Blutige Heilige Nacht - 6. Kriminalkommissarin nicht nur oben ohne

ahorn

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Kriminalkommissarin nicht nur oben ohne

»Ein Cognac!«
Der Kioskbetreiber tippte mit seinem Zeigefinger über die Deckel der Flaschen.
»Den«, grummelte Herbert.
Den ausgewählten Flachmann am Verschluss gepackt, drehte der südländisch aussehende Geschäftsmann die Pulle und hob seine Brille an. »Drei neunundfünfzig!«
»Geben sie zwei«, verlangte Tamban und zielte auf das Regal mit den Rauchwaren. »Eine M7.«
»Mit oder ohne?«
»Mit!«

Der Verschluss knackte unter der Kraft von Herberts Fingern. Er setzte an, leerte die Flasche in einem Zug, schüttelte sich und warf das leere Gefäß in einen Abfalleimer. Mit zitternder Hand riss er die Zigarettenschachtel auf, steckte sich einen Stängel zwischen die Lippen, zündete ihn an und blies den Qualm gegen die Tür des Kiosks.
»Hey! Ist hier rauchen Verboten«, schnarrte der Mann ihm nach, bevor Herbert den Kiosk verließ.

Tamban zog in kurzen, raschen Zügen an der Zigarette und eilte zu seinem betagten mitternachtsblauen Passat, öffnete die Fahrertür, fiel in den Sitz. Erst umklammerte er das Lenkrad, dann schlug er mit seiner Stirn auf das Steuer ein.
Wie mit Dreck beworfen, fühlte er sich, erniedrigt. In seiner gesamten Dienstzeit war ihm nie dergleichen Geschehen. Am liebsten wäre er nach Hause gefahren, um sich die Scham vom Leib zu duschen.
Warum hatte er sie nicht weggestoßen, um Hilfe geschrien? Wer hätte ihm geglaubt? Sie hätte den Sachverhalt umgedreht. Ihn in einer Art hingestellt, sodass er sie verführt hatte.
Flucht war der einzige Ausweg für ihn gewesen. Ihre Tat durch Vergessen vernichten.
Bevor er aus dem Büro floh, hatte er das Band dem Diktiergerät entrissen und es in seine lederne Aktentasche verstaut.
Auf dem Klo hatte er sich übergeben, den Beweis ihres Verbrechen, ihren Slip mit seinem Sperma heruntergespült. Den Kollegen beim Verlassen des Reviers entgegen geschrien, dass diese sie einsperren sollten.
Er würde es nie vergessen. Sein Leben war nicht mehr, wie es zuvor war.

Herbert quetsche die Glut der Zigarette im Aschenbecher aus, steckte die zweite Flasche in die rehbraune Aktentasche, ferner den Wagenschlüssel ins Zündschloss.
Der Alkohol besänftigte seinen Brechreiz.
Warum ihm! Hatte er sie herausgefordert? Hatten sein Charme sie gelenkt? Er genierte sich. Niemanden vermochte er davon zu erzählen. Er war ein Mann. Ein Herr, den eine Frau, eine Mörderin vergewaltigt hatte.
Tamban startete den Motor, fuhr aus der Parklücke und drückte das Gaspedal an desen Anschlag.

Wie oft hatte er insgeheim den Frauen eine Mitschuld zugeschrieben. Dass sie mit ihrem Verhalten seine Geschlechtsgenossen animiert hätten.
Mit seinen Fragen hatte er sie gequält, dabei ging die Erniedrigung für Damen nicht allein mit seelischen Schmerzen einher. Zwischen Selbstaufgabe und Rache lebten sie.
Er entschied sich fürs Zweite. Mit seinem Mittel sie überführen, hinter Schloss und Riegel zu bringen.

»Was stehen sie hier herum«, schrie Herbert.
»Chef! Ich warte auf sie.«
Tamban deutete auf einen Polizisten, welcher sich an die rechte Flanke von Monika presste. »Warum tragen sie die Uniformjacke des Kollegen?«
Die Kriminalkommissarin zog ihre linke Oberlippe herauf. »Weil es kalt ist!«
»Dann laufen sie nicht halb nackt herum. Hätten sich einen Schutzanzug überziehen können. Der wärmt!«
Monika zuckte mit den Achseln. »Ich habe keinen mit.«
»Anfängerin«, wetterte er und wies über seine rechte Schulter. »In meinen Kofferraum liegen welche!«

Sie warf das sandblonde Haar auf ihren Rücken, zugleich die Jacke dem Polizisten zu, hob die Nase gen Nachthimmel und stöckelte die drei Stufen des Einganges herab.
Herbert wandte sich an den Uniformierten und bohrte seinen Zeigefinger in das Hemd des Mannes. »Anstatt junge Damen anzumachen, sollten sie lieber«, er wies mit dem Daumen auf dem in der Einfahrt parkenden Streifenwagen, »mit ihrem Kollegen Parksünder suchen!«
»Herr Kriminaloberrat sie haben befohlen, wir sollten den Tatort bewachen, bis sie zurück sind«, stotterte der von der Streife.
Herbert drückte erneut den Zeigefinger gegen seine Brust. »Schlüssel!«, er hielt dem Polizeibeamten die rechte Hand hin. »Ab!«
Die Linke am Türknauf durchtrennte er mit dem Schlüssel das Siegel, um dann denselben ins Schloss zu stecken.

