„Rafael.“
„Rafael?“
„Rafael Rangel Ruelas, der Nachbar der Gruber. Du erinnertest dich, wir wollten die Nachbarn befragen …“
„Ich bin nicht senil. Ich hatte den Namen bloß nicht verstanden“, log er. „Was hast du in Erfahrung gebracht?“
„Sonnengebräunt, muskulös, Sixpack.“
Er runzelte seine Stirn. „Die Mitbewohnerin von der Gruber hatte einen Sixpack. War sie Bodybuilderin?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Hast du gerade gesagt.“
„Nicht sie.“ Monika schmunzelte und verdrehte ihre Augen. „Rafael.“
Frauen, dachte sich Herbert, kaum sahen diese so eine, er grübelte, wie Magda es nannte Sahneschnitte, dann verloren sie ihren Verstand.
Herbert schlug auf seinen Oberschenkel, dachte dabei an die Zeichnung, die Huth angefertigt hatte und grummelte: „Die Mitbewohnerin?“
„Sekretärin, wie er mir sagte.“
„Genauer?“
„Anlageberatung.“

Beim Wort Anlageberatung, dachte Herbert sofort an Versicherungen und im gleichen Zusammenhang an Felicitas Wolff. Er erinnerte sich an das für ihn peinliche Vergnügen, welches er mit dieser Wolff hatte. Wenngleich nicht das Treffen mit ihr ihn in Pein versank, sondern, dass er ihr erdbeerfarbenes Bandeaukleid getragen hatte. Dabei ging er, nachdem er alle Indizien sortiert hatte, davon aus, dass sie eine Hochstaplerin war. Eine Frau, die von Stetten auf ihn angesetzt hatte, um ihn, damit seine Ermittlung, auf eine falsche Fährte zu locken.
Diese Wolff berichtete ihm, dass sie bei der Gruber gewohnt hätte, aus beruflichem Grunde verzogen war. Ihren Wunsch unbedingt Weihnachten ihre Kleider aus dem Haus zu holen, fand er damals bereits zweifelhaft. An einen Satz der Wolff erinnerte er sich genau: Frau Gruber wollte mich mit Herrn Schuster bekannt machen. Ich suche immer gute Mitarbeiter.
Er zwirbelte seinen Schnauzer. Bestand die Möglichkeit? Am Anfang der Ermittlung kam er kurzzeitig schon einmal auf diese abstruse Idee. Denn sie fanden keine Männerklamotten in diesem Haus und der Schuster war nackt.
Es war für ihn derartig abwegig, dass es bereits wieder plausibel war. Versicherung arbeiteten mit Geld. Für Herbert waren es Ganoven, daher amüsierte ihn seine Theorie.

Die Wolff war aufgestiegen. Sie hatte nach seiner Ansicht sicher Information, die sie nutzen, zu Baren machen konnte. Dazu hatte sie Kontakte, Beziehung und konnte ohne Problem einen neuen Mitarbeiter getarnt einschleusen. Mit einer Tarnung, die niemand mit ihm in Verbindung brachte. Deswegen fand er mit Monika diesen biedern Look vor. Herbert ging davon aus, dass der Schuster seine Freizeit nicht gekleidet in Businesskleid und Highheels verbringen wollte.
Jedoch und dies passte nicht in seine Annahme, warum hatte der Mörder die Gruber im Genitalbereich, im Gesicht entstellt sowie ihre Brüste verstümmelt, wenn er oder sie den Schuster als Opfer auserkoren hatten. Verwechslung? Dachten sie, die Gruber wäre die Wolff. Was ihn am meisten bei dieser Theorie wurmte, war, was der von Stetten nicht damit zu schaffen hatten.