Herbert zog die Kapuze des himmelblauen Einweganzuges fest zu.
»Frau Ferigart«, grunzte er durch den Mundschutz und wies auf die Treppe zum Obergeschoss, »sie suchen oben nach Verwertbaren«, befahl er, beugte sich vor und streifte den Plastiküberzieher über seine Schuhe. »Ausweise, persönliche Sachen.«
»Jawohl Chef«, antworte sie, hämmerte dabei mit beiden Daumen auf ihrem Smartphone.
Tamban pumpte die violetten Latexhandschuhe auf, als wären es Luftballons. »Ich schau mich im Wohnzimmer um.«
Seine Aktentasche unter der linken Achsel geklemmt, steckte er die Hände in die Handschuh und schritt über den mit mausgrauen Fliesen bedeckten Flur.

Herbert fasste um die Türzarge und bestätigte den Lichtschalter. Dann öffnete er mit der Fingerspitze seines Zeigefingers die getönte Vollglastür, bis diese gegen einen Stuhl stieß. Er setzte seinen Weg auf den gleichen Fliesen wie in der Diele fort, schritt um die Kante der Tür. Seine Hände glitten über die mit Rentieren verzierte cremeweiße Wachstischdecke des Esstisches. Er wandte sich nach rechts, lehnte den Kopf zur Seite und ging zurück zur Türzarge. Nachdem er einen weiteren Lichtschalter gedrückt hatte, erhellte eine über dem Sofatisch befestigte Hängelampe den abgewandten Teil des Wohnzimmers.
Die Aktentasche gefasst, schritt er auf das Sofa zu, welches ihm seine Rückseite präsentierte. Er stoppte am Übergang der Fliesen zu einem sandgelben Veloursteppich.

Herbert warf die Tasche auf die Fliesen, hockte sich nieder, öffnete diese, holte, eine Lupe, einen Gliedermaßstab sowie sein Smartphone aus ihr hervor. Den einmal ausgeklappten Zollstock setzte er neben einen Abdruck eines Damenschuhes, anschließend schoss er ein Foto.
Herbert klappte den Maßstab auf seine volle Länge aus, legte das eine Ende an einen weiteren Fußabdruck an, welcher sich eine Sitzweite von der linken Ecke des Sofas befand. Das Holz an den Ersten gelegt, fotografierte er die gesamte Spurenfolge.

Den Zollstock in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, robbte er auf allen vieren nach rechts. Zwei weitere Spurenfolgen hatten sich im Velours verewigt.
Eine geprägt von einem Herrn, Herrenschuhe vorn Spitz hinten mit leichten Absatz, daneben die eines barfüßigen, kleinfüßigen Mannes oder einer Frau.
Die Spur des Herren ging um die Ottomane herum. Die der weiblichen Person führte zuerst zu einer Glasvitrine, bevor sie sich mit der anderen erneut vereinigte.
Ein Poltern gefolgt von einem Aufschrei hallte durch das Reihenhaus.

»Was ist den nun wieder«, fluchte Herbert, stemmte sich hoch, rannte durch das Wohnzimmer, durch die Diele, schaltete das Licht zum Obergeschoss an und stürzte die Treppe herauf.
Monika Ferigart saß auf ihrem Hintern und umklammerte ihr rechtes Knie.
»Was ist passiert?«
Sie zeigte mit dem Daumen über ihre Schultern.
»Der Koffer«, stöhnte sie. »Ich bin über den Koffer gestolpert.«
Herbert stellte das Gepäckstück an die Seite. »Warum haben sie kein Licht angemacht?«
»Ich dachte, der Schalter ist oben.«
Monika studierte den Riss im Schutzanzug. »Die ist hin!«
»Wer?«
Sie pullte in dem Spalt herum. »Meine Strumpfhose!«
Herbert schlug an seine Stirn und schüttelte den Kopf. »Weiber!« Er gab ihr die Hand und zog sie herauf, dabei blickte er auf ihre Füße. »Es zeugt nicht von Intelligenz, die Überzieher über diese Stöckeldinger zu ziehen.«
Tief einatmend, wandte sich Tamban der nächstgelegenen Tür zu, drückte die Türklinke herab und öffnete das Blatt einen Spalt. »Badezimmer! Schauen wir uns später an.«

Herbert betrat den Raum neben dem Bad. »Wie läuft es sich?«
Monika blickte zu Boden. »Besser!«
»Nicht geräumig für ein Eheschlafzimmer?«, stellte Monika fest.
»Wie kommen sie auf diese Annahme?«
»Ein Ehepaar nackt auf ihrem Sofa wird von einem als Weihnachtsmann verkleideten Einbrecher erstochen. Fazit dieses Zimmer ist ihr Schlafzimmer.«
Tamban schritt um das den Raum dominierende mit einer steingrauen Tagesdecke bedeckte Boxspringbett herum. »Wie viele Tatorte haben sie bereits begutachtet?«
Sie sah zu Boden. »Das ist mein Erster?« – »In der Ausbildung da …«
»Vergessen sie den Scheiß«, fuhr er ihr ins Wort. »Tun sie was ich sage und lernen. Klar!«
Sie salutierte. »Jawohl Chef!«
»Lassen sie diesen Chef! Schauen sie sich lieber den Inhalt des Kleiderschrankes an«, bölkte er, kniete nieder und untersuchte einen links am Bett stehenden Nachtschrank.

Monika Ferigart öffnete alle vier Schranktüren. »Ch … Herr Tamban im Schrank sind nur Frauenklamotten!«
»Habe ich mir längst gedacht«, murmelte er in den Nachtschrank.
»Wieso?«
Er klopfte auf die Schlafstätte. »Das Bett! Zu schmal für zwei.«
»Für mich und meinen«, sie stockte und grinste Herbert an, »Freund ausreichend.«
»Seien sie erst einmal verheiratet.«
Sie tupfte sich eine imaginäre Träne vom Auge. »Dann schlafen sie getrennt?«
»Ihr Resultat ist richtig oder falsch. Erstens kennen wir nur dieses Zimmer. Zweitens ist uns nicht bekannt, wer die Toten sind. Drittens nicht einmal, ob sie hier wohnen oder wer hier wohnt, geschweige wie viele.«
»Wieso?«
»Habe sie an der Eingangstür ein Namensschild entdeckt?«
Monika fasste in den Schrank, entnahm ein fliederfarbenes Cocktailkleid, hielt es vor ihren Oberkörper.
»Zumindest hatte die Tote ein Faible für Eleganz.«
Er schüttelte den Kopf. »Die Person, welche hier nächtigt oder genächtigt hat«, korrigierte er sie barsch. »Wie kommen sie darauf?«
»Das sind keine Kleider von der Stange«, sie kniete nieder, ergriff ein paar weiße Pumps. »Für solche Treter müsste ich einen ganzen Monatslohn hinblättern.«
Herbert grinste. »So wenig verdienen sie.« Er zupfte an seinem Schnurrbart. »Sie bringen mich auf eine Idee.« Er stand auf und eilte zur Schlafzimmertür. »Nehmen sie eins von den Kleidern, steigen in die Hacksenbrecher und folgen mir ins Wohnzimmer.«
»Wie bitte?«
»Tun sie, was ich sage!«
»Bitte!« Ihre rechte Hand glitt über die Kleider. »Welches?«
»Ist mir wurscht!«

Herbert umklammerte seine Haare mit beiden Händen und schielte zur Wohnzimmertür. »Herr Gott Ferigart, sind sie total durchgeknallt!«
»Entschuldigen sie Herr Tamban.« Monika raffte den erdbeerfarbenen Rock des knielangen Bandeaukleides. »Die Dame hat nicht meine Konfektionsgröße.« Sie hob den rechten Fuß. »Die Pumps musste ich mit Kosmetiktüchern ausstopfen oder steht mir die Farbe nicht.«
»Mitbringen sollten sie ein Kleid sowie ihre …« Er winkte ab.
Das linke Auge geschlossen, hob sie ihre Nase gen Zimmerdecke. »Dann sollten sie sich präziser Ausdrücke.«
Er gab ihr ein Zeichen. »Kommen sie. Eingemuckelt steht ihnen nicht.«

Herbert wies auf die Spuren der Damenschuhe. »Gehen sie neben den Eindrücken zum Sofa und bleiben stehen.«
Sie folgte seinem Befehl, er kniete nieder, begutachtete die frische Fährte, machte Fotos, maß mit der Lupe vorm Auge die Tiefe, notierte die Werte in sein Notizbuch. »Wie schwer sind sie?«
»Das fragt man einer Dame nicht!«, erboste sie sich.
»Sie sind keine Dame, sie sind Polizist. Also!«
»Ich habe ein bisschen zugenommen!«
»Wie schwer!«
»Zweiundfünfzig«, murmelte sie. »Ohne Kleidung!«
Er notierte, kratzte sich am Genick, stand auf, stellte sich mit den Schuhspitzen an die Kante und streckte seinen Arm hervor.
»Was wuseln sie hinter meinem Rücken?«
»Ich versuche, den Reißverschluss ihres Kleides zu schnappen«, stöhnte er.
»Weshalb?«
»Um es auszuziehen«, donnerte er. »Geht nicht! Ich komme nicht heran. Ziehen sie es aus.«
»Herr Tamban!«, empörte sie sich.
»Ausziehen! Das ist ein Befehl.«
»Ich bin nackt« – »Oben herum.«
Einen ihm bekannten Tatbestand, denn sie hatte ihm, Herbert bereits im Revier ihre Brüste gezeigt.
»Frau Kriminalkommissarin jeden der sie nicht sehen will, zeigen sie ihre Titten. Stellen sie sich nicht an.«
Ohne ein Wort des Murrens öffnete sie mit der rechten Hand den Reißverschluss, während sie mit der Linken das Kleid an ihren Oberkörper presste.
»Fallen lassen!«
»Chef?«
Das Bandeaukleid glitt ihr um die Füße.
»Zurückkommen. Ohne umdrehen!«
»Dann muss ich auf das Kleid treten.«
»Tun sie es!«, grummelte Herbert.
Sie machte einen Schritt rückwärts.
»Zurück!«
Herbert ging auf die Knie, lüfte den Stoff und betastete eine Delle im Teppich.
Er zwirbelte seinen Schnauzer. »Wie kämmen sie zu mir, ohne einen Fußabdruck zu hinterlassen.«
»Barfuß?«
»Dann machen sie schon.«
Monika schritt zurück zum Sofa. Beim Zurücktreten schlüpfe sie aus den rechten weißen Pumps und stellte den befreiten Fuß hinter den anderen.
»Zurück!«
»Was soll das?«
»Abwarten«, donnerte Herbert.

»Wieder ein Abdruck«, flüsterte er. »Wie kommen sie aus der Situation?«
»Über das Sofa klettern.«
»Ausführen!«
Erneut am Sofa angelangt hob Monika ihr rechtes Bein.
»Mit Schuh!«, befahl Herbert.
»Bin ich beim Ballett«, zürnte sie, stieg in den Pumps, hob erneut das Bein.
Monika berührte, streifte mit dem Absatz die Rückenlehne des Sofas, da pfiff er sie zurück und reichte ihr die Lupe. »Sind Kratzer auf den Samt?«
Sie beäugte den Stoff. »Nein!«

Herbert winkte sie heran. »Sehen sie da vorn bei der Ottomane die Fußspuren.« Sie nickte. »Stellen sie sich daneben auf den Teppich!«