Herbert wandte sich erneut Monika zu. „In welcher Beziehung stand der Ruelas zu ihr?“
Die Frage stellte er nicht ohne Grund. Die Baum-Ständer für ihn gleichsam Florence erzählte ihm beim Verhör eine wirre Geschichte, die gepaart mit seinen neuen Erkenntnissen einen Sinn bekam. Sie erzählte ihm, dass die Gruber, von der ging er zuvor aus, obwohl es die Wolff war, ein Verhältnis mit einem Osteuropäer, derart titulierte sie den Mann, gehabt hätte. Latino, Osteuropäer ein Wink, den sie an ihn wandte?
Ob die Wolff einen Ehemann hatte, hatte er nicht überprüft, jedoch möglich.
„Rangel Ruelas. Zu wem?“
„Zur Untermieterin der Gruber.“
Monika griente. „Soweit er mir sagte, hätte er sie ein paar Mal gesehen, einen Cocktail mit ihr geschlürft. Seine Frau würde sie besser kennen, sagte er mir.“
„Was hat sie gesagt?“
„Keinen Schimmer.“
„Wieso?“
„War nicht da. Sie ist beim Enkelkind.“ Sie zwinkerte. „Sie ist in den letzten Monaten häufiger bei ihrer Tochter, beim Enkel, als zu Hause.“
Herbert spürte, dass Monika und er wieder einmal auf der gleichen Wellenlänge schwammen.
„Er und seine Gattin verbrachten den Heiligen Abend bei den Kindern und sie musste am Abend kurz mal weg“, spekulierte Herbert.
„Woher?“
„Intuition.“
„Der Enkel ist krank, daher holte sie Sachen zum Wechseln. Rafael ist heute Morgen nach Hause gekommen. Sie wollte noch bleiben.“
„Ist ihm irgendetwas aufgefallen?“
Monika zog ihre Augenbrauen herauf. „Wem?“
„Rafael.“
„Bevor sie am Heiligen Abend mittags aufbrachen stand ein untersetzter, bierbauchiger Mann vor der Tür der Gruber.“
„Mit einem Einkaufskorb.“
Sie flechte mit den Zähnen. „War ich oder warst du bei Rafael?“
„Gans, Kastanien und Rotkohl.“
Diese Gegenstände fanden sie in der Küche der Gruber vor.
„Hast du ihn vorgeladen?“
„Wen?“
„Monika, den Ruelas.“
„Rangel Ruelas. Klaro.“
„Wann kommt er ins Dezernat?“
„Gar nicht.“
„Wie gar nicht?“
„Er kennt eine Cocktailbar in der, wie er meint, der besten Latin-Lover der Stadt serviert wird.“
Herbert verdrehte seine Augen und zischte: „Monika.“



Blutiges Festmahl

Monikas Wagen hatte er unweit des Dezernates verlassen. Niemand sollte sie zusammen sehen, wenn er seinen Weg schritt. Seinen Gang nach Canossa antrat. Wenngleich er diesmal nicht mit gesenktem Haupt Maxima entgegenschritt, sondern mit erhobenem ihr in die Augen schauen wollte. Denn eine Suspendierung kam ihm dieses Mal entgegen, um aus dem Hinterhalt seine Feinde zu erlegen.

Das war seine Absicht, als er sein Heim verließ, bevor er mit Huth gesprochen und Monika ihm berichtet hatte. Sein ihm eigener Narzissmus hatte ihm diesmal ein Bein gestellt. Sicher, von Stetten wollte ihm ans Selbe pinkeln, allerdings war dieser nur Trittbrettfahrer. Dabei hatte er mit seiner Genialität den Fall gelöst.
Florence war Polizistin und nicht nur dies. Sie führte ein Doppelleben. In ihrer Freizeit legte sie sich zwar nicht zu fremden Männer, jedoch präsentierte sie sich vor einer Kamera. Nicht sie sah er auf den Film, den Dirk am Schokoladenbraunen gedreht hatte, sondern Monika. Ihr Beinkleid bewies ihm dieses. Ihre abfällige Bemerkung bezüglich des Kostüms, des Weihnachtsfraukostüms, des roten Kleides, brachte ihn zuvor auf die falsche Fährte.
Sie hatte sich nicht umgezogen, zumindest nicht des Kleides entledigt. Bloß ihre Strumpfhose gewechselt. Gegebenenfalls in die Hautfarbene eine Laufmasche gerissen, eine andere sich übergestreift? Die Weiße, die sie später trug, die sie vor seinen Augen über ihre Beine geschoben, die von Stetten, Lothar und ihm präsentiert hatte.
Florence zog sich um. Nachdem sie, wie Malte es nannte, ihren Arschwackeltanz vorgeführt, nachdem sie von ihm sein Weihnachtsmannkostüm erhalten hatte.
Malte war Herberts Schwager, genauer Schwippschwager, der Ex-Mann von Magdas Schwester, obwohl sie nur eine Busenfreundin von Magda war. Außerdem war Malte gleichfalls wie er Polizist, Streifenbeamter und Leiter des Reviers in dem Herbert die Baum-Ständer, Florence verhört hatte. Diese war es, dem war er sich sicher, die er in dem rosa Rock sowie der weißen Blusen auf Malte Video gesehen hatte.
In dem Rock, in der Bluse, die er blutbefleckt unter dem Hocker am Tatort gefunden hatte. Getötet hatte sie niemanden. Sie betrat den Tatort erst, nachdem alles Geschehen war.