»Die Tiefe passt«, zischte er. »Strumpfhose aus! Keine Widerrede.«
Sie streifte ihre weiße Strumpfhose über ihre Beine. »Hat sowieso eine Laufmasche«, konterte sie und schleuderte das Beinkleid auf die Rückenlehne der Couch.
Herbert kroch zwischen ihren Füßen. »Bingo!«
Monika umschlang ihren Bauch und rubbelte mit den Händen über ihre Taille. »Mir wird kalt«, stöhnte sie.
»Wir sind gleich am Ende. Setzten sie sich auf das Sofa, an der Stelle, an welcher die Schuhabdrücke enden.«
Monika zuckte mit den Achseln und tappte einen Schritt vor.
»Nicht da lang!« Er deutete auf die der Vitrine gegenüberliegende Wand, an der ein Fernseher hing. »Dort wo die Hammelherde lang gestampft ist.«
»Das Sofa ist der Tatort«, gab Monika zu bedenken.
Herbert schritt zum Esstisch, zog die Wachstischdecke ab. »Legen sie die Decke drauf.«

Tamban fiel vor Monika auf die Knie. »Geben sie mir ihre Strumpfhose.«
Sie streckte sich, erfasste die Hose und reichte diese ihrem Boss.
Er knüllte diese, presste die Strumpfhose an ihre Brust.
»Herr Kriminaloberrat.«
Ohne auf ihren Einwand einzugehen, warf er das Knäuel zu seiner Rechten, begutachtete die Fundstelle, führte das Gleiche zur Linken aus. Dann schwang er seinen Kopf von einer Schulter zur anderen.
»Strecken sie ihre Beine nach vorn.«
Ohne ein Murren kam sie seinem Verlangen nach. Herbert beugte sich über sie, packte an ihren Slip.
»Es reicht! Sie stinken« Sie rümpfte die Nase. »Haben sie getrunken. Sie riechen nach Alkohol. Sie sind im Dienst«
»Wenn? Geht sie das nichts an.« Herbert atmete tief ein, sah sie mit einem Dackelblick an. »Ich schließe die Augen.«
»Wozu machen sie das?«
»Ich versuche, den Tathergang nachzustellen.« – »Ich schau nicht hin.«
»Wirklich?« Er hob den rechten Arm und bildete mit Zeige- und Mittelfinger ein V. »Ich schöre.«
Herbert zwirbelte seinen Schnurrbart. Sie zickte, dabei hatte er für diesen Mordfall gelitten. Finstere Mächte saugten ihn in tiefsten Abgründe und sie stellte sich wegen eines Stückes Stoffes an.

Er erfasste erneut ihren Slip, zerrte ihn über ihre Beine, dann warf er diesen über seine Schulter. Ohne einen Blick der Mitarbeiterin zu würdigen, sprang er auf, schritt um den Wohnzimmertisch und betrachtete die Stelle, an der die Unterwäsche gelandet war. »Sie können sich anziehen.«
»Mein Slip.«
»Bekommen sie später.«
Die Hände an ihre Taille gepresst, die Füße schulterweit getrennt, positionierte sie sich vor Herbert. »Sie sind pervers!«, kommentierte Monika. Sie senkte ihren Kopf, dann wandte sie ihr Gesicht der gardinenlosen Terrassentür zu. »Ups!«
Die eine Hand vor ihre Scham, die anderen zum Schutz auf ihren Brüste eilte Monika aus dem Wohnzimmer.

Herbert stieß mit dem Fuß an den sandfarbenen, samtbespannten, tageszeitungsbreiten Hocker, auf dem der Slip ruhte. Dann spähte er unter den schuhkartonhohen, mausgrauen Tisch. Seine Hand glitt unter die Platte. Er holte ein Paar orangerote Pumps hervor. Nicht das, was er erwartet hatte. Er sah sich um, ging zur Terrassentür, beugte sich zuerst vor, betastete anschließend vier in einem Quadrat angeordnete Abdrücke. Das Gesicht zu den Spuren gewandt, ergriff er den Hocker und platzierte dessen Füße auf die Marken.
»Passt!« – »Was haben wir den da!«, flüsterte er.

Keine Unterwäsche hatte sich unter dem Möbel versteckt. Ein altrosa Rock sowie eine weiße ärmellose Rüschenbluse kamen zum Vorschein. Beide Kleidungstücke waren mit Blut verziert.
»Merkwürdig!«
Tamban öffnete die Terrassentür, zumindest versuchte er es. Der Hocker versperrte den Weg.
»Diese dämlichen Leichenträger!«
Die Stirn in Falten, die Augenbrauen zusammengezogen schritt er zum Sofa, faltete die Tischdecke zusammen, durchstöberte penibel alle Spalten der Sitzlandschaft.

»Frau Ferigart«, rief Herbert durch das Reihenhaus. »Wo sind sie?«
»Oben!«, erklang es gedämpft im Erdgeschoss.
Tamban stieg jeweils zwei Stufen nehmend die Treppe herauf. »Wo genau.«
»In den Raum, in dem sie bisher nicht waren« – »Ich muss ihnen etwas zeigen!«
Herbert trat ein, war bereits beim ersten Blick verwundert.
Ein purpurrotes mit Samt überzogenes, sowie mit Kissen übersätes französisches Bett dominierte den Raum. Ein cremeweißer Flokati lang wie ein Mann hoch lag vor der Spielwiese.
Tamban drehte den Kopf nach rechts, erblickte sein Spiegelbild. Eine Schuhspitze, welche sich zu einem blutroten Lackstiefel verformte, kroch hinter der Schranktür hervor. Ein Busen, prall verpackt in einem tiefschwarzen Lackbody, linste ihm entgegen. Der zweite Overknee-Stiefel landete im Grätschsprung neben dem Ersten.
Die Riemen einer Peitsche klatschten auf ihre behandschuhten Finger. »Bestrafung?«, knurrte Monika, sodass ihre Augenmaske vibrierte.


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6. Kriminalkommissarin nicht nur oben ohne

»Ein Cognac!«
Der Kioskbetreiber tippte mit seinem Zeigefinger über die Deckel der Flaschen.
»Den«, grummelte Herbert.
Den ausgewählten Flachmann am Verschluss gepackt, drehte der südländisch aussehende Geschäftsmann die Pulle und hob seine Brille an. »Drei neunundfünfzig!«
»Geben sie zwei«, verlangte Tamban und zielte auf das Regal mit den Rauchwaren. »Eine M7.«
»Mit oder ohne?«
»Mit!«

Der Verschluss knackte unter der Kraft von Herberts Fingern. Er setzte an, leerte die Flasche in einem Zug, schüttelte sich und warf das leere Gefäß in einen Abfalleimer. Mit zitternder Hand riss er die Zigarettenschachtel auf, steckte sich einen Stängel zwischen die Lippen, zündete ihn an und blies den Qualm gegen die Tür des Kiosks.
»Hey! Ist hier rauchen Verboten«, schnarrte der Mann ihm nach, bevor Herbert den Kiosk verließ.

Tamban zog in kurzen, raschen Zügen an der Zigarette und eilte zu seinem betagten mitternachtsblauen Passat, öffnete die Fahrertür, fiel in den Sitz. Erst umklammerte er das Lenkrad, dann schlug er mit seiner Stirn auf das Steuer ein.
Wie mit Dreck beworfen, fühlte er sich, erniedrigt. In seiner gesamten Dienstzeit war ihm nie dergleichen Geschehen. Am liebsten wäre er nach Hause gefahren, um sich die Scham vom Leib zu duschen.
Warum hatte er sie nicht weggestoßen, um Hilfe geschrien? Wer hätte ihm geglaubt? Sie hätte den Sachverhalt umgedreht. Ihn in einer Art hingestellt, sodass er sie verführt hatte.
Flucht war der einzige Ausweg für ihn gewesen. Ihre Tat durch Vergessen vernichten.
Bevor er aus dem Büro floh, hatte er das Band dem Diktiergerät entrissen und es in seine lederne Aktentasche verstaut.
Auf dem Klo hatte er sich übergeben, den Beweis ihres Verbrechen, ihren Slip mit seinem Sperma heruntergespült. Den Kollegen beim Verlassen des Reviers entgegen geschrien, dass diese sie einsperren sollten.
Er würde es nie vergessen. Sein Leben war nicht mehr, wie es zuvor war.

Herbert quetsche die Glut der Zigarette im Aschenbecher aus, steckte die zweite Flasche in die rehbraune Aktentasche, ferner den Wagenschlüssel ins Zündschloss.
Der Alkohol besänftigte seinen Brechreiz.
Warum ihm! Hatte er sie herausgefordert? Hatten sein Charme sie gelenkt? Er genierte sich. Niemanden vermochte er davon zu erzählen. Er war ein Mann. Ein Herr, den eine Frau, eine Mörderin vergewaltigt hatte.
Tamban startete den Motor, fuhr aus der Parklücke und drückte das Gaspedal an desen Anschlag.

Wie oft hatte er insgeheim den Frauen eine Mitschuld zugeschrieben. Dass sie mit ihrem Verhalten seine Geschlechtsgenossen animiert hätten.
Mit seinen Fragen hatte er sie gequält, dabei ging die Erniedrigung für Damen nicht allein mit seelischen Schmerzen einher. Zwischen Selbstaufgabe und Rache lebten sie.
Er entschied sich fürs Zweite. Mit seinem Mittel sie überführen, hinter Schloss und Riegel zu bringen.

»Was stehen sie hier herum«, schrie Herbert.
»Chef! Ich warte auf sie.«
Tamban deutete auf einen Polizisten, welcher sich an die rechte Flanke von Monika presste. »Warum tragen sie die Uniformjacke des Kollegen?«
Die Kriminalkommissarin zog ihre linke Oberlippe herauf. »Weil es kalt ist!«
»Dann laufen sie nicht halb nackt herum. Hätten sich einen Schutzanzug überziehen können. Der wärmt!«
Monika zuckte mit den Achseln. »Ich habe keinen mit.«
»Anfängerin«, wetterte er und wies über seine rechte Schulter. »In meinen Kofferraum liegen welche!«

Sie warf das sandblonde Haar auf ihren Rücken, zugleich die Jacke dem Polizisten zu, hob die Nase gen Nachthimmel und stöckelte die drei Stufen des Einganges herab.
Herbert wandte sich an den Uniformierten und bohrte seinen Zeigefinger in das Hemd des Mannes. »Anstatt junge Damen anzumachen, sollten sie lieber«, er wies mit dem Daumen auf dem in der Einfahrt parkenden Streifenwagen, »mit ihrem Kollegen Parksünder suchen!«
»Herr Kriminaloberrat sie haben befohlen, wir sollten den Tatort bewachen, bis sie zurück sind«, stotterte der von der Streife.
Herbert drückte erneut den Zeigefinger gegen seine Brust. »Schlüssel!«, er hielt dem Polizeibeamten die rechte Hand hin. »Ab!«
Die Linke am Türknauf durchtrennte er mit dem Schlüssel das Siegel, um dann denselben ins Schloss zu stecken.

Herbert zog die Kapuze des himmelblauen Einweganzuges fest zu.
»Frau Ferigart«, grunzte er durch den Mundschutz und wies auf die Treppe zum Obergeschoss, »sie suchen oben nach Verwertbaren«, befahl er, beugte sich vor und streifte den Plastiküberzieher über seine Schuhe. »Ausweise, persönliche Sachen.«
»Jawohl Chef«, antworte sie, hämmerte dabei mit beiden Daumen auf ihrem Smartphone.
Tamban pumpte die violetten Latexhandschuhe auf, als wären es Luftballons. »Ich schau mich im Wohnzimmer um.«
Seine Aktentasche unter der linken Achsel geklemmt, steckte er die Hände in die Handschuh und schritt über den mit mausgrauen Fliesen bedeckten Flur.