Florence betrat das Haus, zog sich ihre weißen Stiefel aus. Die Stiefel, die er hinter der Haustür vorfand. Sie ging ins Wohnzimmer, dabei sich das Weihnachtsmannkostüm abstreifend, welches sie als Mantel trug. Sie schritt zum Sofa. Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. Warum? Es zog. Die Terrassentür stand offen. Sie entdeckte die Leichen, erschreckt, wollte feststellen, ob sie noch am Leben waren. Dabei besudelte sie ihren Rock, ihre Bluse. Angewidert entkleidete sie sich. Ihre Kollegen erscheinen. Nein. Dieses konnte sie verweilend im Wohnzimmer nicht wissen. Sie hört Geräusche an der Haustür. Unbekleidet wie sie war, streift sie sich Maltes Kostüms über, findet den Bart die falschen weißen Augenbrauen in einer Manteltasche, klebt sich dieses ans Gesicht.
Der Rest war für Herbert aktenkundig, obwohl es keine offizielle Akte gab. Denn niemand glaubte ihm, dass jener Weihnachtsmann, den er verhört hatte, eine Frau war. Außer.

Er schlug sich an seine Stirn. Monika. Wer hatte ihm die Sorokin untergejubelt? Monika.
Herbert betrat das Gebäude. Niemand kam ihm entgegen.
Niemand wusste irgendetwas. Außer Monika. Sie hatte Florence sofort wiedererkannt. Monikas Geständnis ihm gegenüber, dass sie Florence, sie nannte sie zwar nicht beim Namen, den Hinterausgang in Dirks Büro, der in den Hausflur führte, gezeigte hatte, bewies ihm jenes.
Sie hatte Florence das Kleid gegeben, welches Monika bei der Weihnachtsfeier getragen, in den Kofferraum ihres BMW verwahrt hatte. Denn weder in Unterwäsche noch im Weihnachtsmannkostüm konnte Florence fliehen. Das Kostüm verlangte er von ihr als Beweismittel.
Warum floh sie nicht sofort? Er zwirbelte seinen Schnauzer, während er zu den Aufzügen ging.
Florence kramte in Dirks Schreibtisch, als er erneut dessen Büro betrat. Ihm hatte sie gesagt, dass sie nach einer Nagelfeile gesucht hätte. Dem war nicht. Den Haustürschlüssel suchte sie und fand diesen. Sie musste einzig eine Gelegenheit finden zu entfliehen. Ihr Freizeitvergnügen, ob dies ein Vergnügen für eine Frau war, bezweifelte er, animierte sie dazu, ihn zu verführen, ihn zu demütigen.
Allerdings sein für ihn entscheidender Beweis war diese Sorokin. Für Monika war es ein Klacks, einen Kollegen in ihrem alten Revier zu finden, dessen Freundin damit Einverstand war, sich mit ihm einen Spaß zu erlaubt. Als Hobbyschriftstellerin wie diese Behauptete für eine Recherche. Jedoch wusste weder Monika noch diese Sorokin, da sie nicht Vorort, was ihm in Dirks Büro widerfahren war.

Die Aufzugtür fuhr auf. Herbert betrat die Kabine und drückte den Knopf, um in die Etage zu fahren, in der sich Maxima Büro befand.
Blieb bloß der Mörder übrig. Es war der Ehemann der Gruber, dessen war er sich sicher. Dieser war niemand anderes als der mit dem Korb. Ehekrise. Das für Herbert entscheidende Indiz dafür war ein Koffer. Ein Koffer gefüllt mit Damenkleidung. Am Anfang ging er davon aus, dass die Gruber sich aus diesem bedient hatte.
Dem war nicht so. Gepackt hatte Florence sie ihre Sachen. Sie hatte vor bei der Gruber auszuziehen. Warum? Die Gruber wollte das Zimmer selbst nutzen. Sicherlich nicht, um vor einer Kamera ihren Körper zu präsentieren. Sie wollte ihren Ehemann verlassen. Weshalb? Betrog er sie? Nein, sie hatte einen anderen. Kalle.