Herbert fasste um die Türzarge und bestätigte den Lichtschalter. Dann öffnete er mit der Fingerspitze seines Zeigefingers die getönte Vollglastür, bis diese gegen einen Stuhl stieß. Er setzte seinen Weg auf den gleichen Fliesen wie in der Diele fort, schritt um die Kante der Tür. Seine Hände glitten über die mit Rentieren verzierte cremeweiße Wachstischdecke des Esstisches. Er wandte sich nach rechts, lehnte den Kopf zur Seite und ging zurück zur Türzarge. Nachdem er einen weiteren Lichtschalter gedrückt hatte, erhellte eine über dem Sofatisch befestigte Hängelampe den abgewandten Teil des Wohnzimmers.
Die Aktentasche gefasst, schritt er auf das Sofa zu, welches ihm seine Rückseite präsentierte. Er stoppte am Übergang der Fliesen zu einem sandgelben Veloursteppich.

Herbert warf die Tasche auf die Fliesen, hockte sich nieder, öffnete diese, holte, eine Lupe, einen Gliedermaßstab sowie sein Smartphone aus ihr hervor. Den einmal ausgeklappten Zollstock setzte er neben einen Abdruck eines Damenschuhes, anschließend schoss er ein Foto.
Herbert klappte den Maßstab auf seine volle Länge aus, legte das eine Ende an einen weiteren Fußabdruck an, welcher sich eine Sitzweite von der linken Ecke des Sofas befand. Das Holz an den Ersten gelegt, fotografierte er die gesamte Spurenfolge.

Den Zollstock in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, robbte er auf allen vieren nach rechts. Zwei weitere Spurenfolgen hatten sich im Velours verewigt.
Eine geprägt von einem Herrn, Herrenschuhe vorn Spitz hinten mit leichten Absatz, daneben die eines barfüßigen, kleinfüßigen Mannes oder einer Frau.
Die Spur des Herren ging um die Ottomane herum. Die der weiblichen Person führte zuerst zu einer Glasvitrine, bevor sie sich mit der anderen erneut vereinigte.
Ein Poltern gefolgt von einem Aufschrei hallte durch das Reihenhaus.

»Was ist den nun wieder«, fluchte Herbert, stemmte sich hoch, rannte durch das Wohnzimmer, durch die Diele, schaltete das Licht zum Obergeschoss an und stürzte die Treppe herauf.
Monika Ferigart saß auf ihrem Hintern und umklammerte ihr rechtes Knie.
»Was ist passiert?«
Sie zeigte mit dem Daumen über ihre Schultern.
»Der Koffer«, stöhnte sie. »Ich bin über den Koffer gestolpert.«
Herbert stellte das Gepäckstück an die Seite. »Warum haben sie kein Licht angemacht?«
»Ich dachte, der Schalter ist oben.«
Monika studierte den Riss im Schutzanzug. »Die ist hin!«
»Wer?«
Sie pullte in dem Spalt herum. »Meine Strumpfhose!«
Herbert schlug an seine Stirn und schüttelte den Kopf. »Weiber!« Er gab ihr die Hand und zog sie herauf, dabei blickte er auf ihre Füße. »Es zeugt nicht von Intelligenz, die Überzieher über diese Stöckeldinger zu ziehen.«
Tief einatmend, wandte sich Tamban der nächstgelegenen Tür zu, drückte die Türklinke herab und öffnete das Blatt einen Spalt. »Badezimmer! Schauen wir uns später an.«

Herbert betrat den Raum neben dem Bad. »Wie läuft es sich?«
Monika blickte zu Boden. »Besser!«
»Nicht geräumig für ein Eheschlafzimmer?«, stellte Monika fest.
»Wie kommen sie auf diese Annahme?«
»Ein Ehepaar nackt auf ihrem Sofa wird von einem als Weihnachtsmann verkleideten Einbrecher erstochen. Fazit dieses Zimmer ist ihr Schlafzimmer.«
Tamban schritt um das den Raum dominierende mit einer steingrauen Tagesdecke bedeckte Boxspringbett herum. »Wie viele Tatorte haben sie bereits begutachtet?«
Sie sah zu Boden. »Das ist mein Erster?« – »In der Ausbildung da …«
»Vergessen sie den Scheiß«, fuhr er ihr ins Wort. »Tun sie was ich sage und lernen. Klar!«
Sie salutierte. »Jawohl Chef!«
»Lassen sie diesen Chef! Schauen sie sich lieber den Inhalt des Kleiderschrankes an«, bölkte er, kniete nieder und untersuchte einen links am Bett stehenden Nachtschrank.

Monika Ferigart öffnete alle vier Schranktüren. »Ch … Herr Tamban im Schrank sind nur Frauenklamotten!«
»Habe ich mir längst gedacht«, murmelte er in den Nachtschrank.
»Wieso?«
Er klopfte auf die Schlafstätte. »Das Bett! Zu schmal für zwei.«
»Für mich und meinen«, sie stockte und grinste Herbert an, »Freund ausreichend.«
»Seien sie erst einmal verheiratet.«
Sie tupfte sich eine imaginäre Träne vom Auge. »Dann schlafen sie getrennt?«
»Ihr Resultat ist richtig oder falsch. Erstens kennen wir nur dieses Zimmer. Zweitens ist uns nicht bekannt, wer die Toten sind. Drittens nicht einmal, ob sie hier wohnen oder wer hier wohnt, geschweige wie viele.«
»Wieso?«
»Habe sie an der Eingangstür ein Namensschild entdeckt?«
Monika fasste in den Schrank, entnahm ein fliederfarbenes Cocktailkleid, hielt es vor ihren Oberkörper.
»Zumindest hatte die Tote ein Faible für Eleganz.«
Er schüttelte den Kopf. »Die Person, welche hier nächtigt oder genächtigt hat«, korrigierte er sie barsch. »Wie kommen sie darauf?«
»Das sind keine Kleider von der Stange«, sie kniete nieder, ergriff ein paar weiße Pumps. »Für solche Treter müsste ich einen ganzen Monatslohn hinblättern.«
Herbert grinste. »So wenig verdienen sie.« Er zupfte an seinem Schnurrbart. »Sie bringen mich auf eine Idee.« Er stand auf und eilte zur Schlafzimmertür. »Nehmen sie eins von den Kleidern, steigen in die Hacksenbrecher und folgen mir ins Wohnzimmer.«
»Wie bitte?«
»Tun sie, was ich sage!«
»Bitte!« Ihre rechte Hand glitt über die Kleider. »Welches?«
»Ist mir wurscht!«

Herbert umklammerte seine Haare mit beiden Händen und schielte zur Wohnzimmertür. »Herr Gott Ferigart, sind sie total durchgeknallt!«
»Entschuldigen sie Herr Tamban.« Monika raffte den erdbeerfarbenen Rock des knielangen Bandeaukleides. »Die Dame hat nicht meine Konfektionsgröße.« Sie hob den rechten Fuß. »Die Pumps musste ich mit Kosmetiktüchern ausstopfen oder steht mir die Farbe nicht.«
»Mitbringen sollten sie ein Kleid sowie ihre …« Er winkte ab.
Das linke Auge geschlossen, hob sie ihre Nase gen Zimmerdecke. »Dann sollten sie sich präziser Ausdrücke.«
Er gab ihr ein Zeichen. »Kommen sie. Eingemuckelt steht ihnen nicht.«

Herbert wies auf die Spuren der Damenschuhe. »Gehen sie neben den Eindrücken zum Sofa und bleiben stehen.«
Sie folgte seinem Befehl, er kniete nieder, begutachtete die frische Fährte, machte Fotos, maß mit der Lupe vorm Auge die Tiefe, notierte die Werte in sein Notizbuch. »Wie schwer sind sie?«
»Das fragt man einer Dame nicht!«, erboste sie sich.
»Sie sind keine Dame, sie sind Polizist. Also!«
»Ich habe ein bisschen zugenommen!«
»Wie schwer!«
»Zweiundfünfzig«, murmelte sie. »Ohne Kleidung!«
Er notierte, kratzte sich am Genick, stand auf, stellte sich mit den Schuhspitzen an die Kante und streckte seinen Arm hervor.
»Was wuseln sie hinter meinem Rücken?«
»Ich versuche, den Reißverschluss ihres Kleides zu schnappen«, stöhnte er.
»Weshalb?«
»Um es auszuziehen«, donnerte er. »Geht nicht! Ich komme nicht heran. Ziehen sie es aus.«
»Herr Tamban!«, empörte sie sich.
»Ausziehen! Das ist ein Befehl.«
»Ich bin nackt« – »Oben herum.«
Einen ihm bekannten Tatbestand, denn sie hatte ihm, Herbert bereits im Revier ihre Brüste gezeigt.
»Frau Kriminalkommissarin jeden der sie nicht sehen will, zeigen sie ihre Titten. Stellen sie sich nicht an.«
Ohne ein Wort des Murrens öffnete sie mit der rechten Hand den Reißverschluss, während sie mit der Linken das Kleid an ihren Oberkörper presste.
»Fallen lassen!«
»Chef?«
Das Bandeaukleid glitt ihr um die Füße.
»Zurückkommen. Ohne umdrehen!«
»Dann muss ich auf das Kleid treten.«
»Tun sie es!«, grummelte Herbert.
Sie machte einen Schritt rückwärts.
»Zurück!«
Herbert ging auf die Knie, lüfte den Stoff und betastete eine Delle im Teppich.
Er zwirbelte seinen Schnauzer. »Wie kämmen sie zu mir, ohne einen Fußabdruck zu hinterlassen.«
»Barfuß?«
»Dann machen sie schon.«
Monika schritt zurück zum Sofa. Beim Zurücktreten schlüpfe sie aus den rechten weißen Pumps und stellte den befreiten Fuß hinter den anderen.
»Zurück!«
»Was soll das?«
»Abwarten«, donnerte Herbert.

»Wieder ein Abdruck«, flüsterte er. »Wie kommen sie aus der Situation?«
»Über das Sofa klettern.«
»Ausführen!«
Erneut am Sofa angelangt hob Monika ihr rechtes Bein.
»Mit Schuh!«, befahl Herbert.
»Bin ich beim Ballett«, zürnte sie, stieg in den Pumps, hob erneut das Bein.
Monika berührte, streifte mit dem Absatz die Rückenlehne des Sofas, da pfiff er sie zurück und reichte ihr die Lupe. »Sind Kratzer auf den Samt?«
Sie beäugte den Stoff. »Nein!«

Herbert winkte sie heran. »Sehen sie da vorn bei der Ottomane die Fußspuren.« Sie nickte. »Stellen sie sich daneben auf den Teppich!«