Der alte, heruntergekommen Typ, der jedes Jahr zur Weihnachtszeit einen Mord gestand, welchen er nie verübt hatte. Seine Aussage, die er zu Protokoll gegeben hatte, war erlogen. Erlogen, bis auf den Teil, in dem er zugab, den Geschlechtsakt mit der Gruber durchgeführt zu haben. Ihr Ehemann wollte sich einschmeicheln. Ihr zum Heiligen Abend ein Mahl bereiten. Allerdings gab sie ihm im wahrsten Sinne einen Korb, obwohl er zuvor den Inhalt desselben in ihre Küche stellte.
Er vermochte die Schmach nicht zu ertragen, kam am Abend zurück, um sie in Flagrante zu erwischen. Anstatt des Liebhabers entdeckt er den Schuster. Dass seine Frau ihrem Liebhaber bereits den Abschiedskuss gegeben hatte, konnte er nicht, erahnte. Er ging sicher davon aus, dass dieser über Nacht blieb. Nicht allein die Tatsache, dass er den für ihn scheinbaren Liebhaber seiner Frau entdeckt, brachte ihn in Rage, sondern jener stand nackt, vielleicht in Unterhose vor den für ihn vermeintlichen Kleiderschrank seiner Frau. Eine weiße Bluse auf dem Bett und die schwarzen Damenstrümpfe, die Schuster trug, brachten für ihn das Fass zum Überlaufen.

Eine aufgerissene, leere Verpackung von Damenstrümpfen fand Herbert in diesem Zimmer in einem Papierkorb. Dieser gehörnte Ehemann, dessen Frau ihm den Laufpass gegeben hatte, entdeckte nicht nur den von ihm verlangten Beweis ihrer Untreue, sondern zählte gleichzeitig eins und eins zusammen. Die Pein, die Schmach, dass seine von ihm geliebte Frau auf Männer stand, welche sich in Damenkleidern präsentierten, übermannten ihn. Er streckte Schuster nieder.
Seine Frau aufgeschreckt vom Lärm erscheint nur in einem Negligé gekleidet im Schlafgemach. Woraufhin er auch sie überwältigte. Als wären die beiden Trophäen, trägt er sie nacheinander hinunter, drapiert sie einem Liebespaar gleich auf dem Sofa. Er beseitigt, nachdem er sie vollends entkleidet hatte, alle Spuren, saugt den Teppich ab.

Demnach waren die Fußspuren, die Herbert auf den Teppich vorgefunden hatte, jene von Florence und dem Ehemann, welcher nicht bedachte, dass er diese hinterließ, als er über die Terrasse floh.
Der Gruber warf das Negligé auf einen Stuhl, der sich im eindeutigen, zweideutigen Schlafzimmer befand. Danach stopfte er ihre sowohl die Kleidung des Schusters in dessen Koffer oder Reisetasche.
Dass dieser nackt oder in Frauenkleidern das Haus betreten hatte, schloss Herbert kategorisch aus.
Denn dieser war kein Mann, der eine Frau sein wollte, sondern dieses nur Mimen sollte. Ansonsten hätte Herbert andere luftigere, leichtere Damenbekleidung vorgefunden.
Eins schloss Herbert komplett aus. Der Ehemann der Gruber hatte seine Frau nicht verstümmelt. Er liebte sie, hätte somit eher ihren für ihn vermeintlichen Liebhaber entstellt. Dies bestritt jemand anders für ihn.

Die Fahrstuhltür glitt auf, Herbert trat vor, schaute den Flur entlang und verließ den Aufzug.
Eine betrogene Ehefrau übernahm diese Aufgabe.
Kaum hatte er den Flur betreten, da rempelte ihn Maxima, aus der Damentoilette stürmend, an.


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Schokolade für die Wölfin
 
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