»Die Tiefe passt«, zischte er. »Strumpfhose aus! Keine Widerrede.«
Sie streifte ihre weiße Strumpfhose über ihre Beine. »Hat sowieso eine Laufmasche«, konterte sie und schleuderte das Beinkleid auf die Rückenlehne der Couch.
Herbert kroch zwischen ihren Füßen. »Bingo!«
Monika umschlang ihren Bauch und rubbelte mit den Händen über ihre Taille. »Mir wird kalt«, stöhnte sie.
»Wir sind gleich am Ende. Setzten sie sich auf das Sofa, an der Stelle, an welcher die Schuhabdrücke enden.«
Monika zuckte mit den Achseln und tappte einen Schritt vor.
»Nicht da lang!« Er deutete auf die der Vitrine gegenüberliegende Wand, an der ein Fernseher hing. »Dort wo die Hammelherde lang gestampft ist.«
»Das Sofa ist der Tatort«, gab Monika zu bedenken.
Herbert schritt zum Esstisch, zog die Wachstischdecke ab. »Legen sie die Decke drauf.«

Tamban fiel vor Monika auf die Knie. »Geben sie mir ihre Strumpfhose.«
Sie streckte sich, erfasste die Hose und reichte diese ihrem Boss.
Er knüllte diese, presste die Strumpfhose an ihre Brust.
»Herr Kriminaloberrat.«
Ohne auf ihren Einwand einzugehen, warf er das Knäuel zu seiner Rechten, begutachtete die Fundstelle, führte das Gleiche zur Linken aus. Dann schwang er seinen Kopf von einer Schulter zur anderen.
»Strecken sie ihre Beine nach vorn.«
Ohne ein Murren kam sie seinem Verlangen nach. Herbert beugte sich über sie, packte an ihren Slip.
»Es reicht! Sie stinken« Sie rümpfte die Nase. »Haben sie getrunken. Sie riechen nach Alkohol. Sie sind im Dienst«
»Wenn? Geht sie das nichts an.« Herbert atmete tief ein, sah sie mit einem Dackelblick an. »Ich schließe die Augen.«
»Wozu machen sie das?«
»Ich versuche, den Tathergang nachzustellen.« – »Ich schau nicht hin.«
»Wirklich?« Er hob den rechten Arm und bildete mit Zeige- und Mittelfinger ein V. »Ich schöre.«
Herbert zwirbelte seinen Schnurrbart. Sie zickte, dabei hatte er für diesen Mordfall gelitten. Finstere Mächte saugten ihn in tiefsten Abgründe und sie stellte sich wegen eines Stückes Stoffes an.

Er erfasste erneut ihren Slip, zerrte ihn über ihre Beine, dann warf er diesen über seine Schulter. Ohne einen Blick der Mitarbeiterin zu würdigen, sprang er auf, schritt um den Wohnzimmertisch und betrachtete die Stelle, an der die Unterwäsche gelandet war. »Sie können sich anziehen.«
»Mein Slip.«
»Bekommen sie später.«
Die Hände an ihre Taille gepresst, die Füße schulterweit getrennt, positionierte sie sich vor Herbert. »Sie sind pervers!«, kommentierte Monika. Sie senkte ihren Kopf, dann wandte sie ihr Gesicht der gardinenlosen Terrassentür zu. »Ups!«
Die eine Hand vor ihre Scham, die anderen zum Schutz auf ihren Brüste eilte Monika aus dem Wohnzimmer.

Herbert stieß mit dem Fuß an den sandfarbenen, samtbespannten, tageszeitungsbreiten Hocker, auf dem der Slip ruhte. Dann spähte er unter den schuhkartonhohen, mausgrauen Tisch. Seine Hand glitt unter die Platte. Er holte ein Paar orangerote Pumps hervor. Nicht das, was er erwartet hatte. Er sah sich um, ging zur Terrassentür, beugte sich zuerst vor, betastete anschließend vier in einem Quadrat angeordnete Abdrücke. Das Gesicht zu den Spuren gewandt, ergriff er den Hocker und platzierte dessen Füße auf die Marken.
»Passt!« – »Was haben wir den da!«, flüsterte er.

Keine Unterwäsche hatte sich unter dem Möbel versteckt. Ein altrosa Rock sowie eine weiße ärmellose Rüschenbluse kamen zum Vorschein. Beide Kleidungstücke waren mit Blut verziert.
»Merkwürdig!«
Tamban öffnete die Terrassentür, zumindest versuchte er es. Der Hocker versperrte den Weg.
»Diese dämlichen Leichenträger!«
Die Stirn in Falten, die Augenbrauen zusammengezogen schritt er zum Sofa, faltete die Tischdecke zusammen, durchstöberte penibel alle Spalten der Sitzlandschaft.

»Frau Ferigart«, rief Herbert durch das Reihenhaus. »Wo sind sie?«
»Oben!«, erklang es gedämpft im Erdgeschoss.
Tamban stieg jeweils zwei Stufen nehmend die Treppe herauf. »Wo genau.«
»In den Raum, in dem sie bisher nicht waren« – »Ich muss ihnen etwas zeigen!«
Herbert trat ein, war bereits beim ersten Blick verwundert.
Ein purpurrotes mit Samt überzogenes, sowie mit Kissen übersätes französisches Bett dominierte den Raum. Ein cremeweißer Flokati lang wie ein Mann hoch lag vor der Spielwiese.
Tamban drehte den Kopf nach rechts, erblickte sein Spiegelbild. Eine Schuhspitze, welche sich zu einem blutroten Lackstiefel verformte, kroch hinter der Schranktür hervor. Ein Busen, prall verpackt in einem tiefschwarzen Lackbody, linste ihm entgegen. Der zweite Overknee-Stiefel landete im Grätschsprung neben dem Ersten.
Die Riemen einer Peitsche klatschten auf ihre behandschuhten Finger. »Bestrafung?«, knurrte Monika, sodass ihre Augenmaske vibrierte.

weiter zum nächsten Teil 7. In Lack und Leder auf Tour
 

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